Dieser Tage eine Meldung in den Nachrichten: Das israelische Fernsehen bringt jede Nacht live das Bild der Skyline von Tel Aviv; so können die Menschen dort bei einem Raketenalarm in ihren Schutzbunkern direkt den Anflug und evtl. den Einschlag der irakischen Raketen beobachten. Erfüllung der ebenso wahnsinnigen wie makabren Vorstellung (letztlich der Idee des Fernsehens überhaupt): Zuschauer bei der eigenen Vernichtung, zuletzt auch beim Weltuntergang zu sein. – Konsequenzen für eine Kritik der Metaphysik (als Inbegriff der Theoria, der kontemplativen Erkenntnis – auch der Idee der seligen Anschauung Gottes?) und der Transzendentalphilosophie (der Bedeutung der subjektiven Formen der Anschauung für den Erkenntnisprozeß).
Selbstzerstörung der Theologie durch die Metaphysik, durch ihren Gegenstands- und Wahrheitsbegriff.
„Das Bekenntnis (zu den USA im Golfkrieg) begründet unsere Glaubwürdigkeit“: Mittlerweile sind Fragen, die durch Vernunft zu entscheiden wären, schon Bekenntnisfragen geworden; steckt darin die deutsche Krankheit, sich gleichsam nur noch von außen: im Spiegel der Öffentlichkeit zu sehen und so jede Äußerung als Bekenntnis vor der Öffentlichkeit (der Weltmeinung, der Geschichte: dem Weltgericht, als das wir in gut hegelscher Tradition das Ende des letzten Weltkrieges erfahren haben) zu bewerten? Geht es hier nur darum, daß andere „uns glauben“ (und so unser Selbstbewußtsein begründen), und nicht darum, daß wir die Souveränität einer Selbstgewißheit gewinnen, die aus der Kraft der Begründung unseres Handelns erwächst?
Die Abdankung des Subjekts vor der Natur (durchs Bekenntnis, durchs Tauschprinzip und durchs Trägheitsgesetz) ist der Grund der Aggression und des Fanatismus: der Mordlust des Existentiellen.
Identität und Gegensatz (Feindschaft) von Welt und Natur, Tauschprinzip und Trägheitsgesetz (Genesis und Geltung). Natur ist der Inbegriff des Anderen der Welt, des Nichtidentischen, des Nicht-Säkularisierbaren; aber dieses Andere, Nichtidentische, Nicht-Säkularisierbare ist durch die Konstituierung und die Geschichte der Welt vermittelt, ist Produkt der Säkularisation. Der Sieg der Welt über die Natur ist ein Pyrrhus-Sieg: der Besiegte ist nicht die Natur, sondern die Welt selber. Der Feminismus vertritt die Natur gegen die Welt.
Läßt sich die Geschichte von Kain und Abel (und dann Set) auf das Verhältnis von Welt und Natur beziehen? Abel (der Hirt) ist der Jüngere, Kain (der Ackerbauer) der Ältere (und nach dem Brudermord der Gezeichnete und ein Städtegründer, der die Stadt nach seinem Sohn Henoch benannte; und in der letzten Generation die Begründer von Technik und Kultur). Die Welt als urgeschichtlicher „Brudermörder“, der Brudermord die Grundlage des Fortschritts. – In der Nachfolge Sets „begann man den Namen des Herrn anzurufen“, sie endet mit Noach (Adam benannte die Tiere, Abel brachte das erste Tieropfer dar, Noach rettet die Tierwelt vor der großen Flut).
Ist der Zeugungsbegriff in der Trinitätslehre ein Indiz ihrer Unwahrheit? Er unterstellt, daß der Sieg der Welt über die Natur erreichbar, ja schon erreicht sei. Der Begriff der Zeugung ist ein Weltbegriff, kein Naturbegriff (oder vielmehr: ein von der Welt usurpierter Naturbegriff)? – Filius meus es tu, hodie genui te? Wie hängt die Zeugung mit dem Zeugen und dem Zeugnis zusammen (das patrimonium mit dem testimonium)?
Bekenntnislogik
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03.02.91
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02.02.91
Bekenntnis, Welt, Komplizenschaft, Existenz (auch Schicksalsgemeinschaft, Volk): Das Bekenntnis der anderen fordert nur, wer sich seiner eigenen Haltung nicht sicher ist: wer ein schlechtes Gewissen hat, das er mit Hilfe der Zustimmung der anderen verdrängen, aber um keinen Preis aufarbeiten möchte (da er glaubt, die Konsequenzen, die sich daraus ergeben könnten, nicht ertragen zu können). Mit anderen Worten: er sucht Mittäter und Komplizen; und wer das Bekenntnis ablegt, erklärt sich dazu bereit. Gründe für eine Erpressbarkeit gibt es viele: bei den Oberen der zu erwartende Gewinn eines Geschäfts, unten die Verantwortung für Frau und Kinder (Beruf, Familie), in jedem Falle sind es Gründe, die man „existentielle Gründe“ wird nennen dürfen, oder auch Gründe der Welterhaltung (im privaten und im politischen Sinne: das Existentielle ist der Existenzfaktor der Welt, dessen Subjekt der Einzelne, ein Staat oder eine andere Gemeinschaftsbindung ist; Ursprung des Begriffs der „Eigentlichkeit“). Der philosophische Existenzbegriff hängt mit dem der transzendentalen Logik zusammen: Glaubensbekenntnis und Schöpfungsbegriff (Konsequenz des Bekenntnissyndroms: von des Erschaffung des Himmels und der Erde zur Erschaffung der Welt; Ursprung der Geschichte der Häresien und des Dogmas).
Wenn nicht mehr Gerechtigkeit die Welt trägt, dann wird das Bekenntnis zu ihrem Einheitsprinzip und zum Grund ihres Bestehens: Der Zerfall des Bekenntnisses löst Erdbeben und Überflutungsängste aus (vgl. Mt 2751).
Wenn Frauen (als Repräsentanten nicht der Welt, sondern der Natur) nicht bekenntnisfähig sind (und nur als Jungfrauen, kraft ihrer Unschuld, heilig werden konnten), so hängt das damit zusammen, daß sie aufgrund ihrer Stellung im System nicht erpressbar sind (was dann merkwürdigerweise von den Männern als Mangel angesehen wurde – vgl. Hegels Wort von der Schuld als der Ehre des großen Charakters!). – An der Formulierung des Dogmas waren keine Frauen mehr beteiligt; aber welche Funktion hatte die Frauen (Mütter?) im Umfeld der Kirchenväter? (Helena, Monika u.a.)
Sind die Frauen das seit Bloch vergeblich gesuchte „Subjekt der Natur“ (und die Männer das der Welt)?
War die Existenzphilosophie die letzte männliche (Bekenntnis-oder Welt-) Philosophie? – Reduziert auf den heroischen männlichen Charakter, die Stummheit und die Komplizenschaft: die Haltung.
Die Konfessionen sind die Endstationen des säkularisierten Christentums: deshalb war hier die Kraft der Häresienbildung verbraucht, erschöpft (Entkonfessionalisierung statt Ökumene). -
31.01.91
Gilt der von Walter Burkert nachgewiesene Zusammenhang von Ritual und Mythos (Wilder Ursrprung, S. 60ff) auch für die Aufklärung und ihren Rückfall in den Mythos? Trägt die neue Barbarei Züge des blutigen Rituals? War die christliche Opfertheologie Produkt einer mißlungenen Kritik der „heidnischen“? Und ist die Kritik dieser christlichen Opfertheologie die notwendige Grundlage der christlichen Selbstbekehrung, der bis heute mißlungenen Umkehr? Ist der Kapitalismus das säkularisierte mythische Ritual (die freie Marktwirtschaft, der Liberalismus, der Mythos zum Ritual der Ausbeutung, der säkularisierten Gestalt des Opfers)?
Ein Mythos, ein Glaube, begründet und begleitet ein Ritual; im Bekenntnis wird der Glaube selbst zum Ritual (Opfer der Vernunft, das reale Opfer nach sich zieht und zugleich verdrängt: unversöhnt exkulpiert). Zusammenhang von Geld (Münzen) und Opfer: der im Opfer vergöttlichte Heros wird auf der Münze verewigt („gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“ – Münze und Idol, „Götzenbild“, Ursprung der Geldwirtschaft – antike jüdische Münzen? – Begründung des Bilderverbots?).
Das Opfer begründet die Weltordnung (Gewalt, Schuld, Versöhnung; Ambivalenz des Opfers: Entsühnung und Rechtfertigung der Gewalt).
Die Maske verbirgt das Gesicht: leugnet das Antlitz und verwandelt jeden Blick in eine Sicht von hinten (vgl. die Funktion des Personbegriffs in der christlichen Theologie). Porträt als Maske?
„Der Schrecken der Maske soll den Schrecken des Totenreichs, des Dämonensturms bannen.“ (Reinhold Schneider: Winter in Wien, S. 171: „… Die Toten sind böse. Alles ist böse, das nicht die Angst des Lebens teilt. Aber auch die Toten haben Angst. …“)
„Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“; gehört dazu nicht der andere Satz: „Niemand kann zwei Herren dienen, Gott und dem Mammon“. D.h. der erste Satz ist kein Kompromiß, sondern von äußerster Radikalität.
Das industrielle Endprodukt heute: Vernichtungspotential und Abfall (Müll). Alles andere, einschließlich des menschlichen Konsums, sind Zwischenstufen. Aber das Vernichtungspotential und der Abfall sind menschliches Vernichtungspotential und menschlicher Abfall. Das Ganze hat sich seit langem angekündigt in der naturwissenschaftlichen Aufklärung (dem sogenannten naturwissenschaftlichen Weltbild, in dem der Mensch – außer als abstraktes Prinzip der Herrschaft, das durch die Formen der Anschauung dieses Weltbild zusammenhält – nicht mehr vorkommt, und in der davon nicht zu trennenden Kritik des Anthropozentrismus; diese Kritik des Anthropozentrismus dient dabei als Rechtfertigung des allem zugrundeliegenden menschlichen Herrendenkens; und ihre eigentliche Funktion ist die Unterdrückung der wahnsinnigen Idee, daß es vielleicht doch eine Beziehung geben könnte zwischen dem Glück und dem Grund der Dinge: daß es etwas geben könnte, was der Idee des seligen Lebens objektiv entspricht).
Die Idee des seligen Lebens widerspricht jedem autoritären Religionsbegriff, macht die Vorstellung von einer jenseitigen Belohnung für hiesiges Wohlverhalten zu einer contradictio in adjecto, schließt a limine das Opfer der Vernunft aus. -
28.01.91
Erst in der Gottesfurcht tritt Adam aus dem Versteck „unter den Bäumen im Garten“ heraus, aus dem Bann der Versuchung durch die Schlange, aus dem selbstentfremdenden Wissen („da gingen ihnen die Augen auf“) und seinem Schatten: der Scham oder dem Bewußtsein, nackt zu sein (Gen. 38ff). Angesichts der Unerträglichkeit der Gottesfurcht produziert die erste Regung des Bewußtseins von Schuld die erste Rechtfertigung. (Gefahr der Theologie, insbesondere ihrer pseudomystischen Varianten: vor der Gottesfurcht in die Hybris der falschen „Einheit mit Gott“ zu flüchten. – Vgl. auch Drewermann)
Gottesfurcht; Bewußtsein, nackt zu sein (Abtrennung und Konstituierung der Privat-, Intimsphäre; Geschwätz und Scham; Bewußtsein, im Intimbereich von außen gesehen zu werden; Begründung und Konstituierung dieses Außen durch das Wissen, was gut und böse ist: Gott, die Welt und der andere Mensch; Zusammenhang von Selbst-Objektivation, Schuld und Scham), Stellenwert der christlichen Sexualmoral (Verhältnis zum „zeugenden“ Vatergott).
Zu Schmied-Kowarzik: Das dialektische Verhältnis des Menschen zur Natur, Freiburg (Brsg.)/München 1984: Ist nicht die „produktive Tätigkeit der Menschen, ihre gesellschaftliche Praxis …“ (S. 69) die „Arbeit des Kapitals“, des Demiurgen und Weltschöpfers, der sich bewußtlos hinter dem Rücken der Menschen, die, indem sie nur ihre Selbsterhaltung betreiben, diesen Demiurgen erzeugen und nähren, bildet und so (als blindes „Gattungswesen“) die Menschen und ihre Geschichte beherrscht? Wird die Argumentation nicht durch eine kleine kosmetische Änderung (Ersetzung des Begriffs „gegenständlich“ durch „wirklich“ und „wirksam“ – S. 66) fehlgeleitet, wird hier nicht der Knoten durch ein kleines Versehen so festgezurrt, daß er dann nicht mehr zu lösen ist?
Ich habe Adornos Philosophie (mit sanfter Korrektur seines Selbstverständnisses, er möge es mir nachsehen) in der Sache immer als reinsten Ausdruck von Gottesfurcht begriffen, die dann so konsequent war, sowohl die Nennung des Namens als auch die Existenzbehauptung (jegliches verdinglichende „Bekenntnis“, den Konfessionalismus insgesamt) zu vermeiden: sie unterliegen dem Verdikt der Hybris. Verstößt aber dagegen nicht auch die eben erwähnte begriffliche Korrektur? Und reicht das zugrundeliegende Zitat (E I, 577) nicht von sich aus weiter: nämlich an den Punkt, an dem es notwendig wird, Totalitätsbegriffe wie Welt und Natur selber als Projektionen (des Staates und der vom Tauschprinzip beherrschten Gesellschaft), als Subjektstützen zu begreifen, die helfen sollen, die Gottesfurcht zu umgehen („Das Ganze ist das Unwahre“). Adornos Sensibilität und sein striktes Votum gegen den Bann der Identität haben hier ihren gleichsam systematischen Grund. – Dieses Verständnis der negativen Dialektik impliziert eine Kritik der Naturwissenschaften, an der ich mir lange den Kopf eingerannt habe, zu der ich aber heute glaube einige weiterreichende Hinweise geben zu können. Der Ursprung und die Entwicklung dieser „Hinweise“ erinnert vielleicht ein wenig an die Geschichte Kafkas vom Schauspieldirektor, der eine neue Inszenierung vorbereitet: er wechselt die Windeln des künftigen Hauptdarstellers (Vorbereitung der wissenschaftlichen Instrumentalisierung der Welt durch die theologische Instrumentalisierung des Glaubens im christlichen Dogma, genetischer und systematischer Zusammenhang der Ausbildung des „Bekenntnisses“ mit der Entwicklung der Grundlagen und der Instrumentarien zum historischen Objektivationsprozeß: Konstituierung des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs im Zentrum des Christentums selber: Begründung und Konsolidierung des Trägheits- und Tauschprinzips durch Vergegenständlichung der Schwerkraft und des Hungers). -
27.01.91
Das transzendentale Subjekt ist das Subjekt der Selbsterhaltung und der wissenschaftlichen Naturerkenntnis: die Sozialisierung der Hybris, die durch die Erfolge der naturwissenschaftlichen Aufklärung stabilisiert wird (weil es keine Alternative dazu zu geben scheint), ist ohne gleichzeitige Vergesellschaftung der Paranoia (des Verfolgungswahns, des Systemzwangs) nicht zu haben. Die verdrängte Güte kehrt draußen als Feind wieder (in den Armen und den Fremden: zusammengefaßt als aufsässiges Objekt, dessen aufdringliche Fremdheit verfolgt und verdrängt, d.h. als Materie neutralisiert wird): aus diesem Konstrukt läßt sich das antisemitische Vorurteil als Nebenprodukt und zusätzlicher nützlicher Stabilisierungsfaktor zwanglos herleiten (die spezielle Relativitätstheorie Einsteins ist eine durchschlagende Widerlegung dieses Konstrukts, sie bleibt nur solange ohnmächtig und hilflos, wie ihre erkenntniskritische Bedeutung nicht begriffen ist).
Gegen Lukacs‘ Vorstellung vom kontemplativen Charakter der wissenschaftlichen Naturerkenntnis ist kritisch auf das Moment der Praxis, das im Experiment sich zeige, hingewiesen worden. Übersehen wird hierbei, daß beides zusammengehört; daß – nach der Dialektik der Aufklärung – die (theoriebegründende) Distanz zum Objekt durch die Distanz, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt, vermittelt ist: D.h. das praktische Moment im naturwissenschaftlichen Erkenntnisprozeß, das Experiment, ist der Repräsentant, der Stellvertreter des unkenntlich gemachten, verdrängten Knechts, des Lohnarbeiters, nach Marx: der unterdrückten und ausgebeuteten Klasse. Hier kehrt im Zentrum der modernen Aufklärung der Kern des historischen Dogmatisierungsprozesses, die instrumentalisierte Opfertheologie, als Keim- und Quellpunkt des historisch-gesellschaftlichen Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs wieder. Der Vorhang, hinter dem sich dieser Prozeß (theologisch: die zwanghafte und ohnmächtig-hilflose Wiederholung des Kreuzesopfers) verbirgt, ist das Bekenntnis; heute – nach Auschwitz – ist dieser Vorhang zerrissen (Mt. 2751ff).
Augenlust: Denken, das sich am Sehen, an der Anschauung orientiert, anstatt am Hören (mit den Ohren denken); Fleischeslust: das Fleisch ist das Subjekt der Bedürfnisse, Fleischeslust die Fixierung aufs Prinzip der Selbsterhaltung; Hoffart des Lebens: die vergesellschaftete Hybris (Zusammenhang mit den drei evangelischen Räten: Armut, Keuschheit und Gehorsam).
Ist es eigentlich bloßer Zufall, und wenn nicht, welche Bedeutung hat es, wenn die Ausformung der heute noch gelehrten Gnadenlehre in die gleiche Zeit fällt, in der in den Moralkompendien jene kasuistischen Erörterungen der kirchlichen Sexualmoral sich ausbreiten, die nur noch obszön, voyeuristisch und von der Motivation her als pathologisch anzusehen sind.
Ideologie ist Rechtfertigung: zunächst die individuelle Rechtfertigung von Handlungen (vor sich selbst und vor anderen), dann aber die kollektive Absicherung der Rechtfertigung von Anschauungen, Meinungen durch die Forderung der Zustimmung der anderen: durchs Bekenntnis, und die Verfolgung derer, die sich dieser kollektiven Absicherung entziehen: der Ketzer. Die zweite Form der Rechtfertigung gehorcht den Gesetzen der Paranoia und ist systemerzeugend. Oder Umgekehrt: Der Übergang von der ersten zur zweiten Form der Rechtfertigung ist durch Paranoia vermittelt; diese Paranoia hat einen Realgrund, ist in der Struktur der Welt und des die Welt objektivierenden Subjekts begründet. Die historische Genese des „westlichen“, „abendländischen“ Subjekts ist hierin begründet: im Übergang zur „Theologie hinter dem Rücken Gottes“, in der christlichen Gestalt der instrumentalisierten Religion. -
26.01.91
Das Zwangsbekenntnis ist eine direkte Folge der kirchlichen Bekenntnis- und Glaubens-Verwaltung, d.h. die Konsequenz aus dem biblisch angekündigten Kleinglauben, der heute den Widerstand gegen die eigenen Selbstzerstörungskräfte aufgegeben zu haben scheint und dabei ist, sich selbst zum Verschwinden zu bringen.
Das Zwangsbekenntnis ist das Zeichen des Tieres: der Name des Tieres oder die Zahl seines Namens (Offb. 1317).
Nach Milan Machovec (Die Rückkehr zur Weisheit. Philosophie angesichts des Abgrunds, Stuttgart 1988) bezeichnet das griechische peirasmos nicht die (moralische) Versuchung, sondern die mit Angst erwartete (politische und kosmische) Katastrophe der Welt. Es müßte also im Herrengebet statt „und führe uns nicht in Versuchung“ heißen: „und führe uns nicht in die Katastrophe“.
Nicht „Unterwerfung unter den Willen Gottes“ (das ist islamisches Erbe), sondern das Erkennen und Tun des Willens Gottes (zur Erläuterung der NJB zu Mt. 41-11).
In der verdinglichten (verweltlichten) Welt ist das Selbstbewußtsein auf den Erfolg, den Sieg, die Unterdrückung dessen, was nicht das Selbstbewußtsein ist, des Nicht-Ich, des Feindes, aufgebaut. Die Sucht nach Sport und Unterhaltung drückt genau diese Siegessucht aus. Das Christentum ist keine Sieges-Religion: Alle seine Siege waren Niederlagen (insbesondere die Siege über die Juden, die Heiden, die Ketzer und schließlich die Frauen: am Ende waren es die Siege, in denen das Christentum selber untergegangen ist). Die Anpassung an den physikalischen Wahrheitsbegriff übernimmt auch dessen Sinn: den Sieg über die Natur und die reine Selbstbezogenheit des Herrendenkens. Diese Gestalt des Selbstbewußtseins kann nur anerkennen, was vor ihm am Boden liegt; und ein Mittel, hier sich als Selbstbewußtsein zu erhalten, ist die Komplizenschaft des kollektiven Bekenntnisses, die die Gegenständlichkeit der Welt, der Dinge und der Personen, sowie den kollektiven Verdrängungsapparat garantiert (zusammen mit dem Gewaltmonopol des Staates). -
25.01.91
Adornos negative Dialektik: die reinste Ausprägung der Gottesfurcht in der Philosophie, sein „Atheismus“ Konsequenz aus der Vergesellschaftung des Herrendenkens: die Weigerung hinter dem Rücken Gottes über Gott zu reden. Frage, ob Theologie im Angesicht Gottes möglich ist; die Ermächtigungen durch die kirchliche Tradition, durch Dogma und Bekenntnis, sind (fast) nicht mehr tragfähig. Kritik der kirchlichen Tradition nach Auschwitz überfällig.
Anwendung des Gebots der Feindesliebe (Balken im eigenen Auge) auf den kirchlichen Antijudaismus, die Ausgrenzung der Ketzer und den Sexismus. Erinnerungsarbeit und Trinitätslehre (Moses konnte Gott nur von hinten sehen – vgl. Ex. 3320ff -: in seinen vergangenen Taten, z.B. im brennenden Dornbusch; oder auch im gegenständlichen Reflex der eigenen Schuld, auch in der „Natur“? – Bezeichnet nicht der Naturbegriff die objektlose Stelle des Brennens im Dornbusch, die Schmerzstelle des transzendentalen Subjekts, der Hybris?).
Welche Gottesoffenbarungen gibt es in der Schrift? Vom Paradies über die j Urgeschichte, Noach, Abraham, Jakob, Moses, die Propheten, im NT? Vgl. „Gotteserscheinungen“ in der Neuen Jerusalemer Bibel.
Bekenntnis: Dt. 265ff „Du aber sollst vor dem Herrn, deinem Gott, folgendes Bekenntnis ablegen: …“
Konstituierung des Subjekts (der Philosophie) durch Kritik des Mythos (Auflösung des Orakels), Internalisierung des Schicksals, Ausgrenzung des Vergangenen (Konstituierung des historischen Objekts): Erkenntnis hinter dem Rücken der Dinge, Objektivation, Konstituierung der Welt und Begründung der Theorie (Bekenntnis -Geld, Formen der Anschauung – Inertialsystem, Herrendenken). -
22.01.91
Zu Metz: „Zur Theologie der Welt“. Es ist immer wieder erstaunlich, wie leicht den Theologen ihr „Wissen über Gott“ aus der Feder rinnt. Wie schnell sie den biblischen Hinweis auf die Gottesfurcht (den „Anfang der Weisheit“) beiseitelegen. In dem Zitat aus 2 Kor 119 (S. 18) wird der entscheidende Satz einfach ausgelassen, dann werden aus dem verkürzten Zitat Konsequenzen gezogen, die dem Kontext exakt zuwiderlaufen. Das Ja gilt nicht der Welt (auch nicht „dem Menschen“ – S. 51), sondern den göttlichen Verheißungen. So verbaut sich J.B. Metz schon a limine den Weg zum Verständnis des Weltbegriffs und seiner in der Tat zentralen Bedeutung für die Theologie der Geschichte: Theologie als Erinnerungsarbeit und parakletisches Denken (Kritik des realen und historischen Kolonialismus: der Hypostasen der Empörung, der Verführung zum Richten; Errettung der vergangenen Hoffnung, der Hoffnung für die Opfer und für die bis heute unabgegoltene Güte; Auflösung der den Weltbegriff konstituierenden Verdrängungen).
Ableitung der christlichen Weltkritik aus Mt. 1016: Aus der Prämisse, eine kritische Aufarbeitung der Erfahrung der Wolfswelt und eine Begründung der Güte, sei unmöglich, zieht jeder Faschismus seine zynisch-verzweifelten Schlüsse: von der Mordlust bis zur Gräberschändung.
Beispiel theologischer Hybris: Metz fragt nicht mehr, ob, sondern nur noch „wodurch (es sich) zeigt, daß unser Glaube eben ein christlicher Glaube ist, der weiß (!), daß die weltliche Welt von Gott je schon eingeholt ist, ja, daß sie in ihrer radikalen Weltlichkeit nur erscheinen kann, weil sie von Gottes befreiendem Ja jeweils schon übergriffen ist“ (S. 42, Hervorhebungen von mir, H.H.). Ein Glaube, der „weiß“, verletzt sein eigenes Prinzip; und das „je schon“ erinnert außer an die Heideggerei und den Jargon der Eigentlichkeit nicht zufällig an die Geschichte vom Hasen und vom Igel: Ick bün all do. Dabei ist das Metzsche Konstrukt nicht einfach nur erfunden, erbauliches Geschwätz, sondern es verweist auf einen sehr ernst zu nehmenden Sachverhalt: Es ist in der Tat dieses christliche Erbe eines Glaubens, der im Kontext der Geschichte des Dogmas und des Bekenntnisses, der Konfessionalisierung der Kirche(n), für sich die Form des Wissens beansprucht: Grund der anders nicht zu erklärenden Neigung des konfessionalisierten Christentums (und seiner politisch-staatlichen Erben) zur wütenden Aggression gegen jeden, der das geforderte Zwangsbekenntnis verweigert (Bekenntnis als technisches Instrument zur Nutzung des Mechanismus der Identifikation mit dem Aggressor). Nicht zufällig war der „Weltanschauungskrieg“ der Nazis, der in der Tradition der christlichen Ketzerverfolgungen und der Bekehrungskriege steht, einer der brutalsten Kriege der Geschichte, und dazu einer, der die Täter fast ohne das Bewußtsein von Schuld zurückgelassen hat. In diesem Kontext ist das Konzept von der „Annahme der weltlichen Welt“ und von „Gottes befreiendem Ja“ zumindest mißbrauchbar.
Die Welt ist alles, was der Fall ist (Wittgenstein): Aber das Ja und Amen ist nicht das Ja und Amen zum Fall, dessen unwiederrufliche Bestätigung, sondern im Gegenteil: das Ja und Amen zur Verheißung, daß das Opfer und die alltägliche Erfahrung des Unrechts nicht das letzte Wort sind.
Das fundamentalontologische „je schon“ ist der genaueste Ausdruck der aktiven Verdrängung, der Unterdrückung von Erfahrung, des Nicht-Wahrhaben-Wollens; es schafft genau die double-bind-Situation.
Bevor die Grundlagen der Instrumentalisierung der Welt (das Trägheitsgesetz und die Prinzipien der Mechanik) draußen entdeckt werden konnte, mußten sie (unterm Gesetz des Zwangsbekenntnisses) internalisiert und als Form der Welterfahrung schon ausgebildet und vorhanden sein. In diesen Zusammenhang gehört die ganze Säkularisierungsdiskussion.
Das Bekenntnis ist die Grundlage des Zivilisationsprozesses (die Fähigkeit zum Bekenntnis die Grundlage des zivilisierten Lebens). Aber es ist nur haltbar, wenn es die Selbstreflektion mit in sich aufnimmt.
Die kritische Selbstreflektion des Bekenntnisses ist die Voraussetzung für eine kritische Reflektion der Naturwissenschaften (und des Naturbegriffs): Einheitspunkt einer sich wechselseitig aufklärenden Natur- und Geschichtsphilosophie (einer wechselseitigen Kritik von Schelling und Hegel).
Die Naturwissenschaft ist seit Galilei das Trauma der katholischen Theologie: Grund der entsetzlichen und heute explosiv sich ausbreitenden Verwirrung.
Zusammenhang von: Bekenntnis, Empörung, richtendem Urteil, Freund-Feind-Denken, Herrendenken, Gemeinheit; Weigerung, Begriffe wie Fall und Empörung durch Definition zu entschärfen, anstatt durch Hinhören wieder in ihren theologischen Rang einzusetzen.
Ursprung der Gemeinheit aus dem Christentum: Bekenntnis als Alibi und Erinnerungsersatz; Komplizenschaft der Gläubigen; Bekenntnis als Zwangsbekenntnis des anderen; Rache für das, was man sich selbst antun muß; Christentum als Ausrede; Verdrängung und Projektion. Opfertheologie, Gnaden- und Sakramentenlehre; Rechtfertigungslehre: Ausbeutung des Leidens Jesu statt Nachfolge (Opfer statt Barmherzigkeit). Veränderung des Glaubens durchs Zwangsbekenntnis, durch Verdinglichung, durch Zeitumkehr (Rosenzweig: die verandernde Kraft des Seins. Studium der Berichte aus Auschwitz.
Daß nach Metz „das Christentum … als zunehmende Entgöttlichung und in diesem Sinne Profanisierung der Welt erscheinen (muß), als deren Entzauberung und Entmythisierung“ (S. 30), stimmt nur zum Teil und da auch nur bedingt, nämlich insoweit, als die Entmythisierung im Verhältnis zur Offenbarung, nicht jedoch zur wissenschaftlichen Aufklärung, verstanden wird. Die Entzauberung im Sinne der Säkularisation (und Instrumentalisierung, Subsumtion unter die gesellschaftliche Herrschaft) unterliegt der Dialektik der Aufklärung: Auch diese Entzauberung fällt in den Mythos zurück (nur daß er als gegenwärtiger Mythos nicht so leicht wie der vergangene sich durchschauen läßt).
Wird in dem Konstrukt „Freisetzung der Welt ins Eigene und Eigentliche“ (S. 31) nicht Sündenfall und Erlösung verwechselt? Das ist nun wirklich bürgerliches Christentum (das Proletariat wird nicht der Gesellschaft, zu der man selbst gehört, zugerechnet, sondern der im historischen Prozeß unterworfenen, beherrschten Natur. Und die Vorstellung, „in der Verweltlichung der Welt (setze sich) ein genuin christlicher Antrieb geschichtlich durch“ (S.31), erinnert an die Apartheidstheologie, an die Gleichsetzung von Kolonialismus und Christianisierung. Hierauf paßt der Horkheimersche Satz: Es gibt keine menschenfreundlichere Religion als das Christentum (die Religion der Feindesliebe), aber auch keine, in deren Namen vergleichbare Untaten begangen wurden. Daß auch diese letzteren Dinge christlichen Ursprungs sind, soll nicht bestritten werden; aber das ist dann das Gegenteil einer Rechtfertigung (und nach Rechtfertigung klingt zumindest der oben zitierte Satz). Die Theologie ist nur zu retten, wenn die Säkularisationsdebatte endlich der paranoiden Vorstellung sich entzieht, nach Galilei sei eine Kritik der Naturwissenschaften nicht mehr möglich. Sie ist nicht nur möglich; ohne diese Kritik ist die Theologie nicht zu retten: sowohl im Rahmen einer immanenten Diskussion des Stands der naturwissenschaftlichen Erkenntnis selbst, als auch als Teil einer Kritik des philosophischen und mythischen Erbes der Theologie, gleichsam als Teil ihrer Selbstbekehrung.
Die Säkularisation als Verweltlichung der Welt ist so aus Herrensicht gesehen: Ausgeschlossen sind die Juden, die Frauen, die Arbeiter, die gesamte „nichtzivilisierte Welt“; ausgeschlossen ist der Rohstoff- und der Produktionsbereich, zu der auch die Arbeitskräfte gehören (als Teil der ausgebeuteten Natur); im Blickfeld ist nur die (heile) Warenwelt. Hierauf beziehen sich auch die unreflektierten Erlösungsvorstellungen: Wer oben ist, ist dem Bann der Natur entronnen, ist befreit, ist exkulpiert. Und solange das, was unten erfahren und erlitten wird, nicht laut wird, ist die Welt in Ordnung.
Theologie nach Auschwitz ist Kritik der Theologie hinter dem Rücken des lieben Gottes (Kritik der Hybris und der Anmaßung, die vorgibt, „über Gott“ etwas zu wissen; Rosenzweigs: „Von Gott wissen wir nichts, aber dieses Nichtwissen ist Nichtwissen von Gott“ ist die geniale Lösung dieses Problems). -
17.01.92
Bekenntnis und Eid: Schließt das Verbot zu schwören (Mt 533f, Jak 512) nicht auch gegen das Bekenntnis mit ein?
Zum Begriff der Gemeinheit: „Wehe der Welt mit ihrer Verführung! Es muß zwar Verführung geben; doch wehe dem Menschen, der sie verschuldet.“ (Mt 187) Verführung durch Akkusativierung, durch Anklage: Im Urteil der Welt wird die Liebe zum Opfer (zur demütigenden „Aufopferung“), gegen die das Selbstbewußtsein sich behaupten muß. Aber gelingt das nicht doch nur denen, die ohnehin oben sind; und sperrt es nicht die, die unten sind, in ihrer Angst ausweglos und unrettbar ein: verführt sie zum Selbstmitleid und zur selbstzerörerischen Wut? (Die enttäuschte Liebe und der „Schrecken um und um“ suchen ihre Opfer; Adorno: Heute fühlen sich alle ungeliebt, weil keiner mehr zu lieben fähig ist.)
Die Frage des Pilatus „Was ist Wahrheit“ spiegelt das Grundproblem jeglichen Rechts, die Beziehung von Schuld und Beweisbarkeit, wider. Im Rechtsstreit ist Schuld nur Schuld, wenn sie beweisbar ist; nicht beweisbare Schuld ist für das Recht nicht existent, nicht wahr. Das ist der systematische Grund dafür, daß Gemeinheit, die diese Lücke ausnützt, kein strafrechtlicher Tatbestand ist. War das Verfahren gegen Jesus nicht eigentlich ein Verfahren gegen das Recht? Und hat die Einbeziehung der Reflexion von Schuld in den Wahrheitsbegriff (die die Grundlage ist für die Kritik der Naturwissenschaften und des Weltbegriffs) nicht weiterreichende theologische Folgen (die Objektivierung stellt Schuld nur fest, reflektiert sie nicht, kennt keine Versöhnung: Wahrheit aber schließt die Idee der Versöhnung mit ein, die weiterreicht als der kommunikationstheoretische Konsens)? -
17.01.91
Der Konfessionalismus hat die Religion neutralisiert. Er hat sie zur Sonntagsreligion gemacht. Das führt dazu, die Prägekraft der Religionen in vorindustriellen Gesellschaften zu unterschätzen, sie nicht mehr ernst zu nehmen. Eine Form dieses Nicht-mehr-ernst-Nehmens ist die Toleranz, die alle Religionen in einen Topf wirft, sie zu einem religiösen Einheitsbrei verrührt (Hauptsache, die Menschen haben noch Religion).
Mit der Ökonomie hat seit dem Ursprung des Kapitalismus auch die Kosmologie sich von der Religion emanzipiert. Und diese Emanzipation verstärkt die unreflektierte Macht der Ökonomie. Beide zusammen, Ökonomie und Physik, definieren den Begriff der Realität, auf den die Religion eigentlich keinen Einfluß mehr hat. Der Lauf der Dinge wird von anderen Gesetzen und Faktoren beherrscht.
Im Westen ist die Religion zur bloßen Konfession, zu einem Teil der Privatsphäre geworden, in der sie weiterhin in ihrer instrumentalisierten Form sich als nützlich erweist: als Mittel zur „Kindererziehung“, zur Stützung der Autorität der Eltern. So jedoch wird sie zugleich verraten; und alle, die an der religiösen Bindung festhalten, werden damit zu Komplizen in der Auseinandersetzung mit den Kindern. Diese Komplizenschaft ist der Kitt der sogenannten religiösen Bindung und der Grund dafür, daß der Bann sich nicht mehr sprengen läßt. Das Bekenntnis (als Zwangsbekenntnis) war seit je das Siegel auf dieser Komplizenschaft.
Wir sind nicht Zuschauer und Herren der Geschichte, sondern deren Objekte und Opfer. Alle Versäumnisse, alle Entlastungsversuche der Vergangenheit haben die Last vermehrt, die auf den Nachgeborenen lastet. Das pseudomagische Potential ist dem Bekenntnis in dem Maße zugewachsen, in dem die Bekennenden sich als nicht verantwortliche Zuschauer des Geschichtsspektakels begriffen.
Der Kreuzweg wäre so neu zu konzipieren, daß er nicht nur die Einfühlung in den Leidensgang, den Passionsweg Christi intendiert, sondern dessen Anwendung auf die gesamte Geschichte.
Horkheimers Satz: „Das Christentum ist die menschenfreundlichste Religion, aber es gibt keine Religion, in deren Namen so ungeheure Verbrechen begangen worden sind“, dieser Satz läßt sich nicht nur belegen, sondern auch begründen.
In der Folge der enttäuschten Parusie-Erwartung wurde das Bekenntnis zugleich entmächtigt und demoralisiert. Das war die Grundlage und das Ergebnis des Dogmatisierungsprozesses. Zurückzugewinnen wäre die Einsicht, daß die Kritik und die Auflösung der Demoralisierung auch den Ausblick auf die Neubegründung der eingreifenden Kraft mit einschließt: an den Namen Gottes rührt. Oder umgekehrt, wenn die jüdische Religion die Heiligung des Namens Gottes als wesentliches Moment des Zeugnisses – bis hin zum Martyrium – begreift, so rührt sie damit an das Geheimnis des Bekenntnisses.
Auch der Islam ist eine Religion der Selbsterhaltung. Der Islam, die Ergebenheit in den Willen Gottes, ist sozusagen der Trick, durch den das Subjekt sich erhält: gegen die unendliche und undurchschaubare Macht der Verhältnisse, an der es sich nicht den Kopf einrennen will, deshalb sich klein macht, um zu überleben. Der Islam ist die Religion der Anpassung an die Welt, das Christentum die des Aufbegehrens, der Empörung: Das Christentum manifestiert sich am deutlichsten in der Geschichte der Häresien.
Die Geschichte des Bekenntnisses bewegt sich zwischen dem Symbolum und dem (apokalyptischen) Zeichen des Tieres (Verfehlung der benennenden Kraft, die uns seit Adam gegenüber den Tieren anvertraut ist).
Die Dogmenkritik kann sich nicht mehr an dem Verhältnis von Schale und Kern orientieren, so als müsse man die Schale aufbrechen, um an den Kern zu kommen; wenn, dann hätte sie sich zu orientieren an dem Modell von Tod und Auferstehung. Das Dogma ist tot: gekreuzigt, gestorben und begraben, abgestiegen zur Hölle; wird es am dritten Tage auferstehen? (Verweist der „dritte Tag“ hier auf die Schöpfungsgeschichte, die Trennung des Landes vom Meer und damit auf die Tiere der Apokalypse?)
Theologie im Angesicht Gottes heißt Theologie als Erinnerungsarbeit betreiben, als Aufarbeitung der Last der Weltschuld seit dem Sündenfall.
Die Neutralisierung der Namenslehre durch den Person-Begriff in der Dogmengeschichte ist der parvus error in principio, Grund der Nicht-Ansprechbarkeit. -
16.01.91
Das Bekenntnis (homologein) steht in der Linie des Nachfolgegebots: durch mimetische Angleichung an das schaffende Wort, den Logos, soll die befreiende Kraft, die Erlösungstat Christi, sich mitteilen. Die dogmatische Anpassung des Bekenntnisses an den philosophischen Begriff stellt dieses Verhältnis auf den Kopf und ist nur durch Umkehr aufzulösen: durch Umkehr im dogmatischen Verständnis der Theologie selber, durch parakletische Auflösung der Instrumentalisierung, des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs (der „real existierenden“ Unwahrheit der Trinitätslehre). Die Binde- und Lösegewalt der Kirche bezieht sich konkret hierauf: bis heute hat die Kirche nur gebunden, nicht gelöst.
Wahrheit im Kontext begrifflichen Denkens, Bekenntnis, Rechtfertigung; Konstitutierung des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungsusammenhangs im Kontext dieses Wahrheitsbegriffs, falsch säkularisierte Theologie: Warum steht das lateinische Bekennen (nur als Schuldbekenntnis?) im Passiv: confiteor, confiteri, confessio (ich werde bekannt, ich bekenne mich jemandem? – Hat das confiteor die im Confiteor angegebenen Adressaten, die dann im deutschen „Bekenntnis“ zur Öffentlichkeit anonymisiert, ins abstrakte Allgemeine gesetzt wurden; deren Stelle dann der Staat einnehmen konnte?); warum wird das Bekenntnis hier erlitten (und nur das Erleiden als Leistung aufgefaßt). Hat sich diese passivische Konstruktion als säkularisierte, als Moment eines durchaus weltlichen Herrschaftszusammenhangs, im deutschen „Bekenntnis“ erhalten? Gibt es hier einen Zusammenhang mit der reformatorischen Hypostasierung des geschriebenen Wortes und der Beziehung von Bekenntnis, Glaube und Rechtfertigung? – Steht nicht die deutsche Staatsmetaphysik und der „Staatsanwalt“ in dieser schlimmen Tradition („Gib es zu!“: von der strafmildernden Kraft des Bekenntnisses zum Kronzeugen)? In diesen Zusammenhang gehört die (autoritäre) Umdeutung des Gebots: „Du sollst kein falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten“ ins „Du sollst nicht lügen“ (Umkehrung des den anderen verteidigenden in das sich selbst rechtfertigende Denken), oder die Umdeutung des humanen Schutzgebots zugunsten des Beschuldigten in einen generellen Bekenntnis-und Rechtfertigungszwang, dem jeder unterliegt (Folge der Lehre von der befreienden Kraft des Bekenntnisses). Vor einem deutschen Gericht ist auch der Zeuge ein potentieller Angeklagter. Zusammenhang von staatlichem Gewalt- und Wahrheitsmonopol im Kontext eines verdinglichten, akkusativischen, an den Anklagevorbehalt geknüpften Wahrheitsbegriffs (eine Tatsache wird erst wahr durch Feststellung, nicht durch Einsicht)?
Die Rechtfertigung bezieht sich nicht primär auf die Tat, sondern auf ihre Bewertung von außen: durch den Ankläger. Die Rechtfertigungslehre fördert eine Anschauung, für die nicht die Tat, sondern das Erwischtwerden das Entscheidende ist (die Rechtfertigung befreit nicht von Schuld, sondern von Schuldgefühlen; hierbei unterscheiden sich Schuld und Schuldgefühle wie die Tat und die Verinnerlichung ihrer Beurteilung durch andere). -
15.01.91
Georg Lukacs hat in „Geschichte und Klassenbewußtsein“ Hinweise auf eine marxistische Kritik der Naturwissenschaften gegeben, die er zwar später wieder zurückgenommen hat, deren produktiver Ansatz heute duetlich gemacht werden kann: Die von Frankfurter Seite mit dem Hinweis auf die experimentelle „Praxis“ geübte Kritik an Lukacz‘ Begriff des „Kontemplativen“ (der rein anschauenden Beziehung zum Objekt) vergißt die Einsicht der „Dialektik der Aufklärung“, wonach die Distanz zum Objekt durch die Distanz der Herrschenden über die Beherrschten vermittelt ist. Es ist diese (in der kantischen Philosophie durch die Unterscheidung von transzendentaler Anschauung und transzendentaler Logik bereits angezeigten) besonderen Beziehung von Anschauung und Praxis, Ursprung der Beziehung von Verwaltung und Industrie, die hier näher zu bestimmen wäre (Rückwirkung der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Natur auf die Gesellschaft; Einbeziehung auch des Motors der Emanzipation – des naturwissenschaftlichen Aufklärungsprozesses: in den Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang – negative Trinitätslehre?). Hier ist der Ansatzpunkt für eine gesellschaftlich-geschichtliche Kritik der Naturwissenschaften.
Die kantischen Formen der Anschauung (Raum und Zeit) sind sowohl die subjektiven Bedingungen der transzendentalen Logik (des historischen Objektivationsprozesses) als auch selber objektivierungsfähig (Inertialsystem; Bedeutung des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und der Identität von träger und schwerer Masse). Sie sind so der Statthalter sowohl des Naturgrundes von Herrschaft als auch seiner Vergesellschaftung im Subjekt (Ursprung der Reflexionsbegriffe und Grund der Konstituierung des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs). Die europäische Gesellschaft ist die historische Gestalt der dem Bewußtsein entfremdeten Empörung, die exakt dem Naturgrund von Herrschaft korrespondiert: Deshalb ersetzt hier immer noch die Empörung das Argument. Bekenntnis als Empörung (Bekenntnis als „Weltanschauung“ – Brutalität der „Weltanschauungskriege“ bei gleichzeitiger Verdrängung des Bewußtseins und der Erinnerung der Brutalität darin begründet).
Der Entkonfessionalisierung der Kirchen entspräche eine Form des Bekenntnisses, die nicht mehr zur Empörung sich anreizen läßt, der Empörung nicht mehr bedarf (wohl des Zorns).
Die Formen der Anschauung sind die Formen der gegenständlich gewordenen, versteinerten Empörung; die Form ihrer Objektbeziehung entspricht der des Hohns, des kalten Auslachens: der apriorischen Verurteilung. Grund der Gemeinheit.
Startbahnprozeß: Die Empfindlichkeit ist ein Gradmesser der verdrängten Sensibilität (Konstruktion des Selbstmitleids; Ableitung seiner gesellschaftlichen, rechtlichen und politischen Folgen; Zusammenhang mit der Geschichte des Christentums).
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