Bekenntniszwang, Wut und Selbstmitleid, oder über das Verhältnis des Bekenntnisses zu den Formen der Anschauung (zum Inertialsystem): Das Zwangsbekenntnis befreit, erlöst den Bekennenden ebensowenig wie die Arbeit die unbearbeitete Natur, das rohe Naturobjekt; er erzwingt vielmehr die Anpassung und eine mittlerweile unerträgliche Verdrängungsleistung, die die Grundlage war für die Einbeziehung der Menschen in den Zivilisationsprozeß. Ausdruck und Folge dessen ist die selbstzerstörerische oszillierende Mischung von Wut (nach außen) und Selbstmitleid (nach innen), die die Grundlage bilden für die massenhafte Verbreitung des autoritären, faschistischen Charakters (Reflex des Inertialsystems im Subjekt). Die Wirkungslosigkeit der gesellschaftskritischen Aufklärung ist begründet in der Unfähigkeit, die Natur in diesen Aufklärungs-und Reflexionsprozeß mit einzubeziehen. Die Relativierung der naturwissenschaftlichen Erkenntnis, die Einsicht in ihre Abhängigkeit vom gesellschaftlichen Prozeß, vom Prozeß der gesellschaftlichen Naturbeherrschung (in die das naturbeherrschende Subjekt mit verflochten ist), vermag vielleicht den Bann zu lösen.
Bekenntnislogik
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17.12.90
Das Bekenntnis war im Anfang das „Bekenntnis des Namens“. In welcher Beziehung steht dieses Bekenntnis zur „Heiligung des Namens“ (z.B. im Herrengebet, aber auch in der jüdischen Tradition, in der die Heiligung des Gottesnamens besiegelt wurde durchs Martyrium). War dieses Bekenntnis von Anfang an ein Formelbekenntnis? Vor wem wurde es abgelegt? Unterschied zwischen dem Bekenntnis vor dem Verfolger und dem vor der kirchlichen Autorität (seit der Abgrenzung von der Häresie; im Rahmen der Dogmenentwicklung: Identifikation mit dem Aggressor)? Seit wann gibt es das Taufbekenntnis? Bei Augustinus war die Aushändigung des Symbolums bei der Taufe noch ein Sakrament; wann trat an die Stelle der Aushändigung an den Täufling das Bekenntnis des Täuflings (an die Stelle der Gnade die Leistung)? Wer war Subjekt des Bekenntnisses: die Kirche oder der einzelne Christ? War das individuelle Bekenntnis (des Märtyrers, des Confessors) nur ein Derivat des Bekenntnisses der Kirche? – Logisches Äquivalent: der Markenname (ein Teil der „theologischen Mucken“ der Warenform? – ist diese logische Beziehung so zufällig?). Zusammenhang von Trägheitsgesetz/materielles Objekt/Naturbeherrschung, Tauschprinzip/Eigentum/Recht und Bekenntnis/Person/Dogma (Kirche als Herr des Bekenntnisses)? Der Konfessionalismus leugnet die Gnade (und die Gottesfurcht). Das Inertialsystem hat eine andere Bedeutung fürs eigene Zentrum, für den Ursprung des I. (Repräsentant des Subjekts), und für das Objekt, auf das es sich bezieht. Das Relativitätsprinzip drückt nur die Äquivalenz von Subjekt und Objekt aus (ähnlich wie das Tauschprinzip die Äquivalenz von Verkäufer und Käufer, von Produzent und Konsument). Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit verweist auf die Subjekt-Objekt-Differenz im Inertialsystem. In der malerischen Perspektive hat der Betrachter die Unendlichkeit des Raumes im Rücken; und das Zentrum (der Ursprung) des Raumes liegt im Fluchtpunkt der Perspektive: der Betrachter ist demnach nicht Subjekt, sondern Objekt des Raumes. Hierbei ist der Fluchtpunkt, in dem alle zur Blickrichtung parallellen Linien sich treffen, kein Punkt, sondern die zur Blickrichtung senkrechte Ebene im Unendlichen. Wo trifft eine zur Blickrichtung nicht parallelle und nicht senkrechte Gerade diese Ebene? Was liegt hinter dem Fluchtpunkt? Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und das Gravitationsgesetz bezeichnen die Grenzen des Inertialsystems (nach innen: im Verhältnis zum Begriff, zum Subjekt, und nach außen: im Verhältnis zu den Naturobjekten). In welcher Wechselbeziehung stehen Licht und Schwerkraft (Licht als Innenseite der Gravitation)? Stehen die resp. Konstanten in einer rationalen Beziehung zueinander? Das Trägheitsprinzip macht Ungleichnamiges gleichnamig: Die physikalischen Unterscheidungsmerkmale (Masse, Konfiguration der Atome und Moleküle) entspringen bei der Verdrängung der realen Differenzen und sind Produkt der Gleichnamigkeit des Ungleichnamigen.
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15.12.90
„Oder wird das All wieder in sich zusammenstürzen, so daß unsere Nachkommen, gleich einem Astronauten, der in ein schwarzes Loch stürzt, das Firmament buchstäblich auf den Kopf fällt, und ein Feuerball wiederentsteht, wie der, aus dem das Universum hervorgegangen ist.“ (Martin J. Rees: Expandiert das Universum immer weiter? in Lettre International, Heft 11, IV.Vj./90, S. 78) Kann es sein, daß die Theorie des „Schwarzen Lochs“ nur die Tatsache, daß der Himmel in der Nacht dunkel und die Zahl der sichbaren leuchtenden Sterne begrenzt ist (Olberssches Paradoxon), und das Faktum des Firmaments (des tagsüber „blauen Himmels“) erklärt?
Gegen das periodische System der Elemente und die daraus gezogenen kosmologischen Schlüsse (Weizsäckers Konzept der Entstehung der Sonnenenergie; Vorstellung, daß die gesamte Materie aus der „einfachsten“ Atomstruktur, der des Wassestoffs entstanden sein muß): Stimmt eigentlich die konzeptionelle Voraussetzung der Trennung von Raum, Zeit und Materie (Inertialsystem)? Wird unter dem Begriff der Materie (durch ihre Beziehung zum Trägheitsgesetz) nicht Ungleichnamiges gleichnamig gemacht (wie unter der Herrschaft des Tauschprinzips die Waren im Warenkosmos)? Käme es nicht eher darauf an, das Ungleichnamige wiederzuentdecken? -Die spezielle Relativitätstheorie hat hinsichtlich der Tragweite Vorrang vor der allgemeinen: Sie rührt an den begrifflichen Ursprung, ans transzendentale Apriori der Physik.
Zur Gleichnamigmachung des Ungleichnamigen: Hier lassen sich vielleicht Aufschlüsse aus der Interpretation der Planckschen Strahlungsformel (der Grenze der molekularen Wärmetheorie) erwarten.
Das Bekenntnis zu einer Sache war notwendig (und wurde erfunden), als niemand mehr an die Sache glaubte und deshalb die Glaubenden sich der Bestätigung durch andere versichern mußten (das gilt fürs Trinitätsdogma wie für den Sozialismus). Bekenntnisinhalte sind an bestimmte historische Situationen gebunden, dogmatisiert werden sie, wenn sinnwidrig ihre Geltung über den vergangenen historischen Punkt hinaus: wenn ihre überzeitliche Geltung behauptet wird.
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09.12.90
Die Reflexion des Bekenntnisses ist das Zentrum der kritischen Selbstverständigung (und Selbstbegründung) des Christentums; sie ist sowohl Inbegriff des Neuen, Befreienden, als auch Ansatzpunkt für die Selbstinstrumentalisierung: Verwandlung in ein Herrschaftsinstrument; Ursprung der Instrumentalisierung der Natur; Zusammenhang mit dem Weltbegriff. – Gegenstand des Bekenntnisses ist das Bekannte? Säkularisation des Bekenntnisses durch die Formen der Anschauung, durch die Mathematik, die in der historischen Auseinandersetzung mit der Natur diese Natur ähnlich repräsentieren wie das Bekenntnis die Kirche. Oder: Das Zwangsbekenntnis leistet am Subjekt die gleiche Entrealisierung und Entsinnlichung wie die Formen der Anschauung (das Inertialsystem) und die daraus abgeleiteten Strukturen der Mathematik an der Natur. Die Person als Träger des Namens ist das Produkt der Zurichtung zum Objekt des Urteils (vom Tratsch übers Recht bis hin zur Theologie), der Instrumentalisierung, der Verwaltung.
Ebenso wie die Person den individuellen Menschen neutralisiert das Bekenntnis (der vom Wissen getrennte anstatt sein Verhältnis zum Wissen reflektierende Glaube) seinen Gegenstand, seinen Inhalt. Die Person (als Gegenstand hoffnungslosen Wissens) muß sich ihre Taten als feste Eigenschaften zurechnen lassen: wer gestohlen hat, ist ein Dieb, wer gemordet hat, ein Mörder. Nur durch ihr vergangenes Handeln und ihr Leiden kommt die Person zu Eigenschaften, Qualitäten; diese sind Urteile über ihre Vergangenheit. In der Theologie ist es denn auch das Handeln und Leiden, das die Unterscheidung der Personen in der Trinität begründet: der Zeugende und der Schöpfer der Welt ist der Vater, der Gezeugte und in die Welt Ausgesandte (und zur Hölle, zum Ziel des Sündenfalls, Abgestiegene) der Sohn, der von beiden Ausgehende und der das Antlitz der Welt Erneuernde der Hl. Geist (Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft; Glaube, Liebe, Hoffnung?). Und am Ende, wenn der Sohn sein Rettungswerk vollendet hat, wird Gott alles in allem sein: werden mit der „Welt“ auch die Personen in Gott untergegangen sein. (Die Trinitätslehre besteht ebenso wie ihr Tradent, das „Welt-„Priestertum und die Hierarchie: die organisierte Kirche, solange, wie die Welt besteht.)
(Die Welt der Kinder ist die private Welt der Familie. Und für die Kinder ist es auch der Vater, der durch seine außerweltliche Tätigkeit diese Privatwelt gleichsam ex nihilo erschafft, jedenfalls ihr absoluter Herr ist. Nur die Mutter ist in der Privatsphäre physisch anwesend, der Vater ist ihr transzendent. – Das orthodoxe Urteil über die Häresie als Abweichung orientiert sich an diesem Modell.)
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05.12.90
Materialismus als Errettung des Vergangenen.
Die Virulenz der Gemeinheit gründet in der ebenso realen wie paranoiden Vorstellung, daß, wer überleben will, mit den Wölfen heulen muß: die projektive Vorstellung, daß die Schlechtigkeit in der Welt überwiegt, wird als Rechtfertigung der eigenen Schlechtigkeit verwandt. Gemeinheit ist ein Selbstläufer: Modell des perpetuum mobile (allerdings mit eigenem Entropiegesetz). Das Bessere zieht die Wut auf sich, weil es die Selbstrechtfertigung (das pathologische gute Gewissen) untergräbt. Nicht zufällig sind die Einrichtungen des staatlichen Gewaltmonopols: der Justiz, der Verbrechens- und Kriminalitätsbekämpfung (einschließlich des Staatsschutzes), der Strafermittlung, des Strafrechts und des Strafvollzugs besonders anfällig für dieses paranoide Syndrom (die paranoide Staatsmetaphysik, die beispielsweise in dem Amtstitel des Staatsanwalts sich ausdrückt); hier ist eine besonders virulente Quelle der Gemeinheit (der verfolgenden Unschuld).
Der Rechtsbegriff in Begriffen wie Menschen- oder Christenrechte verhält sich zu dem des staatlichen und auch des kirchlichen Rechtsinstituts wie der der Offenbarung zu dem des Mythos, wie Befreiung zu entfremdeter Herrschaft. Die Bekehrung des Rechts steht – wie auch die der Christen – noch aus.
Vgl. Elaine Pagels Ausführungen über die Ausbildung autoritärer Strukturen in der Kirche in der Geschichte der Auseinandersetzung mit der Gnosis (Versuchung durch Erkenntnis). Das proton pseudos war, daß dem gnostischen Versuch einer experimentellen Theologie dogmatische und bekenntnishafte Strukturen und Bedeutung (Anspruch auf gegenständliche, gleichsam physikalische Wahrheit) unterstellt wurden. Die Kirche hat seit Beginn an einem Wahrheitsbegriff festgehalten, der automatisch in den Dogmatismus (und in seiner Folge in die naturwissenschaftliche Aufklärung, in den Prozeß der Naturbeherrschung durch Vergegenständlichung und Instrumentalisierung der Natur): m.a.W. ins Herrendenken, in paranoide Zwänge (Kriterien: Antijudaismus, Ausgrenzung und Verfolgung der Häresien, Sexismus) hineinführte.
Gilt das Abendmahl nur für die autoritär und hierarchisch organisierte Männerkirche (für eine Kirche, die mit Antijudaismus, Ketzerverfolgung und Sexismus leben muß)? – Zusammenhang mit dem Nahrungsgebot nach dem Sündenfall?
– Brot und Wein
. Brot, Gen. 319, Joh. 622-66, Lev. 2626, Ps. 10516, Ez. 416, Ex. 121-1316, Joh. 1914, Ps. 7825
. Brotbitte Mt. 61,
. Brotbrechen Lk. 2435, Apg. 242,
. Brotvermehrung, Mt. 1413-21
. Kana
– Dornen und Disteln: Gen. 318, Ex. 31ff
– Abendmahl: Mt. 2617, Mk. 1412, Lk. 227, Joh. 622-66, 657, 131, 151, 1934, Apg. 242, 1 Kor. 1021
– Melchisedech: Gen. 1418, 2 Sam. 59, Hebr. 71-3
– Abraham/Isaak: Gen. 221ff
– Passah/Exodus: Ex. 12
– Propheten
– Tempelopfer.
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03.12.90
Ist es gnostisches Erbe, wenn nach dem Ende der Märtyrerzeit das Bekenntnis und die Jungfräulichkeit zu Symbolen der Erlösung (der männlichen und weiblichen Heiligkeit, der Tilgung der Sünde Adams und Evas) werden? – Gehören das Bekenntnis und der Ursprung der christlichen Sexualmoral zusammen? Lassen sie sich (zusammen mit der Dogmenentwicklung) aus der Enttäuschung der Parusieerwartung ableiten? Sind beide notwendige Momente der Vergegenständlichung und Instrumentalisierung der (seitdem, ohne es zu wissen, imperialistisch instrumentierten) Theologie? Ist der Grund der (in Philosophie und Politik) undurchschaute Zusammenhang von Subjektivität und Konstitution der Welt (Ursprung der instrumentellen Vernunft; Bekenntnis und Sexualmoral als Bedingungen der gesellschaftlichen Naturbeherrschung: Zusammenhang mit Magie-Verbot)? Vorstufe der Verflechtung von Mythos und Aufklärung (Beginn der „Neuzeit“) ist die von Magie und Aufklärung („Mittelalter“; Bedeutung der Hexenverfolgung). Das Sakrament (die Geschichte des Sakraments) als Erbe und Rationalisierung der Magie und mimetische Vorstufe der technischen Naturbeherrschung.
Zur Konstruktion der Gemeinheit: Daß die Erlösung auch die Vergangenheit (und die Natur) befreit, kann heute nicht mehr vernünftig unterstellt werden; aber handeln, ohne gemein zu werden, kann man nur, wenn man so handelt, als ob von unserm Handeln auch das Schicksal des Vergangenen und der Natur abhinge. „Auch die Toten haben Anspruch …“ (Walter Benjamin)
Theologie im Angesicht Gottes („Wahrheit als Gebet“ – „Allein den Betern kann es noch gelingen …“): kann Geschichte der Theologie „hinter SEINEM Rücken“ nicht ungeschehen machen, muß sie mit aufarbeiten (eine der Bedingungen einer Theologie nach Auschwitz).
Adornos Satz „Erstes Gebot der Sexualmoral: der Ankläger hat immer Unrecht“ anwenden als Grundsatz einer Erkenntnistheorie; Konsequenz aus Rosenzweigs spekulativem Gebrauch des Begriffs der Umkehr. Besonderer Charakter moralischer Grundsätze: sie sind Grundsätze nur fürs Handeln, nie fürs Urteilen („Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“). Zusammenhang mit den Begriffen Versöhnung und Schuld und deren erkenntniskritischen Konsequenzen. Das rhetorische „Ich würde sagen …“ drückt diesen besonderen Takt aus (die Anerkennung und Berücksichtigung des Zusammenhangs von Urteil, Schuldprojektion und Vergegenständlichung), daß man dem anderen nicht vorschreiben kann, was er sagen (als wahr anerkennen) muß, daß man nur – unter Beachtung des eigenen derzeitigen Erkenntnisstandes – sagen (als wahr anerkennen) würde, wenn man an seiner Stelle wäre.
Wer einem Betroffenen Tratsch zuträgt, löst Streit aus. Anwendung auf eine Theorie des Ursprungs der Gemeinheit (Öffentlichkeit hinter dem Rücken des Betroffenen ist auch Öffentlichkeit für den Betroffenen). Das Hinter-dem-Rücken-Reden ist nie harmlos, wenn es nicht so geschieht, als wäre der Betroffene anwesend.
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02.12.90
Zu Rosenzweig: Nicht Christus ist der Mittler zum Vater, sondern durch ihn – kraft des Nachfolgegebots – sind wir Mittler zwischen der Schöpfung, der gefallenen Natur, und dem Vater. Die Nachfolge bezieht sich nicht nur auf das Leiden, sondern auf deren Grund: die Übernahme der Schuld der Welt (Zusammenhang von Welttheologie, Leidensmystik und Opfertheologie).
Vgl. das „Höre Israel“ (Deut. 6, 4-9) mit dem „Credo“, dem christlichen Symbolum („Glaubensbekenntnis“). Das Credo könnte die Antwort auf das „Höre“ sein.
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01.12.90
Es gibt keine creatio ex nihilo, wohl aber eine fortschreitende saecularisatio ex nihilo: es werden nicht vorausgehende theologische Inhalte säkularisiert, sondern im Prozeß der Säkularisation werden die immanenten säkularen Elemente der Theologie, ihr weltlicher Inhalt, aufgedeckt und zerstört.
Die Kritik der Anthropozentrik, soweit sie davon ausgeht, daß die Natur auch ohne den Menschen besteht und nach Zerstörung der Menschheit weiterbesteht, macht ein erkenntnissystematisches und historisches Moment von Erkenntnis, die Entfremdung von Mensch und Natur, zu einem gegenständlichen, zu einer Bestimmung der Natur an sich. So befreit sich das Denken von der Last des Sündenfalls. Die Lehren, wonach der Mensch von Natur und von Grund auf böse ist, haben als Hintergrund das Konzept, daß der Sündenfall ausweglos und irreversibel ist. So entledigt man sich der Verantwortung für die gleiche Schuld, die, dem Nachfolge-Gebot zufolge, der Christ auf sich nehmen soll: so gibt man auch das Christentum preis, hat man das Recht verspielt, sich Christ zu nennen.
Titel: Rekonstruktion der Theologie, oder: Religion als Blasphemie.
Als das Symbolum noch ein Sakrament war: Die entsetzliche Verwirrung aller Konfessionen, insbesondere jedoch des Katholizismus, hat ihren Grund im Konfessionalismus selber, in der Umwandlung des Symbolums in ein Glaubensbekenntnis, das im Grunde nur noch dezisionistisch verstanden wird; d.h.: das seine Gründe nicht in sich selber, in seinem eigenen Inhalt, sucht, sondern von außen her nimmt, im Grunde das Bekenntnis äußeren Zwecken, die man dann vor sich selber verbirgt, unterordnet, das Bekenntnis instrumentalisiert (was seinen Inhalt nicht unberührt läßt). Insbesondere das zentrale Moment der Gottesfurcht, der Anfang der Weisheit, wurde aus der Theologie unserer Theologen herausoperiert; und das gesamte kirchliche Establishment fürchtet alles andere, nur nicht Gott. Sie haben die Erbschuld manipulierbar gemacht, aus der Lehre von Sündenfall, Gnade und Erlösung, wurde ein Schuldverschubsystem, das beliebig anwendbar, allerdings mit der immanenten Tendenz, dem immanenten Telos aller Sündenbock-Mechanismen behaftet ist, in der Regel das Beste: die Erinnerung daran, daß es eigentlich anders sein müßte, zum Objekt der Vernichtungswut zu machen. Die Gemeinheit ist nicht strafrechtlich, sondern nur theologisch bestimmbar.
Drei Motti:
a „Parvus error in principio magnus est in fine“ (Th.v.Aq., De ente et essentia),
b der Schauspieldirektor aus Kafkas Tagebüchern,
c Walter Benjamins Bemerkung über Franz Rosenzweig („die Tradition auf dem eigenen Rücken weiterbefördern, anstatt sie seßhaft zu verwalten“),
und als viertes:
d „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ (Wittgenstein)
Das Universum hat den Kosmos abgelöst. Der Produzent des Universums (wann wurde der Begriff eingeführt? – zuerst kritisiert wurde er von Rosenzweig) ist die Universität als Agentur der frühbürgerlichen Gesellschaft in Europa.
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30.11.90
Zusammenhang der Begriffe Welt, Gnosis, Person mit der Konstituierung des Privaten: Die Begründung einer besonderen Privatsphäre und deren Abschirmung gegen das Schicksal der Welt, die Einschränkung der Moral auf diese Privatsphäre sind genaue Reflexe eines Weltbegriffs, der nach aristotelischem Modell die Ewigkeit der Welt voraussetzt, d.h. den Begriff einer Welt, die nicht erschaffen ist. Die Lehre von der Schöpfung aus dem Nichts bleibt irrational und eigentlich gegenstandslos, eine reine Willkürsetzung, wenn sie nicht mit einer Kritik des Privaten verbunden ist, mit dem Bewußtsein einer Verflochtenheit des Privaten in den gesamtgesellschaftlichen Prozeß, in den Weltprozeß (das Weltgericht).
Die Rezeption der Stoa scheint bei der Begründung der Privatsphäre, der Privatisierung der Vernunft, eine nicht unerhebliche Rolle zu spielen. Die stoische Ataraxie ist offensichtlich ein Versuch, das Subjekt vor den übermächtig werdenden Problemen eines moralischen Politikbegriffs zu retten, es dagegen abzuschirmen und zu erhalten.
Es gibt nicht nur die Dialektik von Herr und Knecht, sondern auch eine unterirdische Verbindung der Herren mit den Asozialen (eben das macht den Anblick der Asozialen fürs Herrendenken so unerträglich). Der Herr ist (heute) sozusagen der asoziale Knecht; nur so kann er Herr werden. Die Rezeption des Asozialen ins Herrendenken erfolgte beim Übergang von der Sklaverei zur Lohnarbeit, als die Welt Macht über die Herrschaft gewinnt, zu deren Subjekt wird. Nicht daß die vorhergehenden patriarchalischen Verhältnisse moralischer gewesen wären: sie mußten jedoch zumindest den Schein des Moralischen wahren. So galten die Könige als die Verteidiger der Armen; diesen Anspruch haben die neuen Herren nie erhoben; vielmehr gehört die Bestrafung der Armut zur kapitalistischen Tradition.
Ist es ein Zufall, oder hat es systematische Gründe, wenn im NT (und im Talmud) die ersten Beispiele von Lohnarbeit vorkommen? Sind die Christen nicht eigentlich von Anfang an moralische Lohnarbeiter Gottes gewesen (tugendhaft nur aufgrund der Erwartung des himmlischen Lohns)? Und hatte der liebe Gott nicht immer schon etwas von einem welthistorischen Arbeitgeber, der dann allerdings in einer bestimmten Phase der Vergesellschaftung überflüssig, nicht mehr benötigt wurde?
Die Übermacht der Welt, die heute über den Kirchen zusammenschlägt, ist von den Kirchen selber mit begründet worden: mit der Übernahme des philosophischen und politischen Weltbegriffs. Genau an dieser Stelle gewinnt der Bekenntniszwang seine merkwürdige zweideutige Funktion und Bedeutung, verschwindet das Bewußtsein davon, was einmal Symbolum hieß.
Adams Namengebung der Tiere war der Beginn des Austritts aus der tierischen Tradition, aus dem animalischen Bann. Es war der Fehler der Aufklärung (und des deutschen Idealismus), daß sie die Befreiung, die Menschwerdung mit dem Sündenfall identifizierte (den sie dann auch bewußtlos beförderte, indem sie die letzten Widerstände aus dem Weg räumte). Die (paradiesische) Vorstufe der Befreiung war die Namengebung der Tiere: War diese Namengebung ein Akt der Aggression, der Anklage, des Gerichts (Beginn der Naturbeherrschung), oder war sie ein Akt des Erbarmens, der mimetischen Selbsterkenntnis, der Identifikation? Wie haben die Tiere diese Namengebung (das Erkanntwerden durch den Menschen) erfahren? Und wäre das der Punkt, der wiederzugewinnen wäre, um auch die Tiere aus dem Bann zu befreien? Und sind nicht Kafkas Einsichten (Vor der Akademie, Gregor Samsa, der Bau) ein Hinweis darauf, daß der letzte befreiende Akt nur auf dem Grunde einer Tier und Mensch gemeinsamen Erfahrung erfolgen kann?
Vom Tier trennt den Menschen die Vergeistigung der Scham. Beim Tier ist die Scham physisch: kein Tier ist nackt. – Aber Gott gibt den Menschen (nach dem Sündenfall) ein Fell zur Bedeckung ihrer Scham (Zusammenhang von Sündenfall, Naturbeherrschung, Vergesellschaftung und Scham).
Der Nationalsozialismus hat die Kirche vor eine scheinbar unlösbare, jedenfalls bis heute ungelöste Aufgabe gestellt: Die Kirche war immer „staatsfromm“ (notwendige Folge ihres Weltbegriffs; nicht zufällig hat sie den Staat als Teil der Schöpfungsordnung angesehen); der Nationalsozialismus jedoch hätte sie dazu bringen können und müssen, daß der Staat nur als ein Teil der durch den Sündenfall im Grunde verstörten Welt angesehen werden kann. Die Schöpfungsordnungstheorie hängt zusammen mit dem ungeklärten Weltbegriff; sie ist in Grenzen vertretbar für die vorkapitalistische (noch nicht restlos durchs Tauschprinzip definierte) Welt; mit dem Eintritt des Kapitalismus war sie nicht mehr haltbar.
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28.11.90
Wir sind in einer Situation, in der das Verbot des Gesinnungsstrafrechts, wie es scheint, nur noch die Gemeinheit schützt. Gemeinheit ist eine Funktion der Verweltlichung (oder die subjektlose Welt die Ausrede für Unverantwortlichkeit). Mit der Ausbreitung der Welt vermehren sich auch die Schlupfwinkel, in denen die Gemeinheit heranwächst. Die Anpassung an die Welt ist der Ursprung der Gemeinheit. Es ist der objektive Zynismus, gegen den juristische Mittel nichts mehr helfen, der sich in der Gemeinheit nach außen kehrt. Die Gemeinheit ist ein Teil dessen, was Hegel das Weltgericht genannt hat, das jedoch heute von der BILD-Zeitung bis zum Fernseh-Interview ungehindert öffentlich funktioniert.
Das proton pseudos der Hegelschen Philosophie ist die Vorstellung, daß der absolute Begriff, die Idee, die Natur „aus sich entläßt“. Wenn, dann gilt dieses Konstrukt nur im Hinblick auf die zweite, nicht auf die erste Natur. In Wahrheit nämlich ist der Begriff das Medium und der Transporteur der zweiten Natur, die rückwirkend die erste ins Bewußtsein hebt, den naturwissenschaftlichen Erkenntnisprozeß in Bewegung bringt. Vor diesem Hintergrund nochmal Hiob lesen, die Antwort Gottes aus dem Gewitter auf die Anklage Hiobs
Irgend jemand hat einmal festgestellt, daß mit dem Erscheinen des Protestantismus die Kraft der Häresienbildung erschöpft war. Das verweist darauf, daß hier ein Zustand erreicht war, in dem der Weltbegriff theologisch nicht mehr kritisierbar war, die Säkularisation sozusagen ihr Ziel erreicht hatte. Es gab keine Alternative mehr zur Welt und die Orthodoxie war selbst weltfähig geworden (Protestantismus und Gegenreformation als Gestalten der Verweltlichung der Religion, einer Religion, über die die Welt gesiegt hatte).
Die Unfähigkeit der Kirchenväter, gegen die Häresien zu argumentieren (die Form der Argumentation, die hier erstmals erscheint, gilt heute noch insbesondere für die katholische Apologetik: sie geht auf den Gegner nicht ein, „widerlegt“ ihn nur von oben bzw. von außen), scheint damit zusammenzuhängen, daß die Orthodoxie in der Häresie, wenn sie sich wirklich darauf einließe, ihre eigenen Fehler und Versäumnisse erkennen würde; deshalb die wütende (in der Geschichte der Inquisition und der Ketzerverfolgung praktisch sich austobende) Reaktion. Schon die Kirchenväter schimpfen nur.
Was bedeutet eigentlich die zentrale Stelle des Brot- (und Wein-) Symbols im Christentum, von der wunderbaren Brotvermehrung bis zum Brotbrechen, an dem ER erkannt wird (unmittelbar nach der Auferstehung!) und vom Kana-Wunder (Beginn seiner öffentlichen Tätigkeit) bis zum Abendmahlswort, daß ER von diesem Getränk bis zur Wiederkehr (am Ende der Zeiten!) nicht mehr trinken werde.
Sind Disteln und Dornen Gegensatzbildungen zu Weizen und Weinstock? Ist der theologische Hinweis darauf, daß das Weizenkorn absterben muß, damit es hundertfältige Frucht bringt, ein Hinweis auf eine (auch) positive Bewertung der Kulturentwicklung? Wird hier etwa versteckt die Jesus-Parabel vom Weizen, der unter die Dornen fällt, zitiert?
In der alten Christenheit wurden bei das Taufe das Symbolum (Glaubensbekenntnis) und das Herrengebet (Vater unser) übergeben. Beide Handlungen heißen bei Augustinus noch Sakrament. Wer hat wann die Einschränkung auf die sieben Sakramente (und nur auf diese: Taufe, Eucharistie, Firmung, Buße, Priesterweihe, Ehe, letzte Ölung) veranlaßt und vollzogen?
Ist Haschamajim ein echter Plural, oder ist es eine Parallelbildung zu Elohim, oder sind beide im ersten Satz der Genesis echte Plurale?
Die Deutschen sitzen schon in Isolationshaft: Ferdinand Ebners „Traum“, aus dessen Bann nur der Aufwachende heraustritt, ist inzwischen – insbesondere durchs Fernsehen – zum allgemeinen komfortablen Kulturgut geworden.
Nochmal bei Johannes (dem Logos-Theologen) das Verhältnis von Beistand, Welt und Gericht der Welt nachlesen.
Kosmos und Physis, Welt und Natur sind Kristallisationkerne des Schuldzusammenhangs; sie lassen sich aus diesem Kontext nicht herauslösen.
Es ist ein aus dem hierarchischen, an Rangordnungen orientierten Denken stammendes Vorurteil, daß Organisches höherrangig sei als Mechanisches; in Wirklichkeit ist jeder Organismus nur ein nach Herrschaftsgrundsätzen organisierter Instrumentalismus. Das Vorurteil stammt aus der Verwechslung des Lebens mit seiner organisch-teleologischen Struktur (der bloßen Beherrschung der organisierten Abläufe, die auch in der Gesellschaft jeweils als höherrangige Tätigkeiten gelten). Dabei ist die organische Ausgestaltung des Lebens Folge und notwendiges Korrelat der Struktur und Beschaffenheit der äußeren, „anorganischen“ Natur, gegen die das Leben sich behaupten muß: Folge des Prinzips der Selbsterhaltung unter bestimmten vorgegebenen Naturbedingungen. Nicht nur sind die von Menschen geschaffenen Werkzeuge primär den „natürlichen“ Organen nachgebildet, die Organe sind selber Instrumente, Folge der von der äußeren Natur aufgezwungenen Instrumentalisierung (mit zwangsläufigen Korrespondenzen zwischen äußerer Natur und den besonderen Formen der organischen Ausgestaltung). Der Freiheitstrieb des Lebendigen, bevor er in den verschiedenen Gestalten der Selbsterhaltung erstarrte, hat gleichsam tastend und experimentierend diese Gestalten durchlaufen müssen und dabei auf bis heute unbegriffene Weise die äußeren Bedingungen, die Struktur der „anorganischen Natur“ reflektiert und abgebildet. – Bezeichnend, daß Augustinus das Leben im Paradies als völlig durchrationalisierten und der Subjektherrschaft unterworfenen Organismus sich vorstellte und zumindest für den Zeugungsakt das Funktionieren subjektfremder autonomer Abläufe (unter der Herrschaft des Lustprinzips) ausschloß.
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27.11.90
Ist der Personbegriff der Begriff des entfremdeten Subjekts? Da-für scheint die traditionelle Definition zu sprechen: „Persona est rationalis naturae individua substantia“ (Boethius, nach Th.v.Aq. STh I, 29, 1). Sie besagt, daß Person die individuelle Hypostase des Allgemeinen, des Begriffs ist, nicht aber der einzelne, mit Vor- und Zunamen bezeichnete Mensch. Person als Träger des Namens ist daraus eigentlich nicht direkt ableitbar (Verwechslung von Maske/Charakter und Namen). Über den Personbegriff wird das Subjekt zum Objekt der Verwaltung.
Wie hängt das Rechtbehaltenwollen und die Neigung, aus diesem Grunde zunächst das Schlimmste zu unterstellen (Vorrang der negativen Prognose), mit dem Bekenntnissyndrom zusammen? Auch das Dogma, der Glaube, nimmt für sich in Anspruch, apodiktische Zukunftsaussagen machen (die Zukunft als vergangen ansehen) zu können. Der Gegenstand des Glaubens hat einen Zukunfts-, einen Vertrauensüberschuß, den der apodiktische Ton des Bekenntnisses zugleich dementiert und für die eigene pseudomoralische Selbstachtung (das sich Erhaben-/ Besserdünken) instrumentalisiert (indem sie ihn ins Vergangene, ins Wissen projiziert). Der Vorgang hängt eng zusammen mit dem der moralischen Empörung, die die Objektivierung und Verdinglichung der Zukunfts-Unterstellung braucht (Zusammenhang mit der Neigung, einem Täter die Tat als fixe Eigenschaft anzuhängen). Das Bekenntnissyndrom schließt die Möglichkeit der Umkehr, der Besserung aus: Sünde wider den Heiligen Geist.
Parakletisches Denken ist verteidigendes, ermutigendes und auch tröstendes Denken, das letztere aber nur im Zusammenhang mit der Verteidigung und Ermutigung (vgl. die sieben Gaben des Heiligen Geistes).
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22.11.90
„Stimmung“ ist faschistisch; Bezeichnungen wie „Stimmungskanone“, „Bombenstimmung“ sind kein Mißbrauch eines an sich unbelasteten Begriffs, sondern liegen genau in seiner Bedeutungslinie.
Stimmung gehört zur Unterhaltung, beide sind begleitende Momente von Verdrängungsprozessen.
Vergleichbarer Bedeutungswandel von gesinnt zu gesonnen, gebieten zu Gebot, besinnlich zu besonnen. (Weihnachten ist ein besinnliches Fest, kein besonnenes mehr.)
Der Turmbau zu Babel hat die Verständigung zwischen den Völkern zerstört, er hat die Sondersprachen der Völker geschaffen. Der heutige „Turmbau“ zerstört die Kommunikationsfähigkeit generell: Er zerstört die Beziehung der Sprache zur Wahrheit. Grund ist u.a. die Klassenspaltung, die auch eine Sprachbarriere ist. Der heutige Turmbau übertrifft den Turmbau zu Babel: Er reicht bis an den Himmel. Gott braucht nicht mehr herniederzusteigen; die Sprache zerstört sich von selbst.
Zur Kritik des Stern der Erlösung: Die Kritik hätte anzusetzen an dem positiv gefaßten Weltbegriff. Hier sind die Konsequenzen, die sich dann daraus ergeben, vorprogrammiert: insbesondere auch das sehr formale Verständnis des Christentums. Das Christentum ist nur dann der „ewige Weg“, wenn die Welt sakrosankt ist. Voraussetzung wäre, daß der Säkularisationsprozeß und sein Ergebnis nicht kritisierbar, nicht revidierbar ist. Aus dem gleichen Grunde findet der apokalyptisch-parakletische Zug, der zum Christentum dazugehört, keine Stelle. In der gleichen Richtung liegt Adornos Vorstellung – wie weit sie auf Benjamin, auf den Adorno sie bezieht, tatsächlich zutrifft, wäre zu prüfen -, daß es auf die restlose Säkularisierung theologischer Gehalte ankäme. Das ist ein unerfüllbares Programm.
Trotz und Charakter: Nicht der Trotz auf den eigenen Charakter, sondern die Verantwortung für den eigenen Charakter übernehmen. Das trotzige, in seinen eigenen Charakter verbissene, verschlossene Selbst wird erst lebendig durch den Anspruch, die Liebe Gottes; er ist darauf angewiesen, von Gott angesprochen zu werden. Der Anspruch der Christen geht eine Stufe tiefer. – Was wird bei Rosenzweig nach der Umkehr aus dem Charakter? – Wie verhält sich der mythische Trotz zum Selbstmitleid? Hat er einen anderen Ausweg? – Wie verhalten sich Charakter und Scham? Gibt es ebenso wie einen positiven Begriff der Schamlosigkeit auch einen positiven Begriff der Charakterlosigkeit?
Die Physik ist der Kloß im Hals der Theologie (an dem sie längst erstickt ist: Hoffnung gibt es nur in der Lehre von der Erweckung der Toten).
Beihilfe zum Massenmord (Imhausen, NTG) ist ein Kavaliersdelikt, wenn sie mit Geldverdienen verbunden ist.
Der Faschismus hat die autoritäre Grundstruktur, die das etablierte Christentum in der Auseinandersetzung mit den Häresien begründet und konstituiert hat, als einzigen Inhalt übernommen. Insoweit ist er in der Tat eine christliche Häresie (vielleicht die letzte?). Frage, ob nicht alle Häresien nur aus dem Grundfehler des Christentums, der Beziehung des Schöpfungsbegriffs auf die Welt (Schöpfung der Welt aus dem Nichts), seit der Gnosis die jeweils historisch aktuellen richtigen Konsequenzen gezogen haben? – Neuer Begriff der Orthodoxie, die daraus nichts gelernt hat, weil sie nie lernfähig war.
Person ist der Träger des Namens (und Subjekt der Zurechenbarkeit von Schuld und des Bekenntnisses), aber als dritte Person, als Person, über die gesprochen wird, als Objekt („Persönlichkeit“ ist die subjektive Aneignung und Verinnerlichung dieses Status). Die Anwendung des Personbegriffs auf Gott ist ein wesentliches Moment im historischen Objektivationsprozeß. Der Personbegriff ist ein theologischer Begriff, mit der Instrumentalisierung der Theologie entstanden; er wurde von daher auf den Menschen übertragen (Person ist das Trauma der instrumentalisierten Religion; Bubers „personhaft“ ist Indiz seines theologischen Vorurteils.)
Zur Geschichte des Personbegriffs vgl. Tertullian, Augustinus, Boethius (generell die lateinische Rezeption und Verarbeitung des Dogmas).
Nach Thomas von Aquin ist die „getrennte Seele“ (die an ihrer Trennung leidet und auf die Verbindung mit dem Leib: auf die Auferstehung wartet) keine Person (S.Th., I, 29, 1). (Sie ist abgetrennt von der Möglichkeit des Handelns, sie ist auch rechtlich nicht mehr haftbar.
– Das Gericht über die Person erfolgt nach der theologischen Tradition nach dem Tode: d.h. die getrennte Seele ist gerichtet;
– das über die Welt am Ende der Zeiten: die Welt wird gerichtet, und dieses Gericht ist das Gericht des Erbarmens über das erbarmungslose Weltgericht.)
In der Anwendung auf Gott verwandelt der Personbegriff (die Vergegenständlichung Gottes) den Namen in einen Begriff: So sieht denn auch die ganze scholastische Diskussion der Lehre von den göttlichen Namen aus, in der die wirklichen Gottesnamen (der Barmherzige, der Gerechte, das Tetragrammaton) nicht mehr vorkommen.
Zusammenhang von Person, Scham, Charakter (persona = Charaktermaske; Objektivation und Verinnerlichung des Schicksals, des Dämons; Augustus, Identifikation mit Herrschaft; Veräußerlichung des Bekenntnisses, Konstitutierung der Formen der Anschauung, Herkunft aus dem Symbol).
Person ist ein Verwaltungsbegriff. Und nicht zufällig ist der moderne „Personalismus“ ein Pendant der modernen Wertphilosophien, die das Weltgericht handhabbar, anwendbar (verwaltungsfähig) machen.
Person, Welt und Natur bilden ein begriffliches Kontinuum (den Schuldzusammenhang, das Kontinuum des Herrendenkens). Ähnlich wie die Schöpfung aus dem Nichts und die Opfertheologie ist auch die Gnadenlehre mit dem Hilfsbegriff des Übernatürlichen eine notwendige Folge dieses Zusammenhangs (der Theologie hinter dem Rücken Gottes). Alle Häresien (zuletzt der Nominalismus und seine konfessionellen Derivate) sind historisch bedingte logische Konsequenzen aus dem parvus error in principio, und die Orthodoxie ist unter dem Zwang der Häresievermeidung (bei gleichzeitiger Unfähigkeit, den error zu korrigieren: die Gottesfurcht als den Anfang der Weisheit zu begreifen) immer irrationaler geworden und immer mehr in das Gravitationsfeld autoritärer Strukturen hereingezogen worden. Alle Häresien sind Konsequenzen aus dem undurchschauten Weltbegriff.
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