Die Probleme der drei großen monotheistischen Religionen heute gründen u.a. darin, daß die modernen Naturwissenschaften schon von ihrem Ansatz her das für alle drei Religionen geltende Bilderverbot (so wie die kapitalistische Ökonomie das Zinsverbot) verletzen, ohne daß eine Alternative sichtbar wäre. Der Fundamentalismus, der alle drei Religionen von innen (bei ihren treuesten Anhängern) bedroht, ist insofern eine Antwort auf diese Situation, als er Ausdruck davon ist, daß – wie es scheint – Rettung nur noch auf der Grundlage des Verrats möglich ist, daß der Verrat mit eingebaut ist und nur die Komplizenschaft des Opfers der Vernunft diese Religionen noch am Leben erhält. Diese Komplizenschaft gleicht in allen drei Religionen nicht zufällig der faschistischen, sie ist Ausdruck des Schicksals und der Gewalt der Bekenntnislogik unter den Bedingungen des derzeitigen Stands der Aufklärung.
Durch die Naturwissenschaften (und durch die Form der kapitalistischen Ökonomie) ist die Sünde gleichsam in die Struktur der Welt mit eingewandert; diese Sünde ist die (fast unaufhebbare) Last der Vergangenheit, die sich durch die Reproduktion der Welt hindurch reproduziert, und die durch keine individuelle Moral mehr aus der Welt entfernt werden kann. Es gibt keine reale Beziehung der Moral zur Unschuld mehr; der Begriff der Unschuld selber ist keine moralische Kategorie mehr, sondern einzig eine theologische. Die Vorstellung, daß es auch einen moralischen Begriff der Unschuld gebe, leugnet die Gottesfurcht und befördert das Herrendenken.
Reflexionsbeziehungen sind unkenntlich gemachte Herrschafts- und Schuldbeziehungen; sie begründen den Verblendungszusammenhang. Das Eine ist das Andere des Anderen: Hierin (in dem Primat des Anderen: auch der Personbegriff ist eine Reflexionskategorie und steht unter diesem Primat des Anderen) gründet der Hinweis Rosenzweigs auf die verandernde Kraft des Seins.
Der Raum ist das Modell aller Reflexionsbegriffe: Im Raum ist in der Tat eine Dimension wie die andere. Und das Inertialsystem gründet in der Verräumlichung der Zeit: im Begriff der Bewegung, der die Zeit in eine quasi-orthogonale Beziehung zum Raum setzt.
Die Umkehr wird heute eher durch das Bild von der Heilung von den sieben bösen Geistern beschrieben als durch ihr räumliches Vorbild (obwohl sie hierin ihre Wurzel hat: Im Angesicht und hinter dem Rücken; unter der Herrschaft der Reflexionskategiren verschwinden das Licht und das Angesicht). Das Inertialsystem (als Grund der Reflexionsbegriffe) hat den Begriff der Umkehr nur scheinbar gegenstandslos gemacht.
Idolatrie und Opfer gehören zur Vorgeschichte der naturwissenschaftlichen Aufklärung. Sie sind Frühformen des Herrendenkens (der Objektivation und Instrumentalisierung), das dann in der Form des Inertialsystems und seiner vergegenständlichenden Gewalt sich sedimentiert und stabilisert hat, wie es scheint: fast irreversibel.
Drewermanns Kritik des Anthropozentrismus leugnet das Antlitz Gottes.
Der Personbegriff ist ein Produkt der Bekenntnislogik; seine theologische Anwendung ist der Grund der Selbstzerstörung der Theologie (Wiederkehr des Verdrängten).
Die Universität ist der Grund des Universums. Ist der gekreuzigte Logos nicht ein Realsymbol des Inertialsystems? Und ist das „gekreuzigt, gestorben und begraben“ nicht die Geschichte der Naturwissenschaft (so, daß eigentlich nur noch das „abgestiegen zur Hölle und auferstanden von den Toten“ fehlt)?
Hegel hat am Ende den Abstraktionsprozeß mit der Auferstehung verwechselt. Genau das drückt sich in seinem Begriff der Aufhebung aus.
Hegels Leidensmystik (dem Negativen standhalten) ist gnostisch: er meint, er könne sich mit dem Negativen, den Verhältnissen abfinden, wenn er sie nur durchschaut.
Wer oder was ist Mamre (heiliger Ort mit Terebinthen bei Hebron; Abraham und Isaak)? Und wer sind die kanaanitischen Völker, wenn die Amoriter die Perser sind und die Hethiter die Hethiter?
Die Abraham-Geschichte, die voller Anachronismen ist, wird erst durchsichtig, wenn man die Schwierigkeiten (das Verständnis der Realien) häuft und nicht harmonisiert.
Von Abraham und von Isaak (sowie von den Hebräern in Ägypten; auch noch von anderen?) wird immer wieder gesagt, daß sie als Fremde im Lande leben. (Kann es sein, daß das Verhältnis Elohim / Jahwe mit dem von Herbäern und Israeliten, d.h. mit der Komposition der Schrift zu tun hat?)
Woher kommt diese merkwürdige Rezeption des Begriffs des Philisters in der deutschen Burschenschaftsbewegung?
Gibt es bei Marx Materialien, Hinweise zur Geschichte der Banken?
Die Geschichte der tendentiellen Privatisierung des Christentums (die Umformung der politischen Moral in die christliche Sexualmoral) ist eins mit der Geschichte der Verinnerlichung und Vergesellschaft von Herrschaft (der Immunisierung der Religion gegen Herrsschaftskritik). Sie schlägt heute in einer Weise auf das Christentum zurück, die eigentlich nur noch im Bilde der Selbstverfluchung zu fassen ist.
Zu den Folgen der christlichen Sexualmoral gehört auch die Unfähigkeit, das „Alte Testament“ überhaupt noch zu verstehen. Durch die christliche Sexualmoral sind die Bibel-Leser zu Antisemiten geworden (bis hinein in die christliche Bibel-Wissenschaft).
Adornos Satz über das erste Gebot der Sexualmoral ist ein spätes Echo des augustinischen Satzes: ama et fac quod vis. Die Liebe ist die die verdinglichende und instrumentalisierende Gewalt der Anklage auflösende Macht.
Das Wort Johannes‘ XXIII. „Ich bin Joseph euer Bruder“ trifft den Sachverhalt genauer als er selber wahrscheinlich meinte; darin klingt auch die Rolle Josephs in Ägypten: in der Geschichte der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals und der Enteignung des Volkes, nach.
Zu Anfang: die Wormser Chassidim, nach dem Hinweis auf Hegels Erörterungen zum Problem des Anfangs der Philosophie; am Ende: der Taumelkelch.
Christentum
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12.09.91
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09.09.91
„Ein unreiner Geist, der einen Menschen verlassen hat, wandert durch die Wüste und sucht einen Ort, wo er bleiben kann. Wenn er aber keinen findet, dann sagt er: Ich will in mein Haus zurückkehren, das ich verlassen habe. Und wenn er es bei seiner Rückkehr leer antrifft, sauber und geschmückt, dann geht er und holt sieben andere Geister, die schlimmer sind als er selbst. Sie ziehen dort ein ein und lassen sich nieder. So wird es mit diesem Menschen am Ende schlimmer werden als vorher.“ (Mt 1243ff, Lk 1124ff) Aber es gilt auch: „Seid also wachsam! Denn ihr wißt nicht, an welchem Tag euer Herr kommt.“ (Mt 2442) und „Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet.“ (Mt 2641) – „Als Jesus am frühen Morgen des ersten Wochentages auferstanden war, erschien er zuerst Maria Magdalena, aus der er sieben Dämonen ausgetrieben hatte.“ (Mk 169)
Beschreibt die Geschichte mit dem Tiefschlaf Adams und der Er-schaffung Evas aus einer Rippe einen innersprachlichen Vorgang, ein Hinweis auf den Ursprung der Sprache (nach der Namengebung das Du; Objekt und Adressat)? War die Benennung der Tiere ein Reflex der Benennung Adams, so bildet sich jetzt mit dem Du das Ich (vgl. den „Tiefschlaf“ Abrahams: „große, unheimliche Angst befiel ihn“ – Gen 1512).
Spenglers Hinweis, daß in der modernen Welt die Musik die Stelle einnimt, die in der alten Welt die Statue einnahm, gibt Sinn, wenn man an die Bedeutung der Statue denkt: die Abgeltung des Menschenopfers und die Erinnerung ans Opfer. Die Musik ist die Abgeltung des Opfers der Sprache und die Erinnerung an dieses Opfer (die Erinnerung ans verinnerlichte Opfer). Insoweit ist die Musik auf eine ganz vertrackte Weise christologisch (antimythisch).
Zum Begriff der Hebräer: „der Hebräer Abram“, seine Begegnung mit dem Pharao und Abimelech, dem Philisterkönig; bei welchen der zehn Plagen beruft sich Moses auf den „Gott der Hebräer“? An welchen Stellen in den Philisterkriegen werden die Israeliten von wem Hebräer genannt (Hebräer als Fremdbezeichnung, während die Selbstbezeichnung Israeliten ist – Zusammenhang mit der Abimelech-Geschichte bei Abraham und Isaak)? – Wer hat wann hebräisch gesprochen (die Schrift ist hebräisch, nur Zitate sind aramäisch)? – Steckt der Name Sara in Israel drin, ist Israel von Sara abgeleitet? Weshalb sind die Verwandten Abrahams keine Hebräer, sondern Aramäer?
Ist nicht die Tatsache, daß auch Levi als ein besonderer Stamm erscheint, ein Hinweis darauf, daß auch soziale Schichten in der Schrift völkerähnlichen Status haben können? In Indien ist dieses Verhältnis im Kastenwesen gleichsam geronnen und fixiert worden. Sprechen die indischen Kasten auch unterschiedliche Sprachen?
Was drückt sich darin aus, daß der Jahwist sowohl archaischer als auch jünger ist als der Elohist?
Spricht nicht die Geschichte vom Handel Abrahams mit Jahwe über die Strafe gegen Sodom (was war die Sünde Sodoms?) dafür das Hinkelammert mit seiner Interpretation der Opferung Isaaks recht hat?
In der Exodusgeschichte und in der Geschichte der Philisterkämpfe erweist sich die Selbstbezeichnung Israel als die Innenerfahrung dessen, was von außen Hebräer heißt. Hieran läßt sich die Differenz griechischen Geschichte aufzeigen: Während die Griechen nur den Unterschied zwischen der aktiven Selbst- und Fremdbezeichnung (Hellenen und Barbaren) kannten, handelt es sich bei den Juden um den Unterschied zwischen der passiven Selbst- und Fremdbezeichnung (Israeliten und Hebräer). – Grund zur Hoffnung, scheint mir, liegt darin, daß die Deutschgesinnten in aller Regel kein Deutsch können: Nur so ist der Sonderfall, daß ein Volk für sich nur die passive Fremdbezeichnung kennt (während der Gebrauch des Volksnamens als passive Selbstbezeichnung selbstzerstörerisch ist) nicht nur ein Verhängnis. Der Name der Deutschen ist nicht mehr als Name, nur noch als Reflexionskategorie verwendbar.
Ist die raf eine biblische Zelotenbewegung?
Das Objekt ist der besiegte Feind.
Wer sind die Völker Kanaans, von den Hetitern bis zu den Jebusitern (Ursprung in den Genealogien)?
– Gen 1519: Keniter, Kenasiter, Kadmoniter, Hetiter, Perisiter, Rafaiter, Amoriter, Kanaaniter, Girgaschiter, Hiwiter, Jebusiter;
– Ex 317: Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter;
– Ex 2323: ebenso
– Ex 2328: Hiwiter, Kanaaniter, Hetiter;
– Num 1329: Anakiter, Amalek, Hetiter, Jebusiter, Amoriter, Kanaaniter;
Gottesnamen:
– … aber unter meinem Namen Jahwe habe ich mich ihnen (sc. Abraham, Isaak und Jakob) nicht zu erkennen gegeben (Ex 63)
– vor Pharao, vor Beginn der Plagen: „der Gott der Hebräer … und Jahwe ….“ (Ex 52)
– Erste Plage (Wasser in Blut): „Sag zum Pharao: Jahwe, der Gott der Hebräer, hat mich zu dir gesandt …“ (Ex 716)
– zweite Plage (Frösche): „So spricht Jahwe“ (Ex 726)
– dritte Plage (Stechmücken): „… der Finger Gottes“ (Ex 815)
– vierte Plage (Ungeziefer): „So spricht Jahwe“ (Ex 816)
– fünfte Plage (Viehseuche): „So spricht Jahwe, der Gott der Hebräer“ (Ex 91)
– sechste Plage (Geschwüre): ohne (Ex 98)
– siebte Plage (Hagel): „So spricht Jahwe, der Gott der Hebräer“ (Ex 913)
– achte Plage (Heuschrecken): „So spricht Jahwe, der Gott der Hebräer“ (Ex 103)
– neunte Plage (Finsternis): ohne (Ex 1021)
– zehnte Plage (Tod der Erstgeburt): ohne (Ex 1229)
Melchisedech ist der König von Salem, die Opferung Isaaks fand auf dem Berge Morija statt.
Die Geschichte vom Traum mit den sieben fetten und den sieben mageren Jahren hat ihre Erfüllung in der Geschichte von den sieben fetten Jahren, in denen der Pharao sich die Überschüsse der Ernte des Landes aneignet, und den sieben mageren Jahren, in denen Joseph die Armut des Landes ausnützt, um die Bauern ins Eigentum des Pharao zu überführen, nachdem sie ihr Geld, ihr Vieh und schließlich ihr Land gegen das Getreide in Zahlung gegeben haben. Das ganze erinnert an den Satz Hegels, daß die bürgerliche Gesellschaft bei all ihrem Reichtum nicht reich genug ist, der Armut zu steuern, oder auch an die Geschichte von der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals. – Gab es in Ägypten Gefängnisse, und aus welchem Grunde? War es ein Ort für Schuldgefangene, für Straftäter, für politische Häftlinge?
Was reimt sich auf Dorn: Horn, Korn, Born, Zorn, vorn.
Schneisen durch den Dschungel der neuen Unübersichtlichkeit?
Andere führen ihren Hund spazieren, ich führe meinen Gott spazieren; aber der holt mir nicht jeden Knüppel zurück.
Ist es nicht so, daß die Kirche dort, wo sie zu lösen vorgibt, bis heute immer nur gebunden hat, und das aus eben jenem Kleinglauben, der sich heute zur realen Verzweiflung und zur Selbstverfluchung auswächst?
Die spezielle Relativitätstheorie rückt das Zentrum des Systems in jene Lücke im System, auf die das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit hinweist, d.h. auf ein im strengen Sinne systemtranszendentes Element.
Es gibt auch eine historische Anwendung des Inertialsystems, deren Strukturgesetz wird einerseits durch die transzendentale Logik Kants, andererseits durch die Hegelsche Logik des Begriffs beschrieben.
Der Unterschied zwischen der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals und der antiken Schuldknechtschaft scheint darin zu liegen, daß, während diese sich aus der Eigenlogik der wirtschaftlichen Entwicklung ergab, jene etwas Gewolltes und bewußt Angestrebtes war, wobei jedoch auch hier der Wille sich am Ende nur als ein Moment im System erwies.
In welcher Beziehung steht der Turmbau zu Babel zur Regenbogengeschichte?
Der Beweiszwang entspricht dem Bekenntniszwang, beide vertreiben die Erkenntnis, die Einsicht aus der Wahrheit. Das ist der Grund für das Mißlingen jeglicher Apologetik.
Die moderne Astronomie versündigt sich gegen das Herrschaftsgebot der Genesis, indem sie nicht nur die Erde, sondern auch den Himmel versucht sich untertan zu machen. Allerdings hat hier die Theologie in der Geschichte der Dogmenentwicklung die nötige Vorarbeit geleistet. – Gott hat den Menschen nach seinem Bilde erschaffen; der Mensch hat den ganzen Kosmos dem Bilde der Erde nachgebildet (und so dem Totalitätsbegriff der Natur unterworfen).
Titelvorschlag: Objektivation und Instrumentalisierung?
Wie steht es mit den Realien zu den Geschichten Rut, Judit, Ester, Tobit, Hiob, Jonas? Sind die historischen Überlagerungen vergleichbar mit denen der Abraham-Geschichte? (Nach Franz von Baader hat die Schrift insgesamt apokalyptische Bedeutung.)
Die Gleichnamigmachung des Ungleichnamigen (die babylonische Sprachverwirrung) in der Theologie.
Idolatrie und Opfer gehören zur Genese des Eigentumsbegriffs. Und diese Geschichte des Eigentumsbegriffs wird fundiert und abgesichert durch Geschichte und Struktur des Weltbegriffs. Die Phasen dieser Geschichte lassen sich ablesen an den Gestalten der Kulturen (der Religionen und der Kulturen, bevor sie durch den Säkularisationsprozeß neutralisiert und musealisiert worden sind). Religionen sind geronnene Formen der subjektiven Verarbeitung der Eigentums- und Rechtsgeschichte. Der heutige Atheismus ist darauf zurückzuführen, daß die Verdrängung heute soweit gediehen ist, daß man glaubt, diese Verarbeitung nicht mehr nötig zu haben.
Bei Heinsohn hängt die Naturkatastrophentheorie, aus der er dann die Genese des Opfers (den Ursprung des Monotheismus und des Geldes) ableitet, erkennbar mit seinem Ökonomiebegriff zusammen, aus dem er die genetischen Zusammenhänge weiterhin heraushalten möchte. Deshalb braucht er die Naturkatastrophen als Mittel der Erklärung.
Ist die lateinische Version des christlichen Dogmas römische Rechtsmystik (Person- und Eigentumsmystik)? Wenn die Person durch ihr Verhältnis zu anderen Personen und zum Eigentum definiert wird, und diese Verhältnis als allgemeines sich im Geld vergegenständlicht, dann gab es für das Christentum keine andere Form der Auseinandersetzung mit dem Mythos als die der Überwindung (nicht der Reflexion, die durch den geschichtlichen Kontext versperrt war). Die Reflexion des Mythos hätte zwangsläufig dem Dogma den Boden, den Grund entzogen. Durch die bloße Überwindung des Mythos hat dieser sich im Dogma (nachdem er unkenntlich geworden ist) reproduziert.
Entspricht das, was Hinkelammert als Schuldenautomatik analysiert, dem, was heute in der Astronomie „schwarze Löcher“ heißt?
Arbeit ist die Sühne für die Schuld, nicht Eigentümer zu sein; der Eigentümer ist der Erlöste; und Sünde ist alles, was dem Streben nach Eigentum im Subjekt selbst im Wege steht. Deshalb ist heute Mitleid, Empathie Sünde.
Die Opfertheologie stützt den Eigentumsbegriff und den Rechtsstaat.
Die endgültige Trennung von Begriff und Objekt gründet in der Verselbständigung des Objekts, die durch die reinen Formen der Anschauung vermittelt ist. „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren.“ In diesem Zustand ist der Islam geblieben, weil er das Verhältnis der Arbeit zum Sündenfall (Arbeit als säkularisierter Kampf gegen den Sündenfall) nicht kennt. (Vgl. die Hegelsche Bemerkung über den prosaischen Charakter der modernen Kleidung in seiner Ästhetik.)
Das „die Schuld der Welt auf sich Nehmen“ schließt den Abstieg zur Hölle mit ein.
Die Welt ist die Welt des potentiellen Eigentums (nach universaler Ausbreitung des Tauschprinzips), die Natur die der gegenständlichen Objekte (Produkt der unendlichen Ausdehnung des Raumes).
Daß sich Hegel zufolge der Begriff in der Natur nicht halten kann, reproduziert sich im Absoluten als die Trunkenheit aller seiner Glieder.
„Sein Erlauten“ (Buber) statt „Spruch des Herrn“: Buber ist nicht selten (sowohl in der Bibel-Übersetzung als auch in seinen theologischen Schriften) der Verführungskraft einer Archaik erlegen, die auf feudale Verhältnisse zurückweist; deren Erbe ist aber ist die Verwaltung, nicht die Theologie.
Büchner: „Wenn ich Gott wäre, ich würde retten, retten.“ – „Ich fühle mich wie zernichtet unter dem gräßlichen Fatalismus der Geschichte.“ – „Mit einem Lachen ergriff der Atheismus in ihm Platz.“ -
04.09.91
Die Astronomie ist die Babel-zugehörige Wissenschaft: ist sie Teil des Turmbaus zu Babel? In welchem Verhältnis steht die babylonische (chaldäische) Astronomie zur Tempelwirtschaft?
Machtfrage werden in der Kindheit entschieden. Die instrumentelle Nutzung des Liebesentzugs erzeugt die Bekenntnis-Logik und die Bekenntnis-Mentalität, mit all ihren Folgen: Lösung von Schuldfragen durch Projektion; Veränderung, Zerstörung der Erinnerung; Messung der Wahrheit am Urteil der Herren, Zerstörung der Rationalität. Erkennbar sind die Folgen der Bekenntnis-Logik daran, was wann unter Begründungszwang gesetzt wird (Zusammenhang der Heideggerschen „Sorge“ mit der Herrschaftsstruktur der Fundamentalontologie; es ist diese „Sorge“, die sich mit Vermutungen und Unterstellungen in die Privatangelegenheiten anderer einmischt, aber hierbei nicht helfen, sondern nur sein Besserwissen, seine Autorität, unter Beweis stellen will; es ist diese Sorge, die ihr Objekt von der Außenwelt und von der eigenen Bewältigung seiner Probleme aussperrt, es in die symbiotische Inzest-Bindung zurückzwingen will: Modell der Naturbeherrschung, Funktion der subjektiven Formen der Anschauung hierbei?).
Indem die Frauen sich selbst durch ihre Unterwerfung unter die Mode und die Privatsphäre durch Unterordnung unter das Ansehen dem Urteil der Welt unterwerfen („was mögen andere über uns denken?“), werden sie zu Hütern des Vorhandenen (der Natur), während die Männer dagegen das Gesetz der instrumentalen Praxis (des Zuhandenen) repräsentieren: beides sind eigentlich nur zwei Aspekte einer Sache. Die männliche Autonomie ist die der Beherrschung des Zuhandenen, die dadurch selber zu etwas Zuhandenem wird, während die Unterwerfung unter das Urteil der Welt die Frauen zu Multiplikatoren dieses Urteils machen, durch das sie sich gegenseitig in Schach halten.
Ist der Webersche Begriff der puritanischen Askese (der Zusammenhang von Rationalität und Sexualität) nicht doch schon teleologisch in der frühkirchlichen Dogmenentwicklung angelegt? In diesen Kontext paßt das Schicksal der (verdrängten und korrigierten) Erinnerung an Maria Magdalene, der einzigen Heiligen, die es aufgrund ihrer Umkehr geworden ist.
Steht bei Spengler etwas über die Geschichte der Banken und des Geldes:
– Banken und Tempelwirtschaft,
– mittelalterliche Restitution des Bankensystems: doppelte Buchführung und Vatikan-Banken;
– Kleidung der Bänker im 19. Jhdt. als Modell der Zivil-Kleidung seitdem überhaupt: Modell des zivilisierten Menschen; Archaik der rituellen Gewänder in Recht, Religion, Militär; Unterscheidung zwischen männlicher und weiblicher Kleidung (in welcher Beziehung stehen Hose und Rock, sowie die Bänker-Krawatte zur Geldwirtschaft)?
Die Kollektivschuld-Diskussion ist durch den Trick abgewürgt worden, daß unterstellt wurde, es ginge um die Zurechenbarkeit von Handlungen, während es in Wirklichkeit um die Zurechenbarkeit von Unterlassungen ging, d.h. um eine ebenso reale Schuld, die nicht durch den Begriff der Kollektivscham zu ermäßigen war.
Ist das Sumerische als agglutinierende Sprache eine besondere Sprache, der man dann auch ein besonderes Volk substituieren muß (vorausgesetzt, hier gilt auch bereits die Zuordnung von Sprache und Nation), oder ist es nicht ein technisches Instrument. Hier genügt nicht die bloß formale Beschreibung von Grammatik und Sprachstruktur, sondern wichtig wäre die Ermittlung des cui bono, des technischen terminus ad quem. – Im Sumerischen sind (wenn ich’s richtig verstehe) die Wörter (die Stammbegriffe) Substanzbegriffe, während ihre nominale oder prädikative Qualität sowie deren Konjugation und Deklination durch Präfixe, Infixe und Suffixe bestimmt werden: reine Trennung von Form und Inhalt. Ist das der Beginn der Anpassung der Sprache an die Mathematik, und ist diese Sprache wirklich gesprochen worden?
Unterschied zwischen der sumerischen und den semitischen Sprachen: auch in dem semitischen Sprachen gibt es die Wortstämme, die dann durch Modifikationen ihrer grammatischen Bedeutung funktional angepaßt werden.
Einfluß der Schrift (Selbstobjektivierung des Gedankens, Ursprung der Reflexion) auf die Struktur der Sprache (Vergegenständlichung als Vergesellschaftung und Grammatik; logische Durchbildung; Ausbildung der Ausdruckskraft; Technik und Magie).
Der Ursprung der Sprache muß in etwas gelegen haben, was man den seligen Sprachgeist nennen könnte, mit dem immanenten Anspruch, das Ganze durchsichtig zu machen und aus dem Ganzen heraus auch das Einzelne zu begreifen. Dieser „selige Sprachgeist“ ist dann in einer Geschichte (der Geschichte der Schrift?), auf die der Mythos von der babylonische Sprachverwirrung verweist, in einen Verarbeitungsprozeß hineingezogen worden, in dem sich dann die verschiedenen Sprachfamilien herausgebildet haben.
Was mit Griechenland und Rom eingetreten ist (Sprache als Einheit von Herrschafts- und Erkenntnismittel; Ursprung des Weltbegriffs), diese Potenzierung der babylonischen Sprachverwirrung, die reflektierte Idolatrie, war mit den Mitteln der jüdischen Tradition (mit dem Bilderverbot) nicht mehr zu bewältigen; diese waren ohnmächtig gegen den griechischen Mythos, aber dieser Ohnmacht ist nicht das Judentum, sondern das Christentum zum Opfer gefallen. Das ist zu erkennen an der bis heute unerledigten Auseinandersetzung mit dem Mythos und mit der Philosophie.
War Tertullian Jurist? Augustinus war ein vom Manichäismus zum Christentum bekehrter Rhetorik-Professor (Winkeladvokat?). Indem Augustinus die Kirche zum Subjekt gemacht hat, hat er ihr ein nur leicht entschärftes manichäisches Erbe übergeben.
Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn: Ist das nicht der Inbegriff eine politischen Philosophie?
Mechanik und Gravitationsgesetz: Wenn ich mit meinem Kopf gegen die Wand renne, dann geht es nach der Mechanik nicht um Kopf und Wand, sondern um die Beziehung zweier träger Massen; alles andere verschwindet dahinter. Ähnlich reproduziert das Gravitationsgesetz, das die darunter fallenden Erscheinungen in eine Äquivalenzbeziehung zur Mechanik bringt, dessen Kraft, das Ungleichnamige gleichnamig zu machen: es sind nicht mehr Sonne und Erde, die hier in Beziehung gesetzt werden, sondern zwei schwere / träge Massen. Dahinter verschwindet, was Sonne und Erde sonst noch sind. Der Rationalisierungsgewinn wird erkauft mit einem Verlust an Erkenntniswert.
Durch die Entdeckung der Lichtgeschwindigkeit ist das Bewegungsmoment des Raumes verschoben worden auf die Bewegung des Lichtes im Raum (Zusammenhang mit der Entdeckung des Gravitationsgesetzes?).
Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit verändert auch die Subjekt-Objekt-Beziehung im Inertialsystem: Beide, Subjekt und Objekt, unterscheiden sich durch ihre Beziehung zur Lichtgeschwindigkeit: als Leuchtendes und Beleuchtetes (in ihrer paradigmatischen Gestalt sind beide Adressaten des Herrschaftsauftrags im Schöpfungsbericht: Sonne und Mond sollen herrschen über die Zeiten …; und die Planeten kreisen gemeinsam mit der Erde um die Sonne, während der Mond um die Erde kreist).
Ist Maria Magdalena, die von den sieben bösen (Planeten-?) Geistern Befreite, die erste Erlöste überhaupt gewesen?
Das Bekenntnis zum Rechtsstaat enthält die Distanz zu den Objekten des Rechts als notwendiges Moment in sich. Aber jeder ist als Rechtssubjekt zugleich Objekt des Rechts, d.h. er hat in sich selber etwas, von dem er sich distanzieren, das er verdrängen muß. Die Institutionen des Rechststaats, insbesondere die Vollzugseinrichtungen, sind Stützen dieses Verdrängungsapparats.
Das Bekenntnis ist das Medium und die Grundlage kollektiver Konkurrenzverhältnisse.
Gibt es Länder mit eigener Währung, aber ohne Militär?
Abraham: Vater der Menge; Sara: die Fürstin;
Isaak: Er lacht; Rebekka: „saginata“ (die Gemästete?);
Jakob: er möge schützen / er betrügt; Israel: El streitet / El herrscht; Lea: Kuh / Rahel: Mutterschaf.
Sara hat’s mit dem Pharao und mit Abimelech (ebenso Rebekka); Rebekka und Rahel werden am Brunnen getroffen (Bedeutung des Brunnens).
In jedem Menschen das Ebenbild Gottes erkennen und ehren: davon scheint nur der Götzendienst, die Idolatrie (die Bekenntnislogik), zu dispensieren. -
30.08.91
Das Verständnis der speziellen Relativitätstheorie, ihrer Beziehung zum Objekt, dürfte nicht schwieriger sein als das des Bankengeschäfts und seiner Beziehung zur Wirtschaftsstruktur (vgl. Baecker: Womit handeln die Banken? Ffm 1991).
Der Verdinglichungsmechanismus besteht darin, daß ich etwas zu einem Ding mit festen Eigenschaften mache: z.B. jemanden, der gemordet hat, zu einem Mörder. Ich mache so eine Tat zu einer festen Eigenschaft, die sich nicht mehr ändern läßt; das Prädikat zu einer begrifflichen Bestimmung des Subjekts: zum Begriff. Auch der Adelstitel ist ein „Prädikat“, und jedes Prädikat eine Bewertung. Genau diesem Konzept gehorcht auch der Antisemitismus und der ist ohne den Rassismus ebenso wenig zu haben wie die Nobilitierung eines ganzen Volkes durch den gleichen Arier-Rassismus. Dieser Antisemitismus hat seine nur scheinbar harmlosen Vorläufer in der nationalistischen Geschichtsschreibung, zu deren Folgen unter anderem neben der antisemitischen Interpretation der ebenfalls national verstandenen Propheten und der Schrift insgesamt auch die Erfindung der Sumerer gehört. Modell dieses Verdinglichungskonzepts sind die Naturwissenschaften, die ein System aus lauter Prädikaten sind. Hier liegt der Ursprung der Mathematik, deren Vorgeschichte unter diesem Gesichtspunkt zu prüfen wäre (Sprache der Sumerer, „Turmbau zu Babel“, Ursprung der Idolatrie).
Die Ontologie entspringt mit dem Staat und mit dem Weltbegriff und stabilisiert beide; sie ist Erbe der Idolatrie und des Opfers; ihr genetisches Zentrum ist die Schicksalsidee.
Bei der Benennung der Tiere hat Adam nur die Arten benannt; die sind aber keine „Gefährten“ des Menschen.
Warum wendet Luhmann seine Systemtheorie nicht auf die Physik an?
Rechtfertigt Baecker („Womit handeln die Banken?“, Ffm. 1991) durch sein Konzept nicht die Funktion der Banken in diesem Wirtschaftssystem auf eine Weise, die eigentlich Anlaß zu begründetster Sorge wäre? Die Risiken, die die Banken verwalten und gegen die sie sich durch ihr Mangement absichern müssen, um die Stabilität des Wirtschaftsprozesses zu sichern: die Konsequenzen sind deutlich geworden in der „Wende“ in der deutschen Nachkriegspolitik, als alle Leute begriffen haben, was passiert, wenn diese Grundfakten nicht beachtet werden. Diese Risiken sind nur die offen zutage liegende Kehrseite der Verhältnisse, die die Existenz der Mehrheit der Bevölkerung bedroht.
Was würde eigentlich dabei herauskommen, wenn heute jemand Rosa Luxemburgs „Akkumulation des Kapitals“ und Rudolf Hilferdings „Finanzkapital“ auf den heutigen Stand der Dinge fortschreiben würde?
Die Katastrophen dieses Jahrhunderts, aus denen wir soviel gelernt haben, daß wir sie zur Zeit in die Dritte Welt exportieren, waren ja keine bloß ideologischen, sondern reale ökonomische Katastrophen.
Die Kreditschöpfung: eine creation ex nihilo. Beim deutschen Schöpfungsbegriff schwingt die Assoziation mit, daß jemand mit einer Schöpfkelle aus einer Flüssigkeit (einer Ursuppe gleichsam) „schöpft“. Das Flüssige, das Wasser (der erste Begriff der Philosophie übrigens), hat in biblischem Zusammenhang die Nebenbedeutung sowohl der Schuld, des Schuldzusammenhangs, als auch der Völker. Der Chaosdrache und das Tier aus dem Wasser gehören hier her. Aus einem solchen Medium (der Schuld und ihres kollektiven Ursprungs) „schöpft“ auch die „Kreditschöpfung“. -Ist das Geld, das eine Bank im Falle eines Kredits verleiht, real oder spekulativ; oder: ist diese Alternative real?
Die Frage „Womit handeln die Banken?“ ist präziser zu beantworten, wenn man den Baecker aus dem Verblendungsbann der Systemtheorie herauslöst. Die Banken handeln mit dem Tod, dessen Nichts so real wird.
Der real existierende Sozialismus ist u.a. daran gescheitert, daß er das Problem der Beziehung von Theorie und Praxis nicht ernst genug genommen hat. Die Vorstellung, die auf der unreflektierten Tauschprinzip-Theorie basiert, daß der Marxismus ein gleichsam technisches Konzept zur Beherrschung der wirtschaftlichen Prozesse biete, die die kapitalistischen Folgen vermeidet, war falsch. Dieser Instrumentalismus war ohne einen dann allerdings nur dilettantisch gehandhabten (Staats-)Kapitalismus nicht möglich. Der hatte dann weit schlimmere Folgen als der reale Kapitalismus. Lukacz hat das in „Geschichte und Klassenbewußtsein“ noch gewußt, dann aber schnell (und verzweifelt) verdrängt. Daß in diesem System dann so abenteuerliche Existenzen gedeihen konnten wie Schalck-Golodkowski, auch Mielke und Honegger, war kein Zufall. Zugrunde lag das durch die christliche Tradition abgesegnete Bekenntnis-Syndrom: die Vorstellung, daß das Bekenntnis zur Wahrheit hinreiche, um diese Wahrheit real werden zu lassen; sie hat wie im Christentum nur die schlaue Heuchelei und die Gemeinheit befördert und honoriert. Dadurch unterscheidet sich der Zusammenbruch des Sozialismus von der Niederlage des Faschismus, daß er die (durch Mißbrauch als Bekenntnis-Ideologie diskreditierten) Mittel, die eigene Situation zu begreifen, den Opfern aus der Hand geschlagen hat, und daß jetzt das Land Sündenböcke braucht. Deshalb glaubt man, die Probleme auf dem gleichen Bekenntniswege lösen zu können, der in die Katastrophe hineingeführt hat, während gleichzeitig diejenigen, die wirklich an den Hebeln der Macht sitzen, es besser wissen und sich ins Fäustchen lachen.
Die Wahrheit opponiert nicht der Lüge, sondern dem „Falsch-Zeugnis-Geben“. Die Lüge gehört bereits in den Kontext der verdinglichten, entmächtigten Wahrheit; Grundlage ist der Weltbegriff. Franz Rosenzweigs Begriff der „Bewährung“ macht das praktische (in letzter Konsequenz das herrschaftskritische) Moment an der Wahrheit kenntlich. Dieses Moment haben Juden unter der Idee der Heiligung des Gottesnamens verstanden (und die Christen – wie ihre eigene Theologie insgesamt – nicht verstanden).
Der Ödipus-Konflikt ist ein welthistorischer Konflikt, und zwar sowohl individuell wie auch gesamtgesellschaftlich. Die Möglichkeit der objektiven Anwendung des Verdrängungsbegriffs gründet in seinem Verhältnis zur Zeit. Verdrängt wird etwas Zukünftiges und Vergangenes zugleich, oder mit der verdrängten Vergangenheit wird zugleich ein Stück Zukunft verdrängt. Dieser Verdrängungsmechanismus konstituiert seit den Anfängen der griechischen Philosophie bis hin zu den modernen Naturwissenschaften den Begriff. (Dazu ein direktes Bespiel: Zwei Sechsjährige, ein Junge und ein Mädchen, fahren mit ihren Fahrrädern daher; ein anderer Sechsjähriger ruft den beiden mit offenkundig hämischem Ton nach: „Na, ihr beiden Verliebten.“)
Zur Konstruktion der Häme: Hier vermischt sich aufs trübste der Gestus der moralischen Überlegenheit, des moralischen Urteils, mit dem des schlecht verhohlenen Neids gegen den, über den man sich erhaben dünkt, indem man sich mit dem moralischen Urteil gemein macht.
Die Erkenntnis des Guten und Bösen ist die Klugheit der Schlange („Seid klug wie die Schlangen …“); sie ist die Erkenntnis auf die sich der Begriff der Umkehr bezieht.
Ist die Schöpfung die Umkehr des Chaos, und der Geist über den Wassern das Prinzip dieser Umkehr?
Sind Jahwist und Elohist nicht nur nebeneinander existierende (aus „verschiedenen Quellen“ stammende) Teile der Schrift, sondern durch eine Umkehrähnliche Relation aufeinander bezogen, und steckt in dieser Unterscheidung so etwas wie ein innertheologischer Reflex der babylonischen Sprachverwirrung?
Welche Sprachen wurden in Babylon gesprochen außer der sumerischen? Gibt es einen Sprachatlas der Antike?
Nur für die zerstreuten Leser (und die nationale Geschichtsschreibung, die sich an zerstreute Leser wendet) ist der eigentliche Gehalt der Schrift nicht sichtbar. Aber die heutige Schriftauslegung und der heutige Schriftgebrauch aller Kirchen hat die Zerstreutheit zur Grundlage (theologischer Grund ist offensichtlich). Die wesentlichsten Einsichten ergeben sich erst aus dem konzentriertesten Studium der Details.
Die Josephs-Geschichte: oder die Geschichte der Getreide-Versorgung als Teil der Geschichte der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals (des Zusammenhangs von Privileg und Diskriminierung, Askese und Ausbeutung). Er holt die eigene Familie ins Land und liefert sie dem Schicksal derer aus, deren Schicksal er selber durch die Behandlung der Hungerkrise bestimmt hat.
Wie kommen die Philister und Amalek in die Abraham-Geschichte?
Fundamentalisten sind Religions-Hooligans.
Der Dogmatisierungsprozeß, die Entwicklung des Dogmas, vertritt den Ödipus-Konflikt in der Kirchengeschichte.
Konzept:
– Im Angesicht/hinter dem Rücken,
– Objektivation und Instrumentalisierung,
– Raum und Zeit, Geld, Bekenntnis,
– Ödipus-Konflikt: Ursprung des Weltbegriffs, des Säkularisationsprozesses; Philosophie und Ursprung der Weltreiche („Babylon“),
– Begriff und Namenlehre; Herrschaft und Erkenntnis (Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang),
– Herrschaftskritik, Übernahme der Schuld der Welt, Auflösung des Verblendungszusammenhangs, Idee des Heiligen Geistes,
– Anklage, Gericht, Verteidigung, Sprachphilosophie,
– Natur und Welt, oder Bemerkungen zur feministischen Theologie
Rosenzweigs Erinnerung an den Tod: Umwandlung in ein Gedenken der Toten. Der Tod als das Sterben der anderen scheint in Rosenzweigs Konzept zu kurz zu kommen. Darauf bezieht sich die Lehre von der Auferstehung der Toten.
Im Angesicht Gottes leben, schließt die wahnwitzige Hoffnung auf die Auferstehung der Toten mit ein; ist diese Hoffnung als nicht nur kontemplative, sondern als aktive Hoffnung denkbar? Ist eine Praxis denkbar, die dieser Hoffnung entspricht, aus ihr sich nährt?
Zu Reinhold Schneiders Satz „Allein den Betern kann es noch gelingen, das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten …“: Welches Schwert hat er hier gemeint? Das der direkten Bedrohung durch den Faschismus, die Gefahr des Terrors, die Möglichkeit des Martyriums, oder das Schwert, das den bedroht, der durch Komplizenschaft mit dem Faschismus, durch die Mittäterschaft an Auschwitz, mitschuldig geworden ist?
„… und diese Welt den richtenden Gewalten durch ein geheiligt Leben abzuringen“: das scheint schon wieder eindeutig zu sein.
Das „Ehe Abraham war, bin ich“ drückt eine Zukunft aus, die in die Vergangenheit Abrahams hineinscheint und jetzt präsent ist.
Das „hinter dem Rücken“ ist der Verdinglichung äquivalent. Wenn ich eine Sache hinter ihrem Rücken betrachte, nagele ich sie fest auf ihre Eigenschaften, mache ich das Prädikat zum Herrn über das Subjekt, fälle ich ein Urteil (Urteile werden gefällt!), setze ich es als vergangen, als nicht mehr zu ändern. -
27.08.91
Ist Hammurabi die Umkehrung von Abraham/Ibrahim?
Zur biblischen Zeitstruktur: Wann endet die hohe Lebensdauer der ersten Geberationen, und wann beginnt das seitdem übliche Menschenalter? Kann es sein, daß erst nach der Sintflut (Regenbogen) die homogene Zeit beginnt?
Welche Bewandtnis hat es damit, daß Haran sowohl den zweiten Bruder Abrams bezeichnet als auch die Stadt, in die Terach aus Ur in Chaldäa mit Abram hinzieht? (Sind Ur und Haran vielleicht die Exilplätze der Deportierten in Babylon und Assur?)
Lot, dessen Frau zur Salzsäule erstarrt, überlebt nur durch den Inzest. Die Schwiegersöhne sind mit Sodom untergegangen, und Söhne hatte er nicht.
Jakob war der Lieblingssohn Rebekkas; gibt es eine vergleichbare Beziehung zwischen Josef und Rahel oder zwischen Sara und Isaak?
Sara ist die Halbschwester (oder die Nichte: Tochter des Haran?) des Abram, Rebekka ist seine Nichte, und Lea und Rahel sind Nichten der Rebekka.
Hatten auch die Ägypter Opfer, Kulte – welche? Wo liegt generell die politische, kulturelle und religiöse Differenz zwischen Babylon und Ägypten? Läßt sich der Unterschied an dem zwischen dem Turmbau zu Babel und den Pyramiden aufzeigen (oder dem Unterschied zwischen dem hieros gamos und dem Totenkult)? Sind Babylon und Ägypten Abbilder von Himmel und Erde? War die Sklaverei in Ägypten nur politisch-ökonomisch, oder auch religiös: ein Teil des Totenkults?
In welcher Beziehung stehen Melchisedech und Abimelech (bei Abraham/Isaak und im Kontext der Jotam-Fabel)?
Woher stammt die Bezeichnung Hebräerbrief und hat sie etwas mit der Frage, wer denn nun die H. sind, etwas zu tun (vgl. den Bezug auf Melchisedech)?
Für wen sind die Juden Hebräer (außer für die Ägypter und die Philister)? Abraham der Hebräer kommt aus einer aramäischen Familie. Wie verhalten sich Hebräer, Israeliten und Juden?
Muß man in der Schrift nicht doch zwei Ebenen unterscheiden: die zeitlich-historische Ebene (mit einigen Ungereimtheiten) und die Sprachebene (die die philosophische Kritik dann gerne verschiedenen Quellen zuordnen möchte; hier sind deutlich andere Zeitrhythmen und andere Zeitverhältnisse zu erkennen).
Genügt es nicht, nur die Realien zur Schrift vollständig aufzuklären (mit den Ungereimtheiten), allerdings ohne der Versuchung der spekulativen Quellentheorien zu erliegen, um zu sehen, was passiert ist?
Heinsohns Naturkatastrophen-Theorie ist eine Folge davon, daß er die Geschichte der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals verdrängen muß. Deren Äquivalent in der Vorgeschichte ist die Geschichte des Opfers und der Unterdrückung. Heinsohns Abwehr des Tauschprinzips ist Teil seiner Abwehr des Marxismus. Damit aber hängt sein Konzept des Ursprungs des Geldes in der Schuldknechtschaft völlig in der Luft, es wird sinnvoll erst im Zusammenhang mit der Ausbildung der Herrschaft des Tauschprinzips. Die Lücke, die hier entsteht, kann er nur schließen, indem er als deus ex machina die Naturkatastrophen als dramaturgisches Element und als historisches Movens einführt. Sein Konzept gleicht dem der Konstruktion eines Gravitationsgesetzes ohne Inertialsystem. Hier ist der andere Zusammenhang mit dem Sternendienst und der Venus-Katastrophe mit Händen zu greifen.
Die Kanaanäer, Repräsentanten der Kinder- und Menschenopfer, waren die „Händler“. Ist die Opfertheologie ein Hinweis auf die Kanaanisierung des Christentums, die dann als Ritualmord-Legende und als Gottesmord-Vorwurf auf die Juden projiziert wird? (Was ist das „Gelobte Land“?)
Der Zusammenbruch des Römischen Reiches aus der agrar-ökonomischen Entwicklung (aus dem Zusammenbruch des römischen Latifundien- und des Steuer-Systems, das der Latifundien-Wirtschaft endgültig die materielle Basis entzog): nach neutestamentlichen Sprachgebrauch der Zusammenbruch Babylons ist das Modell und das Vorbild dessen, was heute im Verhältnis der Metropole zur Dritten Welt passiert. Hierbei ist zu unterscheiden: die (ideologische) Geschichte des Herrendenkens (des Objektivationsprozesses), die als Verblendungsmechanismus wirkt, und die Realgeschichte der Selbstverfluchung (die Selbststrangulation des Systems durch die realen ökonomischen Mechanismen).
Waren die Anfänge der lateinischen Theologie in Nordafrika (von Tertullian bis Augustinus), die nur zu korrigieren wäre durch die ohnehin notwendige Kritik der Stellung der Sexualmoral in dieser Theologie und die Verschiebung der Erbschuld von der sexuellen Lust auf die moralische Urteilslust („Erkenntnis des Guten und Bösen“), Modell der Befreiungstheologie in der Dritten Welt? So würde der reale Bogen zur Geschichte vom Sündenfall sich schließen, das Nachfolge-Gebot könnte endlich rezipiert werden.
Die Geschichte der naturwissenschaftlichen Aufklärung ist eine präzise nachvollziehbare Konsequenz aus der Geschichte der kirchlichen Sexualmoral; deshalb gehört die Geschichte der Hexenverfolgung zu den Voraussetzungen der Geschichte der naturwissenschaftlichen Aufklärung.
Die Vergeistigung des Martyriums, der Zeugenschaft, zur Konfession ist Beginn der Geschichte der Leugnung und der Grund der christlichen Verfallsgeschichte. Hier wird das reale (äußere) Leid verinnerlicht zum Selbstmitleid, und dieses Selbstmitleid, durch die das Selbsterhaltungsprinzip in die Religion einwandert, wird stabilisiert durch die (vergegenständlichte) Lehre von der Unsterblichkeit der Seele. Unsterblich ist das Selbstmitleid, nicht die „Seele“. Auch hier ist die Differenz zur Wahrheit minimal, aber eine Differenz ums Ganze; es gibt eine Gestalt der Lehre von der Unsterblichkeit, die vom Selbstmitleid unberührt bleibt: sie gründet in der Lehre vom Jüngsten Gericht, in der Vorstellung, daß am Ende jeder wird Rechenschaft ablegen müssen über sein Tun und Unterlassen. Die Konsequenz hieraus ist die Pflicht zur Erinnerungsarbeit, die nicht nur auf die individuelle Vergangenheit sich bezieht, sondern – insbesondere nach Auschwitz – auf die ganze Geschichte der Menschheit: auf die Schuld der Welt und die Last der Vergangenheit, die auf uns lastet; diese Erinnerungsarbeit steht unter dem Gesetz des Nachfolge-Gebots.
Wenn ich über jemanden rede, versetze ich ihn in den Akkusativ: in den Anklagezustand, setze ich ihn unter Rechtfertigungszwang. Aber in diesen Anklagezustand versetzen uns nicht mehr Personen (obwohl wir hier grundsätzlich zu Personalisierungen neigen), sondern sind wir hineingeraten durch den Stand des historischen Objektivationsprozesses, durch den Zustand der Welt (als gegenständlichem Inbegriff des Objektivationsprozesses). Dieser Anklagezustand hat seine eigenen Urteils- und Exkulpationsgesetze, die leicht mit religiösen Gesetzen verwechselt werden, nicht zuletzt deshalb, weil Religion so gleichzeitig zur eigenen Exkulpation und als Herrschaftsmittel genutzt (mißbraucht) werden kann. Hier ist der Erzeugungsautomatismus (deren Modell und Vorbild einmal die Idolatrie war), der – nach einem Wort Martin Bubers – Erlöste in einer unerlösten Welt produziert.
Confessio triplex,
– scilicet actus exterior fidei vel justitiae,
– actus latriae, scilicet gratiarum actio et laudatio dei,
– et actus poenitentiae, scilicet confessio peccatorum.
(S.th. 2, 2 q. 3, 1, ad 1)
Blasphemia opponitur confessio fidei (S.th. 2, 2 q. 13, 1).
Über das Nachfolge-Gebot, die Übernahme der Schuld der Welt, hängt das Glaubens-Bekenntnis (als Bekenntnis des Namens) mit dem Schuld-Bekenntnis zusammen (und wird sein logischer Status definiert). Erst der Bekennende kann Ich sagen (aber dieses Ich ist nicht das Absolute).
Der Antisemitismus ist in seiner Wurzel antimessianisch; beide Begriffe sind austauschbar. -
26.08.91
Max Webers Probleme bei der Darstellung der Verhältnisse in der Alten Welt, insbesondere sein Begriff des Idealtypus, sind Folgen seines Geschichtskolonialismus, d.h. Folgen der Anwendung von Kategorien, die definiert sind nur im Rahmen der zeitgenössischen politischen Ökonomie. Die Brüche in der (nur sich „annähernden“) Darstellung sind Folge des projektiven Gebrauchs der Begriffe, deren unreflektierte Anwendung auf die Ursprungsgeschichte zwangsläufig zu Fehlern und Mißverständnissen führt (bis hin zu antisemitisch verwertbaren Konstruktionen). Das Ganze ist Folge seines unhistorischen (durch den Endzweck seines Rationalisierungsbegriffs vorgeprägten) Weltbegriffs. (Vergleich Weber / Lukacs und Planck /Einstein?)
Die Historisierung der Welt, die Einbindung der Welt in den historischen Prozeß, führt darauf, daß der Antisemitismus in diesem Weltbegriff verankert und jedenfalls keine bloße Gesinnungsfrage ist.
„An den Wassern zu Babylon saßen wir und weinten …“ (Ps 1371).
Hängt die Reinlichkeitsneurose deutscher Frauen, der Zwang, jede Spur von Staub zu tilgen, mit ihrer Feindschaft mit der Schlange, die dazu verurteilt wurde, Staub zu fressen, zusammen?
Wenn die Entwicklung ihrer eigenen Logik weiter folgt, ist nicht auszuschließen, daß auch die Rechtsversicherung zu einer Pflichtversicherung – wie die Kranken-, die Haftpflicht- und die vorgesehene Pflegeversicherung – wird. – Anwendungsbeispiele für die Staubgeschichte (Adam: Staub bist du und zu Staub wirst du wieder werden; zu dem Staub, den dann die Schlange frißt?
Die Mühlen als Symbol des Todes (vgl. Benjamins Wahlverwandschaften) passen in diese Staubgeschichte herein.
Die Bedeutung des Inertialsystems scheint darin zu liegen, daß die Betrachtung „hinter dem Rücken“ allseitig wird (komplettiert wird zum System wie der Kapitalismus durch das Institut der Lohnarbeit, die Subsumtion der Arbeit unters Tauschprinzip, durch die Begründung eines Marktes für Arbeit, Güter und Kapital), das aber zugleich den genauen zeitlichen Charakter dieser Sicht mit einschließt, nämlich die Subsumtion unter die Vergangenheitsform.
Der Objektivationsprozeß ist der Sturz. Und wenn die Naturwissenschaft die Welt im Zustand des vollendeten Sündenfalls abbildet, dann deshalb, weil über die Naturwissenschaft die Welt in diesen Sturz, dessen Bahn durch das Herrendenken vorgezeichnet ist, mit hereingezogen worden ist.
Sind die Äste, Zweige, Blätter der Bäume, auch ihre Blüten und Früchte, nicht sozusagen Luftwurzeln (Luft- und Lichtwurzeln)? -Wie verhält sich der Baum der Erkenntnis zum Baum des Lebens? Im gleichen Kontext bezeichnet das Erkennen auch das Zeugen. Kann es sein, daß die gleiche Frucht, die die Frucht des Lebens gewesen wäre, durch die Trennung vom Baum zur Frucht der Erkenntnis wurde, der Erkenntnis des Guten und Bösen, d.h. des richtenden Urteils; war der Sündenfall nur ein falscher Gebrauch? Was Anfang war, ist hier zum Ende geworden; es muß sein Ende erst wieder einholen, ehe es in den Anfang zurückkehren kann. Blochs Bemerkung, daß der Anfang am Ende sein wird, könnte damit zusammenhängen (vgl. auch Ebachs „Ursprung und Ziel“).
Kann es hiernach sein, daß auch die Physik auf die Umkehr harrt? – Der Umkehrpunkt in der Physik läßt sich bezeichnen: er liegt im Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit.
Zur Konzeption des Inertialsystems gehören die drei Elemente: Raum, Zeit und Materie; diese drei Elemente spiegeln sich in der Dreidimensionalität des Raumes, sie haben etwas mit dem Werden der Vergangenheit zu tun. Ist die Dreidimensionalität des Raumes, in dem sich dann die Dinge (von den Photonen bis zu den Sternen) nicht nur bewegen, sondern auch als Dinge konstituieren, nicht auch bloßer Schein, der mit Gewalt durchgesetzt wird und dabei die entscheidenden Differenzen verdrängt und unterdrückt. Ist nicht der Raum selbst in die Bewegung mit hereingezogen, Objekt einer Bewegung, deren Subjekt zu sein er vortäuscht.
Über diese Bewegung des Raumes gibt Aufschluß die Geschichte der Banken, des Geldes, des Finanzkapitals.
Das Inertialsystem ist insgesamt ein selbstreferentielles System, und die Mechanik (unter Voraussetzung der metrischen Komponenten des System, Raum Zeit und träge Masse) reine Mathematik. Erst im Prozeß der Vergegenständlichung von Raum und Zeit, der Verräumlichung der Zeit, kristallisiert sich als ergänzendes metrisches Moment die träge Masse aus, die dann als äußerliches Ding in dieses System hereinkommt: und zum reinen namenlosen Objekt wird.
In der Bindung des Weltkonzepts an die Anschauung vollendet sich die Erkenntnis, daß „sie nackt sind“. Aber die Scham wird übermächtig (trifft vor allem die Tiere) und überschwemmt das ganze System. Die menschen verbergen ihr Angesicht und das Angesicht der Erde ist nicht mehr auffindbar.
Hat die Erfindung der Sumerer etwas zu tun mit dem letzten, verzweifelten Versuch, angesichts des Erkenntniskontinuums, das da war, den fernen Blick zu retten, der nicht zu retten gewesen wäre, wenn man die Sumerer gleich als die Chaldäer erkannt hätte. Und der Spenglersche Versuch einer Kulturmorphologie, der Versuch, die Einheit der Weltgeschichte zu sprengen und durch die Einheit eines abgehobenen kulturmorphologischen Modells zu ersetzen, das dann dem Gesetz der ewigen Wiederkehr unterliegt, scheint hiermit zusammenzuhängen. Der Zwang, die Sumerer zu einem besonderen Volk zu machen, rührt her von dem modernen Konzept der Einheit von Volk, Nation und Sprache, das so auf die Alte Welt nicht übertragen werden kann. Diese Bemerkung gilt u.a. auch für das „Volk“ der Hebräer. Einer der letzten – und vielleicht auch problematischsten – Ausläufer dieses Nationalbegriffs ist der Zionismus.
Gibt es zu dem Cherub mit dem flammenden Feuerschwert, der die Pforten des Paradieses bewacht, in der jüdische Tradition (Talmud, Mischna oder Mystik) Hinweise oder Interpretationen?
Ist die Idolatrie der Anfang des Objektivations- und Instrumentalisierungsprozesses, der sein Telos im Inertialsystem findet?
Die neuere französische Philosophie ist auf das Probleme des Anderen, des Fremden abgestimmt; sie wäre durch das Votum für die Armen, durch die Verteidung der Armen, zu ergänzen.
Kann es sein, daß der Konstruktionsfehler des Stern der Erlösung darin liegt, daß in der Konstruktion der Welt deren beide Elemente umgekehrt zu fassen sind: erst das B und dann das A (B=A, nicht A=B): so würde deutlicher, daß das A ein durchs B Provoziertes ist; oder daß Subjektivität (als Inbegriff des Allgemeinen) nicht das Erste und das Allgemeine nicht der Ursprung ist.
Das tode ti des Aristoteles ist das Inertialsystem in nuce.
Die Persönlichkeit ist für sich, was die Person an sich ist, nämlich ein Sein für andere. Deshalb ist die Persönlichkeit (als Ansehen) erlebbar, die Person nicht.
Wie verhalten sich Welt und Natur zu Himmel und Erde? Die Welt ist ein Reflex der Natur, die Natur ein Produkt der Welt. Aber wie hängt das zusammen?
Die jüdische Tradition vom verborgenen Gerechten verweist darauf, daß die Gemeinheit strafrechtlich nicht zu fassen, vom Recht nicht unterscheiden ist. Die Gemeinheit des antisemtischen Topos von der Doppelmoral der Juden liegt darin:
– ihre Voraussetzungen sind durch ein Wirtschaftssystem vorgegeben, das immer mehr darauf hinausläuft, die Gemeinheit der Wahrnehmung zu entziehen; diese Voraussetzungen sind nicht von Juden geschaffen worden, diese sind Opfer des Systems;
– aufgrund der rechtliche Sonderstellung, der die Juden weder aus eigenem Willen noch aus freiem Entschluß unterworfen wurden, insbesondere dadurch, daß nur jene Bereiche im Wirtschaftsleben auch für Juden offen waren, in denen es ohne die Doppelmoral nicht geht, kann ihnen die Doppelmoral nicht angelastet werden;
– Nutznießer dieses Systems sind nicht die Juden, sondern die Raubkapitalisten (unter ihnen auch die Weberschen Puritaner, die ohne dieses System ihre Moral und Gesinnung nicht entfalten könnten), die die Schuldverschiebung (auf die Juden) als Mittel der Exkulpierung nutzen, hinter diesem Vorhang unbehelligt ihren Geschäften nachgehen können.
Ohne die Herren, die sich der Hofjuden bedienen, würde es die Hofjuden nicht geben, und ohne jenes spekulative Geldgeschäft, das nicht nur den Bereich der Börsen und Banken kennzeichnet, sondern längst auch den Gesamtbereich der Produktion beherrscht, würde es den moralischen Kapitalismus, den Max Weber zu beschreiben versucht, nicht geben. Auch der Calvinismus als innerweltliche Askese war Ideologie im Sinne von Rechtfertigung.
Die feinsinnige Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik läuft darauf hinaus, die Verantwortungsethik zu einer Gesinnungsethik zu machen, und sie von jener Verantwortung zu entbinden, die sich aus den Nebenfolgen ergibt. Das Ganze ist eine innere Konsequenz aus dem Rationalisiserungskonzept und aus der Rechtfertigung des Weltbegriffs, die damit zwangsläufig verbunden ist.
Das Selbsterhaltungsprinzip, das bei den Menschen individuell ist, ist bei den Tieren an die Art gebunden. Liegt hier das Bindeglied zwischen Schlange, Inertialsystem, Venus und Babel, sowie dem Cherub mit dem kreisenden Flammenschwert, der Sintflut und dem Regenbogen?
Abraham stammt aus Ur in Chaldäa, aber die Familie ist über Haran gezogen (einer seiner Brüder hieß Haran; ist der in Ur geblieben?). Haran liegt im assyrischen Herrschaftsbereich, näher bei Ninive als bei Ur.
Kommen Sodom und Gomorra (und die drei anderen Städte, von denen zwei in den Untergang mit hereingezogen werden, eine den Namen ändert) außer in der Abraham-/Lot-Geschichte nochmal vor?
Wenn Abraham (der Hebräer, der Fremde im Land) und Isaak (der Schrecken Isaaks) dem Jakob/Israel nachträglich vorgesetzt worden sind, welche Bedeutung hat es dann, daß die Frauen alle aus der (aramäischen) Verwandtschaft Abrahams genommen worden sind und alle Probleme mit der Geburt haben?
Wer ist Lots Frau?
Auch Sprachregelungen partizipieren an der benennenden Kraft der Sprache. Und der Weltanschauungskrieg, der auch ein Vernichtungskrieg war, war nur der Anfang. Der projektive Scharfsinn heute lebt von der dezisionistischen Gewalt der Sprache, indem er die eigene Sprachregelung unkenntlich und unangreifbar macht.
Der Unterschied zwischen „hat gemordet“ und „ist ein Mörder“ ist der Unterschied ums Ganze. Die Rückverwandlung eines Verbs, eines Tätigkeitsworts, in eine Eigenschaft ist der Grund der philosophischen Logik; sie gelingt nur um den Preis der Verwandlung des Täters in ein Ding. Ohne diesen Trick würde es den Weltbegriff nicht geben, würde es Herrschaft nicht geben. Grundlage und Modell dieses Verfahrens (Grund der Hegelschen Reflexionsbegriffe) ist das Inertialsystem. Die gesamte Logik, das „Wer A sagt, muß auch B sagen“, reicht genauso weit wie diese Herrschaftslogik, die eine Verdinglichungslogik ist. Wenn ich dem Subjekt die Eigenschaft (das Prädikat) als feste Bestimmung anhefte, verdingliche ich das Subjekt; und die Härte dieser Verdinglichung zeigt sich daran, daß sie den Begriff besoffen macht (daß – Hegel zufolge – im Absoluten kein Glied nicht trunken ist).
Jesus kann nur das „Ich bin’s“ sagen, weil er die Schuld der Welt auf sich genommen hat. Insoweit ist er auch der gefallene Morgenstern, der Erbe Luzifers, ist er „abgestiegen zur Hölle“).
Bei den Griechen ist es Kronos, der seine Kinder frißt; weshalb ist es bei den Kanaanäern Ischtar, Astarte, der Moloch? Kann es sein, daß der griechische Mythos über den Schicksalsbegriff in die Philosophie hineinführt, weil er von Anfang an ein kosmologicher Mythos war? Der orientalische Mythos ist als ethischer Mythos dieser Auflösung nicht fähig, wird erst abgegolten durch die Ablösung des realen Kinderopfers.
Das Christentum: das gefährlichste Experiment Gottes mit der Welt.
Die narrative Theologie wäre ein Gegenkonzept zur prädikativen, zur Begriffstheologie, wenn sie ohne Willkür noch möglich wäre. Wenn es narrative Theologie noch gibt, dann steckt sie u.a. in den Berichten von Überlebenden aus Auschwitz. Alles andere ist Kunst und Schmücke Dein Heim.
Der Begriff „allseitig“ und der Slogan „der Mensch im Mittelpunkt“ passen aufs genaueste zur dritten Leugnung: Wir sind umstellt.
Wer die Psalmen Rachegesänge nennt, läßt die Grunderfahrung, die sich in den Psalmen ausdrückt, nicht an sich herankommen.
Wann wurde das Symbolum zum Bekenntnis, wann wurde das Credo logisch umgeformt in ein Confiteor? – Mit dem Confessor?
Maria Magdalena, die von den sieben bösen Geistern befreit wurde (Mk 169, Luk 82, vgl. auch Luk 1126): heißt das, daß sie die erste war, die vom Sternendienst befreit wurde (während in der Zahl der Aposteln noch der Tierkreis symbolisiert ist)? Umgekehrt: die Besessenen, deren böse Geister „Legion“ heißen (Mt 828, Mk 59, Luk 826), die dann in die Schweineherde getrieben werden, beziehen sie sich auf die ganze Sternenwelt (Abrahams Nachkommenschaft zahlreich wie die Sterne).
Insbesondere die katholische Kirche entartet immer mehr zu einer Religion für den beliebigen Privatgebrauch. -
12.08.91
Zur babylonischen Sprachverwirrung: Zusammenhang mit der Entstehung des Staates (und der Welt), der staatlich präformierten Sprach- (und Gewalt-)Logik; transzendentale Funktion des „Göt-zendienstes“, Begründung und Absicherung der Nationalsprachen (der Begriffs- oder Subsumtionssprachen), Leugnung und Verdrängung des universalen Anspruchs der Sprache (ihrer benennenden Kraft); Götzendienst als Subjektstütze in einer Welt, in der es einen Ausweg aus dem Schuldzusammenhang nicht mehr gibt, die erträglich zu machen ist nur durch Identifikation mit dem Aggressor (Ursprung der „Religion“). Der Götzendienst ist ein konstitutives Teil der Vergegenständlichung (der Verdinglichung und Instrumentalisierung), deren Geschichte hier, im Kontext des „babylonischen“ Herrschaftssystems, beginnt, und deren erstes Opfer die Unterworfenen selber sind. Hegels Religionsphilosophie beschreibt genau die Geschichte der Idolatrie, und seine Philosophie der Weltgeschichte die Geschichte ihres Resultats.
Gemeinheit ist, weil nicht objektivierbar (deshalb gibt es keine objektive Moral, keine objektivierbaren moralischen Urteile), kein strafrechtlicher Tatbestand, ist juristisch nicht faßbar; im Gegenteil: mit dem Fortschritt des Objektivationsprozesses steigt auch die Gewalt der Legitimation von Gemeinheit, die nichts anderes ist, als dessen „natürliche“ Folge, gleichsam das einbeschriebene Telos des Objektivationsprozesses. Heute läßt sich jede Gemeinheit mit „Sachzwängen“ begründen; und jedes Argument gegen die Gemeinheit läßt sich als ideologisch denunzieren.
Der Antisemitismus bringt die Gemeinheit auf ihren Begriff.
Der Satz „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ läßt sich so übersetzen: Die Welt ist der Inbegriff der Gemeinheit. Und jede Gemeinheit läßt sich mit dem „So ist die Welt“ unwiderlegbar begründen.
Der „Fall“ ist das Vergegenständlichte, Tote: in der Medizin die Behandlung des Leibes als potentielle Leiche. Wo beginnt hier der Verwesungsprozeß?
Ist die Statue Erbe der Mumie, d.h. auch der Versuch, den Toten wie einen Lebenden, wie jemanden, der dem Verwesungsprozeß enthoben ist, vorzustellen? Und welche Bedeutung haben in diesem Kontext das Opfer, der Tempel und die Geldwirtschaft?
Die Kopenhagener Schule hatte gleichsam die Maden im Speck entdeckt und rief aus: Seht, das Schwein lebt.
Hund und Schwein gehörten zu den Tabu-Tieren, zu den unreinen Tieren. In welchem Zusammenhang steht das mit der Geschichte der bösen Geister, deren Name Legion ist, und die Jesus in die Schweineherde fahren läßt? Was bedeutet hier der Name Legion?
Die Regelungen über die reinen und die unreinen Tiere in der Tora, beziehen sie sich nur auf das Nahrungsgebot? Geht es hier nur um Einschränkungen des Noachidischen Nahrungsgebots, oder handelt es sich darüber hinaus auch um eine Korrektur der adamitischen Namengebung? Die Aufhebung der Reinheits-Regelungen im Christentum erfolgt auch über ein Nahrungsgebot (über Petrus in der Apostelgeschichte).
Einige Merkwürdigkeiten aus dem Heiligen-Kalender:
– Heilige Bischöfe gibt es nur, wenn sie gleichzeitig Märtyrer, Bekenner oder Kirchenlehrer waren, während Äbte auch ohne diese besondere Qualifikation heilig werden konnten.
– Bei den Frauen kam es nur darauf an, ob sie Jungfrauen oder Witwen waren; Konfessorinnen oder Kirchenlehrerinnen scheint es nicht gegeben zu haben. Hier gibt es nur die eine besondere Heilige: Maria Magdalena, die als Büßerin geführt wird. Ist sie damit die einzige im ganzen Heiligen-Kalender, die aufgrund ihrer Umkehr (Buße ist die Übersetzung von metanoia) heilig geworden ist? (Dafür hat sie in ihrem Ansehen in der ganzen Kirchengeschichte büßen müssen. – Aber ist sie damit nicht zum Typos der geheimen, in der Geschichte der Häresien gesuchten, aber nicht entdeckten Kirche geworden? Wer sind die sieben bösen Geister: mir scheint, zwei Interpretationen sind auf jeden Fall falsch, die sexuelle und psychopathologische.)
Unkeusch ist imgrunde nur der denunziatorische Gebrauch moralischer Urteile.
Nochmal zum Heiligen-Kalender, zum Confessor, zur Virgo und Vidua, sowie zur Büßerin Maria Magdalena: Hier liegt ein deutlicher Hinweis auf den Zusammenhang des Bekenntnisses mit der kirchlichen Sexualmoral. Vor diesem Hintergrund vermag die Büßerin den verhängnisvollen Zusammenhang nur zu verstärken, indem sie mit dazu beiträgt, die Umkehr zu diskriminieren. Nicht die Jungfrau, die Bewahrung der „Unschuld“, ist das Modell der Heiligkeit, sondern die Umkehr: die Entsühnung der Welt durch Übernahme der Schuld, in die jeder durch sein Leben im Schuldzusammenhang der Welt verstrickt ist. Die Verschiebung des Zentrums von der Politik in die Sexualität, die Diskriminierung der sexuellen Lust anstelle der Lust am moralischen Urteil über andere (insbesondere über das Sexualleben anderer) ist Teil der Verweltlichung des Christentums und steht in der Tradition der Idolatrie.
Die Sünde wider den heiligen Geist, gegen die die schärfste Sanktion ausgesprochen wird (daß sie weder in dieser noch in der zukünftigen Welt vergeben wird), scheint mir der ersten Leugnung zuzuorden zu sein; sie ließe sich festmachen in der Geschichte der Dogmenentwicklung. Diese erste Leugnung zieht dann die anderen nach sich, über die Ketzerverfolgung („was ihr den geringsten meiner Brüder getan habt …“) bis zum Antisemitismus, in dem sie zur Selbstverfluchung fortschreitet.
Hegels Begriff der Aufhebung wäre durch das tollere in dem „Ecce agnus dei, ecce qui tollit peccata mundi“ zu berichtigen. Es ist ein Unterschied, ob ich die Schuld aufhebe, oder ob ich sie auf mich nehme. Nur indem ich die Last vergrößere, vermindere ich sie. Hegels Begriff der Aufhebung steht noch unter dem Bann der Opfertheologie, des stellvertretenden Sühneleidens. Er ist Erbe der Geschichte der Instrumentalisierung des Opfers. Diese Aufhebung gelingt aber nur in der Sphäre des Begriffs; Marx hat sie dann als Ausbeutung dechiffriert. -
09.08.91
Geldwirtschaft gründet in Schuldknechtschaft. Der Aspekt der Herrschaft des Tauschprinzips ist insoweit irreführend, als er das Unaufhebbare am Kapitalismus verdeckt, verdrängt. Die Vorstellung, daß gleichberechtigte Warenbesitzer mit einander tauschen und dafür irgendwann ein allgemeines Tauschmittel, das Geld, einführen, erweckt den Eindruck, als sei der Reichtum schlicht vorhanden, bloß gegeben, und bräuchte im Bedarfsfall nur umverteilt zu werden. Es gibt aber keinen Reichtum, der nicht die Armut zur Grundlage hat, die er selbst produziert. Daß die bürgerliche Gesellschaft bei all ihrem Reichtum nicht reich genug ist, der Armut zu steuern, hängt mit dem Ursprung und dem Begriff des Reichtums zusammen. Die Geschichte vom reichen Jüngling drückt genau diesen Sachverhalt aus.
Es gibt heute – draußen und drinnen – eine Armut, die nicht mehr mit dem Argument zu rechtfertigen ist, die Armen seien selbst schuld, daß sie arm sind.
Gibt es – neben dem Confessor und der Virgo, zu deren letzten Auswirkungen die Penner und die Huren gehören – auch die Heiligengestalt des Gerechten? Diese Gestalt des Gerechten, die kenntlich gemacht hätte, worauf das Ganze hinausläuft, scheint es im Christentum nicht gegeben zu haben. Mit dem Ursprung der Welt ist die Gerechtigkeit zu einer transzendenten, unerfüllbaren Idee geworden, das Recht als seine säkularisierte Gestalt in der verweltlichten Welt ist ein konstitutiver Teil des Schuldzusammenhangs. Erlösung war immer eine Erlösung von der Schuld, aber nicht Befreiung zu einem gerechten Leben. Das drückt sich dann aus in der Idee der Rechtfertigung, dem Kristallisationskern des mythischen Denkens in der Theologie.
Die kantischen synthetischen Urteile apriori und die Kategorientafel sind die Konstituentien des namenlosen Objekts.
Kann es sein, daß der Objektstatus heute nur noch zu ertragen ist, wenn er durch das, was sich heute Musik nennt, übertäubt wird. Beachte die Gesichter von Joggern: ohne Walkman verzerrt, wütend, aggressiv, mit Walkman selig lächelnd.
Heute nagelt das Christentum die Gläubigen an das Kreuz ihres Selbstmitleids, macht sie unsensibel sowie arrogant, böse und stumm.
Die Welt definiert sich gegen die Vorwelt durch die Vergesellschaftung der Gewalt, durch die Installation des Gewaltmonopols des Staates (durch das Recht); oder durch die damit begründete Vergesellschaftung und Internalisierung der Naturbeherrschung. Bevor sie ihren Siegeszug nach außen antreten konnte, mußte sie sich in der Gesellschaft, in den Subjekten konstituieren.
Die staatliche Instrumentalisierung der Gewalt ist die Voraussetzung des Objektivationsprozesses, Grundlage des Weltbegriffs.
Die Bäume in der Bibel:
– „Von allen Bäumen dürft ihr essen“: Vorausgesetzt war das Nahrungsgebot, das die Früchte des Feldes und die der Bäume den Menschen zuwies (und den Tieren das Kraut).
– „Nur nicht von dem Baum in der Mitte des Gartens“ (dem Baum der Erkenntnis, des Lebens?): Vom Baum der Erkenntnis haben sie dann gegessen, mit den bekannten Folgen.
– Die Jotam-Fabel (auch der Dornbusch ist demnach ein Baum), die Zedern des Libanon, der Weinstock, der Feigenbaum, der Ölbaum, das Kreuz.
– Gibt es zu Stammbaum eine biblische Entsprechung? Stammbaum = toledot; Stamm (Baum) und Stamm (Sippe): Jesus kommt aus dem Stamme Davids? Gibt es eine Beziehung zu den Türmen?
Nachdem die häresienbildende Kraft mit der Reformation verbraucht war, hat es neben den Konfessionen (den säkularisierten Gestalten der Kirche) nur noch Sekten gegeben.
Dummheit gründet im allgemeinen in mangelnder Idenfikationsfähigkeit (Aufmerksamkeit), in der Unfähigkeit, sich auf die Erfahrung des anderen einzulassen.
Früher haben Propheten eine Situation durch Symbolhandlungen aufgeschlüsselt, heute sind Symbolhandlungen (aufgrund des Wiederholungszwangs, dem sie unterworfen sind) Formen der Selbstverurteilung.
Opfertheologie und Instrumentalisierung gehören zusammen. Die gemeinsame Wurzel beider ist die Idolatrie.
Der Konkretismus der Heinsohn et al. rührt her von der Unfähigkeit, das, was sie durch Naturkatastrophen hervorgerufen verstehen, aus der genetischen Struktur der Erfahrung und der Geschichte der Sprache abzuleiten.
Fundamentalisten sind Religions-Hooligans (Bindeglied ist das Bekenntnis).
Das Prinzip der Delegation (im postmodernen Management) scheint daraus sich herzuleiten, daß insbesondere das Unangenehme, das, was moralische Skrupel verursachen könnte, an andere delegiert werden soll. Daher kommt es, daß die Bedenkenlosesten im allgemeinen als die besten Mitarbeiter angesehen sind
Warum gibt es keine objektive Moral, oder: warum schließt der Begriff einer moralisch begründeten Erkenntnis den Verzicht auf moralisches Urteil mit ein (Zusammenhang von Erkenntnis und Schuld: Grund des Nachfolge-Gebots)?
Heideggers „In-der-Welt-Sein“ ist das notwendige Korrelat der begrifflichen Aufteilung des Seienden in Vorhandenes und Zuhandenes. Der reflektorische Begriff des Zuhandenen verleiht dem Dasein den Charakter des In-der-Welt-Seins. Als Zuhandenes ist das Dasein uneigentlich, als Vorhandenes eigentlich? Der Trick zieht nicht: Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit sind wie Vorhandenes und Zuhandenes untrennbare Reflexionsbegriffe.
Inertialsystem und Gravitationsgesetz gehören zusammen: sie sind zwei Aspekte der Gleichnamigmachung des Ungleichnamigen.
Hat die Geschichte von Romulus und Remus etwas mit der von Kain und Abel zu tun? Auch Romulus erschlägt seinen Bruder Remus und gründet dann die Stadt Rom.
Sind die Astralreligionen als Herrschaftsreligionen schon in der Schöpfungsordnung (Herrschaftsauftrag an die Leuchten des Himmels) verankert?
Der Personbegriff ist die Stecknadel, mit der der Name getötet und wie ein Schmetterling aufgespießt wird; er nimmt dem Namen das Wesen: das Angesprochen- und Gehört-Werden. Sind Frauen Personen, und sind nur Personen bekenntnisfähig? Auch Gott ist nur ein Personbegriff.
Das Inertialsystem ist das Refenzsystem, auf das alle naturwissenschaftlichen Begriffe, Gesetze und Erscheinungen sich beziehen, und diese drei Begriffe bezeichnen nur drei Aspekte einer Sache (Grund der negativen Trinitätslehre).
Die Welt ist das entstellte Antlitz der Erde, auf das sich der Satz bezieht: emitte spiritum tuum, et renovabis faciem terrae.
Adornos Eingedenken der Natur im Subjekt gehorcht dem Nachfolge-Gebot.
Die Parole Rousseaus „Zurück zur Natur“, die zusammenhängt mit der romantischen Vorstellung von den edlen Wilden, fällt herein auf die christologisch begründete Hypostasierung der Natur (der Vergöttlichung des Opfers) und ist wider Willen einer der Auslöser der Barbarei. Vielleicht müßte man hierzu den zweiten Teil von Derridas „Grammatologie“ lesen.
Die Psychoanalyse und die Psychomatische Medizin sind keine Hilfen bei der Wiedergewinnung des Subjekts, sondern verlängern den Instrumentalismus ins Subjekt hinein. Nicht zufällig sitzt der Psychotherapeut bei der Anamnese hinterm Rücken des Patienten. -
02.08.91
Was das Christentum vom Judentum unterscheidet, ist die Antwort auf eine im wörtlichen Sinne welthistorische Zeitenwende: die Antwort auf den Beginn und die Folgen des durch Philosophie und Politik konstituierten Säkularisationsprozesses. Auf den hier begründeten und entsprungen Weltbegriff bezieht sich das Neue am Christentum, das hier erst möglich (und notwendig) war: die Übernahme der Schuld der „Welt“ durch Jesus und das darauf sich beziehende Nachfolge-Gebot. Nur so war die jüdische Tradition nach dem Einbruch des Hellenismus und des Römischen Imperiums zu retten. Die Welt, die hier entspringt, ist tatsächlich aus dem Nichts erschaffen, aber nicht durch Gott, sondern durch den Demiurgen, den Staat. Gott hat nicht die Welt, sondern „Himmel und Erde“ erschaffen; die Welt hingegen ist Erbe und Inbegriff dessen, was bei den Propheten Götzendienst hieß: Produkt von Subjektivität, Folge der verdrängten Zukunft, Himmel und Erde ohne Himmel.
Symbolisiert das „Gesetz“ bei Paulus (insbesondere in der Erbsünden- und Erlösungslehre des Römerbriefes) die „Welt“ – und nicht nur das „Gesetz der Juden“ (Ursprung des kirchlichen Antijudaismus, Projektion); ist der Ursprung des Gesetzes (der Zaun der Tora) schon ein Reflex auf die Verweltlichung der Welt, Korrelat des Gesetzes der Profangeschichte (Objektivation und Verdinglichung, Herrschaft des Tauschprinzips, entfremdetes Bekenntnis, Inertialsystem, Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang, „Dornen und Disteln“)? -
01.08.91
Das „tu es Petrus“, die Schlüsselgewalt und die Verheißung, daß die Pforten den Hölle die Kirche nicht überwältigen werden, gehören zusammen. – Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen, aber die dritte Leugnung geht bis zu Selbstverfluchung (präzise Beschreibung dieser Selbstverfluchung im Kontext der Eucharistie: wer dieses Brot und diesen Wein unwürdig genießt, der ist und trinkt sich das Gericht?). – Die Pforten der Hölle: Sind das nicht Physik, Ökonomie und das Bekenntnis? Und hängt nicht insbesondere das Bekenntnis mit der Eucharistie zusammen?
Ist das Bekenntnis-Problem erst dem durch Faschismus und Auschwitz geschärften Blick sichtbar geworden?
Das Unverständnis dessen, was der Name in der jüdischen Tradition bedeutet, des Kontextes, in dem dann auch im NT der Begriff des Bekenntnisses des Namens steht, war der Preis, der für das Urschisma, für die Trennung des Christentums von seiner jüdischen Vergangenheit, gezahlt worden ist. War dieser Preis nicht zu hoch?
Der Begriff spricht das Objekt nicht an, sondern spricht über das Objekt, d.h. er entspricht präzise der Situation bei der zweiten Leugnung des Petrus.
Ist es von Bedeutung, daß die Geburt Jesu zusammenfällt mit einer Volkszählung, zu der Maria und Josef in ihre Heimatstadt Bethlehem gehen mußten?
Lukas: „Denkt an Lots Weib“.
Was ist der Unterschied zwischen Gewalt, Macht und Herrschaft? Gibt der Spruch: „Anarchie ist Macht ohne Herrschaft“ Sinn?
Die Erkenntnis des Guten und Bösen ist das Prinzip der urteilenden Erkenntnis. Darauf ist das „Richtet nicht …“ eine späte Antwort.
Was heißt conjugare und declinare? Haben Konjugation und Deklination etwas mit der Dreidimensionalität des Raumes (mit Orthogonalität und Irreversibilität) zu tun? Ist der Begriff der Umkehr nicht präzise definiert durch das Verhältnis von „im Angesicht“ und „im Rücken“ (statt Rechtfertigung: die Verteidigung des andern)?
Ist die Definition der Geraden im Raum nicht selbstreferentiell: die Gerade wird durch die Bahn des Lichtstrahls definiert; danach kann man erst sagen, daß das Licht geradlinig sich ausbreitet?
Die Stelle mit Assur, Ägypten und Israel: wer war das Werk seiner Hände? Gibt es hier eine Beziehung zur Trinitätslehre und zum dreidimensionalen Raum?
Es gibt nur zwei legitime Positionen zur Prophetie: Entweder man ist selbst ein Prophet, oder man ist Adressat der Prophetie. Die Position des objektiven, unbeteiligten Zuschauers gibt es nicht (es sei denn um den Preis des Antisemitismus). Kann es sein, daß im Christentum diese beiden legitimen Positionen zu Prophetie zusammenfallen, Jesus sowohl Prophet als auch Adressat der Prophetie ist, und diese Verbindung im Nachfolgegebot an die Christen weitergegeben wird? Repräsentieren Islam und Christentum diese beiden Momente getrennt (das Christentum den vergöttlichten Adressaten, der Islam einen der Propheten)? Der Islam macht halt, schrickt zurück vor der Vereinigung des Propheten mit dem Adressaten der Prophetie; für ihn ist Jesus nur einer der Propheten und Mohammed dann der letzte. Aber da ist kein Messias, kein Erlöser: keine Umkehr. Der Islam ist gleichsam die positivistische Religion.
Die Revolution der verlorenen Generation (insbesondere in der BRD) ist eine Folge der unaufgearbeiteten Vergangenheit: eine Revolution aus dem Blickwinkel frustierter Konsumenten (die an der Vorstellung festhalten, der Staat sei der Ernährer der Menschen); für das, was ihnen entgeht, halten sie sich schadlos an der Realität. Der Marxsche Revolutionsbegriff, der sich auf das Proletariat bezieht, bezieht sich damit auf die gesellschaftliche Schicht der Produzenten, erwartet damit, daß in der Revolution dieses produktive Element zu sich selber kommt und die Alternative zur bestehenden Gesellschaft dann auch realisiert, während bei der lost generation die Alternative nicht einmal im Ansatz sichtbar ist. Das Anarchie-Konzept trägt nicht. – Das Wahrheitsmomment in der verlorenen Revolution heute liegt in der Wahrnehmung, in der Einsicht, daß das, was heute Produktion heißt, die Lebensgrundlage derer, die hier in den Metropolen leben, die Zerstörung der der Lebensgrundlagen der überwiegenden Mehrheit der Menschen in der Dritten Welt mit einschließt, d.h. in einem alle Vorstellung übersteigenden Maße kontraporduktiv geworden ist.
Dieses schlimme christliche Harmonie-Bedürfnis: wir tun so, als brauchten wir nur ergriffen sein, und wenn wir spüren, daß wir in Gottes Hand sind, wären wir es auch schon. Dieses Harmonie-Bedürfnis (insbesondere in Deutschland) ist eine der Folgen der unbewältigten Vergangenheit. Wir können diese Vergangenheit nicht mehr abwerfen, wir haben nur diese eine. Wir können keine Vergangenheit mehr abwerfen; der einzige Weg führt durch die Erinnerungsarbeit hindurch.
Idolatrie: Entlastung, Exkulpierung durch Projektion der eigenen Schuld nach draußen, durch Delegation der Verantwortung: Schuldig sind die Götter; Freiheit gibt es nur durch Komplizenschaft. Dieses Konzept hat das Christentum durch die Opfetheologie in seine Theologie mit hereingenommen. Das jedoch war nur möglich unter gleichzeitiger massiver Verletzung des Nachfolge-Gebots.
Franz Rosenzweig ist wirklich der Mann, der unter die Räuber fiel. Vor allem eines macht die erkenntnistheoretische Rezeption des Begriffs der Umkehr so wichtig. Franz Rosenzweig gebraucht hier das Bild mit dem Koffer: was zuerst hineingetan wurde, wird nachher in umgekehrter Reihenfolge wieder entnommen. D.h. es geht nichts verloren (und es wird nichts überwunden)! – Die „Überwindung“ von Vergangenem ist der Einlaß des Heidnischen, des Vergangenen, ins Christentum; er bezeichnet die genaue Gegenposition zur Umkehr. Hier ist Umkehr vonnöten.
Das Hegelsche Absolute ist in der Jotam-Fabel beschrieben worden.
Es gibt eine Schuld, die nicht mehr beichtfähig ist. Diese Schuld („die Schuld der Welt“) ist der genaue Gegenstand des Nachfolgegebots (und der Schlüsselgewalt der Kirche). Die Welt ist der Inbegriff der unaufgelösten Last der Vergangenheit. Sie trifft alles, was in ihren Bannkreis hineingerät, von hinten. Der Kristallisationskern, an den sich der Weltbegriff, die Struktur und die Ausgestaltung der Philosophie und auch die Institution des Staates anschließt, ist das Prinzip der Selbsterhaltung; in der aus der Philosophie stammenden Lehre von der Unsterblichkeit der Seele wird dieses Prinzip der Selbsterhaltung über das zeitliche Ende des Lebens, den Tod, hinaus verlängert: verankert sich die Welt im Jenseits (und vergiftet es).
Früher haben die Philosophen die Schrift allegorisch gelesen. Heute sollten die Theologen die Philosophie allegorisch lesen.
Die Abtreibungsdebatte: der moralische Aufhänger, an dem man so schön die eigene Gemeinheit wieder ausleben kann. Wo steckt der Grund, die Ursache für den Projektionszwang; was motiviert diese Debatte und heizt sie an? Auf welche Abtreibung bezieht sich die Kampagne objektiv?
Woran hängt die Logik der kantischen Antinomien der reinen Vernunft; wird sie getroffen durch die Kritik des Objektivierungsprozesses (Zusammenhang mit den Hegelschen Reflexionsbegriffen, mit dem Beginn der Hegelschen Logik; nur hier sind die Dinge mit dem Begriff des Seins schon gelaufen, ist die Philosophie schon der ontologischen Sucht verfallen)?
Im Säkularisationsprozeß verlängert sich mit der Konstituierung der Welt das Gedächtnis, während die Erinnerung verschwindet (auch ein Problem der Zeitdilatation?). -
21.07.91
Hängt die Opfertheologie mit dem, was Nietzsche am Christentum als „Sklavenreligion“ wahrgenommen hat zusammen? Der Kreuzestod war ein Sklaventod; die Bezeichnung Hebräer scheint mit dem Sklavenstatus zusammenzuhängen; Modell des patristischen Moralverständnis, daß jeden ernsthaften Bezug auf Politik und Gesellschaft ausschloß, war die stoische Philosophie, mit erkennbaren sklavischen Ursprüngen. Das Nachfolgegebot: die „Übernahme der Schuld der Welt“, knüpft an an die gesellschaftliche Erfahrung der Sklaven (deren Unterdrückung und Verdrängung dagegen Voraussetzung der griechischen Philosophie zu sein scheint; vgl. hierzu Aristoteles): die Erfahrung der „zivilisierten Welt“ von innen und von unten. Hier ist der Unterschied zwischen begrifflichem Denken und der Namenlehre mit Händen zu greifen. Vgl. M.I. Finley: Die Sklaverei in der Antike, S. 143ff.
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27.06.91
Heinsohns „Schuldknechtschaft“ ist der zentrale Begriff der Systemlogik des mythischen Zeitalters, Grundlage des Schicksalsbegriffs.
Die Verinnerlichung des Schicksals, Voraussetzung der Philosophie und des politischen Selbst- und Weltverständnisses im Römischen Imperium, schließlich Grundlage des bürgerlichen Bewußtseins insgesamt, ist die reale Zeitenwende, auf die das Nachfolge-Gebot die der jüdischen Tradition angemessene Antwort gibt. Das Nachfolge-Gebot hat im Christentum den gleichen Stellenwert wie das Bilderverbot in der jüdischen Tradition (und schließt dieses mit ein).
Zur Dialektik der christlichen Dogmenentwicklung gehört es, daß sie dem Bann, den sie gegen die Häretiker verhängt, selber dann verfallen ist. Das „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ ist das Urteil über diese Dogmengeschichte. Das Dogma ist dann in der Geschichte zu einer Waffe geworden, an der Blut klebt, die Millionen Opfer gefordert hat. Die Aufforderung „Schwerter zu Pflugscharen“ greift tief in den Glaubensbegriff und in die Bekenntnislogik ein.
Wer kann heute noch im Ernst an die Möglichkeit des seligen Lebens glauben, ohne in diese Hoffnung die Opfer von Auschwitz und die Opfer der Kirchengeschichte mit hereinzunehmen.
Die Vergesellschaftung von Herrschaft und die Vergesellschaftung der Natur sind miteinander verbundene und nicht voneinander zu trennende Prozesse; sie haben den gleichen Verdrängungshintergrund: sie schließen den Gedanken an die Idee des seligen Lebens aus. Und beide zusammen ergeben den Säkularisationsprozeß. Die vergegenständlichte Natur ist ein Stabilisator von Herrschaft.
Nenne mir einen, der an die Auferstehung der Toten glaubt: dann müßte er auch an die Auferstehung der in Auschwitz Gemordeten glauben, deren Gericht er dann zu erwarten hat. Ist er auf die Fragen, die ihm dann gestellt werden, vorbereitet?
Wir leben heute in einer Zeit, in der die individuelle Gewissenserforschung sich auf die gesamte Menschheitsgeschichte erstrecken muß (dem theologischen Eiertanz ein Ende bereiten).
Heute haben alle Angst, die realen Verheißungen des Christentums könnten wahr sein, deshalb basteln sich die einen ihre Privatversion des Christentums, während die anderen alles daran setzen, die Tradition unter Kontrolle zu halten, damit das nicht hochkommt, was das entfremdete Selbstverständnis, zu dem man keine Alternative sieht, erschüttern könnte. Der Zustand ist daran erkennbar, daß die Eucharistie, seit sie unter den magischen Bann geraten ist, zu einem Mittel der Entsensibilisierung geworden ist (wie weit sind Drogenabhängige Eucharistiegeschädigte?), und die Kirche zu einem Ort der toten Seelen. – Erst die Gottesfurcht vermag die Sinne wieder zu öffnen. Nach dem Krieg hat sich die Kirche nur noch als Exkulpierungsanstalt, als Hilfe bei der Gewissensentlastung angeboten (statt bei der Gewissensverschärfung: beim Erlernen des angstfreien Gewissensgebrauchs). Sie war nicht nur kontraproduktiv, sie ist so zur Droge geworden, und die Gläubigen süchtig.
Die Boulevard-Presse übersetzt die Politik ins Private, schirmt die private Existenz gegen die störende Politik ab, macht das, was dann von Politik noch hereindringt, vollends irrational, verwandelt das Private in ein voyeurhaft entfremdetes und vergegenständlichtes Medium. Das verstärkt den Gemeinheitstrend.
Das Nachfolge-Gebot, die Übernahme der Schuld der Welt und die benennende Kraft der Sprache sind miteinander verbunden.
Zum Zeitalter der nationalistischen, chauvinistischen Geschichtsschreibung und ihrer Auswirkung auf das Prophetieverständnis: Es gibt auch einen kirchlichen Chauvinismus. Und mit wenigen Ausnahmen beherrscht sie die Kirchengeschichtsschreibung.
Moralische Urteile („Werturteile“) sind Verdammungsurteile, sind Verurteilungen; sie schließen, wie das Recht, den Verurteilten von der Gemeinschaft der anständigen Menschen, zu denen man sich selber zählt, aus. Diese Anständigen sind – das hat Himmler in seiner berüchtigen Rede begriffen – zu Herren des Totenreichs geworden. Jede Empörung – und Empörung ist im Kern moralische Empörung – ist der Versuch, dieser Objektzone, diesem Totenreich, zu entrinnen; daher rührt die (seit je manipulierbare) Emphase der Empörung. Aber eben durch die Empörung verfällt man dieser Objektzone. Auch die Arroganz der Macht ist, wie es die „Ossis“ dann am eigenen Leibe erfahren haben (und an andere marginale Gruppen weitergeben), längst sozialisiert.
Bedeutet Arroganz ein Verhalten, das durch Unansprechbarkeit, Unbelehrbarkeit, generelle Abweisung von Bitten, Fragen, Ersuchen gekennzeichnet ist? Gibt es einen Zusammenhang mit den zuerst wohl von Heidegger entdeckten „Fragen“ (Seinsfrage, Judenfrage, deutsche Frage)? Hängt auch Marquards „diskussionslose Unterwerfung“ (mit dem schiefen Vergleich der Unterwerfung unters Dogma mit der jüdischen Treue zur Tora) damit zusammen?
Kann es sein, daß die Begründung der Mathematik nur astrologisch möglich ist?
Zu Reinhold Schneider: „Allein den Betern …“
– Geht es nur um „das Schwert ob unsern Häuptern“? Genau das hat nach dem Krieg in die „zweite Schuld“ hineingetrieben. Und zu der Zeit, als Reinhold Schneider das schrieb, war es über die andern längst niedergegangen.
– „… und diese Welt den richtenden Gewalten durch ein geheiligt Leben abzuringen“? Käme es nicht allein darauf an, die Opfer dieser Welt von den richtenden Gewalten, deren Inbegriff diese Welt ist, zu befreien? Denn:
a. Diese Welt ist der Inbegriff der richtenden Gewalten, und
b. die diese Welt richtenden Gewalten sind die Anwälte der Opfer.
Bezieht sich im Anfang der Genesis das „wüst und leer“ auf den „Himmel und die Erde“? – Und der Geist Gottes schwebte über den Wassern: Der Chaos-Drache kommt nicht vor, an seiner Stelle sein Gegenbild, der Geist.
Das Märchen-Motiv „Er ging hinaus in die weite, weite Welt“ hat heute seine Erfahrungsgrundlage verloren: Die Welt ist eng geworden.
Heinsohns Hinweis auf den genetischen Zusammenhang der Geldwirtschaft mit der Schuldknechtschaft verweist auf die Verschmelzung von Schuld und Armut, das Objekt der prophetischen Kritik.
Wie verhält sich die Urteilslust, die Lust am moralischen Urteil, zum Glück der Erkenntnis? Wenn man weiß, daß die Intention des Vergewaltigers nicht auf die sinnliche Lust, sondern auf die Lust an der Erniedrigung des Objekts abzielt, begreift man vielleicht etwas genauer den rationalen Kern der kirchlichen Sexualmoral (den die Kirche allerdings längst verraten hat).
Das Selbsterhaltungsprinzip ist der Kristallisationskern für den Aggregatzustand der weltlichen Erkenntnis; die Transzendentalphilosophie Kants hat die Bedingungen dieses Aggregatzustands erstmals präzise beschrieben. Hier liegt der Ursprung des Objektivationsprozesses, der Trennung von Begriff und Objekt, der Ablösung des Objekts von sich selbst, seine Hereinnahme in die apriorische Struktur des Urteils. Vom Ursprung der Philosophie bis in die Ausbildung und Entfaltung der modernen Naturwissenschaften beweist dieser Objektivationsprozeß seine abstraktive Gewalt. Die ungeheure Bedeutung des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit liegt darin, daß es erstmals die Distanz des Systems zum Objekt im System selbst kenntlich macht und bestimmt.
Aufgabe einer Philosophie, die aus Auschwitz die Konsequenzen zieht, wäre es, das Interesse der Erkenntnis auf das zu richten, was im Windschatten dieses Systems liegt, durchs System unterdrückt, verdrängt wird. Das haben Levinas und die französische Philosophie im Rahmen der anderen Rezeption Heideggers durch den Begriff des Anderen, der Differenz zu bestimmen versucht.
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie