Die Exkulpierungssucht der Israel-Freunde hängt zusammen mit der Identitätssucht, die in der neudeutschen Nachkriegsära grassiert: Dahinter steckt die richtige Wahrnehmung, daß wir Auschwitz nicht entrinnen können; das gilt insbesondere für unser Verhältnis zu den Juden: Unser Wunsch, von den lebenden Juden Zeichen der Versöhnung zu erhalten, wieder angenommen zu werden und so den Rechtfertigungszwängen entrinnen zu können, ist illusionär (die Opfer sind die Toten, die Tat ist irreversibel) und führt genau in diese Rechtfertigungszwänge hinein: in den Zwang, uns dann nur noch von außen, im Urteil der anderen zu sehen und von ihnen freigesprochen zu werden. Anstatt durch Umkehr (die allerdings nur möglich ist, wenn wir dem Bann der Kollektivschuld uns entziehen, indem wir die Schuld auf uns nehmen) liebesfähig zu werden, verharren wir imgrunde in der larmoyanten Selbstmitleidshaltung und erwarten von den Opfern, daß sie uns daraus befreien. Das Gefühl der „Nichtidentität“ und das Verlangen, Identität durch die Anerkennung, die wir von anderen fordern, zu gewinnen, ist darin begründet (auch der so schwer identifizierbare deutsche Begriff des „Volks“, wie auch der Begriff der „Deutschen“: der gleichsam die Fremdbezeichnung als Selbstbezeichnung übernimmt: wir begreifen uns in der eigenen Sprache selbst als Barbaren; und in dieser Sicht lassen wir uns von niemandem übertreffen: es gibt keine Gemeinheit draußen, die wir – selbst wenn wir uns über sie empören – nicht als Ermächtigung für die eigene Gemeinheit nutzen; dies ist u.a. eine der apokalyptischen Folgen des unreflektierten Bekenntnisbegriffs, des mit ihm begründeten Mechanismus der Komplizenschaft und der Gemeinheitsautomatik).
Wenn wir uns selbst als Objekt, sozusagen im permanenten Akkusativ sehen („Wir Deutschen“), dann genügt es, wenn wir uns auf die Untaten der anderen beziehen können, um ihnen das Recht abzusprechen, uns wegen unserer Untaten anzuklagen. Wo kein Kläger, da kein Richter: wir sind frei. (Die Selbstverfluchung als dritte Verleugnung?)
Es genügt nicht, angesichts der Katastrophe zur Salzsäule zu erstarren; hinzukommen muß, daß man begreift, daß die Wurzeln der Katastrophe in der eigenen Verhärtung liegen; die Lösung liegt nach der dritten Verleugnung: er ging hinaus und weinte bitterlich.
Theologie hinter dem Rücken Gottes gehorcht dem Prinzip der Intersubjektivität; und dieses Prinzip ist Grund des Atheismus.
Das Theorie-Konstrukt „hinter dem Rücken (Gottes, der Dinge etc.)“ hat mit der Quantenphysik und mit der staatsinterventionistischen Wirtschaftspolitik eine neue Qualität gewonnen. In der gleichen Phase ist die Privatsphäre in den Öffentlichkeits- und Entfremdungsprozeß zunehmend hereingezogen worden, hat der Intimbereich und die ihn abgrenzende Scham sich verlagert, verändert.
(Qualitätsstufen des Säkularisationsprozesses, des Prozesses der Verweltlichung; Änderungen des Weltbegriffs.)
In einem Punkt ist Oswald Spengler, wie mir scheint, von der Reflexion noch nicht eingeholt worden: in seinem Konzept der arabischen Kultur (Schriftreligionen, Islam). Hier ist der blinde Fleck direkt bezeichnet worden.
Unser Bild des Islam ist eigentlich der Repräsentant unserer eigenen verdrängten Vorvergangenheit. Mit der Diskriminierung des Islam, mit dem Negativbild, das wir in ihn hineinprojizieren, sichern wir eine Verdrängung ab, der sich insbesondere das Konzept der mittelalterlichen Theologie verdankt. Die scholastische Philosophie hat eigentlich die Kirchenväter nicht mehr verstanden.
Die christliche Theologie steht seit den Kirchenvätern, insbesondere dann aber im Mittelalter unter einem Apriori, das mehr durch die Form des Dogmas als durch seinen Inhalt vorgegeben ist.
Die Form des Dogmas ist die Bekenntnisform (Gleichzeitigkeit des thomistischen christlich eingefärbten Aristotelimus und der Entwicklung der Inquisition im gleichen Orden, Vorspiel der Ketzerverfolgungen und der Hexenverbrennungen). Das Erkenntnis- und das Wahrheitsverständnis der Inquisition ist dann in den Erkenntnisprozeß der Naturwissenschaften mit eingegangen und über die Grundlagen der wirtschaftlichen Entwicklung in Europa in die Fundamente der westlichen, der sogenannten zivilisierten Welt mit eingebaut worden.
„Abgestiegen zur Hölle“: Eine Konstruktion des Wissensbegriffs, die dem gegenwärtigen Stand des Wissens und der Erkenntnis genügt, wäre das Abbild der Hölle.
These, Antithese, Synthese: In der Synthese triumphiert die Abstraktion.
Die Kirche steht in der Tradition der Sadduzäer. Jesus hat dagegen – bei aller Kritik – doch seine Nähe zu den Pharisäern immer wieder zu erkennen gegeben. Vgl. hierzu noch einmal das Verhör Jesu vor den Hohepriestern (und die Erzählung von den drei Verleugnungen durch Petrus – Identifikation mit dem Aggressor).
Die Auseinandersetzung mit der Theologie und die Auseinandersetzung mit der Physik sind identisch: sie haben es mit dem gleichen Gegenstand zu tun (mit den Erkenntnis-Konstrukt „hinter dem Rücken“).
Liebesbekenntnis – Verlöbnis – Hochzeit: Stufen des Durchgangs durch die Formen der Öffentlichkeit (Bekenntnis unmittelbar, Entfremdung, hinter dem Rücken), Stufen der Reifung und Entfaltung: daß das Bekenntnis Bestand gewinnt (Bloch: gemeinsam dem Tod standhalten; vgl. auch Benjamins „Wahlverwandtschaften“ und darin das Kant-Zitat).
Steht der Islam, die Ergebenheit in den Willen Allahs in einer plotinischen Emanationsfolge (Grund des islamischen Frauenverständnisses)?
Jedes Bekenntnis steht unter einem Rechtfertigungszwang; und der ist bei Frauen aufgrund ihrer spontanern Beziehung zur Empathie geringer als bei den Männern.
Zur Frage der Göttlichkeit Jesu: Ist der aufgespießte Schmetterling noch ein Schmetterling?
Mit Blick auf den Begriff der erkalteten Liebe nochmal den Beginn der Apokalypse lesen. Was ist mit einer Situation, in der es Liebe überhaupt nicht mehr gibt?
Der Atheismus heute partizipiert an der Unschuld der Herren. Und er akzeptiert, daß mit der Gottesfurcht auch die Sensibilität, der Kern des Lebens, verdrängt, unterdrückt und ausgeschieden wird.
Die Spezialität des deutschen Atheismus nach Auschwitz liegt darin, daß diese Schuld irreversibel ist. Auschwitz ist das Gericht über uns, von dem uns auch die überlebenden Juden nicht freisprechen können.
Gibt es etwas in der Natur, was den Toten entspricht, korrespondiert (der unwiederholbaren Vergangenheit)? Gibt es eine „Naturphilosophie“, die der Lehre von der Auferstehung der Toten korrespondiert? Gibt es eine Namenlehre der Natur? Ist das, was in der Natur dem Vergangenen entspricht, aufbewahrt in der islamischen Tradition? – Die Toten und unsere Kinder werden unsere Richter sein.
Der Hinweis, in der Diskussion über den Golfkrieg sei nur die männliche Sicht zu Wort gekommen, scheint sich nach meinem Verständnis darauf zu beziehen, daß hier eigentlich nur die Schuldfrage gestellt wurde (wer ist der Urheber, wer trägt die Schuld an diesem Krieg); die Frage nach den Opfern, wie kann ihnen geholfen werden, eröffnet einen ganz anderen Aspekt, der nicht zur Sprache gekommen ist. Das aber ist eine Folge des christlichen Verständnisses von Versöhnung, von Exkulpation, von Unschuld.
Zu den technisch-organisatorischen Fragen fällt mir eigentlich nichts ein; ich find es großartig, daß hier die Möglichkeit gegeben ist, sich auf einer Ebene zusammen- (und auseinander-) zusetzen mit dem Ergebnis, daß die drei Religionen weniger weit auseinander sind als die Fundamentalisten und die Progressiven in den Religionen.
Die Empörung darüber, daß es der deutschen Justiz nicht gelungen ist, die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten, übersieht, daß Gemeinheit kein Tatbestand des Strafrechts ist, sondern einzig ein theologischer Tatbestand.
„Equal rights for animals and trees“: Die ganze Kreatur sehnt sich nach der Offenbarung der Freiheit der Kinder Gottes.
„… und diese Welt den richtenden Gewalten durch ein geheiligt Leben abzuringen“: Die Gottesfurcht zum Kern, zum Zentrum, zum Inbegriff von Erfahrung machen. So ist sie in der Tat der Beginn der Weisheit.
Eine Personalisierung der Gottlosen ist heute ebenso wenig möglich wie eine reinliche Scheidung der Psychose von der Normalität. Es gibt heute ein Verhalten, das den Begriff, die Idee der Gottesfurcht vollständig erfüllt, aber zwangsläufig mit dem atheistischen Bekenntnis verbunden ist. (Arbeitstitel: Religion als Blasphemie.)
Modell der Auferstehung der Toten wäre die des Dogmas: diesen Schmetterling, den das Dogma aufgespießt hat, wieder zum Leben erwecken.
Mein Begriff der Gottesfurcht mißt sich an Auschwitz: Im Angesicht Gottes leben, im Angesicht Gottes Theologie treiben, heißt für mich zunächst einmal: im Anblick von Auschwitz leben und Theologie treiben.
Daß Allah die Welt jeden Augenblick neu erschafft, ist ein Gedanke, der nicht apriori zu verwerfen ist, der vielmehr zu Recht und mit aller Deutlichkeit darauf hinweist, daß wir im Schöpfungs“prozeß“ mitten drin stecken, daß die Schöpfung nicht nur vergangen ist, sondern jeden Tag erneuert wird.
„Die von den Siegern verordneten Bußübungen …“ (S. 163): Das war nicht die Situation nach 45, außer für die Unbelehrbaren. Ekelhaft der Versuch, auch für die eigene Unbelehrbarkeit noch die Sieger als Sündenböcke zu benutzen. Die waren’s in Schuld, wenn wir keine Chance hatten, die Vergangenheit aufzuarbeiten (so wie der Vater, der schuld daran ist, wenn ich zu spät zur Schule komme: warum weckt er mich jetzt nicht). „Erst wurde Deutschland judenrein, dann persilscheinrein“ (S. 165) – sie hat nichts begriffen. „Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung, und Erinnerung heißt wohl auch …, den vermauerten Zugang zu eigenen mörderischen Gefühlen freilegen.“ (S. 166) Nicht den Zugang zu eigenen mörderischen Gefühlen, sondern zu den Mechanismen, die diese Gefühle produzieren. Vgl. auch die Bemerkungen zum 13.07.: Das ist nicht die Erinnerung, um die es geht; es geht um Empathie, nicht um Einfühlung. „… der kreatürliche Trieb, der immer unmoralisch ist.“ (S. 167)
Bekenntnislogik
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14.03.91
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13.03.91
Gabriele von Arnim (Das große Schweigen): zu deutsch, zu exkulpierungssüchtig? Falsche (verräterische?) Begründung: „Haarsträubend findet der Historiker Christian Meier den Versuch der Deutschen, sich mit den Opfern zu identifizieren. Tatsächlich ist es eine scheinheilige List. Denn dann sind die Täter die Feinde und nicht mehr die eigenen Vorfahren.“ (S. 61) – Wir stehen (auch als Nachfahren) auf der Täterseite, weil wir in unserer Wahrnehmungs-, Erfahrungs- und Urteilsweise, in unserem Verhalten die Last der Vergangenheit transportieren; an unsere Kinder weitergeben, was wir von unseren Eltern bekommen haben. Der Schuldzusammenhang mit dem, was in unserem Namen in Auschwitz begangen wurde, ist nicht auf der Bekenntnisebene aufzulösen (oder: Umkehr nur auf der Bekenntnisebene ist nicht möglich). Wir können die Opfer nicht mit unserem Selbstmitleid belästigen. Das Verlangen, von Juden geliebt, gemocht zu werden, wiederholt die Tat, von der man loskommen möchte.
„Es gehört Mut dazu, die Wahrheit zu ertragen. … Ich mißtraue mir von ganzem Herzen.“ (S. 70) Mut gehört nur solange dazu, wie man sich weigert, die Voraussetzungen, aus denen das alles erwachsen ist, und die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, zu begreifen. G.v.A. nennt es eine „masochistische Umkehrung“, wenn ich „mir die Schuld der Väter auf die Schultern bürde“ (S. 71): Ich habe sie „auf den Schultern“; was ist daran „masochistische Umkehrung“? -
04.03.91
Zum Begriff der Natur: Heute sind die Sünden des Unterlassens, des Zuschauens und Nichtstuns schlimmer als die des Tuns: sie ermächtigen das subjektlose und bewußtlose Handeln des blinden Naturlaufs, der allemal in die Katastrophe führt. Dieses Nichthandeln bedarf der Rechtfertigung; das Anwachsen der Rechtfertigungslehren ist darin begründet; diese müssen dann abgesichert werden durchs Bekenntnis, das nichts ändert, nur folgenlos (und scheinhaft) exkulpiert.
Die Fundamentalontologie ist der letzte Versuch, die theoretische Vernunft, das kontemplative (zuschauende) Verhältnis zu den Dingen (die Grundlage des wissenschaftlichen Erkenntnisbegriffs) vor den Konsequenzen der kantischen Vernunftkritik zu retten: eben damit verfällt sie dem Gesetz der sich selbst entfremdeten Erscheinung, der irreversiblen Trennung vom An sich, des Andersseins (vgl. Rosenzweigs Bemerkung über die verandernde Kraft des Seins). Herausoperiert wird die moralische Geiselhaft: die Gottesfurcht (zur Unkenntlichkeit verkürzt in Begriffen wie „Geworfenheit“, „In-der-Welt-Sein“, „Geschichtlichkeit“). Notwendig ist heute, wenn Philosophie überhaupt noch zu retten ist, die Kritik des Theoriebegriffs, letztlich der kantischen subjektiven Formen der Anschauung und ihrer realen Vorläufer und Äquivalente: des Tauschprinzips und des Bekenntnisses (dreifache Leugnung), am Ende der Leugnung des Opfers (durch seine Instrumentalisierung und Vergegenständlichung in den Begriffen des Sakraments, des Objekts und der Ware). Es gibt keinen Ausweg außer in der Nachfolge.
Intimfeind Heidegger: Heidegger-Kritik als Erforschung des projektiven Anteils an dieser Feindschaft (Konsequenz aus dem Gebot der Feindesliebe).
Der Ursprung der Gemeinheit im Verwaltungsdenken: Wenn Asyl-Bearbeitungsstellen Antragsteller in eines der ehemaligen DDR-Länder schicken, obwohl sie genau wissen müßten, welche Folgen das für die Situation in den neuen Bundesländern und für die Asyl-Bewerber selbst haben wird, so leitet sich das her aus dem Ressortdenken, dem Verwaltungsprinzip der Zuständigkeit: aus einer strukturbedingten (nicht persönlichen) Dummheit der Sachbearbeiter. Nur: diese Dummheit ist gewollt; sie wird in der Ausbildung der Sachbearbeiter eingeübt und durch Verwaltungsvorschriften, durch die Struktur der Verwaltungsorganisation und die Regeln des Verwaltungshandelns stabilisiert; Abweichungen werden durch externe und interne Prüfungsorgane verfolgt und durch Sanktionen unterbunden. Honoriert wird hier (wie in jeder, auch der kirchlichen Verwaltung) die grundsätzliche Verletzung des Nachfolge-Gebots. -
02.03.91
Im Herrengebet kommt der Himmel sowohl im Plural vor („qui es in caelis“), als auch im Singular („fiat voluntas tua sicut in caelo et in terra“). Kann es sein, daß nur in einem der Himmel sein Wille geschieht? Hängt der Plural zusammen mit dem „Hofstaat“, mit den Herrschaften, Gewalten und Mächten, zu denen auch der „Ankläger“ gehört?
Es kommt heute mehr darauf an, in der Politik und im politischen Bewußtsein der Mitmenschen die Dummheit zu begreifen, als über die Bosheit, die Verbrechen, sich zu empören. Es genügt nicht mehr das „moralische“ Urteil, das an den Dingen nichts ändert, nur den Urteilenden (scheinbar) exkulpiert. Die Empörung genießt das Sakrament des Büffels: sie will teilhaben an der richtenden Gewalt, aber sie ändert nichts. (Heute hat das Prinzip der richtenden Gewalt das Bewußtsein aller in der westlichen Welt, gleichsam als dessen transzendentale Logik, erfaßt und durchsetzt; es wird abgestützt durch den abstrakten Objektbegriff und durch die Herrschaft der Totalitätsbegriffe Welt und Natur; seine Logik ist die am Feinddenken sich orientierende Bekenntnis-, Kriegs-, Gewaltlogik. Es ist Teil des Realitätsprinzips, eigentlich mit ihm identisch.)
Gibt es in der jüdischen Tradition ein Äquivalent zum „et ne nos inducas in tentationem“? Das Rätsel, daß Gott uns nicht in Versuchung führen soll, daß die Versuchung von ihm ausgeht, löst sich nur im Hinblick auf die Idee der richtenden Gewalt: Gemeint sein kann nur die Verführung durch die Vorstellung, an der richtenden Gewalt teilhaben zu können. Die Geschichte dieser Versuchung ist der Kirche vorausgesagt in der Erzählung von der dreimaligen Verleugnung des Herrn durch Petrus.
Woher kommt eigentlich der (neudeutsche?) Zusatz zum Herrengebet „denn Dein ist das Reich, die Macht und die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen“? Wie heißt dieser Text auf Lateinisch? Wann und aus welchem Grunde ist dieser Zusatz in den Text der Messe aufgenommen worden? – Und wann ist das Händewaschen („Lavabo inter innocentes …“) in den Meßkanon mit aufgenommen worden (und vor welchem Hintergrund)? Identifikation mit Pilatus; Hinweis auf die Instrumentalisierung der Opfertheologie? Zusammenhang mit dem kirchlichen Antijudaismus? Drückt sich hier das Bewußtsein aus, daß man sich in der Opfertheologie nicht auf die Seite des Opfers (unter das Gesetz der Nachfolge) sondern auf die Täterseite stellt und deshalb zwangsläufig das Entsühnungsritual des Händewaschens vollziehen muß? – Dann aber braucht man als Projektionsfolie, als Sündenbock einen anderen „Gottesmörder“. (Was bedeutet es, wenn Jesus beim letzten gemeinsamen Paschamahl darauf hinweist, daß der, der die Hand mit ihm in die Schüssel taucht, der Verräter sein wird?)
Das Meßopfer heute: ein totes, leeres, verwesendes Gebilde, das nur durch Erinnerungsarbeit wieder zum Sprechen (zum Bewußtsein seiner selbst) gebracht werden kann.
Zusammen mit dem Antijudaismus, der Ketzer- und der Hexenverfolgung bedürfen drei Dinge der Aufarbeitung (durch Erinnerungsarbeit):
– der Ursprung des Frühkatholizismus und die Entwicklung der kirchlichen Hierarchie (und ihrer Insignien und Symbole),
– die Geschichte der Dogmenentwicklung (des Bekenntnisses) und
– der Ursprung und die Geschichte der kirchlichen Liturgie und des Meßopfers.
Es scheint nicht ohne Bedeutung zu sein, daß die Geschichte des Fronleichnamsfestes (und der Fronleichnamsprozession) im dreizehnten Jahrhundert beginnt und im zwanzigsten endet (mit Auschwitz: hier endet eine Epoche, deren Beginn zur zweiten Leugnung gehört, und deren Ende zur dritten).
Steht die katholische Kirche nicht in der Tradition des lupus, des Wolfs (der zur Ursprungsgeschichte der Stadt Rom und des römischen Imperiums gehört)? Herrschaftskritik ist heute nur über die Kirchenkritik möglich (allerdings nur über eine Kirchenkritik innerhalb der Kirche, nicht von außen).
Das Herrendenken scheint heute das allereinfachste (der Weg des geringsten Widerstandes: die erste tentatio) zu sein, nicht zuletzt aufgrund der Absicherungen über die Totalitätsbegriffe Natur und Welt, über das sogenannte naturwissenschaftliche Weltbild, über das Realitätsprinzip und das Gesetz der Selbsterhaltung. Diese Absicherungen haben eine Vorgeschichte, die in die Geschichte der Religionen zurückreicht und heute weitestgehend verdrängt und kaum mehr durch Erinnerungsarbeit zurückzuholen ist. Die einzige Institution, in der diese Vorgeschichte noch präsent ist, ist die katholische Kirche. Ihr Anachronismus ist ihr wichtigstes Erbteil.
Die paulinische Lehre von Tod und Auferstehung beschreibt in ihrer instrumentalisierten Gestalt genau die Mechanismen des Verdrängungsprozesses, im Kontext der Gottesfurcht hingegen deren Auflösung. Die Subjektivierung des Verdrängungsbegriffs, die Leugnung seines objektiven Anteils (in dem seine Beziehung zur Gottesfurcht begründet ist), ist Reflex eines Objektivitätsbegriffs, der selbst der massivsten Verdrängung sich verdankt.
Der Protestantismus ist auf den Kern des Bekenntnissyndroms gestoßen: auf die Frage der Rechtfertigung (Bekenntnis, Reklame und Sprachverwirrung; Dogma und Verzweiflung). Damit war die Kraft der Häresienbildung verbraucht.
Das verdinglichte Dogma enthält die apokalyptische Tradition als Sprengsatz in sich; Aufgabe der Theologie wäre es, diesen Sprengsatz durch Auflösung des Dogmas zu entschärfen, bevor er tatsächlich das Dogma und mit ihm die Welt sprengt. Oder anders: Die verdrängte Apokalypse kehrt heute als Gemeinheit, Aggressivität und Brutalität wieder und bedroht den Bestand der Welt.
Der Totalitätsbegriff der Natur hat keine Bedeutung außerhalb des Zusammenhangs der Naturbeherrschung, ebenso wie der Weltbegriff keine Bedeutung hat außerhalb der politischen Zusammenhänge, in denen er sich geschichtlich konstituiert. Beide Begriffe reflektieren und stabilisieren die Herrschaftsgeschichte, bezeichnen das Schienensystem, auf dem sich die Lokomotive bewegt, die kaum noch aufzuhalten ist.
Grundlage des gesamten Konzepts wäre die Rekonstruktion der gegenwärtigen Phase der Herrschaftsgeschichte.
Die Imitatio Christi wäre heute neu zu schreiben. Zentral wäre hierbei die Kritik jener Identifikation, die Thomas a Kempis hineingebracht hat, die ans Selbstmitleids appelliert. An ihre Stelle wäre die Identifikation mit den Armen, den Fremden, den Unterdrückten zu setzen. Nur so wäre dem Begriff der Nachfolge: d.h. der Idee der Übernahme der Schuld der Welt zu genügen. Das Selbstmitleid gehört zu den tentationes, vor denen das Herrengebet warnt.
Die Deutschen (das einzige Volk, das sich selbst als anderes, als fremdes Volk: als Barbaren begreift) haben nicht sich, sondern der Welt die Tarnkappe übergeworfen: deshalb sehen sie sie nicht mehr. Sie sehen in gut idealistischer Tradition nur noch das in der Welt, was sie selbst in sie hineinlegen, hineinprojizieren. Sie bleiben an den Grund des Selbstmitleids gefesselt.
Eine Unsterblichkeitslehre, die nicht die Rettung der Menschheit mit einbegreift, bleibt gefesselt an das Selbsterhaltungsprinzip (die Hypostase des Selbstmitleids); die Idee der Unsterblichkeit aber wird denunziert, wenn man sie an die Selbsterhaltung bindet. Das Selbstmitleid ist der Grund des Selbsterhaltungs- und des Realitätsprinzips. Hierbei sollte nicht verschwiegen werden, daß das Selbstmitleid nicht gegenstandslos, und daß es insoweit unvermeidbar ist, als die Gestalt der Welt die Menschen zur Selbsterhaltung und zur Beachtung des Realitätsprinzips zwingt; es ist nur in Hoffnung aufzuheben: im Kontext der Gottesfurcht.
Die (mittelalterliche) Lehre von der persönlichen Schuld schließt die Leugnung der Erbsünde mit ein.
Ich kann ein Bekenntnis nicht fordern, ohne Heuchelei zu provozieren; deshalb hat der Ankläger immer unrecht.
Die Stelle aus Jer. 3121f, die Radford Ruether ihrem Buch „Frauen für eine neue Gesellschaft“ als Motto voranstellt, enthält die biblische Begründung für den Satz Franz von Baaders über Strenge und Liebe.
Das physikalische Experiment hat seine Vorgeschichte im Kontext von Inquisition und Folter, in der Geschichte der Ketzer- und Hexenverfolgung, in der Häresienfurcht und -feindschaft der Kirche. Und die wütende Reaktion der Kirche auf die Anfänge der modernen Naturwissenschaft verweist genau auf diesen projektiven Anteil.
Das Bekenntnis Hermann Cohens ist ein falsches Schuldbekenntnis gegen eine falsche Anklage. Ihr Ziel ist die Kritik der Anklage, der Versuch, der Anklage durch Verweigerung der Komplizenschaft (der falschen „Solidarität“) den kollektiven Grund zu entziehen (Bekenntnis als Gericht über die Anklage).
Umgekehrt argumentiert die Bekenntnisforderung nach dem Schema „mitgehangen, mitgefangen“; und: beweise, daß du nicht dazugehörst (Umkehr der Beweislast).
Die Naturwissenschaft kennt keine Häresienbildung, wohl die politische Theorie (Baader-Meinhof-Bande, Familien-Bande, Gottsucher-Bande).
Zum Begriff des Bekenntnisses
oder
über die Rehabilitierung der Gottesfurcht,
die Notwendigkeit der Selbstbekehrung der Christen und
die Entkonfessionalisierung der Kiche.
Kein work in progress, sondern ein work in regress.
Selbstheilungskräfte wachsen nicht, sondern werden vom Zustand der Verwirrung provoziert.
„… und weinte bitterlich.“ Erst wenn die Kirche aus ihrer dogmatischen Erstarrung sich befreit, wenn die Tränen sich lösen: „Heute, wenn ihr seine Stimme hört.“ – Dieses Heute tritt dann ein, wenn wir begreifen, daß das Bilderverbot generell, ohne Ausnahme gilt, insbesondere auch für den kantischen Objektbegriff. Oder es tritt ein, wenn der Satz „Männer weinen nicht“ nicht mehr gilt, wenn auch Männer ihr Gesicht verlieren dürfen.
Rosenzweig und Münchhausen: Sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf (des Nichtwissens) ziehen. Aber das wäre eine idealistische Interpretation Rosenzweigs (vor der er selber nicht ganz gefeit war; und nur in dieser idealistischen Version gründet seine Nähe zu Heidegger, der dann die Probe aufs Mißlingen des Münchhausenschen Rezepts gemacht hat).
Zum Begriff des Bekenntnisses wird man sicher zunächst an die zarteste Anwendung dieses Begriffs erinnern müssen: an die des Schuld- und des Liebesbekenntnisses. Der religiöse Begriff des Bekenntnisses in seiner Ursprungsgestalt wird weit eher in der Richtung des Namenszaubers, der Namensmagie zu suchen sein als in der des weltanschaulichen Apriori und seiner Logik. Zu erinnern wäre hier an die sehr konkrete Bedeutung der „Heiligung des Gottesnamens“ in der jüdischen Tradition, wenn beispielsweise in der Geschichte der jüdischen Mystik von der Einung des Gottesnamens magische Wirkungen erwartet werden. So war das ursprüngliche Bekenntnis das Bekenntnis des Namens (an dessen Stelle dann das Symbolum, der Schuldschein, trat: oder der Vertrag, der Erbschein, der Neue Bund).
Der Faschismus ist nicht nur irrational. Seine Logik läßt sich ableiten aus der Bekenntnislogik. Erst wenn diese Ableitung gelingt, ist der Bann gebrochen. Zu erinnern wäre hierbei an die Aufspaltung der Heiligenverehrung nach Geschlechtern nach Ende der Märtyrerzeit, im Prozeß der Anpassung des Christentums an die Welt, seiner Umformung zur römischen Staatsreligion, sowie im Zusammenhang mit der Entwicklung des christlichen Dogmas und der frühkatholischen Kirchenorganisation: da erscheinen der männliche Confessor und die weibliche Virgo als neue Heiligengestalten. Bei der Trennung wird nicht zufällig der Bekenntnisbegriff eingeschränkt auf das männliche Geschlecht, während die Frauen „in der Gemeinde schweigen“ (später dann nicht einmal mehr singen durften): nicht mehr bekenntnisfähig sind. In diesem neuen Bekenntnisbegriff sind enthalten:
– der Antijudaismus (durch den Inhalt der Doxologie: zum Bekenntnis gehören insbesondere das Trinitätsdogma und die Lehre von der Göttlichkeit Jesu, die die Juden nicht mitvollziehen können),
– der antihäretische Grundzug (die Abgrenzung der Orthodoxie nach außen)
– und die Frauenfeindschaft (die Neubestimmung des Subjekts des Bekenntnisses: auch heute können nur Leute wie Saddam Hussein oder George Bush das „Gesicht verlieren“, Frauen dagegen wohl nicht; das Gesicht, das man verlieren kann, ist die Maske; es hängt offensichtlich mit dem mit dem Bekenntnisbegriff ganz wesentlich verbundenen Begriff der Person zusammen; auf dem Schauplatz der Geschichte gibt es eigentlich nur Männer; wer hier sein Gesicht verliert, kann seine Rolle nicht mehr spielen; deshalb dürfen Männer nicht weinen, nur stolz sein).
Das Bilderverbot wird auf eine ebenso subtile wie verhängnisvolle, kaum fassbare und nur im Kontext einer Kritik der christlichen Theologie im ganzen begreifbaren Weise durch Einführung des Personbegriffs in die Theologie verletzt (Anwendung des Vermummungsverbot auf die Theologie).
Die Instrumentalisierung der Opfertheologie war unvermeidbar, solange die Theologie es versäumte, durch Erinnerungsarbeit den mythischen Bann des Opfers (oder den Bann des Mythos) aufzulösen, anstatt das Heidentum in einer Form nur zu „überwinden“, die dann auch Bekehrungskriege (und die Kriegslogik des Zwangsbekenntnisses, zuletzt die Vernichtungslogik des faschistischen Weltanschauungskrieges) möglich machte.
Eine Kreuzestheologie ist möglich, wenn sie
– die Reflexion auf Auschwitz mit einbezieht und
– durch Erinnerungsarbeit zum Sprechen gebracht wird (für die beispielsweise Walter Burkerts „Wildes Denken“ einsteht, aber auch die systematische Stellung des Mythos in Rosenzweigs „Stern der Erlösung“). -
28.02.91
Als „persönliche“ Beichte, als Beichte „persönlicher“ Schuld (Folge ihrer Ritualisierung), ist die Beichte Herrenbeichte: eine reine Entlastungsveranstaltung (Einübung des autoritären Charakters). Das Schuldbekenntnis vor dem Priester macht diesen zum Repräsentanten aller, gegen die man schuldig geworden ist: es rückt zugleich die real Verletzten, die Armen und die Fremden, aus dem Blickfeld (das Identifikationsangebot der Kirche enthebt die Gläubigen von der Last der Identifikation mit den Armen und den Fremden: von der Gottesfurcht). Jede Personalisierung der Schuld ist Teil des Schuldstreits, der nur durch Unterwerfung (im Ernstfall durch Krieg: durch Vernichtung des „Feindes“) und gleichzeitige Leugnung und Verdrängung befriedet werden kann: Grund der Aggressivität (explosive Mischung von Unterwerfung, Exkulpierung, Notwendigkeit eines Feindbildes, Aggressivität: Wut; unschuldig ist und macht nur die Gewalt -Bölls Sakrament des Büffels).
Zusammenhang von Erkennen (=Schulderkenntnisse, Anklagefunktion der Erkenntnisse) und Bekennen bei polizeilichen, strafrechtlichen Ermittlungen; Erkennen und Beischlaf (biblischer Gebrauch des Erkenntnisbegriffs; obszöner Grundzug des staatsanwaltlichen und des wissenschaftlichen Erkenntnisbegriffs?); Bekenntnis Grund der Privatisierung, Entpolitisierung der christlichen Sexualmoral?
„Du sollst kein falsches Zeugnis reden wider Deinen Nächsten“: Das ist nicht das Verbot zu lügen, sondern das Verbot, hinter dem Rücken des Nächsten anders über ihn zu reden als in seiner Gegenwart. (zu KuJ, S. 105)
Daß die ersten Menschen das Tierfell anstelle der Efeublätter von Gott erhalten, hat möglicherweise mit dem Nahrungsgebot (mit der Frage Vegetarianismus oder Schlachten der Tiere) zu tun, ebenso das Tieropfer des Abel?
Rosenzweigs Bemerkung zur „Weltgeschichte im Wörterbuch“, die sich auf die Differenz zwischen dem hebräischen und dem griechischen Wort für Buße, Umkehr bezieht, läßt sich ebenso anwenden auf die Wort- (oder Begriffs-?) Geschichte von Symbolum, Confessio, Bekenntnis (gibt es dazu ein hebräisches Äquivalent?). Darin steckt der theologische Kern der philosophiehistorischen Auseinandersetzung zwischen Realismus und Nominalismus (die Geschichte des Ursprungs der Naturwissenschaften, der kantischen Vernunftkritik und der hegelschen Dialektik) und der Beziehung der Dogmengeschichte zur Herrschaftsgeschichte, insbesondere zur Geschichte der Naturbeherrschung, im Christentum. Der Bekenntnisbegriff ist ein Reflex des Weltbegriffs und begründet, konstituiert die Ursprungsbedingungen des Naturbegriffs; er ist (gemeinsam mit der Form der räumlichen Anschauung) der Angelpunkt zwischen Welt- und Naturbegriff.
Hegels Reflexionsbegriffe beschreiben aufs genaueste die Kraft der Begriffe, das Ungleichnamige gleichnamig zu machen. -
27.02.91
Ist das Symbolum (Bekenntnis) ein Schuldschein (Teil eines Vertrages)?
– Vgl. Tob. 53: „Da antwortete Tobit seinem Sohne Tobias: Wir haben unsere Unterschrift auf einer Urkunde gewechselt, und ich habe sie in zwei Teile geteilt, damit jeder von uns eine erhalte. Eine Hälfte habe ich mitgenommen, die andere zum Geld hinterlegt. Zwanzig Jahre sind es nun schon her, daß ich dieses Geld hinterlegt habe.“ (Text nach LXX Cod. Sinaiticus) – Was hat der Hund im Buch Tobit zu suchen?
– Vgl. Luk. 166f: Der untreue Verwalter ändert die Schuldscheine der Gläubiger, als der Herr ihn der Verschleuderung des Vermögens beschuldigt.
– Vgl. Kol. 214: „Er hat den Schuldschein, der gegen uns sprach, durchgestrichen und seine Forderungen, die uns anklagten, aufgehoben. Er hat ihn dadurch getilgt, daß er ihn ans Kreuz geheftet hat. Die Fürsten und Gewalten hat er entwaffnet und öffentlich zur Schau gestellt; durch Christus hat er über sie triumphiert.“
– Vgl. Neh. 510f: „Auch ich und meine Leute haben Stammesbrüdern Geld und Getreide geliehen. Erlassen wir ihnen doch diese Schuldforderungen. Gebt ihnen unverzüglich ihre Äcker und Weinberge, ihre Ölberge und Häuser zurück und erlaßt ihnen die Schuld an Geld und Getreide, Wein und Öl, die sie bei euch haben.“
– Vgl. die Regelungen zum Jubeljahr (Lev. 258ff).
Fernseh-Nachrichten im Golfkrieg: Gekennzeichnet durch den Siegeston, durch Häme gegen den Unterlegenen, Identifikation mit den Triumphierenden, kein Gedanke an die Folgen (wenn, dann nur zur Bestimmung des „Schuldigen“: zur eigenen Entlastung). Unbehelligt von der Frage, ob sich auf der Grundlage der „Ergebnisse“ dieses Krieges eine „neue Nachkriegsordnung“ überhaupt vorstellen läßt. Grund: Verdrängt wird die Mitschuld der Arroganz, des Hochmuts und der furchtbaren demonstrativen Unschuld des Westens. -
26.02.91
Bekenntnis und Naturphilosophie: Das Bekenntnis verhält sich zum Subjekt (zur Person) wie der Raum zu den Dingen, insbesondere im Hinblick auf deren Verhältnis zur Zeit (Subsumtion unter die Vergangenheit) und zur Intersubjektivität (Entfremdung). Gibt es ein Natur-Äquivalent des erlösenden Bekenntnisses (Bekenntnis des Namens)?
Verhältnis des Bekenntnisses zum Raum: als reine Form der Äußerlichkeit, als Grenze zwischen Innen und Außen (gesellschaftlich-historisch: zwischen Öffentlichkeit und Privatbereich – gemeinsamer Ursprung von Bekenntnis und Privatsphäre? Erst mit der Öffentlichkeit konstituiert sich der Adressat des Bekenntnisses) ist der Raum notwendig dreidimensional; erst die Dreidimensionalität konstituiert das „Wissen“, die Erkenntnis hinter dem Rücken des Objekts (im Zusammenhang mit der Konstituierung der Vorstellung einer homogenen, linaren, irreversiblen Zeit).
Das Bekenntnis ist die Agentur der induzierten Trägheit: Angleichung ans Trägheitsprinzip. Bekenntnis und objektive Vernunft (der aristotelische intellectus agens: hat seinen Sitz in der Mondsphäre, gleichsam am logischen Ort des Matriarchats; Usurpation durch die Kirche, Zwang zur patriarchalischen Konstruktion der Trinitätslehre, Verhältnis zum Inzesttabu; Maria und das Bekenntnis?).
Das Bekenntnis ist der Kern des Schuldzusammenhangs und der Umkehr (double-bind: kein Ausweg mehr außer durch Theologie).
Die Mode ist eine Metastase des Bekenntnisses (oder: der Sexismus ist eine direkte Konsequenz aus dem Bekenntnissyndrom; die geforderte Unterordnung der Frau unter den Mann ist der genaue Reflex der Selbstunterordnung des Mannes im Bekenntnis). Wenn es einen psychosomatischen Ursprung des Carcinoms gibt, wird er im Bereich des Bekenntnissyndroms zu suchen sein.
Das „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich“ ist unter Herrschaftsbedingungen grundsätzlich antisemitisch; im Kontext der Nachfolge (und der Umkehr) jedoch der einzige Weg der Versöhnung, der Befreiung (Genesis und Auflösung des kirchlichen Antijudaismus).
„Im Angesicht des Feindes“: Vor welchem Hintergrund und in welchem Kontext erscheint diese Wendung (Verhältnis zu „Im Angesicht Gottes“ – vgl. Jürgen Ebach)? Bezieht sie sich auf die Tötung des Feindes oder auf die Selbsterkenntnis im Angesicht des Feindes (und hängt nicht das eine mit dem andern zusammen)? Zusammenhang mit der ambivalenten Bekenntnislogik (Versöhnungs- und Kriegslogik). Die Gefahren des Fundamentalismus sind begründet in der historisch-gesellschaftlichen Struktur des Bekenntnisses heute (Bekenntnis und Sündenfall, Subjektivität und Welt, Stellung der Welt im historischen Prozeß: nicht Schauplatz, sondern Subjekt-Objekt der Geschichte). -
25.02.91
Trinitätslehre: Für Gott: Ich/Du/Er, für Jesus: Du/Ich/Er, für den Geist (und für uns): Er/Du/Ich. Wie wird die dritte Person zur ersten (und die erste zur dritten)? Die Barmherzigkeit gewinnt erst Grund, wenn sie die richtende Gewalt ganz in sich aufgenommen hat, selbst zur richtenden Gewalt geworden ist (als Gericht über das Weltgericht, das wäre dann das Jüngste). Die Trennung von Gericht und Barmherzigkeit (Erde und Himmel) ist der Grund der Erzeugung des Chaos-Drachens?
(Was ist mit Ich/Er/Du, Du/Er/Ich, Er/Ich/Du? Ist der Sohn niemals dritte und der Geist niemals zweite Person, während allein die erste sich durch alle drei Personen durchkonjugieren läßt – kann die zweite nicht zur dritten und die dritte nicht zur zweiten Person werden, ist die Grenze zwischen zweiter und dritter Person unübersteigbar – Grund der Einzigkeit des Vaters?)
Bekenntnis und Familienbande: Ödipus-Komplex; double-bind; Geschichte der Auseinandersetzung mit den Eltern Voraussetzung und Modell der Geschichte der Auseinandersetzung mit der Natur (Stellung der Familie im historischen Reproduktionsprozeß: Struktur und Gewalt des Familienmythos abhängig von der Stellung der Familie in der Gesellschaft – vgl. Hannah Arendt: Erpressbarkeit der Väter); Bekenntnis zur Familie, Auflösung des Inzest-Tabus?
Die Wendung, daß Gott außer Himmel und Erde auch das Meer erschaffen hat, scheint außer im NT nur im Buch Jona (im „Bekenntnis des Jona“) vorzukommen (außerdem im Dekalog) (vgl. Jürgen Ebach KuJ, S. 28). -
24.02.91
Die mythische Vorstellung der Schöpfung von Himmel und Erde durch Spaltung des Chaos-Drachen Tiamat (J.Ebach LuB, S. 45, Anm. 11) wird in Gen. 1 umgekehrt (vom Kopf auf die Füße gestellt): Der Chaos-Drache ist das Produkt der Schöpfung von Himmel und Erde (Trennung von Zukunft und Vergangenheit: der Drache als Imago der Herrschaft der Vergangenheit über die Zukunft: Das Tier … war und ist nicht und wird wieder heraufkommen – Geh. Offb. 178).
Nach Genesis 121 werden die „großen Meerestiere“ (die Tanninim) nicht „nach ihrer Art“ erschaffen: als dann auch nicht von Adam benannt? Ihre Benennung erfolgt erst am Ende („hier bedarf es Weisheit und Verstand; ihre Zahl ist 666“ – Vgl. hierzu auch Hi. 382 und 423: „wer ist es, der den Ratschluß verdunkelt, mit Gerede ohne Einsicht?“ – Zusammenhang mit dem „Bekenntnis“: „nur wer das Zeichen des Tieres trägt“)? – Vgl. auch Hegels Begründung für seinen Satz, daß die Natur den Begriff nicht halten kann.
Das kantische Objekt, der an sich bestimmungslose Gegenstand: Substrat der transzendentalen Logik, ist der Grund des Nichtwissens: Produkt und Endpunkt der Geschichte des Begriffs (die Hegel dann beschreibt) und Ausgangspunkt des Rosenzweigschen „Stern der Erlösung“. Rosenzweigs Kritik des „Alls“ ist die Kritik des Alls der Objekte: des historischen Objektvationsprozesses.
Ist Jes. 11 wirklich „ein Vorschein der neutestamentlichen Feindesliebe“ (J. Ebach LuB, S. 46, Anm. 11)? Setzt das Gebot der Feindesliebe (das ohne das Nachfolgegebot: das Gebot, die Schuld der Welt auf sich zu nehmen, nicht zu verstehen ist) nicht voraus, daß das Fleischfressen der Löwen (die Horkheimersche „Katastrophe der Urzeit“, DdA) Folge einer Schuld ist, an deren Grund die Lehre vom „Sündenfall“ rührt, und die in die christliche Verantwortung (als Grund und Ausdruck der Gottesfurcht und als Grund der Notwendigkeit von Theologie als Erinnerungsarbeit – „exakte Phantasie“) mit hereinzunehmen ist? Letzter nachweisbarer Widerschein der Trinitätslehre: die Konstellation des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs.
Das Vater in der Trinitätslehre ist (u.a.?) der Hinweis auf die Notwendigkeit der Erinnerungsarbeit (Zusammenhang mit den Genealogien, den toledot). Bedeutung des Patriarchats? – Aber Gegenstand der Erinnerungsarbeit ist nicht einfach das Vergangene, der Ursprungsmythos, sondern im Ursprung die darin verborgene Zukunft.
Behemoth und Leviathan: Das Krokodil ist Überlebender der Saurierzeit; aus welcher Zeit, aus welcher Phase im naturgeschichtlichen Evolutionsprozeß stammt das Nilpferd?
Zoo und Museum: Indiz für den Stand der Naturgeschichte der Herrschaft (und der Gewalt): Auch Nilpferde und Krokodile werden – zusammen mit den Tieren aus Hi. 38f und Ps. 104 – als Anschauungsobjekte im Zoo gehalten (oder auch vor der endgültigen Ausrottung bewahrt? – wie in der Arche vor der Sintflut? -Waren auch Behemoth und Leviathan in der Arche; gab es dafür -sie waren als Meerestiere von der Sintflut nicht bedroht – eine Notwendigkeit, abgesehen davon, daß Noach nur Tiere „jedes nach seiner Art“ aufnehmen sollte, diese Meerestiere aber gerade keiner „Art“ angehören? Unterschied zwischen Zoo und Arche).
Natur und Welt sind keine divergierenden Objektbereiche, auch nicht nur perspektivische Aspekte eines (desselben) Objektbereichs; das Verhältnis von Natur und Welt ist nicht mengentheoretisch bestimmbar; sie sind vielmehr logische, objekterzeugende Strukturen, die eigentlich bestimmte Strukturen und Verhaltensweisen des Subjekts (das Herrendenken) absichern und stützen: beide beziehen sich auf Objekte als Erscheinungen im Kontext der Naturbeherrschung und reflektieren ggf. im gleichen Objekt den Bruch der Subjekt-Objekt-Beziehung als Herrschaftsbeziehung. Natur und Welt verhalten sich wie Objekt und Subjekt, definieren die Rahmenbedingungen dieser Trennung und ontologisieren sie.
Die Steigerung der Situationen, auf die die dreimalige Leugnung des Petrus sich beziehen, bilden den Fortschritt ab, der zur Entqualifizierung des Objekts (zur Zerstörung der benennenden Kraft des Begriffs, zur Löschung des Namens) führt: die Magd zu Petrus, die Magd zu den Umstehenden über Petrus, die Umstehenden zu Petrus; der letzte Fall hat die Selbstverfluchung Petri zur Folge.
Die „persönliche Schuld“ (Gegenstand der Beichte) ist ein Folgeeffekt der Personalisierung der Schuld (Grundlage des Rechts, nicht der Moral, oder Symptom der Angleichung der Moral ans mythische Recht; Grund der Tatsache, daß Gemeinheit strafrechtlich nicht zu fassen ist; Probleme des Akkusativs, der dritten Person: grammatisch und theologisch), ihrer reflexiven Anwendung aufs Subjekt (Rückwirkung des Sündenbocksyndroms aufs projizierende Subjekt: Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet); die wirkliche Schuld ist nicht beichtfähig und nicht „persönlich“: die Last der Vergangenheit, die mit jeder Generation sich mehrt (zugleich sich in Richtung Erkennbarkeit verändert) und die jede Generation als wachsende Hypothek neu von der Vergangenheit zu übernehmen hat (zum Begriff der Nachfolge). -
23.02.91
Transzendentale Bekenntnis-Logik: Das instrumentalisierte Bekenntnis (Bindung durch Komplizenschaft) resultiert aus der Umkehrung der Idee der Versöhnung und gehorcht der Kriegs-Logik (Telos und Ernstfall des Herrendenkens) und stabilisiert sie: es ist ein Bekenntnis gegen einen Feind; die identitätstiftende Funktion des Feindbildes hängt mit der ausgrenzenden Funktion des Bekenntnissyndroms zusammen (von der Abspaltung der Häresien bis zur Verfolgung derer, die mit dem Feind sympathisieren). Das Feindbild hat hierbei Sündenbockfunktion: Es stabilisiert die erforderliche Verdrängung, indem sie das Verdrängte nach außen projiziert und durch den eingebauten Wut-Mechanismus unkenntlich macht. Die Bekenntnis-Logik konstituiert das transzendentale Subjekt und den Idealismus (auch den, der sich materialistisch nennt: erkennbar an der häresienstiftenden Kraft des Marxismus); sie ist deshalb so schwer kritisierbar, weil sie in die Struktur des Ich mit eingebaut ist (das Realitätsprinzips gehorcht der Logik der Empörung).
Die Bekenntnis-Logik verletzt das Gebot der Feindesliebe.
Wo steckt das Bekenntnis in der „Kritik der reinen Vernunft“?
Wer der Bekenntnis-Logik sich unterwirft, wird unbelehrbar (ist potentiell Antisemit). Zusammenhang mit der Säkularisations-Geschichte.
Das „Freilegen der Zukunft“ (Metz in „Welches Christentum hat Zukunft?“, S. 70): nur durch Erinnerungsarbeit, durch Abarbeiten der Last der Vergangenheit (Erkenntnis nicht neutral; es gibt eingreifende Erkenntnis; Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit ist das Prinzip der naturwissenschaftlichen Aufklärung -nichts ist wirklich vergangen: gegen den historischen Kolonialismus), durch Gottesfurcht und Theologie im Angesicht Gottes. Ewigkeit kein Gegensatz zur Zukunft (Übergewicht der Zukunft in der Idee des Ewigen, die die Vergangenheit von sich ausschließt: Verhält sich zum Erkenntnisbegriff der Naturwissenschaften wie deren Umkehrung). – Zwei Kriterien für jede Theologie heute: Auschwitz und die Naturwissenschaften (der Säkularisierungsprozeß; Beispiel: Dornen und Disteln; anklagendes, richtendes Denken; DdA: Distanz zum Objekt); Wiedergewinnung des Begriffs des Heiligen Geistes (parakletisches: tröstendes und verteidigendes Denken, Votum für die Armen, feministische Theologie am nächsten); Auferstehung statt Unsterblichkeit (Name statt Begriff; Kritik und Rettung der Philosophie; Differenz im Begriff der politischen Theologie: Carl Schmitts Bekenntnistheologie). Zentrale Bedeutung des Bekenntnisbegriffs (Dogmenentwicklung, Parusie-Enttäuschung, Anpassung an die Welt; Christentum als Staatsreligion; Staat als säkularisiertes Christentum; Beziehung zum Erkenntnisbegriff, zur Autonomie des Subjekts; Verdrängungsleistung; Ödipuskomplex und Zivilisation; Weltbegriff und Häresie; Feinddenken, Herrendenken; Herrschafts-, Schuld-, Verblendungszusammenhang); nicht ökumene, sondern Entkonfessionalisierung der Kirchen (Kritik des Fundamentalismus: falsche Identität von Gottesfurcht und Theologie hinter dem Rücken Gottes; steht unter dem Bann der Aufklärung, gegen die er zu kämpfen glaubt) -
22.02.91
Gegen die Bekenntnislogik: Der Feind meines Feindes ist auch mein Feind: Er stört mich bei der Erforschung meiner Projektionen (Variation der Trinitätslehre). Konsequenz aus dem Satz „Liebet eure Feinde“.
Hinter dem Rücken des Betroffenen oder über den Betroffenen reden ist akkusativisches, anklagendes, verdinglichendes Reden (Geschwätz, Gerede), zugleich Vorbereitung der Instrumentalisierung (Instrumentalisierung ist das erkenntnisleitende Interesse der Verdinglichung: Herrendenken). -
21.02.91
Ist die Praeexistenz des Logos auf die Schöpfung oder auf die „Weltentstehung“ (die historisch-politische Absicherung des zivilisierten Selbstbewußtseins durch den totalisierenden Weltbegriff) zu beziehen? Oder anders: Welche Erinnerung repäsentiert der Logos? Kann die Logos-Lehre auch so verstanden werden, daß in Jesus, im Messias, die Erinnerung an die Vorwelt (an die verdrängten Strukturen und Inhalte des vorzivilisatorischen Lebens und Bewußtseins, an die abgewehrten Schrecken der „rohen und wilden Natur“, die durch Zivilisation nicht nur gebannt sondern zugleich für die Wiederholung präpariert wurden) präsent (und im Bekenntnis- und Nachfolge-Gebot dem Christen und der Theologie als Verpflichtung auferlegt) ist? Eine andere (bei näherem Zusehen obsolete) Interpretation könnte in der Linie einiger Theorien aus der Säkularisationsdiskussion liegen: Danach wäre der Logos als Movens des historischen Säkularisationsprozesses zu sehen. Diese Vorstellung sollte eher Anlaß als Ziel der notwendigen Erinnerungsarbeit sein. (Zusammenhang mit dem „Richtet nicht …“ und dem „Seid klug wie die Schlangen …“)
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