Christentum: Trinitätslehre als Verinnerlichung der Genealogie für Nicht-Juden, für die Heiden? Zusammenhang mit dem mißverstandenen vierten Gebot? Bedeutung der Opfertheologie (antisemitische Struktur: wird nicht der Vater als Vater, d.h. durch Aufspaltung: durch Verinnerlichung als „lieber Vater“ und Vergegenständlichung als Sadist, geleugnet)?
Großartig der Nachweis Lillian Kleins, daß das Buch „Richter“ doch strenger an diesen Titel gebunden ist, als bisher wahrgenommen wurde: als Darstellung des Zwangs und der Folgen, die sich aus der Trennung des Richtens vom Bund JHWHs mit Israel, des Richtens von der Barmherzigkeit und der Verknüpfung von Richten und Gewalt (aus der weltkonstitutierenden Logik des Richtens) ergeben? (Bei Lillian Klein Abensohn keine Bemerkung zur Jotam-Fabel oder dazu, daß Samson auf dem Schoße der Dalilah stirbt?) Beschreibt das Buch nicht die Entstehung der Raumvorstellung, der „subjektiven Form der Anschauung“ (kein König in Israel, jeder tat was er wollte; hier werden die Bejaminiten zu „Linkshändern“, bis hin zum Mord an der Konkubine des Leviten, am Ende zu Opfern; und hier werden die entscheidenden Siege „aus dem Hinterhalt“ erfochten – es verschwinden das „Angesicht“ und Gottes Rechte)?
Saul kam aus Gibea in Benjamin, während David den Goliat mit Hilfe einer Steinschleuder erschlug.
Gegen Rousseau: Es gibt keine ursprüngliche heile Natur, die erst durch Vergesellschaftung (durch den Gesellschaftsvertrag: durchs Eigentum, durch das Inzestverbot und die Monogamie, durch die Schrift und den Logozentrismus) verdorben worden wäre. (Auch die Schellingsche Naturphilosophie steht noch im Banne Rousseaus: Was bedeutet der Begriff der Welt in Schellings Titel „Weltalter“?)
Der moderne Naturbegriff gründet nicht in der Gewalt, sondern er begründet auch Gewalt: die Gewalt, die das Äquivalent der Stummheit ist (wenn Sprache nichts mehr bewegt). Heute ist die ganze Sprache durchsetzt von der Stummheit: sie spricht nicht mehr, seitdem sie im Objektivationsprozeß ihr Subjekt verloren hat.
Wenn die Sumerer die Erfinder des Privateigentums waren, war Babylon dann die erste Stadt?
Der Kampf gegen die Idolatrie ist die erste Phase der Auseinandersetzung mit der städtischen, verdinglichenden, weltproduzierenden Gewalt.
Ist die Marxsche „resurrectio naturae“ eine Konsequenz aus dem Rousseauschen Naturbe#griff?
Freuds „Totem und Tabu“ krankt daran, daß es als ein pyschologischen (innerlichen) Vorgang faßt, was in Wirklichkeit eine gesellschaftlicher ist; er projiziert das Problem in ein dem Stand der Sache nicht ganz entsprechendes gesellschaftliches Umfeld, in das der sogenannten „Primitiven“. Die „Wilden“ sind erst in der Aufklärung entdeckt worden; sie haben hier eine entscheidende systemabsichernde Funktion (das Erbe Rousseaus: Kriterium der Unterscheidung ist für ihn die Schrift; piktographische, ideographische und alphabetische Schrift – haben Arnold Hauser und Max Raphael etwas über den Ursprung der Schrift geschrieben?).
Satan: der Ankläger; Teufel (diabolos): der Verwirrer; Dämon: Verteiler, Zuteiler (des Schicksals).
Benjamins Wort über Rosenzweig, daß er es vermocht habe, die Tradition auf dem eigenen Rücken weiter zu befördern anstatt sie seßhaft zu verwalten, steht in der christlichen Tradition: das „Auf dem eigenen Rücken“ entspricht präzise der Übernahme der Schuld der Welt.
Emmanuel Levinas Einwand der Asymmetrie gegen Bubers dialogisches Prinzip hat die Unterscheidung von „Hinter dem Rücken“ und „Im Angesicht“ zu Grundlage. In der Symmetrisierung von Ich und Du triumphiert das „Hinter dem Rücken“, triumphiert die Gemeinheit, die unter der Buberschen Prämisse ins Unbestimmbare verschwindet.
Der biblische Begriff des „Schreckens um und um“ bezeichnet den Ursprung des Selbstmitleids (beachte den Unterschied, mit dem Mann und Frau der Verführung des Selbstmitleids unterliegen: der Verführung, sich als Gegenstand oder als Subjekt als Natur oder als Welt, von außen zu sehen).
Das „Im Angesicht“ ist ein sprachlicher Sachverhalt, das „Hinter dem Rücken“ ein optischer (es steht unter dem Primat der Anschauung). Und „der Fall“ ist ein Fall aus der Sprache in die Anschauung. Das „Im Angesicht“ liegt vor dem Moment, in dem „ihnen die Augen aufgingen“: und sie „erkannten, daß sie nackt waren“, und sie “ schämten sich“. Die Scham ist ein Zeichen dessen, daß das „Im Angesicht“ nicht ganz vergessen ist. – Hängt damit die strukturelle Differenz zwischen Radio und Fernsehen (Faschismus und Post-Faschismus) zusammen? Erst das Fernsehen liefert zur Stimme (zur Stimme Hitlers) auch das Bild, verschiebt das Antlitz aus dem sprachlichen in den optischen Bereich, macht es damit endgültig unkenntlich.
Der Heideggersche Begriff der Frage (der zum Rundfunk-Zeitalter gehört) hat seinen Focus in der „Seinsfrage“, und zu dessen Metastasen gehören die „Judenfrage“ oder die „deutsche Frage“; er bezieht sich nicht mehr auf die Möglichkeit einer Antwort sondern – wie das Rätsel und die mathematische Aufgabe – auf die einer „Lösung“ (der Vergleich der „Lösungen“ der letztgenannten „Fragen“ wirft Licht auf den zentralen Punkt), das aber heißt, er ist ohne Gewalt nicht zu denken; seine früheste Anwendung findet er in der Geschichte von Alexander und dem gordischen Knoten.
Sprachlich unterscheidet sich die Frage von der Antwort durch das Heben oder Senken der Stimme am Ende. Das Senken der Stimme ist zugleich der autoritäre, der beruhigende Gestus, während die hohe Stimme Unselbständigkeit, Unsicherheit, Panik signalisiert (das Erheben der Stimme zeigt Empörung an: sie erhebt sich gegen die Ruhe der Autorität). – Wodurch unterscheidet sich das Sich Senken vom Fall? Der Empörung folgt der Fall, während das Sich Senken eine autonome, selbstbewußte Handlung ist.
Die eigentlich Botschaft in Hitlers Reden lag in der Stimme, in ihrem Tonfall; Hitlers Stimme vereinigte den autoritären mit dem panikerzeugenden Gestus (das Gleiche gilt heute von jeder politischen Rede; ihre Vorläufer hat sie in der Predigt).
Merkwürdig, daß Rousseau (und Derrida übernimmt das unreflektiert) die Artikulation der Rede, als Voraussetzung der Ausbildung der alphabetischen Schrift, negativ besetzt. Er erfährt darin (wie im Logozentrismus) nur den autoritären Gestus, den Gestus dessen, der dem anderen etwas einreden will, während er den daran geknüpften Wahrheitsbegriff und allgemein das Menschenfreundliche der sich artikulierenden Vernunft (gleichsam im Vorgriff auf das Derridasche Konzept der Dekonstruktion) denunziert. Grund ist die Rousseausche Versenkung des Göttlichen in die stumme Natur.
Ist es ein Zufall, daß der Sozialismus als erster seine fundamentalistische Phase hatte? Und wäre nicht eine Kritik des vergangenen „real existierenden Sozialismus“, die auf dieses Moment abstellt, die einzige, die dem derzeitigen Stand noch angemessen wäre?
Ist nicht der Darwinismus ein Vulgär-Hegelianismus, in dem das Herrschaftsmoment des Begriffs sich endgültig durchsetzt?
Ist die Wendung „den Himmel aufspannen“ nicht ein sprachlicher Ausdruck der Spannung, mit der das Im Angesicht und die Barmherzigkeit (die Bewahrung der rechten Seite) gegen die neutralisierende Gewalt des Raumes ankämpft: ein anderes Wort für das „emitte spiritum tuum et renovabis faciem terrae“: Der Gerechte trägt seinen Teil bei zur Erhaltung der Welt, indem er deren Schuld (den Grund der Asymmetrie zwischen Ich und Du) auf sich nimmt und so seinen Teil beiträgt zur Aufspannung des Himmels und zur Begründung der Erde, zur Erneuerung des Antlitzes der Erde (die Asymmetrie zwischen Ich und Du begründet das „Im Angesicht“, während die Symmetrisierung der Beziehung unter der neutralisierenden Gewalt des Raumes steht und „hinterm Rücken“ verbleibt).
Christentum
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15.01.92
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02.01.92
Zu Derridas Kritik des Logozentrismus: nochmal die Christina von Braun lesen.
Die Hypostasierung der Natur ist der Versuch, einen anti-christologischen Schöpfungsbegriff zu etablieren; die Idee eines stummen Schöpfers, eines Schöpfers, der ohne die Sprache erschafft (ebenso wie die Welt die Idee eines stummen Gerichts vor Augen stellt: eines ohne die Möglichkeit einer Einrede gefällten und sogleich vollstreckten Urteils. Der Säkularisationsprozeß ist ein Prozeß ohne Verteidigung, ein Prozeß, in dem der Verteidiger nur stört, Sand im Getriebe ist.
Keine Philosophie wurde schneller vergessen als die Adornos: nämlich von seinen eigenen Schülern.
Ist ein Raum vorstellbar (konstruierbar), in dem nur zwei Dimensionen umkehrbar sind. die dritte hingegen unumkehrbar.
Büchners Lenz hatte bei der Wanderung durch die Vogesen den Wunsch, auf dem Kopf zu gehen; umgekehrt wollte Marx den Hegel vom Kopf auf die Füße stellen. Und war das nicht die entscheidende Wendung in der Geschichte der Rationalisierung der Musik, daß sie gleichsam umgekehrt und auf den Kopf gestellt wurde: daß die Melodiestimme von unten nach oben und die Begleitstimme von oben nach unten gerückt wurde? Ergab sich hieraus die Konsequenz der Zwölftonmusik? Beziehung zum Fall: das Tiefe (das Untere) wird heute als das Schwere, das Hohe (das Obere) als das Leichte erfahren. Aber ist es nicht die Welt, die uns auf den Kopf stellt (und haben damit nicht der Ödipus-Komplex und die Gewalt, die seitdem das Erwachsenwerden begründet, etwas zu tun)?
Das metaphorische Element der Sprache hält die Spuren der Genesis ihrer Entfremdung fest. Ein gänzlich metaphorisch durchwirkter Text kommt der Wahrheit näher als ein Text, der durch Definitionen, durch verdinglichte und instrumentalisierte Begriffe festgezurrt wurde und daran erstickt ist. Die Metaphorik ist das Lebenselement der Sprache.
Hat die Anatomie nicht eigentlich immer schon die Wahrheit als Leiche gemeint, und ist diese nicht ihr Modell? Hängt sie (bis hin zu den Menschenexperimenten in den Konzentrationslagern) nicht zusammen mit einem rekonstruierbaren blasphemischen Stand der Theologie und des Dogmas?
Die Metaphorik beschreibt den Organismus des Sprachleibs, die Dogmatik seine Anatomie. Wenn wir begreifen, was in der alten Geschichte die Leberschau und die Beobachtung des Vogelflugs bedeuteten, welche Bedeutung die Ostraka im Zusammenhang mit dem Ursprung der Schrift haben, sind wir dem Verständnis der alten Welt und des Ursprungs des Christentums ein ganzes Stück näher gekommen.
Die Finsternis und das Wasser sind nicht erschaffen, sondern als Nebenprodukte im Schöpfungsprozeß mit entstanden. Lernen, mit der Angst umzugehen, sie nicht zu verdrängen, wenn wir uns der Vorwelt nähern.
Hatte nicht Habermas, und auf andere Weise generell die 68er Linke, noch ein gänzlich unangemessenes Zutrauen in Institutionen, in die Wirksamkeit der Mechanismen der Instrumentalisierung? Und war es nicht dieses Zutrauen, daß Habermas dazu verführte, die Naturkritik der Frankfurter zu vorschnell zu verwerfen? Das ist es, was dann in der nächsten Generation (bei Hauke Brunkhorst oder bei Micha Brumlik) gelegentlich völlig unkontrolliert ausbricht.
Erst in einer Welt, in der die Sprache gegenstandslos wird, wird das Beten funktionslos.
Was das Christentum in der Folge der Rezeption des Hellenismus nicht verstanden und am Ende dann verdrängt hat, ist, daß die Übernahme der Schuld der Welt sich auf einen sprachlichen Sachverhalt bezieht. Nur innerhalb dieses sprachlichen Zusammenhangs wird verständlich, was im NT Logos heißt.
Die Asymmetrie im dialogischen Verhältnis korrespondiert mit der Asymmetrie von Zukunft und Vergangenheit, Sprache und Mathematik. -
17.12.91
Rosenzweigs Konstruktion, wonach durch den Tod, durch das „Ich mit Vor- und Zunamen“ die Einheit des All gesprengt wird, gelingt nur, weil der Weltzustand, auf den er sich bezieht, fast ausweglos mythisch geworden ist. Deshalb die Rekonstruktion der Theologie über die Konstruktion des Mythos, durch dessen Umkehr hindurch.
Ein ins Agentenmilieu transportierter jüdischer Witz (J.Ebach) verändert mit seiner Umgebung seinen Sinn: er nimmt paranoische Züge an.
Wenn Christen die Juden Hebräer nennen, dann erinnert mich das an den Prüfer der Vorprüfungsstelle des Ministeriums, der das freiwillige Bekenntnis eines Betroffenen in seinem Prüfbericht unter dem Anschein eines selbstermittelten Tatbestands in eine Anklage umformte (und damit seiner Karriere diente). Hier ist das Stück Gemeinheit, das in dem objektivierten Gebrauch der Bezeichnung Hebräer steckt, mit Händen zu greifen (Genese der Gemeinheit, Funktion und Sinn der Reflexionsbegriffe). Den gleichen Gebrauch haben die Christen seit je von der Prophetie gemacht. Hier ist einer der Belege für die Wahrheit des Satzes „Ärgernisse müssen sein …“
Ist nicht der paulinische Begriff „Stückwerk“ als Erläuterung der Bezeichnung Symbolum zu verstehen; und ist das Symbolum nicht selber in diesem Sinne Stückwerk (vgl. auch das Wort „Jetzt sehen wir wie im Spiegel, dereinst aber von Angesicht zu Angesicht“).
Hegels Philosophie, gipfelnd in der trinitarischen Struktur des Absoluten, ist als Entfaltung der Struktur des Begriffs die Selbstreflexion der Geschichte des Schicksals. Wenn es zutrifft, daß der Islam unter den gleichen Prämissen wie die Philosophie und das Christentum angetreten ist, nur gleichsam die andere Seite im Schicksalszusammenhang repräsentiert: dessen Objekt (so wie im Begriff des Islam, der Ergebung, das Schicksal als der Wille Gottes vorgestellt wird), so gewinnt der zentrale Begriff des Islam: der der Allbarmherzigkeit, eine auf ganz andere Weise exkulpierende Bedeutung. Die Allbarmherzigkeit ist die zwangsläufige Folge davon, daß Allah als Personifizierung des Fatum die Schuld der Welt auf sich nimmt und den ihm ergebenen, dem Handeln entsagenden Muslim entlastet. Auch hier bezieht sich die Allbarmherzigkeit auf das Sündenbewußtsein, das dadurch gelöscht wird, daß die Schuld auf Allah abgewälzt wird. Hier nimmt Allah die Schuld der Welt auf sich (er nimmt sie hinweg). Unterscheidet sich Gott im Islam nicht doch nur dadurch vom Teufel, daß er zugleich der Allbarmherzige ist.
Der Schwindel, den Adornos Philosophie beim ersten Lesen zu erzeugen scheint, ist in Wahrheit die Aufhebung des Schwindels. -
08.12.91
Die islamisch-christliche Differenz im Schöpfungsbegriff: in jedem Augenblick neu und Erhaltung der Welt, reflektiert die Differenz der Beziehung des Islams und des Christentums zur Philosophie, zur Verinnerlichung des Schicksals.
Im zweiten Schöpfungsbericht werden die Tiere von Gott aus dem Acker gebildet (und dem Menschen zur Benennung vorgeführt), nur im ersten bringt sie die Erde hervor.
Was ist der Unterschied zwischen der Erde (E. und Himmel), dem Acker (Acker und Adam) und dem Garten Eden (dem Garten der Bäume, die Gott „aus dem Acker … schießen“ ließ)? Und welche Bedeutung haben die vier Flüsse im Garten Eden (Beziehung zu den Wassern oberhalb und unterhalb der Feste)?
Das Christentum ist eine apokalyptische Religion, sein Grundwort ist das „Maranatha“, das dann freilich im Prozeß der Dogmatisierung (Parusieverzögerung) verdrängt wurde.
Nicht das Denken, sondern die Mathematik (in der das Denken sich nur auf sich selbst bezieht) ist das Narkotikum.
Jesus hat das Feuer auf die Erde gebracht, und er wollte, es brennte schon. Nur ist dieses Feuer dann nach innen geschlagen und zum Schwelbrand geworden: so ist das Christentum ausgebrannt.
Ist nicht heute die Kirche der Lazarus, der tot ist und schon riecht?
Wer in der Sprache sehen gelernt hat, für den gibt es keine Theorie mehr, sondern nur noch die Wahrheit.
Zum Genitiv: Hängt der Begriff des Genitivs nicht mit dem genus, mit der Zeugung, mit den toledot zusammen? Aber so, daß dieses Verhältnis (wie in der Trinitätslehre) in die casus mit hereingezogen: in ein Eigentums- und Herrschaftsverhältnis umgewandelt worden ist. Gilt nicht auch hier das vierte Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren?
Im Genitiv sind die Zeugungen idealistisch geworden (werden Begriffe zeugungsfähig und gezeugt): das ist der blasphemische Sinn des Zeugungsbegriffs, Erbe des hieros gamos und dessen, was die Propheten Hurerei nannten. Die Hegelsche Logik: die Totalität der Anti-toledot, und die Onanie der synthetischen Urteile a priori (die das namenlose Objekt erzeugen). Zusammenhang von Er- und Bezeugen (im Kontext des Beweises)?
Die Idee des Ewigen hat zwei Konnotationen, die zusammenzubringen sind: Die eine ist, daß sich das Ewige in keinerlei Hinsicht als vergangen denken läßt; die andere aber ist, daß das unabgegoltene Vergangene, die Toten, in die Idee des Ewigen mit hereingehören. Das aber heißt, daß die Idee des Ewigen ohne Erinnerungsarbeit, ohne das Eingedenken: ohne den Gedanken, daß die Toten, die wir nur noch ausbeuten, unsere Richter sein werden (ohne Umkehr des Historismus), nicht zu denken ist.
Mit jedem Menschen stirbt eine Welt, aber nicht das Zeugen, sondern Gerechtigkeit begründet eine Welt. -
06.12.91
Ist die analogia entis, dieses Kernstück der thomistischen Theologie (ein Begriff übrigens, der heute sein fundamentum in re verloren zu haben scheint), der katholische Ersatzbegriff für die Umkehr?
Wenn der Ursprung der Philosophie sich aus der Verinnerlichung des Schicksalsbegriffs begreifen läßt, repräsentieren dann nicht Islam und Christentum die beiden verschiedenen Seiten des Schicksals (das Christentum die Subjektseite, der Islam die Objektseite)? Lassen sich daraus nicht sogar die Differenzen in der Theologie ableiten (z.B. die islamische Vorstellung, daß Gott in jedem Augenblick die Welt neu erschafft, auch daß es neben dem Koran weder eine besondere Philosophie noch einen kritischen Wissenschaftsbegriff geben kann)? Bedeutet das aber nicht umgekehrt, daß das Problem Islam sich nur mit der Selbstaufklärung des Christentums (mit der Selbstaufklärung der Philosophie) lösen läßt, weil anders der Islam als Projektionsfolie für das unbekehrte Christentum ebenso notwendig bleibt wie der Terrorismus für den Staat?
Wenn Franz Rosenzweig Mohammed den großen Plagiator nennt, so erinnert das daran, daß auch der Muslim unmittelbar bei Allah sein möchte, aber beim Schicksal sich wiederfindet. Der Islam repräsentiert die mythische Gestalt der Monotheismus-Rezeption.
Im Begriff des Ewigen ist auch das Vergangene gegenwärtig: als das noch unversühnte Gericht. -
30.11.91
Der stärkste Widersacher des Hauptamtlichen ist der Selbsternannte (Dirk Treber: „selbsternannte Alt-Grüne“). Ernannt werden darf nur im Rahmen der Ermächtigung zur Wahrnehmung hoheitlicher Aufgaben: So konnte Kohl z.B. das deutsche Volk zum „ausländer-freundlichsten Volk“ ernennen (Unterschied zwischen er- und benennen: Kohl meint das Amt, nicht das Wesen dieses Volkes). In diesen Kontext gehört es, daß die Pogrome gegen Flüchtlinge sich nach dieser Logik nicht gegen Flüchtlinge und Ausländer, sondern gegen den „deutschen Namen“, über den sie „Schande“ bringen, richten (vielleicht sind ja auch die Juden in Auschwitz nicht ermordet worden, sondern auch da wurde nur der deutsche Name befleckt). Dies ist die Logik geprügelter Kinder: man darf alles, sich nur nicht erwischen lassen.
Haben die Präfixe und Suffixe ihren Ursprung in der agglutinierenden Sprache der „Sumerer“? Gibt es eigentlich in anderen Sprachen auch ein so ausgebildetes und differenziertes System von Prä- und Suffixen wie im Deutschen? Und sind die Prä- und Suffixe nicht verdinglichende Projektionen der Ohnmacht (der durch Substantivierung versteinerten Herrschaftsstrukturen), die die Objektivität zugleich fixieren und aufschlüsseln, so daß mit ihrer Reflexion die Wahrheit selber erkennbar wird.
Sind im Griechischen und Lateinischen (und vom Ursprung her auch im Deutschen?) Präfixe im allgemeinen nur mit den Verben zusammengeschlossene Präpositionen?
Die Prä- und Suffixe sind Ausdruck des Ursprungs der Begriffe aus der Schicksalsidee (Beispiel: Ich fühle mich wie zernichtet durch den entsetzlichen Fatalismus der Geschichte).
Kann es sein, sein, daß es für die einzelnen Prä- und Suffixe Schlüsselworte gibt? Z.B. vernichten, zerstören, erschaffen, entstehen, bekennen, anschauen, aufbauen (alles Verben, die aus dem Kontext der Verdinglichung, Objektivierung, sich begreifen lassen?)
Christlichkeit und Christenheit: -keit drückt den Charakter, das Wesen, aus, -heit das kollektive Subsumtionsverhältnis (diese Differenz gilt nur bei Personen, nicht bei Sachen). Wird -keit immer zusammen mit -lich oder -ig gebildet, und was bedeuten diese Suffixe? Vgl. auch Hoheit (Eure Königliche Hoheit, hoheitliche Aufgaben) und Hörigkeit (zentrale Wortbildungen der durch Prä- und Suffixe bestimmten Sprache). Doppelbildungen wie Hoheitlichkeit (Charakter der Aufgaben des Beamten, Amtscharakter -Zusammenhang mit Obrigkeit: persongewordene Begriffe). Die lateinischen Würdebezeichnungen wie Magnifizenz und Eminenz sind dagegen keine Suffix-, sondern Partizipalbildungen (während im Deutschen der Wohltuende von Wohltätigkeit, die Partizipal- von der Suffixbildung, unterschieden wird: unterscheidet sich auch der Tuende vom Tätigen (der Wohltuende hat das Objekt, der Wohltätige des Subjekt der Wohltat im Sinn)? – Vgl. auch Tätigkeit und Tätlichkeit).
Wodurch unterscheiden sich Partizipien vom Gerundivum (Partizip Präsens mit zu)? Ist das Gerundivum der verdinglichte, gegenständlich geworden Imperativ, Auftrag: das zu Bekennende, das zu Erläuternde, das zu Bezahlende (Vorläufer des Sachzwangs)?
Gibt es einen Zusammenhang der agglutinierenden Sprachstruktur mit der Idolatrie und dem Sternendienst?
Durch Substantialisierung wird die Sprache in die Zone des Falles gerückt (in die Deklinationsfalle).
Wie unterscheidet sich das „libera nos a malo“ vom „befreie uns von dem Bösen“?
Theologische Bedeutung hat das „schaffen“ nur im Präteritum (im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde), während das frei konjugierbare „erschaffen“ die theologische Tradition der creatio ex nihilo in sich enthält.
Hängt die Ausbildung der durch Prä- und Suffixe und durch Präpositionen charakterisierten Sprache (der indogermanischen Sprache?) zusammen
– mit der Änderung und Ausweitung der Konjugationen (insbesondere der futurischen Formen) und
– mit der Herausbildung und Fixierung von Denkstrukturen, dem räumlichen, objektivierenden, verdinglichenden Denken entgegenkommen?
Und welche Bedeutung hat in diesem Zusammenhang das Barock:
– hinsichtlich der Ausbildung der Titel (Hoheit, Ableitung der hoheitlichen Aufgaben), der Hereinnahme der Ehrenbezeichnungen in die Sprache, und
– die Substantialisierungstendenzen, insbesondere die Einführung der Majuskel zur Kennzeichnung der Substantive (in England nur zu Kennzeichnung der Personen)?
Was hat -haft mit „Haft“ und -bar mit „bar“ zu tun? Steckt darin nicht die Erinnerung an die Schuldknechtschaft? Und bezeichnet der Begriff der Schuldknechtschaft nicht den Grund der Vergesellschaftung immer noch am deutlichsten? Ist nicht das Bekenntnis die vergeistigte Schuldknechtschaft?
Vergleiche auch -lich und -ig, die adjektivischen Entsprechungen von -keit und -heit, auch -sam (arbeitsam, strebsam) und -sal (wie Schicksal, Labsal, Mühsal: von mühselig). Woher kommen diese Suffixe, und was drückt sich sprachphilosophisch darin aus?
Ist die deutsche Sprache das bis heute unaufgeschlossene Gedächtnis dieser Herrschafts- und Versteinerungstendenzen, ist sie damit nicht in einem ungeheuren Maße schuldbelastet und so das vorbezeichnet Objekt von Erinnerungsarbeit? (Gibt es nicht merkwürdige Hebraismen in der deutschen Sprache: insbesondere das affirmative „ja“?)
Volk als Schicksalsgemeinschaft; Beziehung des Volksbegriffs (des Begriffs des Völkischen) zum Begriff des Begriffs: Sind bei Hegel nicht die Volksgeister die Träger des Weltgeistes, die die Aufträge des Weltgeistes auszuführen haben und, wenn sie ihn erfüllt haben, zugrunde gehen? Ist hier nicht der Quellpunkt des Antisemitismus (als Konsequenz aus dem völkischen Verständnis der Idee des „auserwählten Volkes“ und, weil dieses Volk sich dem Auftrag des Weltgeistes entzieht, eigentlich seit seinen Anfängen in Opposition zum Weltgeist gestanden hat) Dagegen ist das Christentum seit seiner Anpassung an die Welt, seit Beginn des Dogmatisierungsprozesses, insbesondere seit der Ausformulierung der Trinitätslehre, zum genauesten Selbstausdruck des Weltgeistes geworden. Das „Geht hinaus in alle Welt“ ist nur affirmativ verstanden, sein weltkritischer Aspekt dagegen verdrängt worden. Aber hat das Christentum damit nicht bewußtlos die Schuld der Welt auf sich genommen, und ist es nicht gerade so absolut schuldig geworden? -
27.11.91
„Auschwitz ist in hohem Maß die Folge einer gnadenlos instrumentalisierten Vernunft.“ (Götz Aly und Susanne Heim: Vordenker der Vernichtung, Hamburg 1991, S. 485) Die Feststellung wäre zu er-gänzen durch den Hinweis, daß diese „gnadenlos instrumentalisierte Vernunft“ ohne das Vorurteil nicht möglich gewesen wäre: Sie war effektiv nur nach Osten, nicht gegen den Westen. D.h. zu den Voraussetzungen der Instrumentalisierung gehörte auch die Verinnerlichung dessen, was man die Zivilisationsgrenze nennen könnte. Im Westen gab es Feinde, mit denen man glaubte, sich auf gleicher Ebene messen zu können; im Osten gab es nur noch „Untermenschen“ (mit nur graduellen Abstufungen zwischen Polen, Tschechen, Russen, Zigeunern und Juden); im Verhältnis zur zivilisierten Vernunft standen sie auf der Seite der unterworfenen Natur. Die Instrumentalisierung der Vernunft war angewiesen auf das Gelingen der Instrumentalisierung der Moral, die nur noch als Stütze des Herrendenkens verstanden wurde: als Mittel der Identifikation mit der Macht (das drückte u.a. in Begriffen wie „Humanitätsduselei“ und „Kampf gegen den inneren Schweinehund“ sich aus). Die Gemeinschaft der zivilisierten Welt wurde als die Gemeinschaft des Herrendenkens verstanden, und dessen reinste Ausprägung war der Faschismus. So wurde der Krieg im Osten – im Gegensatz zu dem im Westen – als „Weltanschauungskrieg“: als organisatorisch durchrationalisierter Vernichtungskrieg geführt.
Quellen des Vorurteils: Sexualmoral und Bekenntnislogik (transzendentale Logik als säkularisierte Bekenntnislogik).
Noch heute werden die pogromartigen Ausschreitungen des Fremdenhasses nicht an ihren realen Auswirkungen (z.B. an realen Morden) gemessen, sondern an ihrer Außenwirkung: an der „Schande“, die solche Vorkommnisse dem „deutschen Namen“ zufügen (Bundeskanzler Kohl). Ähnlich wurde wurde argumentiert, als im Krieg die Vorstellung einer „Endlösung der Polenfrage“ in die Diskussion gebracht wurde: „Daß man die Polenfrage nicht in dem Sinne lösen kann, daß man die Polen, wie die Juden, liquidiert, dürfte auf der Hand liegen. Ein derartige Lösung der Polenfrage würde das deutsche Volk bis in die ferne Zukunft belasten und uns überall die Sympathien nehmen, zumal auch die anderen Nachbarvölker damit rechnen müßten, bei gegebener Zeit ähnlich behandelt zu werden.“ (Vgl. Aly und Heim, S. 422)
Das „grundsätzlich“ im Juristendeutsch erinnert an Radio Eriwan: „Im Prinzip ja, aber …“ Und von dieser Art ist der Satz Kohls: „Es gibt kein ausländerfreundlicheres Volk als die Deutschen.“ Hier beißt sich die Blindschleiche in den Schwanz (und beginnt sich selbst zu verschlucken): Was Kohl allein interessiert, ist das Urteil des Auslandes (der Welt, der Geschichte); und das will der Ausländerfeind ja gerade wegbringen. So verstärkt sich das Xenophobie-Syndrom.
Der Fortschritt des Christentums gegenüber dem Hellenismus (des christlichen Weltbegriffs gegenüber dem griechischen Kosmos: Bedingung der Möglichkeit der neuen Gestalt von Naturbeherrschung) liegt darin, daß es die räumlich Grenze gegen die Barbaren in eine zeitliche umgewandelt hat: Der Missionsauftrag wurde verstanden als Auftrag, in „aller Welt“ die „frohe Botschaft zu verkünden“ und „die Heiden zu bekehren“, d.h. alles aus dem Blickfeld zu schaffen, was an die überwundene Vergangenheit erinnerte. Das kehrte dann in der Aufklärung als der ambivalente Begriff des „Wilden“ (der undifferenzierten Einheit von Heiden und Nichtzivilisierten) wieder. So wurden mit dem Objekt (mit der Natur) die Erinnerung und ihre gegenwärtigen Repräsentanten zum Weltanschauungs-Feind. Heute mißt sich der Grad der Zivilisiertheit (und der Bekehrung) an dem der Zustimmung und der Teilhabe am naturwissenschaftlichen Aufklärungsprozeß. Die historische Verdrängungsleistung schlägt immer wieder in den Vernichtungswillen um, wenn ein gegenständlicher Repräsentant die Verdrängungsleistung in Frage stellt. -
24.11.91
Das analsadistische Vokabular schließt die Mimesis a limine aus. Es dementiert das „non olet“. Im Kontext einer homosexuellen Komponente (des männlichen Sexismus) macht es die Sexualmoral zur Basis der Kapitalismuskritik (Grundlage der Personalisierung).
Das petrinische Vorurteil: Personalisierung und Sexualmoral gehören zusammen und sind Folgen der Bekenntnislogik. Deshalb kann der Katholizismus die Sexualmoral nicht aufgeben und Frauen nicht zum Priesteramt zulassen. Dieses Syndrom kommt in der Abtreibungskampagne in die Nähe der Selbstverfluchung.
Steckt nicht in jedem Werturteil eine sexualmoralische Komponente (und ist das analsadistische Vokabular der Kern aller Werturteile)? Oder umgekehrt: Ist das Wertgesetz das obszöne Zentrum des Kapitalismus?
Sexualaufklärung ist der falsche Begriff für einen richtigen Sachverhalt; worauf es ankäme, wäre:
– die Fähigkeit, Sexualität ohne Schuldangst (ohne Rechtfertigungs- und Projektionszwang) zu reflektieren;
– die Anerkennung des „erste(n) Gebot(s) der Sexualmoral: der Ankläger hat immer unrecht“ (Adorno: Minima Moralia); und
– die Anerkennung des Satzes, daß ich niemanden zum bloßen Mittel meiner Bedürfnisse machen darf.
Die Übernahme der Schuld der Welt setzt die Fähigkeit zur freien Reflexion des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs voraus, insbesondere die Fähigkeit zur freien Reflexion
– von Sexualität,
– der Naturwissenschaften,
– des Kapitalismus und
– der Religion.
Darin liegt das Befreiende des Christentums (ama et fac quod vis).
Furcht und Zittern: Es müßte heißen: Gottesfurcht, aber ohne Zittern (Zittern gehört zur Herrenfurcht, nicht zur Gottesfurcht).
Die zuletzt von Drewermann wieder genutzte Charakterisierung der jüdischen Religion als Gesetzesreligion, die einen paulinischen Begriff aufnimmt, ist in dieser Form ein Element des Antijudaismus: eher trägt das Dogma die Züge einer Gesetzesreligion als die Tora. Historisch hat sich das Dogma, und nicht die Tora, als Mittel der Anpassung der Religion an die Welt (an dessen Konstitutionsgrund der Gesetzesbegriff erinnert) erwiesen. Der antijudaistische Gebrauch des Gesetzesbegriffs ist Produkt reiner Projektion. Selbst der Dekalog ist keine Verkörperung des Gerichts (das zum Tode führt), sondern eine der Gnade, der Barmherzigkeit (die christliche Tradition, die hier offensichtlich verlernt hat, „links und rechts zu unterscheiden“, hat nicht zuletzt deshalb keines der zehn Gebote verstanden: vom „keine Götter neben mir“ und von der „Heiligung des Gottesnamens“ bis zum Verbot des falschen Zeugnisses wider den Nächsten und des „Begehrens“).
Die weltkritische Tradition des Christentums ist insoweit bis heute nicht verstanden worden, als sie bis heute nicht auf das weltkonstituierende Moment im Subjekt selber bezogen worden ist, umgekehrt: vom Christentum zur Heiligsprechung der Subjektivität als Weltgrund mißbraucht wurde (im christlich-dogmatischen Gebrauch des Person- und des Bekenntnisbegriffs). Anstatt sie auf die Äonenwende, den Ursprung und Verlauf des weltkonstitutierenden Objektivationsprozesses zu beziehen, wurde das Christentum selber zum Träger dieses Prozesses: Seitdem steht es sich selbst im blinden Fleck. Das Geheimnis dieses Prozesses hat Kant in der Kritik der reinen Vernunft: im Zusammenhang von transzendentaler Ästhetik und Logik, ausgesprochen. In diesen Prozeß ist (als verhängnisvolles Erbteil eines Christentums, für das die Umkehr ein Fremdwort geblieben ist) der Exkulpationsmechanismus eingebaut, der dem begrifflichen Denken insgesamt zugrundeliegt.
Die Trinitätslehre als Gottesfurcht-, Umkehr- und Nachfolge-Vermeidungs-Maschine.
Die Philosophie partizipiert an der Stummheit des Helden; und diese Stummheit vollendet sich in der transzendentalen Logik, in der das Objekt endgültig namenlos wird und die Sprache der Erkenntnis ihre benennende Kraft verliert. Diese Stummheit ist erstmals im Universalienstreit: im Nominalismus zum Bewußtsein ihrer selbst gebracht worden (nomina sunt flatus vocis; Name ist Schall und Rauch).
Erinnerungsarbeit ist der Versuch, den Schuldzusammenhang aufzulösen, in dem sich (zuletzt in der traszendentalen Logik Kants) das namenlose Objekt konstituiert, und der Sprache ihre benennende Kraft zurückzugewinnen.
Was hat Jona der Stadt Ninive gesagt?
In Heideggers „Geschick des Seins“ reflektiert sich die schicksalhafte Struktur des Begriffs, sein Verhältnis zum Schuldzusammenhang, seine sprachzerstörerische Gewalt.
Der Logos (die benennende Kraft der Sprache) konstituiert sich in der Übernahme der Schuld der Welt. -
20.11.91
Zur Bemerkung eines Kirchenhistorikers (zum Verhältnis der Kirchen zum Nationalsozialismus und zur Shoah), es gehöre zu den Verführungen der Nachgeborenen, aufgrund der genaueren Kenntnisse besser über die Vergangenheit urteilen zu können als der Zeitgenosse.
– Der apologetische (exkulpierende) Gebrauch dieses Arguments ist unzulässig: Wenn die Fakten, die Grundlage des Urteils des Nachgeborenen sind, stimmen, wenn sie nicht zu leugnen sind, dann kann man sie nicht durch den Hinweis auf den Vorteil, den der Nachgeborene aus seiner späten Geburt zieht, aus der Welt schaffen.
– Die Wahrheit dieses Arguments liegt an anderer Stelle:
. Die Vorstellung, daß der Nachgeborene aus seiner späten Geburt einen Vorteil ziehen kann, hat christliche Ursprünge, die im übrigen mit dem christlichen Antijudaismus (der Quelle des Antisemitismus) zusammenhängen: Das Bekenntnis ist grundsätzlich das Bekenntnis des Nachgeborenen, der sich von der Vergangenheit distanziert, sie in die Perspektive der Objektivität rückt: der so glaubt, die Vergangenheit (insbesondere die jüdische Vergangenheit des Christentums) „überwunden“ zu haben. Der kirchliche Antijudaismus ist die Projektionsfolie, auf die das kirchliche Dogma, der zum Bekenntnis umgeformte Glaube, aufgetragen wird, und die dem Christen den Sündenbock liefert und die eigene Erinnerungsarbeit erspart (Ursprung der Heuchelei, die sich selbst nicht mehr durchschaut, deshalb ihre Unwahrheit als Aggression nach draußen kehren muß).
. Die projektive Nutzung des besseren Wissensstandes der späten Geburt ist in der Weigerung begründet, das Nachfolgegebot zu erfüllen; sie ist ein Mittel, die exkulpierende Kraft des moralischen Urteils (der Empörung) sich zuzueignen, ohne dem Schmerz der Gottesfurcht sich zu stellen. Aber die Vorstellung, daß die Verurteilung fremder Schuld den Urteilenden in den Stand der Unschuld versetzt, ist schlimmste Magie (und der Grund fürs Überleben der Magie im christlichen Bekenntnis).
Auch die Nachgeborenen stehen im Hinblick auf Auschwitz auf der Täterseite; oder: Auschwitz ist nicht vergangen, seine Voraussetzungen überleben im Bewußtsein und Unbewußtsein der Überlebenden; mitschuldig ist jeder, der diese Erbschuld nicht als Teil seiner selbst begreift, für den er einstehen muß. -
13.11.91
Physik und Sündenfall: Die Erkenntnis des Guten und Bösen gründet im Primat des Prädikats gegenüber dem Subjekt; sie markiert die Genesis der Logik und des Begriffs, der dann, indem er sich auf sich selbst bezieht, als Subjekt sich konstituiert, das Objekt namenlos macht, es für die mathematische Gestalt der Erkenntnis, die sich rein im prädikativen Bereich bewegt, freigibt. Ableitung der instrumentalisierenden Gewalt der objektivierenden Erkenntnis (des Zusammenhangs von Objektivation und Instrumentaliserung und seines Ursprungs in der Idolatrie). In der Instrumentalisierung drückt sich die Trennung von Gutem und Bösem aus, die dann durch Verallgemeinerung (durch die Ablösung von der Beziehung auf „mich“ und die Herstellung der Beziehung zum Allgemeinen, letztlich zum Staat) zur reinen Form der Instrumentalisierung wird.
Hat die Geschichte mit dem „dreimal wirst du mich verleugnen“ mit der Beziehung von Bekenntnis und Raum zu tun?
– Zuerst wird Petrus direkt (von vorn) angesprochen,
– dann wird über ihn (zu seiner Seite) gesprochen,
– schließlich dringen die Umstehenden auf ihn ein (von allen Seiten), hier kommt es zur Selbstverfluchung (Steigerung der Identifikation mit dem Aggressor).
Wer ist die Magd, und wer sind die Umstehenden?
Konzept (Thesen):
– Gott hat Himmel und Erde und nicht die Welt erschaffen.
– Die Welt ist ein Teil des historischen Prozesses, an ihn gebunden und nicht von ihm zu trennen (sie konstitutiert sich als Welt im historischen Prozeß, unter nachvollziehbaren Bedingungen, zu denen auch das „Subjekt“ gehört). Der Begriff der Welt hat außerhalb dieses Prozesses keine Bedeutung.
– Der Begriff der Welt zieht dann als zweiten Begriff den der Natur nach sich; beide, Welt und Natur, sind Totalitätsbegriffe, die in bestimmbaren logischen Beziehungen zueinander stehen und deren Anwendung bestimmten logischen Gesetzen unterworfen ist.
– Grundlage ist der Prozeßbegriff, und zwar sowohl im historischen („Fortschritt“), als auch im juridischen Sinne, im Sinne eines Rechtsverfahrens.
– In diesem Rechtsverfahren bezeichnet der Weltbegriff die Momente der Anklage und des Urteils, die Natur das Objekt des Verfahrens (der Anklage und des Urteils). Anmerkung: in der neueren Kirchengeschichte scheint der Protestantismus die Seite der Welt zu repräsentieren (vgl. die Rechtfertigungslehre, das „pecca fortiter“, die Lehre von der Obrigkeit und den zwei Reichen), der Katholizismus die der Natur (Dogmenverständnis, Sakramentenlehre, die Formen der Schuldverarbeitung, mit der Folge heute, daß der übermächtige Exkulpationstrieb die Identifikation mit dem Aggressor fast unausweichlich macht, zu den kirchlichen Bindemitteln gehört).
Klingt in dem „und viel Vieh“ im letzten Satz des Buches Jona der Name des Behemot an?
Es gibt im historischen Objektivierungsprozeß ein Nebenprodukt, aus dem sich zwangsläufig der Antisemitismus ergibt. Wer vom Taumelkelch des Herrendenkens getrunken hat, kommt zu einem Begriff des Absoluten, in dem kein Glied nicht trunken ist.
Der Gedanke an die Nachwelt, die unser Handeln rechtfertigt oder verurteilt, an die „Geschichte“ als letzte Instanz: das Bewußtsein, daß politsche Taten „historisch“ sind, ist der Antike fremd. Wenn ein neuer Pharao die Denkmäler und Inschriften seines Vorgängers zerstört, dann ist das ein magischer Akt: er will nicht die Erinnerung beseitigen, sondern die gegenwärtige, auch nach dem Tod noch weiterlebende Gewalt eines Rivalen. Und wer sich selbst und seinen Taten ein Denkmal setzt, will überleben, nicht in der Erinnerung der Nachwelt „gerechtfertigt“ sein. Die höhere Warte dessen, der bloß überlebt, ist eine Erfindung des säkularisierten Christentums. -
11.11.91
Gleiche Probleme des Raumes, des Geldes und des Bekenntnisses: Ambivalenz, gegensätzliche Bedeutungen, die sich nicht von einander trennen lassen: wie die zwei Seiten eines Blattes, von denen ich nicht eine zerreißen kann, ohne die andere mit zu zerreißen; beide durch Umkehr aufeinander bezogen (Leib und Seele, Physik und sinnliche Welt; Reichtum, Schuld und Herrschaft; Christentum die menschenfreundlichste Religion, aber keine andere, in deren Namen solche Untaten begangen wurden).
Raum und Bekenntnis:
– Antijudaismus (kein Bekenntnis ohne Feindbild): vorn und hinten nicht unterscheiden können, im Angesicht und hinter dem Rücken („Augapfel Gottes“ Sa 212);
– Ketzerverfolgung (kein Bekenntnis ohne Häretiker): rechts und links nicht unterscheiden können (Barmherzigkeit und Gericht);
– Hexenverfolgung (Frauen nicht bekenntnisfähig): oben und unten nicht unterscheiden können (Gottesfurcht ist nicht Herrenfurcht).
Trinitätslehre, Christologie, Opfertheologie und Physik (Raum, Naturbegriff und Opfer der Sinnlichkeit).
Zentrales Kriterium für die Ketzerverfolgung ist bis heute die Unbotmäßigkeit der Ketzer, nicht die Abweichung ihrer Lehre von der Orthodoxie. -
06.11.91
Was bedeutet Diachronie: Kann es nicht sein, daß eine Kritik der homogenen Zeit auch die Möglichkeit mit erwägen muß, daß es (in der Folge des griechisch-neutestamentlichen Äonenbegriffs) zeitliche Real-Konstellationen gibt, die zerstört, unkenntlich gemacht werden, wenn man ihre Momente an realhistorische Abläufe bindet (historische Bibel-Kritik); oder daß es einen „Fundamentalismus“ gibt, der der faschistischen Konsequenz dadurch entgeht, daß er von einer chronologischen Anbindung der biblischen Texte (aus rational belegbaren Gründen) Abstand nimmt (Frage: Wer war Abraham? – „Ehe Abraham ward, bin ich“: Zusammenhang mit der „Übernahme der Schuld der Welt“ und der logostheologischen Präexistenz „vor Erschaffung der Welt“ – nicht vor der Erschaffung von Himmel und Erde. – Wirft das nicht auch ein neues Licht auf das Lachen Abrahams und Saras und auf den Schrecken Isaaks? – Zusammenhang der toledot: Schöpfungsgeschichte und Genealogien – und Trinitätslehre: toledot zum Mythos, zur „ewigen Wiederkehr des Gleichen“ umgebogen?).
Horkheimers Wort vom Christentum als der menschenfreundlichsten Religion, „aber sind keine schlimmeren Untaten als im Namen dieser Religion geschehen“, findet hier seine Begründung, ebenso die These, daß es ein der Welt angepaßtes Christentum ohne Antisemitismus nicht geben kann.
Der Kampf der Kirche gegen die Abtreibung, der ohne Rücksicht auf die Probleme, die die Frauen selbst damit haben, geführt wird, wird deshalb so wütend geführt, weil er an das andere Abtreibungs-Trauma des Bekenntnisses rührt: an die Abtreibung der Wahrheit aus Furcht vor den messianischen Wehen in der Phase der frühkirchlichen Anpassung an die Welt und des Dogmatisierungsprozesses (das Dogma als Wechselbag: Remythisierung durchs Trinitätsdogma und durch Christologie und Opfertheologie; das Bekenntnis als Narbe). Der Kampf wird an der Grenze der Selbstverfluchung und nicht zufällig (in der Tradition des Antijudaismus) mit dem emotional hochbesetzten Mordvorwurf geführt.
Sind die apokalyptischen Siegel, mit deren Lösung die Wehen beginnen, die Sakramente? Und sind die Sakramente (zunächst das Symbolum, das Bekenntnis) Zeichen der „Bindungen“, mit denen die Kirche auf Erden wie im Himmel bindet?
Oder haben die sieben unreinen Geister, von denen Maria Magdalena befreit wurde, etwas mit den sieben Siegeln der Apokalypse zu tun?
Fragen:
– Gibt es eine Untersuchung über die Geschichte des Bekenntnisbegriffs?
– In welchem Zusammenhang taucht der Weltbegriff im NT auf? – In der Geheimen Offenbarung ist Jesus Herr der Welt, Gott Herr der Schöpfung.
– Weshalb ist das NT in Griechisch geschrieben, und warum gibt es in ihm dann einen Brief an die Hebräer?
– Wer sind die Hebräer, und weshalb heißt die hebräische Sprache die hebräische? Gibt es sprachlichen und/oder realen Zusammenhang zwischen den Hebräern und den Barbaren?
– Ist die Bezeichnung für Welt in Joh 129 kosmos?
Das Subjekt des jesuanischen „Ich bins“ ist der genaue Gegensatz, der Gegenpol zum transzendentalen Subjekt Kants.
Indem Kant Raum und Zeit zu subjektiven Formen der Anschauung macht, trennt er die äußere von der inneren Anschauung, zerstört er den objektiven Anteil der Erinnerung und damit den Grund der Sprache (macht er das Objekt namenlos).
Verräterisch der in der marxistischen Tradition übliche Begriff des „Allseitigen“: Er bewirkt, daß die Dinge von allen Seiten, d.h. immer nur von außen, hinter ihrem Rücken betrachtet werden; Anpassung an den Erkenntnis-Status der Physik. Naturwissenschaftliche, d.h. objektivierende und instrumentalisierende Erkenntnis ist „allseitige“ Erkenntnis. Eliminiert wird der eigene Blick der Dinge, das, was sie ausdrücken, ihre Sprache.
Es ist Gottestrug und es zieht zwangsläufig den Gottesbeweis und die Theodizee nach sich, wenn die Theologie sich den innertrinitarischen Prozeß als das selige Leben Gottes in sich selber vorstellt. In Wirklichkeit ist es das selbstentfremdete Leben eines Organismus, in dem kein Glied nicht trunken ist. Es ist der Zornesbecher.
Die Genealogie Kains kommt in der Genealogie des Set noch einmal, aber in veränderter Konstellation vor: was bedeutet diese Veränderung?
Man muß einmal die Hegelsche Kriegslehre mit der kantischen vergleichen, um den Abgrund zu erkennen, der beide Philosophien trennt.
Der Marxsche Satz, wonach die Hegelsche Philosophie vom Kopf auf die Füße zu stellen ist, bezeichnet das richtige Problem, ist aber nicht dessen Lösung. Es ist das Problem der Umkehr, das Marx dann mit dem Revolutionsbegriff auch wieder verfehlt.
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