Zu 1 Kor. 321ff (vgl. auch 1 Kor. 111f und Apg. 1824ff):
– Worauf verweist die Zusammenstellung von Paulus, Apollos und Kephas (Welt, Leben, Tod; Gegenwart, Zukunft)? – Apollos Verfasser des Hebräer-Briefes?
– Auffällig das Fehlen der Vergangenheit: Die Vergangenheit ist demnach nicht „unser“, sie liegt nicht (mehr) in unserer Gewalt; heißt das, daß wir der Vergangenheit gehören, Geiseln der Vergangenheit sind (Genealogie, Herrschaft der Logik und des Todes, Trinitätslehre), deren Macht erst in der Erlösung gebrochen wird? Macht über die Vergangenheit, das Vergangene beherrschbar machen (durch Instrumentalisierung der Theologie – z.B. durch die Opfertheologie, durch Verfügbarmachen der Geschichte – die eben so sich entzieht), ist das vielleicht die Ursünde im Christentum: Verweigerung der Gottesfurcht -Begriffslogik als Logik der Herrendenkens vergangenheitsfixiert; Instrumentalisierung des Todes, der eben dadurch Macht über die Menschen gewinnt?
– Theologie als Lehre von den göttlichen Namen ist Erinnerungsarbeit.
– Kein Zufall, daß Grabschändungen eine Spezialität von Rechtsradikalen sind: Zusammenhang mit Kohls blasphemischer „Versöhnung über Gräbern“ (zu Karl Lehmanns Bemerkung vor der Vollversammlung der deutschen Bischofskonferenz: das – und nicht die Erinnerungsarbeit – ist „Vergangenheitsbeschwörung“).
– Macht und Überleben: Unsterblichkeit der Seele und Auferstehung von den Toten.
– Heute ist die Verantwortung erstmals voll in das Gesetz der Nachfolge gestellt: Selbstverständigung (Hoffnung aufs selige Leben) ist nur noch möglich im Rahmen einer Erinnerungsarbeit, die die ganze Schuld der Welt, und d.h. heute die ganze Schuld der Weltgeschichte aufnimmt. Wir haben in der Tat die Sünde Adams geerbt: Gottesfurcht ist das Movens dieser Erinnerungsarbeit.
– Die drei Momente der negativen Trinitätslehre (Judenhaß, Ketzerverolgung, Frauenhaß) als Folgen der versäumten Erinnerungsarbeit; Zusammenhang mit der dogmatischen Vergegenständlichung der Theologie (Abwehr der Vergangenheit; Begründung des kirchlichen Schuldzusammenhangs), dem mißverstandenen Lehrauftrag (Feindesliebe als Erinnerungsgebot gilt auch für die Kirche).
– 1 Kor. 1526ff: „Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod. … wird auch er, der Sohn, sich dem unterwerfen, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott herrscht über alles und in allem.“
Gratia perficit naturam (S. 45): Dieser Satz gilt nur auf der Grundlage des pluralen Gebrauchs des Naturbegriffs, nicht jedoch für den Begriff einer Naturtotalität (für den modernen, säkularisierten Naturbegriff, Ersatz des theologischen Schöpfungsbegriffs). Und nicht die Kirche, sondern der Staat (das in Militär, Justiz und Verwaltung institutionalisierte Gewaltmonopol des Staates) ist „Garant der Welt“ (ebd.). Die Kirche ist Statthalter der Verheißungen: der Hoffnung im Anblick des Weltuntergangs, den der Staat (nicht nur im Krieg, sondern auch in den der Erhaltung der Welt dienenden Institutionen) durch die vom Gesetz der Welterhaltung nicht zu trennende Logik des Zerfalls bewußtlos und zwangshaft betreibt.
J.B. Metz übersieht, daß Heideggers „andenkende Erinnerung“ (S. 91) das genaue Gegenteil der Anamnese, der Erinnerungsarbeit, ist; und die „Seinsvergessenheit“ kann durchaus die fundamentalontologische Blockade der Erinnerung durchbrechen. Die Erinnerungsarbeit, Voraussetzung der Befreiung vom Bann der Vergangenheit, eröffnet erst die Zukunft, die nicht dem direkten Zugriff sich erschließt. Das Neue ergibt sich erst in der Konsequenz der Nachfolge aus der Kritik des immergleichen Alten.
Auch ist die „brüderliche Liebe zum Nächsten“ kein „Wagnis“ (S. 89), sondern das durchaus antiheroische Produkt eines verdrängungsfreien, dem Selbstmitleid entronnenen Lebens.
Christentum
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23.01.91
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22.01.91
Zu Metz: „Zur Theologie der Welt“. Es ist immer wieder erstaunlich, wie leicht den Theologen ihr „Wissen über Gott“ aus der Feder rinnt. Wie schnell sie den biblischen Hinweis auf die Gottesfurcht (den „Anfang der Weisheit“) beiseitelegen. In dem Zitat aus 2 Kor 119 (S. 18) wird der entscheidende Satz einfach ausgelassen, dann werden aus dem verkürzten Zitat Konsequenzen gezogen, die dem Kontext exakt zuwiderlaufen. Das Ja gilt nicht der Welt (auch nicht „dem Menschen“ – S. 51), sondern den göttlichen Verheißungen. So verbaut sich J.B. Metz schon a limine den Weg zum Verständnis des Weltbegriffs und seiner in der Tat zentralen Bedeutung für die Theologie der Geschichte: Theologie als Erinnerungsarbeit und parakletisches Denken (Kritik des realen und historischen Kolonialismus: der Hypostasen der Empörung, der Verführung zum Richten; Errettung der vergangenen Hoffnung, der Hoffnung für die Opfer und für die bis heute unabgegoltene Güte; Auflösung der den Weltbegriff konstituierenden Verdrängungen).
Ableitung der christlichen Weltkritik aus Mt. 1016: Aus der Prämisse, eine kritische Aufarbeitung der Erfahrung der Wolfswelt und eine Begründung der Güte, sei unmöglich, zieht jeder Faschismus seine zynisch-verzweifelten Schlüsse: von der Mordlust bis zur Gräberschändung.
Beispiel theologischer Hybris: Metz fragt nicht mehr, ob, sondern nur noch „wodurch (es sich) zeigt, daß unser Glaube eben ein christlicher Glaube ist, der weiß (!), daß die weltliche Welt von Gott je schon eingeholt ist, ja, daß sie in ihrer radikalen Weltlichkeit nur erscheinen kann, weil sie von Gottes befreiendem Ja jeweils schon übergriffen ist“ (S. 42, Hervorhebungen von mir, H.H.). Ein Glaube, der „weiß“, verletzt sein eigenes Prinzip; und das „je schon“ erinnert außer an die Heideggerei und den Jargon der Eigentlichkeit nicht zufällig an die Geschichte vom Hasen und vom Igel: Ick bün all do. Dabei ist das Metzsche Konstrukt nicht einfach nur erfunden, erbauliches Geschwätz, sondern es verweist auf einen sehr ernst zu nehmenden Sachverhalt: Es ist in der Tat dieses christliche Erbe eines Glaubens, der im Kontext der Geschichte des Dogmas und des Bekenntnisses, der Konfessionalisierung der Kirche(n), für sich die Form des Wissens beansprucht: Grund der anders nicht zu erklärenden Neigung des konfessionalisierten Christentums (und seiner politisch-staatlichen Erben) zur wütenden Aggression gegen jeden, der das geforderte Zwangsbekenntnis verweigert (Bekenntnis als technisches Instrument zur Nutzung des Mechanismus der Identifikation mit dem Aggressor). Nicht zufällig war der „Weltanschauungskrieg“ der Nazis, der in der Tradition der christlichen Ketzerverfolgungen und der Bekehrungskriege steht, einer der brutalsten Kriege der Geschichte, und dazu einer, der die Täter fast ohne das Bewußtsein von Schuld zurückgelassen hat. In diesem Kontext ist das Konzept von der „Annahme der weltlichen Welt“ und von „Gottes befreiendem Ja“ zumindest mißbrauchbar.
Die Welt ist alles, was der Fall ist (Wittgenstein): Aber das Ja und Amen ist nicht das Ja und Amen zum Fall, dessen unwiederrufliche Bestätigung, sondern im Gegenteil: das Ja und Amen zur Verheißung, daß das Opfer und die alltägliche Erfahrung des Unrechts nicht das letzte Wort sind.
Das fundamentalontologische „je schon“ ist der genaueste Ausdruck der aktiven Verdrängung, der Unterdrückung von Erfahrung, des Nicht-Wahrhaben-Wollens; es schafft genau die double-bind-Situation.
Bevor die Grundlagen der Instrumentalisierung der Welt (das Trägheitsgesetz und die Prinzipien der Mechanik) draußen entdeckt werden konnte, mußten sie (unterm Gesetz des Zwangsbekenntnisses) internalisiert und als Form der Welterfahrung schon ausgebildet und vorhanden sein. In diesen Zusammenhang gehört die ganze Säkularisierungsdiskussion.
Das Bekenntnis ist die Grundlage des Zivilisationsprozesses (die Fähigkeit zum Bekenntnis die Grundlage des zivilisierten Lebens). Aber es ist nur haltbar, wenn es die Selbstreflektion mit in sich aufnimmt.
Die kritische Selbstreflektion des Bekenntnisses ist die Voraussetzung für eine kritische Reflektion der Naturwissenschaften (und des Naturbegriffs): Einheitspunkt einer sich wechselseitig aufklärenden Natur- und Geschichtsphilosophie (einer wechselseitigen Kritik von Schelling und Hegel).
Die Naturwissenschaft ist seit Galilei das Trauma der katholischen Theologie: Grund der entsetzlichen und heute explosiv sich ausbreitenden Verwirrung.
Zusammenhang von: Bekenntnis, Empörung, richtendem Urteil, Freund-Feind-Denken, Herrendenken, Gemeinheit; Weigerung, Begriffe wie Fall und Empörung durch Definition zu entschärfen, anstatt durch Hinhören wieder in ihren theologischen Rang einzusetzen.
Ursprung der Gemeinheit aus dem Christentum: Bekenntnis als Alibi und Erinnerungsersatz; Komplizenschaft der Gläubigen; Bekenntnis als Zwangsbekenntnis des anderen; Rache für das, was man sich selbst antun muß; Christentum als Ausrede; Verdrängung und Projektion. Opfertheologie, Gnaden- und Sakramentenlehre; Rechtfertigungslehre: Ausbeutung des Leidens Jesu statt Nachfolge (Opfer statt Barmherzigkeit). Veränderung des Glaubens durchs Zwangsbekenntnis, durch Verdinglichung, durch Zeitumkehr (Rosenzweig: die verandernde Kraft des Seins. Studium der Berichte aus Auschwitz.
Daß nach Metz „das Christentum … als zunehmende Entgöttlichung und in diesem Sinne Profanisierung der Welt erscheinen (muß), als deren Entzauberung und Entmythisierung“ (S. 30), stimmt nur zum Teil und da auch nur bedingt, nämlich insoweit, als die Entmythisierung im Verhältnis zur Offenbarung, nicht jedoch zur wissenschaftlichen Aufklärung, verstanden wird. Die Entzauberung im Sinne der Säkularisation (und Instrumentalisierung, Subsumtion unter die gesellschaftliche Herrschaft) unterliegt der Dialektik der Aufklärung: Auch diese Entzauberung fällt in den Mythos zurück (nur daß er als gegenwärtiger Mythos nicht so leicht wie der vergangene sich durchschauen läßt).
Wird in dem Konstrukt „Freisetzung der Welt ins Eigene und Eigentliche“ (S. 31) nicht Sündenfall und Erlösung verwechselt? Das ist nun wirklich bürgerliches Christentum (das Proletariat wird nicht der Gesellschaft, zu der man selbst gehört, zugerechnet, sondern der im historischen Prozeß unterworfenen, beherrschten Natur. Und die Vorstellung, „in der Verweltlichung der Welt (setze sich) ein genuin christlicher Antrieb geschichtlich durch“ (S.31), erinnert an die Apartheidstheologie, an die Gleichsetzung von Kolonialismus und Christianisierung. Hierauf paßt der Horkheimersche Satz: Es gibt keine menschenfreundlichere Religion als das Christentum (die Religion der Feindesliebe), aber auch keine, in deren Namen vergleichbare Untaten begangen wurden. Daß auch diese letzteren Dinge christlichen Ursprungs sind, soll nicht bestritten werden; aber das ist dann das Gegenteil einer Rechtfertigung (und nach Rechtfertigung klingt zumindest der oben zitierte Satz). Die Theologie ist nur zu retten, wenn die Säkularisationsdebatte endlich der paranoiden Vorstellung sich entzieht, nach Galilei sei eine Kritik der Naturwissenschaften nicht mehr möglich. Sie ist nicht nur möglich; ohne diese Kritik ist die Theologie nicht zu retten: sowohl im Rahmen einer immanenten Diskussion des Stands der naturwissenschaftlichen Erkenntnis selbst, als auch als Teil einer Kritik des philosophischen und mythischen Erbes der Theologie, gleichsam als Teil ihrer Selbstbekehrung.
Die Säkularisation als Verweltlichung der Welt ist so aus Herrensicht gesehen: Ausgeschlossen sind die Juden, die Frauen, die Arbeiter, die gesamte „nichtzivilisierte Welt“; ausgeschlossen ist der Rohstoff- und der Produktionsbereich, zu der auch die Arbeitskräfte gehören (als Teil der ausgebeuteten Natur); im Blickfeld ist nur die (heile) Warenwelt. Hierauf beziehen sich auch die unreflektierten Erlösungsvorstellungen: Wer oben ist, ist dem Bann der Natur entronnen, ist befreit, ist exkulpiert. Und solange das, was unten erfahren und erlitten wird, nicht laut wird, ist die Welt in Ordnung.
Theologie nach Auschwitz ist Kritik der Theologie hinter dem Rücken des lieben Gottes (Kritik der Hybris und der Anmaßung, die vorgibt, „über Gott“ etwas zu wissen; Rosenzweigs: „Von Gott wissen wir nichts, aber dieses Nichtwissen ist Nichtwissen von Gott“ ist die geniale Lösung dieses Problems). -
18.1.91
Der Objektivationsprozeß vollzieht am Objekt die Taufe des Allgemeinen, überzieht die Dinge mit dem Begriffsnetz, hinter dem sie am Ende (wie der Terrorist in der Isolationshaft) verschwinden. Der Knoten in diesem Netz ist das Inertialsystem, dessen Hauptleistung die Identifizierung der Zukunft mit der Vergangenheit ist (unter Ausschluß des jede Gegenwart konstituierenden realen Zukunftsmoments); Keimzelle und Modell ist der mechanische Stoßprozeß (der Widerstand der Außenwelt): er definiert die Äquivalenzbeziehungen, die das innere Formgesetz, gleichsam den Schlüssel bilden für jede mathematische Naturerkenntnis und für alle physikalischen Begriffe, vorab Raum, Zeit und Materie; eingefangen in diesem Netz wird das entfremdete Objekt, das hier wie auch in den anderen, vergleichbaren Objektivationsprozessen als „Masse“ erscheint (Objekt, Masse und Materie bezeichnen den gleichen Sachverhalt unter den getrennten, aber zusammengehörenden Aspekten des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs).
Die „Tatsache“ und ihre „Feststellung“ sind Produkt der Objektivation, der Vergegenständlichung durch Abstraktion: durch den Vollzug der Weihe des Allgemeinen, der Subsumtion unter die Vergangenheit, Konstituierung des Wissens (der transzendentallogischen Strukturen und Gesetze des Wissens).
Dem Islam ist es wegen der Identität von Gott- und Machtgläubigkeit nicht gelungen, den Stoßprozeß, das Grundmodell der Mechanik, zu objektivieren. Wenn Heideggers Fundamentalontologie diesen Objektivationsprozeß und sein Ergebnis nur diskriminiert anstatt ihn kritisch zu begreifen, fällt sie zurück ins islamische Erbe der europäischen Tradition; wie der Islam Weltreligion ist (die in der Welt untergeht, die Objektivation der Welt – durch das der europäischen Staatsidee zugrunde liegende säkularisierte Gewaltmonopol des Staates – nicht mitgemacht hat; Konsequenz aus der Vorstellung, daß Gott „die Welt“ erschaffen hat, vor Gott aber nur der „Islam“, die Ergebung erlaubt ist; Erkenntniskritik, d.h. die gesellschaftlich-historische Ableitung des Weltbegriffs, und die Emanzipation durch Aufklärung, die in der Konsequenz des mechanischen Erkenntnismodells liegen, sind damit blockiert), so ist die Fundamentalontologie Weltphilosophie (Philosophie mit der Welt als Subjekt, Konsequenz aus dem modernen Naturbegriff, der damit ebenfalls der Reflexion entzogen wird). Die Unfähigkeit zur Erkenntniskritik schlägt als Verdummung nach innen.
Der Staat, nicht Gott, hat die Welt erschaffen. Die Differenz zwischen den Buchreligionen läßt sich aus den unterschiedlichen Staatsideen (den historisch begründeten unterschiedlichen Stellungen des Bewußtseins zum Staat) ableiten.
Subjekt und Objekt, Staat und Welt, Gesellschaft und Natur sind aufeinander bezogene und miteinander verknüpfte Reflexionsbegriffe. Sie bedingen (konstituieren) sich wechselseitig. (Subjekt und Person nicht gleichbedeutend; Subjekt hieß einmal das Objekt: der Bezugspunkt des Prädikats im Urteil.)
Jede Religion enthält eine kosmologische Komponente (einen kosmologischen Hintergrund, der in ihre Definition und Struktur mit eingeht), steht in einer Beziehung zur Geschichte der Auseinandersetzung mit der Natur, in die die Geschichte des Weltbegriffs verflochten ist. Der Verzicht darauf, die Reflexion dieser Beziehung ins Selbstverständnis der Religion mit hereinzunehmen, ist der Grund der religiösen Barbarei. Theologie im Angesicht Gottes betreiben schließt eine Beziehung zur Welt mit ein, die im Christentum unter der Idee des heiligen Geistes zusammengefaßt wurde und mit der schärfsten Sanktionsdrohung belegt wurde. Diese Sanktionsdrohung ist heute – in Kenntnis der Dialektik der Aufklärung – erstmals rational begründbar geworden. Zugespitzt könnte man sagen, daß das Christentum durch diese Lehre vom Heiligen Geist von den anderen Religionen, auch von den anderen Buchreligionen, sich unterscheidet. Die Differenz läßt sich anhand der Weltbeziehung dieser Religionen (vorweltlich, weltlich, weltkritisch) entfalten.
Der mechanische Stoß, die wechselseitige Übertragung der Impulse beim Stoß (die Ansteckung durch die Außenwelt, in die das Subjekt mit hereingezogen wird), ist das Abbild, die analoge Nachbildung des Kaufakts und Modell der Vorstellung vom gerechten Preis. Diese hat die Subsumtion der Arbeit unters Tauschprinzip – logischer Quellpunkt des Kapitalismus und Äquivalent des Inertialsystems – zur Voraussetzung. Die Äquivalenzbeziehung zwischen Arbeit und Warenwert, auf die die Vorstellung vom gerechten Lohn sich bezieht, ist das Modell für die Objektivation der Beziehung von Inertialsystem und Gravitationsgesetz, der Identität von träger und schwerer Masse (das Inertialsystem konnte erst durch Ausgrenzung und Subsumtion der Schwerkraft sich konstituieren: Zusammenhang mit der Geschichte der Instrumentalisierung des Opfers, der Ausbildung der modernen theologischen Gnadenlehre). -
17.01.91
Der Konfessionalismus hat die Religion neutralisiert. Er hat sie zur Sonntagsreligion gemacht. Das führt dazu, die Prägekraft der Religionen in vorindustriellen Gesellschaften zu unterschätzen, sie nicht mehr ernst zu nehmen. Eine Form dieses Nicht-mehr-ernst-Nehmens ist die Toleranz, die alle Religionen in einen Topf wirft, sie zu einem religiösen Einheitsbrei verrührt (Hauptsache, die Menschen haben noch Religion).
Mit der Ökonomie hat seit dem Ursprung des Kapitalismus auch die Kosmologie sich von der Religion emanzipiert. Und diese Emanzipation verstärkt die unreflektierte Macht der Ökonomie. Beide zusammen, Ökonomie und Physik, definieren den Begriff der Realität, auf den die Religion eigentlich keinen Einfluß mehr hat. Der Lauf der Dinge wird von anderen Gesetzen und Faktoren beherrscht.
Im Westen ist die Religion zur bloßen Konfession, zu einem Teil der Privatsphäre geworden, in der sie weiterhin in ihrer instrumentalisierten Form sich als nützlich erweist: als Mittel zur „Kindererziehung“, zur Stützung der Autorität der Eltern. So jedoch wird sie zugleich verraten; und alle, die an der religiösen Bindung festhalten, werden damit zu Komplizen in der Auseinandersetzung mit den Kindern. Diese Komplizenschaft ist der Kitt der sogenannten religiösen Bindung und der Grund dafür, daß der Bann sich nicht mehr sprengen läßt. Das Bekenntnis (als Zwangsbekenntnis) war seit je das Siegel auf dieser Komplizenschaft.
Wir sind nicht Zuschauer und Herren der Geschichte, sondern deren Objekte und Opfer. Alle Versäumnisse, alle Entlastungsversuche der Vergangenheit haben die Last vermehrt, die auf den Nachgeborenen lastet. Das pseudomagische Potential ist dem Bekenntnis in dem Maße zugewachsen, in dem die Bekennenden sich als nicht verantwortliche Zuschauer des Geschichtsspektakels begriffen.
Der Kreuzweg wäre so neu zu konzipieren, daß er nicht nur die Einfühlung in den Leidensgang, den Passionsweg Christi intendiert, sondern dessen Anwendung auf die gesamte Geschichte.
Horkheimers Satz: „Das Christentum ist die menschenfreundlichste Religion, aber es gibt keine Religion, in deren Namen so ungeheure Verbrechen begangen worden sind“, dieser Satz läßt sich nicht nur belegen, sondern auch begründen.
In der Folge der enttäuschten Parusie-Erwartung wurde das Bekenntnis zugleich entmächtigt und demoralisiert. Das war die Grundlage und das Ergebnis des Dogmatisierungsprozesses. Zurückzugewinnen wäre die Einsicht, daß die Kritik und die Auflösung der Demoralisierung auch den Ausblick auf die Neubegründung der eingreifenden Kraft mit einschließt: an den Namen Gottes rührt. Oder umgekehrt, wenn die jüdische Religion die Heiligung des Namens Gottes als wesentliches Moment des Zeugnisses – bis hin zum Martyrium – begreift, so rührt sie damit an das Geheimnis des Bekenntnisses.
Auch der Islam ist eine Religion der Selbsterhaltung. Der Islam, die Ergebenheit in den Willen Gottes, ist sozusagen der Trick, durch den das Subjekt sich erhält: gegen die unendliche und undurchschaubare Macht der Verhältnisse, an der es sich nicht den Kopf einrennen will, deshalb sich klein macht, um zu überleben. Der Islam ist die Religion der Anpassung an die Welt, das Christentum die des Aufbegehrens, der Empörung: Das Christentum manifestiert sich am deutlichsten in der Geschichte der Häresien.
Die Geschichte des Bekenntnisses bewegt sich zwischen dem Symbolum und dem (apokalyptischen) Zeichen des Tieres (Verfehlung der benennenden Kraft, die uns seit Adam gegenüber den Tieren anvertraut ist).
Die Dogmenkritik kann sich nicht mehr an dem Verhältnis von Schale und Kern orientieren, so als müsse man die Schale aufbrechen, um an den Kern zu kommen; wenn, dann hätte sie sich zu orientieren an dem Modell von Tod und Auferstehung. Das Dogma ist tot: gekreuzigt, gestorben und begraben, abgestiegen zur Hölle; wird es am dritten Tage auferstehen? (Verweist der „dritte Tag“ hier auf die Schöpfungsgeschichte, die Trennung des Landes vom Meer und damit auf die Tiere der Apokalypse?)
Theologie im Angesicht Gottes heißt Theologie als Erinnerungsarbeit betreiben, als Aufarbeitung der Last der Weltschuld seit dem Sündenfall.
Die Neutralisierung der Namenslehre durch den Person-Begriff in der Dogmengeschichte ist der parvus error in principio, Grund der Nicht-Ansprechbarkeit. -
15.01.91
Georg Lukacs hat in „Geschichte und Klassenbewußtsein“ Hinweise auf eine marxistische Kritik der Naturwissenschaften gegeben, die er zwar später wieder zurückgenommen hat, deren produktiver Ansatz heute duetlich gemacht werden kann: Die von Frankfurter Seite mit dem Hinweis auf die experimentelle „Praxis“ geübte Kritik an Lukacz‘ Begriff des „Kontemplativen“ (der rein anschauenden Beziehung zum Objekt) vergißt die Einsicht der „Dialektik der Aufklärung“, wonach die Distanz zum Objekt durch die Distanz der Herrschenden über die Beherrschten vermittelt ist. Es ist diese (in der kantischen Philosophie durch die Unterscheidung von transzendentaler Anschauung und transzendentaler Logik bereits angezeigten) besonderen Beziehung von Anschauung und Praxis, Ursprung der Beziehung von Verwaltung und Industrie, die hier näher zu bestimmen wäre (Rückwirkung der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Natur auf die Gesellschaft; Einbeziehung auch des Motors der Emanzipation – des naturwissenschaftlichen Aufklärungsprozesses: in den Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang – negative Trinitätslehre?). Hier ist der Ansatzpunkt für eine gesellschaftlich-geschichtliche Kritik der Naturwissenschaften.
Die kantischen Formen der Anschauung (Raum und Zeit) sind sowohl die subjektiven Bedingungen der transzendentalen Logik (des historischen Objektivationsprozesses) als auch selber objektivierungsfähig (Inertialsystem; Bedeutung des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und der Identität von träger und schwerer Masse). Sie sind so der Statthalter sowohl des Naturgrundes von Herrschaft als auch seiner Vergesellschaftung im Subjekt (Ursprung der Reflexionsbegriffe und Grund der Konstituierung des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs). Die europäische Gesellschaft ist die historische Gestalt der dem Bewußtsein entfremdeten Empörung, die exakt dem Naturgrund von Herrschaft korrespondiert: Deshalb ersetzt hier immer noch die Empörung das Argument. Bekenntnis als Empörung (Bekenntnis als „Weltanschauung“ – Brutalität der „Weltanschauungskriege“ bei gleichzeitiger Verdrängung des Bewußtseins und der Erinnerung der Brutalität darin begründet).
Der Entkonfessionalisierung der Kirchen entspräche eine Form des Bekenntnisses, die nicht mehr zur Empörung sich anreizen läßt, der Empörung nicht mehr bedarf (wohl des Zorns).
Die Formen der Anschauung sind die Formen der gegenständlich gewordenen, versteinerten Empörung; die Form ihrer Objektbeziehung entspricht der des Hohns, des kalten Auslachens: der apriorischen Verurteilung. Grund der Gemeinheit.
Startbahnprozeß: Die Empfindlichkeit ist ein Gradmesser der verdrängten Sensibilität (Konstruktion des Selbstmitleids; Ableitung seiner gesellschaftlichen, rechtlichen und politischen Folgen; Zusammenhang mit der Geschichte des Christentums). -
13.01.91
Zentrale Stellung des Weltbegriffs: Judentum vorweltliche, Islam Welt-Religion, Christentum weltkritische Religion. Die Geschichte der Häresien hängt mit der Geschichte des Weltbegriffs zusammen; der Ursprung der Häresien ist ableitbar aus dem Geburtsfehler des Selbstverständnisses der Orthodoxie, die seit je die Schöpfung mit der Welt verwechselte; hieraus zogen die Häresien seit der Gnosis logisch die richtigen, aber sachlich falschen Konsequenzen. Die Orthodoxie hat seit je die Symptome (die Häresien) unterdrückt anstatt sie (dem Gebot der Nachfolge und der Feindesliebe gehorchend) zum Anlaß zu nehmen, die Schuld der Welt auf sich zu nehmen und die Ursachen der Häresien im eigenen Innern zu suchen. Der projektive Anteil im Kampf gegen die Häresien und in der Geschichte der Ketzerfolgung ist immer verdrängt worden, er lag im blinden Fleck der eigenen Wahrnehmungsfähigkeit. Die Warnung: „parvus error in principio magnus est in fine“ fiel ins Leere. Mit der Reformation (und Gegenreformation) war die Kraft der Häresienbildung deshalb erschöpft, weil angesichts der gesellschaftlichen Entwicklung und der korrespondierenden Geschichte der naturwissenschaftlichen Aufklärung der Wechsel einzulösen war, den die Kirchen im (konstantinischen) Pakt mit der weltlichen Herrschaft (und die Theologie mit der dogmengeschichtlichen Rezeption des philosophischen Weltbegriffs) unterschrieben hatten. Das theologische Herrendenken war selber Ursprung des weltlichen, gegen das die bis dahin verwandten Mittel (der Inquisition, des Banns und der physischen Verfolgung) dann sich als ohnmächtig erwiesen und nichts mehr ausrichteten.
Birgt der Golfkonflikt nicht ein weit größeres Risiko als z.Z absehbar:
– Religionskrieg, der durch die mögliche Anwendung der militärischen Mittel (ABC-Waffen) die Brutalität und die Folgen des letzten „Weltanschauungskrieges“ übertrifft (das Erbe Reagans: Harmaggedon-Phantasien; Auswirkungen auf Israel, Gefahr des arabisch-islamischen Nationalismus)?
– Weiteres Unrecht im Schatten dieses Konflikts (Litauen – Komplizenschaft der Weltmächte: hat es vielleicht sogar Vor-Absprachen zwischen UdSSR und USA gegeben – Preis für freie Hand im Irak)?
– Wirtschaftliche Folgen: Läßt sich die Dominanz der westlichen Industrienationen halten? Sind weitere Grundstoff-Boykotts und Liefereinschränkungen der sogenannten Dritten Welt mit entsprechenden Folgen auf den „Wohlstand“ im Westen auszuschließen (mit absehbaren politischen Folgen im Innern der westlichen Staaten wie auch im zerfallenden Ostblock aufgrund der schwindenden wirtschaftlichen Möglichkeiten)?
– Weitere politische Folgen: nach dem Zerfall des Ostblocks jetzt Zerfall der moralischen und politischen Hegemonie der USA? Neue politische Rolle der EG (mit dem nach der „Einigung“ gewachsenen und infolge der nationalistischen Welle nicht mehr kontrollierbaren Einfluß der BRD)?
– Vorbereitet u.a. durch den Bau der Startbahn West in Frankfurt? -
12.01.91
Das Bekenntnis war im Ursprung (in den Paulus-Briefen z.B.) Bekenntnis des Namens. Hintergrund und Kontext war das zweite Gebot des Dekalogs; es hing zweifellos mit dem Gebot der Heiligung des (Gottes-)Namens zusammen, die u.U. mit dem Martyrium zusammenfiel, jedenfalls die Passions-, die Leidenserfahrung und deren Beziehung zur Erlösung grundsätzlich mit einschloß. Das Bekenntnis war nicht nur ein abstrakter geistiger Akt, sondern Ausgangspunkt und Quelle praktischer, lernender, gleichsam experimentierender Erfahrung: einer Erfahrung, die auch die Intention der magischen Umsetzung, des Wunders, nicht ausschloß. Das Tabu über die Magie und das Wunder, über den dann als blasphemisch diskriminierten Gebrauch des göttlichen Namens, war, nachdem die Kirche den „magischen“ durch den technischen Gebrauch (durch die Instrumentalisierung der Theologie: Trinitätslehre, Vergöttlichung Jesu, Sakramentenlehre und Opfertheologie), das Wunder durch die verwaltete Gnade ersetzt hatte, dann Teil der antijudaistischen Projektion: In diesem Zusammenhang sind die antijudaistischen Vorurteile über Zauberei, Ritualmord und Hostienfrevel ableitbar und verständlich. Geduldet (und im Hinblick auf das Anerkennungsverfahren gefordert) wurde das Wunder nur noch im Sonderbereich der Heiligenbiographie und Heiligenlegende. Aber auch hier geriet es schließlich in spezielle Konkurrenz zur Technik: als bloße Abweichung von den Naturgesetzen. Gemeinsamer Bezugspunkt war das Verhältnis zur Selbsterhaltung, zu den subjektiven Zwecken in einer (im Wahrnehmungs- und Erfahrungsfeld des Selbstmitleids, auch durch die Schuld der Theologie) verdinglichten und instrumentalisierten Welt. Verwischt (und wegen der politischen Implikationen verdrängt) wurde die Beziehung des Wunders zur Prophetie, zur Erlösung, zur zukünftigen Welt. Hier wurde die enttäuschte Parusieerwartung endgültig storniert; nur durch Selbstmord hat die Theologie den Tod des Wunders überlebt.
Die Entkonfessionalisierung des Christentums führt an das Problem überhaupt erst heran, dessen Lösung vielleicht auch die des Judentums als vorweltliche und die des Islam als Welt-Religion mit sich bringt: Theologie im Angesicht Gottes statt hinter seinem Rücken zu betreiben.
Bedeutung der Feindesliebe: in der Feindschaft die Projektion dessen, was in einem selber steckt und nur verdrängt wurde, zu begreifen: Notwendigkeit der Erinnerungsarbeit, die zugleich die einzig begründbare Vorarbeit dafür ist, was in den Religionen als seliges Leben vorgestellt erstrebt wurde. Einer Erinnerungsarbeit allerdings, die im Kontext der eigenen Biographie die Schuld der Welt (ihren konkreten historischen Stand) mit aufarbeitet. Hier gilt, daß das Vergangene (Auschwitz, die Inquisition, die Hexenverfolgung) nicht nur vergangen ist, daß das Unaufgearbeitete der Vergangenheit in uns fortlebt und uns zu Wiederholungen des „Verdrängten“ zwingt (der Begriff der Verdrängung trifft den Sachverhalt nicht ganz: dazu gehört auch das im Kontext von Verdrängungen nicht Wahrgenommene: das was vor dem eigenen blinden Fleck liegt). Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß: dieser Satz führt in die direkte Abhängigkeit vom Nichtgewußten, macht mich unfrei. -
10.01.91
Die Person ist Gegenstand von (Wert-)Urteilen: darin ist der Zusammenhang der Wertphilosophie mit dem Personalismus bei Scheler begründet. Als Urteilsobjekt aber kann die Person nicht „ich“ sagen (erst die – logisch nicht haltbare – Hypostase des „Ich“ kann zum Gegenstand gemacht werden: das idealistische Absolute).
Ich und Du: Im Liebesbekenntnis wird der Geliebte als göttliches Du angesprochen; darauf antwortet er mit dem Schuldbekenntnis: Ich bin nur ein Mensch. So wird der Schuldzusammenhang aufgelöst: durch Ausbreitung dieser Liebe. – Das Christentum hat dieses Verhältnis auf die Beziehung zu Jesus tendentiell eingeschränkt und so dogmatisch verdinglicht (im christlichen Bekenntnis, in dem die Spuren dieses Verhältnisses noch zu erkennen sind: insbesondere in der Lehre von den zwei Naturen in Christus; das verdinglichte Bekenntnis ist dann zum Modell des politischen Zwangsbekenntnisses geworden – um den Preis der falschen Vergöttlichung des Staates (des falschen Gottessohns), der Hypostasierung des Staates als Prinzip der Anklage, der Stabilisierung des Herrendenkens und des ihm korrespondierenden Verhältnisses des Bewußtseins zur Objektivität, der Erhaltung des so unauflösbar gewordenen Schuldzusammenhangs). Die Ausbreitung durch Nachfolge (in der das Verhältnis von Liebes- und Schuldbekenntnis erlösende Kraft gewinnt) ist von den Kirchen seit je unterbunden worden. – Hierauf beziehen sich die Sätze Adornos: „Heute fühlen sich alle ungeliebt, weil keiner mehr zu lieben fähig ist“, und: „der Ankläger hat immer Unrecht“.
Vor diesem Hintergrund ist die Physik ein Teil der Staatsphilosophie, und ihre Kritik ist ein notwendiges Moment der Kritik an der Selbsterhöhung des Subjekts (der „Empörung“), die stabilisiert und der Reflexion entzogen wird durch eine gleichsam mystische Partizipation an der richtenden Gewalt des Staates. Die Geschichte dieser „Empörung“ läßt sich ablesen an der Geschichte des Natur- und des Weltbegriffs (oder der Herrschaft des Trägheits- und des Tauschprinzips).
Gibt es außer dem Natur- und Weltbegriff noch eine dritte Hypostase des Rosenzweigschen Begriffs des Alls (neben der Neutralisierung des Schöpfungs- und Erlösungsbegriffs durch den Natur- und Weltbegriff die des Offenbarungsbegriffs durch den Begriff der Wissenschaft)?
Raum und Zeit werden nicht von außen an die Dinge herangetragen (oder die Dinge von außen in sie hereingebracht), sondern haften den Dingen an wie das Schneckenhaus der Schnecke. Jedenfalls ist das die mit dem Relativitätsprinzip verbundene Vorstellung. Das einzige Objekt, dessen Beziehung zu Raum und Zeit sich nicht unter diese Vorstellung bringen läßt, ist das Licht (Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit: niemand kann über seinen eigenen Schatten springen). Was bedeuten eigentlich das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und die Identität von träger und schwerer Masse für den Stellenwert des Inertialsystems?
Kabarett, Satire, Empörung oder der Genuß, Recht zu behalten: daher die Wirkungslosigkeit des Kabaretts? Lachen als Identifikation mit dem Aggressor (Lachen und Konstituierung des Inertialsystems)?
Alle Religionen tragen heute museale Züge, sind anachronistisch. Gleichwohl gibt es keine Religionskriege mehr. Wenn Kriege so bezeichnet werden (vom Nordirland-Konflikt bis zur Golf-Krise), dann hat das real nur die Bedeutung, daß auch obsolet gewordene Religionen Stellungen des Bewußtseins zur Objektivität repräsentieren und damit Verhaltensweisen stabilisieren, die rationale Konfliktlösungen zumindest erschweren, wenn nicht ausschließen. Die Eröffnung und Begründung von Friedensmöglichkeiten muß die Selbstreflektion der durch religiöse Traditionen bedingten Blockaden von Konfliktlösungsstrategien mit einschließen (im Golf-Konlikt die kritische Selbstreflektion der drei Buch-Religionen).
Ontologie, Wissenschaft und Sprachzerstörung, die „verandernde Kraft des Seins“: das Sein (die Kopula, der indikativische Satz, das apodiktische Urteil) nagelt das Objekt fest, macht es überhaupt erst zum Objekt: setzt es – durch Verwandlung in ein Objekt des Wissens – unter Narkose, durch Subsumtion unter die Vergangenheit (gewußt wird nur das Vergangene, und die Natur nur insoweit, als sie unter die Vergangenheitsform sich bringen läßt). Das Sein ist das sprachliche Äquivalent des Inertialsystems und des Tauschprinzips in der Wissenschaft: Es macht wie diese das Ungleichnamige gleichnamig, es zerstört die Sprache.
Das heutige naturwissenschaftliche „Weltbild“ (das gegenständliche Korrelat eines an Reproduzierbarkeit und Intersubjektivität gebundenen Wahrheitsbegriffs, in dem das Subjekt nicht mehr vorkommt) zieht seine Teilhaber zwangsläufig in den Bann des Vergangenen mit herein. Insoweit ist es ebenso zwangsläufig atheistisch (und jeder Versuch, mit naturwissenschaftlicher Begründung eine Rehabilitierung der Religion zu betreiben, schändet die Religion). Grundlage einer Kritik der Naturwissenschaften ist die Idee des seligen Lebens, ihr Modell die Lehre von der Auferstehung der Toten, nicht die von der Unsterblichkeit der Seele: d.h. die Kritik der Naturwissenschaften verknüpft die Idee einer Resurrektion der Natur (aus dem Totenreich des Inertialsystems) mit der einer Resurrektion des Subjekts (der Befreiung, Erlösung vom Inbegriff und von der Hypostasierung der Selbsterhaltung: vom Bann der Identität und von der Idee des transzendentalen Subjekts).
„Die Ablösung der Herrschaft über Menschen durch die gemeinschaftliche Verwaltung von Sachen“ wäre nur möglich, wenn sich beides wirklich voneinander trennen ließe (vgl. P. Bulthaup: Zur gesellschaftlichen Funktion der Naturwissenschaften, S. 139). Die Vorstellung, beides ließe sich trennen, fällt hinter die Dialektik der Aufklärung zurück; sie resultiert aus dem undurchschauten Stellenwert der Naturwissenschaften, aus der unbegriffenen Stellung des naturwissenschaftlichen Bewußtseins zur Objektivität. Dazu paßt es, wenn P.B. in seinen Bemerkungen über die Offenbarungsreligion (S. 120ff) unbewußt in antisemitische Konstrukte hineingerät (er hätte vielleicht doch einmal die Propheten und Hermann Cohen lesen sollen). -
08.01.91
Vorrangiges Objekt der Physikkritik ist das Inertialsystem: als Grundlage und Referent aller physikalischen Begriffe. Bedeutung der zwei zentralen Entdeckungen Einsteins:
– spezielle Relativitätstheorie: das System ist gegen gleichförmig-geradlinige Bewegungen invariant (Lichtbewegung keine Trägheitsbewegung; Elektromagnetische Gleichungen nur Form der Objektivation unter den Bedingungen des Inertialsystems, Hinweis auf Differenz zur zugrundeliegenden Realität; Konstanz der Lichtgeschwindigkeit: das System ist endlich, „nach innen“ begrenzt);
– allgemeine Relativitätstheorie: träge und schwere Masse sind identisch: Fallbewegung gleich Trägheitsbewegung: Anpassung des Inertialsystems: das System muß auch gegen gleichförmig beschleunigte Bewegungen invariant sein („Krümmung“ falsche Erscheinung im Inertialsystem, selbstreferentielle Beziehung: „nach außen“ begrenzt).
Das Licht und die Schwerkraft sind dem Inertialsystem transzendent. Ihre Subsumtion unters Inertialsystem (die Schwerkraft am Anfang, das Licht am Ende des naturwissenschaftlichen Objektivationsprozesses): ihre Vergegenständlichung ist Produkt einer Vermittlung, die ihr Resultat nicht unberührt läßt (gibt es hierzu gesellschaftliche Korrelate: die Subsumtion der Arbeit unters Tauschprinzip begründet den Kapitalismus, die der Privatsphäre, der sinnlichen Qualitäten, der technischen Reproduzierbarkeit der sinnlichen Welt: des Inbegriffs der entfremdeten Subjektivität und der Verinnerlichung der Dialektik von Herr und Knecht, beschließt ihn).
Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und der Identität von träger und schwerer Masse?
Die Trägheitsbewegung ist ein Derivat der Fallbewegung („die Welt ist alles, was der Fall ist“). Nur das Licht ist dem Fall enthoben? Die Simultaneität des Raumes (des Inertialsystems) ist ein durch den Fall vermitteltes Derivat der Gegenwart (des Lichts), die dem Vergehen – und dem Wissen – ein Objekt verschafft (die Vergangenheit, die nur als eine der Gegenwart entfallene Vergangenheit sich denken läßt: es gibt keine ursprüngliche Vergangenheit).
Gegenstand des Wissens ist das Vergangene: wie wird es zum Gegenstand des Wissens? In der Physik durchs Inertialsystem, in der Philosophie durch den Begriff (Vernichtung und Aufhebung des Objekts).
War die Virginitas (das weibliche Korrelat des Bekenntnisses) ein Protest gegen den Warencharakter der Frau (Ehevertrag als Kaufvertrag; Beischlaf als Kauf- und Nutzungsakt)? Steckt darin auch ein Hinweis auf die Bedeutung des Bekenntnisses (Vergeistigung der Zeugung: objektiviert in der Trinitätslehre)? Zusammenhang mit der Geldwirtschaft. Bedeutung der evangelischen Räte (Gehorsam, Armut und Keuschheit): Ihr könnt nicht zugleich Gott dienen und dem Mammon. Die unbefleckte Empfängnis war demnach die vom Tauschprinzip unbefleckte Empfängnis; und Maria ist Jungfrau geblieben heißt: sie ist nicht Eigentum des Mannes geworden. Die Biologisierung des Keuschheitsgebots ist (zusammen mit den damit verbundenen paranoiden Blut- und Reinheitsvorstellungen) Modell und Ursprung des Rassenantisemitismus.
Das Bekenntnis liegt in der Nachfolge des Martyriums: der Zeugenschaft. Frauen waren nicht bekenntnisfähig, weil sie nicht Zeugen sein konnten (das Martyrium war möglich, das Bekennertum nicht: Folge der Anpassung an die Welt; gleichzeitig Biologisierung der Jungfrauenschaft). Ursprung der Zeugenschaft ist das (Straf- und Zivil-)Recht: der Nachweis eines Verbrechens und der Vertragsstreit, der Streit über ein Schuldverhältnis, der durch zwei Zeugen aufgelöst, befriedigt werden kann (Vgl. hierzu die Bemerkungen von Lyotard zu Auschwitz).
Die paulinische Kritik des Gesetzes, sein Rechtfertigungs- und Glaubensbegriff, seine Gnadenlehre, seine Christologie, seine Lehre von der Eucharistie, von Tod und Auferstehung, auch seine Frauenfeindlichkeit werden vor diesem Hintergrund verständlich?
Ödipuskonflikt in der realen Geschichte des Christentums begründet? Inzesttabu und Verletzung des Inzesttabus (Mutterideologie als letzte und gefährlichste Phase des Säkularisationsprozesses: vgl. Drewermanns Kleriker-Buch). -
05.01.91
Zusammenhang des Bekenntnisses mit den Strukturen und Mechanismen, die die Markenzeichen und -namen begründen. Der Markenname ist ein reiner Kollektivname, kein individueller Name; er steht aber auch nicht in der hierarchisch-genealogischen Folge von Gattung und species; er tendiert vielmehr zur reinen Differenz, und zur Tautologie (mit der Nähe zur Blasphemie: Persil bleibt Persil). Er usurpiert die Funktion des Namens, im Gegensatz zum Begriff (die gleiche Struktur und Funktion wie Markennamen haben heute Firmen-, Partei- und Vereinsnamen: auch diese fordern heute das Bekenntnis; und überall reagieren die Anhänger so wie die Kinder, die nur Adidas-Schuhe tragen wollen; jeder Kauf- und Wahlakt ist bereits ein Bekenntnisakt). Genau an dieser Stelle wird etwas vom Problem des Bekenntnisses sichtbar, das ursprünglich das Bekenntnis des Namens war, diesem Bekenntnis befreiende Funktion zusprach. Wenn Christus später dann gleichsam als Familienname (Vorname Jesus) verstanden wurde, nicht mehr als Bezeichnung des Messias, so zeichnet sich hier der Zerfall des Bekenntnisses ab: die Ersetzung des Namens durch die Person, die er bezeichnet, und den Begriff, der dann am Ende wieder zum Namen wird. (Reklame verschweigt den Tod: verweigert und verdrängt wie das Zwangsbekenntnis die Erinnerungsarbeit.)
Das christliche Bekenntnis tritt die Nachfolge der Magie an, wenn es von der Nachfolge Christi getrennt wird. Die Geschichte der Dogmenentwicklung ist die Geschichte der Remagisierung des Christentums (Sakramentenlehre). Das Zwangsbekenntnis ist genau so hilf- und wirkungslos wie der Regenzauber. Und die Hexen wurden nur deshalb so wütend vefolgt, weil sie an dieses magische Selbstverständnis des Christentums erinnerten. Die Gewaltbereitschaft der Gläubigen ist der Reflex auf dieses magische Selbstverständnis, an das man selber nicht mehr glaubt: die reale Gewalt soll ersetzen, was die magische nicht mehr leistet.
Das jüdische Bekenntnis, das „Höre Israel“ ist ein Liebesbekenntnis und ein Schuldbekenntnis zugleich. Das christliche Bekenntnis behält davon nur die formale Hülle zurück: die Verknüpfung eines vergangenen Ereignisses (Repräsentant der Schuld, die zugleich das Projektionsangebot enthält) mit einer zukünftigen Hoffnung, Erwartung (der Begründung der Möglichkeit der Liebe, des rechten Handelns).
Ist der Neue Bund (das Novum Testamentum) ohne das Nachfolgegebot überhaupt tragfähig?
Das Christentum ist heute zentral vom Gedächtnisverlust, vom Vergessen, von der Erinnerungslosigkeit geprägt; Ausdruck dessen sind seine erbaulichen Versionen (die es in verschiedenen Gestalten gibt). Es bedarf großer Anstrengung, um durch Erinnerungsarbeit wieder zum eigentlichen Inhalt durchzudringen. Theologie könnte diese Erinnerungsarbeit sein. Voraussetzung wäre, daß die Vorkehrungen außer Kraft gesetzt werden, die durch ihr Gegenstands- und Wahrheitsverständnis diese Erinnerungsarbeit gerade ausschließen. Die dogmatische Theologie leistet durch ihr Erkenntnisgesetz gegenüber ihrem eigenen Inhalt dasselbe wie die Naturwissenschaften gegenüber der Natur. Kann man Theologie treiben ohne Gottesfurcht?
Der sogenannte Urknall, der Big Bang, war nicht am Anfang, sondern kommt, wenn wir den Dingen ihren Lauf lassen, am Ende.
Welt und Natur sind – auch als philophische Begriffe – politischen Ursprungs, in der Theologie nur Gegenstand der Kritik.
Ist der Turmbau zu Babel ein Typos des hierarchischen Denkens? -Zur Geschichte der Architektur: Vom Turmbau zu Babel zum Haus des Seins.
Der Personbegriff, der den Träger des Namens bezeichnet, neutralisiert den Namen, macht ihn verwaltungsfähig.
Die Neutralisierung des Messiasnamens durch das griechische Christus, hat diesen Namen herrschaftsfähig (und in einer fatalen neuen Weise bekenntnisfähig) gemacht: Durch die neue Form des Bekenntnisses wurde das Christentum unter Narkose gesetzt.
Herrendenken setzt Reflexion voraus und verdrängt sie zugleich (durch listigen Gebrauch). Oder: Herrendenken ist zweite Unmittelbarkeit, die die erste verdrängt.
Die Ursprünge des Christentum liegen bei Juden, Ketzern und Frauen: Deshalb wurden diese in der Geschichte des Christentums immer wieder verfolgt (Kampf gegen die Erinnerung). Zusammenhang mit der Entwicklung der Kirche, der Einführung des Bischofsamtes, der Entstehung und Festlegung des Schriftkanons und der Entwicklung des Dogmas: Der Kanon ist antijüdisch, das Dogma antihäretisch, das Bischofsamt sexistisch. Oder die Gefahr des Kanons ist die der Leugnung des Vaters, die des Dogmas die der Leugnung des Sohnes und die des Bischofsamtes die der Leugnung des Heiligen Geistes.
Das Bekenntnis ist das vergeistigte Martyrium, und die Vergeistigung die Identifikation mit dem Aggressor. Zusammenhang mit den evangelischen Räten (Gehorsam, Armut, Keuschheit: Absterben des Eigenwillens, des Eigentums und der Sinnlichkeit): darin ist das Martyrium (durch Formalisierung) im Hegelschen Sinne aufgehoben. Zugleich wird das zentrale Moment der Nachfolge verraten und unkenntlich gemacht.
In der Auseinandersetzung mit den Häresien hat die Kirche durch Identifikation mit dem Aggressor das häretische Prinzip in sich mit aufgenommen: jeder Sieg über die Häresie war eigentlich eine Niederlage.
Der Faschismus ist die letzte Verkörperung der Sünde wider den Heiligen Geist; er war aber insofern nur die „Generalprobe“, als der Antichrist am Ende diese Verkörperung in der Verkleidung des Christentums selber darstellen wird.
Pater noster, qui es in caelis: nicht „in caelo“ (aber: fiat voluntas tua sicut in caelo et in terra).
Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit rührt an die Idee des Ewigen. Wenn es gelingt, diesen Punkt genau herauszuarbeiten, müßte es möglich sein, die Naturwissenschaften von ihrem Bann zu befreien.
Ist die dogmatische Bindung des Christen an die Trinitätslehre, an die Bekenntnispflicht, Modell der Beziehung des materiellen Objekts zum dreidimensionalen und ein früher Vorgriff darauf?
Ist das Bekenntnis, das Symbolum ein reales oder ein stellvertretendes Bekenntnis (für die ganze Kreatur)? Nur so wäre das Zwangsmoment in Freiheit umzukehren. Ein Glaube, der nur für sich glaubt, der nicht die Armen und die Fremden, die Leidenden, die Unterdrückten und die Zukurzgekommenen mit einschließt, ist irreal.
Eine Lehre, die wie ein Besitztum streng gehütet wird, anstatt im Wandel des historischen Prozesses neu gewonnen zu werden, verkommt, stirbt ab.
Ist die Kirche etwa der Lazarus („Herr, er riecht schon“ – oder auch der, der die Brosamen an den Tischen der Reichen aufliest).
Wer ist der Adressat des Confiteor (deus omnipotens etc.)? Und in welchem (inhaltlichen und funktionalen) Verhältnis steht das Confiteor zum Credo in der Messe? Konstruktion der Messe: Stellung und Bedeutung des Lavabo?
Das pathologisch gute Gewissen ist sowohl katholisches Erbe als auch ein Rechtsinstitut (Bedingung des Urteilens): Niemand hat das autoritäre Exkulpationsritual nötiger als Staatsanwälte und Richter.
Die Derrik- uund Schymanski-Mentalität, die im Vorhinein schon weiß, wer der Schuldige ist, ihn dann nur mit allen Mitteln zur Strecke zu bringen sucht (wobei das Vorauswissen als Rechtfertigung auch brutaler Mittel benötigt wird).
Wenn man Längenkontraktion und Zeitdilatation zusammennimmt, wie ändern sich dann die Geschwindigkeiten? Die Strecken werden kürzer, die Zeiten dehnen sich: müßte nicht die Geschwindigkeit sich gleich bleiben? Gibt es auch den umgekehrten Effekt der Zeitkontraktion und der Längendilatation? – die umgekehrte Relation des ruhenden zum bewegten System (anhängig von der relativen Richtung von Licht und bewegtem Objekt)? Gibt es eine Beziehung zwischen diesen beiden Beziehungen?
Verweist das Verhältnis von Körpergröße und Gewicht bei den Dinosauriern auf eine andere Gravitationsstruktur? Und weist das plötzliche Aussterben der Dinosaurier auf eine Änderung in dieser Struktur hin? – Maus/Elefant: Kurz-/Langzeitgedächtnis?
Die Weltkriege als Phasen des Weltuntergangs begreifen. Wir leben in den Trümmern, die der Wiederaufbau nur verdeckt, nicht wirklich beseitigt hat, und merken es immer noch nicht. Geduld und langer Atem sind notwendig, um in den Bruchstücken die Elemente der neuen Welt zu finden und an ihrer erneuten, veränderten Zusammensetzung mitzuarbeiten.
Wer der Gewalt der Sprachzerstörung, die in den Begriffen liegt, nicht verfallen will, muß die benennende Kraft der Sprache zurückgewinnen. Das wäre die Aufgabe der Philosophie heute. Insbesondere bedarf es heute der adamitischen Kraft, die beiden Tiere zu benennen. Zentrales Modell für die Wiedergewinnung der benennenden Kraft der Philosphie wäre heute die Kritik der Naturwissenschaften. Die Naturwissenschaften sind keine Weltbild-Produzenten, sondern sie bergen in sich die subversive Kraft, die die Weltbilder zerstört.
Hegel hatte geglaubt, das Bild einer neuen Welt erstellen zu können; das war sein Fehler. – Die kommende Welt – wie immer sie auch sonst beschaffen sein mag -, eines ist gewiß: sie ist bilderlos.
Die Umkehrung des Trotzes war die Liebe, die des Charakters die geliebte Seele. Nach Rosenzweig ist das Bekenntnis der Seele die Antwort auf die Offenbarung.
Ist der dreifache Verrat des Petrus auch inhaltlich unterschieden?
Die Virginitas ist ein Symbolum, kein Biologicum.
Seit der Phänomenologie ist der theologische Gebrauch des Begriffs der Anschauung obsolet geworden. Die Phänomenologie hat als reine Theorie zugleich dieses zentrale Moment der philosophischen Tradition, die Theoria, liquidiert (Zusammenhang von Anschauung und Bekenntnis!).
Nicht die Umwertung aller Werte, die vielmehr genau in die Katastrophe hineinführt, zu deren ersten Vorboten gehört, sondern die Kritik des Wertbegriffs selber, genauer: die Kritik jenes Begriffs der Objektivität, in dem der Begriff des Werts entspringt, sich konstituiert, ist der Anfang der neuen Philosophie.
Der engliche „cant“ war für Max Scheler die Projektions-Müllhalde, auf der er alles abladen konnte, was er in sich selbst verdrängen mußte.
Man kann sich zu einer Sache bekennen, von der man überzeugt ist.
Schellings „das Zukünftige wird geahnt“ stellt eine Beziehung zur Zukunft her, die dem des Schicksals entspricht. Die Zukunft ist etwas, was von außen her eintritt, außer jeder Beziehung zum eigenen Handeln, von dem für den, der nur noch „ahnt“, nichts mehr abhängt.
Eine Zukunft, von der man „überzeugt“ ist, ist entweder Gegenstand einer negativen Prognose (Vorteil: wenn’s eintrifft, behält man recht, wenn nicht, wird die Prognose vergessen) oder aber Gegenstand eines (zwangsweise) geglaubten Bekenntnisses. Das reale Verhältnis zur Zukunft ist das der Gottesfurcht: eben diese wird durch die Überzeugung verdrängt.
Wer die Zukunft dingfest machen will, erträgt es nicht, in der Gottesfurcht zu bleiben: er verachtet die Weisheit. Er ist zum Verdummen verurteilt.
Wenn Erkennen etwas mit der Zeugung zu tun hat (Adam erkannte sein Weib …), dann ist das Überzeugen eine Vergewaltigung.
Verhältnis von chemischem und juristischem Prozeß: Am Ende bleibt die Asche.
Die Fundamentalontologie ist die in objektloser Angst erstarrende Hypostasierung des Wissens, das dann keines mehr ist.
Zur philosophischen Bildung heute gehört die Lektüre des „Angehörigen-Info“. -
01.01.91
Die Rede von der „Überwindung der Mechanik“, überhaupt von den „Überwindungen“ (des 19. Jahrhunderts o.ä.), ähnelt dem Verhalten von Newcomern, die sich ihrer Herkunft schämen und sich falsche Ahnenbilder ins Wohnzimmer hängen. Das Christentum heute scheint zu einer Galerie falscher Ahnenbilder zu werden.
Der Begriff der „rohen Natur“ ist ambivalent. In ihm wird der vorzivilisatorische Zustand mit einem durch den Zivilisationsprozeß erst vermittelten: mit dem, was im Verwertungsprozeß als dessen materielle Grundlage (als Rohstoff- und als menschliche und „natürliche“ Rohenergiebasis) selbst erst produziert worden ist, in eins gesetzt. Was im Verwertungsprozeß als das Erste gesetzt wird, muß es nicht auch an sich sein. Ist es so undenkbar, daß das sogenannte Primitive auch als Endstufe eines Verfallsprozesses sich fassen läßt? – Adornos Kritik des „Ersten“ (in seiner Metakritik der Erkenntnistheorie) scheint nicht ganz frei von dieser Verwechslung zu sein, die selber wiederum (mit Konsequenzen bis in seine Ästhetik hinein) mit dem unaufgeklärten Weltbegriff zusammenhängt: mit dem Problem der gegenständlichen Entsprechung seiner Erkenntniskritik, seines Begriffs der negativen Dialektik. Der Begriff der „rohen Natur“ macht Ungleichnamiges gleichnamig. Dieses Ungleichnamige ist der „Eckstein, den die Bauleute (bei dem Turmbau von Babel, der heute seiner Vollendung entgegen zu gehen scheint) verworfen haben“. (Zum Zusammenhang von Geschichte der Architektur und Ontologie: Die Fundamentalontologie als Betonbunker.) -
23.12.90
Letzter Auftrag: „… und ihr werdet meine Zeugen sein … bis an die Grenzen der Erde“ (Apg. 18, direkt anschließend „wurde er vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken“). Kopernikus und dann insbesondere Newton haben kraft der Verknüpfung von Inertialsystem und Gravitationsgesetz die „Grenzen der Erde“ bis in die Himmel ausgedehnt (durchs Gravitationsgesetz wurden Himmel und Erde in ein einheitliches Universum umgeformt, der Himmel zum Verschwinden gebracht: mit dem Himmel die sinnliche Welt ins Innere, ins Subjekt zurückgenommen; das neue Einheitsprinzip des Universums war das Inertialsystem, eigentlich das Tauschprinzip).
Christina von Braun: „… wie sehr die völkische Blutmythologie eine Form von säkularem Christentum darstellt.“ (Die schamlose Schönheit des Vergangenen, S. 106)
Licht und Schwerkraft: Repräsentationen von Zukunft und Vergangenheit (Werden und Vergehen) im Objekt. Das elektromagnetische Feld ist Produkt der Projektion des Lichts ins Gravitationsfeld (seiner Subsumtion unter die Vergangenheit)? Und die träge/ schwere Masse Ausdruck der Herrschaft der Vergangenheit? Die Masse hat keine Ausdehnung!
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie