„Ich halte Hypnose für die oberste Stufe der Überzeugung“ (Jeshajahu Leibowitz: Gespräche über Gott und die Welt, S. 178): „Überzeugt“ wird der Richter durch die glaubwürdige Aussage von Zeugen, während der Angeklagte bekennt. Die Überzeugung ersetzt das fehlende Bekenntnis. Beide sind (im forensischen Gebrauch) sinnvoll nur im Hinblick auf das richtende Urteil. Wirksamer als die Überzeugung ist aber in jedem Falle das Bekenntnis; deshalb die Ausbreitung der Folter in der Welt nach Auschwitz. Allerdings beeinträchtigt die Folter die Glaubwürdigkeit des Bekenntnisses: die fehlende Glaubwürdigkeit wird ersetzt durch die Gewalt; das Opfer (das Objekt) ist in jedem Falle schuldig (wie in der Physik und im Hexenprozeß).
Intersubjektivität ist die vollendete Form der Überzeugung: Hier wird die Gesellschaft insgesamt (ohne Ausnahme) zum Zeugen. Hergestellt wird die Intersubjektivität durch Mathematik (die kantischen Formen der Anschauung), durchs Tauschprinzip oder durchs Zwangsbekenntnis (in der Religion durchs Dogma, im Staat durchs Feindbild). Ist Intersubjektivität ohne (reale oder potentielle) Folter herstellbar?
Zur trinitarischen „Zeugung“: Meint das „Heute habe ich Dich gezeugt“ nicht eigentlich das „Bezeugen“?
Die Gefahr bei Marquardt ist die der Theologisierung Israels (vgl. „Verwegenheiten“, S. 160f, 169ff und 183ff). Eine Israel-Theologie, die nicht vermag, Auschwitz und die Palästinenser mit einzubeziehen, grenzt an Blasphemie, erinnert an eine Bewältigung der Vergangenheit, die den Antisemitismus bloß umkehrt, aber seine Prämissen konserviert: an einen Exkulpierungsversuch, der dem Wiederholungszwang verfällt. Das grenzt an theologischen Kolonialismus. Hier ist der Satz von Leibowitz vielleicht nicht unwichtig: „Der Glaube, der darauf gegründet ist, daß ich über Gott Bescheid wüßte, ist Götzendienst.“ (S. 124) Das Bilderverbot gilt nicht nur in der Anwendung auf Gott.
Bekenntnislogik
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24.04.91
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22.04.91
Wie steht der Professor zum Confessor, Bekenner? Woher stammt der Titel und Begriff des Professors?
Profession ist der Beruf (professionell), Profeß das Gelübde, das die endültige Zugehörigkeit zu einem Mönchsorden besiegelt. Wie verhält sich die Profession zur Konfession (professionell zu konfessionell); auch der Beruf ist ein Ich-Stabilisator, und der Professor wird berufen.
Woher kommt die Bezeichnung Diplomat (sprachlich und historisch)? Diplomat und Wahrheit, „diplomatische Antwort“. (Kehrseite: der Enthüllungs-Journalismus und die linken Enthüllungs-Theoretiker; sie nutzen die gleichen Tricks: wenn eine Hypothese nicht widerlegt werden kann, ist sie öffentlich brauchbar. Nutzung der Reflexionsbegriffe.)
Der Satz, daß das Kabarett nichts ändert, gilt auch für den Enthüllungs-Journalismus. (Der „Spiegel“ bewirkt selbst dort nichts, wo er etwas auslöst; er macht nur süchtig (wie das Lachen).
Der verzweifelte Versuch der Linken, Zugang zu den Techniken der Macht zu gewinnen, ist apriori zum Scheitern verurteilt. (Linke Religionskritik war eigentlich auch immer Stück verzweifelter Kritik an der Herrschaftskritik, die Religion repräsentiert. Dieser Einsicht, war Georg Lukacz sehr nahe; er hat sie, als er sich dem Stalinismus unterwarf, selber verworfen. Und auch seine Schüler haben sie nicht begriffen.)
Entspricht das Verhältnis von Natur und Gnade dem von Natur und Ökonomie?
Hinter dem Rücken: der Tod überfällt die Menschen von hinten. (In dem Trieb, Märtyrer zu werden, spielt das Bewußtsein eine Rolle, daß dieser Tod anders ist. Die Kraft, der Katastrophe standzuhalten: Lots Weib. Der Satz: „Ihr seid das Salz der Erde“ bezieht sich hierauf. Und die Salbung Jesu vor dem Tod macht die Salbung nach dem Tod überflüssig?)
Alles, was uns aus unserer physis überfällt, überfällt uns von hinten (Krankheit und Tod). Und alles, was uns aus Politik und Ökonomie überfällt, überfällt uns von hinten. Davon abstrahieren alle an der Physik orientierten Weltentstehungstheorien.
Wie verhält sich die Salbung des Messias, des Königs zur Salbung der Toten (zur ägyptischen Mumie)?
Was den christlichen Antisemitismus am sogenannten Alten Testament ärgert, ist eine Art der Darstellung, die eine Unschuldsnische nicht zuläßt (Erkenntnis nicht durch moralische Urteile bestimmt, deshalb moralisch).
Hängt die Tatsache, daß Primo Levi in der Lage war, seine Auschwitz-Erfahrung zu beschreiben, damit zusammen, daß er Chemiker war? Oder anders: Sind Mikrophysik, Chemie und Atombombe noch auf andere Weise mit Auschwitz verknüpft, als nur über ihre Effekte?
Petrus in Babylon. (Reinhold Schneiders „Winter in Wien“ in Rom neu schreiben?)
Das „steinerne Herz der Unendlichkeit“: das ist unser Herz.
Zum Sündenfall: „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“. Das scheinen wir heute noch unmittelbar zu verstehen. Verstehen wir es wirklich (Scham, Schuld, Schuldzusammenhang)? Geschichte von Adam und Eva; exkulpative männliche Interpretation; übersehen, wird, daß Adam durch Komplizenschaft die Schuld erst möglich macht. Diese Komplizenschaft aber ist ein Grundmoment der Verflochtenheit der Männergesellschaft in den Schuldzusammenhang (Faschismus-Syndrom).
Was hat es überhaupt mit dem „Baum der Erkenntnis“ zu tun? Baum: Überwintern, Überleben durch Verstockung. Stamm als Vorstufe der staatlich organisierten Gesellschaft (zwölf Stämme Israels; Verstockung durchs Bekenntnis: darin lebt der Baum der Erkenntnis fort; im Bekenntnis wird das Wort der Schlange wahr: „Ihr werdet sein wie Gott, erkennend, was gut und böse ist“; ist das Bekenntnis das Tierfell, das Gott den Menschen gegeben hat, ihre Scham zu bedecken?).
Nacktheit und Scham sind gesellschaftliche Phänomene, konstitutiert durch die Reflexion auf den Blick des anderen. Schamlos und unverschämt ist nicht das Gleiche: Unverschämt ist der fixierende, verdinglichende Bick, der Blick, der den anderen auszieht; die Verworfenheit der Schamlosigkeit gilt nur im gesellschaftlichen Schuldzusammenhang; es gibt eine Schamlosigkeit aus Arglosigkeit, die frei von Scham ist (aber diese Arglosigkeit gilt nicht im Blick auf die Herrschenden; hier gilt: Seid klug wie die Schlangen). -
17.04.91
Das Modell des Kreislaufs ist der Jahreskreislauf: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. An diesen Kreislauf ist das Leben der Pflanzen gebunden, es verselbständigt sich nicht dagegen. Anders das Leben der Tiere, daß sozusagen den Grund dieses Kreislaufs in sich aufgenommen, verinnerlicht hat. Läßt sich so (auf der Grundlage der Korrespondenzen zwischen dem Inneren und der Außenwelt) die Astrologie begründen? Aber auch die dem Menschen verliehene Macht: Adam benennt die Tiere. Gleichzeit werden Sonne und Mond als Herrscher des Tages und der Nacht bestimmt.
Die Pflanzen überleben (überwintern) durch den Samen (und die Wurzeln?). Die Bäume überleben die Jahre durch Verholzung, Verstockung (Hypertrophie der Wurzeln). Hängt das mit dem gemeinsamen Ursprung der Bäume und der Prähominiden zusammen? Die Säugetiere, deren Leben auch an die Perioden der Jahreszeiten noch gebunden ist (Zeugung, Geburt, z.T. auch Winterschlaf), haben einen gemeinsamen Ursprung mit den blütentragenden Pflanzen (Beziehung der Fortpflanzung zum Licht, Insekten). Ist hier der Punkt, an dem der Ursprung von Behemoth und Leviatan interessant wird?
Hat es etwas zu bedeuten, daß der Begriff Stamm sowohl die vorstaatlichen (geschlechterbezogene) Sozialeinheit bezeichnet als auch den Stamm der Bäume? Ist – bezogen auf die zwölf Stämme Israels – die Verstockung gleichsam ein Naturqualität?
Hoffnung gibt es nur, wenn es Hoffnung auch für die Toten gibt.
Die naturphilosophische Enträtselung des Gesetzes: Der Islam wäre daraufhin zu befragen: Wenn Gott die Welt täglich neu schafft, er gleichsam diese Herkulesarbeit leistet, die Welt täglich vor dem Untergang zu retten, woher kommt dann ihr täglicher Untergang? Wo liegen die Wurzeln des Verhängnisses; sie haben einen politischen Teil, aber sie liegen nicht in der Politik.
Die Vorstellung einer unendlichen Vergangenheit (und eines unendlichen Raumes) ist der Preis für die Konstitution des transzendentalen Subjekts.
Aggression ist ein Symptom für nicht geleistete Trauer- und Erinnerungsarbeit.
Heute trampeln unsere Theologen beim Unkrautausreißen in allen Weizenfeldern herum. Und zwar sowohl die christlichen, als auch die marxistischen Theologen. Alle behaupten, das richtige Unkrautvertilgungsmittel zu haben, aber keiner macht sich Gedanken über die Nebenwirkungen.
Die Stoßprozesse sind der Keimpunkt, an den sich das ganze System der Physik ankristallisiert. Sie sind sozusagen der zentrale Referenzpunkt für alle naturwissenschaftlichen Begriffe, Objektvorstellungen und Gesetze.
Die Gemeinheitsautomatik ist eine Funktion des Empörungsmechanismus.
Zur Bekenntnislogik gehört
– der Feind: das sind die Juden;
– der Verräter (die Sympathisanten des Feindes): das sind die Ketzer, die Häretiker;
und die Bekenntnislogik ist selbst männlich: sie schließt die Frauen aus, die dann nur durch Keuschheit, Erhaltung der Jungfräulichkeit, sich aus ihrer ursprünglichen Verderbtheit (ihrer Unfähigkeit zu bekennen) retten können. Der Rechtfertigungszwang ist männlich.
Der Bekenntnisbegriff versetzt den (männlichen) Gläubigen in die Lage, gleichsam hinter dem Rücken Gottes (durch Vermännlichung Gottes) Theologie zu treiben (Anbetung der zeugenden Kraft, an der nur die Männer teilhaben: „Ich bin ein eifersüchtiger Gott“). Die damit verbundenen Schuldgefühle, mit denen man nicht leben, die man nur verdrängen kann, werden dann zwangshaft projiziert; und hier stehen die drei Projektionsflächen offen, die aufzuarbeiten sind:
– der Antijudaismus,
– die Ketzerverfolgung
– und die Frauenfeindschaft.
Hier gibt es eine Systematik, die auf die drei Verleugnungen des Petrus verweist: Die letzte Leugnung geht einher mit der Selbstverfluchung, dann krähte der Hahn, und er ging hinaus und weinte bitterlich. Hier, wenn die Kirche die Angst verliert, sie könne ihr Gesicht verlieren (vor der Welt schuldig erscheinen), in dieser Lösung der Spannung, löst sich die Schuld.
Das Zwangsbekenntnis ist der Kern, das logische Zentrum einer Struktur, die gegen ihren Inhalt gleichgültig ist; das Entscheidende ist genau diese Gleichgültigkeit gegen den Inhalt. Sie vermittelt die Möglichkeit, den Inhalt zu behaupten, ohne davon berührt zu werden, ihn objektiv zu halten.
In dem Augenblick, in dem Schuld keine Rechtfertigungszwänge mehr auslöst, d.h. in dem Augenblick, in dem der Bekenntniszwang durchbrochen wird, wird auch der Wiederholungszwang außer Kraft gesetzt, der den Zusammenhang zwischen dem Bekenntniszwang und den scheußlichen Untaten, die im Namen des Christentums im Laufe seiner Geschichte begangen worden sind, einmal herstellte.
Nicht das Proletariat, sondern die Toten bezeichnen diesen absoluten Objektstatus, auf den als reine Negativität die Erlösung sich bezieht.
Das Bekenntnis ist die Verstockung, die die Christen dann den Juden zum Vorwurf gemacht haben.
Die Bekenntnislogik im Christentum hat sehr viel mit der Beziehung des Christentums zur Philosophie zu tun, die dann an einem anderen Objekt, gleichsam durch Verschiebung, Kant auf ihren Begriff gebracht hat. Die Hegelsche Philosophie ist die präparierte Leiche der dogmatischen Theologie. Aber erst Einsteins spezielle Relativitätstheorie, das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit, hat (mit der Berichtigung des Inertialsystems)
. dem Bekenntnissyndrom endgültig den Boden entzogen und
. das Modell für die Berichtigung des Bekenntnisses geliefert (vgl. auch Freud, dessen Psychologie das durchs Bekenntnissyndrom, das dem Ödipuskomplex entspricht und wie dieser die bürgerliche Geschlechterrolle prägt, bestimmte Subjekt zur Grundlage hat: der „Penisneid“ und die Bekenntnis-Unfähigkeit gehören zusammen).
Ist nicht die spezielle Relativitätstheorie Einsteins eigentlich die allgemeine, und die allgemeine die spezielle?
Die Lichtgeschwindigkeit ist nur durch „Umkehr“ auf ihren realen Begriff zu bringen. (Das Bekenntnis ohne Umkehr wird zum Zwangsbekenntnis.)
Die moderne naturwissenschaftliche Aufklärung und der Kapitalismus beruhen beide auf dem gleichen Prinzip: dem der Verinnerlichung des Opfers. Der prophetische Satz: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ ist ein erkenntnis- und herrschaftskritischer Satz.
Die Mystik, genauer die christliche Mystik, ist der vergebliche Versuch, der Schuld des Objektivationsprozesses durch die Wendung nach innen zu entkommen. -
15.04.91
Bekenntnislogik ist Kriegs- und Machtlogik: Auch als Opposition arbeitet sie den Herrschenden zu, die diese Logik besser zu handhaben verstehen und ohnehin am längeren Hebel sitzen. (Magisches Denken, das vom Austausch des Personals eine Änderung der Verhältnisse erwartet: Erbe des Bekenntnisdenkens.)
Zum Begriff des Glaubens: das „Für-wahr-Halten“ gilt nicht für theologische, sondern eher für so profane Tatbestände, daß z.B. die Farbqualität, die ich wahrnehme, identisch ist mit der, die ein anderer wahrnimmt. Gegenstand des alten Glaubensbegriffs ist nicht die Existenz Gottes, sondern sind seine Verheißungen: daß er treu ist (und mein Glaube, meine Treue, sie bewahrheitet, bewährt). -
11.04.91
Eigentlich müßte schon der Satz „Name ist nicht Schall und Rauch“ die unterstellte Nähe des „Stern der Erlösung“ zur Existenzphilosophie widerlegen. Dieser Hinweis ist wichtig, weil gerade die „existentielle“ Interpretation Rosenzweigs (oder von Teilen der jüdischen Tradition im Hinblick auf ihre Rezeption für die christliche Theologie, die Buber vor allem vorbereitet hat) zu genau in den exkulpatorischen Mißbrauch des „jüdisch-christlichen Dialogs“ hineinpaßt. Es scheint einen Zusammenhang zu geben zwischen dem Untertauchen in den sprach- und namenlosen Existentialismus (die Widerstandserfahrung als Realitätsbeweis: das „Vorlaufen in den Tod“) und dem Trieb, die Gottesfurcht zu meiden: Christ sein zu können, ohne das Nachfolgegebot befolgen zu müssen. Die Totaloperation der Verdrängung als Erlösungsersatz. Hier stimmen von Weizsäcker und Marquardt zusammen: Weizsäckers Unvermögen, auf die Kritik des Objektbegriffs überhaupt sich einzulassen, und seine Identifikation mit dem Aggressor (mit der „Kopenhagener Schule“, die es so gar nicht gegeben hat außer in der deutschen Atom-Legende, nach dem Debakel des Heisenberg-Besuchs bei Niels Bohr im zweiten Weltkrieg) gehorchen dem gleichen Prinzip wie Marquardts Israel-Theologie (vgl. seine Ausführungen zur Rezeption des Halacha-Begriffs): der Vorstellung, das schlechte Gewissen könne auch durch Domestikation des Gewissens vermieden werden (Religion für andere oder Religion für den Hausgebrauch: Religion als Blasphemie).
Die Taufe ist der noachidische Akt: Sie steht im Zusammenhang mit Sintflut und Arche (Kirche?). Aber in der Arche werden mit Noah und seinen Söhnen nur die Tiere gerettet (und die Taube kehrt nicht zurück).
Heute ist die ganze Welt erstarrt in Gottesfurcht ohne es zu wissen.
Als die Erben und Nutznießer einer Welt, die andere für uns aufgebaut und zubereitet haben, sind wir auch die Herren dieser Toten, die uns beherrschen (Gesetz der Totenwelt).
Wenn wir der Logik und den Zwängen des Herrendenkens, die in Auschwitz triumphiert hat, entgehen wollen, müssen wir unseren Beitrag dazu leisten: den Anspruch, den die Toten an uns haben, zu erfüllen.
Die Philosophie verdankt sich der Instrumentalisierung der Erinnerung, die sich insbesondere im Begriff der Theorie ausdrückt, und die sich vollendet im Inertialsystem, das dann allerdings mit der Sprache zugleich auch die Kraft der Erinnerung auflöst (Inbegriff der vergegenständlichten Erinnerung).
Der Raum ist die Form der vergegenständlichten Erinnerung, nicht die Form der Gleichzeitigkeit. Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit ist der Nachweis, daß der Raum die Gegenwart von sich ausschließt.
Der Objektbegriff, an dem der Nominalismus sich abgearbeitet hat („wieviel Engel haben auf einer Nadelspitze Platz?“), das Individuum, das hic et nunc, die haecceitas: das namenlose Objekt, auf das der Begriffsrealismus sich nicht anwenden ließ, hat durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit seinen Stellenwert so verändert, daß es wieder in die Nähe des Gegenstands der benennenden Kraft der Sprache gerückt wird. Nicht die Längenkontraktion und die Zeitdilatation sind das Entscheidende, sondern der dynamische Prozeß, in dem sie nur Momente sind, und der, wenn er wieder im Inertialsystem dingfest gemacht werden soll, auf die Mikrostruktur der Physik hinausläuft.
Lachen und begriffliches Denken gehören zusammen (dämonisches Lachen, Lachen und Verinnerlichung des Dämons; Lachen und Schicksal; Lachen und Gewalt, beide sprachlicher Natur, aber ohne benennende Kraft: beide haben ein Objekt und einen Adressaten; das Objekt ist namenlos, weil es „ausgelacht“ ist; Lachen und peer-groups (Bindungskräfte), Äquivalent des Bekenntnisses, gleiche Bindungskräfte: Angst ausgelacht zu werden; Lachen ist Anklage und Gericht, Weinen Klage; im Weinen löst sich die Verhärtung, die das Lachen produziert und absichert: der Charakter; befreiend ist das Lachen nur durch Entlastung, durch Anpassung; Lachen ändert nichts, macht nur schlimme Situationen erträglicher; Schuld, Scham, Lachen; Engel Sprachwesen, Dämonen Personalisierungen des Gelächters (der Empörung); Lachen Teil des mysterium iniquitatis).
In jedem Lachen steckt auch ein Stück Verzweiflung; wer nicht verzweifelt, bedarf des Lachens nicht mehr, wie man sich auch nicht vorstellen kann, daß das selige Leben durch Lachen gewürzt werden muß. Freude ist etwas anderes als Lachen, ebenso Glück.
Ist die Erfahrung des Angeklagten-Status, des Objekt-Status, des Ausgelacht-Werdens für Männer und Frauen gleich?
Die Dogmatik ist die Theologie als Erscheinung, nicht ihr An sich; sie ist davon geschieden durchs Bekenntnis.
Die raf-Morde stehen in der Tradition der christlichen Opfertheologie (der Begriff Hostie bezeichnet das Opfertier, das Schlachttier).
Mit der Instrumentalisierung des Kreuzestodes war auch die Todesstrafe gerechtfertigt.
Die Gemeinheitsautomatik hat ihre Wurzeln in der Personalisierung der Schuld und im Lachen, läßt sich davon nicht ablösen (Bekenntnis und Lachen; verhängnisvolle Wirkung der Einführung der katholischen Beichtpraxis auf die Vorurteilsstruktur der mittelalterlichen Gesellschaft; Lachen konstituiert und stabilisiert die Natur und das transzendentale Subjekt). Erst dann, wenn Schuld keine Rechtfertigungszwänge mehr auslöst, ist das Problem der Personalisierung gelöst.
Die Übernahme der Schuld der Welt (Nachfolgegebot) bedeutet nicht, daß man die Strafe dafür auf sich nehmen soll, sondern im Gegenteil: die Strafmechanismen sollen aufgelöst werden. Der Kreuzestod war keine Selbstbestrafung, auch kein „Sühneleiden“.
Theologie als kollektive Gewissenserforschung.
Das Unschuldsversprechen: „Ich will es nicht mehr wiedertun“ ist nicht haltbar; es gibt keine Unschuld im allgemeinen Schuldzusammenhang. Übrigbleibt die Gottesfurcht, aber keine Glaubensgewißheit. Was bedeuten eigentlich die Begriffe Glaube und Bekenntnis in der Schrift; wo und ab wann erscheinen sie? (Hinweis: die Heiligung des Gottesnamens; das Bekenntnis ist das Zeugnis, das praktische Bekenntnis; Zusammenhang mit dem Gebot: Du sollst kein falsches Zeugnis abgeben wider deinen Nächsten. Ist das homologein die Nachfolge? – Dann werden wir in der Tat in seinem Namen Kranke heilen, Blinde sehend machen, Tauben das Gehör wiedergeben und Tote erwecken.)
Das Herrendenken, das Denken „hinter dem Rücken“, braucht als Grundlage und zur Absicherung das Inertialsystem, es braucht die materielle Grundlage und das Bekenntnissyndrom (das Lachen und den Zynismus).
Der Titel „In euren Häusern liegt das geraubte Gut der Armen“ (Kuno Füssel et alii) ist das Motto für
– die Vertreibung der Händler aus dem Tempel und für
– eine materialistische Kirchenkritik, die eine Kritik der Opfertheologie mit einschließt, eine Kritik, die begreift, daß der Gnadenschatz der Kirche Teil dieses geraubten Guts der Armen ist: Hier wird den Armen das Recht vorenthalten, das die Kirche seitdem für sich in Anspruch nimmt; anstatt zu lieben, will sie selbst geliebt werden (Institutionalisierung des Selbstmitleids).
Woher kommt der Name Luzifer? Ist Luzifer ein Geschöpf des dritten Tages? Sind Sonne, Mond und Sterne als Objektivationen des Lichts und erste Subjekte von Herrschaft die ersten dinglichen Objekte, Urbild des Objektbegriffs überhaupt? Sind die Sterne in der Schrift namenlos wie die Objekte (und haben sie ihre Namen nur von den mythischen Helden und dann von der Philosophie)? Oder ist der Himmel, sind die Sterne nur eine Totalität? Hat hier der Engel mit dem kreisenden Flammenschwert seine Stelle? – Woher kommen die Tierkreiszeichen?
Wie entfaltet sich im Schöpfungsbericht das schaffende Wort: Ist nur das Licht durch das Wort geschaffen, alles andere durch Teilung, durch Machen?
Tätigkeiten:
– schuf (Himmel und Erde, den Menschen: als sein Abbild, als Abbild Gottes, als Mann und Frau),
– sagte (es werde, laßt uns machen, übergebe ich euch, gebe ich),
– machte, schied, setzte, sah, nannte, segnete, vollendete, ruhte.
Geschehen:
– es geschah, es wurde, das Wasser sammelte sich, die Erde brachte hervor, ließ wachsen.
Herrschaftsauftrag:
– bei Sonne und Mond Zweckbestimmung, bei den Menschen Herrschaftsauftrag.
Babylon wird ins Meer, nicht in den Abgrund gestürzt.
Der Atem des Menschen ist der Atem Gottes, und das Sprechen eine Funktion des Atems.
Vgl. Hawkings Bemerkung über Newton (Newtons über Leibniz) mit Leibniz‘ fensterloser Monade. Die Erfahrung, daß jeder nur für sich ist und aus dieser Isolationshaft (der fensterlosen Monade) nicht herauskommt, ist vielleicht die schlimmste Erfahrung der Philosophie; nur zu ertragen vor der Hintergrund der Lehre von der prästabilierten Harmonie: das Innere der Monade ist die Außenwelt.
Die Leibnizsche Monade ist längst zum Privatgetto, zur Isolationshaft aller geworden. Da kommt niemand mehr heraus, außer durch die Theologie. Die Isolationshaft des empirischen Subjekts in der Zelle des transzendentalen Subjekts.
Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit ist das Indiz, das Symptom für den Status der Naturerkenntnis. Das Relativitätsprinzip (das nicht von Einstein entdeckt worden ist) gehörte zu den Konstituentien der Mechanik, des Referenzsystems, auf das alle Begriffe der Physik sich beziehen. Erst das Prinzip der Kosntanz der Lichtgeschwindigkeit hat die Objektbeziehung, das Verhältnis zur Objektivität bestimmt: die Grenze der Objektivierbarkeit.
Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit ist der Goldgrund des Inertialsystems (Begründung der Goldwährung).
Trinitätslehre, Christologie und Opfertheologie sind Produkte der Anpassung der Theologie an den Hellenismus und an den Römischen Staat. Die Lehre, daß Christus in der Zeit herabgekommen und Mensch geworden ist, die Inkarnationslehre, segnet den homogenen Zeitablauf ab.
Die Christologie: der eingeborene Sohn, gezeugt, nicht geschaffen, empfangen vom Heiligen Geist, geboren aus Maria, der Jungfrau, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, abgestiegen zur Hölle, am dritten Tage wieder auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel, von dannen er kommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten; ist das Logos-Spekulation, sind das die Momente der Namenslehre, der benennenden Kraft der Sprache. Dann wäre sie in der Tat das Hilfsmittel gegen den Hellenismus.
An welchen Stellen und in welchen Zusammenhänge spielt das Tauschprinzip in die Schrift (in die „Gleichnisse“ Jesu) mit herein (Lohnarbeit, Gleichnisse vom „ungerechten Verwalter“ etc.). Vorstufen kapitalistischer Wirtschaftsweisen (im Römischen Reich, von Jesus erstmals in religiösem Zusammenhang reflektiert)?
Das Weltgericht ist ein Gericht, dessen Maßstab der Erfolg ist, das Jüngste Gericht ist das Gericht der Barmherzigkeit über das Weltgericht.
Theologie hinter dem Rücken Gottes ist insofern blasphemisch, als sie das Weltgesetz, die richtende Gewalt, die die Welt repräsentiert, auf Gott anwendet. Sie fällt unter das Wort: Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet.
Was sind die „Pforten der Hölle“, die die Kirche nicht überwältigen werden? -
05.04.91
Vor vierzig Jahren habe ich ernsthaft vor der Frage gestanden, ob es nicht möglich oder gar notwendig sei, Jude zu werden. War dann aber der Meinung, daß es unzulässig sei, von der Täterseite auf die Opferseite zu wechseln. Das gleiche Problem hatte ich, als ich jetzt der Christlich-jüdischen Gesellschaft beigetreten bin: Ich sah darin die Gefahr, insgeheim doch so etwas wie Exkulpation zu erwarten aus dem Umgang oder der „Freundschaft“ mit lebenden Juden, sie als Versöhnungsinstanz zu mißbrauchen und zu überfordern. Versöhnung, scheint mir, wäre nur möglich, wenn sich das, was geschehen ist, ungeschehen machen ließe: als Versöhnung mit den Opfern, nicht mit den Überlebenden. Zwischen ihnen und mir (auch zwischen Franz Rosenzweig, den ich für einen Prüfstein dieser Geschichte halte, und mir) steht Auschwitz; ich kann mich nicht aus der Täterseite davonstehlen; ich kann dieser Schuld (und damit der Gottesfurcht) nicht entgehen. Die Gefahr des Philosemitismus ist dieser Wunsch, der Gottesfurcht zu entgehen. Hermann Cohen hat einmal über den Zionismus gesagt: „Die Schufte wollen genießen“. Dieser Satz ist nach Auschwitz nicht mehr zu halten; aber ich habe das Gefühl, er hat aktuelle Bedeutung als Prüfstein für den christlichen Teil am „christlich-jüdischen Dialog“. In uns allen steckt eine Exkulpationsgier, mit der wir rechnen müssen, der wir nicht verfallen dürfen, sondern die wir aufarbeiten müssen, wenn wir nicht im alten Sumpf noch tiefer versinken wollen.
Joh 129: Ecce agnus dei, qui tollit peccata mundi. Dieser Satz enthält die entscheidende Wendung, führt aber zugleich in eine falsche Richtung. Der entscheidende christologische Satz ist in der Tat der, daß Jesus „die Schuld der Welt auf sich genommen“ hat. Die Konsequenz jedoch, die die Opfer- und Gnadentheologie unter Mißbrauch von Jes 53 daraus gezogen hat, daß wir die Früchte des „Opfertodes“ (ist dieser Ausdruck biblisch, oder nur ein falscher Schluß aus Jes 53?) und des Sühneleidens genießen können (wenn wir das richtige Bekenntnis haben), ist nicht christliche, sondern Täufertheologie, Theologie ante Christum. Theologie post Christum wäre eine Theologie, die dem Nachfolgegebot genügt: daß wir die Schuld der Welt ebenfalls auf uns nehmen, daran mitwirken, daß die Last endlich sich auflöst, anstatt weiterhin vermehrt wird. Das hat dann theologische Konsequenzen, insbesondere die, daß wir nur noch Theologie im Angesicht Gottes treiben können, nicht mehr hinter seinem Rücken. Für mich liegt die große Bedeutung Franz Rosenzweigs u.a. darin, daß er die Umkehr zu einer „erkenntnistheoretischen“ Kategorie gemacht hat. Aber zwischen dem „Stern der Erlösung“ und uns liegt Auschwitz. Deshalb kann eine Theologie heute nur noch gelingen (sie kann im wörtlichsten Sinne dem Geschwätz nur entgehen), wenn sie diese Sätze in ihren Erkenntnisbegriff mit aufnimmt: „Richtet nicht …“ „Seht ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe …“ Sonst kommt wieder eine Theologie der Wölfe (vielleicht im Schafspelz: Grund des christlichen double bind) dabei heraus.
Ich frage mich, ob man (wenn überhaupt) einen „Gottesbeweis“ heute daraus ableiten könnte, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher, sondern „nur noch“ ein theologischer Tatbestand ist (aufzulösen nur gemeinsam mit der Auflösung des Geschwätzes: durch ein Leben, Denken und Handeln „im Angesicht Gottes“).
Hat der Protestantismus sich die Nachfolge durch die Rechtfertigungslehre selbst verstellt?
Um die adamitische benennende Kraft der Sprache wiederzugewinnen, wäre es notwendig, so etwas wie eine Geschichte der Scham zu schreiben: Über das Verhältnis von Scham und Sprache, über Scham und Sprachverhinderung, -vernichtung, das sicherlich in das Verständnis (die Benennung) der Tiere hereinreicht. Das apokalyptische Tier wäre vielleicht zu erkennen als der politisch-historische Gesellschaftskörper, wie er nach endgültiger Sprachzerstörung sich darstellt. Zu beschreiben wäre, wie der Turmbau zu Babel im historischen Prozeß nach innen schlägt, zusammenfällt mit der Geschichte der Verinnerlichung von Herrschaft und der Veräußerlichung der Außenwelt (Geschichte der Konstituierung des Objektbegriffs).
Der Nominalismus ist in sich selber realistisch vermittelt.
Die Waren- und Aktien-Börsen sind die Institutionen, die im Bereich der Herrschaft des Tauschprinzips die Stelle vertreten, die die Erhaltungssätze in der Physik einnehmen (Erhaltung der Masse: Warenbörse; Erhaltung der Energie: Aktienbörse).
Die Geschichte der Architektur hat ihre „seinsgeschichtliche“ Bedeutung in ihrer Beziehung zur Geschichte der Entfaltung der Vorstellung des Raumes. Architektur war substantiell, solange es noch eine sinnvolle und begründete räumliche Unterscheidung zwischen Innen und Außen gab (Intimsphäre und Öffentlichkeit: Geschichte der Scham). Heideggers „Haus des Seins“ erinnert an diese Geschichte, führt aber nur zurück auf ein barbarisches Innere.
Die Geschichte der Architektur ist das Medium der Auseinandersetzung mit der Schwerkraft und dem Licht (Hegel). Architektur als der Versuch, der Geschichte des Falls Widerstand entgegenzusetzen; sie hat heute kapituliert, die Niederlage besiegelt und das Reich dem Kapital überlassen (bis zum Sieg der sozialen Marktwirtschaft). Die Geschichte der Quantenmechanik ist der letzte Ausläufer der Geschichte der Architektur. Und die Geschichte der Naturwissenschaften steht in der Tradition der Geschichte des Turmbaus zu Babel. Hier ist der Punkt erreicht, wo der Turm an den Himmel heranreicht (die Sprachverwirrung sich vollendet).
Gibt es eine Beziehung zwischen der Geschichte der Idolatrie und der Münzgeschichte? – Der Tempel von Jerusalem war die Bank von Israel; die Münzen enthielten das (blasphemische) Bild des Caesars; Ursprung der Münzen im Tieropfer?
Woher stammt der Begriff der Hostie? Ist der Tabernakel Erbe der Tempelbank? -
03.04.91
„Es ist ganz unvermeidlich, … ihn (sc. Gott, H.H.) also „gegenständlich“ zu denken. Aber dies kann nur in der Praxis eines Bekenntnisses geschehen …“ (F.W. Marquardt: Verwegenheiten, S. 86). Ist das „Bekenntnis“ eine Folge seines Inhalts, der Trinitätslehre und der Christologie: Teil der Menschwerdung des Logos, der Inkarnation, dann aber auch der Passion unterworfen (mit der Verheißung der Auferstehung)?
Petrus-Stellen (NJB):
Mt 1428-31, 1618, 1619, 1818
Mk 833
Lk 58, 851, 918-21, 2232
Joh 1310, 1336, 205, 2117
Apg 214, 1117, 121-19
1 Kor 112
Joh 21. „Aber in dieser Nacht fingen sie nichts. … Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus, … und konnten es (das Netz) nicht wieder einholen, so voller Fische war es. Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr. … Petrus …, gürtete er sich das Obergewand um, weil er nackt war, und sprang in den See. … 153 (= 9×17) Fische … das dritte Mal, daß Jesus sich den Jüngern offenbarte, seit er von den Toten auferstanden war. … Liebst du mich? … Weide meine Lämmer/Schafe (für Liebe und Lämmer/Schafe je zwei verschiedene Ausdrücke). … als du jung warst/wenn du aber alt geworden bist … Folge mir nach. … sah, wie der Jünger, den Jesus liebte, (diesem) folgte. … Wenn ich will, daß er bis zu meinem Kommen bleibt, was geht das dich an?“
(nx(n+1)/2; 17=153, 23=276, 8=36=666) -
01.04.91
Würden unsere Theologen, Politiker, Beamten ernsthaft an das ewige Leben, die Unsterblichkeit der Seele und die Auferstehung der Toten glauben, oder wäre Gottesfurcht ein Teil des politischen und religiösen Selbstverständnisses in diesem Lande: diese Welt sähe anders aus.
Der Begriff der Gottesfurcht ist eindeutig, der der Furcht des Herrn zweideutig. Die Gottesfurcht orientiert sich an dem Verhältnis von Schuld und Versöhnung, Schuld und Befreiung, die Furcht des Herrn an dem Verhältnis von Schuld und Strafe.
Die drei evangelischen Räte:
– Armut: Ihr könnt nicht zwei Herren dienen, Gott und dem Mammon;
– Gehorsam: Heute, wenn ihr seine Stimme hört;
– Keuschheit: Nicht die Sexuallust, sondern die Urteilslust ist der Transporteur der Erbschuld.
Reflexion des Zusammenhangs von Selbsterhaltung und Realitätsprinzip:
– Namenlehre vs. begriffliche Erkenntnis;
– Kritik des richtenden Denkens.
Das Bekenntnis ist das Medium der Regression ins Gattungswesen: Hinweis auf den Ursprung der Sexualmoral und die Bedeutung der apokalyptischen Tiere.
Der kirchliche biologische Begriff der Unschuld ist eine der Quellen, aus denen der faschistische Rassenbegriff: die Vorstellung eines biologischen Erbadels (der biologischen Unschuld der Herren, der Existenz einer Herrenrasse) und der damit notwendig verbundene Antisemitismus sich speist. Hier tritt das Gewaltmoment offen zutage, das im kirchlichen Bekenntnisbegriff bereits enthalten ist.
Die Trennung des Bekenntnisbegriffs vom Namen verletzt das Bilderverbot, begründet den Objektbegriff, der seitdem das christliche Dogma verhext, und ist der Ursprung der Gewalt in der Religion.
Die Sexualmoral und ihre Metastasen sind der Inbegriff dessen, was in der Geschichte vom Sündenfall dann mit den Dornen und Disteln bezeichnet wird.
Die finsteren Mysterien des Personbegriffs.
Urteilslust dreifach stabilisert:
– durch den Naturbegriff (durchs Trägheitsgesetz),
– durch den Weltbegriff (durchs Tauschprinzip),
– durchs Bekenntnis (durch den vergegenständlichten, verdinglichten Glauben, durchs Prinzip der Weltanschauung).
In der Bosheit des anderen die gemeinsame Dummheit, die des anderen und die eigene, begreifen.
Das Problem von Genesis und Geltung hängt mit dem von Objektivation und Instrumentalisierung zusammen. Verwechslung von Geltung und Wahrheit: Geltung ist Geltung für jedermann, es gilt auch hinter dem Rücken, und es hat wirklich etwas mit Geld zu tun, und mit dem Bekenntnis: Im Bekenntnis wird die Geltung für jedermann hergestellt und stabilisiert. Konsequenzen für den Personbegriff, der auch die Anerkennung durch die anderen als Konstituens und Sinnesimplikat mit einschließt. Person ist das Subjekt (der Träger) des Bekenntnisses (Bekenntnis als Maske: vgl. Kafkas Oklahoma). Hiernach wird die Tertullianische Vorstellung, daß Frauen, wenn sie denn in den Himmel kommen, zu Männern werden, vielleicht begründbar (aber der theologische Kontext, in dem sie begründbar wird, eo ipso falsch). Die Person ist keine Schöpfungswirklichkeit, sondern Produkt von Vergesellschaftung. Die Person ist Erbe des mythischen Helden. Durch die Anerkennung der anderen hindurch bedarf die Person letztlich der Bestätigung durch den Staat (ohne Pass ist der Mensch kein Mensch). Abgesichert wird die Person durchs Strafrecht. Der Staat ist somit nicht nur das Prinzip der Anklage (sh. Staatsanwalt), sondern auch das der Exkulpierung (durch den Pass). Voraussetzung der Anerkennung und der Exkulpierung ist das Bekenntnis. Hieraus lassen sich zwanglos solche schönen Dinge wie Antisemitismus, Ausländerfeindschaft, Frauenfeindschaft u.ä. ableiten. Im Kontext unserer Staatsmetaphysik sind Ausländer Häretiker, Ketzer. Und die Deutschen sind die Ausländer für alle anderen (das prädestinierte Objekt der Selbstverfluchung).
Im Kontext des Anerkennungskonstrukts läßt die Begründung der subjektiven Formen der Anschauung im Gewaltmonopol des Staates nachweisen, zusammen mit der Begründung der Gemeinheitsautomatik: Ihr laßt den Armen schuldig werden.
Mit der Entfaltung der Namenlehre wird zugleich die Lehre von der Auferstehung der Toten begründet (ist der Logos Begriff oder Name?).
Das „Seid klug wie die Schlangen …“ und das „und führe uns nicht in Versuchung“ gehören zusammen.
Das Weltgericht ist das Gericht der Welt über die Welt: Dieser Widerspruch ist vom Begriff der Welt nicht abzulösen. Sie ist die gerichtet-richtende Instanz, oder der Preis dafür, daß die richtende Instanz nach dem gleichen Maße gerichtet wird. Genau dieser Widerspruch wird im Relativitätsprinzip, in der Handlung, in der sich das Inertialsystem konstituiert, dingfest gemacht. In welcher Beziehung dazu steht das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit? Hat die Plancksche Strahlungsformel etwas mit dem brennenden Dornbusch zu tun? Wird diese Beziehung durchsichtig, wenn sich die Plancksche Strahlungsformel aus dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit ableiten läßt?
Am Bekenntnis die gleiche Korrektur vornehmen wie das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschindigkeit am Inertialsystem.
Hawking hat recht: Wenn das Schwarze Loch nur schluckt und nichts ausstrahlt, d.h. wenn darin nur Masse und Energie verschwinden, aber keine Gegenreaktion dazu nachweisbar wäre, so würde das alle Erhaltungssätze (die Stabilisatoren des Inertialsystems und der darin begründeten physikalischen Begriffe) verletzen.
Merkwürdig, daß Begriffe wie das Schwarze Loch und der Schwarze Körper Grenzpositionen der Naturwissenschaften bezeichnet.
Ist das heute von der Physik angenommene Alter der Welt in der Größenordnung der dritten Potenz des biblischen Alters der Welt (in Jahren gemessen), und der Ursprung der Bäume und der Menschen in der der zweiten Potenz?
Das „und er ging hinaus und weinte bitterlich“ ist die Antwort auf das höllische Lachen, das darin vergeht. Das Lachen ist der Inbegriff des pathologisch guten Gewissens. Wir sind das Gelächter über die Dritte Welt? – Lachen Frauen anders als Männner?
Erst mit der Vergesellschaftung des Herrendenkens ist das Umkehrgebot unabweisbar geworden für alle. Verführung hat immer die Gestalt des moralischen Urteils.
Antisemitismus und Bilderverbot.
Das Bilderverbot war die Antwort auf die magische Macht, die das Bild über den Abgebildeten und in der Konsequenz daraus das Bild über den, der sich seiner bedient, vermittelt: Konsequenz für die Physik. Objektivierung und Instrumentalisierung gehören zusammen; hierbei fällt das, was die Dinge an sich selber sind, unter den Tisch (das An sich gehört in den Bereich des Namens).
Die Umkehrbarkeit der räumlichen Dimensionen ist eine Funktion der drei Dimensionen des Raumes und der Irreversibilität der Zeit. Ist das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit (oder das Plancksche Strahlungsgesetz) vielleicht doch ein Schlüssel für die Bestimmung des Alters der Welt?
Läßt sich der Streit zwischen Vätern und Söhnen, der das Zeitalter des Antichrist kennzeichnet, auf den Antisemitismus beziehen?
Der Sozialismus hat den kritischen Gehalt der Marxschen Philosophie in eine affirmative, instrumentalisierte Gestalt der Theorie, in ein Herrschaftmittel, zurückgebogen.
Die ideologische Bedeutung des Sports liegt in der Einübung der Verknüpfung des Zuschauers mit dem (parteiischen) Richter.
Über uns werden sowohl die vergangenen Toten als auch unsere Nachfahren, die wir beide heute verraten, richten. Wir stehen auf einem Berg von Leichen und sind Herr einer zerstörten Natur.
Jede apologetische Haltung führt nur tiefer in die Verstrickung hinein.
Natur definiert den Anwendungsbereich des Objektivationsprozesses, einen potentiell unendlichen Bereich.
„Was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst sein“: Auch die Tränen lösen sich; „und er ging hinaus und weinte bitterlich“.
In der kapitalistischen Lohnarbeit wird der Arbeiter um seinen Lohn betrogen.
Lachen ist das letzte Indiz für das Fortleben des Dämonischen. Die Verinnerlichung des Dämons als Ursprung der Philosophie (Sokrates): Die Gewalt des Schicksals war die Gewalt des Lachens (das homerische Gelächter); und mit dem Schicksal ist dieses Lachen verinnerlicht worden, in die Struktur des Begriffs, als Form seiner Objektbeziehung, mit eingegangen. Lachen löscht die Namen aus, konstituiert das verdinglichte Objekt und den Begriff; als Totalität ist das Lachen mit eingegangen in die Form des Raumes (vgl. Büchners „Lenz“). Alle Objekte im Raum sind, als wären sie ausgelacht (angeklagt und, in einem kurzen Prozeß, gerichtet zugleich: der Raum ist dieser kurze Prozeß). Person (die ihr Gesicht nicht verlieren darf) ist die Angst, ausgelacht zu werden: der Zwang der Selbstrechtfertigung, der sich allein im Weinen löst. Besondere Objekte des Lachens sind die Juden und die Frauen. Lachen ist ein Konstituens des Herrendenkens, das als Lachen über die Herren, auch wenn es die Herren nur schwer ertragen, deren Herrschaft noch zu stabilisieren vermag (Lachen, Herrschaft, Gericht). „Der hat nichts mehr zu lachen“; „warte nur, dir wird das Lachen auch noch vergehen“: Über wen das gesagt wird, ist reines Objekt, auf keinen Fall ein Herr: in ihm ist Gott präsent. – Das verdinglichte Bekenntnis macht Gott zum Objekt des Gelächters. -
28.03.91
Bei den naturwissenschaftlichen Spekulationen über „Ursprung und Schicksal des Universums“ ist diese spekulative Wissenslust -das Erbe der dogmatischen Theologie, die vorgibt, alles zu wissen – unverkennbar. Kein Zufall, daß insbesondere die Jesuiten darauf hereinfallen (und sich anhängen).
Bezeichnend die Verwechslungen: des Nichterkennbaren mit dem Nichtseienden; des Faktum mit seiner Erklärung; der Theorie mit dem Faktum (Stephen W. Hawking: Geschichte der Zeit, S. 52, 148)
Ein durchs Inertialsystem vermitteltes Konstrukt wird zur Grundlage, aus der dann das Inertialsystem sich herleiten soll: Diese petitio principii ist nur möglich, weil der Stand der Erkenntnis die Reflexion seiner wirklichen Grundlage auszuschließen scheint. Die Naturwissenschaften sind der Kloß nicht nur im Hals der Theologie, sondern auch der Strick um den eigenen Hals: Raum und Zeit als subjektive Formen der Anschauung sind durch die Wege der Forschung und durch ihre Erfolge so „natürlich“ geworden, daß jede Reflexion als Sakrileg erscheint; sie haben die Form von Bekenntnissen angenommen; denn mit den Formen der Anschauung werden nicht nur diese, sondern auch die Grundlagen der Wirtschaft, die Herrschaft des Tauschprinzips, und die der politischen Theologie: der Bekenntnisbegriff, mit abgesichert. Umgekehrt: die gemeinsame Reflexion des Bekenntnisbegriffs (Bekenntnis für andere; Feinddenken, Ausgrenzung der Häretiker; Opfer der Vernunft) und des Tauschprinzips (Zinsverbot und Geld als Herrschaft über die Arbeit anderer, Prinzip der Instrumentalisierung) führt auf die Grundlagen der Kritik des Raumes.
Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer. (Vgl. Mt 913, 127; Hos 66 et alii). Urteilslust will Opfer (Sündenbock). -
25.03.91
Das Bild vom Hirten und den Schafen wäre zu beziehen auf die Schafe, die (nach dem Agnus Dei – Joh. 129, Jes. 534ff) die Schuld der Welt auf sich nehmen. Handelt es sich hier um Lämmer, Schafe oder junge Widder (Opfer Abrahams – Gen. 22, islamisches Opferfest)? Ist hierin das Bild des Schafes, das zur Schlachtbank geführt wird, und das vom Sündenbock (Lev. 16) mit enthalten (nur in veränderter Konstellation)? Und sind die Hirten (die Episkopoi) die, die die Schafe zur Schlachtbank führen, oder die, die durch Lehre Hilfe leisten bei der „Nachfolge“? Kritik des christlichen Bildes vom dummen, subjekt- und bewußtlosen Schaf (Agnus ist in der christlichen Tradition ein Frauenname geworden!).
Katholizismus, Bekenntnis und Sexualmoral: Die Angst und die Wut, die sich einmal (in der Ketzerverfolgung) gegen das abweichende Bekenntnis richteten, wendet die Kirche heute gegen Empfängnisverhütung und Abtreibung; die Aggression wird aus dem Erkenntnisbereich in den moralischen Bereich verschoben. Von der frühkirchlichen (männlichen) Heiligengestalt des Bekenners (deren Pendant die Jungfau als weibliche Heiligengestalt war) ist die Lust am moralischen Urteil Übriggeblieben; zugrunde liegt die Vorstellung, Unschuld sei in dieser Gesellschaft möglich, eine Vorstellung, die nur unter der Voraussetzung funktioniert, daß der gesellschaftliche Schuldzusammenhang (die „Schuld der Welt“, Grundlage und Reflexionsobjekt des Nachfolgegebots) verdrängt, geleugnet wird. Die Lust am moralischen Urteil aber (und nicht ihr Gegenstand) ist im strengen Sinne obszön; sie legitimiert die Gewalt, die sie von sich (vom Urteilenden, der sich durch das Urteil selbst freispricht) auf das Objekt des Urteils ablenkt (er ist schuldig und hat die Strafe verdient); die Lehre der Kirchenväter, daß in der Lust die Erbschuld sich fortpflanzt, trifft auf diese Urteilslust und nicht auf die sexuelle Lust zu. Anmerkungen hierzu:
– Erstes Objekt des moralischen Urteils ist nicht zufällig die Sexualität; dagegen gilt: „Erstes Gebot der Sexualmoral: der Ankläger hat immer unrecht.“ (Adorno: Minima Moralia)
– Ursprung und Geschichte der „Urteilslust“ hängt zusammen mit der materiellen Geschichte der Gesellschaft, mit der Geschichte der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Natur (Exkulpation der Selbsterhaltung, in letzter Konsequenz der Macht: des Gewaltmonopols des Staates, das pauschal der Kritik entzogen wird; Konstituierung der Gemeinheitsautomatik; Ursprung des modernen Naturbegriffs: nur im Bereich der Sexualmoral gibt es den Schein natürlicher Unschuld: die Keuschheit).
– Anwendung auf die Kirchengeschichte: Der skandalöse Teil der Papstgeschichte (und die mittelalterliche kirchenpolitsche Konsequenz des Zölibats, mit Auswirkungen auf die Eschatologie, die Systematisierung des „Jenseits“, mit deutlichem Vorrang von Hölle und Fegfeuer; Konsequenz der Opfertheologie und der Gnadenlehre) ist eine zwangsläufige Folge aus der Verschiebung der Erbsünde von der Urteilslust auf die sexuelle Lust (erklärbar durch die Mechanismen des Wiederholungszwang). Unter diesem Aspekt die Kirchengeschichte neu schreiben:
. Urteilslust Folge des Verzichts auf Herrschaftskritik; Kirche Teil der Herrschaftsgeschichte (Funktion der Schöpfungslehre und unkritische Rezeption des Weltbegriffs; Geschichte der Häresien wird durchsichtig und ableitbar).
. Zusammenhang von Antjudaismus, Ketzerverfolgung und Frauenfeindschaft;
. Ursprung des Faschismus.
– „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ (Mt 71):
. Urteilslust und moralisches Urteil als Selbstverfluchung (Umkehrung des Nachfolgegebots nur durch Umkehr heilbar; die dritte Verleugnung des Petrus: und er ging hinaus und weinte bitterlich – Mt 2634);
. Zusammenhang mit dem wissenschaftlichen Objektivations- und Erkenntnisprozeß.
– „Seht, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe, seid daher klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben“ (Mt 1016): .Parakletisches (theologisches) Denken unterscheidet sich vom anklagenden und richtenden Denken (vom Herrendenken) nur durch die „Arglosigkeit“ (durch Verzicht auf Personalisierung von Schuld, Verzicht auf Verdrängung und Projektion, Verzicht auf Feinddenken: Ziel ist nicht das Dingfestmachen der Bosheit, das Schuldigsprechen, sondern die Auflösung der Dummheit in der Bosheit);
. der Verteidiger muß die Fakten und die Gesetze besser kennen als der Ankläger;
. Konsequenz ist nicht die Enthaltung des Urteils, sondern die Umkehr der Intention (Parteinahme für die Opfer, Votum für die Armen und die Fremden und deren Nachfolger und Erben);
. Zusammenhang von Herrschafts- und Selbstkritik im Zeitalter der Vergesellschaftung des Herrendenkens (pathologische Auswirkungen nachweisbar in der Vergesellschaftung dessen, was einmal Majestätsbeleidigung hieß: Abwehr von Kritik durch Aggression; psychotische Reaktionen liegen heute der Normalität, dem herrschenden Realitätsprinzip, näher als neurotische: paranoische Verletzbarkeit Grund des autoritären Denkens).
– „Denn die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes. … Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und der Verlorenheit befreit werden zur Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, daß die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt.“ (Röm 819ff)
. Der naturwissenschaftliche Objektbegriff ist Repräsentant der Gewalt, mit der die Natur (ohne Wissen und hinter dem Rücken der Erkennenden) instrumentalisiert und der gesellschaftlichen Herrschaft unterworfen, in den Prozeß der Naturbeherrschung hereingezogen wird. Sprachlicher Ursprung des Objektbegriffs ist der Akkusativ: naturwissenschaftliche Erkenntnis Inbegriff des Systems eines anklagenden, richtenden Denkens (Erbe der Inquisition); dagegen müßte verteidigendes (parakletisches) Denken sich zum Organ der Klage (der Sehnsucht, des Seufzens) der Kreatur machen. Dem … -
16.03.91
Das Selbstverständnis des BKA, es sei die „objektivste Behörde der Welt“, trifft insoweit zu, wie auch das „Fertigmachen“ eine der objektivsten Handlungen ist. Diese Institutionen (die Ermittlungsbehörden) scheinen eine Objektivität anzustreben, die – wie auch der wissenschaftliche Objektivitäts- und Erkenntnisbegriff – menschliche Regungen grundsätzlich ausschließt. (Vgl. die Mitteilung des BKA über die Abhörung unseres Telefons.) Wäre hier noch ein Funken Leben drin, müßte man sagen, sie seien der lebendige Beweis dafür, daß Gemeinheit nicht justifiziabel, kein Tatbestand des Strafrechts, ist. Hier kann man die Wirksamkeit der objektivierten Gemeinheitsautomatik (die Selbstimmunisierung gegen die Wahrnehmung der Nebenwirkungen der eigenen Handlungen) studieren.
Der schlimmste Effekt dieses Anklagedrucks ist die Selbstrechtfertigung, die die Denunziation mit einschließt (Kronzeugenregelung: die Physik ist die Denunziation als System, und hier – so scheint es – sind mittlerweile alle Dämme gebrochen).
Nachdem das zweite Moment der Schuldverarbeitung, die jenseitige Gerechtigkeit, die u.U. die diesseitige auch korrigierte, verschwunden, und nur das Recht übriggeblieben ist, ist das Strafrecht endgültig grundlos und böse geworden.
Die Differenz zwischen dem Rosenzweigschen und dem Heideggerschen Volksbegriff enthält die Geschichte dieses Jahrhunderts.
Die Selbstbezeichnung „Wir Deutschen“ bezieht das Subjekts in den Objektivationsprozeß mit ein – in die Erkenntnis hinter dem Rücken (das fatale Erbe des deutschen Idealismus). Die insbesondere in der jüngeren katholischen Philosophie anzutreffende Verwechslung von transzendent und transzendental hängt damit zusammen. Der unkritische theologische Gebrauch des Begriffs des Transzendentalen ist von jener hybriden Bescheidenheit, die den heutigen Katholizismus so unerträglich macht (und die zu den Grundlagen des Faschismus gehört: Ausdruck der Identifikation mit dem Aggressor; Grundlage der falschen Exkulpierung und der faschistischen Selbstnobilitierung).
Er ging hin und weinte bitterlich: Ausdruck der Erschütterung, die das verdinglichte Dogma aufsprengt und seinen Inhalt wieder zum Leben erweckt.
Der Mißbrauch der Offenbarung und des Glaubens im Bekenntnis, der Eckstein, den die Bauleute verworfen haben: die Nachfolge.
Mein Leben, mein Handeln ist ein Teil des Systems, das den Schuldzusammenhang transportiert, weiterbefördert.
In der dogmatischen Trinitätslehre wird der Inhalt durch die Form geleugnet.
Die Bestreitung der Existenz ist tatsächlich deren Bestreitung. -
15.03.91
„Im Anfang erschuf Gott den Himmel und die Erde“:
– Himmel und Erde: die zukünftige und diese Welt;
– den Himmel: dieser Himmel am Anfang ist nicht identisch mit dem Himmel des zweiten Schöpfungstages (Gewölbe, das die Wasser unterhalb und oberhalb des Gewölbes scheidet).
„Die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut, und Gottes Geist schwebte über dem Wasser“:
– nur die Erde war wüst und wirr;
– woher kommen Urflut und Wasser, was ist der Unterschied zwischen Urflut und Wasser (Trennung der Wasser am zweiten Tage, Schaffung des Meeres am dritten Tage)?
– Das (vegetarische) Nahrungsgebot des sechsten Tages bezieht sich auf die Schöpfung des dritten Tages,
– das (zweifache) Herrschaftsgebot auf die Tiere des fünften und sechsten Tages,
– das Herrschaftsgebot an die Lichter des Himmelsgewölbes auf Tag und Nacht, die Scheidung von Licht und Finsternis und als Zeichen auf die Zeiten.
Als Zweckbestimmungen treten auf:
– die Scheidung (am ersten und vierten Tag von Licht und Finsternis, am zweiten Tag Wasser und Wasser),
– das Zeichen (der Lichter am vierten Tag für Festzeiten, Tage und Jahre),
– das Wachsen (der Pflanzen des dritten Tages),
– Vermehrung und Fortpflanzung (an die Fische und Vögel des sechsten Tages sowie an die Menschen),
– die Nahrung (am sechsten Tag für den Menschen die Pflanzen des dritten Tages, für die Tiere des Feldes, für die Vögel des Himmels und für alles was, sich auf Erden regt und Lebensatem in sich hat, grünen Pflanzen),
– die Herrschaft (je zweifach: am vierten Tag der Lichter über Tag und Nacht, am sechsten Tag der Menschen über die Tiere des fünften und sechsten Tages).
Dogma, Bekenntnis, Inquisition, Folter, Scheiterhaufen, Physik, Faschismus, Judenmord und Denunziation.
„Es ist sehr schwierig, unter Anklage zu gestehen“ (Carola Stern, zit. S. 231).
Zu der Bemerkung von Carola Stern, es sei schwierig, unter dem Druck der Anklage zu gestehen: Noch schwerer ist es, unter dem Druck der Anklage dem Rechtfertigungszwang sich zu entziehen; und es gibt einen Anklagebereich, in dem die eigene Verteidigung unmöglich ist (und genau diese Unmöglichkeit wird von der Gemeinheitsautomatik ausgebeutet).
Zum Begriff des Bekenntnisses: „Sie haben es genossen, in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten Geborgenheit zu finden.“ (S. 232) – Ich möchte nie mehr in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten, nur noch in einer von Wohlgesonnenen mich befinden.
„Lassen wir etwa einen Teil der unausgetobten Wut auf die Eltern an unseren Kindern aus?“ (S. 249)
„… wie heikel auch solche Versuche der Aufarbeitung sind, die doch im hehren Gewand der Bemühungen daherkommen. Hier wir Täter – da ihr Opfer, nun wollen wir mal den Dialog beginnen.“ (S. 255)
Einheit von Lachen und Anklage: das Inertialsystem.
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie