„Tradition ist für ihn (sc. Halbwachs, H.H.) keine Form, sondern eine Verformung der Erinnerung. Dies ist der Punkt, an dem wir Halbwachs nicht folgen können.“ (Assmann, S. 45)
„Die Tatsache, daß nur Individuen auf Grund ihrer neuronalen Ausstattung ein Gedächtnis haben können, …“ (S. 47)
„Durch Erinnerung wird Geschichte zum Mythos. Dadurch wird sie nicht unwirklich, sondern im Gegenteil erst Wirklichkeit im Sinne einer normativen und formativen Kraft.“ (S. 52)
Das „gemeinschaftsstiftende und stabilisierende Totengedenken“ (S. 63) erinnert eher an die obszöne „Versöhnung über Gräbern“ (Kohl in Bitburg und Verdun) und an rechtsradikale Gräberschändungen als an das wirkliche Gedenken der Toten, das an der Idee der Auferstehung sich orientiert (der uneingelösten vergangenen Hoffnung). Der Hinweis auf Mao Tse Tung sollte an den Ursprung und die konkrete gesellschaftlich-politische Bedeutung von Mausoleen erinnern.
Im Zentrum der Vorstellung des „kulturellen Gedächtnisses“ scheint wirklich die Idee einer Vergangenheit zu stehen, an die man sich halten kann. Und genau diese Vergangenheit gibt es nicht, es sei denn als Deckbild objektiver Verzweiflung.
Wer die Beziehung zur Vergangenheit im Alten Ägypten und im mittelalterlichen Judentum so vergleicht wie Assmann (S. 69), hat wirklich nichts begriffen.
Interessant und weitreichend der Hinweis, daß der Staat zu den Bedingungen der Unsterblichkeitslehre im Alten Ägypten gehörte: „Ohne den Staat zerfallen die Rahmenbedingungen sozialer Erinnerungen; damit sind auch die Wege zur Unsterblichkeit blockiert.“ (S. 71)
„Nichts liegt näher, als die Annahme, daß die Ägypter als das Volk mit dem (nächst den Sumerern) längsten Gedächtnis aufgrund ihrer lückenlosen(!), in die Jahrtausende zurückreichenden(!) Tradition ein ganz besonders differenziertes und ausgeprägtes Geschichtsbewußtsein entwickelt hätten.“ (S. 73) Fallen wir nicht mit dem angeblich langen Gedächtnis der Ägypter auf ein Konstrukt herein, das auch unserem Naturbegriff zugrundeliegt. Die Entdeckung der Tiefenzeit war zweifellos auch ein Versuch, den gegenwärtigen Zustand durch Einbindung in eine möglichst unendliche Vergangenheit zu stabilieren (zu „entzweifeln“). Von der Vergangenheit (von den Toten) soll keine Beunruhigung mehr ausgehen (das wäre der Sieg der Welt).
„Vergangenheit, die zur fundierenden Geschichte verfestigt und verinnerlicht wird, ist Mythos, unabhängig davon, ob sie fiktiv oder faktisch ist.“ (S. 76) Das ist Ausdruck und Folge der Verinnerlichung des Opfers.
Die Bemerkung, daß die Vernichtung des europäischen Judentums unter der Bezeichnung Holocaust Mythos geworden sei (S. 76), wird vor dem Hintergrund seiner Mythos-Definition endgültig böse.
Im Kontext „Historikerstreit“: „Man muß sich nur darüber klar werden, daß Erinnerung nichts mit Geschichtswissenschaft zu tun hat.“ (S. 77)
„Mythos ist die zur fundierenden Geschichte verdichtete Vergangenheit.“ (S. 78)
Zur Vorstellung einer homogenen Zeit gehört die andere Vorstellung, daß die Welt zu jeder Zeit den gleichen Gesetzen unterworfen ist. Diese in die Vergangenheit projizierte Voraussetzung hat Lyell in geologischem und paläontologischem Zusammenhang erstmals ausformuliert (vgl. St. J. Gould: Die Entdeckung der Tiefenzeit). Die gleichen Zusammenhänge machen die althistorischen Untersuchungen gelegentlich so unerträglich. In weltgeschichtlichem Kontext wird vergessen, daß die die Welt beherrschenden Gesetze nicht einfach nur gegeben, sondern auch von Menschen gemacht sind, und daß es nicht die gleiche Welt ist, die Homer mit Abraham und beide mit uns verbindet.
Ist nicht der „Kanon“ eine Art Referenzsystem, aber eines mit der Tendenz zur Verkörperung: zur Inkarnation.
Der methodologische Hauptteil beim Assmann dient nicht der Explikation des Problems, sondern seiner Verwischung, Verdrängung. Professoren-Wissenschaft: Er lebt und denkt in einer Welt, deren Grenzen von jenen bestimmt wird, die zugleich die Fachkarrieren bestimmen. So werden Außenseiter apriori ausgeschlossen (und nicht einmal mehr erwähnt: das betrifft sowohl Velikovsky und seine Nachfolger als auch Rosenzweig, Lukacz, Benjamin).
War die griechische Philosophie die Ausbreitung des Denkens nach allen Seiten und das Christentum der Versuch, die Höhen und Tiefen zu vermessen (Verwechslung von Gottesfurcht und Herrenfurcht als Folge der theologischen Rezeption des Weltbegriffs, abzusichern nur durch Trinitätslehre und Opfertheologie)?
Hegel hat die Opfertheologie verdrängt und ist an der Trinitätslehre erstickt. So war die Hegelsche Philosophie nicht das „Auto da Fe“ (Baader), sondern bloß der Selbstmord der bisherigen Philosophie. Allerdings – im gleichen Sinne, wie man von einem perfekten Mord spricht – ein perfekter Selbstmord.
Die christliche Sexualmoral, mit der Veurteilung der sexuellen Lust, entspringt genau an der Stelle, wo die Urteilslust aus dem Kontext des Sündenfalls herausgenommen und neutralisiert wird: im Ursprung des Weltbegriffs (in seiner theologischen Rezeption).
Das Rätsel Heidegger und die Lösung der sieben Siegel der Sakramente (Taufe, Firmung, Buße, Eucharistie, Priesterweihe, Ehe, letzte Ölung).
Die Vorstellung, daß kanonische Werke bestimmte „Werte verkörpern“ (Assmann), ist eine ausgesprochen autoritäre Vorstellung.
Hat der musikalische Begriff des Kanon etwas mit dem literarisch-„kulturellen“ zu tun?
Ist nicht der „Komplexitätsschub“ im griechischen fünften Jahrhundert (S. 123) eine Verharmlosung eines weit ausgreifenderen Sachverhalts (Krise des Mythos, Ursprung der Philosophie und des Weltbegriffs)?
Identität als kulturelle Identität, Ich-Identität, kollektive Identität (S. 127).
Christentum
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08.12.92
Assmann, Baader, Benjamin, Christentum, Gould, Halbwachs, Hegel, Kohl, Lukacs, Lyell, Mao, Musik, Philosophie, Rosenzweig, Sexualmoral, Velikovsky -
01.12.92
Die Hegelsche Philosophie wird erst dann ganz begriffen, wenn man in ihr das Moment der selbstzerstörerischen Selbstreferenz erkennt, mit der Welt als Subjekt und dem Weltgericht als Substanz; das Absolute erweist sich als ein durch das Gericht sich konstituierendes und erhaltendes Absolutes. Dieses Absolute ist die reine Inkarnation dessen, was die Prophetie den Taumelkelch, den Kelch Seines Zorns nannte.
Nicht die Überlebenden (die Geschichte, das Ausland oder die Welt), die Toten werden uns richten.
Es ist die Schuld der Väter, die die Sünden der Mutter als reine schuldbeladene Materie objektiviert und damit unaufhebbar macht.
Die Sünden der Welt auf sich nehmen, heißt die Hoffnung aus der trüben Mischung von Herrschafts- und Eigeninteressen herauslösen.
Im Gegensatz zur verdinglichenden Gewalt des Lachens hat das Weinen eine lösende Kraft.
Wir sind in einem sehr viel tieferen und weit schlimmeren Sinne Hegelianer als wir es wissen: Das Ich ist herabgesunkenes Kulturgut, eine Emanation des Hegelschen Absoluten, und so benimmt es sich auch. Die Natur, die die Idee als das Absolute frei aus sich entläßt, ist die fremdenfeindliche Mordlust, Erbe der christlichen Opfertheologie, als deren bewußtlose Projektionsfolie der moderne Naturbegriff sich erweist. Natur ist Xenophobie.
Gegen Baader: Die Hegelsche Philosophie ist nicht das Auto da Fe der bisherigen Philosophie, sondern nur der errichtete Scheiterhaufen, der auf den zündenden Funken wartet.
Das Ne-Utrum ist die Leugnung der Differenz zwischen den oberen und den unteren Wassern. Deshalb steht am Anfang der Philosophie der Satz „Alles ist Wasser“. Hier konstituiert sich das „Alles“, ohne das es die Philosophie nicht gegeben hätte.
Die Geschichte der Philosophie und ihre Potenzierung in der Geschichte der naturwissenschaftlichen Aufklärung ist in dem gleichen Maße, in dem sie die Geschichte des Erkenntnisprozesses ist, auch die eines universalen Verdrängungsprozesses. Eine nicht unwesentliche Rolle in diesem Gesamtprozeß spielt die christliche Theologie.
Ist nicht Hegels Wort vom Aberglauben des Verstandes ebenso ambivalent wie das von der falschen Zärtlichkeit für die Welt?
Benjamins Wort, daß die Theologie heute klein und häßlich sei und sich nicht dürfe blicken lassen, ist inzwischen vom Fortschritt überholt. Die Theologie ist zum Opfer des Weltgerichts geworden, und diese Abtreibung und Zerstückelung der Theologie wird von der Kirche nach draußen projiziert und (als Sünde der Abtreibung) an den Frauen verfolgt.
Die Philosophie ist das Flechten von Schurzen aus Feigenblättern, das aber mit der gleichzeitig sich beschleunigenden Entblößung nicht Schritt halten kann. Die Geschichte des Feigenblatts endet in der Hegelschen (oder auch der Heideggerschen) Philosophie, der vollendeten Entblößung. Philosophie ist der vergebliche Versuch, die Blöße zu bedecken, die sie selber produziert. Sie ist Teil der Geschichte der Exkulpationsrituale. Die Welt ist eine Fortentwicklung des Feigenblatts.
Diskussion des Zeitbegriffs, der Vorstellung der homogenen Zeit, an der Hegel richtig das Moment des Sollens bemerkt, des – wie Baader es nannte – tantalischen Strebens, sich an das grundsätzlich unerreichbare Ende der Zeitreihe zu setzen. Indem ich mich der Zeit bediene, sie instrumentalisiere, unterwerfe ich mich ihr. Das verhext die gesamte Chronologie, sowohl die der Menschheits- als auch die der Naturgeschichte. In den Verstrickungen des logischen Aberglaubens des Verstandes hat sich das Subjekt verfangen. Das Heideggersche Geschick des Seins ist die späte Rache der mit dem Ursprung des Begriffs verinnerlichten Schicksalsidee.
Wenn es zum Herrendenken keine Alternative gibt, ist der Aufruhr der Rechten unvermeidbar. Und wenn es nur den auf Selbstexkulpation, nicht auf Gerechtigkeit abgerichteten Rechtsstaatspositivismus gibt, dann ist der Staat gegen rechts hilflos.
Das Zölibat ist der zwangslogisch in der Rezeption des Weltbegriffs begründete und insoweit durchaus konsequente Versuch, die Übernahme der Sünden der Welt, den Kern einer theologisch verstandenen Keuschheit und in dem Sinne das Zentrum des Christentums, durch eine neutralisierte und biologisch verdinglichte Keuschheit zu ersetzen. Seine Zwangslogik ist die der säkularisierten Projektions- und Entschuldungsmechanismen. Deshalb ist das Zölibat die schlimmste Verletzung des Keuschheitsgebots.
Auch die Sexualmoral ist Produkt der Neutralisierung. Das Ne-Utrum, das darin enthalten ist, setzt die Verdrängung des politischen Sinns der Sexualmoral voraus und stabilisiert sie.
Die Unzucht des Seins: Die Kopula heißt nicht umsonst Kopula: die Vergewaltigung der Erkenntnis durch die Urteilsform. Welt ist ein obszöner Begriff, und die vergewaltigte Schöpfung heißt Natur.
Wenn die Sonne im Westen untergeht, zieht sie einen roten Vorhang vom Osten her über den azurnen Himmel, hinter dem sich die Finsternis öffnet, in der die Sterne erscheinen. -
23.11.92
Die Geschichte des Mythos ist die Geschichte des Ursprungs des Weltbegriffs, die der Kunst Teil der Geschichte des Naturbegriffs (der Differenz des Natur- und Weltbegriffs): Der Naturbegriff bezeichnet – wie das Inertialsystem, an das er gebunden ist – den doppelten Zielpunkt eines unerfüllbaren Programms (der Objektbegriff hat wie die ebenfalls aus dem Naturbegriff gespeiste Utopie kein gegenständliches Korrelat). Die Kunst unterscheidet sich vom Mythos durch die Philosophie, durch den Weltbegriff, die Trennung von Objekt und Begriff, durch sie ins Bewußtsein der Menschen sich eingesenkt hat; durch die Verinnerlichung des Schicksals und dessen konsequenteste Ausgestaltung: ein Christentum, das seine Wahrheit durch das Eintreten der Philosophie bis heute verfehlt hat.
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18.11.92
Wenn das Wort „Gottesmörder“ (lt. FR, 17.11.92: „Die Juden sind nicht insgesamt als Gottesmörder schuldig geworden“) im neuen Katechismus steht, so wäre das (nach Auschwitz) die Formel der Selbstverfluchung der Kirche. Dagegen steht in jedem Falle das „Denn sie wissen nicht, was sie tun“: Das Nichtwissen schließt den Mordvorwurf aus. Erst wir wissen, was wir tun, wenn wir uns dem Nachfolgegebot entziehen, durch unserer Mitschuld an den Sünden der Welt diesen Tod mitverursachen.
Der Schlüssel zum Verständnis des Dogmas ist Rosenzweigs Wort von der „verandernden Kraft des Seins“: Die apodiktische Form des Dogmas ist seine Leugnung.
Der Weltbegriff leugnet die Schöpfung; und das Dogma, daß Gott die Welt aus Nichts erschaffen habe, ist eine double-bind-Falle.
Die Wissenschaft heute ist nicht der brütende Geist über den Wassern, sondern die Finsternis über dem Abgrund. Und dieser Abgrund ist das ungelöste Rätsel der Vergangenheit (das Inertialsystem, das die Natur zur Natur macht, indem sie ihr das Fell der Vergangenheit über die Ohren zieht). Das Lösen wäre die Befreiung des Vergangenen aus der Vergangenheit. Deshalb gehört zu den Voraussetzungen der Auferstehung der Abstieg zur Hölle.
Hängt das, was Rosenzweig das Prophetische an der Philosophie nennt, mit dem Projektiven in der Philosophie zusammen, das allein durch Umkehr auf die Wahrheit sich beziehen läßt?
Im Zusammenhang von Projektivem und Umkehr wird das Moment der Selbstverfluchung erkennbar, das in der kirchlichen Verurteilung der Abtreibung enthalten ist: in der projektiven Verschiebung des Urteils, das eigentlich auf die Abtreibung der Wahrheit in der gegenwärtigen Gestalt der kirchlichen Theologie und des kirchlichen Lehramts sich bezieht (Konsequenz der Unfähigkeit, sich aus dem Schuldzusammenhang mit der Geschichte der Philosophie zu befreien). Diese Abtreibung ist das Gegenteil der messianischen Wehen, aber eben darin darauf bezogen. „Richtet nicht, …“
Die Geschichte der Sexualmoral ist ein Indikator der Welt- und Herrschaftsgeschichte.
Das Angesicht kommt vom Ansehen, das Antlitz: darin steckt das „Ant-„, das Gegen, und das „-litz“, das „Letzte“? Sind das Angesicht und das Antlitz das A und das O (und erst im Deutschen getrennt)? Das A (als Klage) und das O (als anhebender Vokativ)?
Maria Magdalena ist in der christlichen Gestalt ihrer Erinnerung selber die Erinnerung an das unbekehrte Christentum.
Welche andere Verdoppelungen gibt es außer den barbaroi und dem tartaros?
Marx hat den Hegel nur insoweit vom Kopf auf die Füße gestellt, als der die Weltgeschichte durch die Naturgeschichte ersetzte. Aber genau dadurch ist er im Banne des Weltbegriffs geblieben.
Der gordische Knoten war mit dem Orakelspruch verknüpft, daß, wer ihn löst, die Herrschaft über Asien gewinnen werde. Alexander hat den Knoten nicht gelöst, sondern durchschlagen. Und was ist danach aus der Herrschaft über Asien geworden? Ist das Durchschlagen dieses Knotens nicht der schärfste mythische Ausdruck des Ursprungs des Weltbegriffs, mit dem der Mythos überwunden wurde?
Hat nicht Reinhold Schneider doch mehr gewußt, als er schrieb:
– Allein den Betern kann es noch gelingen, das Schwert ob unsern Häupten aufzuhalten … – Dieses Schwert ob unsern Häupten, ist das nicht das kreisende Flammenschwert des Kerubs vor dem Paradies, das Planetensystem?
– … und diese Welt den richtenden Gewalten durch ein geheiligt Leben abzuringen – Diese richtenden Gewalten, das sind die Grundlagen des kopernikanischen Systems, die mit dem kopernikanischen System gesetzten Grundlagen des Systems: das Inertialsystem.
Ist nicht das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit der Anfang der Umwandlung des Schwertes in Pflugscharen? Dann wird der Löwe mit dem Kalb, der Wolf mit dem Lamm und das Kind mit der Natter sein.
Zum Begriff des Drachenfutters: Ist nicht die Eucharistie in der Form, in der sie heute genossen wird, zum Drachenfutter geworden? (Begriff der Öffentlichkeit, die Medien, die verandernde Kraft des Seins, Begriff der Masse und die Instrumentalisierung der Öffentlichkeit durch die in den Weltbegriff eingebaute Empörungsautomatik: Nicht die sexuelle, sondern die Urteilslust ist das Objekt der Sexualmoral und das Medium, über das die Erbsünde sich fortpflanzt; und nicht der Phallus, sondern die Zunge ist das gefährlichste Organ; der Weltenbrand und das Feuer vom Himmel.) -
17.11.92
Die Orthodoxie und das Dogma sind die Waffen der Selbstgerechtigkeit. Sie sind Produkte jenes Schuldverschubsystems, das dem Gebot der Nachfolge und dem der Feindesliebe im Kern widerspricht.
Wie hängt die sprachliche Geschlechtertrennung, die Trennung in Masculinum, Femininum und Neutrum, mit der Struktur des Raumes und mit der Bildung des Futur II zusammen? Ist sie nicht ein Reflex des Inertialsystems in der Sprache? Und was bedeutet dann der Hinweis am Ende des Buches Jona auf die 120000, die Rechts und Links nicht unterscheiden können? Vgl. auch die Erschaffung des Menschen im ersten Schöpfungsbericht: Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Weib schuf er sie. (Gen 127)
Was bedeutet die kantische Unterscheidung des Mathematischen und Dynamischen?
Das Wort von der falschen Zärtlichkeit für die Welt bezeichnet präzise den projektiven Kristallisationskern der Hegelschen Philosophie, des Hegelschen Systems.
Ist der Begriff des Bekenntnisses ist nicht eine Konsequenz der falschen Beziehung von Sünde und Schuld in der Wurzel von Philosophie und Recht? Spiegelt sich in der Beziehung von Philosophie und Recht die kantische Unterscheidung des Mathematischen und Dynamischen? Gründet hierin die unvermeidbare Zweideutigkeit des Bekenntnisbegriffs, der sowohl das Schuldbekenntnis als auch das „Glaubensbekenntnis“ bezeichnet? Das griechische homologein, das dann mit confiteri, bekennen, übersetzt wurde, liegt näher am Nachfolgegebot. Im Schuldbekenntnis bekenne ich: Ich war’s, das bin ich gewesen. Hier unterwerfe ich mich meiner Vergangenheit; die Vergangenheitsbeziehung ist fürs (lateinisch-deutsche) Bekenntnis konstitutiv.
Welche Bedeutung hat die Geschichte vom Sündenfall in den drei großen Weltreligionen?
Der Habermassche Konsensbegriff schließt die Neutralisierung des Adornoschen Versöhnungsbegriffs mit ein; das aber geht nur durch Stillstellung und Leugnung des Konfliktmoments in der Erkenntnis (der Differenz von Natur und Welt): die Anerkennung des Primats des Weltbegriffs.
Wenn der Ursprung der Philosophie aus der Verinnerlichung der Schicksalsidee sich ableiten läßt, dann braucht die hier entstehende, durch die Philosophie konstituierte neue Gestalt des Bewußtseins, die dann in der Objektivität mit dem Weltbegriff sich verankert, als Projektionsfolie, um die Selbstbetroffenheit als Objekt des Schicksals nach draußen ableiten zu können und so loszuwerden, und als Mittel der Selbstbestätigung Begriffe wie Barbaren, Natur und Materie. Hier bilden sich jene Strukturen, die dann übers Christentum in die Geschichte des Objektivationsprozesses eingegangen sind, und die der Grund dafür sind, daß im Naturbegriff die Struktur der Christologie sich widerspiegelt (die Hypostasierung, Vergöttlichung des Opfers, die exkulpierende Kraft der „Natur“: insgesamt die falsche Bestätigung, die falsche Verständlichkeit der Theologie, ihre Irrationalität heute). -
05.11.92
Hinkelammert: Die ideologischen Waffen des Todes, S.232: Ableitung des Ursprungs der Physik aus der „Nachfolge Christi“. Steht die subjektive Form der äußeren Anschauung in der Tradition des Kreuzestodes, ist sie nicht selbst das Kreuz, an das das Subjekt geschlagen wird? Mit der „Vergewaltigung der Natur“ (Thomas a Kempis) vergewaltigt und erhöht das Subjekt sich selber. Der „christologische“ Naturbegriff hängt mit diesem „christologischen“ Selbstverständnis des Subjekts zusammen. Darin gründet der Bann, der auf der Natur und dem Subjekt zugleich liegt. Vgl. hierzu auch die Bemerkungen über das Opfer in den „Elementen des Antisemitismus“ in der „Dialektik der Aufklärung“. Die Vergesellschaftung von Herrschaft hat den Punkt erreicht, an dem der cäsarische Wahn das vergesellschaftete Subjekt ergreift. Hier gründen Xenophobie und Antisemitismus, die als Ausdruck des Wahns ihn zugleich stabilisieren und verstärken.
Das Wort „Hostie“ kommt von hostia, Opfertier. Gibt es eine Beziehung zu „hostis“, Feind?
Der Fremdenhaß in den neuen Bundesländern ist eine Form der Überanpassung; er verweist darauf, wie die „Wiedervereinigung“ erfahren worden ist.
Umkehrung des Christentums: christologischer Naturbegriff als Produkt der Dynamik von Empörung und Fall. Xenophobie Produkt einer double-bind-Situation: Verstanden wird die unterschwellige Botschaft, weil man die manifeste, die mit einem Augurenlächeln ergeht, als Heuchelei nach außen (als Feigenblatt) erfährt. Die Verführung durch Moral ist die subtilste und die gefährlichste. Deshalb findet man die Antisemiten vor allem unter den Christdemokraten, die die vom Westen, aus den alten Ländern der Bundesrepublik, erteilten Lehren begriffen haben.
Steckt in dem Konzept der raf nicht auch ein Stück Ausagieren des Ödipuskomplexes? Enthält es nicht ein Stück magisches Ritual, das durch Wiederholung der Sünde, die die Kultur begründet hat, durch Wiederholung des Vatermords, die Kultur zu entsühnen hofft? Ähnlich wiederholt das verdinglichte Bewußtsein als Isolationshaft am anderen, was es als verdinglichtes Bewußtsein in seinem Verhältnis zur Außenwelt selber erleidet.
Ist die Kreuzestheologie der gottverlassene Jubel über die Gottverlassenheit, Erlösung als Befreiung von der Moral durch Rechtfertigung? So ist sie der Kern der Selbstverfluchung, die mit der dritten Leugnung einhergeht.
Geht es nicht heute um die Koinzidenz der Armen und der Fremden, und ist es nicht gerade diese Koinzidenz, die die Irritation, den Haß und die Mordlust wachruft?
Drückt nicht in dem Wort „Wirtschaftsflüchtling“ das Bewußtsein sich aus, daß es die Armen sind, die – als Fremde verkleidet -jetzt zu uns kommen und so Asylmißbrauch treiben? Das wird als Rechtfertigung verstanden, sie totzuschlagen, und mit dem Vorschlag der CSU, den „Mißbrauch“ des Asylrechts unter Strafe zu stellen, nachträglich legalisiert.
Der Staat ist als Schöpfer und Erhalter des Geldes, das die Welt regiert, Schöpfer und Erhalter der Welt. Darin gründet die Logik der Lehre von der Schöpfung der Welt aus Nichts. Dieses Nichts ist der Quellpunkt des Atheismus in der Theologie.
Erst wenn die Kirche die Täufertheologie, die Theologie des Rufers in der Wüste, zu der die Kirche die Religion gemacht hat, in sich aufnimmt, wird sich das steinerne Herz der Welt in ein fleischernes umwandeln.
Wie heißt der Hahn auf Griechisch und Hebräisch; gibt es diese Beziehung des Hahnes zum Wasserhahn auch in den andern Sprachen?
Über den Tiefsinn der Bauernregeln: Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, wirds Wetter anders oder es bleibt wies ist. Aber das ist eine Bauernregel, und in den Städten gibt es außer am Grill und an den Wasserleitungen keine Hähne mehr. Und die Rätselfrage: Was war zuerst, das Huhn oder das Ei, ist bis heute ungelöst.
Weshalb heißen die Hühner-KZs Lege-Batterien; und was haben diese mit den gleichnamigen Artillerie-Einheiten und Elektrizitäts-Speichern zu tun? – B.: Zusammenschaltung mehrerer gleichartiger technischer Geräte, Industrieeinrichtungen u.a. (Meyers großes Taschenlexikon).
Was hat es mit den Namen der Bäume auf sich: Eiche, Buche, Erle, Esche, Eibe, Fichte, Tanne, Kiefer, Lärche, Ahorn, Pappel, Espe, Birke, Apfel-, Birn-, Kirsch-, Pflaumen-, Aprikosen-, Pfirsichbaum, Zeder, Zypresse, Palme, Feigenbaum, Ölbaum. Gibt es außer der Grobeinteilung Laub- und Nadelbäume noch andere Verwandtschaften: Obstbäume (Stein- und Kernobst)?
„Eine Lilie unter Disteln ist meine Freundin unter den Mädchen. Ein Apfelbaum unter Waldbäumen ist mein Geliebter unter den Burschen.“ (Hld 22f) Was hat es mit den Bäumen auf sich in der Bibel: Baum des Lebens, Baum der Erkenntnis; Adam und seine Frau verstecken sich, nachdem sie von dem Baum gegessen haben, vor Gott, dem Herrn, unter den Bäumen des Gartens. In der Jotan-Fabel stehen Bäume anstelle der Könige: Nur der Dornbusch (zu dem der Baum der Erkenntnis nach dem Fall geworden ist?) ist bereit, König zu werden. Der Feigenbaum (von den Feigenblättern über Nathanael zum unfruchtbaren Feigenbaum).
Die brennenden Kronen der Buchen im Herbst: Hat der Name der Buche etwas mit Buchstaben und Buch zu tun?
Das Wort vom Lösen bezieht sich auf einen Knoten, der nicht nur geknüpft, sondern auch durchschlagen ist, durchschlagen mit dem Schwert, das vielleicht auch an das kreisende Flammenschwert erinnert, dessen astronomische Konnotationen jedenfalls mitgehört werden sollten.
War die Fundamentalontologie der letzte Versuch, die Welt über die Philosophie zu retten: der letzte Versuch der Legitimierung des Herrendenkens? Auch die Fundamentalontologie steht in der Tradition des Feindbildes der Barbaren. Hier liegen die Gründe ihrer Beziehungen zum Nationalsozialismus, und hier ist ihr antisemitischer Grundton fundiert. -
04.11.92
Die „Schuld der Väter“ ist das Vaterland; die „Sünden der Mutter“ sind die Formen der „Hurerei“ mit fremden Göttern: im Schuldzusammenhang nationenübergreifender und weltbegründender Ökonomie: die „Sünden der Welt“ (zu Ps 109.14).
Das Subjekt der Ökonomie ist der Privateigentümer und der Staat (als Gründer des Geldes), das der Physik das vergesellschaftete Subjekt und die Astronomie (als Grund des Inertialsystems).
Wie hängen Patriarchat und „Hurerei“ zusammen mit dem Venus-Kult (Ischtar, Astarte), dem Sternendienst, der Ursprungsgestalt der Astronomie? Ist die Ischtar, Astarte (Esther) und schließlich die Himmelskönigin Maria die an den Himmel versetzte, und d.h. patriarchalisch instrumentalisierte Gaja, die Mutter Erde (Athene entspringt aus dem Kopf des Zeus)?
Was haben die „Sünden der Mutter“ mit der Materie (materia, von mater abgeleitet) zu tun? Und in welchen kosmologischen Zusammenhängen entspringt der Begriff der Materie? Sind hier die Venus-Religionen ein notwendiges Bindeglied?
Findet das „Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde“ am sechsten Tag sein Echo in dem „als Mann und Weib schuf er sie“?
Ist der vergangene „real existierende Sozialismus“ das externalisierte Sühneopfer des Kapitalismus, durch das er sich sich zu exkulpieren sucht; das Opfer, das ihn von seiner Schuld befreit (letzte blasphemische Konsequenz aus der Marktreligion)? Hier wird ein Sündenbock dem Asasel in die Wüste gebracht und in den Abgrund gestürzt (vgl. auch Hebr 1311ff).
Ist es ein Zufall, daß unter diesen Prämissen Sodom, Jericho und Gibea wiederkehren? Dieser neue Faschismus ist ein magisches Ritual, das Menschenopfer fordert, das aber nicht zu vermeiden ist, solange die Sozialismus-Diskussion dieser Sündenbock-Strategie folgt, anstatt das Schuldverschubsysten zu thematisieren, in es wiederum sich verstrickt.
Da steht tagtäglich der Mob von Jericho, Sodom und Gibea vor den Türen der Häuser von Rahab, Lot und des alten Mannes, der als Fremder in Gibea lebte, und fordert die Boten Josues, die Engel Jahwes und den Levit aus dem entlegensten Teil des Gebirges Efraim heraus, um an ihnen ihre Mordlust zu befriedigen. Nur der Vorsitzende des Zentralverbands der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, hat darauf mit einer Genauigkeit und Geistesgegenwart reagiert, zu denen kein christlicher Theologe fähig zu sein scheint.
Erschlägt der Antisemit mit dem Juden nicht den Zeugen der Tat, aufgrund deren er selber sich verdammt fühlt?
Nur wer die Schuldreflexion in die Erkenntnis mit aufnimmt, ist vorm Wiederholungszwang gefeit. Die transzendentale Logik ist die projektive Selbstreflexion des Schuldzusammenhangs, des Schuldverschubsystems (deshalb verwechseln katholische Autoren so leicht transzendental mit transzendent).
Wo liegt der Quellpunkt jener Erkenntnis, deren Preis die Materialisierung der Objekte ist?
Der ungeheuerliche Satz „Was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst sein“ hat auch einen astronomisch-kosmologischen Aspekt.
Die Kausalverbindung, die Recht und verdinglichte Moral herstellen zwischen Sünde und Schuld, ist der Knotenpunkt des Schuldzusammenhangs, der nicht mit einem Schlage zu lösen ist.
Nicht die Synagoge – das war eine Projektion -, sondern die Kirche hat seit dem Urschisma die Binde vor den Augen. Indem die Kirche das Zukünftige mit der vollendeten Tat, die Hoffnung mit einem Sein, verwechselte, hat sie die Zukunft in jenes Futur II, in die Gestalt einer zukünftigen Vergangenheit, verwandelt, die der Grund des Herrendenkens (sei dem Ursprung der indogermanischen Sprachen bis hin zum Inertialsystem) war – und bis heute die einzige reale Gestalt der Transsubstantiation. Hier liegt der Zusammenhang der Verweltlichung der Welt mit ihren christlichen Ursprüngen. Diese reale Transsubstantiation ist das Werk des Begriffs und das Erbe der Philosophie, die so die Prophetie erschlägt (Luther hat das geahnt, und deshalb mit der Transsubstantiation die Philosophie verworfen; den Bann hat er so nicht lösen können).
Zur Definition der Blasphemie: Wer den Armen verspottet, verflucht seinen Schöpfer (Spr 175). Das verweist auf die Selbstverfluchung Petri bei der dritten Leugnung: Der Kapitalismus ist diese institutionalisierte Verspottung der Armen.
Keiner kommt zum Vater, außer über den Sohn: das aber heißt: nur durch die Schuldreflexion hindurch.
Die ganze Natur steht unter einem Bann, und wir mit ihr. Die Lösung ist nur als Lösung dieses gemeinsamen Banns möglich. Ps 10430: Emitte spiritum tuum, et renovabis faciem terrae. Nur diese renovatio faciei terrae vermag das (unter dem Titel Natur nicht einlösbare) Versprechen der Naturphilosophie zu erfüllen.
„Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren. Und sie schämten sich.“ Steckt darin nicht der Zusammenhang der subjektiven Formen der Anschauung (da gingen ihnen die Augen auf) mit der Sexualmoral (sie erkannten, daß sie nackt waren) und der Notwendigkeit der Schuldreflexion (Erkenntnis der Nacktheit als Bewußtsein von Schuld: und sie schämten sich). Aber diese Schuldreflexion wird durch ihre sexualmoralische Verdinglichung, die das Christentum festgeschrieben hat, unterdrückt und verdrängt, während es gerade darauf ankäme, diese Schuldreflexion aufzunehmen: sie bezeichnet den einzigen Weg ins Freie. Hier liegt der Grund der Täufertheologie. Zusätzlicher Hinweis: Zur Geschichte der Nacktheit, der Beziehung von Schuld und Scham, gehören sowohl der Ursprung der Sexualmoral, als auch der der Privatsphäre und der des Geheimbereichs in Politik, Geschäft und Religion (auch die Macht hat ihre Privatsphäre und unterliegt somit der Sexualmoral).
Zu diesem Nacktsein gibt die Geschichte mit Noah und Ham einen Hinweis: Das Aufdecken der Blöße (auf das heute die Medien sich spezialisiert haben) ist Voraussetzung und Teil der Einübung des Knechtseins, zu dem Ham dann verurteilt wurde. Kommt nicht Nimrod aus dem Geschlecht Hams (aber Nimrod war ein großer Jäger vor dem Herrn)?
Im Begriff der Masse, in der das Individuelle gleichsam von dem Allgemeinen, Kollektiven überschwemmt wird, das zu Recht Gemeinheit heißt, und darin untergeht, reflektiert sich sowohl die Vorstellung der homogenen Zeit als auch die Beziehung zum Possessivpronomen, der Charakter des potentiellen Gebrauchwerts, des potentiellen Eigentums. Sie ist aufzulösen nur im Kontext dessen, was Adorno das mikrologische Verfahren genannt hat, und das schließt die konkrete Schuldreflexion mit ein.
Den Schlüssel zum Begriff der Masse liefert der Satz aus der Hegelschen Logik: Das Eine ist das Andere des Anderen. Franz Rosenzweig hat einmal den Begriff einer „verandernden Kraft des Seins“ geprägt, und damit die Funktion jeglicher Ontologie auf den Begriff gebracht: Die Abschirmung der Welt gegen die konkrete Schuldreflexion (oder auch die Abschirmung der Theologie gegen ihren Ursprung in der Täufertheologie, gegen das „Tut Buße“ und gegen das „Ecce agnus dei“).
Die Kirche ist zum steinernen Herzen der Welt geworden dadurch, daß sie nur noch Techniken anbietet, die die Menschen von den Schuldgefühlen befreien, in die sie notwendig sich verstricken, wenn sie in dieser Welt leben, nicht mehr die „Schuldgefühle“ aufklären sollen: das nämlich würde die kritische Reflexion des kirchlichen Autoritätsbegriffs, der Orthodoxie und des Dogmas voraussetzen. Die Techniken, die die Kirche heute anbietet, sind nur noch Techniken der Desensibilisierung, die helfen sollen, heile Privatwelten in einer bösen Welt zu errichten, zu der es keine Alternative mehr zu geben scheint. Aber das können Propaganda, Reklame und Fernsehen besser: So machen sich die Religionen selber überflüssig.
Physik und Ökonomie begründen und verstärken das Bewußtsein, daß die Sprache über ihre technische Funktion hinaus keine Realität mehr hat. Mit der benennenden Kraft verliert die Sprache auch ihre eingreifende, praktische Potenz. Nur durch die Fähigkeit zur Schuldreflexion, die durch die Übermacht der Rechtfertigungs- und Exkulpierungstechniken zu verkümmern, zu verschwinden droht, läßt der Bann sich sprengen, der sich heute in der Xenophobie, in sodomitischen Zuständen entlädt. Grund ist das, was die Antichrist-Tradition das Antlitz des Hundes nennt: Die Unfähigkeit, dem Anblick des andern standzuhalten, ohne aggressiv zu werden.
Das Angesicht und der Blick haben eher sprachliche als optische Qualität und Beschaffenheit. Wer auf Bildern von Schulklassen aus der Zeit der Jahrhundertwende den hündischen: nämlich den zugleich aggressiven und unfreien, verängstigten, mißtrauischen Blick der Kinder sieht (den gleichen Blick, dem Heideggers Fundamentalontologie philosophischen Ausdruck verliehen hat), weiß, woher die Katastrophen dieses Jahrhunderts gekommen sind. – Es gibt Bilder der Schulklassen, zu denen Hitler und Stalin gehörten: In beiden Klassen stehen die Protagonisten der größten politschen Katastrophen des Jahrhunderts in der obersten (letzten) Reihe in der Mitte, beide haben eine Position über dem Lehrer inne, beide (und nur sie als einzige auf dem ganzen Bild) mit der gleichen herausfordernden Haltung: den Kopf in den Nacken geworfen, eine Demonstration des provokativen Herabschauens auf alle anderen. Nur durch eins unterscheiden sich beide: Während Hitler der größte in seiner Reihe ist, ist Stalin der kleinste.
Aber dringen nicht heute die Herrschaftsstrukturen sehr viel früher, sehr viel tiefer und sehr viel verletzender ins Bewußtsein der Kinder ein?
Der Raum, die Zerstörung des Angesichts und der benennenden Kraft der Sprache. Der Raum macht das Ungleichnamige gleichnamig durch seine universalisierende Kraft, durch die Gewalt der Selbstausbreitung aus der Kraft seiner eigenen mathematischen Struktur, durch die Neutralisierung der Gegenwart durch das Prinzip der Gleichzeitigkeit (Leugnung der Erinnerung). -
31.10.92
Ähnlich wie die mathematische Naturwissenschaft zum Sternendienst und der Weltbegriff zur Idolatrie verhält sich das Opfer zur kapitalismusbegründenden Institution der Lohnarbeit, der Subsumtion der Arbeitskraft unters Tauschprinzip. Hier liegt der Grund für Benjamins Wort vom Kapitalismus als Opfer ohne Dogma. Der Begriff der Verweltlichung der Welt bezieht sich auf die fortschreitende Durchsetzung der Systemprinzipien: des Trägheits- und des Tauschprinzips, die aufs genaueste das fundamentum in re des Hegelschen Postulats bezeichnen, daß „das Wahre nicht als Substanz, sondern ebensosehr als Subjekt aufzufassen und auszudrücken“ sei (Phänomenologie des Geistes, stw, S. 23).
Im Begriff der Welt konstituiert sich das Anderssein als Substanz, überlebt der Tod das Leben.
Es wäre wichtig, Affirmation und Kritik der Idolatrie, des Sternendienstes und des Opfers in der Konstruktion des Hegelschen Systems aufzuzeigen.
Die gegenwärtige Weltphase ist eine Phase der Beschleunigung des Vergessens.
Physik und Ökonomie (Inertialsystem und Geld, Trägheitsprinzip und Tauschprinzip): Was ist (beim Gordischen Knoten) Joch und was ist Deichsel? Was am Gordischen Knoten durchschlagen wird, ist erkennbar an seinem Produkt: die endgültige Definition der Grenze der Zivilisierten zu den Barbaren; hier entspringen der Weltbegriff und der Säkularisationsprozeß, und hier stabilisiert sich ein Bewußtsein, das dann ohne den Materiebegriff nicht mehr auskommt. Die Grenze zu den Barbaren, zum Begriff der Materie oder des Objekts, bezeichnet präzise die Schnittstelle, an der der Knoten durchschlagen wurde.
Von den drei Totalitätsbegriffen der transzendentalen Logik: Wissen, Natur und Welt, die dann in der Abfolge der Systeme des deutschen Idealismus abgearbeitet wurden, erscheinen zwei im Stern der Erlösung unter anderem Namen, nämlich das Wissen als Mensch und die Natur als Gott. Nach der Umkehr, in der sie wechselseitig aufeinander sich beziehen, werden aus den drei Totalitätsbegriffen die theologischen Begriffe Schöpfung, Offenbarung und Erlösung. Aber gleichzeitig erscheinen Wissen, Natur und Welt auch in systematischer Funktion: als Nichtwissen, aus dem die Naturen von Mensch Welt Gott hervorgehen, die dann unterm Bann des Weltbegriffs zunächst jedes in isolierter Verschlossenheit, ohne Reflexion im anderen, in Erscheinung treten.
Zu Gog und Magog: Die Gargarenser (Gogarener), die nach Ranke-Graves mit dem Volk Gog bei Ezechiel identisch sind, sind der den Amazonen zugeordnete Männerstamm: Sind das nicht die freien Männerhorden, die nach Heinsohn die Privateigentumsgesellschaft: den Staat, begründen?
Wenn Haman ein Agagiter (Amalekiter) ist und gleichzeitig der erste Antisemit und der Erfinder der Endlösung, welche Bedeutung haben dann Ahasveros, Esther und Mordechai?
Mit der Implantierung des Unschuldstriebs (hervorgegangen aus der falschen Übersetzung des Joh 129) ist das Christentum vollends böse geworden. Der Unschuldstrieb ist nämlich nur zu halten über die Dynamik von Exkulpation, Rechtfertigung und Projektion: den Fremdenhaß (Sodom vor der Zerstörung). Das Schuldverschubsystem kommt ohne Sündenböcke nicht aus.
Zur Geschichte und Kritik des Nominalismus: Es gibt keinen Begriff der Wahrheit ohne die Fähigkeit zur Schuldreflexion. Wer das leugnet, verfällt zwangsläufig der Eigendynamik des Schuldverschubsystems, die in Xenophobie und Antisemitismus endet.
Der Weltbegriff definiert und stabilisiert die dem jeweiligen Stand der Entwicklung angemessene Gestalt des Schuldverschubsystems und macht sie zugleich unsichtbar.
Zur Korrektur der Metzschen politischen Theologie: Das Votum für die Armen bezeichnet nur eine Seite der Prophetie; dazu gehört die andere: das Votum für die Fremden, das anhand der für das gegenwärtige Weltverständnis zentralen Geschichten Jerichos und Sodoms zu bestimmen wäre.
Daß die unreinen Geister in Jesus den Sohn Gottes erkennen, findet sein spätes Echo in den Grab- und Friedhofsschändungen der Rechten: Sie sind die letzten, die an die Auferstehung der Toten glauben und daran (gegen diesen Glauben) ihren Mut beweisen wollen.
Im Angesicht Gottes und nicht hinter seinem Rücken, das heißt auch: Sich unter das Wort stellen, und nicht sich darüber erheben: d.h. die Prophetie bloß zu apologetischen Zwecken, als Steinbruch fürs Dogma, benutzen.
Die Moral als Maßstab des Urteils fällt unter das Gesetz des Baumes der Erkenntnis des Guten und Bösen, es gehört zur Geschichte des Sündenfalls, der Verweltlichung der Moral. Zu explizieren an der Sexualmoral, deren politische (prophetische) Bedeutung neutralisiert wird durch die Urteilsbeziehung im Kontext einer kasuistischen Moral. Adornos „erstes Gebot der Sexualmoral: der Ankläger hat immer unrecht“ verweist auf den Bereich, in dem Moral allein sich begründen läßt: nämlich als Richtschnur des (eigenen) Handelns, während das Urteilen (das Richten) Gott vorbehalten ist. Politisch aber wird die Sexualmoral in seiner Beziehung zu der anderen Seite des Sündenfalls, zum „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren, und sie schämten sich“, in seiner Beziehung zu dieser Scham, die den gleichen geschichtlichen Index hat wie die Politik. Verletzt wird diese Scham durchs Obszöne, dessen Begriff eher auf Kriege, auf Knäste, auf die Existenz der Armut, auf Fremdenfeindschaft und Antisemitismus (bezeichnend, daß das sodomitische Modell der Fremdenfeindschaft in der Geschichte Sexualmoral auf den Verkehr mit Tieren bezogen worden ist: war das „Sexualobjekt“ der Leviathan?), aber auch auf staatliche Institutionen wie den Staatsanwalt und die Polizei sich beziehen läßt, als auf den unmittelbaren sexuellen Bereich.
Bezieht sich das Jesuswort: „ich bin gekommen, Feuer vom Himmel zu bringen, und ich wollte, es brennte schon“, auf das „kreisende Flammenschwert“, dessen Erkenntnis in der Geschichte der Astronomie, zuletzt im kopernikanischen System, sich vorbereitet? Und hängt das, was im zweiten Schöpfungsbericht als „kreisendes Flammenschwert“ benannt wird, mit dem, was dem Produkt des zweiten Tages im ersten Schöpfungsbericht: der Feste zwischen den Wassern, die Gott dann Himmel, schamajim, nennt, zusammen?
Von der Nachkommenschaft Abrahams heißt es, sie werde zahlreich sein wie die Sterne am Himmel und wie der Sand am Meer. Hängen diese Sterne und dieser Sand zusammen wie der Himmel und das Meer? Sind nicht die Sterne und der Sand (der „Staub“ des Fluches über die Schlange und über Adam nach dem Sündenfall, aber auch die „Wüste“) die ersten Objekte des historischen Objektivationsprozesses (kopernikanisches System und Relativitätsprinzip, Inertialsystem und die newtonsche dynamische Begründung des kopernikanischen Systems, Ursprung des Materiebegriffs)? Und sind diese Sterne und dieser Sand nicht auch ein anderer Name für die „Enden der Welt“: die Grenzen des „Missions-“ und Taufauftrags? Aber am Ende wird das Meer nicht mehr sein, und der Himmel wird sich aufrollen wie eine Buchrolle.
In Hegels Philosophie kommt wohl der Begriff des Anderen, nicht aber der des Fremden vor.
Hängt auch das mit dem Verhältnis von Sünde und Schuld (Ps 10914) zusammen, daß die Propheten vom Mutterleibe an berufen sind, Jesus aber vom Vater gezeugt ist, er zugleich die „Sünden der Welt auf sich nimmt“ und den Willen des Vaters tut? -
29.10.92
Sind die Orden nicht in der Tat ein Hinweis auf die Geschichte der (inneren und äußeren) Verweltlichung der Kirche, von den Eremiten, über die Gemeinschafts- und Armutsorden zum verweltlichten Gehorsamsorden der Jesuiten.
Das Paradigma Natur und Welt hat die Welt höchst folgenreich gegen Gott und Mensch gekürzt. Der Naturbegriff leugnet die Auferstehung, der Weltbegriff die Schöpfung. Und die Kritik der Welt schließt das Votum für die Armen, die der Natur das für die Fremden mit ein. Es ist der Bann beider Begriffe über unser Bewußtsein, der die Sprache heute entmächtigt, depotenziert, sie ihrer benennenden Kraft beraubt. Seitdem verliert das Argument seine Kraft, es dankt ab gegen die einzige noch unmittelbar einleuchtende Instanz: die Gewalt, die in der Einrichtung der Welt sich manifestiert. Das Hegelsche Absolute war der Widerschein dieser Gewalt.
Wie hängen das Votum für die Fremden und das für die Armen mit dem Vater und dem Sohn zusammen: Bezieht sich darauf das Hervorgehen des Geistes (des Parakleten: des Beistands)? Der Fremde rührt an den Grund des Angesichts, der Arme an den der Barmherzigkeit.
Die Welt ist der Deckel auf der unerlösten Natur. Dessen genaueste Beschreibung findet sich in Elias Canettis „Masse und Macht“.
Im Bilde der Primitiven und Wilden wird Ursprung und Ende der Menschheit zugleich vorgestellt. Nicht nur die Tieren, sondern in diesem Kontext auch die Anfänge der „gesellschaftlichen Entwicklung“, die sogenannten Primitiven und Wilden, erinnern an ein abgründiges Unheil in der Urzeit. (Kann es sein, daß die Velikovskysche Katastrophen- (Venus-) Theorie zu ergänzen oder zu korrigieren wäre durch Einbeziehung geologischer Katastrophen, zu denen auch die Trennung der Kontinente gehören müßte.)
Das Lachen Abrahams und Saras und der Schrecken Isaaks sind Momente der Selbsterfahrung des Fremdseins.
Die Klage über die „Unfähigkeit sich trösten zu lassen“ (Zeit der Orden, S. 30) ist nicht ganz unproblematisch. Angesichts der Unerlösbarkeit der Welt noch den kirchlichen Trost der Erlösungszuversicht haben zu wollen, ist irrational und blasphemisch. Da ist es fast schon komisch, wenn die Kirche feststellt, daß da niemand mehr ist, der sich von ihr trösten lassen will.
Der Abschnitt über die „Ehelosigkeit“ (in dem Band über die Orden) ist merkwürdig blaß und abstrakt, auch seine Begründung. Das Ganze wäre wahrscheinlich unter dem Titel Keuschheit genauer zu bestimmen gewesen, wenn dieser aus den traditionellen sexualmoralischen Konnotationen herausgelöst und in den politischen Zusammenhang des prophetischen Gebrauchs der Begriffe Hurerei und Unzucht gestellt worden wäre (zusammen mit Erinnerung an den Ursprung der Scham im Sündenfall: „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“, und der Aufnahme des Adornoschen „ersten Gebots“ der Sexualmoral: „der Ankläger hat immer Unrecht“: der Lösung der Sexualität aus dem Bann des Baums der Erkenntnis). Der zentrale Stellenwert der Sexualmoral in der christlichen Tradition ist viel weniger christlich als vielmehr ein gesellschaftliches Erbe aus der Zeit des Ursprungs der Anpassung des Christentums an die Welt (ein Erinnerungsmal an den Ursprung des Weltbegriffs selber), und damit sicherlich ein zentraler Punkt der Erinnerungsarbeit, die heute zu leisten wäre.
Zum Gehorsam: Gehorsam kommt vom Hören und ist der eigentlich prophetische unter den evangelischen Räten; insbesondere hier, im Begriff des Gehorsams, ist das herrschaftskritische Moment, das der Prophetie und dem Hörenkönnen gemeinsam ist, endlich zu entdecken; der Gehorsam ist endlich aus dem autoritären Bann zu lösen.
Die Umkehr, ohne die es keine Nachfolge gibt, hat nicht mehr nur eine einfache Richtung, sondern sie ist in sich selber differenziert (Verhältnis des einen zu den sieben unreinen Geistern).
Der Hinweis (Jenseits bürgerlicher Religion, S. 13), daß die bürgerliche Religion „in der schwächlichen und unparteilichen Art, in der sie sich über alle leidvollen Gegensätze spannt, gar keine wirklichen Gegner mehr hat“, wäre zu ergänzen: außer sich selbst.
Das Futur II gehört zu den Gründen der Welt.
Die Differenz, die sich daraus ergibt, ob das Ja und Amen Jesu auf die Welt oder auf die göttlichen Verheißungen sich bezieht, drückt sich auch im Selbstverständnis der Theologie und in ihrem Verhältnis zur Kirche aus.
Mir ist der Jonas, der in den Bauch des Fisches gerät, dann Ninive den Untergang ansagt und schließlich darüber enttäuscht ist, daß Ninive gerettet wird, lieber als Tobias und Tobit, die den Fisch erlegen, selber gerettet werden, aber dann mit ansehen müssen, daß Ninive zerstört wird.
Wenn Drewermann mit einem deutlich empörten (und antisemitischen) Unterton die Psalmen „altorientalische Rachegesänge“ nennt, so vergißt er, daß wir, durch die Konstruktion der Welt, in der wir leben, selber die Rache nur noch kalt genießen. Die Rache ist längst in als Bindekraft in die Fundamente der Welt mit eingegangen: Sie ist die Sünde der Welt, die Jesus nach dem Wort des Täufers auf sich (nicht hinweg) genommen hat; und hierauf bezieht sich das Nachfolgegebot. Wie tief die Rache in der Konstruktion des Gewaltmonopols des Staates und des Rechts, das hierauf gründet, drinsteckt, wird deutlich, wenn man das Wirken der Generalbundesanwaltschaft oder des Bundeskriminalamts und auch der Staatsschutzgerichte näher betrachtet; hiermit hängt es rechtssystematisch zusammen, wenn Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist. Wenn in Deutschland der öffentliche Ankläger Staatsanwalt heißt, wenn der Staat selber sich zum Prinzip der Anklage gemacht hat, und den Staatsanwalt zu seinem Anwalt, so schirmt er sich damit nur gegen die Reflexion dieses Zusammenhangs ab und macht ihn damit umso gefährlicher: So ist er jeder Kontrolle entzogen. Als (verständliche, wenn nicht notwendige) Rache rechtfertigt sich immer noch jede Untat. In jeder Empörung steckt etwas von dieser Rechtfertigungs-, d.h. Exkulpierungsautomatik.
Vorschlag für eine Reform des Rechts in Deutschland:
– den Staatsanwalt wie in anderen zivilisierten Ländern öffentlichen Ankläger nennen (der Tradition der deutschen Staatsmetaphysik die Grundlage entziehen);
– die Anerkennung der Trunkenheit als Strafmilderungsgrund gesetzlich ausschließen (und damit eine Quelle der Gewalt verstopfen).
Der Begriff des Andern ist nicht nur systemimmanent, sondern zugleich der Systemgrund, der am Ende in der Selbstzerstörung des Systems durchschlägt (in diesen Kontext scheint der Derridasche Dekonstruktivismus zu gehören).
Die selbstgestellte Aufgabe der Fernsehsendung „Weltspiegel“ scheint es zu sein, den Schrecken, den der Zustand der Welt heute auslöst, durch Empörung zu neutralisieren, und noch das Elend als Mittel zur Einübung des Herrendenkens zu nutzen.
In der Xenophobie reflektiert sich die unverarbeitete Erfahrung des Gewaltmonopols des Staates in der vom Marktparadigma beherrschten Gesellschaft.
Was J.B. Metz gelegentlich über Einstein (der ein schlechter Schüler und ein langsam Lernender war) berichtet, gehört mit zur Einsteinschen Wende.
Die christliche Sexualmoral verwechselt die Reflexion der Blöße mit dem Aufdecken der Blöße. Die Befreiung entspringt der Reflexionsfähigkeit, die die Sexualmoral als Mittel des Urteils über andere unbrauchbar macht.
Es gibt schon zuviel Vergangenheit, von der wir glaubten, erinnerungslos Abschied nehmen zu können, und die seitdem erinnerungslos verschollen zu sein scheint, in Wahrheit jedoch nur verdrängt ist.
Die Geschichte des Christentums basiert auf der Verinnerlichung des Schicksals (und somit auf der Geschichte der Philosophie), und sie ist selber Teil der Geschichte der Verinnerlichung von Herrschaft (und damit eine wesentliche Ursache der Verweltlichung der Welt, die am Ende die Herrschaftsmetaphorik, die die christliche Religion historisch, im Dogma wie in seinen Institutionen geprägt hat, aufzehrt: die Geschichte der Entzauberung ist die Geschichte der Aufzehrung dieser Herrschaftsmetaphorik, der Aufzehrung des Bewußtseins der Herrschaft von sich selbst: der Erinnerungslosigkeit). -
27.10.92
Alle Zeit ist potentielle Vergangenheit (und nur durch Umkehr: durch die Idee der Auferstehung der Toten, auf die Idee der Ewigkeit zu beziehen). Die einseitige Erkenntnisbeziehung, die seit dem Ursprung des Weltbegriffs die vorherrschende ist, ist genau das, was Unzucht genannt wird: die Vergewaltigung des Objekts. Wenn das hebräische Wort für Arche („teba“) auch Wort heißt, ist dann die Geschichte der Arche und der Sintflut eine Ergänzung der Geschichte von der Benennung der Tiere durch Adam? Parvus error in principio: Das Dogma, wonach Gott die Welt aus Nichts erschaffen hat, ist in allen drei Stücken falsch, und es widerspricht in allen drei Stücken dem ersten Satz der Genesis; es ist entweder – Gott durch den Staat, oder – die Welt durch Himmel und Erde zu ersetzen; – und das Nichts, aus dem Gott die Welt erschaffen hat, ist der durch den Weltbegriff erzeugte blinde Fleck in uns, Widerschein der leeren Subjektivität, Antwort auf die von der Logik, aus der der Materiebegriff stammt, bestimmte, theologisch aber falsche Frage nach dem Woraus. Insgesamt ist es der Versuch, den Schöpfungsbegriff auf eine Formel zu bringen, der die Rezeption der Philosophie in die Theologie ermöglichte und absicherte, und die zugleich den fragwürdigen Vorteil hatte, daß sie den Begriff der Umkehr unnötig, weil gegenstandslos machte. So aber wurde die Theologie gegen sich selbst gekürzt. Die Frage, auf die die Theologie in der Schöpfungslehre mit Nichts antworten zu müssen geglaubt hat, nämlich: woraus Gott die Welt erschaffen hat, ist falsch. Es gibt kein Woraus. Diese Frage entspringt einem logischen Zwang, der aufzulösen ist, wenn man überhaupt der Schöpfungsidee sich nähern will. Es ist der gleiche Zwang, dem der Ursprung des Begriffs der Materie in der Philosophie sich verdankt. Das Nichts ist Produkt der Unzucht, der inzestuösen Beziehung von Subjektivität und Welt. Es ist, wenn es der eigenen Logik folgt, Generator des Naturbegriffs, in dem es sich versteckt. Die Totalität dessen, worauf sich das Woraus bezieht, heißt Natur, die in theologischem Zusammenhang als Nichts sich enthüllt. An dieser Frage erstickt die Heideggersche Philosophie, verstummt sie wortreich. Und aus der Hypostasierung dieser leeren Frage, aus ihrem lustvollen Scheitern, versucht sie, ihr Prestige zu gewinnen: Sie zerbricht, indem sie als Frage nach dem Sinn von Sein sich zu entfalten versucht. Der blasphemische Tief- und Irrsinn der Heideggerschen Philosophie gründet im parvus error in principio der Theologie. Die Kategorie der Erhaltung der Welt ist ein Reflex des Selbsterhaltungsprinzips; und wenn der Islam an seine Stelle die – den Islam, die Ergebung, begründende – Lehre setzt, daß Gott in jedem Augenblick die Welt neu erschafft, so verweist das darauf, daß hier Welt und Subjektivität sich nicht so konsolidiert haben, wie dann im Christentum. Der Staat erschafft die Welt, und die Zentralbanken erhalten sie (gemeinsam mit dem staatlichen Gesetzgeber). Aber die traditionelle Theologie ging wirklich über Stock und Stein, ihr logisches Zentrum, ihr Einsichtspunkt, war nicht dort, wo sie vorgab, ihn zu suchen. Gnade und Schicksal: Auch zur Gnade gehört der Zuteiler, der daimon. Deshalb gehört die augustinische Gnadenlehre zu den Ursprüngen der Inquisition und des Terrors im Christentums: sie wird das mit der Philosophie rezipierte Schicksalserbe, das hier zwangshaft sich reproduziert, nicht los. Die christliche Gnadenlehre läßt sich als ein Versuch begreifen, das Schicksalsmoment im Begriff theologisch aufzuarbeiten, wobei die Differenzierungen des Gnadenbegriffs selber als Momente der Selbstreflektion des Schicksals und der Abarbeitung des philosophischen Erbes der Theologie sich erweisen. Das aber heißt: Es gibt keine wirkliche Gnadenlehre ohne Herrschaftskritik und ohne die Reflektion des Moments der Unwahrheit an der intentio recta, oder: ohne die Idee der Umkehr. Die aber hat heute etwas mit den sieben unreinen Geistern, und nicht mehr nur dem einen zu tun. Bei Rosenzweig ist die Natur, aus der alles abgeleitet wird, eine durchs Nichtwissen vermittelte, gleichzeitig das Substrat, das erst durch vollständige Umkehr zur Verkörperung der Wahrheit wird. Der Stellenwert des Naturbegriffs im Stern der Erlösung, seine Aufspaltung in drei Naturen (die des Menschen, der Welt und Gottes), die dann aber als Konstrukte sich erweisen, die erst durch Umkehr (das Bild vom Koffer), durch eine Bewegung, in der ihr Natursein sich auflöst, der Naturbegriff gleichsam gegenstandslos wird, in den theologischen Erkenntnisprozeß einbezogen werden, rückt Philosophie und Theologie allgemein in eine Beziehung, die der inversen Beziehung des Begriffs zum Namen entspricht. Erst in dieser Umkehr wird die Natur von ihrer Sprach-losigkeit (aus dem Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang, in dem sie überhaupt erst als Natur sich konstituiert) erlöst, indem sie als Natur untergeht: Hier liegt die der Kirche verheißene lösende Kraft, an der die Theologie Anteil gewinnt, wenn sie endlich als Theologie im Angesicht Gottes sich begreift, anstatt weiterhin hinter Seinem Rücken sich zu ergehen, nur weil sie Angst hat, mit der Kritik des Begriffs ins Bodenlose zu fallen. Wer begreift, daß die Banken die legitimen Erben der alten Tempelreligionen sind, begreift mehr von der Religion als unsere gesamte Theologie. Ist es ein Zufall, daß die Hostien der katholischen Eucharistie aussehen wie Münzen? Wenn Petrus nicht der Stein vorm Grab ist, ist er dann der Fels, in den das Grab gehauen ist? Und zögert er deshalb, ins leere Grab hineinzugehen, sich vor dieser Selbstbegegnung fürchtet? Die paulinischen Archonten, sind sie nicht – die Nachfahren der Kerube mit dem kreisenden Flammenschwert und – die Siegel, die erst das Lamm zu lösen vermag?
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24.10.92
Zu der Meldung, daß die Entscheidung des Bundespräsidenten über das Gnadengesuch für Bernd Rössner um 18 Monate verschoben/vertagt wurde, daß Bernd Rössner aber am 17.11. aus der JVA Kassel mit der Auflage, sich einer Therapie zu unterziehen, entlassen wird, einige Fragen:
– Wie ist die Auflage hinsichtlich der Therapie zu verstehen: Wird R. in eine vorbestimmte Anstalt eingewiesen, hat er ggf. dieser Einweisung selber zugestimmt (wenn ja, unter welchen Bedingungen), oder kann er frei bestimmen, welche Therapie er selber für richtig und wirksam hält, hat er die Möglichkeit, sich selbst einen Therapeuten seines Vertrauens zu wählen?
– Im Falle der Einweisung in eine Anstalt (ohne eigene Entscheidungs- oder freie Zustimmungsmöglichkeit): Setzt das nicht die Feststellung der Unmündigkeit, damit aber der Haftunfähigkeit voraus? Ist diese Haftunfähigkeit eine Folge der Haft, oder hat sie schon vorher bestanden, wenn ja: seit wann? Wer ist ggf. dafür verantwortlich, daß R. trotz Haftunfähigkeit in Haft gehalten worden ist?
– Die Tatsache, daß ein Gnadengesuch für R. beim Bundespräsidenten vorlag und mit festen Terminvorstellungen dort in Bearbeitung war, war seit langem bekannt. Dieses Verfahren wurde durch eine „überraschende“ Entscheidung des OLG Düsseldorf in einer Weise unterlaufen und in Frage gestellt, die in der Öffentlichkeit als eine Brüskierung des Bundespräsidenten verstanden wurde und so verstanden werden muß, wenn, wie es die Meldungen nahelegen, die Entscheidung des OLG ohne vorherige Abstimmung mit dem Herrn Bundespräsidenten getroffen wurde. Es mag sein, daß keine rechtliche Pflicht zu einer solchen Abstimmung besteht; es bleibt aber die Frage, ob diese Form des öffentlichen Umgangs mit dem höchsten Amt im Staate, der Eingriff in ein beim Bundespräsidenten laufendes Verfahren, nicht die Loyalitätspflichten berührt, denen nach meinem Verständnis auch ein Senat eines OLG unterworfen ist. Mehr noch: dieses Verhalten des OLG wirft ein Licht auf sein Staatsverständnis, das man nicht ohne Erschrecken zur Kenntnis nehmen kann. Ist es nicht der Fall eines in dem Rechtsverständnis unserer Staatsschutzinstitute begründeten Verfassungskonflikts, der unter dem Stichwort Recht und Gesetz nicht zu lösen ist, vielmehr deren dunkle Gründe offenlegt: das auch in der Verfassung ungelöste Problem der Souveränitat, dessen Begriff nicht zufällig sowohl den Grund der Staatsautorität wie auch die Freiheit der Vernunft von den Zwängen, in die sie durch Unfähigkeit zur Schuldreflektion sich verstrickt, bezeichnet. Ist dieser Konflikt nicht in dem gleichen positivistischen Rechtsverständnis begründet, ohne welches die Aufgabenstellung von Staatsschutzsenaten sich nicht definieren läßt, das aber von einem autoritären (und d.h. nicht souveränen) Staatsverständnis nicht zu lösen ist: Ist nicht ein Rechtsverständnis, das den Staat nur als positivistische Instanz der Rechtssetzung begreift, gezwungen, diesen Staat als nicht souveränes Institut anzusehen? Als ein Institut, das per definitionem jeder Schuldreflektion sich entzieht, deshalb nicht souverän sein kann? Deshalb müssen Staatsschutzsenate jedes Ansinnen an den Staat, sich durch Schuldreflektion als souverän (oder schlicht als vernünftig) zu erweisen, als Angriff auf den Staat, der mit allen Mitteln zu ahnden ist, ansehen und verfolgen, gleichgültig, ob dieses Ansinnen von der raf oder vom Bundespräsidenten ausgeht. Ich meine, die Öffentlichkeit hat ein Recht zu erfahren, ob und in welcher Weise die von diesen Vorgang mit betroffenen Verfassungsorgane hierauf reagieren. Ich befürchte nur, daß dieser Staat sich weiterhin als einer der „unbegrenzten Zumutbarkeiten“ erweisen wird, wobei gegen Sonnemann vielleicht doch zu fragen bleibt, ob diese Zumutbarkeiten wirklich unbegrenzt sind, und ob sie nicht doch an eine Grenze stoßen, an der die letzten Bastionen der politischen Moral, ohne daß es noch einer bemerkt, fallen werden, an der die Welt wirklich zu allem wird, was der Fall ist.
Weitere Bemerkungen:
– 129a als Exerzierfeld zur Erprobung des Grundsatzes: Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand;
– funktioniert nur gegen Links, nicht gegen Rechts (obwohl hier die Realerinnerung an die größte terroristische Vereinigung, die es je in Deutschland gegeben hat, unabweisbar ist);
– wie schnell war der Gesetzgeber (auf wessen Anregung?) bereit, den 129a zu erweitern, um Anschläge gegen Strommasten mit aufzunehmen; Anschläge gegen Menschen (dazu noch „Ausländer“) sind offensichtlich weniger gravierend;
– ist der Angriff auf die moralischen Grundlagen des Gemeinwesens kein Angriff auf den Staat?
– das Zeitalter des Antichrist wird das Gesicht eines Hundes tragen, aber muß das unbedingt im Staatsschutzbereich vorgezeigt werden?
– Recht, Verknüpfung von Sünde und Schuld (Schuld und Sühne); Genesis des Faschismus, der Gemeinheit, rechtlich nicht zu fassen, weil subjektlos (Sünde der Welt); Zusammenhang mit der Genesis des Begriffs (äußerliche Erinnerung an die vergangene Tat, die den Täter im zum Namen gewordenen Begriff – „Dieb“, „Mörder“ – als Schicksal ereilt: Schuld als schicksals- und wesensbegründendes Identitätsprinzip), der Welt;
– zum „Verständnis“ für diese Jugendlichen (überhaupt für die „Psychologie“ des Faschismus) gehört es, daß hier womöglich die einzige Stelle ist, an der der Staat aus Vernunftgründen gezwungen ist, mit jenem Zorn, deren nur die souverän gewordene Autorität fähig ist, zu reagieren.
Erinnerungsarbeit begründet die eingreifende, zukunftseröffnende Kraft der Erkenntnis, hängt zusammen mit der inneren Struktur der Zeit (gegen die Metzsche Diskriminierung der Anamnese). Teil des Verhältnisses von Theorie und Praxis: Über die Kritik der mit dem Weltbegriff mitgesetzten Verblendung wird die Theorie zu einem Teil der Praxis. Der Weltbegriff, der endgültig mit der Philosophie und dem Römischen Imperium sich durchgesetzt hat (und spätestens seit der Konstantinischen Wende Theologie und Kirche beherrscht), hat seine Vorgeschichte (die durch Erinnerungsarbeit in die Kritik des Weltbegriffs mit aufgenommen wird); dazu gehören auf der einen Seite das, was die Schrift Idolatrie, Sternen- und Opferdienst nennt, andererseits aber auch Ursprung und Geschichte der politischen und ökonomischen Institutionen (insbesondere der Ursprung und die Geschichte der Stadt, des Königtums, des Handels und des Geldes) und die damit verknüpfte Sprachgeschichte. Gewinnt vor diesem Hintergrund vielleicht doch der Ursprung der indogermanischen Sprachen neues und ganz anderes Interesse (grammatische Ausdifferenzierung, insbesondere Ursprung des Futur II: Ursprung des objektivierenden, verdinglichenden Denkens, sprachliche Voraussetzung des Weltbegriffs)?
Die Vorstellung von der Kirche als einer gesellschaftskritischen Institution bleibt bei einem äußerlichen Verhältnis von Kirche und Gesellschaft stehen. Das hängt zusammen mit
– der Funktion des Weltbegriffs,
– der ungeklärten (ebenfalls bloß äußerlich vorgestellten) Beziehung von Theorie und Praxis und
– dem Verzicht auf die Idee einer eingreifenden Erkenntnis.
Die Kirche wird zur gesellschaftskritischen Institution, wenn sie sich selbst als das steinerne Herz der Welt begreift und darüber erschrickt. Dazu ist sie aus dem gleichen Grunde geworden, den Metz heranzieht, wenn er auf die christlichen Ursprünge der Verweltlichung der Welt verweist. Das aber verweist darauf, daß und in welcher Form das Christentum in der Tat in den Säkularisationsprozeß verstrickt ist, daß dessen fehlendes Selbstbewußtsein in der kirchlichen Selbstverblendung begründet ist, und daß der Schlüssel zur Lösung in der Hand der Kirche liegt.
Die Welt als Geschichte (Metz) wäre nicht nur auf die politisch-ökonomische Geschichte zu beziehen, sondern ebenso auf die der naturwissenschaftlichen Aufklärung (auch im Verhältnis zur Natur auf die innere Struktur des Weltbegriffs selber).
Ist nicht der paulinische Gesetzesbegriff selber erst zu begreifen, wenn er aus dem Grunde der juristischen Verknüpfung von Sünde und Schuld begriffen wird. Denn das ist der Grund des Gesetzes im Recht wie in den Naturwissenschaften (in denen die Verknüpfung von Sünde und Schuld im Kausalprinzip wiederkehrt).
Zur Verdeutlichung dessen, was mit der Übernahme der Sünden der Welt gemeint ist, ist auf einen Witz zu verweisen, der von Mitscherlich stammt, und den Horkheimer und Adorno in den Soziologischen Exkursen zitieren:
In einer Massenveranstaltung wettert der Redner über die Massen: „Die Masse ist an allem schuld.“ Tosender Beifall.
Die Masse: das sind immer die anderen, aber nicht wir; wir sind es nur insoweit, als wir es auch für die anderen sind. Hierbei wirkt der fatale Mechanismus mit: Gerade dadurch, daß man sich über die Masse erhebt, wird man selbst Teil der Masse. Hierauf bezieht sich die Idee der Übernahme der Sünden der Welt, mit der dann wiederum allein die Kraft der Sündenvergebung sich begründen läßt.
In der Geschichte des Massenbegriffs ist der Zusammenhang von Empörung und Fall zur Gemeinheitsautomatik zusammengeschlossen. Nach dem gleichen Schema reagiert jegliche Empörung (jede exkulpatorische Nutzung des moralischen Urteils, mit dem ich mich von der Tat distanziere: Zusammenhang mit dem Begriff der „Tatsache“; die Geschichte der Philosophie ist in diese Geschichte des Massenbegriffs verstrickt).
Anima naturaliter christiana: Der Satz läßt sich variieren: Natura mortaliter christiana. Das, was wir Natur nennen, ist abgestorbenes Christentum, Folge und Ausdruck der Sünde wider den Geist. Die Sünden der Welt: Deren Inbegriff ist die Natur, und zwar als Todsünde. Hierauf bezieht sich das Wort vom Kelch in Gethsemane.
Die Kausalverknüpfung von Sünde und Schuld, zusammen mit dem Konzept, daß Jesus die Sünde der Welt hinweggenommen hat, ist die Kehrseite der sprachlichen Verknüpfung des Indikativs mit dem Imperativ, aus dem die Ontologie den Schein ihrer Tiefe gewinnt (durch Begriffe wie Geschehen, Ereignis, Eigentlichkeit, Vollzug, vor allem durch den Existenzbegriff selber: Fundamentalontologie als Kommando der subjektlosen Welt).
Wer die Vergangenheit nicht antasten will, wer nicht daran rühren will (wer 2000 Jahre Christentum für einen Wahrheitsbeweis, anstatt für das Gegenteil, hält), wer sich davon glaubt fernhalten zu können, verbaut sich die Zukunft (eben darauf bezieht sich das dem vierte Gebot beigefügte Versprechen).
Wenn man sich daran erinnert, daß Adorno durch sein Wirken in einem kleinen Geschichtsaugenblick uns wieder Luft zum Atmen gegeben hat, dann braucht man diesen Satz nur ins Griechische zu übersetzen, um eine kleine Ahnung davon zu bekommen, was die Idee des Heiligen Geistes real bedeuten könnte.
Der prophetische Satz, daß der Geist die Erde bedecken wird wie die Wasser den Meeresboden, hat sein spätes Echo in der Apokalypse, wo es heißt: Und das Meer wird nicht mehr sein. Hierher aber gehört auch die Geschichte vom Kleinglauben des Petrus, der bei dem Versuch, wie Jesus auf dem Wasser zu wandeln, versinkt mit dem Ruf: Herr hilf mir, ich ertrinke. Ist nicht das Dogma dieser Kleinglaube? Und sind diese Wasser nicht seit Thales die Philosophie?
Wenn Aristoteles etwas mit dem einen unreinen Geist zu tun hat, dann die Hegelsche Philosophie mit den sieben unreinen Geistern. -
21.10.92
Wenn Christus die Sünden der Welt nicht auf sich, sondern hin-weggenommen hat, dann darf die Kirche in der Tat keine öffentliche Reue zeigen (und dann wäre ihre Konfliktunfähigkeit, insbesondere die Unfähigkeit, mit den Häresien anders als durch Verurteilung sich auseinandersetzen, theologisch begründet). Aber eben damit, mit ihrer eigenen Exkulpierung, bürdet die Kirche dem vergöttlichten Jesus eine Last auf, die er zu tragen nicht in der Lage ist: ihre eigene Verdrängungslast. Die Unfähigkeit der Kirche zur öffentlichen Reue ist der Beweis ihrer Unerlöstheit (und der Grund ihrer Sprachlosigkeit).
Eine Welt, von der die Sünde hinweggenommen wäre, wäre damit schuldlos, erlöst. Und Weltkritik wäre nicht nur unbegründet, sondern Zweifel an der Erlösungstat Jesu: an seiner Göttlichkeit. Aber diese Vorstellung ist in einem entsetzlichen Maße irrational, mehr noch: irrationalisierend, verdummend, Grund der Verblendung, Keim und Kristallisationskern des blinden Flecks, zu dem mittlerweile, das Bewußtsein insgesamt verstellend, das Christentum zu werden droht.
Am christlichen Bekenntnis klebt mit dem Blut von Juden, Ketzern und Heiden seit den Anfängen des Pakts mit der Politik auch das der Armen. Zu reinigen ist es nur durch Erinnerungsarbeit (durch Reue, Umkehr: durch Herrschaftskritik, deren Adressat die nach der Vergesellschaftung vom Herrschaft das Subjekt selber ist).
Alle Häresien stehen im Banne des gleichen Weltbegriffs (des gegenständlichen Korrelats der Vergesellschaftung von Herrschaft), dessen Sanktionierung die Ursünde der Kirche war.
Wenn Rosenzweig die Sprache die „Morgengabe des Schöpfers an die Schöpfung“ genannt hat, so schließt das die Fähigkeit zur Schuldreflexion mit ein. Die Fähigkeit zur Schuldreflexion ist der Grund der Sprache, und durch sie zeichnet sich der Mensch vor aller übrigen Kreatur aus. Kirche ist die Gemeinschaft derer, die die Sünden der Welt auf sich nehmen: die Gemeinschaft der Schafe oder der Knechte Gottes.
Es ist das Schaf, das stumm ist (das stumm zur Schlachtbank geführt wird); erst durch die Übernahme der Sünden der Welt wird das stumme Schaf zum Logos, wird es der Sprache mächtig (und fähig, die Siegel zu lösen).
Das Gegenbild zum Kalb ist der Löwe, zum Lamm der Wolf, zum Kind die Schlange (die Natter).
Der Begriff der Welt bildet sich im Prozeß der Verinnerlichung der Schicksalsidee, und das Hegelsche Weltgericht ist der letzte Abkömmling und die letzte Erinnerung an den Mythos und die ihm zugrundeliegende Schicksalsidee.
Woher stammt die Legende, daß Petrus mit dem Kopf nach unten gekreuzigt wurde, und was drückt sich darin aus?
Das Opfer ohne Lehre (Benjamins Definition des Kapitalismus) ist der reine Vollzug, dessen Begriff nicht zufällig an den des Strafvollzugs erinnert, merkwürdigerweise aber trotzdem – oder gerade deswegen? – bei den „Eigentlichkeits“-Theologen so beliebt ist (Produkt der transzendentalen Logik, nachdem das kritische Moment darin gelöscht wurde: Ontologie als Isolationshaft im Gefängnis der apriorischen Objekt- und Urteilslogik).
Zum Problem der intentio recta: Verschlossen ist der intentio recta insbesondere die Idee einer Zukunft, die anders wäre als die Vergangenheit; sie trifft aus systemlogischen Gründen nur auf eine Zukunft, die wie die Vergangenheit sein wird. Deshalb heißt Umkehr Erinnerungsarbeit, und diese Erinnerungsarbeit hat es mit den sieben unreinen Geistern, von denen bis heute allein Maria Magdalena befreit wurde, mit den sieben Siegeln der Apokalypse, zu tun. Nur das Lamm, das die Sünden der Welt auf sich nimmt, kann die sieben Siegel lösen.
Die Vorstellung der homogenen Zeit beruht darauf, daß die Zukunft längst von der Vergangenheit (wie der Hase vom Igel) eingeholt, wenn nicht überholt ist.
Steckt nicht in dem prophetischen Wort, daß der Geist die Erde bedecken wird wie die Wasser den Meeresboden, die bereits aus der Schöpfungsgeschichte bekannte Beziehung von Geist und Wasser. Nach der Apokalypse wird am Ende das Meer nicht mehr sein. Ist nicht der Geist gleichsam die Aufzehrung des Wassers, Produkt der Übernahme der Sünden, und die Befreiung des Feuers („und ich wollte, es brennte schon“), das im Himmel (schamajim) durch die oberen Wasser gebunden ist?
Wenn man berücksichtigt, daß die von J.B. Metz (S. 18 u.ö.) angezogene Stelle aus 2 Kor nicht auf die Welt, sondern auf die göttlichen Verheißungen (die Thora) sich bezieht, dann stützt das die der Metzschen genau entgegengesetzte These, daß das Christentum die jüdische Antwort auf eine neue Situation ist, daß die göttlichen Verheißungen auch mit dem Ursprung des Weltbegriffs und der ihm korrespondierenden gesellschaftlich-politischen Wirklichkeit (in denen der Mythos als verinnerlichter und vergegenständlichter sich fortsetzt) nicht aufgehoben sind, und daß Er genau dieses Weiterbestehen der jüdischen Tradition, der Thora, garantiert (durch die Übernahme der Sünden der Welt).
Der Behemoth ist keines der apokalyptischen Tiere. Er ist als grasfressende Wassertier eher das Symbol der unerlösten Menschheit und Welt.
Wieviele werden Lehrer, weil sie hoffen, auf diesem Wege die Traumata ihres Schülerlebens aufarbeiten zu können: Aber, wie es scheint, geht das nur zu Lasten der Schüler, deren Lehrer sie dann werden, und auf die sie ihre eigenen Traumata überwälzen. Gilt dieser Satz nicht auch für die Priester, für die gesamte kirchliche Hierarchie?
Was veranlaßt die Leute, ihren Besuchern Fotos aus ihrem letzten Urlaub zu zeigen? Steckt dahinter nicht eigentlich das Bewußtsein, daß der Urlaub doch keiner war, sie es aber nicht wahrhaben wollen, deshalb Fotos machen, um damit ihre Besucher zu erpressen, die dann als Spätzeugen den „geglückten Urlaub“ doch noch bestätigen sollen?
Gilt nicht heute das vierte Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren, nur noch durch seine Umkehrung hindurch, wobei es selbst jedoch gültig bleibt. Und wie steht’s dann mit dem achten Gebot: Du sollst kein falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten? Ist hier die doppelte Umkehrung durch den Weltbegriff bedingt, durch das Verhältnis des Aufdeckens der Blöße (der gegenwärtigen Gestalt des Weltgerichts, das die Medien vollstrecken) zur Übernahme der Sünden der Welt?
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