Die Astronomie ist die Babel-zugehörige Wissenschaft: ist sie Teil des Turmbaus zu Babel? In welchem Verhältnis steht die babylonische (chaldäische) Astronomie zur Tempelwirtschaft?
Machtfrage werden in der Kindheit entschieden. Die instrumentelle Nutzung des Liebesentzugs erzeugt die Bekenntnis-Logik und die Bekenntnis-Mentalität, mit all ihren Folgen: Lösung von Schuldfragen durch Projektion; Veränderung, Zerstörung der Erinnerung; Messung der Wahrheit am Urteil der Herren, Zerstörung der Rationalität. Erkennbar sind die Folgen der Bekenntnis-Logik daran, was wann unter Begründungszwang gesetzt wird (Zusammenhang der Heideggerschen „Sorge“ mit der Herrschaftsstruktur der Fundamentalontologie; es ist diese „Sorge“, die sich mit Vermutungen und Unterstellungen in die Privatangelegenheiten anderer einmischt, aber hierbei nicht helfen, sondern nur sein Besserwissen, seine Autorität, unter Beweis stellen will; es ist diese Sorge, die ihr Objekt von der Außenwelt und von der eigenen Bewältigung seiner Probleme aussperrt, es in die symbiotische Inzest-Bindung zurückzwingen will: Modell der Naturbeherrschung, Funktion der subjektiven Formen der Anschauung hierbei?).
Indem die Frauen sich selbst durch ihre Unterwerfung unter die Mode und die Privatsphäre durch Unterordnung unter das Ansehen dem Urteil der Welt unterwerfen („was mögen andere über uns denken?“), werden sie zu Hütern des Vorhandenen (der Natur), während die Männer dagegen das Gesetz der instrumentalen Praxis (des Zuhandenen) repräsentieren: beides sind eigentlich nur zwei Aspekte einer Sache. Die männliche Autonomie ist die der Beherrschung des Zuhandenen, die dadurch selber zu etwas Zuhandenem wird, während die Unterwerfung unter das Urteil der Welt die Frauen zu Multiplikatoren dieses Urteils machen, durch das sie sich gegenseitig in Schach halten.
Ist der Webersche Begriff der puritanischen Askese (der Zusammenhang von Rationalität und Sexualität) nicht doch schon teleologisch in der frühkirchlichen Dogmenentwicklung angelegt? In diesen Kontext paßt das Schicksal der (verdrängten und korrigierten) Erinnerung an Maria Magdalene, der einzigen Heiligen, die es aufgrund ihrer Umkehr geworden ist.
Steht bei Spengler etwas über die Geschichte der Banken und des Geldes:
– Banken und Tempelwirtschaft,
– mittelalterliche Restitution des Bankensystems: doppelte Buchführung und Vatikan-Banken;
– Kleidung der Bänker im 19. Jhdt. als Modell der Zivil-Kleidung seitdem überhaupt: Modell des zivilisierten Menschen; Archaik der rituellen Gewänder in Recht, Religion, Militär; Unterscheidung zwischen männlicher und weiblicher Kleidung (in welcher Beziehung stehen Hose und Rock, sowie die Bänker-Krawatte zur Geldwirtschaft)?
Die Kollektivschuld-Diskussion ist durch den Trick abgewürgt worden, daß unterstellt wurde, es ginge um die Zurechenbarkeit von Handlungen, während es in Wirklichkeit um die Zurechenbarkeit von Unterlassungen ging, d.h. um eine ebenso reale Schuld, die nicht durch den Begriff der Kollektivscham zu ermäßigen war.
Ist das Sumerische als agglutinierende Sprache eine besondere Sprache, der man dann auch ein besonderes Volk substituieren muß (vorausgesetzt, hier gilt auch bereits die Zuordnung von Sprache und Nation), oder ist es nicht ein technisches Instrument. Hier genügt nicht die bloß formale Beschreibung von Grammatik und Sprachstruktur, sondern wichtig wäre die Ermittlung des cui bono, des technischen terminus ad quem. – Im Sumerischen sind (wenn ich’s richtig verstehe) die Wörter (die Stammbegriffe) Substanzbegriffe, während ihre nominale oder prädikative Qualität sowie deren Konjugation und Deklination durch Präfixe, Infixe und Suffixe bestimmt werden: reine Trennung von Form und Inhalt. Ist das der Beginn der Anpassung der Sprache an die Mathematik, und ist diese Sprache wirklich gesprochen worden?
Unterschied zwischen der sumerischen und den semitischen Sprachen: auch in dem semitischen Sprachen gibt es die Wortstämme, die dann durch Modifikationen ihrer grammatischen Bedeutung funktional angepaßt werden.
Einfluß der Schrift (Selbstobjektivierung des Gedankens, Ursprung der Reflexion) auf die Struktur der Sprache (Vergegenständlichung als Vergesellschaftung und Grammatik; logische Durchbildung; Ausbildung der Ausdruckskraft; Technik und Magie).
Der Ursprung der Sprache muß in etwas gelegen haben, was man den seligen Sprachgeist nennen könnte, mit dem immanenten Anspruch, das Ganze durchsichtig zu machen und aus dem Ganzen heraus auch das Einzelne zu begreifen. Dieser „selige Sprachgeist“ ist dann in einer Geschichte (der Geschichte der Schrift?), auf die der Mythos von der babylonische Sprachverwirrung verweist, in einen Verarbeitungsprozeß hineingezogen worden, in dem sich dann die verschiedenen Sprachfamilien herausgebildet haben.
Was mit Griechenland und Rom eingetreten ist (Sprache als Einheit von Herrschafts- und Erkenntnismittel; Ursprung des Weltbegriffs), diese Potenzierung der babylonischen Sprachverwirrung, die reflektierte Idolatrie, war mit den Mitteln der jüdischen Tradition (mit dem Bilderverbot) nicht mehr zu bewältigen; diese waren ohnmächtig gegen den griechischen Mythos, aber dieser Ohnmacht ist nicht das Judentum, sondern das Christentum zum Opfer gefallen. Das ist zu erkennen an der bis heute unerledigten Auseinandersetzung mit dem Mythos und mit der Philosophie.
War Tertullian Jurist? Augustinus war ein vom Manichäismus zum Christentum bekehrter Rhetorik-Professor (Winkeladvokat?). Indem Augustinus die Kirche zum Subjekt gemacht hat, hat er ihr ein nur leicht entschärftes manichäisches Erbe übergeben.
Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn: Ist das nicht der Inbegriff eine politischen Philosophie?
Mechanik und Gravitationsgesetz: Wenn ich mit meinem Kopf gegen die Wand renne, dann geht es nach der Mechanik nicht um Kopf und Wand, sondern um die Beziehung zweier träger Massen; alles andere verschwindet dahinter. Ähnlich reproduziert das Gravitationsgesetz, das die darunter fallenden Erscheinungen in eine Äquivalenzbeziehung zur Mechanik bringt, dessen Kraft, das Ungleichnamige gleichnamig zu machen: es sind nicht mehr Sonne und Erde, die hier in Beziehung gesetzt werden, sondern zwei schwere / träge Massen. Dahinter verschwindet, was Sonne und Erde sonst noch sind. Der Rationalisierungsgewinn wird erkauft mit einem Verlust an Erkenntniswert.
Durch die Entdeckung der Lichtgeschwindigkeit ist das Bewegungsmoment des Raumes verschoben worden auf die Bewegung des Lichtes im Raum (Zusammenhang mit der Entdeckung des Gravitationsgesetzes?).
Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit verändert auch die Subjekt-Objekt-Beziehung im Inertialsystem: Beide, Subjekt und Objekt, unterscheiden sich durch ihre Beziehung zur Lichtgeschwindigkeit: als Leuchtendes und Beleuchtetes (in ihrer paradigmatischen Gestalt sind beide Adressaten des Herrschaftsauftrags im Schöpfungsbericht: Sonne und Mond sollen herrschen über die Zeiten …; und die Planeten kreisen gemeinsam mit der Erde um die Sonne, während der Mond um die Erde kreist).
Ist Maria Magdalena, die von den sieben bösen (Planeten-?) Geistern Befreite, die erste Erlöste überhaupt gewesen?
Das Bekenntnis zum Rechtsstaat enthält die Distanz zu den Objekten des Rechts als notwendiges Moment in sich. Aber jeder ist als Rechtssubjekt zugleich Objekt des Rechts, d.h. er hat in sich selber etwas, von dem er sich distanzieren, das er verdrängen muß. Die Institutionen des Rechststaats, insbesondere die Vollzugseinrichtungen, sind Stützen dieses Verdrängungsapparats.
Das Bekenntnis ist das Medium und die Grundlage kollektiver Konkurrenzverhältnisse.
Gibt es Länder mit eigener Währung, aber ohne Militär?
Abraham: Vater der Menge; Sara: die Fürstin;
Isaak: Er lacht; Rebekka: „saginata“ (die Gemästete?);
Jakob: er möge schützen / er betrügt; Israel: El streitet / El herrscht; Lea: Kuh / Rahel: Mutterschaf.
Sara hat’s mit dem Pharao und mit Abimelech (ebenso Rebekka); Rebekka und Rahel werden am Brunnen getroffen (Bedeutung des Brunnens).
In jedem Menschen das Ebenbild Gottes erkennen und ehren: davon scheint nur der Götzendienst, die Idolatrie (die Bekenntnislogik), zu dispensieren.
Bekenntnislogik
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04.09.91
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03.09.91
Das Bekenntnis (und der dazugehörige Personbegriff) sind an die Ausbildung des formalen Rechts (an die staatliche Organisation der Gesellschaft) gebunden, das jene Objektivität (Welt als Distanz zur Welt; die Dinge als potentielles Eigentum von Personen) begründet, in der dann die Dogmenentwicklung, insbesondere die Entfaltung ihrer lateinischen Version, überhaupt erst möglich war. (Zusammenhang mit der Aufgabe des „Rechtsstaats“, alle in den Anklagezustand zu versetzen, aus dem man sich nur durchs Bekenntnis lösen kann; deshalb gibt es Staatsanwälte, und deshalb gilt das erste Bekenntnis dem Rechtsstaat, dem alle Bekenntnisgemeinschaften nachgebildet sind.) In diesem Zusammenhang gewinnt der Bekenntnisbegriff (zusammen mit seiner technisch-instrumentellen Qualität, seiner Handhabbarkeit für Herrschaftszwecke) den gleichen changierenden Bedeutungshorizont wie die Begriffe Person, Sache, Schuld. Das ist die Folge davon, daß er die Funktion und Bedeutung einer Anschauungsform im Sinne der kantischen Erkenntniskritik, der Transzendentalphilosophie, annimmt (wobei das Bekenntnis den reinen Anschauungsformen, die Person dem transzendentalen Subjekt, die Sache dem Objekt, die Schuld dem Kausalitätsbegriff entspricht: hier wird die Beziehung des synthetischen Urteils apriori zum Schuldurteil, zum richtenden Denken, hergestellt; Verdrängung der verteidigenden Instanz). Jedes Bekenntnis ist in der Tat ein (Schuld-)Geständnis. Und der Konfessionalismus begründet nicht eine Gemeinschaft von Erlösten (die „Freiheit der Kinder Gottes“), sondern einen fast ausweglosen Schuldzusammenhang.
Person und Subjekt: Während sich das Subjekt in Beziehung zum Objekt definiert, drückt der Personbegriff die Beziehung zu anderen Personen und zum Eigentum aus. Das christliche Dogma hat den Begriff des Erlösten durch den Personbegriff ersetzt (und säkularisiert: auf den Kopf gestellt). – Vgl. auch die konstitutive Bedeutung des Eigentumsbegriffs für die Distanz zum Objekt („durch die Distanz vermittelt, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt“: Der Eigentumsbegriff schließt das Eigentum über den Beherrschten mit ein: über die Geschichte des Sklaventums; diese Geschichte hat sich in der des Geldes – und in der des Raumes, des Inbegriffs der Distanz zum Objekt – vergegenständlicht).
Die Idolatrie dehnt das Eigentumsverhältnis auf die Religion aus.
Bekenntnis und Recht: Auch das Bekenntnis (das dieses Eigentumsverhältnis endgültig stabiliert) ist kein Schutz gegen Gemeinheit, im Gegenteil: es ist heute zu einem zentralen Teil der Gemeinheitsautomatik geworden (dessen Genese und Wirkungsweise sich nirgend eindringlicher als an der Kirchengeschichte studieren läßt). Der Ursprung dieser Gemeinheitsautomatik liegt in der Geschichte der Sklaverei als der Urgeschichte des Eigentums (und der „Welt“, die insgesamt als potentielles Eigentum definiert ist, während der Naturbegriff an dem daraus abgeleiteten Objektbegriff sich orientiert).
Bekenntnis und Jungfräulichkeit: Instrumentalisierung des Widerstands gegen die Instrumentalisierung.
Wie heißt und was bedeutet der hebräische Ausdruck für die „Dornen und Disteln“: kann es sein, daß in den Dornen eine Beziehung zur Orthogonalität, zur Struktur des Raumes mit anklingt? (Sind Dornen die Hörner von Pflanzen? – Vgl. „Horn“ in der Schrift: Dan 77, Off 2215 und die Jotam-Fabel.)
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Rache, Recht und Orthogonalität, Orthodoxie? Kann es eine Orthodoxie ohne Opfer geben?
„Der Opfertisch werde für sie zur Falle, das Opfermahl zum Fangnetz.“ (Ps. 6923) Gilt das Gleichnis vom Unkraut und vom Weizen auch für die Opfertheologie? -
30.08.91
Das Verständnis der speziellen Relativitätstheorie, ihrer Beziehung zum Objekt, dürfte nicht schwieriger sein als das des Bankengeschäfts und seiner Beziehung zur Wirtschaftsstruktur (vgl. Baecker: Womit handeln die Banken? Ffm 1991).
Der Verdinglichungsmechanismus besteht darin, daß ich etwas zu einem Ding mit festen Eigenschaften mache: z.B. jemanden, der gemordet hat, zu einem Mörder. Ich mache so eine Tat zu einer festen Eigenschaft, die sich nicht mehr ändern läßt; das Prädikat zu einer begrifflichen Bestimmung des Subjekts: zum Begriff. Auch der Adelstitel ist ein „Prädikat“, und jedes Prädikat eine Bewertung. Genau diesem Konzept gehorcht auch der Antisemitismus und der ist ohne den Rassismus ebenso wenig zu haben wie die Nobilitierung eines ganzen Volkes durch den gleichen Arier-Rassismus. Dieser Antisemitismus hat seine nur scheinbar harmlosen Vorläufer in der nationalistischen Geschichtsschreibung, zu deren Folgen unter anderem neben der antisemitischen Interpretation der ebenfalls national verstandenen Propheten und der Schrift insgesamt auch die Erfindung der Sumerer gehört. Modell dieses Verdinglichungskonzepts sind die Naturwissenschaften, die ein System aus lauter Prädikaten sind. Hier liegt der Ursprung der Mathematik, deren Vorgeschichte unter diesem Gesichtspunkt zu prüfen wäre (Sprache der Sumerer, „Turmbau zu Babel“, Ursprung der Idolatrie).
Die Ontologie entspringt mit dem Staat und mit dem Weltbegriff und stabilisiert beide; sie ist Erbe der Idolatrie und des Opfers; ihr genetisches Zentrum ist die Schicksalsidee.
Bei der Benennung der Tiere hat Adam nur die Arten benannt; die sind aber keine „Gefährten“ des Menschen.
Warum wendet Luhmann seine Systemtheorie nicht auf die Physik an?
Rechtfertigt Baecker („Womit handeln die Banken?“, Ffm. 1991) durch sein Konzept nicht die Funktion der Banken in diesem Wirtschaftssystem auf eine Weise, die eigentlich Anlaß zu begründetster Sorge wäre? Die Risiken, die die Banken verwalten und gegen die sie sich durch ihr Mangement absichern müssen, um die Stabilität des Wirtschaftsprozesses zu sichern: die Konsequenzen sind deutlich geworden in der „Wende“ in der deutschen Nachkriegspolitik, als alle Leute begriffen haben, was passiert, wenn diese Grundfakten nicht beachtet werden. Diese Risiken sind nur die offen zutage liegende Kehrseite der Verhältnisse, die die Existenz der Mehrheit der Bevölkerung bedroht.
Was würde eigentlich dabei herauskommen, wenn heute jemand Rosa Luxemburgs „Akkumulation des Kapitals“ und Rudolf Hilferdings „Finanzkapital“ auf den heutigen Stand der Dinge fortschreiben würde?
Die Katastrophen dieses Jahrhunderts, aus denen wir soviel gelernt haben, daß wir sie zur Zeit in die Dritte Welt exportieren, waren ja keine bloß ideologischen, sondern reale ökonomische Katastrophen.
Die Kreditschöpfung: eine creation ex nihilo. Beim deutschen Schöpfungsbegriff schwingt die Assoziation mit, daß jemand mit einer Schöpfkelle aus einer Flüssigkeit (einer Ursuppe gleichsam) „schöpft“. Das Flüssige, das Wasser (der erste Begriff der Philosophie übrigens), hat in biblischem Zusammenhang die Nebenbedeutung sowohl der Schuld, des Schuldzusammenhangs, als auch der Völker. Der Chaosdrache und das Tier aus dem Wasser gehören hier her. Aus einem solchen Medium (der Schuld und ihres kollektiven Ursprungs) „schöpft“ auch die „Kreditschöpfung“. -Ist das Geld, das eine Bank im Falle eines Kredits verleiht, real oder spekulativ; oder: ist diese Alternative real?
Die Frage „Womit handeln die Banken?“ ist präziser zu beantworten, wenn man den Baecker aus dem Verblendungsbann der Systemtheorie herauslöst. Die Banken handeln mit dem Tod, dessen Nichts so real wird.
Der real existierende Sozialismus ist u.a. daran gescheitert, daß er das Problem der Beziehung von Theorie und Praxis nicht ernst genug genommen hat. Die Vorstellung, die auf der unreflektierten Tauschprinzip-Theorie basiert, daß der Marxismus ein gleichsam technisches Konzept zur Beherrschung der wirtschaftlichen Prozesse biete, die die kapitalistischen Folgen vermeidet, war falsch. Dieser Instrumentalismus war ohne einen dann allerdings nur dilettantisch gehandhabten (Staats-)Kapitalismus nicht möglich. Der hatte dann weit schlimmere Folgen als der reale Kapitalismus. Lukacz hat das in „Geschichte und Klassenbewußtsein“ noch gewußt, dann aber schnell (und verzweifelt) verdrängt. Daß in diesem System dann so abenteuerliche Existenzen gedeihen konnten wie Schalck-Golodkowski, auch Mielke und Honegger, war kein Zufall. Zugrunde lag das durch die christliche Tradition abgesegnete Bekenntnis-Syndrom: die Vorstellung, daß das Bekenntnis zur Wahrheit hinreiche, um diese Wahrheit real werden zu lassen; sie hat wie im Christentum nur die schlaue Heuchelei und die Gemeinheit befördert und honoriert. Dadurch unterscheidet sich der Zusammenbruch des Sozialismus von der Niederlage des Faschismus, daß er die (durch Mißbrauch als Bekenntnis-Ideologie diskreditierten) Mittel, die eigene Situation zu begreifen, den Opfern aus der Hand geschlagen hat, und daß jetzt das Land Sündenböcke braucht. Deshalb glaubt man, die Probleme auf dem gleichen Bekenntniswege lösen zu können, der in die Katastrophe hineingeführt hat, während gleichzeitig diejenigen, die wirklich an den Hebeln der Macht sitzen, es besser wissen und sich ins Fäustchen lachen.
Die Wahrheit opponiert nicht der Lüge, sondern dem „Falsch-Zeugnis-Geben“. Die Lüge gehört bereits in den Kontext der verdinglichten, entmächtigten Wahrheit; Grundlage ist der Weltbegriff. Franz Rosenzweigs Begriff der „Bewährung“ macht das praktische (in letzter Konsequenz das herrschaftskritische) Moment an der Wahrheit kenntlich. Dieses Moment haben Juden unter der Idee der Heiligung des Gottesnamens verstanden (und die Christen – wie ihre eigene Theologie insgesamt – nicht verstanden).
Der Ödipus-Konflikt ist ein welthistorischer Konflikt, und zwar sowohl individuell wie auch gesamtgesellschaftlich. Die Möglichkeit der objektiven Anwendung des Verdrängungsbegriffs gründet in seinem Verhältnis zur Zeit. Verdrängt wird etwas Zukünftiges und Vergangenes zugleich, oder mit der verdrängten Vergangenheit wird zugleich ein Stück Zukunft verdrängt. Dieser Verdrängungsmechanismus konstituiert seit den Anfängen der griechischen Philosophie bis hin zu den modernen Naturwissenschaften den Begriff. (Dazu ein direktes Bespiel: Zwei Sechsjährige, ein Junge und ein Mädchen, fahren mit ihren Fahrrädern daher; ein anderer Sechsjähriger ruft den beiden mit offenkundig hämischem Ton nach: „Na, ihr beiden Verliebten.“)
Zur Konstruktion der Häme: Hier vermischt sich aufs trübste der Gestus der moralischen Überlegenheit, des moralischen Urteils, mit dem des schlecht verhohlenen Neids gegen den, über den man sich erhaben dünkt, indem man sich mit dem moralischen Urteil gemein macht.
Die Erkenntnis des Guten und Bösen ist die Klugheit der Schlange („Seid klug wie die Schlangen …“); sie ist die Erkenntnis auf die sich der Begriff der Umkehr bezieht.
Ist die Schöpfung die Umkehr des Chaos, und der Geist über den Wassern das Prinzip dieser Umkehr?
Sind Jahwist und Elohist nicht nur nebeneinander existierende (aus „verschiedenen Quellen“ stammende) Teile der Schrift, sondern durch eine Umkehrähnliche Relation aufeinander bezogen, und steckt in dieser Unterscheidung so etwas wie ein innertheologischer Reflex der babylonischen Sprachverwirrung?
Welche Sprachen wurden in Babylon gesprochen außer der sumerischen? Gibt es einen Sprachatlas der Antike?
Nur für die zerstreuten Leser (und die nationale Geschichtsschreibung, die sich an zerstreute Leser wendet) ist der eigentliche Gehalt der Schrift nicht sichtbar. Aber die heutige Schriftauslegung und der heutige Schriftgebrauch aller Kirchen hat die Zerstreutheit zur Grundlage (theologischer Grund ist offensichtlich). Die wesentlichsten Einsichten ergeben sich erst aus dem konzentriertesten Studium der Details.
Die Josephs-Geschichte: oder die Geschichte der Getreide-Versorgung als Teil der Geschichte der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals (des Zusammenhangs von Privileg und Diskriminierung, Askese und Ausbeutung). Er holt die eigene Familie ins Land und liefert sie dem Schicksal derer aus, deren Schicksal er selber durch die Behandlung der Hungerkrise bestimmt hat.
Wie kommen die Philister und Amalek in die Abraham-Geschichte?
Fundamentalisten sind Religions-Hooligans.
Der Dogmatisierungsprozeß, die Entwicklung des Dogmas, vertritt den Ödipus-Konflikt in der Kirchengeschichte.
Konzept:
– Im Angesicht/hinter dem Rücken,
– Objektivation und Instrumentalisierung,
– Raum und Zeit, Geld, Bekenntnis,
– Ödipus-Konflikt: Ursprung des Weltbegriffs, des Säkularisationsprozesses; Philosophie und Ursprung der Weltreiche („Babylon“),
– Begriff und Namenlehre; Herrschaft und Erkenntnis (Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang),
– Herrschaftskritik, Übernahme der Schuld der Welt, Auflösung des Verblendungszusammenhangs, Idee des Heiligen Geistes,
– Anklage, Gericht, Verteidigung, Sprachphilosophie,
– Natur und Welt, oder Bemerkungen zur feministischen Theologie
Rosenzweigs Erinnerung an den Tod: Umwandlung in ein Gedenken der Toten. Der Tod als das Sterben der anderen scheint in Rosenzweigs Konzept zu kurz zu kommen. Darauf bezieht sich die Lehre von der Auferstehung der Toten.
Im Angesicht Gottes leben, schließt die wahnwitzige Hoffnung auf die Auferstehung der Toten mit ein; ist diese Hoffnung als nicht nur kontemplative, sondern als aktive Hoffnung denkbar? Ist eine Praxis denkbar, die dieser Hoffnung entspricht, aus ihr sich nährt?
Zu Reinhold Schneiders Satz „Allein den Betern kann es noch gelingen, das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten …“: Welches Schwert hat er hier gemeint? Das der direkten Bedrohung durch den Faschismus, die Gefahr des Terrors, die Möglichkeit des Martyriums, oder das Schwert, das den bedroht, der durch Komplizenschaft mit dem Faschismus, durch die Mittäterschaft an Auschwitz, mitschuldig geworden ist?
„… und diese Welt den richtenden Gewalten durch ein geheiligt Leben abzuringen“: das scheint schon wieder eindeutig zu sein.
Das „Ehe Abraham war, bin ich“ drückt eine Zukunft aus, die in die Vergangenheit Abrahams hineinscheint und jetzt präsent ist.
Das „hinter dem Rücken“ ist der Verdinglichung äquivalent. Wenn ich eine Sache hinter ihrem Rücken betrachte, nagele ich sie fest auf ihre Eigenschaften, mache ich das Prädikat zum Herrn über das Subjekt, fälle ich ein Urteil (Urteile werden gefällt!), setze ich es als vergangen, als nicht mehr zu ändern. -
27.08.91
Ist Hammurabi die Umkehrung von Abraham/Ibrahim?
Zur biblischen Zeitstruktur: Wann endet die hohe Lebensdauer der ersten Geberationen, und wann beginnt das seitdem übliche Menschenalter? Kann es sein, daß erst nach der Sintflut (Regenbogen) die homogene Zeit beginnt?
Welche Bewandtnis hat es damit, daß Haran sowohl den zweiten Bruder Abrams bezeichnet als auch die Stadt, in die Terach aus Ur in Chaldäa mit Abram hinzieht? (Sind Ur und Haran vielleicht die Exilplätze der Deportierten in Babylon und Assur?)
Lot, dessen Frau zur Salzsäule erstarrt, überlebt nur durch den Inzest. Die Schwiegersöhne sind mit Sodom untergegangen, und Söhne hatte er nicht.
Jakob war der Lieblingssohn Rebekkas; gibt es eine vergleichbare Beziehung zwischen Josef und Rahel oder zwischen Sara und Isaak?
Sara ist die Halbschwester (oder die Nichte: Tochter des Haran?) des Abram, Rebekka ist seine Nichte, und Lea und Rahel sind Nichten der Rebekka.
Hatten auch die Ägypter Opfer, Kulte – welche? Wo liegt generell die politische, kulturelle und religiöse Differenz zwischen Babylon und Ägypten? Läßt sich der Unterschied an dem zwischen dem Turmbau zu Babel und den Pyramiden aufzeigen (oder dem Unterschied zwischen dem hieros gamos und dem Totenkult)? Sind Babylon und Ägypten Abbilder von Himmel und Erde? War die Sklaverei in Ägypten nur politisch-ökonomisch, oder auch religiös: ein Teil des Totenkults?
In welcher Beziehung stehen Melchisedech und Abimelech (bei Abraham/Isaak und im Kontext der Jotam-Fabel)?
Woher stammt die Bezeichnung Hebräerbrief und hat sie etwas mit der Frage, wer denn nun die H. sind, etwas zu tun (vgl. den Bezug auf Melchisedech)?
Für wen sind die Juden Hebräer (außer für die Ägypter und die Philister)? Abraham der Hebräer kommt aus einer aramäischen Familie. Wie verhalten sich Hebräer, Israeliten und Juden?
Muß man in der Schrift nicht doch zwei Ebenen unterscheiden: die zeitlich-historische Ebene (mit einigen Ungereimtheiten) und die Sprachebene (die die philosophische Kritik dann gerne verschiedenen Quellen zuordnen möchte; hier sind deutlich andere Zeitrhythmen und andere Zeitverhältnisse zu erkennen).
Genügt es nicht, nur die Realien zur Schrift vollständig aufzuklären (mit den Ungereimtheiten), allerdings ohne der Versuchung der spekulativen Quellentheorien zu erliegen, um zu sehen, was passiert ist?
Heinsohns Naturkatastrophen-Theorie ist eine Folge davon, daß er die Geschichte der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals verdrängen muß. Deren Äquivalent in der Vorgeschichte ist die Geschichte des Opfers und der Unterdrückung. Heinsohns Abwehr des Tauschprinzips ist Teil seiner Abwehr des Marxismus. Damit aber hängt sein Konzept des Ursprungs des Geldes in der Schuldknechtschaft völlig in der Luft, es wird sinnvoll erst im Zusammenhang mit der Ausbildung der Herrschaft des Tauschprinzips. Die Lücke, die hier entsteht, kann er nur schließen, indem er als deus ex machina die Naturkatastrophen als dramaturgisches Element und als historisches Movens einführt. Sein Konzept gleicht dem der Konstruktion eines Gravitationsgesetzes ohne Inertialsystem. Hier ist der andere Zusammenhang mit dem Sternendienst und der Venus-Katastrophe mit Händen zu greifen.
Die Kanaanäer, Repräsentanten der Kinder- und Menschenopfer, waren die „Händler“. Ist die Opfertheologie ein Hinweis auf die Kanaanisierung des Christentums, die dann als Ritualmord-Legende und als Gottesmord-Vorwurf auf die Juden projiziert wird? (Was ist das „Gelobte Land“?)
Der Zusammenbruch des Römischen Reiches aus der agrar-ökonomischen Entwicklung (aus dem Zusammenbruch des römischen Latifundien- und des Steuer-Systems, das der Latifundien-Wirtschaft endgültig die materielle Basis entzog): nach neutestamentlichen Sprachgebrauch der Zusammenbruch Babylons ist das Modell und das Vorbild dessen, was heute im Verhältnis der Metropole zur Dritten Welt passiert. Hierbei ist zu unterscheiden: die (ideologische) Geschichte des Herrendenkens (des Objektivationsprozesses), die als Verblendungsmechanismus wirkt, und die Realgeschichte der Selbstverfluchung (die Selbststrangulation des Systems durch die realen ökonomischen Mechanismen).
Waren die Anfänge der lateinischen Theologie in Nordafrika (von Tertullian bis Augustinus), die nur zu korrigieren wäre durch die ohnehin notwendige Kritik der Stellung der Sexualmoral in dieser Theologie und die Verschiebung der Erbschuld von der sexuellen Lust auf die moralische Urteilslust („Erkenntnis des Guten und Bösen“), Modell der Befreiungstheologie in der Dritten Welt? So würde der reale Bogen zur Geschichte vom Sündenfall sich schließen, das Nachfolge-Gebot könnte endlich rezipiert werden.
Die Geschichte der naturwissenschaftlichen Aufklärung ist eine präzise nachvollziehbare Konsequenz aus der Geschichte der kirchlichen Sexualmoral; deshalb gehört die Geschichte der Hexenverfolgung zu den Voraussetzungen der Geschichte der naturwissenschaftlichen Aufklärung.
Die Vergeistigung des Martyriums, der Zeugenschaft, zur Konfession ist Beginn der Geschichte der Leugnung und der Grund der christlichen Verfallsgeschichte. Hier wird das reale (äußere) Leid verinnerlicht zum Selbstmitleid, und dieses Selbstmitleid, durch die das Selbsterhaltungsprinzip in die Religion einwandert, wird stabilisiert durch die (vergegenständlichte) Lehre von der Unsterblichkeit der Seele. Unsterblich ist das Selbstmitleid, nicht die „Seele“. Auch hier ist die Differenz zur Wahrheit minimal, aber eine Differenz ums Ganze; es gibt eine Gestalt der Lehre von der Unsterblichkeit, die vom Selbstmitleid unberührt bleibt: sie gründet in der Lehre vom Jüngsten Gericht, in der Vorstellung, daß am Ende jeder wird Rechenschaft ablegen müssen über sein Tun und Unterlassen. Die Konsequenz hieraus ist die Pflicht zur Erinnerungsarbeit, die nicht nur auf die individuelle Vergangenheit sich bezieht, sondern – insbesondere nach Auschwitz – auf die ganze Geschichte der Menschheit: auf die Schuld der Welt und die Last der Vergangenheit, die auf uns lastet; diese Erinnerungsarbeit steht unter dem Gesetz des Nachfolge-Gebots.
Wenn ich über jemanden rede, versetze ich ihn in den Akkusativ: in den Anklagezustand, setze ich ihn unter Rechtfertigungszwang. Aber in diesen Anklagezustand versetzen uns nicht mehr Personen (obwohl wir hier grundsätzlich zu Personalisierungen neigen), sondern sind wir hineingeraten durch den Stand des historischen Objektivationsprozesses, durch den Zustand der Welt (als gegenständlichem Inbegriff des Objektivationsprozesses). Dieser Anklagezustand hat seine eigenen Urteils- und Exkulpationsgesetze, die leicht mit religiösen Gesetzen verwechselt werden, nicht zuletzt deshalb, weil Religion so gleichzeitig zur eigenen Exkulpation und als Herrschaftsmittel genutzt (mißbraucht) werden kann. Hier ist der Erzeugungsautomatismus (deren Modell und Vorbild einmal die Idolatrie war), der – nach einem Wort Martin Bubers – Erlöste in einer unerlösten Welt produziert.
Confessio triplex,
– scilicet actus exterior fidei vel justitiae,
– actus latriae, scilicet gratiarum actio et laudatio dei,
– et actus poenitentiae, scilicet confessio peccatorum.
(S.th. 2, 2 q. 3, 1, ad 1)
Blasphemia opponitur confessio fidei (S.th. 2, 2 q. 13, 1).
Über das Nachfolge-Gebot, die Übernahme der Schuld der Welt, hängt das Glaubens-Bekenntnis (als Bekenntnis des Namens) mit dem Schuld-Bekenntnis zusammen (und wird sein logischer Status definiert). Erst der Bekennende kann Ich sagen (aber dieses Ich ist nicht das Absolute).
Der Antisemitismus ist in seiner Wurzel antimessianisch; beide Begriffe sind austauschbar. -
26.08.91
Max Webers Probleme bei der Darstellung der Verhältnisse in der Alten Welt, insbesondere sein Begriff des Idealtypus, sind Folgen seines Geschichtskolonialismus, d.h. Folgen der Anwendung von Kategorien, die definiert sind nur im Rahmen der zeitgenössischen politischen Ökonomie. Die Brüche in der (nur sich „annähernden“) Darstellung sind Folge des projektiven Gebrauchs der Begriffe, deren unreflektierte Anwendung auf die Ursprungsgeschichte zwangsläufig zu Fehlern und Mißverständnissen führt (bis hin zu antisemitisch verwertbaren Konstruktionen). Das Ganze ist Folge seines unhistorischen (durch den Endzweck seines Rationalisierungsbegriffs vorgeprägten) Weltbegriffs. (Vergleich Weber / Lukacs und Planck /Einstein?)
Die Historisierung der Welt, die Einbindung der Welt in den historischen Prozeß, führt darauf, daß der Antisemitismus in diesem Weltbegriff verankert und jedenfalls keine bloße Gesinnungsfrage ist.
„An den Wassern zu Babylon saßen wir und weinten …“ (Ps 1371).
Hängt die Reinlichkeitsneurose deutscher Frauen, der Zwang, jede Spur von Staub zu tilgen, mit ihrer Feindschaft mit der Schlange, die dazu verurteilt wurde, Staub zu fressen, zusammen?
Wenn die Entwicklung ihrer eigenen Logik weiter folgt, ist nicht auszuschließen, daß auch die Rechtsversicherung zu einer Pflichtversicherung – wie die Kranken-, die Haftpflicht- und die vorgesehene Pflegeversicherung – wird. – Anwendungsbeispiele für die Staubgeschichte (Adam: Staub bist du und zu Staub wirst du wieder werden; zu dem Staub, den dann die Schlange frißt?
Die Mühlen als Symbol des Todes (vgl. Benjamins Wahlverwandschaften) passen in diese Staubgeschichte herein.
Die Bedeutung des Inertialsystems scheint darin zu liegen, daß die Betrachtung „hinter dem Rücken“ allseitig wird (komplettiert wird zum System wie der Kapitalismus durch das Institut der Lohnarbeit, die Subsumtion der Arbeit unters Tauschprinzip, durch die Begründung eines Marktes für Arbeit, Güter und Kapital), das aber zugleich den genauen zeitlichen Charakter dieser Sicht mit einschließt, nämlich die Subsumtion unter die Vergangenheitsform.
Der Objektivationsprozeß ist der Sturz. Und wenn die Naturwissenschaft die Welt im Zustand des vollendeten Sündenfalls abbildet, dann deshalb, weil über die Naturwissenschaft die Welt in diesen Sturz, dessen Bahn durch das Herrendenken vorgezeichnet ist, mit hereingezogen worden ist.
Sind die Äste, Zweige, Blätter der Bäume, auch ihre Blüten und Früchte, nicht sozusagen Luftwurzeln (Luft- und Lichtwurzeln)? -Wie verhält sich der Baum der Erkenntnis zum Baum des Lebens? Im gleichen Kontext bezeichnet das Erkennen auch das Zeugen. Kann es sein, daß die gleiche Frucht, die die Frucht des Lebens gewesen wäre, durch die Trennung vom Baum zur Frucht der Erkenntnis wurde, der Erkenntnis des Guten und Bösen, d.h. des richtenden Urteils; war der Sündenfall nur ein falscher Gebrauch? Was Anfang war, ist hier zum Ende geworden; es muß sein Ende erst wieder einholen, ehe es in den Anfang zurückkehren kann. Blochs Bemerkung, daß der Anfang am Ende sein wird, könnte damit zusammenhängen (vgl. auch Ebachs „Ursprung und Ziel“).
Kann es hiernach sein, daß auch die Physik auf die Umkehr harrt? – Der Umkehrpunkt in der Physik läßt sich bezeichnen: er liegt im Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit.
Zur Konzeption des Inertialsystems gehören die drei Elemente: Raum, Zeit und Materie; diese drei Elemente spiegeln sich in der Dreidimensionalität des Raumes, sie haben etwas mit dem Werden der Vergangenheit zu tun. Ist die Dreidimensionalität des Raumes, in dem sich dann die Dinge (von den Photonen bis zu den Sternen) nicht nur bewegen, sondern auch als Dinge konstituieren, nicht auch bloßer Schein, der mit Gewalt durchgesetzt wird und dabei die entscheidenden Differenzen verdrängt und unterdrückt. Ist nicht der Raum selbst in die Bewegung mit hereingezogen, Objekt einer Bewegung, deren Subjekt zu sein er vortäuscht.
Über diese Bewegung des Raumes gibt Aufschluß die Geschichte der Banken, des Geldes, des Finanzkapitals.
Das Inertialsystem ist insgesamt ein selbstreferentielles System, und die Mechanik (unter Voraussetzung der metrischen Komponenten des System, Raum Zeit und träge Masse) reine Mathematik. Erst im Prozeß der Vergegenständlichung von Raum und Zeit, der Verräumlichung der Zeit, kristallisiert sich als ergänzendes metrisches Moment die träge Masse aus, die dann als äußerliches Ding in dieses System hereinkommt: und zum reinen namenlosen Objekt wird.
In der Bindung des Weltkonzepts an die Anschauung vollendet sich die Erkenntnis, daß „sie nackt sind“. Aber die Scham wird übermächtig (trifft vor allem die Tiere) und überschwemmt das ganze System. Die menschen verbergen ihr Angesicht und das Angesicht der Erde ist nicht mehr auffindbar.
Hat die Erfindung der Sumerer etwas zu tun mit dem letzten, verzweifelten Versuch, angesichts des Erkenntniskontinuums, das da war, den fernen Blick zu retten, der nicht zu retten gewesen wäre, wenn man die Sumerer gleich als die Chaldäer erkannt hätte. Und der Spenglersche Versuch einer Kulturmorphologie, der Versuch, die Einheit der Weltgeschichte zu sprengen und durch die Einheit eines abgehobenen kulturmorphologischen Modells zu ersetzen, das dann dem Gesetz der ewigen Wiederkehr unterliegt, scheint hiermit zusammenzuhängen. Der Zwang, die Sumerer zu einem besonderen Volk zu machen, rührt her von dem modernen Konzept der Einheit von Volk, Nation und Sprache, das so auf die Alte Welt nicht übertragen werden kann. Diese Bemerkung gilt u.a. auch für das „Volk“ der Hebräer. Einer der letzten – und vielleicht auch problematischsten – Ausläufer dieses Nationalbegriffs ist der Zionismus.
Gibt es zu dem Cherub mit dem flammenden Feuerschwert, der die Pforten des Paradieses bewacht, in der jüdische Tradition (Talmud, Mischna oder Mystik) Hinweise oder Interpretationen?
Ist die Idolatrie der Anfang des Objektivations- und Instrumentalisierungsprozesses, der sein Telos im Inertialsystem findet?
Die neuere französische Philosophie ist auf das Probleme des Anderen, des Fremden abgestimmt; sie wäre durch das Votum für die Armen, durch die Verteidung der Armen, zu ergänzen.
Kann es sein, daß der Konstruktionsfehler des Stern der Erlösung darin liegt, daß in der Konstruktion der Welt deren beide Elemente umgekehrt zu fassen sind: erst das B und dann das A (B=A, nicht A=B): so würde deutlicher, daß das A ein durchs B Provoziertes ist; oder daß Subjektivität (als Inbegriff des Allgemeinen) nicht das Erste und das Allgemeine nicht der Ursprung ist.
Das tode ti des Aristoteles ist das Inertialsystem in nuce.
Die Persönlichkeit ist für sich, was die Person an sich ist, nämlich ein Sein für andere. Deshalb ist die Persönlichkeit (als Ansehen) erlebbar, die Person nicht.
Wie verhalten sich Welt und Natur zu Himmel und Erde? Die Welt ist ein Reflex der Natur, die Natur ein Produkt der Welt. Aber wie hängt das zusammen?
Die jüdische Tradition vom verborgenen Gerechten verweist darauf, daß die Gemeinheit strafrechtlich nicht zu fassen, vom Recht nicht unterscheiden ist. Die Gemeinheit des antisemtischen Topos von der Doppelmoral der Juden liegt darin:
– ihre Voraussetzungen sind durch ein Wirtschaftssystem vorgegeben, das immer mehr darauf hinausläuft, die Gemeinheit der Wahrnehmung zu entziehen; diese Voraussetzungen sind nicht von Juden geschaffen worden, diese sind Opfer des Systems;
– aufgrund der rechtliche Sonderstellung, der die Juden weder aus eigenem Willen noch aus freiem Entschluß unterworfen wurden, insbesondere dadurch, daß nur jene Bereiche im Wirtschaftsleben auch für Juden offen waren, in denen es ohne die Doppelmoral nicht geht, kann ihnen die Doppelmoral nicht angelastet werden;
– Nutznießer dieses Systems sind nicht die Juden, sondern die Raubkapitalisten (unter ihnen auch die Weberschen Puritaner, die ohne dieses System ihre Moral und Gesinnung nicht entfalten könnten), die die Schuldverschiebung (auf die Juden) als Mittel der Exkulpierung nutzen, hinter diesem Vorhang unbehelligt ihren Geschäften nachgehen können.
Ohne die Herren, die sich der Hofjuden bedienen, würde es die Hofjuden nicht geben, und ohne jenes spekulative Geldgeschäft, das nicht nur den Bereich der Börsen und Banken kennzeichnet, sondern längst auch den Gesamtbereich der Produktion beherrscht, würde es den moralischen Kapitalismus, den Max Weber zu beschreiben versucht, nicht geben. Auch der Calvinismus als innerweltliche Askese war Ideologie im Sinne von Rechtfertigung.
Die feinsinnige Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik läuft darauf hinaus, die Verantwortungsethik zu einer Gesinnungsethik zu machen, und sie von jener Verantwortung zu entbinden, die sich aus den Nebenfolgen ergibt. Das Ganze ist eine innere Konsequenz aus dem Rationalisiserungskonzept und aus der Rechtfertigung des Weltbegriffs, die damit zwangsläufig verbunden ist.
Das Selbsterhaltungsprinzip, das bei den Menschen individuell ist, ist bei den Tieren an die Art gebunden. Liegt hier das Bindeglied zwischen Schlange, Inertialsystem, Venus und Babel, sowie dem Cherub mit dem kreisenden Flammenschwert, der Sintflut und dem Regenbogen?
Abraham stammt aus Ur in Chaldäa, aber die Familie ist über Haran gezogen (einer seiner Brüder hieß Haran; ist der in Ur geblieben?). Haran liegt im assyrischen Herrschaftsbereich, näher bei Ninive als bei Ur.
Kommen Sodom und Gomorra (und die drei anderen Städte, von denen zwei in den Untergang mit hereingezogen werden, eine den Namen ändert) außer in der Abraham-/Lot-Geschichte nochmal vor?
Wenn Abraham (der Hebräer, der Fremde im Land) und Isaak (der Schrecken Isaaks) dem Jakob/Israel nachträglich vorgesetzt worden sind, welche Bedeutung hat es dann, daß die Frauen alle aus der (aramäischen) Verwandtschaft Abrahams genommen worden sind und alle Probleme mit der Geburt haben?
Wer ist Lots Frau?
Auch Sprachregelungen partizipieren an der benennenden Kraft der Sprache. Und der Weltanschauungskrieg, der auch ein Vernichtungskrieg war, war nur der Anfang. Der projektive Scharfsinn heute lebt von der dezisionistischen Gewalt der Sprache, indem er die eigene Sprachregelung unkenntlich und unangreifbar macht.
Der Unterschied zwischen „hat gemordet“ und „ist ein Mörder“ ist der Unterschied ums Ganze. Die Rückverwandlung eines Verbs, eines Tätigkeitsworts, in eine Eigenschaft ist der Grund der philosophischen Logik; sie gelingt nur um den Preis der Verwandlung des Täters in ein Ding. Ohne diesen Trick würde es den Weltbegriff nicht geben, würde es Herrschaft nicht geben. Grundlage und Modell dieses Verfahrens (Grund der Hegelschen Reflexionsbegriffe) ist das Inertialsystem. Die gesamte Logik, das „Wer A sagt, muß auch B sagen“, reicht genauso weit wie diese Herrschaftslogik, die eine Verdinglichungslogik ist. Wenn ich dem Subjekt die Eigenschaft (das Prädikat) als feste Bestimmung anhefte, verdingliche ich das Subjekt; und die Härte dieser Verdinglichung zeigt sich daran, daß sie den Begriff besoffen macht (daß – Hegel zufolge – im Absoluten kein Glied nicht trunken ist).
Jesus kann nur das „Ich bin’s“ sagen, weil er die Schuld der Welt auf sich genommen hat. Insoweit ist er auch der gefallene Morgenstern, der Erbe Luzifers, ist er „abgestiegen zur Hölle“).
Bei den Griechen ist es Kronos, der seine Kinder frißt; weshalb ist es bei den Kanaanäern Ischtar, Astarte, der Moloch? Kann es sein, daß der griechische Mythos über den Schicksalsbegriff in die Philosophie hineinführt, weil er von Anfang an ein kosmologicher Mythos war? Der orientalische Mythos ist als ethischer Mythos dieser Auflösung nicht fähig, wird erst abgegolten durch die Ablösung des realen Kinderopfers.
Das Christentum: das gefährlichste Experiment Gottes mit der Welt.
Die narrative Theologie wäre ein Gegenkonzept zur prädikativen, zur Begriffstheologie, wenn sie ohne Willkür noch möglich wäre. Wenn es narrative Theologie noch gibt, dann steckt sie u.a. in den Berichten von Überlebenden aus Auschwitz. Alles andere ist Kunst und Schmücke Dein Heim.
Der Begriff „allseitig“ und der Slogan „der Mensch im Mittelpunkt“ passen aufs genaueste zur dritten Leugnung: Wir sind umstellt.
Wer die Psalmen Rachegesänge nennt, läßt die Grunderfahrung, die sich in den Psalmen ausdrückt, nicht an sich herankommen.
Wann wurde das Symbolum zum Bekenntnis, wann wurde das Credo logisch umgeformt in ein Confiteor? – Mit dem Confessor?
Maria Magdalena, die von den sieben bösen Geistern befreit wurde (Mk 169, Luk 82, vgl. auch Luk 1126): heißt das, daß sie die erste war, die vom Sternendienst befreit wurde (während in der Zahl der Aposteln noch der Tierkreis symbolisiert ist)? Umgekehrt: die Besessenen, deren böse Geister „Legion“ heißen (Mt 828, Mk 59, Luk 826), die dann in die Schweineherde getrieben werden, beziehen sie sich auf die ganze Sternenwelt (Abrahams Nachkommenschaft zahlreich wie die Sterne).
Insbesondere die katholische Kirche entartet immer mehr zu einer Religion für den beliebigen Privatgebrauch. -
18.08.91
Auch das Subjekt der Aufklärung unterliegt der Herrschaftskritik; anders ist es aus dem Bannkreis des Herrschafts-, Schuld-und Verblendungszusammenhangs nicht zu lösen.
Das Problem der Familie Weizsäcker scheint es zu sein, daß (beim Carl Friedrich und beim Richard) die Jungfräulichkeitslegende sich nicht halten läßt. Die Hoffnung darauf, nicht erwischt zu werden, hat in Probleme hereingeführt, die nicht mehr lösbar sind.
In der Ökonomie ist das instrumentale Handeln und damit die Instrumentalisierung der Objektivität das Erste, die Verdinglichung, der Objektivationsprozeß dagegen nur ein Folgeprodukt. In der Philosophie und dann in den Naturwissenschaften ist der Objektivierungsprozeß das Erste, wobei die Grundlagen dafür aus der Ökonomie stammen. Die Instrumentalisierung: die Verwandlung der Welt in Material für die endlichen Zwecke der Menschen, ist dann das Nebenprodukt, das sich hinter dem Rücken des Objektivierungsprozesses erst bildet. Die Ökonomie bedarf hierbei der Exkulpierung, und zwar durch den Staat, der die Schuld auf sich nimmt (und als Erblast und als Teil der Geschichte der Gewalt an die Folge-Generationen weitergibt). Die Geschichte der Gewalt (als Schuldgeschichte) ist hierbei nicht zu trennen von der Geschichte der Idolatrie und des Opfers. Frage, ob nicht systemnotwendig der Sternendienst dazu gehört.
Der Engel mit dem kreisenden Flammenschwert (bei der Vertreibung aus dem Garten der Bäume) und die Errichtung des Regenbogens (nach der Sintflut): gehören sie in diese Geschichte mit herein?
Zusammenhang mit
– dem Velikovskyschen Venus-Problem: der Regenbogen als Realsymbol für die Stabilisierung der Venus-Bahn;
– dem unterschiedlichen Nahrungsgebot im Garten und nach der Sintflut;
– der Geschichte der gesellschaftlichen Brüche (Ursprung der Hierarchie);
– Babel, der Sprachverwirrung und dem Tier?
Die Einführung des Begriffs der Umkehr in den Erkenntnisbegriff bei Rosenzweig steht in dem gleichen Zusammenhang, in dem er auch das Verhältnis von Philosophie und Theologie neu bestimmt.
Die Ontologie ist die Vollzugsmeldung nach Zerstörung der benennenden Kraft der Sprache. Sie ratifiziert die Zerstörung des Namens durch den Begriff (indem sie das Sein als Inbegriff des Prädikats zum Subjekt macht).
Hebräer als soziale Schicht: Abraham war Kleinvieh-Nomade aus Ur in Chaldäa; Moses hat die Hebräer aus ihrer Sklaverei in Ägypten herausgeführt; David war Führer eines Söldner-Trupps, der für die Philister gekämpft hat und dann gegen sie sein Königtum errichtet hat.
Welchen sozialen Status hatten die Kleinvieh-Nomaden? Bei den Ägyptern lastete ein Tabu auf dieser Gruppe, das möglicherweise den Übergang in den Sklaven-Status erleichterte. Wie verhalten sich Kleinvieh-Nomaden (David war ein Schafhirt) zu den Bergvölkern (die Hebräer aus Sicht der Philister)? Gibt es hier eine Beziehung zum Söldner-Dasein (die Brüder des David waren im Heer des Saul).
Das Zeitalter des Antichrist wird das Gesicht des Hundes tragen: es fällt in eine Zeit, in der alle nur noch domestizierte Wölfe sind. Der vielzitierte Wolf im Schafsfell ist der Hund.
War Gott das Tieropfer des Abel deshalb angenehm, weil im Tieropfer jenes Opfer dargebracht wurde, das gegen das Menschenopfer stand?
Wie verhält sich das Tierfell, das Gott den ersten Menschen zur Bedeckung ihrer Nacktheit gab, und das Opfer des Abel zum paradiesischen Nahrungsgebot: beides scheint darauf hinzuweisen, daß hier Tierfleisch gegessen worden ist. (Ist Tierfleisch erstmals beim Tieropfer gegessen worden: als Identifikationsmahl? -„Speise ging aus vom Fresser“ – Ri 1414; Doppelbedeutung des Wortes „Gericht“.) Kälber werden geschlachtet im Rahmen der Gastfreundschaft (die drei Boten bei Abraham; vgl. auch die Geschichte vom verlorenen Sohn); ist der Gast nicht auch eine Abgeltung des geopferten (und dann vergöttlichten) Fremden oder der Feind-Gott, den man durchs Tieropfer gnädig stimmen muß (deshalb gibt es im Kapitalismus oder in der restlos säkularisierten Welt keine Gastfreundschaft mehr)?
Die Erkenntnis, nackt zu sein (nach dem Sündenfall), ist eine einsichtige Folge aus dem Ursprung des moralischen Urteils, der Erkenntnis von Gut und Böse: diese Erkenntnis und dieses Urteil schlägt unmittelbar auf den Erkennenden, den Urteilenden zurück: als Erkenntnis, daß er nackt ist, als Ursprung der Scham.
Welche Tiere sind in dem Tuch, über das Petrus das neue Nahrungsgebot übermittelt wird?
Gibt es ein Inzestproblem in der Logik und in der Grammatik (Ontologie)? Oder: gibt es ein sprachliches Äquivalent der Beziehung von dämonischer Besessenheit („Legion“) und der Schweineherde?
Geschichte der Domestizierung: von den ersten Haustieren bis zur Entstehung der zoologischen Gärten, des Zirkus und der Dressur? Es gibt eine Elefanten-Dressur, aber keine Nilpferd- oder Krokodil-Dressur?
Nach der Apokalypse wird irgendwann „ein Drittel der Bäume“, aber „alles Kraut“ vernichtet?
Verdrängungsinstitutionen: Kaserne, Knast, Irrenanstalten, Schlachthäuser, Schulen, Krankenhäuser. Hier lassen wir durch andere die Drecksarbeit erledigen, an die wir in unseren Wohnungen nicht mehr erinnert werden wollen. Der Reinlichkeitszwang ist der genaue Reflex davon, ebenso der demonstrative Konsum, die Unterhaltungsindustrie, insbesondere das Fernsehen, das uns die entfremdete Welt in verschönerter, verkleinerter, handlicher Form ins Wohnzimmer liefert. BILD und FAZ und in deren Folge mittlerweile die gesamte Presse arbeiten daran mit, diese Subjektivitätssicht ungebrochen und ohne Reflexionszwang aufrechtzuerhalten, indem sie alle zu Herren ernennt und dazu zwingt, ihren Anteil an der Drecksarbeit zu verdrängen. Die hier produzierte objektive Arroganz (die von den ehemaligen DDR-Bewohnern heute an den „Wessis“ wahrgenommen wird) ist nur aufrechtzuerhalten durch die ständige Mobilisierung der Wut, der Unfähigkeit, die gleichen Verhältnisse aus der Sicht des Objekts wahrzunehmen und zu rekonstruieren. – Genau dagegen geht das Wort: Emitte spiritum tuum et renovabis faciem terrae.
Die Idolatrie ist ein Teil der Ideologie, die die Hochkulturen und die alten Großreiche überhaupt erst möglich machten. Sie hat die Voraussetzungen für das, was später dann sich als Privatsphäre etablierte (mit Hilfe des Bekenntnisses, in dem sich die Idolatrie perfektioniert, instrumentalisiert und vervollkommnet hat), geschaffen. – Welche Funktion hatten in der Ursprungsgeschichte der Großreiche die Hebräer (als Kleinvieh-Nomaden, Sklaven, Söldner)?
Das Nilpferd als Kuscheltier: die Apokalypse im Spielzimmer.
Der Staat kann die ihm aufgebürdete Last, seine Untertanen zu exkulpieren, sie aus der Verantwortung für seine Handlungen zu befreien, nicht tragen: im Ernstfall schlägt der Faschismus durch.
Die Habermassche „Neue Unübersichtlichkeit“ ist selbstproduziert und selbstverschuldet: Eine Kritik der Politik ohne Kritik des Weltbegriffs ist nicht mehr möglich.
Die Blumen auf den Gräbern der Christen leugnen die Lehre von der Auferstehung der Toten (das Gleiche gilt für die Blumen in den Wohnungen und in den Büros).
Durch die Namengebung der Tiere – Gott hat sie wie den Menschen aus Lehm gemacht, Adam hat sie benannt – hat der Mensch seinen präzise zu bestimmenden Anteil an der Schöpfung.
„Wem ihr die Sünden nachlaßt“ und „wem ihr sie nicht nachlaßt“: Diese Sätze haben unterschiedliche Bedeutung je nach dem Verständnis der Ermächtigung, die hier den Christen erteilt wird. Geht es hier um den Anteil an der richtenden oder an der rettenden, befreienden Gewalt? Hinzuzuhören ist das Gebot, dem Nächsten nicht nur siebenmal sondern sieben mal siebzigmal zu vergeben. Das Nichtvergeben, das Richten ist danach eine sehr ernst zu nehmende Sache. „Richtet nicht …“ Die Übersetzung in die Praxis durch die kirchliche Beichtpraxis verkehrt die Sache in ihr Gegenteil, verwandelt auch das Vergeben noch in ein Richten: Diese Vergebung hebt die zugrundeliegende Schuld nicht auf, sondern fixiert sie, macht sie undurchdringlich.
Die Welt ist der Inbegriff des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs. Die Schuld der Welt auf sich nehmen heißt: Theologie als Herrschaftskritik betreiben; eben damit löst sich auch der Verblendungszusammenhang auf. Das „Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben“ ist die Antwort auf die Erkenntnis des Guten und Bösen.
Hat es etwas zu bedeuten, daß der erste Satz der Genesis im Präteritum steht, und nicht im Perfekt: Man kann weder sagen: Im Anfang hat Gott Himmel und Erde geschaffen, noch: Im Anfang schuf Gott die Welt. Nur die „Weltschöpfung“ gehört ins Perfekt, hier müßte es heißen: Im Anfang hat Gott die Welt erschaffen, weil die Welt unterm Zeichen der Vergangenheit steht, so dem Eingriff des Menschen entzogen zu sein scheint, während Himmel und Erde im Imperfekt stehen, noch auf ihre Vollendung warten. -
12.08.91
Zur babylonischen Sprachverwirrung: Zusammenhang mit der Entstehung des Staates (und der Welt), der staatlich präformierten Sprach- (und Gewalt-)Logik; transzendentale Funktion des „Göt-zendienstes“, Begründung und Absicherung der Nationalsprachen (der Begriffs- oder Subsumtionssprachen), Leugnung und Verdrängung des universalen Anspruchs der Sprache (ihrer benennenden Kraft); Götzendienst als Subjektstütze in einer Welt, in der es einen Ausweg aus dem Schuldzusammenhang nicht mehr gibt, die erträglich zu machen ist nur durch Identifikation mit dem Aggressor (Ursprung der „Religion“). Der Götzendienst ist ein konstitutives Teil der Vergegenständlichung (der Verdinglichung und Instrumentalisierung), deren Geschichte hier, im Kontext des „babylonischen“ Herrschaftssystems, beginnt, und deren erstes Opfer die Unterworfenen selber sind. Hegels Religionsphilosophie beschreibt genau die Geschichte der Idolatrie, und seine Philosophie der Weltgeschichte die Geschichte ihres Resultats.
Gemeinheit ist, weil nicht objektivierbar (deshalb gibt es keine objektive Moral, keine objektivierbaren moralischen Urteile), kein strafrechtlicher Tatbestand, ist juristisch nicht faßbar; im Gegenteil: mit dem Fortschritt des Objektivationsprozesses steigt auch die Gewalt der Legitimation von Gemeinheit, die nichts anderes ist, als dessen „natürliche“ Folge, gleichsam das einbeschriebene Telos des Objektivationsprozesses. Heute läßt sich jede Gemeinheit mit „Sachzwängen“ begründen; und jedes Argument gegen die Gemeinheit läßt sich als ideologisch denunzieren.
Der Antisemitismus bringt die Gemeinheit auf ihren Begriff.
Der Satz „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ läßt sich so übersetzen: Die Welt ist der Inbegriff der Gemeinheit. Und jede Gemeinheit läßt sich mit dem „So ist die Welt“ unwiderlegbar begründen.
Der „Fall“ ist das Vergegenständlichte, Tote: in der Medizin die Behandlung des Leibes als potentielle Leiche. Wo beginnt hier der Verwesungsprozeß?
Ist die Statue Erbe der Mumie, d.h. auch der Versuch, den Toten wie einen Lebenden, wie jemanden, der dem Verwesungsprozeß enthoben ist, vorzustellen? Und welche Bedeutung haben in diesem Kontext das Opfer, der Tempel und die Geldwirtschaft?
Die Kopenhagener Schule hatte gleichsam die Maden im Speck entdeckt und rief aus: Seht, das Schwein lebt.
Hund und Schwein gehörten zu den Tabu-Tieren, zu den unreinen Tieren. In welchem Zusammenhang steht das mit der Geschichte der bösen Geister, deren Name Legion ist, und die Jesus in die Schweineherde fahren läßt? Was bedeutet hier der Name Legion?
Die Regelungen über die reinen und die unreinen Tiere in der Tora, beziehen sie sich nur auf das Nahrungsgebot? Geht es hier nur um Einschränkungen des Noachidischen Nahrungsgebots, oder handelt es sich darüber hinaus auch um eine Korrektur der adamitischen Namengebung? Die Aufhebung der Reinheits-Regelungen im Christentum erfolgt auch über ein Nahrungsgebot (über Petrus in der Apostelgeschichte).
Einige Merkwürdigkeiten aus dem Heiligen-Kalender:
– Heilige Bischöfe gibt es nur, wenn sie gleichzeitig Märtyrer, Bekenner oder Kirchenlehrer waren, während Äbte auch ohne diese besondere Qualifikation heilig werden konnten.
– Bei den Frauen kam es nur darauf an, ob sie Jungfrauen oder Witwen waren; Konfessorinnen oder Kirchenlehrerinnen scheint es nicht gegeben zu haben. Hier gibt es nur die eine besondere Heilige: Maria Magdalena, die als Büßerin geführt wird. Ist sie damit die einzige im ganzen Heiligen-Kalender, die aufgrund ihrer Umkehr (Buße ist die Übersetzung von metanoia) heilig geworden ist? (Dafür hat sie in ihrem Ansehen in der ganzen Kirchengeschichte büßen müssen. – Aber ist sie damit nicht zum Typos der geheimen, in der Geschichte der Häresien gesuchten, aber nicht entdeckten Kirche geworden? Wer sind die sieben bösen Geister: mir scheint, zwei Interpretationen sind auf jeden Fall falsch, die sexuelle und psychopathologische.)
Unkeusch ist imgrunde nur der denunziatorische Gebrauch moralischer Urteile.
Nochmal zum Heiligen-Kalender, zum Confessor, zur Virgo und Vidua, sowie zur Büßerin Maria Magdalena: Hier liegt ein deutlicher Hinweis auf den Zusammenhang des Bekenntnisses mit der kirchlichen Sexualmoral. Vor diesem Hintergrund vermag die Büßerin den verhängnisvollen Zusammenhang nur zu verstärken, indem sie mit dazu beiträgt, die Umkehr zu diskriminieren. Nicht die Jungfrau, die Bewahrung der „Unschuld“, ist das Modell der Heiligkeit, sondern die Umkehr: die Entsühnung der Welt durch Übernahme der Schuld, in die jeder durch sein Leben im Schuldzusammenhang der Welt verstrickt ist. Die Verschiebung des Zentrums von der Politik in die Sexualität, die Diskriminierung der sexuellen Lust anstelle der Lust am moralischen Urteil über andere (insbesondere über das Sexualleben anderer) ist Teil der Verweltlichung des Christentums und steht in der Tradition der Idolatrie.
Die Sünde wider den heiligen Geist, gegen die die schärfste Sanktion ausgesprochen wird (daß sie weder in dieser noch in der zukünftigen Welt vergeben wird), scheint mir der ersten Leugnung zuzuorden zu sein; sie ließe sich festmachen in der Geschichte der Dogmenentwicklung. Diese erste Leugnung zieht dann die anderen nach sich, über die Ketzerverfolgung („was ihr den geringsten meiner Brüder getan habt …“) bis zum Antisemitismus, in dem sie zur Selbstverfluchung fortschreitet.
Hegels Begriff der Aufhebung wäre durch das tollere in dem „Ecce agnus dei, ecce qui tollit peccata mundi“ zu berichtigen. Es ist ein Unterschied, ob ich die Schuld aufhebe, oder ob ich sie auf mich nehme. Nur indem ich die Last vergrößere, vermindere ich sie. Hegels Begriff der Aufhebung steht noch unter dem Bann der Opfertheologie, des stellvertretenden Sühneleidens. Er ist Erbe der Geschichte der Instrumentalisierung des Opfers. Diese Aufhebung gelingt aber nur in der Sphäre des Begriffs; Marx hat sie dann als Ausbeutung dechiffriert. -
10.08.91
Der Satz „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ erhebt mit dem „mir“ auch den messianischen Anspruch des „Ich bin’s“. Und dieser Satz ist näher an der Realbedeutung des Bekenntnis des Namens als das kirchliche Credo.
Die Herrschaftsgeschichte – und mit ihr die Geschichte des Objektivationsprozesses – ist irreversibel.
Das Licht ist nicht selbst ewig, sondern ein Bild der Ewigkeit, das Ewige als vergangen gesetzt: das ist ableitbar aus dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit. Darin scheint der Herrschaftsauftrag an die Leuchten des Himmels begründet zu sein. Dann wären die Leuchten des Himmels Realsymbole der Last der Vergangenheit und insoweit geeignet, als Realsymbole weltlicher Macht benutzt zu werden (Problem: Beziehung der Sprache zur sichtbaren Welt!).
In der islamischen Version der Abraham-Geschichte liefert die Erkenntnis, daß weder die Sonne, noch der Mond, noch die Sterne göttlich sind, die Begründung für den Monotheismus.
Der Hinweis, daß der Gebrauch des Gottesnamens JHWH antisemitisch sei, ist vielleicht der schlimmste Satz bei Gunnar Heinsohn; er scheint mit dem verächtlichen Gebrauch des Namens der Hebräer zusammenzuhängen, der selber antisemitisch ist, und der vielleicht einmal sich auflöst in der Auflösung des Rätsel Abraham / Ibrahim. Ist Ibrahim vielleicht eine Parallelbildung zu Elohim (ein Singular-Plural, der sich auf die Hebräer, die Ibri bezieht – und dann die Isaak- und die Jakob-/Israel-Tradition adoptiert hat)?
Was heißt Israel? Bezieht sich Israel auf die Söldner-Vergangenheit (und Hebräer auf die Sklaven-Vergangenheit)? Wo heißt es im NT: „Ein wahrer Israelit“? (Joh 147: Jesus über Natanael; welche Bedeutung hat hier der Feigenbaum?)
Das Jesus-Wort „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 1030) und das andere „Ehe Abraham ward, bin ich“ (Joh 858): was bedeutet hier Vater? Die Juden kennen den Gott der Väter, sie kennen den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, sie kennen den Gott der Hebräer und den Gott Israels, aber kennen sie auch den Vater-Gott (ja, im Deut, 2Sam, Ps, Jes, Jer, Mal)? Ist nicht der Vater-Gott ein Reflex der Vergöttlichung des Sohnes?
Gibt es eine Beziehung zwischen dem Zeugungsbegriff, den toledot (auch in der Schöpfungsgeschichte) und den Stammbäumen, den Genealogien (überhaupt den Bäumen in der Bibel, insbesondere in der Paradies- und Sündenfall-Geschichte)?
Wie wär’s mit dem Titel „Zwischenbericht“?
Die Philosophie ist die falsche Erfüllung des Bilderverbots; sie hat die Auflösung des Mythos nicht geleistet, sondern nur vertagt.
Ist es nicht ein Stück reiner Projektion, wenn wir aufgrund des heutigen Zustands der Dinge zu den altorientalischen Sprachen generell Völker hinzudichten. Kann es nicht ebenso sein, daß diese Sprachen in einer von Katastrophen geprägten Welt sich auch auf soziale Gruppen, soziale Schichten beziehen („sumerische“, „hebräische“, „aramäische“ Sprachen). Dann wäre der Turmbau zu Babel Teil einer Geschichte des Ursprungs der Klassengesellschaft (Abraham der Hebräer kam aus Ur in Chaldäa). Die Verwirrung der Sprache wäre dann die Urform des marxschen „falschen Bewußtseins“. Ebenso scheint die Idolatrie (einschließlich des astralen Kultes als einer spezifischen Gestalt des Herrendenkens) sprachlichen Ursprungs zu sein, ein Verhältnis des Bewußtseins zur Objektivität zu beschreiben, das zwangsläufig sich in bestimmten sprachlich-grammatischen Strukturen ausdrückt und sedimentiert.
Gilt das „filius meus es tu, hodie genui te“, das ja wohl auch ein Adoptionsverhältnis mit ausdrückt, auch schon für die Genealogien, so daß z.B. Abraham nachträglich den Isaak und Jakob und mit dem Jakob die zwölf Stämme Israels (als Hebräer) gleichsam adoptiert hat?
Der Corpus Christi Mysticum ist in Auschwitz vernichtet, vergast worden.
Könnte es sein, daß die Geschichte der Verleugnungen auf die apokalyptischen drei Zeiten und eine halbe Zeit paßt?
Die Vorstellung, daß Gott die Welt aus dem Nichts erschaffen hat, ist eines der folgenreichsten theologischen Dogmen; indem sie voraussetzt, daß Sein und Nichts gleichsam als Totalitätsbegriffe einander gegenüber stehen, streng getrennt werden können, verhindert sie die Reflexion, die Hegel dann gewaltsam der traditionellen Philosophie abringen mußte. Ein spätes Echo dieser Vorstellung vom Nichts ist die Frage Heideggers: Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?
Teilhard de Chardin hat einmal darauf hingewiesen, daß Tiere hypertrophe Bildungen der Selbstinstrumentalisierung sind, aus dem Gefängnis ihrer Selbstinstrumentalisierung nicht mehr herauskommen. Paßt das zu Adams Benennung der Tiere und zu dem Satz aus der DdA, daß alle Tiere an eine Katastrophe in der Urzeit erinnern?
Zur Schlange (dem schlauesten unter den Tieren): Welche Funktion hatte die eherne Schlange des Moses beim Exodus, und wann wurde diese eherne Schlange aus dem Kult herausgenommen? -
09.08.91
Geldwirtschaft gründet in Schuldknechtschaft. Der Aspekt der Herrschaft des Tauschprinzips ist insoweit irreführend, als er das Unaufhebbare am Kapitalismus verdeckt, verdrängt. Die Vorstellung, daß gleichberechtigte Warenbesitzer mit einander tauschen und dafür irgendwann ein allgemeines Tauschmittel, das Geld, einführen, erweckt den Eindruck, als sei der Reichtum schlicht vorhanden, bloß gegeben, und bräuchte im Bedarfsfall nur umverteilt zu werden. Es gibt aber keinen Reichtum, der nicht die Armut zur Grundlage hat, die er selbst produziert. Daß die bürgerliche Gesellschaft bei all ihrem Reichtum nicht reich genug ist, der Armut zu steuern, hängt mit dem Ursprung und dem Begriff des Reichtums zusammen. Die Geschichte vom reichen Jüngling drückt genau diesen Sachverhalt aus.
Es gibt heute – draußen und drinnen – eine Armut, die nicht mehr mit dem Argument zu rechtfertigen ist, die Armen seien selbst schuld, daß sie arm sind.
Gibt es – neben dem Confessor und der Virgo, zu deren letzten Auswirkungen die Penner und die Huren gehören – auch die Heiligengestalt des Gerechten? Diese Gestalt des Gerechten, die kenntlich gemacht hätte, worauf das Ganze hinausläuft, scheint es im Christentum nicht gegeben zu haben. Mit dem Ursprung der Welt ist die Gerechtigkeit zu einer transzendenten, unerfüllbaren Idee geworden, das Recht als seine säkularisierte Gestalt in der verweltlichten Welt ist ein konstitutiver Teil des Schuldzusammenhangs. Erlösung war immer eine Erlösung von der Schuld, aber nicht Befreiung zu einem gerechten Leben. Das drückt sich dann aus in der Idee der Rechtfertigung, dem Kristallisationskern des mythischen Denkens in der Theologie.
Die kantischen synthetischen Urteile apriori und die Kategorientafel sind die Konstituentien des namenlosen Objekts.
Kann es sein, daß der Objektstatus heute nur noch zu ertragen ist, wenn er durch das, was sich heute Musik nennt, übertäubt wird. Beachte die Gesichter von Joggern: ohne Walkman verzerrt, wütend, aggressiv, mit Walkman selig lächelnd.
Heute nagelt das Christentum die Gläubigen an das Kreuz ihres Selbstmitleids, macht sie unsensibel sowie arrogant, böse und stumm.
Die Welt definiert sich gegen die Vorwelt durch die Vergesellschaftung der Gewalt, durch die Installation des Gewaltmonopols des Staates (durch das Recht); oder durch die damit begründete Vergesellschaftung und Internalisierung der Naturbeherrschung. Bevor sie ihren Siegeszug nach außen antreten konnte, mußte sie sich in der Gesellschaft, in den Subjekten konstituieren.
Die staatliche Instrumentalisierung der Gewalt ist die Voraussetzung des Objektivationsprozesses, Grundlage des Weltbegriffs.
Die Bäume in der Bibel:
– „Von allen Bäumen dürft ihr essen“: Vorausgesetzt war das Nahrungsgebot, das die Früchte des Feldes und die der Bäume den Menschen zuwies (und den Tieren das Kraut).
– „Nur nicht von dem Baum in der Mitte des Gartens“ (dem Baum der Erkenntnis, des Lebens?): Vom Baum der Erkenntnis haben sie dann gegessen, mit den bekannten Folgen.
– Die Jotam-Fabel (auch der Dornbusch ist demnach ein Baum), die Zedern des Libanon, der Weinstock, der Feigenbaum, der Ölbaum, das Kreuz.
– Gibt es zu Stammbaum eine biblische Entsprechung? Stammbaum = toledot; Stamm (Baum) und Stamm (Sippe): Jesus kommt aus dem Stamme Davids? Gibt es eine Beziehung zu den Türmen?
Nachdem die häresienbildende Kraft mit der Reformation verbraucht war, hat es neben den Konfessionen (den säkularisierten Gestalten der Kirche) nur noch Sekten gegeben.
Dummheit gründet im allgemeinen in mangelnder Idenfikationsfähigkeit (Aufmerksamkeit), in der Unfähigkeit, sich auf die Erfahrung des anderen einzulassen.
Früher haben Propheten eine Situation durch Symbolhandlungen aufgeschlüsselt, heute sind Symbolhandlungen (aufgrund des Wiederholungszwangs, dem sie unterworfen sind) Formen der Selbstverurteilung.
Opfertheologie und Instrumentalisierung gehören zusammen. Die gemeinsame Wurzel beider ist die Idolatrie.
Der Konkretismus der Heinsohn et al. rührt her von der Unfähigkeit, das, was sie durch Naturkatastrophen hervorgerufen verstehen, aus der genetischen Struktur der Erfahrung und der Geschichte der Sprache abzuleiten.
Fundamentalisten sind Religions-Hooligans (Bindeglied ist das Bekenntnis).
Das Prinzip der Delegation (im postmodernen Management) scheint daraus sich herzuleiten, daß insbesondere das Unangenehme, das, was moralische Skrupel verursachen könnte, an andere delegiert werden soll. Daher kommt es, daß die Bedenkenlosesten im allgemeinen als die besten Mitarbeiter angesehen sind
Warum gibt es keine objektive Moral, oder: warum schließt der Begriff einer moralisch begründeten Erkenntnis den Verzicht auf moralisches Urteil mit ein (Zusammenhang von Erkenntnis und Schuld: Grund des Nachfolge-Gebots)?
Heideggers „In-der-Welt-Sein“ ist das notwendige Korrelat der begrifflichen Aufteilung des Seienden in Vorhandenes und Zuhandenes. Der reflektorische Begriff des Zuhandenen verleiht dem Dasein den Charakter des In-der-Welt-Seins. Als Zuhandenes ist das Dasein uneigentlich, als Vorhandenes eigentlich? Der Trick zieht nicht: Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit sind wie Vorhandenes und Zuhandenes untrennbare Reflexionsbegriffe.
Inertialsystem und Gravitationsgesetz gehören zusammen: sie sind zwei Aspekte der Gleichnamigmachung des Ungleichnamigen.
Hat die Geschichte von Romulus und Remus etwas mit der von Kain und Abel zu tun? Auch Romulus erschlägt seinen Bruder Remus und gründet dann die Stadt Rom.
Sind die Astralreligionen als Herrschaftsreligionen schon in der Schöpfungsordnung (Herrschaftsauftrag an die Leuchten des Himmels) verankert?
Der Personbegriff ist die Stecknadel, mit der der Name getötet und wie ein Schmetterling aufgespießt wird; er nimmt dem Namen das Wesen: das Angesprochen- und Gehört-Werden. Sind Frauen Personen, und sind nur Personen bekenntnisfähig? Auch Gott ist nur ein Personbegriff.
Das Inertialsystem ist das Refenzsystem, auf das alle naturwissenschaftlichen Begriffe, Gesetze und Erscheinungen sich beziehen, und diese drei Begriffe bezeichnen nur drei Aspekte einer Sache (Grund der negativen Trinitätslehre).
Die Welt ist das entstellte Antlitz der Erde, auf das sich der Satz bezieht: emitte spiritum tuum, et renovabis faciem terrae.
Adornos Eingedenken der Natur im Subjekt gehorcht dem Nachfolge-Gebot.
Die Parole Rousseaus „Zurück zur Natur“, die zusammenhängt mit der romantischen Vorstellung von den edlen Wilden, fällt herein auf die christologisch begründete Hypostasierung der Natur (der Vergöttlichung des Opfers) und ist wider Willen einer der Auslöser der Barbarei. Vielleicht müßte man hierzu den zweiten Teil von Derridas „Grammatologie“ lesen.
Die Psychoanalyse und die Psychomatische Medizin sind keine Hilfen bei der Wiedergewinnung des Subjekts, sondern verlängern den Instrumentalismus ins Subjekt hinein. Nicht zufällig sitzt der Psychotherapeut bei der Anamnese hinterm Rücken des Patienten. -
02.08.91
Was das Christentum vom Judentum unterscheidet, ist die Antwort auf eine im wörtlichen Sinne welthistorische Zeitenwende: die Antwort auf den Beginn und die Folgen des durch Philosophie und Politik konstituierten Säkularisationsprozesses. Auf den hier begründeten und entsprungen Weltbegriff bezieht sich das Neue am Christentum, das hier erst möglich (und notwendig) war: die Übernahme der Schuld der „Welt“ durch Jesus und das darauf sich beziehende Nachfolge-Gebot. Nur so war die jüdische Tradition nach dem Einbruch des Hellenismus und des Römischen Imperiums zu retten. Die Welt, die hier entspringt, ist tatsächlich aus dem Nichts erschaffen, aber nicht durch Gott, sondern durch den Demiurgen, den Staat. Gott hat nicht die Welt, sondern „Himmel und Erde“ erschaffen; die Welt hingegen ist Erbe und Inbegriff dessen, was bei den Propheten Götzendienst hieß: Produkt von Subjektivität, Folge der verdrängten Zukunft, Himmel und Erde ohne Himmel.
Symbolisiert das „Gesetz“ bei Paulus (insbesondere in der Erbsünden- und Erlösungslehre des Römerbriefes) die „Welt“ – und nicht nur das „Gesetz der Juden“ (Ursprung des kirchlichen Antijudaismus, Projektion); ist der Ursprung des Gesetzes (der Zaun der Tora) schon ein Reflex auf die Verweltlichung der Welt, Korrelat des Gesetzes der Profangeschichte (Objektivation und Verdinglichung, Herrschaft des Tauschprinzips, entfremdetes Bekenntnis, Inertialsystem, Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang, „Dornen und Disteln“)? -
01.08.91
Das „tu es Petrus“, die Schlüsselgewalt und die Verheißung, daß die Pforten den Hölle die Kirche nicht überwältigen werden, gehören zusammen. – Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen, aber die dritte Leugnung geht bis zu Selbstverfluchung (präzise Beschreibung dieser Selbstverfluchung im Kontext der Eucharistie: wer dieses Brot und diesen Wein unwürdig genießt, der ist und trinkt sich das Gericht?). – Die Pforten der Hölle: Sind das nicht Physik, Ökonomie und das Bekenntnis? Und hängt nicht insbesondere das Bekenntnis mit der Eucharistie zusammen?
Ist das Bekenntnis-Problem erst dem durch Faschismus und Auschwitz geschärften Blick sichtbar geworden?
Das Unverständnis dessen, was der Name in der jüdischen Tradition bedeutet, des Kontextes, in dem dann auch im NT der Begriff des Bekenntnisses des Namens steht, war der Preis, der für das Urschisma, für die Trennung des Christentums von seiner jüdischen Vergangenheit, gezahlt worden ist. War dieser Preis nicht zu hoch?
Der Begriff spricht das Objekt nicht an, sondern spricht über das Objekt, d.h. er entspricht präzise der Situation bei der zweiten Leugnung des Petrus.
Ist es von Bedeutung, daß die Geburt Jesu zusammenfällt mit einer Volkszählung, zu der Maria und Josef in ihre Heimatstadt Bethlehem gehen mußten?
Lukas: „Denkt an Lots Weib“.
Was ist der Unterschied zwischen Gewalt, Macht und Herrschaft? Gibt der Spruch: „Anarchie ist Macht ohne Herrschaft“ Sinn?
Die Erkenntnis des Guten und Bösen ist das Prinzip der urteilenden Erkenntnis. Darauf ist das „Richtet nicht …“ eine späte Antwort.
Was heißt conjugare und declinare? Haben Konjugation und Deklination etwas mit der Dreidimensionalität des Raumes (mit Orthogonalität und Irreversibilität) zu tun? Ist der Begriff der Umkehr nicht präzise definiert durch das Verhältnis von „im Angesicht“ und „im Rücken“ (statt Rechtfertigung: die Verteidigung des andern)?
Ist die Definition der Geraden im Raum nicht selbstreferentiell: die Gerade wird durch die Bahn des Lichtstrahls definiert; danach kann man erst sagen, daß das Licht geradlinig sich ausbreitet?
Die Stelle mit Assur, Ägypten und Israel: wer war das Werk seiner Hände? Gibt es hier eine Beziehung zur Trinitätslehre und zum dreidimensionalen Raum?
Es gibt nur zwei legitime Positionen zur Prophetie: Entweder man ist selbst ein Prophet, oder man ist Adressat der Prophetie. Die Position des objektiven, unbeteiligten Zuschauers gibt es nicht (es sei denn um den Preis des Antisemitismus). Kann es sein, daß im Christentum diese beiden legitimen Positionen zu Prophetie zusammenfallen, Jesus sowohl Prophet als auch Adressat der Prophetie ist, und diese Verbindung im Nachfolgegebot an die Christen weitergegeben wird? Repräsentieren Islam und Christentum diese beiden Momente getrennt (das Christentum den vergöttlichten Adressaten, der Islam einen der Propheten)? Der Islam macht halt, schrickt zurück vor der Vereinigung des Propheten mit dem Adressaten der Prophetie; für ihn ist Jesus nur einer der Propheten und Mohammed dann der letzte. Aber da ist kein Messias, kein Erlöser: keine Umkehr. Der Islam ist gleichsam die positivistische Religion.
Die Revolution der verlorenen Generation (insbesondere in der BRD) ist eine Folge der unaufgearbeiteten Vergangenheit: eine Revolution aus dem Blickwinkel frustierter Konsumenten (die an der Vorstellung festhalten, der Staat sei der Ernährer der Menschen); für das, was ihnen entgeht, halten sie sich schadlos an der Realität. Der Marxsche Revolutionsbegriff, der sich auf das Proletariat bezieht, bezieht sich damit auf die gesellschaftliche Schicht der Produzenten, erwartet damit, daß in der Revolution dieses produktive Element zu sich selber kommt und die Alternative zur bestehenden Gesellschaft dann auch realisiert, während bei der lost generation die Alternative nicht einmal im Ansatz sichtbar ist. Das Anarchie-Konzept trägt nicht. – Das Wahrheitsmomment in der verlorenen Revolution heute liegt in der Wahrnehmung, in der Einsicht, daß das, was heute Produktion heißt, die Lebensgrundlage derer, die hier in den Metropolen leben, die Zerstörung der der Lebensgrundlagen der überwiegenden Mehrheit der Menschen in der Dritten Welt mit einschließt, d.h. in einem alle Vorstellung übersteigenden Maße kontraporduktiv geworden ist.
Dieses schlimme christliche Harmonie-Bedürfnis: wir tun so, als brauchten wir nur ergriffen sein, und wenn wir spüren, daß wir in Gottes Hand sind, wären wir es auch schon. Dieses Harmonie-Bedürfnis (insbesondere in Deutschland) ist eine der Folgen der unbewältigten Vergangenheit. Wir können diese Vergangenheit nicht mehr abwerfen, wir haben nur diese eine. Wir können keine Vergangenheit mehr abwerfen; der einzige Weg führt durch die Erinnerungsarbeit hindurch.
Idolatrie: Entlastung, Exkulpierung durch Projektion der eigenen Schuld nach draußen, durch Delegation der Verantwortung: Schuldig sind die Götter; Freiheit gibt es nur durch Komplizenschaft. Dieses Konzept hat das Christentum durch die Opfetheologie in seine Theologie mit hereingenommen. Das jedoch war nur möglich unter gleichzeitiger massiver Verletzung des Nachfolge-Gebots.
Franz Rosenzweig ist wirklich der Mann, der unter die Räuber fiel. Vor allem eines macht die erkenntnistheoretische Rezeption des Begriffs der Umkehr so wichtig. Franz Rosenzweig gebraucht hier das Bild mit dem Koffer: was zuerst hineingetan wurde, wird nachher in umgekehrter Reihenfolge wieder entnommen. D.h. es geht nichts verloren (und es wird nichts überwunden)! – Die „Überwindung“ von Vergangenem ist der Einlaß des Heidnischen, des Vergangenen, ins Christentum; er bezeichnet die genaue Gegenposition zur Umkehr. Hier ist Umkehr vonnöten.
Das Hegelsche Absolute ist in der Jotam-Fabel beschrieben worden.
Es gibt eine Schuld, die nicht mehr beichtfähig ist. Diese Schuld („die Schuld der Welt“) ist der genaue Gegenstand des Nachfolgegebots (und der Schlüsselgewalt der Kirche). Die Welt ist der Inbegriff der unaufgelösten Last der Vergangenheit. Sie trifft alles, was in ihren Bannkreis hineingerät, von hinten. Der Kristallisationskern, an den sich der Weltbegriff, die Struktur und die Ausgestaltung der Philosophie und auch die Institution des Staates anschließt, ist das Prinzip der Selbsterhaltung; in der aus der Philosophie stammenden Lehre von der Unsterblichkeit der Seele wird dieses Prinzip der Selbsterhaltung über das zeitliche Ende des Lebens, den Tod, hinaus verlängert: verankert sich die Welt im Jenseits (und vergiftet es).
Früher haben die Philosophen die Schrift allegorisch gelesen. Heute sollten die Theologen die Philosophie allegorisch lesen.
Die Abtreibungsdebatte: der moralische Aufhänger, an dem man so schön die eigene Gemeinheit wieder ausleben kann. Wo steckt der Grund, die Ursache für den Projektionszwang; was motiviert diese Debatte und heizt sie an? Auf welche Abtreibung bezieht sich die Kampagne objektiv?
Woran hängt die Logik der kantischen Antinomien der reinen Vernunft; wird sie getroffen durch die Kritik des Objektivierungsprozesses (Zusammenhang mit den Hegelschen Reflexionsbegriffen, mit dem Beginn der Hegelschen Logik; nur hier sind die Dinge mit dem Begriff des Seins schon gelaufen, ist die Philosophie schon der ontologischen Sucht verfallen)?
Im Säkularisationsprozeß verlängert sich mit der Konstituierung der Welt das Gedächtnis, während die Erinnerung verschwindet (auch ein Problem der Zeitdilatation?). -
20.07.91
Zwei Bemerkungen zum Schuldbegriff (oder auch zum „jüdisch-christlichen Dialog“):
– Rückblickend auf die Situation während des Golfkrieges hat Micha Brumlik (in Publik-Forum vom 19.07.91, S. 21f) bei einigen christlichen Teilnehmern am jüdisch-christlichen Dialog die „unbedingte und fraglose Solidarität mit dem unter irakischem Beschuß stehenden Israel“ vermißt. In der Erinnerung an Auschwitz kann er die unbedingte Solidarität fordern, aber auch die fraglose? Fordert er damit nicht jene „Bekenntnisgemeinschaft“, die zum christlichen Erbteil in der Schuldgeschichte des Antisemitismus gehört? Als fraglose wird die Bekenntnisgemeinschaft zur Schicksalsgemeinschaft, zum mythischen Bann. Grundlage ist hier wie in der christlichen Opfertheologie die Instrumentalisierung der Schuld.
– Vgl. hierzu Ernst Tugendhat in „Hatte die Friedensbewegung nicht doch recht?“, S. 91: Ist diese Schuld objektivierbar? Gibt es hier nicht in der Tat den Unterschied zwischen der Selbstbeurteilung und der Beurteilung durch andere (im Angesicht und hinter dem Rücken; „der Ankäger hat immer Unrecht“)? Ist dieser Unterschied nicht der Grund der jüdisch-christlichen Tradition?
Theologie: Reflexion der Beziehung von Schuld und Erkenntnis.
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