Bekenntnislogik

  • 18.11.90

    Die Geschichte der Naturwissenschaften durch die Geschichte der Klinik, der Gefängnisse und des Militärs erklären.

    Es gibt kein Subjekt der Natur; was so zu benennen wäre, ließe sich vielleicht als Subjekt im Exil fassen: als Himmel, der mit der Erde erschaffen ist (das kantische Ding an sich ist die Utopie).

    Hoffnung ist in der Tat kein Prinzip; das Prinzip Hoffnung ist vielmehr nur eine Ersatzbildung für den „Geist der Utopie“, den Bloch zu früh verworfen hat: für den Parakleten, das verteidigende Denken.

    Die „von Descartes ihren Ausgang nehmende krude Subjekt-Objekt-Trennung“ (TM-TN, S. 35) bezeichnet den error in principio an der falschen Stelle: Die Vergegenständlichung, der historische Objektivationsprozeß (das Herrendenken) beginnt nach der DdA mit dem Mythos und setzt sich fort in der Aufklärung. Entscheidend scheint zu sein, daß der Geburtsfehler der Philosophie (den Heidegger zu ihrem einzigen Inhalt macht) mit der Instrumentalisierung (und damit Remythisierung) der Theologie: mit der Ausbildung der Orthodoxie und der Definition des Dogmas, des Symbolums, des „Bekenntnisses“ sich fest im Gesellschafts- und Naturkörper installiert. Indizien sind die Begriffe „Welt“ und „Natur“, die den blinden Fleck als Konstruktionselement in die naturbeherrschende Vernunft mit hereinnehmen und bewußtlos anzeigen.

    „… einen Sinn beziehungsweise eine ihr selbst zugehörende Zweckmäßigkeit in dem zu entdecken, was sie (die Natur, H.H.) ohne den eingreifenden Verstand aus sich heraus produziert“ (ebd.): Es gibt kein Natursubjekt und keine Naturteleologie; jedenfalls keine, die auf welchem Wege auch immer theoretisch zu ermitteln wäre. Die Vorsehung hat keinen Naturgrund. Der Schuld-und Passionszusammenhang der Natur, die reines Opfer ist, zieht den selber bloß passiv Zuschauenden ausweglos in diesen Schuldzusammenhang herein. Freiheit ist nach Kant das „Wunder in der Erscheinungswelt“, im Naturzusammenhang nicht darstellbar. Ihn, den Naturzusammenhang als Schuldzusammenhang, – und keine der Natur selber immanente Alternative der Befreiung – gilt es aufs genaueste zu studieren (das ist übrigens eine der Konsequenzen aus Auschwitz). Jede Konstruktion eines Natursubjekts entlastet die realen Subjekte von ihrer Verantwortung (von dem, was einmal „Gottesfurcht“ hieß), deren „Geisel“ das ethische Subjekt nach Levinas ist; sie verrät die Idee der Erlösung (indem sie den menschlichen Anteil an ihr unterschlägt).

    Levinas‘ Philosophie ist die reinste Selbstdarstellung der Gottesfurcht.

    Außer im Mythos gibt es keine natura dei/deorum.

    Den Kasselern die Naivität austreiben: Es gibt keine naturphilosophische Lösung der gesellschaftlichen Probleme, eher umgekehrt. In der Natur liegt das gegenständliche Korrelat des gesellschaftlichen Schuldzusammenhangs vor Augen. Und die Auflösung dieser Probleme löst auch den Naturzusammenhang – nicht die Natur – auf. Die dann „rein hervortretende Natur“ (wenn es denn so etwas gibt, aber unter diesem Niveau gibt es nichts) ist weder antizipierbar noch theoretisch darzustellen („Die ganze Schöpfung seufzt in der Erwartung der Freiheit der Kinder Gottes“).

    Trotzdem gibt es einen Einstieg in eine Naturphilosophie: die gegenseitige Erhellung und Aufklärung von Natur und Geschichte. Die naturwissenschaftliche Aufklärung, der historische Objektivationsprozeß, arbeitet einem Zustand entgegen, in dem beide -Natur und Gesellschaft – im verdrängungsfrei sich selbst begreifenden Subjekt gemeinsam durchsichtig werden. Im naturwissenschaftlichen Fortschritt spiegeln sich die gesellschaftlichen Gesteinsverschiebungen; am Stand der naturwissenschaftlichen Aufklärung läßt sich der Stand der gesellschaftlichen Entwicklung ablesen. Ebenso verstärken sich die ideologisierenden Wirkungen der Naturwissenschaften und der Ökonomie, die sich beide über die Köpfe der Menschen hinweg vollziehen, gegenseitig. „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht“: Folge des Gebots: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werden“. Durch die Subjekt-Objekt-Spaltung (durch die Gestalt des richtenden Urteils) hindurch verschränken sich die Wirkungen des Objektivationsprozesses auf Objekt und Subjekt. Daß nach der DdA die Distanz zum Objekt durch die Distanz der Herrschenden zu den Beherrschten vermittelt ist, daß Naturbeherrschung und Herrschaft in der Gesellschaft sich nicht trennen lassen, drückt genau den gleichen Sachverhalt aus. Einsteins spezielle Relativitätstheorie hat in diesem Zusammenhang die ungeheure Bedeutung, den Anspruch des Begriffskerns der Naturwissenschaften (des Inertialsystems, auf das alle naturwissenschaftlichen Begriffe und alle mathematischen Konstrukte sich beziehen), er sei unvermittelt gegeben, nicht hinterfragbar, widerlegt: Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit bezeichnet gleichsam die innere Grenze der Geltung der Naturwissenschaften, ihre Distanz zum Objekt. Dagegen hat die Quantenphysik den Erkenntnisprozeß wieder in die Linie der Instrumentalisierung zurückgebogen (diesen Zusammenhang habe ich erstmals bei der Lektüre von Adornos „Philosophie der neuen Musik“ im Grundsatz begriffen).

  • 14.11.90

    Zur Verweigerung der Haftverschonung für Frau Isabel Jacob:

    Ich meine, es wird Zeit, endlich auch einmal darauf hinzuweisen, daß der „Terrorismus“ nicht nur als Angriff auf den Staat, sondern ebenso auch als Produkt der Verzweiflung an den moralischen Problemen dieses Zeitalters, als Ausdruck einer Sensibilität sich begreifen läßt, die keinen anderen Ausweg mehr sieht.

    Die paranoide Reaktion auf den Terrorismus gehört mit zu den Ursachen seines Weiterbestehens, seiner Reproduktion.

    Nicht Wut, sondern Trauer (die die Kraft der Identifizierung auch mit dem Täter mit einschließt) wäre angemessen und notwendig; das allgemeine Bekenntnis gegen den Terrorismus wird nur von denen gefordert, die ihres eigenen Urteils nicht ganz sicher sind und deshalb der kollektiven Absicherung durch das Bekenntnis der anderen bedürfen. Moralische Souveränität hat zur Voraussetzung, daß das Urteil über die Tat die Empathie mit der Person und seiner Intention und den Bedingungen seines Handelns nicht ausschließt.

    Nicht zufällig erinnert die Wut, mit der der Terrorismus verfolgt wird, an die Wut des Antisemiten (Sympathisanten hießen damals Judenfreunde); die Ursachen sind in der Tat vergleichbar: verfolgt werden nicht die Taten, sondern mit ihnen das, woran sie erinnern: beim Antisemitismus das Gewissen, und beim Terrorismus die verdrängte Schuld der Vergangenheit, der rechtfertigungsbedürftige Wiederholungszwang in der Gegenwart (die zweite Schuld).

    Die Zerstörung des Gewissens ist gelungen. Indiz ist der praktische Atheismus auch der Religionen heute; die verwirrte conscientia derer, die den Umgang mit dem Gewissen nicht mehr gelernt haben. Recht als Gewissensersatz ratifiziert nur die Zerstörung der Gewissen, ist die Ursache und die Folge der Verwirrtheit; es macht die Dinge noch schlimmer. Heute hat das Recht im Terrorismus sein von ihm nicht mehr zu trennendes Objekt, in dessen Verfolgung es weniger den Terrorismus als vielmehr sich selber zerstört. (Der Terrorismus ist das apriorische Objekt des richtenden Urteils, das durch Kompetenzverteilung des Gewissens sich entledigt hat und deshalb paranoid geworden ist.)

    Die Dinge aus dem Teufelskreis herausholen, die Probleme wieder diskussionsfähig zu machen, anstatt sie als „anschlagsrelevante Themen“ im vorhinein zu kriminalisieren.

    Kein Zufall, daß schließlich auch die Verteidiger Über das Konstrukt „Organ der Rechtspflege“ in Hilfs-„Staatsanwälte“ umfunktioniert wurden.

    Es gibt eine Hysterie, die glaubt, nur die Gesetze anzuwenden, und nicht merkt, wie parteiisch sie ist.

    Isabel Jacob möchte nicht auf den psychosomatiche Aspekt der Sache sich beziehen, da sie fürchtet, dann u.U. psychiatrisiert zu werden (Alternative Knast/Anstalt).

    Die Gemeinheit hat kein Bewußtsein über sich selbst (hätte sie es, wäre sie’s nicht): deshalb ist sie vor der Vernunft wie vor dem Strafrecht unfaßbar.

    Würden die Regelungen im Zusammenhang des 129 a auf die größte terroristische Vereinigung, die es je in Deutschland gegeben hat, angewandt worden, die Mehrheit der Bevölkerung säße in Isolationshaft.

  • 11.11.90

    Staat und Gesellschaft verhalten sich wie Welt und Natur. Das Bekenntnis begründet die Welt über ihre Beziehung zum Staat (die Polis, den Kaiserkult, die Trinitätslehre).

    Komitee für Grundrechte und Demokratie: Wider die lebenslange Freiheitsstrafe. – Was richtet diese Gesetzesregelung bei denen an, die sie anwenden müssen (bei Staatsanwälten, Richtern und Vollzugsbediensteten, nicht zuletzt aber bei dem Volk, in dessen Namen die Anwendung erfolgt)? Welche Verdrängungsleistungen müssen erbracht und abgesichert werden, um die Folgen des eigenen Handelns vor sich selbst zu verbergen; welche Entsühnungsrituale sind notwendig, um mit der Schuld im Angesicht des Schicksals der Strafgefangenen überhaupt leben zu können?

    Gemeinheit ist strafrechtlich nicht faßbar, und deshalb nicht strafbar: wird sie nicht zwangsläufig produziert, wenn es keine kritische Distanz zum strafrechtlichen Schuldbegriff mehr gibt (Ableitung der juristischen Niedertracht aus der Logik der Strafkompetenz; das letzte Argument des Rechts ist das staatliche Gewaltmonopol, die Polizei)? Sind wir, das Volk, nicht mitschuldig an dem, was den Opfern und den Tätern im Bereich der Strafverfolgung und des Strafrechts heute „im Namen des Volks“ angetan wird?

    Politik als straflose Einübung der Gemeinheit, der Häme; Wahlkämpfe sind zu Konkurrenzkämpfen der Gemeinheit geworden – im gleichen Maße, in dem sie scheinbar harmlos, unpolitisch geworden sind; Gemeinheit als Erfolgsgarantie; Stellenwert und Funktion der Öffentlichkeit – BILD, Regenbogen-Presse, FAZ nützen die Straflosigkeit der Gemeinheit bis an die Grenze des rechtlich Möglichen aus.

  • 04.11.90

    Bekenntnis und Philosophie: mit der Rezeption der Philosophie in die Theologie ändert sich u.a. der Begriff der Schöpfung; der Begriff einer Schöpfung aus Nichts setzt voraus, daß die Schöpfung sich auf die Welt bezieht, die Welt Produkt der Schöpfung ist. Das berührt auch den Gottesbegriff (hierauf bezieht sich der gnostische Schöpfungsbegriff: der Schöpfer der „Welt“ ist in der Tat ein böser Demiurg: die Gnosis plaudert das Geheimnis dieses Theologumenons aus). Vermittelt ist die Rezeption durch den Logos-Begriff. Das magische Wort-Verständnis ist der Vorläufer des begrifflich-technischen; es hat sein Korrelat im Bekenntnis.

  • 01.11.90

    Wichtiger Hinweis (Christina von Braun: Nicht-Ich), daß zum Patriarchat die Vergeistigung der Vaterschaft und die Leugnung der biologischen Vaterschaft gehört. Nur bleibt es leider bei einer gleichsam geistesgeschichtlichen Darstellung (patriarchales Erbe), die Verflochtenheit in den historischen Prozeß wird ausgespart.

    „Es handelt sich nicht um eine Verschmelzung mit der Natur, sondern um ein Bekenntnis zur Natur.“ (Definition des Matriarchats, CvB, S. 90) – Frage: Gab es vor Beginn des Patriarchats eine „Natur“? Ist nicht der Naturbegriff der Strick, der das Konzept ins Patriarchat wieder einbindet (gibt es den Naturbegriff außerhalb des Zusammenhangs der Naturbeherrschung)?

    Ist nicht der Gegensatz von „spiegelbildlicher“ und „projektiver“ Vorstellungswelt ein Gegensatz im Patriarchat, unter den Bedingungen des Patriarchats, und nicht gleich dem Gegensatz zwischen P. und M.? – „Die Utopie ist der ’spiegelbildlichen‘ Vorstellungswelt konträr“ (S.91ff): sie ist zugleich deren Voraussetzung (das Vorhandene ist das Zuhandene). Der Gegensatz bleibt innerhalb des gleichen (patriarchalischen) Bezugsrahmens. Konsequenz ist ein dezisionistischer Wahrheitsbegriff („Weltanschauung“, „Weltbild“).

    Die Kritik der Theologie (2. Kap.) ist im schlechten Sinne spekulativ (Folge des dezisionistischen Wahrheitsbegriffs).

  • 26.10.90

    Bekenntnis und Scham (Schuld, Rechtfertigung und Ideologie): Vgl. Gen. 3.7ff, 21ff. Es ist das Verhältnis des Bekenntnisses zur Schuld, das es an strenge Gesetze der Scham bindet. Das demonstrativ-exhibitionistische Bekenntnis derer, die es als Herrschaftsmittel mißbrauchen, ist so obszön wie der Appell an das Urteil des nachgeborenen Historikers blasphemisch (das Weltgericht Hegels); das Zwangsbekenntnis (sowie seine Folgen: die Instrumentalisierung der Welt) verwirrt die Scham. Erlaubt ist nur die angstfreie, paradiesisch-schamlose Nacktheit des Bekenntnisses der Schuld oder der Liebe. Zur Dialektik der Scham und des Bekenntnisses nach dem Fall gehört es, wenn Gott das Feigenblatt (der Vegetarier) durch Tierfelle (nach dem Übergang zu tierischer Ernährung) ersetzt.

  • 24.10.90

    Natur (als erste und zweite Natur) ist ein antitheologischer Begriff (securus adversum deos), Welt ein negativer Begriff der Theologie. Der Begriff der Natur besetzt die Stelle des Schöpfungsbegriffs, der der Welt (als Weltgericht) die des Erlösungsbegriffs.

    – Die Natur ist nicht erschaffen, sie besetzt die Stelle des Ursprungs (Natur als Inbegriff eines subjektlosen Subjekts der Schöpfung);

    – die Welt ist nicht erlösungsfähig, vielmehr ist ihr Untergang Teil der Erlösung;

    – warum gibt es „Welt-/Mensch-/Gottesbilder“ aber kein Naturbild?

    – Natur bezeichnet das Werden der Vergangenheit („Ursprung“, das Subjekt des Falls), Welt das Geworden-Sein (das Resultat des Falls, das Urteil, das Gericht); in beiden drückt sich die Herrschaft und der Bann der Vergangenheit aus; im Bannkreis von Natur und Welt gibt es keine Zukunft außer der endlichen, von Menschen gemachten: außer der Prolongation der Vergangenheit.

    – Natur als Subjekt (Naturteleologie) ist der gegenständliche Reflex des Subjekts, der Naturbeherrschung (der Inbegriff des Objekts der Naturbeherrschung): das ist der Grund für das (scheinhafte) Gelingen des Idealismus (Subjekt als Ursprung).

    – Den Naturbegriff gibt es nur im Kontext der Naturbeherrschung (Vorhandenheit und Zuhandenheit, Natur als Subjekt).

    – Natur hat das Erbe des antiken Schicksals angetreten (setzt die Verinnerlichung und Instrumentalisierung des Schicksals: das Herrendenken, voraus; Zwang, unter den Bedingungen von Herrschaft dem Naturgeschehen ein handelndes, zwecksetzendes und zugleich blindes Subjekt zu unterlegen – Natur handelt gleichsam instinktiv wie ein Tier); oder das Schicksal ist der Naturgrund des ästhetischen Objekts.

    – Dämonischer Charakter der Natur nicht mehr erkennbar, seit er ins Subjekt eingewandert ist (als blinder Fleck der Selbst-und Objekterkenntnis: bloße Entlastung vom Bewußtsein der Schuld, während der Schuldzusammenhang, als welcher Natur zu definieren wäre, bestehen bleibt, in dieser Entlastung gründet; falsche Befreiung).

    – Natur, Herrschaft und Bekenntnis (Instrumentalisierung des Bekenntnisses unter der Herrschaft des Naturbegriffs, Instrumentalisierung der Natur unter der Herrschaft des Bekenntniszwangs; Aufnahme von Naturkategorien in die Theologie <Opfer, Tod und Auferstehung>; dagegen Paulus: die ganze Schöpfung sehnt sich nach der Freiheit der Kinder Gottes)?

    – Theologische Kritik der Natur gelingt nur, wenn sie die Erkenntniskraft des Namens wieder erschließt; setzt Kritik des Begriffs und strikte Einhaltung des Bilderverbots (oder eine genetische Theorie der Mathematik) voraus.

    – Gibt es eine Befreiung der „Natur“ (die dann allerdings keine mehr wäre) oder nur eine Befreiung vom Schuldzusammenhang der Natur durch Reflexion der Natur?

    – Natur und Welt als differierende Strukturen der Gegenständlichkeit und des Gerichts (Welt als Subjekt und Natur als reines Objekt des richtenden Urteils? – Natur als apriorisches Objekt des Weltgerichts und als Produkt der Verdrängung des Erbarmens? Materie als objektiver Reflex des Selbstmitleids? -Zusammenhang von Selbstmitleid und Rigorismus? – Arme Seele und Teufel?).

    – Selbstmitleid und Rigorismus (Perversion des Rechts) = Umkehrung von Gerechtigkeit und Erbarmen (= Natur). Statt Mitleid nach innen und Strenge nach außen: Strenge nach innen und Mitleid nach außen.

    – Natur und Welt gibt es nur im Kontext der Autonomie (der Selbstbegründung des Wissens): die Leugnung der Offenbarung verstellt den Blick auf Schöpfung und Erlösung.

    Theologie konstituiert sich in der Kritik der Konstellation von Natur, Welt und Subjekt.

  • 22.10.90

    Vgl. Lot’s Weib und das „vos estis sal terrae“ mit der antiken Beziehung von Salz und Gemeinschaftstreue (J.E., S. 220ff).

    Hat die Wahl des „achten“ Tags als Herrentag etwas mit David (dem achten Sohn des Isai) und/oder Octavianus (Augustus) zu tun (J.E., S. 248)? Ist der Herrentag ein Königs-/Kaisertag?

    Trinitätslehre, Symbolum und Genealogie? (Historischer Stellenwert der Genealogie, Kenntnis der Vaterschaft, Vergegenständlichung der Vergangenheit, Beziehung zu Zeugung und Tod; Genealogie und Herrendenken; die Form der Trinität ist in der genealogischen Struktur vorgebildet, gleichsam deren allgemeines Wesen; Vater-Sohn-Beziehung und Patriarchat; Frauen kommen weder in der Genealogie noch in der Trinität vor (vgl. Theweleit: Männerphantasien); Zeugung und Bekenntnis; Heiliger Geist und Leugnung der Mutter; biographische Vergegenständlichung, Opfertheologie und Instrumentalisierung der Theologie).

    Welche Frauen erscheinen in der j Urgeschichte? (Eva, die Frau des Kain – ohne Namen -, die zwei Frauen des Lamech: Ada und Zilla, die Schwester des Tubal-Kajin, in der Geschlechterfolge Adams „Söhne und Töchter“, die „Menschentöchter“, die Frau des Noach und die Frauen seiner Söhne, die Geschlechterfolge der Söhne Noachs ohne Nennung von Frauen, in der Geschlechterfolge Sems – nach dem Turmbau? – „Söhne und Töchter“, ab Abraham wieder Frauen mit Namen)

  • 20.10.90

    Bekenntnis und Zeit: Das Bekenntnis vergangener Schuld schließt den Glauben, die Erwartung der Versöhnung, mit ein. Das Bekenntnis ist Ausdruck der Hoffnung, daß der Bann und die Herrschaft der Vergangenheit gebrochen, die Zukunft neu eröffnet wird. Dieses formale Verhältnis ist ohne ein freies, aus dem mythischen Bann herausgetretenes Ich nicht denkbar. Subjekt des Bekenntnisses ist der Liebende. Das Bekenntnis setzt Angstfreiheit: die Fähigkeit, sich in den anderen hineinzuversetzen, voraus, denn jede Angst verstört und vergiftet das Bekenntnis wie auch die Liebe. Bekenntniszwang, der die (Schuld-/Straf-) Angst als Mittel gebraucht, ist Liebeszwang, Vergewaltigung: er ist obszön. Seine Grundlage ist das Selbstmitleid, die Unfähigkeit zu lieben und das Bedürfnis, geliebt zu werden (die Unmündigkeit, das Nicht-erwachsen-Sein). Das Ziel des Bekenntnisses: die Versöhnung, hat Teil an der zeitlichen Struktur des Ewigen. Der Bekenntnisfähige ist nicht mehr kränkbar; die Grundlage der Kränkbarkeit ist die verdrängte, unaufgelöste Schuld, an die nicht gerührt werden darf. Das Bekenntnis ist die Innenseite des Gebots „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“; dieses Gebot wird durch das Zwangsbekenntnis verletzt.

  • 13.10.90

    „500-Jahrfeier zur Entdeckung Amerikas“ (am 12.10.1992): Was für ein Selbstverständnis Europas steckt hinter diesem Begriff! Amerika als reines Objekt (so ist es dann ja auch behandelt worden), das erst durch „unsere“ Entdeckung (und Namengebung) historisch existent geworden ist. Einem ganzen Kontinent und seinen Bewohnern (ähnlich Australien) wird der eigene Name vorenthalten. Die „Indianer“ als reines Material der Geschichte, sozusagen ein natürlicher Rohstoff wie das Gold und die anderen natürlichen Rohstoffe des Landes, die uns auch erst seit der „Entdeckung Amerikas“ zur Verfügung standen. Im Namen dieser Feier lebt der Kolonialismus fort, verdrängt wird, daß auch die vorkolumbianischen „Amerikaner“ (die „Indianer“) Menschen waren und sind.

    „Einsatztruppen“: Noch heute „kommen“ Angestellte, Arbeiter, Soldaten „zum Einsatz“, werden „eingesetzt“ wie willen- und subjektlose Schachfiguren: mit dem Privileg, nicht schuldig werden zu können, da sie ja keine Subjekte (d.h. nicht verantwortlich) für die Bedingungen und den Auftrag ihres „Einsatzes“ sind. Sie sind subjektlos wie die Toten, die Helden der Vergangenheit und die personae der abgebildeten, verdoppelten Welt der Kunst (Schauspiel, Roman, Film). Über sie wird wie über den Gegenstand ihres Tuns: die äußere Natur, die verwaltete und die nichtzivilisierte (vor allem die außereuropäische) Welt verfügt. – Zur Dialektik der Schuld allerdings gehört es, daß das „Nicht-schuldig-werden-Können“ eins ist mit dem Zustand der absoluten Schuld, der Ver-worfenheit (mit der übrigens Heideggers „Geworfenheit“ nicht nur sprachlich zusammenhängt: ähnlich wie Gewalt mit Verwaltung).

    Ursprung des Bekenntnisses im Martyrium; Umkehrung und Vergeistigung nach Enttäuschung der Parusieerwartung: Privatisierung, falsche Politisierung. Das Zwangsbekenntnis ist ein erpreßtes Liebesbekenntnis, die Bekenntnisforderung Ausdruck des Sich-ungeliebt-und-deshalb-schuldig-Fühlens (Gott hat sein Versprechen nicht gehalten?), mangelnder Liebesfähigkeit (Selbstmitleid), des Rechtfertigungsbedarfs. Wer das Bekenntnis fordert, sucht die Bestätigung, daß die Schuld nicht wahrgenommen wird, daß sie nicht öffentlich wird, daß sie unten bleibt. Das Zwangsbekenntnis ist Teil der kirchlichen und später auch der staatlichen Verdrängungsmechanismen, ihrer autoritären Strukturen, die durch dieses religiöse System hindurch sich erhalten. Ausdruck der Herrschaft über die Gewissen der Gläubigen oder der Untertanen.

  • 12.10.90

    Der Bekenntniszwang unterstellt die Identität von Denken und Handeln. Geäußerte Anschauungen sind aber nur noch als Vorurteile direkt handlungsbestimmend. Ihr Stellenwert ist mehr durch Rechtfertigungszwänge als durch ihren objektiven Wahrheitsanspruch bestimmt. Die Konstruktion der Gesellschaft verlegt das Selbstwertgefühl immer mehr in irrationale Bereiche. Das Verhältnis zur Wahrheit ist vollständig verwirrt. Sprachregelungen ersetzen Informationen und verhindern sie. Die bekenntnisorientierte Ketzerjagd trifft deshalb fast grundsätzlich schon die Falschen: die letzten Wahrheitssucher. (Genauer: Warum gibt es kein „wahres Bekenntnis“ mehr?) Geschichtsphilosophische Änderungen der Struktur und des Stellenwerts von Bekenntnissen. Öffentliche Bekenntnisforderungen haben mit der Wahrheit nichts mehr, umso mehr dagegen mit Unterwerfungsgesten zu tun. Geschichte des Bekenntnisses von der Homousia bis zum Radikalenerlaß.) Bezeichnend, daß Argumente nicht mehr widerlegt zu werden brauchen, sondern einfach verschwiegen, unterdrückt werden. Probleme sind allemal dezisionistisch zu lösen; Argumente haben nur noch Alibifunktion.

    Das Bekenntnis ist notwendig in einer Welt, in der es fürs verdinglichte Bewußtsein einen anderen Halt oder Schutz außer dem, den die Gemeinschaft bietet: die Kirche, das Volk, der Staat, nicht mehr gibt. Das Bekenntnis ist Ausdruck der Kälte und der Hoffnungslosigkeit, zu deren Inbegriff die Welt geworden ist. Das Bekenntnis, daß Jesus Gottes Sohn und selber Gott ist, hatte vielleicht einmal Bedeutung, als es noch Ausdruck des substantiellen Glaubens und der realen, auf den Zustand der Welt bezogenen Hoffnung war, daß seine Lehre und sein Leben den Ausblick auf ein Leben in Gerechtigkeit eröffnen. Von seiner Realitätsbezogenheit getrennt ist dieser Glaube zu einem abstrakten Zeichen geworden, das nur noch ein ebenso abstraktes wie verhängnisvoll wirksames Gemeinschaftsgefühl vermittelt (Bindung durch scheinhafte Exkulpation; Regression auf eine magische Stufe unter den Bedingungen von Zivilisation, durch Erzeugung der Ängste, die sie aufzuheben vorgibt; Wiederholungszwang, der durch Selbstverstärkung, durch Eigenbeschleunigung in einen gleichsam chaotischen Wirbel, eine panikauslösende und -verstärkende Situation hineinführt; eine Situation, die nur scheinbar durch das Bewußtsein, von einer „höheren Macht“ getragen zu sein, zu ertragen ist).

  • 11.10.90

    Ein Situation beenden, in der die Menschen nur Zuschauer oder Opfer der Welt und ihrer eigenen Geschichte sind (die Opfer sind das Gericht über die Zuschauenden).

    Die Forderung, daß Denken, Handeln und Fühlen mit einander übereinstimmen müssen, daß glaubwürdig nur ist, wer selbst so handelt, wie er es als allgemeinverbindlich in Diskussionen und Gesprächen vertritt, ist nicht zu halten.

    Das Argument Max Schelers, daß auch der Wegweiser den Weg nicht geht, den er weist, greift sicher zu kurz und ist zynisch. Umgekehrt ist’s richtig: Die absolute Forderung ist zumindest im Bewußtsein zu halten. Wenn man sie nicht erfüllt und sogar in wesentlichen Punkten nicht erfüllen kann, so ist das selbstverständlich Grund des schlechten Gewissens, und das darf man nicht verdrängen; mit diesem schlechten Gewissen, mit dieser Schuld muß man leben; das Unvermögen, das Nicht-Können ist keine Entschuldigung: Das ist der Realgrund dessen, was in der Bibel Gottesfurcht heißt.

    Die andere Möglichkeit, die absolute Forderung zu ermäßigen, da man sie doch nicht erfüllen und mit dem daraus folgenden schlechten Gewissen nicht leben kann, führt mit Sicherheit in die Katastrophe. Sie ist keine. Wer das Bewußtsein von Schuld nicht erträgt, dem bleibt nur das des pathologisch gute Gewissen.

    Kosmologie, Angelologie und Eschatologie (Apokalyptik) sind Teile eines Ganzen, aus dem man kein Stück herausbrechen kann, ohne das Ganze zu zerstören; nach der kopernikanischen Wende wäre schon aus diesem Grunde eine Überarbeitung und Revision der christlichen Theologie notwendig gewesen. So tun, als ob man alles übrige beibehalten könnte, wenn die Elemente des eschatologisch-apokalyptischen Konstrukts nicht mehr zu halten sind, verrät nur, wie wenig ernst man die eigene Tradition, von der man zu leben vorgibt, nimmt. Die Kirchen verdanken ihr Überleben nur der von den Oberen geschickt genutzten Massenträgheit ihrer Anhänger, deren Bremsweg länger ist als die Bremskraft der Kritik, der Gewissensprüfung, der theologischen Selbstverständigung.

    Das Bekenntnis der andern fordert der, der den Bekenntnisinhalt selbst nicht glaubt, aber zur eigenen Absicherung (um es selbst glauben zu können) die Zustimmung möglichst aller fordert. Der Nichtzustimmende gilt als Ketzer, ihn trifft die volle Wut, die eigentlich dem eigenen Verrat an der Wahrheit, der Selbstvergewaltigung dessen gilt, der zur Absicherung des eigenen Unglaubens das Bekenntnis fordert.

    Der Rosenkranz als Bekenntnis-Gebet; nur in rein katholischen Gegenden (nur hier funktioniert der kollektive Zwang); Wiederholung notwendig; Meditation als kollektiver Kitt, politischer Rosenkranz; Rosenkranz und Ontologie (Om Om, Gebetsmühle: Hegels Logik!); Fundamentalontologie und die Rosenkranz-Geheimnisse; Rosenkranz als Medium des Tauschs (Gelübde, Wallfahrten, Wunder). Rückführung auf Dominikus (Ketzer-Abgrenzung, Inquisition, Hexenverfolgung, Marienverehrung), realer Ursprung im 14. Jhdt., Zusammenhang mit Monstranz und Fronleichnam (Ursprung der Demonstration).

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