Schneisen schlagen:
– Theologie im Angesicht/hinter dem Rücken Gottes (vgl. Jürgen Ebach, UuZ, S. 51ff: Der Gottesgarten liegt im Antlitz Gottes; bedeutet „hinter dem Rücken Gottes“: im Angesicht des Feindes? – Im Angesicht = in den Augen von, im Urteil von),
– Subsumtion der Zukunft (der Versöhnung) unter die Vergangenheit (Theologie hinter dem Rücken Gottes) als Basis des Herrendenkens,
– „sanctificetur nomen tuum“: was geschieht dem Kind, dessen Mutter in seiner Gegenwart über das Kind redet: sie macht das Kind sich selbst und der Mutter zum Feind (und verdeckt diese Feindschaft durch symbiotische Bindung); genau das machen unsere Theologen mit Gott; – haben unsere Theologen einmal nachgefragt, was die Juden unter der „Heiligung des Gottesnamens“ verstehen?
– zum Begriff des Ewigen (Umkehr: Heute, wenn ihr meine Stimme hört),
– Bekenntnis: Herrendenken und Instrumentalisierung,
– Kritik des Personbegriffs (Produkt der Verinnerlichung der falschen Versöhnung),
– Kritik des Inertialsystems (Entfremdung, Grund der Instrumentalisierung, Löschung der benennenden Kraft der Sprache: Produkt der falschen Versöhnung),
– Kritik des Herrendenkens (Begriff und hierarchische Struktur der Logik; Herrschafts-, Schuld-, Verblendungszusammenhang),
– Dornen und Disteln (Ursprung der Gewalt, Herschaft von Menschen über Menschen),
– Ursprung und Kritik der Gewalt (Verhältnis zur Logik; Logos: Begriff oder Name?),
– Ansteckung durch Gewalt: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“
– „Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben“,
– Petrus: Schlüsselgewalt und dreifache Verleugnung: die dritte – die Sünde wider den Heiligen Geist – endet in der Selbstverfluchung,
– imitatio Christi, die Gottesfurcht (dazu gehört auch die Lektüre des Angehörigen-Info),
– Natur und Welt als Totalitätsbegriffe zur Absicherung des Herrendenkens, Neutralisierung der Gottesfurcht (Zusammenhang mit der Grenze/Ausdehnung von Natur und Welt – Rom, Kopernikus),
– Welt und Schöpfung: Ursprung und Geschichte der Häresien (Orthodoxie und Weltbegriff: Instrumentalisierung der Theologie; Äquivalenz von Bekenntnis und Trägheitsgesetz),
– Welt und Geschichte: geschichtliche und kosmische Religion; Genealogie, Chronik, Prophetie vs. Mythos; Christentum und Verweltlichung; Ursprung und Geschichte von Antijudaismus, Ketzer- und Hexenverfolgung,
– Verweigerung/Notwendigkeit der Erinnerungsarbeit (Idee der Versöhnung: offene Zukunft und abgeschlossene Vergangenheit; die Öffnung des Raumes schließt die Vergangenheit ab),
– nicht Ökumene, sondern Entkonfessionalisierung der Kirchen,
– die raf und der Golfkrieg: die Welt gleicht sich immer mehr dem Verfolgungswahn an, durch den sie zugleich falsch abgebildet wird (seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben),
– es kommt nicht aufs Rechtbehalten an (Bekenntnissyndrom; Rechtbehaltenwollen als Teil der „Versuchung“: et ne nos inducas in tentationem),
– wer unbedingte Gewißheit: die Zukunft dingfest machen will, zahlt zwangsläufig den Preis der Entfremdung, weil er es nicht erträgt, in der Furcht Gottes zu bleiben; er ist zur Verdummung verurteilt,
– wo kein Kläger, da kein Richter (Hauptsache: nicht erwischt werden): sich der Anklage stellen, anstatt die Schuldgefühle, die sie auslöst, zu verdrängen.
Bekenntnis und Komplizenschaft: Die Komplizenschaft ist in den Weltbegriff bereits eingebaut. Als Bürger des Staates (sowie als Käufer in einer durch Geldwirtschaft bestimmten Gesellschaft) bin ich als Komplize der Herren (durch Identifikation mit dem Aggressor) selbst Herr über die Unterworfenen (und die Produzierenden, die Arbeit und das Produkt der Arbeit anderer). Entlastung von den Schuldgefühlen bringt die Absicherung der Selbstexkulpierung durch das „homologe“ Bekenntnis aller: Wo kein Kläger, da kein Richter. Erst durchs Bekenntnis (durchs Bekenntnis zu den geltenden Werten: zum moralischen Urteil, bzw. durch Identifikation mit dem Aggressor und Verzicht auf die Anklage gegen ihn) werde ich real zum Komplizen. Dieses „Bekenntnis“ (und das gilt heute auch für das kirchliche, konfessionelle Bekenntnis) ist ableitbar als Umkehrung des Schuldbekenntnisses (als falsche Versöhnung: Leugnung der offenen Schuld in der Gegenwart und Dekretierung der Versöhnung als einer in der Vergangenheit bereits geleisteten; Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit; das sich Verstecken des Adam („unter den Bäumen des Gartens“), Flucht aus dem Angesicht Gottes, dreifache Leugnung des Petrus: die dritte – die Sünde wider den Heiligen Geist – endet in der Selbstverfluchung; Instrumentalisierung der Scham).
Ist das homologein (Bekennen) nur ein anderer Ausdruck für das akolouthein (die Nachfolge)? „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“
Beherrscht der Mond die Natur und die Sonne die Welt? Die Sonne erleuchtet (herrscht über) den Tag, der Mond die Nacht.
Die Vorstellung des (nicht vorstellbaren) unendlichen Raumes hat Natur und Welt als Totalitätsbegriffe konstituiert: vorher waren beide begrenzt, gab es noch ein Außerhalb.
Der philosophische Begriff des Kontingenten konnte nur deshalb mit dem Schöpfungsbegriff verwechselt werden, weil die Schöpfung selber mit der Welt verwechselt wurde. Beides war erkauft mit einem Tabu über die Erinnerungsarbeit (Kontingenz bezeichnet die Beziehung des Objekts zum Begriff, Schöpfung die zum Namen).
Der Begriff der List der Vernunft ist der Spalt, durch den die benennende Kraft der Sprache entweicht und die Gewalt in die Hegelsche Philosophie Einlaß gefunden hat (vgl. Adornos Hegel-Aufsatz). Heute ist von der List der Vernunft nur die List noch übriggeblieben, der reine Dezisionismus. Nicht zufällig taucht der gleiche Begriff der List auch im Rahmen der Hegelschen Theorie der Naturbeherrschung auf: als Prinzip der Technik; die gesellschaftliche Anwendung des Listbegriffs liegt auf der Hand (vgl. die List des Swinegels und Jürgen Ebachs Bemerkungen dazu, UuZ, S. 154).
Die Sprachverwirrung beim Turmbau von Babel („und machen wir uns damit einem Namen“) wird beschrieben als die Folge eines Eingreifens Gottes, der herabstieg, „um sich Stadt und Turm anzusehen“ (Gen. 111ff).
Erst in der transzendentalen Logik, durch die Einbindung des Objektbegriffs, wird die benennende Kraft des Begriffs, die im traditionellen Begriff des Begriffs noch drinsteckt, gelöscht. Die Geschichte der Philosophie läßt sich hiernach auch begreifen als eine sprachgeschichtliche Auseinandersetzung zwischen Begriff und Namen, mit dem Ziel, den Namen zu neutralisieren (Kampf gegen die Magie, Ursprung des Personbegriffs). Die Verwirrung kommt herein durch die zentrale Funktion des Urteils (und dessen Bindung an den instrumentellen Sprachgebrauch). Die Umformung der Subjekt-Prädikat- in die Objekt-Begriff-Beziehung in der transzendentalen Logik Kants markiert den Punkt, an dem sich die Sprache endgültig von ihrer benennenden Kraft emanzipiert. Hier vollendet sich die Sprachverwirrung (der Turmbau von Babel). Oder: die Postmoderne beginnt mit Kant und Hegel. Hier gibt es einen zwangsläufigen Zusammenhang mit der Interpretation der Geschichte vom Sündenfall (die in der Tradition der Aufklärung und des deutschen Idealismus als die Geschichte der Menschwerdung begriffen wird) und mit der Neigung zum Antisemitismus.
„Ach wie gut, daß niemand weiß, daß ich Rumpelstilzchen heiß“: Gegen die Sprachverwirrung die Dinge zum Sprechen bringen (oder sie beim Namen nennen).
War es vielleicht die beängstigend nahegerückte Gefahr des Wiederauflebens der Magie (nicht nur in Astrologie und Alchimie, sondern näher noch in der neuen Gestalt des Bekenntnisses: des Konfessionalismus), die dann ihr Sündenbock-Opfer in der Hexenverfolgung fand? – Namenszauber und Ursprung der Naturwissenschaften und des Nominalismus, des Objekts der kantischen Kritik? Ritualisierung des Lebens (pompöse Verkleidung: Perücke und Robe) zur Abwehr der andrängenden feindlichen Mächte (der Gewissensmächte: zweite Geburt der Person – Christentum als Gewissenskomfort – Höllensturz). Unausweichlichkeit der Melancholie und der barocken Hybris?
Gewissen und Über-Ich: das Gewissen lebt von der Erinnerungsarbeit, von der Fähigkeit, die Vergangenheit zur benennen (Name, Scham und Schuld), das Über-Ich ist die verinnerlichte, instrumentalisierte Gestalt der falschen Versöhnung, gehört zur Geschichte des Begriffs.
Ich glaube, man muß heute die tiefe Ambivalenz in der Geschichte der Aufforderung an Petrus: „Schlachte und iß!“ (in der Apostelgeschichte) begreifen, um die ganze Tragweite der Entscheidung zur Heidenmission (die mit dem Namen des Petrus, der Kirche, untrennbar verbunden ist; die Auseinandersetzung mit Paulus, in der Petrus die andere Seite vertritt, macht das Gewicht der Entscheidung noch deutlicher) zu begreifen.
Unsere Theologie hat die Gottesfurcht durch die Furcht des Herrn ersetzt (Ursprung und Geschichte der Herrenbegriffs, des Kyrios-Begriffs).
Der Staat oder die installierte Sünde wider den Heiligen Geist.
Einer der Nebeneffekte des Bekenntnissysndroms ist die Gesinnungsethik, bei der in der Regel übersehen wird, daß die „Ge-sinnung“ gerade nicht das Innerste des Menschen bezeichnet, sondern nur das, was der Gesinnte gerne als sein Innerstes nach außen demonstrieren möchte: Der demonstrative (durch den Exkulpationswunsch bestimmte) Grundzug, den die Gesinnung mit dem Bekenntnis gemeinsam hat, ist unverkennbar; er verweist zugleich darauf, daß ohne Ausnahme jede Gesinnung von außen induziert ist (oder auch transplantiert, bei herabgesetzten Immunkräften): Ausdruck dessen, was David Riesman den „außengeleiteten Charakter“ genannt hat; man ist national „gesinnt“, aber einem Menschen, den man liebt, wohl „gesonnen“ (zu diesem Adjektiv gibt es bezeichnenderweise kein verdinglichendes, personalisierendes Substantiv; hierauf kann man niemanden festnageln). Von der Gesinnung (wie auch vom Zwangs-Bekenntnis) ist das Passive, das Unspontane und Unlebendige, das Selbst-Opfer und die dahinter lauernde Wut auf den, der nicht einstimmt, nicht abzuwaschen (es gibt keinen Nationalismus ohne Feinddenken). Jede Gesinnungsethik trägt ausgesprochen exkulpatorische Züge, sie ist ein Akt der Selbstfreisprechung, des reuelosen Sich Unschuldigfühlens, der direkt in den Wiederholungszwang hineinführt. (Begriff der Gesinnung bei Kant?)
Bekenntnislogik
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20.02.91
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19.02.91
„Doch die Frauen haben einen Vorzug: Sie haben kein Gesicht zu verlieren.“ (Erica Fischer in der taz vom 19.02.91)
Der Satz hängt mit den anderen zusammen: „Frauen sind nicht bekenntnisfähig (Forderung biologischer Unschuld: Jungfrau).“ „Männer dürfen nicht weinen (müssen sich zu ihrer Tat bekennen: Confessor).“ Das Gesicht, daß die Männer glauben, nicht verlieren zu dürfen, ist ein öffentliches Gesicht: die Maske der Person, die sie auf der Weltbühne der Politik, des Geschäfts, der Durchsetzung des Rechts als Existenzgrundlage benötigen (als Grund der Fähigkeit, mit der Schuld zu leben). Hintergrund ist das unterschiedliche Verhältnis zur Schuld (Biologisierung und Vergeistigung: Ursprung des Idealismus und des Rassismus) und die Unfähigkeit, diesen Konflikt aufzuarbeiten. Männer machen die „Drecksarbeit“, kämpfen insbesondere gegen den „inneren Schweinehund“ (im eigenen Innern und draußen), während die Frauen den Schein der „heilen Welt“ des Privaten, die die Männer durch ihre Arbeit draußen begründen und nach außen absichern, nach innen durchsetzen und nach draußen repräsentieren (Zusammenhang mit dem Eigentumsbegriff, mit der Geschichte des Tauschprinzips.)
Das Bekenntnis steht in der Geschichte des Falls und transportiert ihn weiter, ist die Grundlage für die falsche Säkularisierung der Theologie (die Geschichte der Gottesleugnung).
Wer sich zu etwas bekennt, gibt sich als etwas zu erkennen (Mord, Mörder).
Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben: ein Gebot wider die Personalisierung der Schuld, gegen das Geschwätz (Gerede), gegen das Herrendenken.
Gibt es einen sprachlichen Zusammenhang zwischen Welt, Gewalt, Verwaltung? Begründen Gewalt und Verwaltung die Welt (Funktion der Engelhierarchien)? Säkularisation kommt dagegen von saeculum: von Zeitalter, Weltalter, Epoche (per saecula saeculorum: durch die Zeitalter der Zeitalter, nicht „von Ewigkeit zu Ewigkeit“: Verewigung des Zeitalters?). Klingt im saeculum auch der astrologische Weltbegriff (Planeten als Herrscher der Zeitalter) an, oder nur der politische Begriff (assyrische. chaldäische, römische Aera, apokalyptischer Epochenbegriff)? – „per J.Chr., filium tuum, qui tecum regnat et imperat per s.s.“
An der Hegelschen Philosophie läßt sich demonstrieren, daß der Antisemitismus mit der Leugnung des Vaters zusamenhängt.
Das „messianische Licht“ in dem Stück „Zum Ende“ ist der genaue Ausdruck dessen, was man bei Adorno Gottesfurcht wird nennen dürfen.
Der Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus legt den Schluß nahe, daß der Übergang von der Theorie zur Praxis nur unter theologischen Prämissen sich bestimmen läßt. Erst in theologischem Kontext wird die Theorie praktisch.
In einem Punkt hat die christliche Sexualmoral recht: Es gibt eine Schamgrenze, die nicht überschritten werden darf. Ihr Fehler liegt jedoch darin, daß sie sich Scham nur als sexuelle Scham vorstellen kann: Im Übrigen ist die Theologie in der Tat unverschämt und schamlos. Sie hat bis heute nicht begriffen, daß die Schamgrenze (auch die sexuelle) durch die Idee der Gottesfurcht definiert und bestimmt wird.
Das „et ne nos inducas in tentationem“ gilt auch im Hinblick auf die Empörung. Mehr noch: Es gibt keine Versuchung, die diesen Namen mehr verdient (Gemeinheit wird belohnt durch die Moralität dessen, der sich aus der Schuldzone durchs moralische Urteil herauszustehlen sucht; vor allem: er bemerkt es nicht.) Empörung ersetzt die Kraft des Arguments durch die personalisierende Projektion, durch Wut, die zugleich dem Wütenden den Schein der moralischen Überlegenheit verleiht. Empörung verhindert eben damit das, was aus dem Teufelskreis herausführen könnte: die Kraft der Besinnung, der Differenzierung, der Identifikation und der Unterscheidung. Man muß den alten theologischen Sinn von Empörung, nämlich Hybris, in diesem Begriff mithören: Mit dem Herrendenken wurde auch diese Hybris sozialisiert.
Der Säkularisationsprozeß hat nicht erst zu Beginn der Neuzeit, sondern – mitten in der Theologie – schon in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung, in der Phase der Kirchenbildung, der Ausbildung des Dogmas: der Anpassung an die Welt, begonnen. Die ersten Gestalten der säkularisierten Religion waren der Confessor und die Virgo.
Gesinnung als moralisches Alibi: Die reine Gesinnung will sich nicht selbst mit der Schuld beflecken, von der sie doch zugleich selbst lebt.
Die Idee des Ewigen schließt die Vergangenheit von sich aus; aber ist nicht die Idee des Ewigen selbst eine vergangene Idee?
Muß man zum Verständnis der Figur der Magd darauf achten, daß es sich um die Magd des Hohepriesters (nach Joh. um die Pförtnerin) handelt, daß die Leugnung im Hof des Hohepriesters sich ereignet? Und was hat es mit dem Vorhof und dem Tor auf sich? Ist die Kirche (Petrus) immer im Hof oder im Vorhof des Judentums geblieben (bis zum Hahnenschrei)? (Zusammenhang mit dem frühkirchlichen Antijudaismus?)
Bei Johannes ist der „Jünger, den Jesus lieb hatte“, der Petrus den Zugang zum Hof des Hohepriesters verschaffte.
Die johanneische Pförtnerin: Ist sie nicht eine Verwandte des Kafkaschen Türhüters (Vor dem Gesetz).
Theologie im Angesicht Gottes: Als Jesus sich umsah und ihn anblickte, da ging er hin und weinte bitterlich.
Bei der dritten Leugnung verflucht Petrus sich selbst.
Die dreifache Leugnung:
1. die Rezeption der griechischen Philosophie,
2. die Rezeption der islamisch weiterverarbeiteten Philosophie,
3. die europäischen Aufklärung. Hier helfen die Mittel, die den Kirchenvätern und den scholastischen Kirchenlehrern noch zur Verfügung standen, nicht mehr.
(Die Angst davor, als Sympathisant erkennt zu werden, gab es damals schon: sie ist die Urangst des Christentums.)
Die drei Leugnungen beschreiben exakt den Prozeß der Selbstentfremdung (der auch über die zuschauenden Anderen abläuft und in der Selbstverfluchung endet).
Hat die Pförtnerin etwas mit der Schlüsselgewalt Petri zu tun? Zur Pförtnerin gehört auch, daß
– Petrus Einlaß durch Johannes bekommen hat,
– die ganze Geschichte sich im Hof, im Vorhof und am Tor abspielt. (Wer sind eigentlich die Galiläer? – Jakob Böhme würden jetzt vielleicht die Gallier, die Galizier, die Fürstin Gallitzin und vielleicht auch noch die Galle einfallen.)
Die Geschichte der Kirche ist eine Geschichte der Bekehrungen. Aber diese Geschichte der Bekehrungen findet ihre Grenze an den modernen europäischen Aufklärung: Hier trifft sie auf ihr eigenes Produkt, auf eine Projektion ihres eigenen unbekehrten Inneren. Die Kirche hat Bekehrung immer als Überwindung des alten Heidentums, das damit abgetan und erledigt schien, verstanden, während die wirkliche Bekehrung nur durch Umkehr möglich ist: durch Aufarbeitung der Vergangenheit, durch Erinnerungsarbeit. Die Geschichte der Bekehrungen hätte eine Geschichte des Lernens sein können und müssen; sie war eine Geschichte der fortschreitenden Verdummung.
Bezeichnend, daß Hegel den Islam nicht kennt (ihn nur kursorisch unter dem Titel Mohammedanismus abhandelt).
Erinnerungsarbeit und das, was Horkheimer und Adorno exakte Phantasie nannten, gehören zusammen.
Das Inertialsystem ist das vergegenständlichte Abfallprodukt des Denkens des Denkens.
Aus der katholischen Tradition heraus ist der Hegelsche Begriff der „List der Vernunft“ (gibt es diesen Begriff auch in der Hegelschen Logik?) nicht akzeptabel, eigentlich unverständlich. Da ist offensichtlich eine spezifisch katholische Blockade. Das Gleiche gilt für den Begriff des Scheins bei Hegel. Diese Blockade hat bei Heidegger dazu geführt, daß er den Reflexionsbegriff nicht einmal wahrnehmen, wirklich zur Kenntnis nehmen konnte und dadurch in die Schlinge hineingeraten ist, die er dann in seiner Fundamentalontologie zugezogen hat.
Der Fundamentalismus (in allen Buchreligionen) ist das Produkt der unaufgearbeiteten Gegenwart. Judentum und Islam scheinen ihm schutzlos preisgegeben zu sein. Das Christentum hat den Säkularisierungsprozeß nicht nur eröffnet und weitergetrieben, es ist die einzige Religion, die auch das Mittel dagegen hätte (wenn es nur endlich davon Gebrauch machen würde).
Die Allegorie ist die Umformung des Mythos in Philophie, in Begriffe. Die Typologie ist die Umformung des Mythos in Prophetie, in die benennende Kraft der Theologie.
Grund und Prinzip der Sprachverwirrung: das Ungleichnamige gleichnamig machen. Dieses Prinzip ist in Hegels Begriff des Begriffs (und in dem Konstrukt einer List der Vernunft) als Teil der philosophischen Vernunft begriffen worden.
Die apriorische Objektbeziehung, die durch die subjektiven Formen der Anschauung in die transzendentale Logik hereingekommen ist, ist dauerhafte und irreversible Verletzung des Bilderverbots, Ursprung des Taumelkelchs des Begriffs (an dem kein Glied nicht trunken ist).
Die Äquivalenzbeziehungen, die anhand der Analyse der Stoßprozesse herausgearbeitet worden sind, sind die Grundlage und der begriffliche Kern der gesamten Physik.
Gilt das Gewaltmonopol des Staates auch fürs Inertialsystem (das von außen Angreifen als der Erkenntnisgrund der gesamten Physik)? Lassen sich die Hegelsche Logik und die Hegelsche Geschichtsphilosophie als als die begriffliche und historische Selbstentfaltung der Gewalt begreifen?
Die physikalischen Erhaltungssätze sind eigentlich keine physikalischen Sätze, sondern erkenntnistheoretische Randbedingungen der physikalischen Erkenntnis. Sie definieren und stabilisieren die metrische Struktur des Referenzsystems, auf das sich alle physikalischen Begriffe beziehen; sie sind ein systematischer Teil des Inertialsystems.
Die Physik ist das Skelett der Natur, und die Chemie beschreibt den Verwesungsprozeß des abgestorbenen Fleisches.
Hat der Plural in Gen. 126,27 „Lasset uns dem Menschen machen nach unserem Bilde …“ etwas mit dem Plural haschamajim zu tun (vgl. auch das „qui es in caelis“)? Und ist der „Hofstaat“, auf den Jürgen Ebach den Plural bezieht, ein Vorläufer und früher Verwandter der „Mächte“ beim Paulus?
Die Theologie ist zu Tode erkrankt an der Unfähigkeit, zwischen rettender und zerstörender Gewalt zu unterscheiden; oder auch an der Unfähigkeit, zwischen transzendent und transzendental zu unterscheiden. Bei Kant bezeichnet das An sich die Transzendenz, die transzendentale Ästhetik und Logik hingegen den Inbegriff der Subjektivität, den Ursprung des Idealismus. Die transzendentale Logik macht den Idealismus als Inbegriff dessen, was einmal Empörung hieß, als Hybris, erkennbar.
Die kantische Erkenntniskritik gilt sowohl für die vom Tauschprinzip beherrschte Gesellschaft als auch für die vom Trägheitsgesetz beherrschte Natur. -
17.02.91
„Gott steht auf, seine Feinde zerstieben; die ihn hassen, fliehen vor seinem Angesicht. Sie verfliegen, wie Rauch verfliegt; wie Wachs am Feuer zerfließt, so vergehen die Frevler vor Gottes Angesicht.“ (Ps. 682f)
„Sie kehren mir den Rücken zu und nicht das Gesicht; sind sie aber in Not, dann rufen sie: Erheb dich und hilf uns.“ (Jer. 227)
„Hör das, du törichtes Volk ohne Verstand: Augen haben sie und sehen nicht; Ohren haben sie und hören nicht. Fürchtet ihr mich denn nicht – Spruch des Herrn -, zittert ihr nicht vor meinem Angesicht?“ (Jer. 521)
„Die Propheten weissagen Lügen, und die Priester richten ihre Lehre nach ihnen aus; mein Volk aber liebt es so. Doch was werdet ihr tun, wenn es damit zu Ende geht?“ (531)
Zu den biblischen Aspekten der Frage „vor dem Angesicht/ hinter dem Rücken (Gottes oder des Feindes)“ vgl. J.E.: Ursprung …, S. 52ff
Das Bekenntnis ist entweder frontal oder erzwungen; das frontale Bekenntnis (im Angesicht Gottes oder des Feindes) schließt den Bekenntniszwang aus; der Bekenntniszwang (der Konfessionalismus, ebenso das neutralisierte Objektverhältnis der „Anschauung“; die erschlichene Gewißheit, vom Objekt nicht angeschaut zu werden, oder die Unfähigkeit zur Reflexion, die das Angeschautwerden ins Anschauen mit hereinnimmt, ihm standhält) ist der Ursprung der Gemeinheit. Der Konfessionsgebundene kann einen Fehler, einer Schuld nicht zugeben.
Konzept: Entkonfessionalisierung (der Religionen, der Kirchen, damit auch der Politik). -
15.02.91
Der Rassismus (und der Sexismus) ist ein durch die Totalitätsbegriffe Welt und Natur überdeterminiertes Produkt des Zerfalls der Moral. Die Grenze zwischen „Herrenrasse“ und „Untermenschen“ ist identisch mit der durch den Staat (der institutionalisierten Absicherung der fortschreitenden Natubeherrschung) gezogenen Grenze zwischen Welt und Natur: Zur Natur gehören vor allem die Wilden (und die Frauen); der Sonderstatus des Antisemitismus rührt daher, daß hier ein Volk, das offensichtlich einen vorzivilisatorischen Geschichtsstand repräsentiert, durch Anpassung (Assimilation) den ihm von Natur aus nicht zustehenden Herrenstatus anstrebt.
Gibt es ein dem Staat korrespondierendes Moment in der Natur? (Grund des Fressens und Gefressenwerdens; Denkmal der Katastrophe, an die lt. Adorno/Horkheimer die Tierwelt erinnert: auch für die Tiere galt der Schrift zufolge im Pradies das vegetarische Nahrungsgebot; Gen. 129ff: „Hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen tragen, und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten. Euch sollen sie zur Nahrung dienen. Allen Tieren des Feldes, allen Vögeln des Himmels und allem, was sich auf Erden regt, was Lebensatem in sich hat, gebe ich alle grünen Pflanzen zur Nahrung. … Es war sehr gut.“ – Vgl. hierzu J. Ebach: Ursprung und Ziel, S. 22ff).
Das Bekenntnis stabilisiert die Komplizenschaft; Komplizenschaft gründet im gemeinsamen Blutvergießen (Eucharistie: Ersetzung und Abgeltung des Blutopfers durchs vegetarische Mahl? Wurde beim letzten Abendmahl das Paschalamm – s. Mk. 1414, Lk. 227ff -geschlachtet und gegessen? – s. Ex. 121-136)
„Jesus schickte Petrus und Johannes in die Stadt …“. (Lk. 228) An welchen Stellen werden welche Apostel (insbesondere Petrus und Johannes, aber auch die anderen) genannt? – (vgl. 851 mit Anm. und Mk. 537 mit Anm.)
Erst durch seine Dreidimensionalität gewinnt der Raum die totalisierende Gewalt, die der Abtrennung der Zeit (Konstituiereng der Herrschaft der Zeit und Subsumtion aller Dinge unter die Vergangenheitsform) sich verdankt und in der Objektivation der Materie sich ausdrückt. Erst durch diese Konstruktion konstituiert sich das physikalische Objekt, wird es Teil eines Systems. Kein Zufall, daß das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit nur als struktur- und dynamikbegründendes Systemelement im Kontext des gesamten Bereichs der elektromagnetischen und der mikrophysikalischen Erscheinungen, nicht aber selbst als „Erscheinung“ im System sich bestimmen läßt. Es ist einzig vergleichbar der Funktion der Trinitätslehre im christlichen Bekenntnis (seiner systematisierenden, „totalisierenden“ Kraft – Einheit, Trennung und gegenseitige Durchdringung von Subjekt, System, Objekt).
Der Weltbegriff ist ein Reflex der Staatsmetaphysik, der Naturbegriff ein Korrelat der Naturbeherrschung. Der affirmative Weltbegriff schließt die Staatskritik (die Kritik der Gewalt) aus, der affirmative Naturbegriff die Kritik von Herrschaft (Differenz zwischen Gewalt und Herrschaft: Gewalt ist ein Mittel der Herrschaft, gleichsam ihre Naturbasis; das Gewaltmonopol des Staates ist seine Gewalt zu töten, sein Grund die Todesdrohung; versöhnte Herrschaft wäre Herrschaft, die der Gewalt, letztlich der Todesdrohung: der Instrumentalisierung der Angst, nicht mehr bedarf).
Herrschaft und Gewalt verhalten sich wie das Inertialsystem (der Inbegriff der naturwissenschaftlichen Gesetze) zur Materie (dem Widerstand, Basis – Kristallisationskern und Äquivalenzpunkt -der Gesetzesbildung). Gewalt ist das Medium der Angleichung an Herrschaft: der Identifikation mit dem Aggressor (zur Kritik der Gewalt). Das Gewaltmonopol des Staates: der Staat ist das Gravitationsfeld, in dem sich die schwere/träge Masse der materiellen Existenzen konstitutiert und definiert. -
13.02.91
Hinweis zu einer Theorie des Lachens (Lachen und Bekenntnis):
„Versinnbildlichte das Verhältnis des Staats zur bürgerlich gewerblichen Freiheit und Selbständigkeit der Untertanen sich dem Philosophen als die Tragödie im Sittlichen, so das Verhältnis des Staats zu dem in seiner persönlichen Eigentümlichkeit ruhenden, im höchsten, innerlichen Sinn über den Staat hinaus gehobenen Menschen als – Komödie.
Die Komödie des Sittlichen unterscheidet sich von der Tragödie dadurch, daß sie schicksallos ist, daß ihre Personen nur Schattenbilder sind, vom Dichter und Zuschauer nicht ernst genommen werden. Antike und moderne Komödie, Aristophanes etwa und Moliere, Phantasie- und Charakterkomödie unterscheiden sich wie antikes und modernes Leben des Einzelnen im Staat; modern dabei wieder in dem umfassenden Sinn: vom römischen Imperium bis zur Gegenwart, von der Entstehung des privatrechtlich bestimmten Lebens bis zum Untergange des Staates, der sein Staatsrecht selbst diesen Mächten des Privatrechts aufopferte, – von Julius Cäsar bis Kaiser Franz.“
(F.R. Hegel und der Staat, I, S. 171f)
Merkwürdig das gleichsam dogmengeschichtliche („geistesgeschichtliche“) Verständnis der Entwicklung der Hegelschen Staatsidee bei Franz Rosenzweig: Ableitung aus Quellen, vergegenständlichtes, verdinglichtes Verständnis, Tendenz zum Staatsbekenntnis, insgesamt ein gleichsam (staats-)kirchlicher Philosophiebegriff, den im übrigen Hegels Philosophie auch durchaus nahelegt: Ist nicht die gesamte „Geistesgeschichte“ Deckbild einer Staats-Kirchengeschichte, eines gleichsam kirchlichen Staatsbegriffs (Zusammenhang mit der Inkarnationslehre, Opfertheologie, Trinitätslehre)? Proton pseudos jeglichen Hegelianismus, auch des marxistischen (Naturgeschichte und Schicksalsbegriff)? Hintergrund des „Stern der Erlösung“?
Turmbau zu Babel: Lachen und Sprache; babylonische Sprachverwirrung der Kirche? Bekenntnis und falsche Aufhebung des Lachens durch Verinnerlichung (das nach innen gewendete Lachen kehrt sich als Wut nach außen, als Leugnung und Mordtrieb: „dreimal wirst Du mich verleugnen“); Kirche als babylonischer Turm: Die Bauleute haben den Eckstein verworfen (die Nachfolge, die Übernahme der Schuld der Welt).
„Ihr alle werdet in dieser Nacht an mir Anstoß nehmen und zu Fall kommen; denn in der Schrift steht: Ich werde den Hirten erschlagen, dann werden sich die Schafe der Herde zerstreuen. … In dieser Nacht, noch ehe der Hahn kräht, wirst Du mich dreimal verleugnen.“ (Mt. 2631ff)
„Petrus aber saß draußen im Hof. Da trat eine Magd (paidiske -Sklavin, Magd) zu ihm … Und als er zum Tor hinausgehen wollte, sah ihn eine andere Magd und sagte zu denen, die dort standen … Kurz darauf kamen die Leute, die dort standen …“ (2669ff)
Ist diese „Magd“ die mittelalterliche ancilla theologiae, die Philosphie? Wer sind dann „die, die dort standen“?
– „Auch du warst mit diesem Jesus aus Galiläa zusammen. Doch er leugnete es vor allen Leuten und sagte: Ich weiß nicht wovon du redest.“
– „Der war mit Jesus von Nazaret zusammen. Wieder leugnete er und schwor: Ich kenne diesen Menschen nicht.“
– „Wirklich, auch du gehörst zu ihnen, deine Mundart verrät dich. Da fing er an, sich zu verfluchen und schwor: Ich kenne den Menschen nicht.“
– „Gleich darauf krähte ein Hahn.“
(Mt. 2669ff, ebenso Mk.; abweichend Lukas – im Hof ein Feuer; Joh. – Petrus und „ein anderer Jünger“, Pförtnerin, Diener und Knechte am Kohlenfeuer, ein Verwandter dessen, dem Petrus ein Ohr abgehauen hatte)
Zum „Zeichen des Jona“ (Mt. 1238ff, 161ff, Lk. 1129ff, Jona 2 u. 3): Wäre es nicht primär auf Kap. 3 anstatt 2 zu beziehen: daß, wenn Ninive, die große Stadt, sich bekehrt, das Strafgericht zurückgenommen wird (auch wenn Jona das mißfällt). Vor diesem Hintergrund: wäre es da nicht denkbar, daß die „drei Tage“ im Bauch des „großen Fisches“ (Kap. 2) nicht nur auf Tod und Auferstehung Jesu, sondern auch auf das an Petrus (die Kirche) gerichtete „dreimal wirst Du mich verleugnen“ zu beziehen wäre?
Auschwitz, Schlüsselgewalt, Rechtfertigungslehre: Die Unfähigkeit, nach Auschwitz (auf traditionelle Weise) noch Theologie treiben zu können, hängt mit der Rechtfertigungslehre zusammen: Hier ist eine Tat, die nicht ungeschehen zu machen ist, mit dem „Mantel der Liebe“ nicht zugedeckt werden kann. Die bisherigen kirchlichen Rechtfertigungs- und Gnadenlehren gingen davon aus, daß die Schlüsselgewalt der Kirche die Ermächtigung enthielt, gleichsam die Geschichte umschreiben, das, was geschehen ist, als nicht geschehen ansehen zu dürfen. So jedenfalls wurde die Sündenvergebung verstanden und gehandhabt. Dem widersetzt sich Auschwitz auf eine Weise, die die kirchliche Rechtfertigungslehre endgültig obsolet gemacht hat. Vor allem: Auschwitz ist nicht vergangen (keine historische Untat ist vergangen), es ist in die Fundamente der Welt, in der wir leben und für die wir schon aus Gründen der Selbstachtung Verantwortung übernehmen und uns zur Rechenschaft ziehen lassen müssen, mit eingegangen, ebenso wie die erbarmungslose Geschichte des kirchlich-christlichen Umgangs mit den Ungläubigen, Ketzern und Frauen. Die kirchliche Rechtfertigungslehre hat das Eingedenken, die Kraft der Identifizierung durchs Selbsterhaltungsgebot ersetzt; indem sie das Nachfolgegebot (und die Gottesfurcht) leugnete, hat sie die notwendige Erinnerungs- und Trauerarbeit verhindert und den Leichenberg mit produziert, dessen unmögliche Rechtfertigung die paranoiden Systemzwänge erzeugt, die dem Selbsterhaltungsgebot in einer Welt entsprechen, in der es nur noch aufs Überleben ankommt. Eines der Produkte des Selbsterhaltungsprinzips, dessen blinde Gewalt heute absehbar in die Katastrophe führt (darauf bezieht sich die Bitte im Herrengebet: und führe uns nicht in Versuchung), ist die naturwissenschaftliche Aufklärung.
Nicht nur, daß es nur diese eine Welt (und keine andere) gibt, es gibt auch nur diese eine Vergangenheit, die durch keine andere ersetzt werden kann. Diese Vergangenheit ist kein Steinbruch, aus der wir beliebig kulturelle, religiöse o.a. Traditionsbestände uns für den Eigenbedarf herausbrechen können, und die Welt ist kein Warenhaus für Fertigprodukte, für die wir Rohstoffe aus der Vergangenheit beliebig uns aneignen und verwerten können. Im Gegenstandsbegriff und in dem des vergegenständlichenden Bewußtsein steckt die ganze Geschichte mit drin; nur durch Erinnerungsarbeit ist die Gewalt der Vergangenheit, unter deren Bann wir stehen, indem wir uns über sie zu erheben meinen, ist der Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang, den diese Gewalt begründet, noch aufzulösen. Und nur so ist die befreiende Kraft der Empathie, der Identifikation, schließlich der Liebe wiederzugewinnen. Wir stehen in der Schuld der Toten, die einen Anspruch auf unser Eingedenken haben: und die Erkenntnis, auf die es ankommt, hat ihr Modell eher in der Hoffnung auf die Auferstehung der Toten (die wir für andere hegen) als in der auf Unsterblichkeit (die fast unrettbar unterm Bann des Selbsterhaltungsprinzips steht). Wenn dennoch die Unsterblichkeitslehre nicht ganz grundlos erscheint, dann vielleicht nur noch deshalb, weil sie die Notwendigkeit der Erinnerungsarbeit zu begründen vermag: nur wer so dem Punkt entgegengearbeitet hat, an dem er mit sich selbst ins Reine kommt („ohne Schrecken seiner selbst inne wird“), braucht das Totengericht nicht zu fürchten.
Die große Bedeutung des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit liegt darin, daß es im Kernbereich der vergegenständlichenden Gewalt deren eigenes Gesetz dadurch entschärft, daß es seine unmittelbare Anwendbarkeit in Frage stellt, es als (nicht nur subjektiv, sondern auch objektiv) vermittelt erweist, der Reflexion (konkret: der Erinnerungsarbeit) zugänglich macht.
Hegels Imperialismus, oder die Phänomenologie des Geistes als Generalmobilmachung: vgl. F.R. Hegel und der Staat, I, S. 209 -
12.02.91
Die „Person“ unterscheidet sich vom Subjekt durch ihre Abstraktheit: Das Subjekt ist der (technische und moralische) Urheber seiner Taten, auch der begrifflichen: Konstrukteur der Welt; die Person ist „nur“ Objekt des moralischen Urteils über ihre Handlungen: der Angeklagte (Objekt des Schicksals?). Erst in der kritischen Reflexion beider Bestimmungen konstituiert sich das Selbstbewußtsein(?).
Zu Klaus Michael Meyer-Abich: Aufgaben und Chancen der Philosophie (FR vom 12.02.91, S. 22).
– Was ist der Unterschied zwischen dem Confessor und einem Professor? – Ist der Professor der mittelalterliche Nachfahre des frühkirchlichen Confessors, und drückt in der Differenz der Beziehung zum Objekt, zur Wahrheit, nicht die zum Staat und zur Gesellschaft sich aus?
– Hat nicht der neudeutsche Begriff der Philosophie (von der Unternehmensphilosophie bis zur Philosophie des Schuhs: Reklame als selffulfilling prophecy) sehr wohl etwas mit dem neoakademischen Begriff der Philosophie zu tun? Und wäre nicht doch erst eine Reflexion dieses Zusammenhangs der Anfang einer Neubegründung der Philosophie?
– Und befaßt sich nicht eine Philosophie, die sich „mit sich selbst beschäftigt“, eo ipso „mit den Problemen der Zeit“?
– Was ist das für eine „Wahrheit, von der er (der Philosoph) fragend weiß“? Genügt es, wenn man „die Wahrheit“ so als Fetisch vor sich herträgt, um sie dann auch noch unter Berufung auf Plato „den Politikern“ anzudienen?
– „Mit den Unternehmensphilosophien ist hier nun wohl noch kein rechter Staat zu machen …“ – ein Satz, über den man in Tiefsinn verfallen möchte.
Heute eine Meldung in der Frankfurter Rundschau (RIAD, 11. Februar – AFP): „US-Verteidigungsminister Richard Cheney und US-Generalstabschef General Colin Powell haben per Bombe Liebesgrüße an Iraks Diktator Saddam Hussein verschickt. „An Saddam mit Liebe, Dick Cheney, Verteidigungsminister“ kritzelte Cheney in Cowboy-Stiefeln und ohne Schlips auf eine Fliegerbombe. General Powell grüßte den irakischen Präsidenten mit den Worten: „An Saddam: Du schaffst es nicht“. Cheney und Powell besuchten am Sonntag Soldaten auf einem geheimgehaltenen Luftwaffenstützpunkt der US-Luftwaffe in Saudi-Arabien.“
Bekenntnislogik:
– Bezugssystem der transzendentalen Logik des Herrendenkens, Basis seiner kollektiven Absicherung (gleichsam dessen Inertialsystem) und Grund des Schuld- und Verblendungszusammenhangs (Herstellung von Komplizenschaft, Ursprung und Wirksamkeit des blinden Flecks).
– Beziehung zur Logik des Tauschprinzips.
– Ausgrenzung, Verurteilung von Häresien, projektives Moment im Häresiebegriff (Feinddenken), Verdrängung durch Projektion.
– Verhältnis zur Macht (Dezisionismus: Cujus regio, ejus religio).
– Telos: Dasein als Reflex des Vorhandenen, Grund der Zuhandenheit (Selbstinstrumentalisisierung, Opfer der Vernunft).
– Effekt: objektlose Angst, dessen Auflösung real nicht mehr möglich ist, nur noch zum Schein: durch Unterwerfung. Installierung des Wiederholungszwangs.
– Komplizenschaft: Der Feind meines Feindes ist mein Freund (Grund der Äquivalenz, der abstrakten Vergleichbarkeit, der Gleichnamigkeit des Ungleichnamigen: der Forschung).
Ist der Titel von „Sein und Zeit“ dem Zusammenhang der kantischen Formen der Anschauung (Raum und Zeit) nachgebildet (Mimesis ans Objekts des Inertialsystems)? Oder: Steht Heideggers Philosophie (wie der Faschismus insgesamt) unter dem Bann der Bekenntnislogik? Läßt sich hier der faschistische Grundzug der „Fundamentalontologie“ ableiten?
Analyse des Feindbegriffs (Repräsentant der Vergangenheit, der Natur und der Welt; Zusammenhang mit Personalisierung), oder der Grund des Unterschieds zwischen Zorn und Wut (Personalisierung und Entpersonalisierung, Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit haben den gleichen Effekt, sind Momente der Herrschaft des Freund-Feinddenkens, Folgen der Bekenntnislogik).
„Der Einzelne … findet seine Vollendung dadurch, daß er einem Stande angehört; er dadurch ist er ein wahrhaftes Individuum und eine Person.“ (Franz Rosenzweig: Hegel und der Staat, I, S. 135) -
11.02.91
Farbe bekennen: „denn die Fahne ist mehr als der Tod“, Reklame und Bekenntnis („die Reklame verschweigt den Tod“).
Die Person ist vergangenheits- und erinnerungslos: Ihre Existenz beginnt mit dem Namen, der von Anfang an abtrennbar war, deshalb dem Träger bloß äußerlich ist, dem herrschenden Bewußtsein zufolge „Schall und Rauch“ (bloße Konvention). So ist die Person das prädestinierte Objekt der Verwaltung. Wer einen Menschen als Person bezeichnet (vgl. Buber) nimmt ihm seinen Namen, auch wenn er ihn dann beim Namen nennt: hierbei wird der Name imgrunde akkusativisch gebraucht, Inbegriff der Anklage; nicht zufällig liegt das Namensrecht beim Staat, der die Menschen als Teil des Volkes schuldig macht und sie der Würde des Namens beraubt. -Ist die Trinitätslehre nicht verstaatlichte Theologie (erkennbar am Gebrauch des Personbegriffs, der den Namen Jesu neutralisiert (und Christus zum Familiennamen macht), ihn für den „Bekenntnis“-Gebrauch unbrauchbar macht)? – Wie tief reicht die Staatsmetaphysik in unser Bewußtsein?
Was drückt das Adjektiv „persönlich“ außer dem tode ti, der vergegenständlichten deiktischen Funktion, aus? Genau dieses tode ti ist der Bezugspunkt des begrifflichen Denkens, des abstraktiven Verfahrens, dem die Menschen (und in der Theologie Gott) durch den Personbegriff unterworfen werden. Der Personbegriff macht Gott und Menschen subsumtionsfähig: zu Objekten. Das tode ti (das dieses hier) macht das Resultat, Produkt der Verdinglichung, zum Anfang, zur „voraussetzungslose“ Grundlage. Es ist der Vorläufer des Inertialsystems, in dem es sich dann als durch die ganze Geschichte der Auseinandersetzung mit der Natur vermittelt erweist.
Die Frage: Gibt es einen persönlichen Gott? ist ebenso blasphemisch wie im wörtlichen Sinne gegenstandslos: Gott zum Gegenstand machen ist der Grund jeglicher Blasphemie. -
10.02.91
Der christliche Begriff der Bekehrung leugnet die Umkehr: Bekehrung bezeichnet die Ersetzung der einen Religion (oder der Nichtreligion) durch eine andere, des einen Bekenntnisses durch ein anderes. Die frühere Gestalt des Bewußtseins wird hierbei nur verdrängt, nicht aufgearbeitet: sie gilt nicht mehr, und dem Bekehrten wird untersagt, im Vergangenen die Ursprünge seines Selbstbewußtseins zu erkennen, von der Vergangenheit durch Erinnerungsarbeit sich real und wirksam zu befreien. Wenn heute in der gesamten Dritten Welt die Neigung zu Terror und Unterdrückung fast nicht mehr einzudämmen ist, dann hängt das mit dieser Erfahrung des Christentums, der christlichen Mission, der Bekehrung durch Unterwerfung zum Zwecke der Ausbeutung, die dann nicht mehr beim Namen genannt darf, wesentlich zusammen. Die Christen glauben nicht mehr an die Hölle, seit sie sie draußen mit Erfolg und – wie es scheint – unumkehrbar angerichtet haben, und der Kampf gegen die Todesstrafe begann, als das Risiko für die „Zivilisierten“ nach dem Einbruch des Faschismus zu hoch wurde. Was heute Zivilisation heißt (und sich besser dünkt als die Welt außerhalb) ist selbst die Hölle, die sie nach draußen verschiebt und zugleich verdrängt. Deshalb ist diese Zivilisation angewiesen auf die ständige Verbesserung und Erweiterung der Rüstung und die Stabilisierung des Rechtfertigungs- und Verdrängungsapparates durch wirksame Feindbilder; beide Ziele absorbieren mittlerweile fast vollständig die intellektuellen Innovationskräfte, während der reale Reproduktionsbereich sich von den Abfällen der Waffenforschung, der Vernichtungsproduktion, nährt.
Es ist angerichtet, Stufen des Gerichts:
– der gedeckte Tisch – das vegetarische Paradies;
– Not, Arbeit, Gewalt und hierarchisch organisierte Herrschaft -Totem und Tabu, Tiernahrung und Tieropfer;
– Sieg über die Natur und die überwundene Vergangenheit: Klassengesellschaft, Kolonialismus und Dritte Welt, Museen, Zoologische Gärten – Kasernen, Gefängnisse, Kliniken, Irrenhäuser und Schlachthäuser. -
09.02.91
Mit der Internalisierung des Schicksals wird das Subjekt zum Schicksal für die Dinge: Konstituierung des Weltbegriffs, Begründung des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs. Zentrale Funktion des Bekenntnisses: als subjektives Moment der Versöhnung wird es im Prozeß der Konstituierung der Welt und der Anpassung an die Welt (mit den entsprechenden innertheologischen Konsequenzen) zugleich verraten, begründet es die „Person“, den Agenten des Ödipussyndroms, durch das das Subjekt zum Subjekt-Objekt (d.h. auch zum Objekt) des vergesellschafteten Schicksals wird. Wiederkehr des Verdrängten: Verinnerlichung des nicht aufgearbeiteten, sondern durch Negierung bloß verdrängten Heidentums (durch die politischen Formen der Bekehrung wurde das Christentum zur herrschenden Religion, das „überwundene“ Heidentum zur verdrängten Vergangenheit; seitdem begreift sich jeder Fortschritt als „Überwindung“, wird jede überwundene zur tabuisierten Vergangenheit, an die niemand mehr rühren darf: aufgrund seines Verhältnisses zur Bekenntnislogik läßt sich am Ende auch das Gesetz der Mode, die das Jüngstvergangene jeweils zur entferntesten Gestalt der Vergangenheit macht, als eine säkularisierte Gestalt der christlichen Praxis und des christlichen Begriffs der Bekehrung begreifen). Erinnerungsarbeit, Aufarbeitung des verinnerlichten Schicksals, der brennende Dornbusch (Dornen und Disteln). – Zusammenhang von Schicksal, Schuld- und Verblendungszusammenhang, Konstituierung der Welt (Volk als Schicksalsgemeinschaft), Herrendenken, Instrumentalisierung, Bekenntnis und Bekehrung (Überwindung, Verinnerlichung und Verdrängung).
Der Islam fällt gleichsam hinter die griechische Philosophie dadurch zurück, daß er als Religion (als Islam: Ergebung) sich der Verinnerlichung des Schicksals widersetzt, das Schicksal als den Willen Allahs oder Allah als die personifizierte Schicksalsmacht begreift und akzeptiert: Damit hängt es zusammen, daß der Islam keine Opfer (und keine vergesellschaftete Form der Naturbeherrschung) kennt, zugleich auf einer gleichsam vorzivilisatorischen Stufe der Moral (mit entsprechenden Folgen im Hinblick auf die Struktur des Subjekts und das Selbstbewußtsein) steckenbleibt, weil es sich in den Schuldzusammenhang, in den jedes unbekehrte Christentum zwangsläufig sich verstrickt, um keinen Preis hineinziehen lassen will.
Der Hegelsche Begriff der „Aufhebung“ hängt mit dem der Überwindung zusammen; er leistet nicht ganz, was er verspricht: Gegen die Überwindung hilft nur die benennende Kraft der Erinnerung, das ist das Gegenteil der Aufhebung, die das Überwundene beerben möchte: so aber gezwungen ist, die Opfer zu vergessen (aufgehoben ist im Kapital die vergangene Arbeit – vgl. hierzu auch Jürgen Ebachs Interpretation der biblischen Geschichte von Lots Weib).
Wenn wir das Jüngstvergangene begreifen, begreifen wir die Schöpfung: nämlich durch die Erinnerungs-(Sisyphus-)arbeit, die notwendig ist, um das Jüngstvergangene überhaupt angemessen ins Bewußtsein zu heben. In der Distanz zum Objekt steckt heute die ganze Geschichte der Menschheit. Das gilt auch fürs Verständnis des (vergegenständlichten, verdinglichten) Dogmas. -
08.02.91
Natur und Welt sind die die Begriffe des Objekts und des Begriffs konstituierenden Totalitätsbegriffe: Natur ist Teil der Welt als Gegensatz zur Welt: als der Feind, der Widerstand. die Materie, an der sie sich „abarbeitet“. Dem Naturbegriff ist die unaufhebbare Spaltung in Erscheinung und An sich wesentlich. Hierbei ist das An sich zunächst nur das dem Wissen Jenseitige, eine Leerstelle, gleichsam das schwarze Loch, aus dem nichts mehr nach außen kommt, das umgekehrt alles in sich hereinsaugt: Inbegriff des heutigen Standes der Verdrängung. Natur ist in der Welt das Andere der Welt; das, was nicht im Säkularisationsprozeß aufgeht. Konkreter: Natur ist das Andere im Prozeß der historischen Auseinandersetzung mit der Natur; das, was im Unterwerfungsprozeß unterdrückt, verdrängt, ausgeschieden wird. Dazu gehört in erster Linie die Erinnerung an die Opfer dieses Prozesses, an die, die die Last zu tragen hatten und vergessen sind.
Das Bekenntnis des Namens ist im Ursprung die Anrufung des Namens: das Maranatha. Die Vergeblichkeit: die enttäuschte „Parusieerwartung“, hat daraus das Dogma, mit der Vergöttlichung Jesu im Kern, werden lassen. Diese (unverarbeitete) Enttäuschung ist der Grund der christlichen Ranküne.
(Säkularisation des „Anrufs“ durch die modernen „Kommunikationsmittel“: durchs Telefon, das auch – zumindest räumliche – Distanzen überbrückt. „Heute, wenn ihr meine Stimme hört.“)
Auschwitz: die Täter (und ihre Erben) erwarten offensichtlich immer noch die Exkulpierung, die Opfer können sie nicht mehr geben und deren Erben sind bei den Toten in der Pflicht. Zwischen beiden steht die ganze Geschichte der Welt.
Adam benennt (vor dem Sündenfall) die Tiere und (vor und nach dem Sündenfall) die Frau, Eva ihre Söhne, Kain benannte die erste Stadt nach Henoch (der in der Genealogie des Set in den Himmel entrückt wurde)? Töchter werden nur genannt bei Lamech (in der Kain-Nachkommenschaft; in der Set-Folge ist er der Vater des Noach; der eine wird 7 x 77 mal gerächt, der andere lebte 777 Jahre).
Zur Kritik der Naturphilosophie: das Ganze ist das Unwahre. Bei Hegel „entläßt“ die Idee die Natur aus sich (wie in der Verwaltung der Vorgesetzte einen Beamten), aber die Natur kann ihren Begriff nicht halten: Hier geht die Dialektik zu Protest. Innerhalb der Dialektik scheint das Subsumtionsverhältnis „aufgehoben“, ist das Denken „in der Sache“, nicht außerhalb und nicht über der Sache; das aber um den Preis, das es die Natur außer sich hat. Hier kehrt das Subsumtionsverhältnis als Verhältnis der Idee zur Natur, des Absoluten zur vergangenen Geschichte, die es ausgezehrt, als Schädelstätte des Geistes, hinter sich zurückläßt, wieder.
Der positive Begriff der Natur („Rückkehr zur Natur“, Natur als „schöpferische“ Kraft) ist die bloß ideologische Wiedergutmachung, die die Opfer endgültig verrät: der sentimentale Deckel auf der verdrängten Erinnerung, deshalb doppelt gefährlich. Die „zweite Schuld“ Giordanos ist die erste der Dialektik der Aufklärung: die verdrängte Vergangenheit manifestiert sich im projektiven Materiebegriff.
Meine Vermutung, daß bei Schelling Verdrängungs- und Erinnerungsarbeit sich nicht trennen lassen, solange man am Konzept Naturphilosophie festhält. Man kann nicht beides haben: die Exkulpierung durchs Natursubjekt und die Versöhnung. Die Idee der Versöhnung ist nur zu halten, wenn auf die Anwendung des Identitätsprinzips auf Natur verzichtet wird, wenn das „Eingedenken der Natur im Subjekt“ mit der Kritik des gegenständlichen Naturbegriffs (mit der Kritik des physikalischen Fundamentalismus) verbunden wird.
Physikalischer Fundamentalismus und das Bekenntnis zur FDGO in der Physik (zum Inertialsystem, zur daraus abgeleiteten verdinglichten Logik; Projektion der Logik ins Inertialsystem; Instrumentalisierung der Logik und Auslöschung des Subjekts; Seminar der Philosophen mit den Vertretern der mathematischen Logik in Münster).
Was mußte alles verdrängt werden, um den Naturbegriff als Totalitätsbegriff zu begründen? – Heute wird die Schuld kassiert: von allen Unterdrückten, Gedemütigten und Opfern: von den Armen und den Fremden, von den Juden, den Frauen, vom Islam, von der Dritten Welt. Wenn die Distanz zum Objekt durch die Distanz vermittelt wird, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt, dann stecken alle Beherrschten im Objektbegriff mit drin, aber so, daß sie nicht mehr zu erkennen sind. Übriggeblieben ist nur die Isolierung, Verblendung und der Verfolgungswahn des „Herrn“, auf den das, was er den Objekten antut (oder was ihnen in der Geschichte angetan wurde), zurückschlägt (s. die dramatischen Figuren Becketts). -
07.02.91
Säkularisierung (Staat, Rüstung, Recht): Schöpfung – Offenbarung – Erlösung: Natur – Wissen (Geschichte der Aufklärung, Stand der Erkenntnis) – Welt. Der Totalitätsbegriff der Natur begründet den Subjektbegriff (das Selbstbewußtsein), der dann über alles Vergangene sich erhebt und diesen Status absichert durch sein In-der-Welt-Sein, durch einen Weltbegriff, der dem staatlichen Gewaltmonopol sich verdankt. Funktion des Bekenntnisses im Säkularisierungsprozeß, der ohne dessen exkulpierende Gewalt nicht gelaufen wäre.
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06.02.91
„… abgestiegen zur Hölle“: Aufarbeitung der Geschichte der katholischen Höllenvorstellung, in genauem Zusammenhang mit der Kirchengeschichte, Teil der notwendigen Erinnerungsarbeit; u.a. Zusammenhang mit Antijudaismus/Antisemitismus (der faschistische Antisemitismus erliegt dem Reiz der Höllenvorstellung, deshalb verschwindet sie hier aus der Theologie: Verinnerlichung des Heidnischen); der Teufel Nachfahre der mythischen Götter (bocks-beiniger Satyr); der Teufel und die Juden; Augustinus (zum Glück der Seligen im Himmel gehört der Anblick des Leidens der Verdammten in der Hölle); Systematisierungen: Fegfeuer und Hölle; Höllenvorstellung und Magie, Ursprung der Sexualmoral (in der Lust brennt das Höllenfeuer); Schöpfungslehre: Himmel (Himmel, Fegfeuer und Hölle) und Erde; Lehre vom Sündenfall begründet die Höllenvorstellung; Ketzer, Inquisition, Hexen, naturwissenschaftliche Aufklärung (Alchemie, Chemie und Hölle); innere Mission und Teufelspredigt; Faust und der Teufelspakt (Hölle, Mythos und Kunst); Märchen: der Teufel und seine Großmutter (Matriarchat und Höllenvorstellung), List ist stärker als der Teufel; Hölle und Materialismus: Der Teufel als Personalisierung der Materie („seid klug wie die Schlangen …“).
– Zusammenhang der Höllenvorstellung mit dem Bekenntnis: Entlastung durch Projektion?
– Gilt das Gebot der Feindesliebe auch im Hinblick auf den Teufel?
– Kein Bekenntnis ohne Verdrängung; der Wahrheitspunkt (Errettung durchs Bekenntnis des Namens; Umkehr und Rückwandlung ins Symbolum; Bekenntnis als Nachfolge) aber wird erst durch Erinnerungsarbeit (Aufarbeitung des Verdrängten) erreicht: durch den Abstieg in die Hölle (in dem gleichen Prozeß, in dem der Himmel sich aus der räumlichen in die zeitliche Dimension verlagert: vom Oben in die Zukunft, hat die Hölle sich vom Unten in die die Gegenwart beherrschenden Mächte der Vergangenheit verwandelt; oder die obere Welt ist verschwunden, nachdem die untere Welt Macht über die bestehende Welt gewonnen hat).
Der Unterschied zwischen dem europäischen Faschismus und dem arabischen Nationalismus (in Verbindung mit dem islamischen Fundamentalismus) gründet in der unterschiedlichen Stellung beider zum Staat; der Faschismus schließt jene Staatsmetaphysik mit ein, die aus der christlichen Tradition (einschließlich der Trinitätslehre) und ihrer genetischen Beziehung zum modernen Kapitalismus stammt; diese Tradition kennt der Islam nicht. Das christliche Konfessionsproblem ist kein Problem für den Islam.
„… und arglos wie die Tauben“: Meidet die Personalisierung des Bösen.
„Gott, der Herr, formte aus dem Ackerboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte es heißen. Der Mensch gab Namen allem Vieh, den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes. Aber eine Hilfe, die dem Menschen entsprach, fand er nicht.“ (Gen. 219f)
. „aus dem Ackerboden“: wie Adam, jedoch ohne den „Lebensatem“ (27)
. „Tiere des Feldes und Vögel des Himmels“: Fische etc?
. „um zu sehen, …“: Gott als Zuschauer (Tiere nicht durchs Wort erschaffen, sondern aus „Ackererde geformt“, dann von Menschen benannt – Konsequenz für Schöpfungslehre und Erkenntnistheorie)
. „aber eine Hilfe, die dem Menschen entsprach, fand er nicht“: gilt Namengebung auch hinsichtlich des „Tieres“ aus der Apokalypse (hier braucht es Verstand … – Offb. 1318)? Wird auch die Schlange, der Chaos-Drache vom Menschen benannt, sind auch diese keine „Hilfe, die dem Menschen entsprach“?
. Was ist hier (und bei der Erschaffung des Menschen – Gen. 27) mit dem „Ackerboden“ gemeint? Vgl. 124f: „Dann sprach Gott: das Land bringe alle Arten von lebenden Wesen hervor …“
Natur und Welt sind Totalitätsbegriffe, die dazu dienen, das Prinzip der Selbsterhaltung abzusichern, gegen Reflexion abzuschirmen.
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