„Persönliche Rachsucht hält die Gefolgschaft und ihren Meister besser zusammen, als reinere Menschen durch ihre Leidenschaft jemals verbunden werden.“ (Heinrich Mann, S. 57f) Rachsucht bleibt immer straffrei, wenn sie auf Macht gründet und sich als Rechtstaat kostümiert. Sie ist der unsichbar gemachte Teil der Bekenntnislogik, der sich seit je am Abtrünnigen, am Verräter, an dem, der anders ist, ohne Skrupel ausleben darf. Die letzten Skrupel waren im Kampf gegen den inneren Schweinehund zu überwinden.
Das „renovabis faciem terrae“: schließt es nicht auch die Erneuerung des Antlitzes der Menschheit mit ein, die ein Teil der Erde ist.
Alle Theorien über den Ursprung der Schrift kranken daran, daß sie eine gleichsam technologische Lösung des Problems suchen; sie gehen vom Komplizierten zum Einfachen, vom Bild über die Silbe zum Buchstaben, aus dem die Wörter sich bilden lassen. Sie stehen unter dem Bann des kindlichen Lesenlernens. Dagegen käme es darauf an, die Schrift aus praktischen Konstellationen der frühgeschichtlichen Lebenswelt in den ersten politischen Gemeinwesen, aus gesellschaftlich-praktischen Lebensbezügen abzuleiten, ähnlich wie Gunnar Heinsohn das Geld aus dem Zusammenhang der Schuldknechtschaft abgeleitet hat. Voraussetzung wäre die Rekonstruktion eines vorödipalen Sprachverständnisses, eines Sprachverständnisses, das vor der Konstituierung der Ichidentität liegt.
Die Schrift und das Geld sind Herrschaftsmittel; beide haben ihren Ursprung in religiös-politischen Zusammenhängen. So wie im Mittelalter der Gebrauch des Geldes durch das Zinsverbot eingeschränkt war, so begründeten Schriftkenntnisse, die Tatsache, daß einer lesen konnte, den Verdacht, er sei ein Katharer, ein Ketzer. Auch über der Schrift lag ein Tabu, das in der Frühgeschichte der modernen Weltreligionen in der Kanonbildung (zusammen mit der Bildung der Ichidentität, für die sie das theologische Schema lieferte) und dann in der frühen scholastischen Wissenschaftsgeschichte u.a. im autoritären Schriftgebrauch, in der Form, in der Autoritäten zitiert wurden, sich zeigte. Die Schrift war ein Instrument in den Händen der Herrschaft und zugleich das Medium ihrer Vergesellschaftung. Die Gründung der Universitäten war ein Instrument der Herrschaftssicherung, ihr Ziel waren Einrichtungen zur Ausbildung des Herrschafts- und Verwaltungspersonals: die wichtigsten Fakultäten waren die theologischen und die juristischen.
Im Altertum gehörte die Schrift zum Geheim- und Spezialwissen im Bereich von Religion und Herrschaft. Schreiber und Einrichtungen zur Ausbildung von Schreibern gab es an Tempeln und Königshöfen. Was war das Besondere, das Abweichende, das dann bei den Phönikern, den Syrern, den Hebräern zur Ausbildung der alphabetischen Schrift geführt hat, deren Rezeption in Europa (bei den Griechen und Lateinern) dann die Entstehung einer bürgerlichen Literatur ermöglichte?
Hat die Gematria etwas mit der Geometrie zu tun, und hat die Schrift ihren Ursprung vor der Geometrie?
Was hat es zu bedeuten, wenn in der Kindheitsgeschichte Jesu (nach Matthäus; Lukas hat nur die Hirten- und Engelgeschichte) zuerst die Weisen aus dem Morgenlande kommen, dadurch aber die Flucht nach Ägypten ausgelöst wird, die dann die Exodusgeschichte zitiert.
Bekenntnislogik
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26.12.91
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25.12.91
Was bedeutet der Name Lazarus?
Daß das Bekenntnis endlich in eingreifende Erkenntnis sich umkehren möge. Der Anfang davon wäre die Gottesfurcht.
Zu der Vorstellung, daß wir in Gottes Hand sind, gehört die andere, daß wir in den Abgrund fielen, wenn er uns nicht mehr halten würde. Ist dieser Abgrund der des Selbstmitleids? Und definiert eine Welt, die „alles ist, was der Fall ist“, nicht die Randbedingungen dieses Selbstmitleids?
(Ich glaube, ich verstehe jetzt, weshalb Skinheads sich eine Glatze schneiden.)
Steckt in dem Verhältnis von Verschiebung und Projektion das Relativitätsprinzip?
Spuren des Selbstmitleids: „In Gottes Hand“ (von der Macht getragen und nicht fallen gelassen werden) und deutsche Weihnachten (alle möchten so geliebt werden wie das Jesuskind: durch Maria und Josef, die Hirten, die Engel und schließlich die Könige (mit den Weisen aus dem Morgenland würde das nicht gehen).
Weihnachten als Katalysator der Wolfswelt: hier werden die Menschen scharf gemacht.
Ist nicht die Art, wie heute in Deutschland Weihnachten gefeiert wird, die zwangshafte Wiederholung des Bethlehemischen Kindermords?
Ist das Vergleichen (Grundlage des Tauschprinzips wie der wissenschaftlichen Erkenntnis) ein Gleichmachen durch Vernichten?
Schwerter zu Pflugscharen: ist das nicht auch auf das Schwert des Cherubs zu beziehen, der den Eingang des Paradieses bewacht?
Wie schreibt man 666 in hebräischen Buchstaben, und welcher Name kommt dabei heraus?
Wie heißt das „et in terra pax hominibus bonae voluntatis“ auf griechisch? (kai epi gäs eiränä en anthropois eudokia/s)
Waren die Hirten auf dem Felde „Zigeuner“? -
16.12.91
Ignaz Goldziher (Der Mythos bei den Hebräern, Leipzig 1876) weist darauf hin, „daß in den semitischen Sprachen zur Bezeichnung des Begriffs „Theil“ Wörter verwendet werden, welche „Seite“ bedeuten“ (S. 137). Das stimmt damit überein, daß hier offensichtlich die erst mit dem begrifflichen Denken (mit dem Begriff der Materie) entspringende neutralisierte Beziehung des Ganzen zu seinen (abtrennbaren) Teilen noch fehlt. „Im Angesicht“ und „hinter dem Rücken“ sind (ebenso wie die Rechte und die Linke) in der Tat nur zwei Seiten der gleichen Sache, aber nicht zwei Teile eines gegen seine Teilung neutralen Ganzen. Dieses Ganze ist das Unwahre.
Opfer, Idolatrie und Sternendienst (was entspricht dem bei den Ägyptern?) gehören einer Phase der Geschichte an, in der der Bekenntnisbegriff und der Materiebegriff sich noch nicht gebildet hatten. Anfänge im Kontext des Instituts der Schuldknechtschaft?
Der Personbegriff substituiert dem Antlitz die Maske, bringt das Antlitz zum Verschwinden, macht die Person zum (objektivier- und austauschbaren) Träger des Namens.
Lachen und Bekenntnis: Den zwei Seiten den Bekenntnisses entsprechen die zwei Seiten des Lachens. Das Bekenntnis und das Lachen sind Produkt und Ursache der Verinnerlichung des Opfers und des Exkulpierungs- und Rechtfertigungszwangs (Ursprung der Person; reicht über die Theodizee bis in die Trinitätslehre hinein).
Der Witz und das Bekenntnis: Beide haben ein Objekt (Feindbild) und einen Adressaten (den Komplizen); und Frauen sind nicht bekenntnisfähig und können deshalb keine Witze erzählen. Ist das Bekenntnis ein Witz über die Juden? Bekenntnis als Medium der Selbstverfluchung.
Die Reversibilität der Richtungen des Raumes ist zusammen mit der Irreversibilität der Zeit und der Indifferenz gegen das Objekt (bei gleichzeitiger Determination seiner Struktur) nur im dreidimensionalen Raum konstruierbar (Beziehung zum Bekenntnis: dessen Indifferenz gegen seinen Inhalt, der zugleich absolut determiniert ist durch Trinitätslehre und Opfertheologie).
Das materielle Objekt wird im Raum durch den bloßen Punkt repräsentiert; seine Ausdehnung, seine Masse, sein Widerstand erzeugen den Schein, als kämen die Dinge „von außen“ in den Raum hinein. Dieses Außen (auf das dann die Schöpfungsvorstellung sich bezieht) aber gibt es im Verhältnis zum Raum nicht; es ist vielmehr die Vorstellung des Außersichseins der Dinge selbst, die erzeugt wird durch ihre Subsumtion unters Raum-Zeit-System. So sind sie per definitionem tot, gegenständlich, verfügbar. Genetischer Zusammenhang mit der Geschichte der Idolatrie, des Sternendienstes und des Opfers, real mit dem Mord: Am Anfang der Geschichte steht der Brudermord, der den Kain zeichnet und „unstet und flüchtig“ werden läßt, ebenso wie dann in der Jotam-Fabel den Dornstrauch.
Mit dem letzten Satz des Buches Jona beginnen (und das Buch Tobit einbeziehen). – Welche Organe werden dem Fisch im Buch Tobit entnommen und zu welchen Zwecken? Jona wird von dem Fisch verschlungen, der im Buche Tobit erlegt wird (und durch den die Sara von dem Dämon Asmodai befreit und der Tobit von seiner Blindheit geheilt wird); Ninive wird im Buche Jona verschont, im Buche Tobit unter Berufung auf den Prophetenspruch des Jona zerstört. Gibt es im Buche Tobit eine Entsprechung zum letzten Satz des Buches Jona (rechts und links unterscheiden)? Welche Bedeutung hat das Symbolum (der Aufbewahrungsvertrag) beim Tobit? Handelt es sich nicht um zwei postapokalyptische Varianten?
In der Schrift bewirkt die Beschämung entweder ein Erröten oder ein Erblassen. Worin liegt der Unterschied? – Im Adressaten: Ich erröte vor anderen und erblasse vor mir selbst. -
15.12.91
War der König das überlebende Opfer (ein Nachfahre und Erbe des Helden)? Welche Bedeutung hatte dann die Salbung (Zusammenhang mit dem ägyptischen Totenkult)?
Das kann man wieder ganz wörtlich verstehen: die Theologie aus den Verstrickungen der Welt lösen.
Sind die Menschensöhne die „Söhne Adams“ und ist der „Menschensohn“ der Sohn Adams (während die Menschentöchter die Töchter Adams sind) (Gen 6 u. 11)?
Zu den Geheimnissen der Schrift: Gehören die Hieroglyphen zum Totenkult (und den Pyramiden) und gehört die Keilschrift zur Verbindung von Sternendienst, Opferkult und hieros gamos (und zum Turmbau zu Babel)?
Babylon und Ägypten: Aber wer waren dann die Perser, wer war Kyros, der den Juden die Rückkehr nach Israel ermöglicht hat?
3 + 4 + 5 = 12: Ein Dreieck mit den Seitenlängen 3, 4 und 5 bildet einen rechten Winkel.
Das Bekenntnis wird gewöhnlich im Hinblick auf das Verhältnis von Innen und Außen verstanden. Die Bindung nach innen rückt den Feind, den Verräter und die Frauen nach draußen. Eine völlig andere Bedeutung gewinnt das Bekenntnis, wenn es auf das Verhältnis Im Angesicht / Hinter dem Rücken bezogen wird (Bekenntnis als Heiligung des Namens). Das Verhältnis Innen / Außen ist das der Menschen in Ninive, die Rechts und Links nicht unterscheiden können.
In dem noch nicht durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit berichtigten Inertialsystem würde es die Möglichkeit der Richtungsumkehr im Raume nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch geben müssen; dagegen steht jetzt das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit.
Der Unterschied zwischen der Umkehr und dem Wenden (das Innere nach außen kehren, wobei gleichzeitig eine Dimension umgekehrt wird).
Was ist der Unterschied zwischen schwachen und starken Verben (unregelmäßiger und regelmäßiger Konjugation): „geschnien“ (wie ich als Kind einmal gesagt habe) und „geschneit“.
Zernichten:
– „Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem gräßlichen Fatalismus der Geschichte.“ (Georg Büchner an seine Braut im November 1833)
– „Zeit ists zu handeln für den Herrn – sie zernichten deine Lehre.“ (Ps 119126, so übersetzt und zitiert bei Franz Rosenzweig)
Desiderate materialistischer Geschichtsforschung:
– die Geschichte der Banken und des Geldwesens;
– die Ursprungsgeschichte der gegenwärtigen Situation in Deutschland:
. die Funktion der Treuarbeit bei der Arisierung des jüdischen Vermögens und bei der Umstellung und Reorganisierung der Wirtschaft in den fünf neuen Bundesländern;
. die Bedeutung von Auschwitz, der Ausbeutung der Häftlinge, der Zwangs- und Fremdarbeiter sowie
. deren Ersatz durch den Einsatz der „Gastarbeiter“ und die Ausbeutung der Dritten Welt (durch die ihr auferlegten Handelsmechanismen) nach dem Krieg
für den Modernisierungsschub, die Anpassung an die veränderten Reproduktionsbedingungen, die Grundlagen und die Stabilität der Wirtschaft nach dem „Wirtschaftswunder“ und schließlich für den Reichtum im Westen insgesamt. -
01.12.91
Bemerkung zu Ferdinand Ebner: Indem das Ich vor dem Du sich verschließt, öffnet sich der Raum ins Unendliche, verschwindet die sinnliche Welt (Beziehung der sinnlichen Wahrnehmung zur Sprache; Sprache, Wahrnehmung und Selbsterhaltung).
Franz Rosenzweig: Gott hat die Welt und nicht die Religion erschaffen. Gershom Scholem: Die Religion, der man angehört, ist ohnehin die falsche (in einer Vorlesung über die Dönme-Sekte). -Und warum kann man dann nur einer Religion oder Konfession angehören (genauso: warum gibt es in Deutschland nur die Möglichkeit einer Einzelstaatsangehörigkeit)? Die Kritik des Bekenntnisses trifft nicht nur die Konfessionen, sondern auch den Staat. Die Entkonfessionalisierung der Kirchen entzieht der Staatsmetaphysik (dem Prinzip Staatsanwalt) den Boden. -
28.11.91
Das Relativitätsprinzip stellt genau den abschließenden Abstraktionsprozeß vor Augen: Hier wird – ähnlich wie durchs Tauschprinzip die Stadt (der Markt) – die Mechanik mit all den Folgewirkungen begründet. Zu den ersten Folgewirkungen gehört die Neubegründung der Astronomie durchs Gravitationsgesetz (auf der früheren Stufe des Sternendienstes und des Opfers). Die Ablösung und Konstituierung des mechanischen Objektivitätsbegriffes, dessen Grundlage der Bewegungsbegriff ist (mit der Äquivalenz von Raum und Objekt) verhält sich zum agrarischen (magischen) Objektivitätsbegriff wie das (gegen die Erde sich verselbständigende) Tier zur (ortsfesten) Pflanze. Gelenkfunktion hat das Relativitätsprinzip (auf der früheren Stufe das Tauschprinzip). „Hode hä sophia estin. Ho echon noun …“ (Off 1318)
Tiere sind nominalistische Wesen (sie wurden von Adam benannt). Und es ist kein Zufall, daß in der Apokalypse (beim Fall Babylons) die Könige, die Kaufleute und die Spediteure genannt werden (auch Noah und die Kirche sind Spediteure).
In der Religion übernimmt der Bekenntnisbegriff diese Funktion der (vergegenständlichenden) „Ablösung“: daher die zentrale Funktion des Bekenntnisbegriffs im Kontext der Konstituierung des Weltbegriffs (in der Sexualität – generell in der Sinnlichkeit -wird die letzte Bindung an die vorzivilisierte Welt gesehen; deshalb der Kampf gegen die Sexualität: die Sexualmoral, und die Vergeblichkeit dieses Kampfes: der Wiederholungszwang; aufzulösen nur durch Reflexion).
Die Subjektivierung der Sinnlichkeit ist ein Teil der Selbstverdinglichung des Subjekts (durchs Tauschprinzip, durchs Inertialsystem und durchs Bekenntnis).
Natur und Welt sind Totalitätsbegriffe, deren Funktion u.a. darin zu liegen scheint, uns durch ein quasi abkürzendes Verfahren die Last der Reflexion abzunehmen (die gleiche Leistung hat vor der Konsolidierung des Weltbegriffs die Idolatrie erbracht).
Kriegszeiten sind Bekenntniszeiten, und Bekenntniskriege sind die brutalsten Kriege.
Das hat die Linke nie begriffen, obwohl sie es von Marx hätte lernen können: daß der Materialismus keine Ideologie ist, sondern eine Anweisung, den Vorrang des Objekts anzuerkennen und nicht den Rechtfertigungszwängen zu verfallen, die seit Ursache des Idealismus gewesen sind (auch der Materialismus ist als Rechtfertigungslehre Idealismus).
Die apostolische Nachfolge ist die vergeistigte Form der Genealogie und bezieht sich auf eine Form des Lebens, das sich über die Sakramente reproduziert.
Rock: das Schreien der Steine.
Wer ist eigentlich der Pharao: das „große Haus“? In der Schrift kommt die Bezeichnung mit und ohne Eigennamen vor. Drückt sich in dieser Unterscheidung etwas aus? Sonst ist von Königen die Rede, nur im Hinblick auf Ägypten vom Pharao. Haben die Bezeichnungen König und Pharao den gleichen Stellenwert, die gleiche Bedeutung, drücken sich in den unterschiedlichen Bezeichnungen andere Gestalten von Herrschaft aus (ist der Heideggersche Begriff „Haus des Seins“ pharaonisch)? Hängt es zusammen mit dem Unterschied zwischen dem „Turmbau von Babel“ und dem Sklavenhaus (mit den Fleischtöpfen), in dem die Israeliten (als hebräische Sklaven) beim Pyramidenbau (bei der Erstellung der Todesarchitektur) helfen mußten?
Die babylonische Gefangenschaft ist etwas anderes als das Sklavenhaus Ägyptens; davon ist dann das jüdische Exil wiederum zu unterscheiden (wie ist die Entwicklung von Hebräern zu Israeliten und dann zu Juden: Jesus war zu den „verlorenen Kindern Israels“ gesandt).
Durch das nationalistische Vorurteil, unter dem unsere Geschichtsschreibung leidet, und das wir in die Bibel hineintragen, wird diese entstellt und unkenntlich gemacht; so wird sie automatisch antisemitisch erfahren.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Ursprung des Inertialsystems und der Entwicklung des Bank- und Kreditwesens (Ursprung und Entwicklung der doppelten Buchführung)? Nach dem Relativitätsprinzip ist die Bewegung eines materiellen Objekts der entgegengesetzten Bewegung des Inertialsystems äquivalent (Äquivalenz von Objekt und System; entspricht der Äquivalenz von Masse und Energie in der speziellen Relativitätstheorie Einsteins). Die Erfindung der doppelten Buchführung (Erfolgsrechnung: Gegenüberstellung von Einnahmen und Ausgaben) war die Grundlage des modernen Kreditwesens; sie hat das Anschauungsmaterial (das fundamentum in re) geliefert für den theologischen Begriff der creatio ex nihilo.
Gibt es eine Statistik über die Entwicklung des Geldumlaufs in den Industrieländern, und kann man unterscheiden zwischen Geldmenge und Zirkulationsgeschwindigkeit? Die vollendete Dynamisierung zeigt sich daran, daß der Wert des Geldes heute nur noch in Ausnahmefällen (imgrunde nur in rückständigen Ländern) von den Goldreserven der Zentralbank abhängt; die reale Abhängigkeit bezieht sich auf die Außenhandelsbilanz (zu deren Stabilisierung, wie im Falle der früheren Getreideeinkäufe der Sowjetunion, u.a. die Goldreserven eingesetzt werden können). – Der Fehlschluß der staatskapitalistischen Länder liegt darin, daß sie glauben, die Regeln des Tauschprinzips (der Geldwirtschaft) beibehalten und zugleich die Gesetze der Geldwirtschaft beherrschen zu können. Hier geraten sie zwangsläufig in die Rolle des Zauberlehrlings (sie lösen Entwicklungen aus, deren Folgen sie nicht überblicken können).
Der Annihilierungsprozeß, der jeder Kapitalschöpfung zugrunde liegt (und im Kreditwesen instrumentalisiert wird), gewinnt gegenständliche Bedeutung in jeder Form der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals (bis hin zu den imperialistischen Raub- und Vernichtungskriegen). Deshalb war der Weltanschauungskrieg (und seitdem jeder Religionskrieg) ein Vernichtungskrieg (und aus dem Antisemitismus ableitbar).
Am Abend in einer Talk-Show Ernst Fuchs, der darauf hinweist, daß es eine unmittelbare Erfahrung des eigenen Ursprungs und des eigenen Todes nicht gibt: Beides, die Zeit vor meiner Geburt und mein Tod, ist mir eigentlich nur durch Mitteilung von außen und durch Rückschlüsse aus meiner Erfahrung mit anderen, bewußt. Ich für mich bin ewig, das Bewußtsein meiner zeitliche Endlichkeit (meines Anfangs und meines Endes in der Zeit) ist nur ein Reflex meiner Welterfahrung. Vergleich mit der sinnlichen Erfahrung (der Wahrnehmung der sinnlichen: der erleuchteten und farbigen, der warmen und kalten und der rauschenden, tönenden und klingenden Welt), die ebenfalls in ihrer Unmittelbarkeit nicht mitteilbar ist, außer über die Sprache nicht mit der Erfahrung der anderen kommuniziert. Dieses Ewige wird durch Objektivierung aufgehoben, vernichtet, bleibt unerinnert. An ihre Stelle tritt das Ich, das selber in den Weltzusammenhang verflochten (und somit wie die Welt sterblich) ist. Es wird wiedergewonnen nur als die Erfahrung und das Bewußtsein der Ewigkeit des anderen. -
27.11.91
„Auschwitz ist in hohem Maß die Folge einer gnadenlos instrumentalisierten Vernunft.“ (Götz Aly und Susanne Heim: Vordenker der Vernichtung, Hamburg 1991, S. 485) Die Feststellung wäre zu er-gänzen durch den Hinweis, daß diese „gnadenlos instrumentalisierte Vernunft“ ohne das Vorurteil nicht möglich gewesen wäre: Sie war effektiv nur nach Osten, nicht gegen den Westen. D.h. zu den Voraussetzungen der Instrumentalisierung gehörte auch die Verinnerlichung dessen, was man die Zivilisationsgrenze nennen könnte. Im Westen gab es Feinde, mit denen man glaubte, sich auf gleicher Ebene messen zu können; im Osten gab es nur noch „Untermenschen“ (mit nur graduellen Abstufungen zwischen Polen, Tschechen, Russen, Zigeunern und Juden); im Verhältnis zur zivilisierten Vernunft standen sie auf der Seite der unterworfenen Natur. Die Instrumentalisierung der Vernunft war angewiesen auf das Gelingen der Instrumentalisierung der Moral, die nur noch als Stütze des Herrendenkens verstanden wurde: als Mittel der Identifikation mit der Macht (das drückte u.a. in Begriffen wie „Humanitätsduselei“ und „Kampf gegen den inneren Schweinehund“ sich aus). Die Gemeinschaft der zivilisierten Welt wurde als die Gemeinschaft des Herrendenkens verstanden, und dessen reinste Ausprägung war der Faschismus. So wurde der Krieg im Osten – im Gegensatz zu dem im Westen – als „Weltanschauungskrieg“: als organisatorisch durchrationalisierter Vernichtungskrieg geführt.
Quellen des Vorurteils: Sexualmoral und Bekenntnislogik (transzendentale Logik als säkularisierte Bekenntnislogik).
Noch heute werden die pogromartigen Ausschreitungen des Fremdenhasses nicht an ihren realen Auswirkungen (z.B. an realen Morden) gemessen, sondern an ihrer Außenwirkung: an der „Schande“, die solche Vorkommnisse dem „deutschen Namen“ zufügen (Bundeskanzler Kohl). Ähnlich wurde wurde argumentiert, als im Krieg die Vorstellung einer „Endlösung der Polenfrage“ in die Diskussion gebracht wurde: „Daß man die Polenfrage nicht in dem Sinne lösen kann, daß man die Polen, wie die Juden, liquidiert, dürfte auf der Hand liegen. Ein derartige Lösung der Polenfrage würde das deutsche Volk bis in die ferne Zukunft belasten und uns überall die Sympathien nehmen, zumal auch die anderen Nachbarvölker damit rechnen müßten, bei gegebener Zeit ähnlich behandelt zu werden.“ (Vgl. Aly und Heim, S. 422)
Das „grundsätzlich“ im Juristendeutsch erinnert an Radio Eriwan: „Im Prinzip ja, aber …“ Und von dieser Art ist der Satz Kohls: „Es gibt kein ausländerfreundlicheres Volk als die Deutschen.“ Hier beißt sich die Blindschleiche in den Schwanz (und beginnt sich selbst zu verschlucken): Was Kohl allein interessiert, ist das Urteil des Auslandes (der Welt, der Geschichte); und das will der Ausländerfeind ja gerade wegbringen. So verstärkt sich das Xenophobie-Syndrom.
Der Fortschritt des Christentums gegenüber dem Hellenismus (des christlichen Weltbegriffs gegenüber dem griechischen Kosmos: Bedingung der Möglichkeit der neuen Gestalt von Naturbeherrschung) liegt darin, daß es die räumlich Grenze gegen die Barbaren in eine zeitliche umgewandelt hat: Der Missionsauftrag wurde verstanden als Auftrag, in „aller Welt“ die „frohe Botschaft zu verkünden“ und „die Heiden zu bekehren“, d.h. alles aus dem Blickfeld zu schaffen, was an die überwundene Vergangenheit erinnerte. Das kehrte dann in der Aufklärung als der ambivalente Begriff des „Wilden“ (der undifferenzierten Einheit von Heiden und Nichtzivilisierten) wieder. So wurden mit dem Objekt (mit der Natur) die Erinnerung und ihre gegenwärtigen Repräsentanten zum Weltanschauungs-Feind. Heute mißt sich der Grad der Zivilisiertheit (und der Bekehrung) an dem der Zustimmung und der Teilhabe am naturwissenschaftlichen Aufklärungsprozeß. Die historische Verdrängungsleistung schlägt immer wieder in den Vernichtungswillen um, wenn ein gegenständlicher Repräsentant die Verdrängungsleistung in Frage stellt. -
24.11.91
Das analsadistische Vokabular schließt die Mimesis a limine aus. Es dementiert das „non olet“. Im Kontext einer homosexuellen Komponente (des männlichen Sexismus) macht es die Sexualmoral zur Basis der Kapitalismuskritik (Grundlage der Personalisierung).
Das petrinische Vorurteil: Personalisierung und Sexualmoral gehören zusammen und sind Folgen der Bekenntnislogik. Deshalb kann der Katholizismus die Sexualmoral nicht aufgeben und Frauen nicht zum Priesteramt zulassen. Dieses Syndrom kommt in der Abtreibungskampagne in die Nähe der Selbstverfluchung.
Steckt nicht in jedem Werturteil eine sexualmoralische Komponente (und ist das analsadistische Vokabular der Kern aller Werturteile)? Oder umgekehrt: Ist das Wertgesetz das obszöne Zentrum des Kapitalismus?
Sexualaufklärung ist der falsche Begriff für einen richtigen Sachverhalt; worauf es ankäme, wäre:
– die Fähigkeit, Sexualität ohne Schuldangst (ohne Rechtfertigungs- und Projektionszwang) zu reflektieren;
– die Anerkennung des „erste(n) Gebot(s) der Sexualmoral: der Ankläger hat immer unrecht“ (Adorno: Minima Moralia); und
– die Anerkennung des Satzes, daß ich niemanden zum bloßen Mittel meiner Bedürfnisse machen darf.
Die Übernahme der Schuld der Welt setzt die Fähigkeit zur freien Reflexion des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs voraus, insbesondere die Fähigkeit zur freien Reflexion
– von Sexualität,
– der Naturwissenschaften,
– des Kapitalismus und
– der Religion.
Darin liegt das Befreiende des Christentums (ama et fac quod vis).
Furcht und Zittern: Es müßte heißen: Gottesfurcht, aber ohne Zittern (Zittern gehört zur Herrenfurcht, nicht zur Gottesfurcht).
Die zuletzt von Drewermann wieder genutzte Charakterisierung der jüdischen Religion als Gesetzesreligion, die einen paulinischen Begriff aufnimmt, ist in dieser Form ein Element des Antijudaismus: eher trägt das Dogma die Züge einer Gesetzesreligion als die Tora. Historisch hat sich das Dogma, und nicht die Tora, als Mittel der Anpassung der Religion an die Welt (an dessen Konstitutionsgrund der Gesetzesbegriff erinnert) erwiesen. Der antijudaistische Gebrauch des Gesetzesbegriffs ist Produkt reiner Projektion. Selbst der Dekalog ist keine Verkörperung des Gerichts (das zum Tode führt), sondern eine der Gnade, der Barmherzigkeit (die christliche Tradition, die hier offensichtlich verlernt hat, „links und rechts zu unterscheiden“, hat nicht zuletzt deshalb keines der zehn Gebote verstanden: vom „keine Götter neben mir“ und von der „Heiligung des Gottesnamens“ bis zum Verbot des falschen Zeugnisses wider den Nächsten und des „Begehrens“).
Die weltkritische Tradition des Christentums ist insoweit bis heute nicht verstanden worden, als sie bis heute nicht auf das weltkonstituierende Moment im Subjekt selber bezogen worden ist, umgekehrt: vom Christentum zur Heiligsprechung der Subjektivität als Weltgrund mißbraucht wurde (im christlich-dogmatischen Gebrauch des Person- und des Bekenntnisbegriffs). Anstatt sie auf die Äonenwende, den Ursprung und Verlauf des weltkonstitutierenden Objektivationsprozesses zu beziehen, wurde das Christentum selber zum Träger dieses Prozesses: Seitdem steht es sich selbst im blinden Fleck. Das Geheimnis dieses Prozesses hat Kant in der Kritik der reinen Vernunft: im Zusammenhang von transzendentaler Ästhetik und Logik, ausgesprochen. In diesen Prozeß ist (als verhängnisvolles Erbteil eines Christentums, für das die Umkehr ein Fremdwort geblieben ist) der Exkulpationsmechanismus eingebaut, der dem begrifflichen Denken insgesamt zugrundeliegt.
Die Trinitätslehre als Gottesfurcht-, Umkehr- und Nachfolge-Vermeidungs-Maschine.
Die Philosophie partizipiert an der Stummheit des Helden; und diese Stummheit vollendet sich in der transzendentalen Logik, in der das Objekt endgültig namenlos wird und die Sprache der Erkenntnis ihre benennende Kraft verliert. Diese Stummheit ist erstmals im Universalienstreit: im Nominalismus zum Bewußtsein ihrer selbst gebracht worden (nomina sunt flatus vocis; Name ist Schall und Rauch).
Erinnerungsarbeit ist der Versuch, den Schuldzusammenhang aufzulösen, in dem sich (zuletzt in der traszendentalen Logik Kants) das namenlose Objekt konstituiert, und der Sprache ihre benennende Kraft zurückzugewinnen.
Was hat Jona der Stadt Ninive gesagt?
In Heideggers „Geschick des Seins“ reflektiert sich die schicksalhafte Struktur des Begriffs, sein Verhältnis zum Schuldzusammenhang, seine sprachzerstörerische Gewalt.
Der Logos (die benennende Kraft der Sprache) konstituiert sich in der Übernahme der Schuld der Welt. -
21.11.91
Bekenntnis (Hypostasierung des Raumes, Logik des Geldes) = Isolationshaft des Geistes.
Daß der Himmel sich wie eine Buchrolle aufrollt, ist ein Bild für die Auflösung des Objektivierungsmechanismus, der uns von der Vergangenheit trennt, sie uns gegenständlich macht. Und das wird sein, wenn wir die Sprache beherrschen und nicht mehr die Sprache uns.
Der Durchbruch der naturwissenschaftlichen Aufklärung ist erfolgt, als es gelang, den Raum gegen die theologische Metaphorik abzuschirmen, ihn davon abzutrennen und die theologische Metaphorik als bloß subjektiv und bloße Anthropozentrik zu diskriminieren. Die Raummetaphorik konnte allerdings nicht ganz zum Verschwinden gebracht werden: Die Unterscheidung von oben und unten ist geblieben; sie hat die Erinnerung daran erhalten, daß die Abstraktion von der theologischen Metaphorik nur dem Herrendenken zugute gekommen ist.
Zur Unterscheidung von Im Angesicht und Hinter dem Rücken: sie paßt genau zu dem Hinweis Horkheimers, es sei eigentlich unvorstellbar, daß auf dem riesigen Leichenberg, den die Vergangenheit uns hinterlassen hat (gleichsam auf dem Rücken der Leiden der Vergangenheit), einmal die richtige Gesellschaft errichtet werden könne.
Die Subjektivierung der theologischen Metaphorik, die zusammenging mit der Derealisierung und Subjektivierung der „sekundären Sinnesqualitäten“, hat der Gemeinheit den Weg frei gemacht.
Das, was Levinas (gegen Buber, aber auch gegen den pseudotheologischen Begegnungsbegriff) die Asymmetrie der Ich-Du-Beziehung genannt hat, läßt sich demonstrieren am Verhältnis von Subjekt und Objekt im Raum.
Kant hat dem sokratischen daimon dingfest gemacht im System der transzendentalen Ästhetik und Logik (insbesondere der Raum erfüllt präzise die Funktion des diabolos gegen die Sprache: er macht das Objekt namenlos).
Nach Ebach ist die Wendung Im Angesicht sowohl auf Gott als auch auf den Feind bezogen: Ist nicht darauf das Gebot der Feindesliebe anzuwenden? Erscheint uns das Antlitz Gottes nicht prima facie im Gesicht des Feindes?
Entkonfessionalisierung der Kirchen heißt: aus den Gestalten der selbstverschuldeten Entfremdung der Kirchen heraustreten, sich befreien.
Das Trägheitsprinzip im Inertialsystem entspricht der Winkelfunktion im Raum (Zusammenhang mit dem Verfahren der Begriffsbildung); es bezieht – ähnlich wie die Winkelfunktion die räumlichen Dimensionen – die Zeit und die Materie in ein gemeinsames metrisches System mit ein. Die Konstituierung des Trägheitsprinzips hat das Relativitätsprinzip zur Voraussetzung. -
20.11.91
Zur Bemerkung eines Kirchenhistorikers (zum Verhältnis der Kirchen zum Nationalsozialismus und zur Shoah), es gehöre zu den Verführungen der Nachgeborenen, aufgrund der genaueren Kenntnisse besser über die Vergangenheit urteilen zu können als der Zeitgenosse.
– Der apologetische (exkulpierende) Gebrauch dieses Arguments ist unzulässig: Wenn die Fakten, die Grundlage des Urteils des Nachgeborenen sind, stimmen, wenn sie nicht zu leugnen sind, dann kann man sie nicht durch den Hinweis auf den Vorteil, den der Nachgeborene aus seiner späten Geburt zieht, aus der Welt schaffen.
– Die Wahrheit dieses Arguments liegt an anderer Stelle:
. Die Vorstellung, daß der Nachgeborene aus seiner späten Geburt einen Vorteil ziehen kann, hat christliche Ursprünge, die im übrigen mit dem christlichen Antijudaismus (der Quelle des Antisemitismus) zusammenhängen: Das Bekenntnis ist grundsätzlich das Bekenntnis des Nachgeborenen, der sich von der Vergangenheit distanziert, sie in die Perspektive der Objektivität rückt: der so glaubt, die Vergangenheit (insbesondere die jüdische Vergangenheit des Christentums) „überwunden“ zu haben. Der kirchliche Antijudaismus ist die Projektionsfolie, auf die das kirchliche Dogma, der zum Bekenntnis umgeformte Glaube, aufgetragen wird, und die dem Christen den Sündenbock liefert und die eigene Erinnerungsarbeit erspart (Ursprung der Heuchelei, die sich selbst nicht mehr durchschaut, deshalb ihre Unwahrheit als Aggression nach draußen kehren muß).
. Die projektive Nutzung des besseren Wissensstandes der späten Geburt ist in der Weigerung begründet, das Nachfolgegebot zu erfüllen; sie ist ein Mittel, die exkulpierende Kraft des moralischen Urteils (der Empörung) sich zuzueignen, ohne dem Schmerz der Gottesfurcht sich zu stellen. Aber die Vorstellung, daß die Verurteilung fremder Schuld den Urteilenden in den Stand der Unschuld versetzt, ist schlimmste Magie (und der Grund fürs Überleben der Magie im christlichen Bekenntnis).
Auch die Nachgeborenen stehen im Hinblick auf Auschwitz auf der Täterseite; oder: Auschwitz ist nicht vergangen, seine Voraussetzungen überleben im Bewußtsein und Unbewußtsein der Überlebenden; mitschuldig ist jeder, der diese Erbschuld nicht als Teil seiner selbst begreift, für den er einstehen muß. -
14.11.91
Horkheimers Bemerkung (in: Die Juden und Europa, geschrieben 1939), daß „die Sphäre der Zirkulation … ihre ökonomische Bedeutung“ verliere und „die berühmte Macht des Geldes … im Schwinden begriffen“ sei, ist wahr und unwahr zugleich. Die „zunehmende Ausschaltung des Marktes“ und die Rückkehr zum archaischen Raub ist nicht einfach des Gegenteil des „gerechten Tauschs“, sondern dessen andere Seite; und die Sphäre der Zirkulation hatte ihre „ökonomische Begründung“ nur im Rahmen des Scheins, den das Tauschprinzip selbst erzeugte, zu dessen Erhaltung es aber immer schon der (schließlich staatlich monopolisierten) Gewalt bedurfte. Dieser Schein besteht weiter und verbirgt wie eh und je hinter seiner Fassade die Geschichte der Opfer und den realen Schuldzusammenhang (Rohstoffe: Ausbeutung der Dritten Welt, Krise des Energie- und des Agrarsektors; Arbeitskraft: dank der Instrumentalisierung der Arbeitslosigkeit entfällt die Notwendigkeit der Zwangsarbeit; Verschuldung/Gewalt: Arbeitslosigkeit drinnen und Verschuldungskrise draußen sind nur gegen Unwägbarkeiten abzusichern durch Produktion von realem Vernichtungspotential, dessen Höhe der der Gesamtverschuldung – dem hierdurch erzeugten potentiellen Vernichtungspotential – entsprechen muß).
Wie hängt das E = m.c2, die Äquivalenz von Masse und Energie, mit der Gewalt, die der mathematische Raum gegen die Dinge repräsentiert, zusammen?
Die Gewalt des realen Schuldzusammenhangs läßt sich an der der Exkulpationskräfte, der Rechtfertigungszwänge, messen. Diese verhexen jegliches Bewußtsein: die Erkenntnis, das Wissen und die Logik, durch die Begründung und die Gewalt des Bekenntniszwangs.
Gibt es Untersuchungen über die kabbalistische Zahlenmystik und über die Planeten- und Engellehre? -
13.11.91
Physik und Sündenfall: Die Erkenntnis des Guten und Bösen gründet im Primat des Prädikats gegenüber dem Subjekt; sie markiert die Genesis der Logik und des Begriffs, der dann, indem er sich auf sich selbst bezieht, als Subjekt sich konstituiert, das Objekt namenlos macht, es für die mathematische Gestalt der Erkenntnis, die sich rein im prädikativen Bereich bewegt, freigibt. Ableitung der instrumentalisierenden Gewalt der objektivierenden Erkenntnis (des Zusammenhangs von Objektivation und Instrumentaliserung und seines Ursprungs in der Idolatrie). In der Instrumentalisierung drückt sich die Trennung von Gutem und Bösem aus, die dann durch Verallgemeinerung (durch die Ablösung von der Beziehung auf „mich“ und die Herstellung der Beziehung zum Allgemeinen, letztlich zum Staat) zur reinen Form der Instrumentalisierung wird.
Hat die Geschichte mit dem „dreimal wirst du mich verleugnen“ mit der Beziehung von Bekenntnis und Raum zu tun?
– Zuerst wird Petrus direkt (von vorn) angesprochen,
– dann wird über ihn (zu seiner Seite) gesprochen,
– schließlich dringen die Umstehenden auf ihn ein (von allen Seiten), hier kommt es zur Selbstverfluchung (Steigerung der Identifikation mit dem Aggressor).
Wer ist die Magd, und wer sind die Umstehenden?
Konzept (Thesen):
– Gott hat Himmel und Erde und nicht die Welt erschaffen.
– Die Welt ist ein Teil des historischen Prozesses, an ihn gebunden und nicht von ihm zu trennen (sie konstitutiert sich als Welt im historischen Prozeß, unter nachvollziehbaren Bedingungen, zu denen auch das „Subjekt“ gehört). Der Begriff der Welt hat außerhalb dieses Prozesses keine Bedeutung.
– Der Begriff der Welt zieht dann als zweiten Begriff den der Natur nach sich; beide, Welt und Natur, sind Totalitätsbegriffe, die in bestimmbaren logischen Beziehungen zueinander stehen und deren Anwendung bestimmten logischen Gesetzen unterworfen ist.
– Grundlage ist der Prozeßbegriff, und zwar sowohl im historischen („Fortschritt“), als auch im juridischen Sinne, im Sinne eines Rechtsverfahrens.
– In diesem Rechtsverfahren bezeichnet der Weltbegriff die Momente der Anklage und des Urteils, die Natur das Objekt des Verfahrens (der Anklage und des Urteils). Anmerkung: in der neueren Kirchengeschichte scheint der Protestantismus die Seite der Welt zu repräsentieren (vgl. die Rechtfertigungslehre, das „pecca fortiter“, die Lehre von der Obrigkeit und den zwei Reichen), der Katholizismus die der Natur (Dogmenverständnis, Sakramentenlehre, die Formen der Schuldverarbeitung, mit der Folge heute, daß der übermächtige Exkulpationstrieb die Identifikation mit dem Aggressor fast unausweichlich macht, zu den kirchlichen Bindemitteln gehört).
Klingt in dem „und viel Vieh“ im letzten Satz des Buches Jona der Name des Behemot an?
Es gibt im historischen Objektivierungsprozeß ein Nebenprodukt, aus dem sich zwangsläufig der Antisemitismus ergibt. Wer vom Taumelkelch des Herrendenkens getrunken hat, kommt zu einem Begriff des Absoluten, in dem kein Glied nicht trunken ist.
Der Gedanke an die Nachwelt, die unser Handeln rechtfertigt oder verurteilt, an die „Geschichte“ als letzte Instanz: das Bewußtsein, daß politsche Taten „historisch“ sind, ist der Antike fremd. Wenn ein neuer Pharao die Denkmäler und Inschriften seines Vorgängers zerstört, dann ist das ein magischer Akt: er will nicht die Erinnerung beseitigen, sondern die gegenwärtige, auch nach dem Tod noch weiterlebende Gewalt eines Rivalen. Und wer sich selbst und seinen Taten ein Denkmal setzt, will überleben, nicht in der Erinnerung der Nachwelt „gerechtfertigt“ sein. Die höhere Warte dessen, der bloß überlebt, ist eine Erfindung des säkularisierten Christentums.
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie