Der Personbegriff konstituiert sich durch Neutralisierung der „persönlichen Fürwörter“, durch Verdrängung der Differenzen zwischen Ich, Du und Er; das aber heißt: in der Neutralisierung und Verdrängung des besonderen Schuldverhältnisses (der Grundlage dessen, worauf sich das Nachfolgegebot bezieht, und des Verständnisgrundes des parakletischen Denkens) und durch Konstitutierung des allgemeinen Schuldzusammenhangs (abgesichert durch den Weltbegriff). Person ist das Selbst als Objekt: jemand, über den hinter seinem Rücken gedacht und geredet wird. Der Begriff der Person gehört zu der durchs Tauschprinzip definierten Gesellschaft wie der Pass zum Staat (vgl. Brecht: Flüchtlingsgespräche). Person ist das Objekt der Identifikation (durch den Namen, durchs Bild und durch die individuellen Merkmale). Zusammen mit der Einführung des Personbegriffs in die Theologie (in der lateinischen Variante der Dogmenentwicklung) wurde Christus zum Eigennamen (schon im 2. Petrusbrief werden die Begriffe Soter und Christus zusammen verwendet, der des caesarischen Retters, der den hebräischen go’el verdrängt, mit dem des jüdischen Messias, den er dann neutralisiert, überdeckt und verdrängt: Grund der getrennten christlichen Kaiser- und Königstradition). Physei ist thesei: Seit wann gibt es „die Natur“ als Totalitätsbegriff? In der philosophischen und theologischen Tradition wurde Natur als die von Einzeldingen (bis hin zu den zwei Naturen in Jesus) verstanden, in enger Beziehung zum Wesensbegriff. In der griechischen Philosophie (bei Aristoteles) hatten Bedeutung und Funktion dieses Begriffes die Idee einer ungeschaffenen, mit Gott gleich ewigen Welt zur Voraussetzung. Vorausgesetzt war die klare Trennung von physei und thesei: von Natürlichem (als nicht Geschaffenem) und gesellschaftlich Bedingtem. Der logische Zwang dieser Trennung war über den Ursprung des Weltbegriffs politisch vermittelt (in der Geschichte der orientalischen, ägyptischen, hellenistischen und römischen Staatsidee). Der moderne Naturbegriff dagegen hat das entwickelte Bürgertum zur Voraussetzung. (Das biblische Herrschaftsgebot: Macht euch die Erde untertan, bezieht sich nicht auf die Natur – es ist nicht imperialistisch -, sondern auf die Erde: Es schließt den/die Himmel nicht mit ein; erst das kirchliche Christentum hat versucht, auch den Himmel sich untertan zu machen, und damit die Voraussetzungen für den totalitären Naturbegriff und eine grenzenlose Naturbeherrschung geschaffen.)
Christentum
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09.12.90
Die Reflexion des Bekenntnisses ist das Zentrum der kritischen Selbstverständigung (und Selbstbegründung) des Christentums; sie ist sowohl Inbegriff des Neuen, Befreienden, als auch Ansatzpunkt für die Selbstinstrumentalisierung: Verwandlung in ein Herrschaftsinstrument; Ursprung der Instrumentalisierung der Natur; Zusammenhang mit dem Weltbegriff. – Gegenstand des Bekenntnisses ist das Bekannte? Säkularisation des Bekenntnisses durch die Formen der Anschauung, durch die Mathematik, die in der historischen Auseinandersetzung mit der Natur diese Natur ähnlich repräsentieren wie das Bekenntnis die Kirche. Oder: Das Zwangsbekenntnis leistet am Subjekt die gleiche Entrealisierung und Entsinnlichung wie die Formen der Anschauung (das Inertialsystem) und die daraus abgeleiteten Strukturen der Mathematik an der Natur. Die Person als Träger des Namens ist das Produkt der Zurichtung zum Objekt des Urteils (vom Tratsch übers Recht bis hin zur Theologie), der Instrumentalisierung, der Verwaltung.
Ebenso wie die Person den individuellen Menschen neutralisiert das Bekenntnis (der vom Wissen getrennte anstatt sein Verhältnis zum Wissen reflektierende Glaube) seinen Gegenstand, seinen Inhalt. Die Person (als Gegenstand hoffnungslosen Wissens) muß sich ihre Taten als feste Eigenschaften zurechnen lassen: wer gestohlen hat, ist ein Dieb, wer gemordet hat, ein Mörder. Nur durch ihr vergangenes Handeln und ihr Leiden kommt die Person zu Eigenschaften, Qualitäten; diese sind Urteile über ihre Vergangenheit. In der Theologie ist es denn auch das Handeln und Leiden, das die Unterscheidung der Personen in der Trinität begründet: der Zeugende und der Schöpfer der Welt ist der Vater, der Gezeugte und in die Welt Ausgesandte (und zur Hölle, zum Ziel des Sündenfalls, Abgestiegene) der Sohn, der von beiden Ausgehende und der das Antlitz der Welt Erneuernde der Hl. Geist (Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft; Glaube, Liebe, Hoffnung?). Und am Ende, wenn der Sohn sein Rettungswerk vollendet hat, wird Gott alles in allem sein: werden mit der „Welt“ auch die Personen in Gott untergegangen sein. (Die Trinitätslehre besteht ebenso wie ihr Tradent, das „Welt-„Priestertum und die Hierarchie: die organisierte Kirche, solange, wie die Welt besteht.)
(Die Welt der Kinder ist die private Welt der Familie. Und für die Kinder ist es auch der Vater, der durch seine außerweltliche Tätigkeit diese Privatwelt gleichsam ex nihilo erschafft, jedenfalls ihr absoluter Herr ist. Nur die Mutter ist in der Privatsphäre physisch anwesend, der Vater ist ihr transzendent. – Das orthodoxe Urteil über die Häresie als Abweichung orientiert sich an diesem Modell.)
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01.12.90
Es gibt keine creatio ex nihilo, wohl aber eine fortschreitende saecularisatio ex nihilo: es werden nicht vorausgehende theologische Inhalte säkularisiert, sondern im Prozeß der Säkularisation werden die immanenten säkularen Elemente der Theologie, ihr weltlicher Inhalt, aufgedeckt und zerstört.
Die Kritik der Anthropozentrik, soweit sie davon ausgeht, daß die Natur auch ohne den Menschen besteht und nach Zerstörung der Menschheit weiterbesteht, macht ein erkenntnissystematisches und historisches Moment von Erkenntnis, die Entfremdung von Mensch und Natur, zu einem gegenständlichen, zu einer Bestimmung der Natur an sich. So befreit sich das Denken von der Last des Sündenfalls. Die Lehren, wonach der Mensch von Natur und von Grund auf böse ist, haben als Hintergrund das Konzept, daß der Sündenfall ausweglos und irreversibel ist. So entledigt man sich der Verantwortung für die gleiche Schuld, die, dem Nachfolge-Gebot zufolge, der Christ auf sich nehmen soll: so gibt man auch das Christentum preis, hat man das Recht verspielt, sich Christ zu nennen.
Titel: Rekonstruktion der Theologie, oder: Religion als Blasphemie.
Als das Symbolum noch ein Sakrament war: Die entsetzliche Verwirrung aller Konfessionen, insbesondere jedoch des Katholizismus, hat ihren Grund im Konfessionalismus selber, in der Umwandlung des Symbolums in ein Glaubensbekenntnis, das im Grunde nur noch dezisionistisch verstanden wird; d.h.: das seine Gründe nicht in sich selber, in seinem eigenen Inhalt, sucht, sondern von außen her nimmt, im Grunde das Bekenntnis äußeren Zwecken, die man dann vor sich selber verbirgt, unterordnet, das Bekenntnis instrumentalisiert (was seinen Inhalt nicht unberührt läßt). Insbesondere das zentrale Moment der Gottesfurcht, der Anfang der Weisheit, wurde aus der Theologie unserer Theologen herausoperiert; und das gesamte kirchliche Establishment fürchtet alles andere, nur nicht Gott. Sie haben die Erbschuld manipulierbar gemacht, aus der Lehre von Sündenfall, Gnade und Erlösung, wurde ein Schuldverschubsystem, das beliebig anwendbar, allerdings mit der immanenten Tendenz, dem immanenten Telos aller Sündenbock-Mechanismen behaftet ist, in der Regel das Beste: die Erinnerung daran, daß es eigentlich anders sein müßte, zum Objekt der Vernichtungswut zu machen. Die Gemeinheit ist nicht strafrechtlich, sondern nur theologisch bestimmbar.
Drei Motti:
a „Parvus error in principio magnus est in fine“ (Th.v.Aq., De ente et essentia),
b der Schauspieldirektor aus Kafkas Tagebüchern,
c Walter Benjamins Bemerkung über Franz Rosenzweig („die Tradition auf dem eigenen Rücken weiterbefördern, anstatt sie seßhaft zu verwalten“),
und als viertes:
d „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ (Wittgenstein)
Das Universum hat den Kosmos abgelöst. Der Produzent des Universums (wann wurde der Begriff eingeführt? – zuerst kritisiert wurde er von Rosenzweig) ist die Universität als Agentur der frühbürgerlichen Gesellschaft in Europa.
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28.11.90
Wir sind in einer Situation, in der das Verbot des Gesinnungsstrafrechts, wie es scheint, nur noch die Gemeinheit schützt. Gemeinheit ist eine Funktion der Verweltlichung (oder die subjektlose Welt die Ausrede für Unverantwortlichkeit). Mit der Ausbreitung der Welt vermehren sich auch die Schlupfwinkel, in denen die Gemeinheit heranwächst. Die Anpassung an die Welt ist der Ursprung der Gemeinheit. Es ist der objektive Zynismus, gegen den juristische Mittel nichts mehr helfen, der sich in der Gemeinheit nach außen kehrt. Die Gemeinheit ist ein Teil dessen, was Hegel das Weltgericht genannt hat, das jedoch heute von der BILD-Zeitung bis zum Fernseh-Interview ungehindert öffentlich funktioniert.
Das proton pseudos der Hegelschen Philosophie ist die Vorstellung, daß der absolute Begriff, die Idee, die Natur „aus sich entläßt“. Wenn, dann gilt dieses Konstrukt nur im Hinblick auf die zweite, nicht auf die erste Natur. In Wahrheit nämlich ist der Begriff das Medium und der Transporteur der zweiten Natur, die rückwirkend die erste ins Bewußtsein hebt, den naturwissenschaftlichen Erkenntnisprozeß in Bewegung bringt. Vor diesem Hintergrund nochmal Hiob lesen, die Antwort Gottes aus dem Gewitter auf die Anklage Hiobs
Irgend jemand hat einmal festgestellt, daß mit dem Erscheinen des Protestantismus die Kraft der Häresienbildung erschöpft war. Das verweist darauf, daß hier ein Zustand erreicht war, in dem der Weltbegriff theologisch nicht mehr kritisierbar war, die Säkularisation sozusagen ihr Ziel erreicht hatte. Es gab keine Alternative mehr zur Welt und die Orthodoxie war selbst weltfähig geworden (Protestantismus und Gegenreformation als Gestalten der Verweltlichung der Religion, einer Religion, über die die Welt gesiegt hatte).
Die Unfähigkeit der Kirchenväter, gegen die Häresien zu argumentieren (die Form der Argumentation, die hier erstmals erscheint, gilt heute noch insbesondere für die katholische Apologetik: sie geht auf den Gegner nicht ein, „widerlegt“ ihn nur von oben bzw. von außen), scheint damit zusammenzuhängen, daß die Orthodoxie in der Häresie, wenn sie sich wirklich darauf einließe, ihre eigenen Fehler und Versäumnisse erkennen würde; deshalb die wütende (in der Geschichte der Inquisition und der Ketzerverfolgung praktisch sich austobende) Reaktion. Schon die Kirchenväter schimpfen nur.
Was bedeutet eigentlich die zentrale Stelle des Brot- (und Wein-) Symbols im Christentum, von der wunderbaren Brotvermehrung bis zum Brotbrechen, an dem ER erkannt wird (unmittelbar nach der Auferstehung!) und vom Kana-Wunder (Beginn seiner öffentlichen Tätigkeit) bis zum Abendmahlswort, daß ER von diesem Getränk bis zur Wiederkehr (am Ende der Zeiten!) nicht mehr trinken werde.
Sind Disteln und Dornen Gegensatzbildungen zu Weizen und Weinstock? Ist der theologische Hinweis darauf, daß das Weizenkorn absterben muß, damit es hundertfältige Frucht bringt, ein Hinweis auf eine (auch) positive Bewertung der Kulturentwicklung? Wird hier etwa versteckt die Jesus-Parabel vom Weizen, der unter die Dornen fällt, zitiert?
In der alten Christenheit wurden bei das Taufe das Symbolum (Glaubensbekenntnis) und das Herrengebet (Vater unser) übergeben. Beide Handlungen heißen bei Augustinus noch Sakrament. Wer hat wann die Einschränkung auf die sieben Sakramente (und nur auf diese: Taufe, Eucharistie, Firmung, Buße, Priesterweihe, Ehe, letzte Ölung) veranlaßt und vollzogen?
Ist Haschamajim ein echter Plural, oder ist es eine Parallelbildung zu Elohim, oder sind beide im ersten Satz der Genesis echte Plurale?
Die Deutschen sitzen schon in Isolationshaft: Ferdinand Ebners „Traum“, aus dessen Bann nur der Aufwachende heraustritt, ist inzwischen – insbesondere durchs Fernsehen – zum allgemeinen komfortablen Kulturgut geworden.
Nochmal bei Johannes (dem Logos-Theologen) das Verhältnis von Beistand, Welt und Gericht der Welt nachlesen.
Kosmos und Physis, Welt und Natur sind Kristallisationkerne des Schuldzusammenhangs; sie lassen sich aus diesem Kontext nicht herauslösen.
Es ist ein aus dem hierarchischen, an Rangordnungen orientierten Denken stammendes Vorurteil, daß Organisches höherrangig sei als Mechanisches; in Wirklichkeit ist jeder Organismus nur ein nach Herrschaftsgrundsätzen organisierter Instrumentalismus. Das Vorurteil stammt aus der Verwechslung des Lebens mit seiner organisch-teleologischen Struktur (der bloßen Beherrschung der organisierten Abläufe, die auch in der Gesellschaft jeweils als höherrangige Tätigkeiten gelten). Dabei ist die organische Ausgestaltung des Lebens Folge und notwendiges Korrelat der Struktur und Beschaffenheit der äußeren, „anorganischen“ Natur, gegen die das Leben sich behaupten muß: Folge des Prinzips der Selbsterhaltung unter bestimmten vorgegebenen Naturbedingungen. Nicht nur sind die von Menschen geschaffenen Werkzeuge primär den „natürlichen“ Organen nachgebildet, die Organe sind selber Instrumente, Folge der von der äußeren Natur aufgezwungenen Instrumentalisierung (mit zwangsläufigen Korrespondenzen zwischen äußerer Natur und den besonderen Formen der organischen Ausgestaltung). Der Freiheitstrieb des Lebendigen, bevor er in den verschiedenen Gestalten der Selbsterhaltung erstarrte, hat gleichsam tastend und experimentierend diese Gestalten durchlaufen müssen und dabei auf bis heute unbegriffene Weise die äußeren Bedingungen, die Struktur der „anorganischen Natur“ reflektiert und abgebildet. – Bezeichnend, daß Augustinus das Leben im Paradies als völlig durchrationalisierten und der Subjektherrschaft unterworfenen Organismus sich vorstellte und zumindest für den Zeugungsakt das Funktionieren subjektfremder autonomer Abläufe (unter der Herrschaft des Lustprinzips) ausschloß.
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25.11.90
Die Blumenbergsche Diskussion des Säkularisationsbegriffs unter dem Aspekt der Legitimität der Neuzeit ist schief: Die Säkularisierungsdiskussion hat nicht die Legitimierung der „Neuzeit“ zur Folge, sondern die Kritik eines Christentums, in dessen Selbstverständnis und Geschichte die Objektivierungs-, Instrumentalisierungs- und Herrschaftsgeschichte, die in der „Neuzeit“ dann auf die Natur sich bezieht, in der Theologie vorgebildet ist. Die Säkularisierungsthese – worauf sie auch immer angewandt wird – stellt nicht die Legitimität der Neuzeit, sondern den Wahrheitsanspruch ihrer christlichen Urspünge in Frage. Die Anwendung der evangelischen Räte auf das Erwerbsleben im Frühkapitalismus rechtfertigt nicht den Kapitalismus sondern weist hin auf einen Strukturfehler, auf ein Moment von Verweltlichung, das sich in der Geschichte des christlichen Mönchtums gleichsam hinter dem Rücken der manifesten Motive institutionell durchsetzt (vergleichbar übrigens der „Verweltlichung“ des Mönchs Luther und der Nonne Katharina durch Verlassen des Ordens und Eheschließung: gleichsam der reformatorischen Säkularisation von Confessor und Jungfrau).
Das Schiefe ist dann mit Händen zu greifen in der Gnosis-Diskussion (Auseinandersetzung Blumenberg/Voegelin). Grund ist der auch von Blumenberg nicht durchschaute Weltbegriff (vgl. u.a. SuS S. 150: „Die Welt als Schöpfung aus der Negativierung ihres demiurgischen Ursprungs zurückzuholen und ihre antike Kosmos-Dignität in das christliche System hinüberzuretten (Hervorhebungen H.H.), war die zentrale Anstrengung, die von Augustin bis in die Hochscholastik reicht“). Kein Zufall, wenn er die Nachfolge, der Augustinus theologisch korrekt Ausdruck verleiht, als „ebenso rührende wie verhängnisvolle Geste“ denunziert (S. 153). Vgl. auch den nachfolgenden Text bei Blumenberg (zur Prädestinationslehre des Augustinus).
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22.11.90
„Stimmung“ ist faschistisch; Bezeichnungen wie „Stimmungskanone“, „Bombenstimmung“ sind kein Mißbrauch eines an sich unbelasteten Begriffs, sondern liegen genau in seiner Bedeutungslinie.
Stimmung gehört zur Unterhaltung, beide sind begleitende Momente von Verdrängungsprozessen.
Vergleichbarer Bedeutungswandel von gesinnt zu gesonnen, gebieten zu Gebot, besinnlich zu besonnen. (Weihnachten ist ein besinnliches Fest, kein besonnenes mehr.)
Der Turmbau zu Babel hat die Verständigung zwischen den Völkern zerstört, er hat die Sondersprachen der Völker geschaffen. Der heutige „Turmbau“ zerstört die Kommunikationsfähigkeit generell: Er zerstört die Beziehung der Sprache zur Wahrheit. Grund ist u.a. die Klassenspaltung, die auch eine Sprachbarriere ist. Der heutige Turmbau übertrifft den Turmbau zu Babel: Er reicht bis an den Himmel. Gott braucht nicht mehr herniederzusteigen; die Sprache zerstört sich von selbst.
Zur Kritik des Stern der Erlösung: Die Kritik hätte anzusetzen an dem positiv gefaßten Weltbegriff. Hier sind die Konsequenzen, die sich dann daraus ergeben, vorprogrammiert: insbesondere auch das sehr formale Verständnis des Christentums. Das Christentum ist nur dann der „ewige Weg“, wenn die Welt sakrosankt ist. Voraussetzung wäre, daß der Säkularisationsprozeß und sein Ergebnis nicht kritisierbar, nicht revidierbar ist. Aus dem gleichen Grunde findet der apokalyptisch-parakletische Zug, der zum Christentum dazugehört, keine Stelle. In der gleichen Richtung liegt Adornos Vorstellung – wie weit sie auf Benjamin, auf den Adorno sie bezieht, tatsächlich zutrifft, wäre zu prüfen -, daß es auf die restlose Säkularisierung theologischer Gehalte ankäme. Das ist ein unerfüllbares Programm.
Trotz und Charakter: Nicht der Trotz auf den eigenen Charakter, sondern die Verantwortung für den eigenen Charakter übernehmen. Das trotzige, in seinen eigenen Charakter verbissene, verschlossene Selbst wird erst lebendig durch den Anspruch, die Liebe Gottes; er ist darauf angewiesen, von Gott angesprochen zu werden. Der Anspruch der Christen geht eine Stufe tiefer. – Was wird bei Rosenzweig nach der Umkehr aus dem Charakter? – Wie verhält sich der mythische Trotz zum Selbstmitleid? Hat er einen anderen Ausweg? – Wie verhalten sich Charakter und Scham? Gibt es ebenso wie einen positiven Begriff der Schamlosigkeit auch einen positiven Begriff der Charakterlosigkeit?
Die Physik ist der Kloß im Hals der Theologie (an dem sie längst erstickt ist: Hoffnung gibt es nur in der Lehre von der Erweckung der Toten).
Beihilfe zum Massenmord (Imhausen, NTG) ist ein Kavaliersdelikt, wenn sie mit Geldverdienen verbunden ist.
Der Faschismus hat die autoritäre Grundstruktur, die das etablierte Christentum in der Auseinandersetzung mit den Häresien begründet und konstituiert hat, als einzigen Inhalt übernommen. Insoweit ist er in der Tat eine christliche Häresie (vielleicht die letzte?). Frage, ob nicht alle Häresien nur aus dem Grundfehler des Christentums, der Beziehung des Schöpfungsbegriffs auf die Welt (Schöpfung der Welt aus dem Nichts), seit der Gnosis die jeweils historisch aktuellen richtigen Konsequenzen gezogen haben? – Neuer Begriff der Orthodoxie, die daraus nichts gelernt hat, weil sie nie lernfähig war.
Person ist der Träger des Namens (und Subjekt der Zurechenbarkeit von Schuld und des Bekenntnisses), aber als dritte Person, als Person, über die gesprochen wird, als Objekt („Persönlichkeit“ ist die subjektive Aneignung und Verinnerlichung dieses Status). Die Anwendung des Personbegriffs auf Gott ist ein wesentliches Moment im historischen Objektivationsprozeß. Der Personbegriff ist ein theologischer Begriff, mit der Instrumentalisierung der Theologie entstanden; er wurde von daher auf den Menschen übertragen (Person ist das Trauma der instrumentalisierten Religion; Bubers „personhaft“ ist Indiz seines theologischen Vorurteils.)
Zur Geschichte des Personbegriffs vgl. Tertullian, Augustinus, Boethius (generell die lateinische Rezeption und Verarbeitung des Dogmas).
Nach Thomas von Aquin ist die „getrennte Seele“ (die an ihrer Trennung leidet und auf die Verbindung mit dem Leib: auf die Auferstehung wartet) keine Person (S.Th., I, 29, 1). (Sie ist abgetrennt von der Möglichkeit des Handelns, sie ist auch rechtlich nicht mehr haftbar.
– Das Gericht über die Person erfolgt nach der theologischen Tradition nach dem Tode: d.h. die getrennte Seele ist gerichtet;
– das über die Welt am Ende der Zeiten: die Welt wird gerichtet, und dieses Gericht ist das Gericht des Erbarmens über das erbarmungslose Weltgericht.)
In der Anwendung auf Gott verwandelt der Personbegriff (die Vergegenständlichung Gottes) den Namen in einen Begriff: So sieht denn auch die ganze scholastische Diskussion der Lehre von den göttlichen Namen aus, in der die wirklichen Gottesnamen (der Barmherzige, der Gerechte, das Tetragrammaton) nicht mehr vorkommen.
Zusammenhang von Person, Scham, Charakter (persona = Charaktermaske; Objektivation und Verinnerlichung des Schicksals, des Dämons; Augustus, Identifikation mit Herrschaft; Veräußerlichung des Bekenntnisses, Konstitutierung der Formen der Anschauung, Herkunft aus dem Symbol).
Person ist ein Verwaltungsbegriff. Und nicht zufällig ist der moderne „Personalismus“ ein Pendant der modernen Wertphilosophien, die das Weltgericht handhabbar, anwendbar (verwaltungsfähig) machen.
Person, Welt und Natur bilden ein begriffliches Kontinuum (den Schuldzusammenhang, das Kontinuum des Herrendenkens). Ähnlich wie die Schöpfung aus dem Nichts und die Opfertheologie ist auch die Gnadenlehre mit dem Hilfsbegriff des Übernatürlichen eine notwendige Folge dieses Zusammenhangs (der Theologie hinter dem Rücken Gottes). Alle Häresien (zuletzt der Nominalismus und seine konfessionellen Derivate) sind historisch bedingte logische Konsequenzen aus dem parvus error in principio, und die Orthodoxie ist unter dem Zwang der Häresievermeidung (bei gleichzeitiger Unfähigkeit, den error zu korrigieren: die Gottesfurcht als den Anfang der Weisheit zu begreifen) immer irrationaler geworden und immer mehr in das Gravitationsfeld autoritärer Strukturen hereingezogen worden. Alle Häresien sind Konsequenzen aus dem undurchschauten Weltbegriff.
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23.10.90
Der Mythos ist in der Antike durch die Opfertheologie, im Mittelalter durch die Islamisierung ins Christentum eingewandert (Beziehung zum Schicksal!).
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10.10.90
In seiner Predigt vor der Herbstvollversammlung der deutschen Bischofskonferenz in Fulda vermißte Karl Lehmann die „dankbare Freude“, statt dessen werde „Trübsinn, Vergangenheitsbeschwörung und gottferne Skepsis gepflegt“ (FR vom 26.09.90). Karl Lehmann auf J. Ebachs Interpretation der Geschichte von Lots Weib hinweisen? Der Begriff „Vergangenheitsbeschwörung“ zusammen mit dem Hinweis auf „Trübsinn“ und „gottesferne Skepsis“ macht die Verwirrung, die den deutschen Katholizismus heute beherrscht, (den Verdrängungsprozeß und die Verblendung, unter denen die Kirche heute leidet) mit einem Schlage sichtbar.
Die Verwendung des Begriffs „Vergangenheitsbeschwörung“ läßt sich nur durch einen vollständigen Mangel an Gottesfurcht erklären.
Die Todesstrafe wurde abgeschafft, als die Menschen nicht mehr an die Hölle glaubten. Dafür wurde dann die lebenslängliche Haftstrafe eingeführt und entsprechend ausgestaltet. Die Abschaffung der Todesstrafe war außerdem überdeterminiert, da nach Auschwitz zu viele das Risiko zu fürchten hatten.
Das Gefängnis ist heute der Ort, an dem Menschen zu qualitätsloser Materie fertiggemacht werden. Es mußte einfach in der Industriegesellschaft einen Ort geben, der noch schlimmer war als die Fabrik. Das wirft ein Licht auf die Argumente der allgemeinen Niedertracht: „Denen geht’s ja viel zu gut“.
Zu dem Prinzip „man darf alles tun, sich nur nicht erwischen lassen“: Das Prinzip ist erweiterungsfähig: Jede Gemeinheit ist zulässig, solange sie nicht ausdrücklich rechtlich untersagt ist; und Gemeinheit ist nicht justiziabel. Nach diesem Prinzip verfährt heute ein nicht unerheblicher Teil sowohl der Medien (von BILD bis FAZ) als auch unserer Justiz (von den Ermittlungsbehörden über unsere Gerichte bis zu den Aufsichtsorganen in den Strafanstalten).
Das Gewaltmonopol des Staates drückt sich mittlerweile in den Folgen der Komplizenschaft einer Gemeinheit aus, die bewirkt, daß fast alles erlaubt ist, weil nichts mehr nachweisbar ist. Darin überlebt auf eine perfektionierte und gewitzte Weise Auschwitz.
Im übrigen wurde Auschwitz vorbereitet in den kirchlichen Höllenpredigten (der Schule der Gemeinheit).
Zum Problem des Selbstmitleids: Nach Walter Benjamin ist der Kleinbürger Teufel und arme Seele zugleich, arme Seele für sich und Teufel für die andern. Heute gibt es hierzu keine Ausnahme mehr, heute sind alle Kleinbürger. Genau darin liegt die ungeheure Gefahr und die Gewalt des Selbstmitleids. Vgl. hierzu Edgar Morins Antwort auf die Frage, warum die Menschen im Kino weinen.
Im Übrigen ließe sich die Hölle sehr gut als Kino vorstellen, nur daß in der Hölle die Verdrängung entfällt, das reale Bewußtsein der Situation hinzukommt. Diese Situation ist heute durch das Fernsehen individualisiert und privatisiert worden.
Naturkonstanten wie z.B. Masse und Ladung des Elektrons verweisen allesamt auf strukturelle Gegebenheiten, nicht auf Dingeigenschaften. Wer das verwechselt, ist potentieller Antisemit.
Mir scheint, in der Auseinandersetzung mit der Postmoderne in Frankreich wird die mißlungene Auseinandersetzung mit dem Positivismus wie unter einem Wiederholungszwang nochmals mißlingend wiederholt. Die Leute wollen sich einfach die „Dinge“ nicht aus dem Kopf und aus der Hand schlagen lassen, weil sie fürchten, dabei sich selbst zu verlieren.
Wären Menschen, die vor zweieinhalb Tausend Jahren Propheten wurden, heute vielleicht schizophren? Und säße Ezechiel heute in der Anstalt eines Landeswohlfahrtsverbandes?
Zum Problem „Insektenforscher“: Der Begriff erweckt den Eindruck, als sollten Probleme der Kirche und der Hierarchie ohne Emotionen untersucht werden. Das ist nicht ganz korrekt: Affekte sind sehr wohl angemessen und notwendig; ich würde sagen: wenn es sein muß mit Zorn, aber ohne Empörung (beide unterscheiden sich durch ihre Richtung: der Zorn geht zur Sache, die Empörung gegen Personen).
Zum Bruch zwischen der Vätertheologie und der Scholastik: Vätertheologie und Dogmenentwicklung als Anpassung der Theologie an die Welt, als der Versuch, sich als Kirche in der Welt einzurichten; war möglich, weil ihm ein philosophischer Weltbegriff (Begriff des Kosmos) entgegenkam. Dieser Weltbegriff, den Spengler mit dem Begriff der arabischen Kultur zu fassen versucht hat, mußte untergehen, ehe die dann weitergehenden Konsequenzen daraus gezogen werden konnten. Theologie mußte mit einem neuen Weltbegriff verbunden werden, der aus der Theologie zu entwickeln war: Das ist die Leistung der wissenschaftlichen Diskussion seit den Anfängen der Scholastik (Entwicklung des instrumentalisierten Begriffs).
Theologie als Geschichte der Auseinandersetzung mit der Philosophie (mit dem Herrendenken, dem die Theologie mit der Rezeption der Philosophie dann selbst verfallen ist).
Karl Thieme hat einmal die Geschichte des Schiffsbruchs vor Malta eschatologisch interpretiert: als Typos der Rettung der Völkerwelt (mit Ausnahme des einen Volkes, dessen Rettung nicht Sache der Kirche ist) bei gleichzeitigem Untergang des Schiffes (der Kirche). Er hat einen Punkt dabei übersehen: das Schiff ist infolge eines Sturms untergegangen (durch den Geist). – Vgl. auch die Geschichte mit der Natter (Paulus wird von der Natter gebissen, stirbt aber nicht, sondern überlebt, nachdem er sie ins Feuer geworfen hat: verniedlichter Höllensturz des Drachen).
Heidegger war der Sache ganz nahe: Sein „Gestell“ ist in Wirklichkeit das Gericht.
Die „Summa contra gentiles“ war der Weg, über den der Islam in das Christentum eingedrungen ist. Nach der Hellenisierung und Islamisierung wäre heute die Judaisierung des Christentums an der Reihe.
Drückt in der kirchlichen Kampagne gegen die Abtreibung vielleicht doch ein Stück Projektion sich aus. Wird hier nicht etwas angegriffen, dessen man sich selbst schuldig fühlt: der Abtreibung der Wahrheit (durch deren Instrumentalisierung im Interesse des Herrendenkens).
Eine Philosophie des Namens müßte die ganze Spannbreite des Sprachgebrauchs abdecken: vom „das ist in unserem Namen geschehen“ bis zum „die Dinge beim Namen nennen“.
– Im Bereich des Namens gibt es keine Subsumtionsbeziehungen.
– Im Namen ist die Trennung von Begriff und Objekt aufgehoben.
– Das Sein ist der Annihilationspunkt des Namens, der Punkt, an dem der Name in den Begriff umschlägt, die Subsumtionslogik, das Herrendenken beginnt (Quellpunkt des Begriffs).
– Rührt das emphatische, das gleichsam theologische Verständnis der Ontologie her vom ontologischen Gottesbeweis?
– Nicht das Eine oder die Einheit, sondern der Eine ist ein Gottesname.
Adams Namengebung der Tiere verweist auf den Zusammenhang von Benennung, gegenständlicher Erkenntnis, die „katastrophische“ Genesis der Tiere (DdA) und den Zusammenhang mit den apokalyptischen Tieren (den singulären Chaosmächten: den falschen Umschlag des „Begriffs“ als absoluter Begriff in den Namen). – Hiob nochmal lesen: Behemoth und Leviathan; welche Bedeutung der Hinweis auf diese Tiere an dieser Stelle hat: Begründung der Gottesfurcht? – Zusammenhang mit der Erschaffung Evas (Namengebung der Tiere vorher), der Geschlechtertrennung und dem Auftrag zur Naturbeherrschung, sowie mit dem Baum der Erkenntnis (Erkenntnis des Guten und Bösen).
Merkwürdige grammatische Beziehung: Die Erhebung in die Allgemeinheit verwandelt ein Maskulinum in ein Femininum. Jede -heit und -keit ist feminin, jeder -ismus ist maskulin. Oder auch: der Logos, aber die Ontologie, Theologie, Geologie etc. – Gattung und Art sind feminin (im Deutschen, aber genus und species?), das Individuum ist neutrum.
Die Raumkontraktion und die Zeitdilatation beschreiben genau den Punkt, an dem die die sinnliche Welt in die physikalische umkippt: die Grenze zum Objekt. Man muß den prozessualen Vorgang nur rückwärts lesen.
Das Ätherproblem ist mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit gelöst worden: Es ist das Problem der inneren Grenze des Inertialsystems.
Die Tatsachenwelt ist in der Tat eine: Die Welt ist ein Produkt des Tuns; in der Konstruktion der Welt steckt das Tun der Menschen, der Gesellschaft: der Staat. Durch dieses Tun sind die Menschen, ist die Gesellschaft mit in den Schuldzusammenhang verflochten. Und auf dieses Tun müßte sich heute die Gewissenserforschung richten, deren Resultat eine neu begründete Theologie wäre. Der Inbegriff dieses Gewissens ist die jüdisch-christliche Tradition, die der Antisemitismus (im Auftrag der Welt) aus der Welt schaffen wollte. Wenn die Beichte heute den wirklichen Problemen in Deutschland (nach Auschwitz) überhaupt nicht mehr angemessen ist, dann hängt das damit zusammen. Der eigentliche Gegenstand der Beichte wäre das Erbe der Philosophie.
Ist der (kultische) Opferbegriff dem Kreuzestod Jesu angemessen? Wo und von wem wurde zum erstenmal der Opferbegriff hierauf angewandt? Und wie war hier der Opferbegriff gemeint, real oder symbolisch (als Teil der Aufhebung des Opfers)?
Was bedeutet die „Erhöhung des Herrn“, und zusammen damit das „Sitzen zur Rechten Gottes“: Die Rechte ist die Seite der Gnade, des Erbarmens (aber von hinten ist sie die Linke, die Seite der Strenge, des Gerichts – Bedeutung der Umkehr!). Wie verhält es sich mit dem Wort: „…, der ißt und trinkt sich das Gericht“? Hat nicht die Mysterientheologie durch den Zusammenhang, in den sie die sakramentale, mystische Teilhabe der Gläubigen an der Erhöhung des Herrn rückt, diese Erhöhung zur Hypostase des Gerichts gemacht?
„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Dieses Wort Jesu verweist darauf, daß die Wahrheit nicht nur gegenständlich ist, sondern auch subjekthaft (wer das Subjekt in der Wahrheit durchstreicht, streicht die Wahrheit durch.)
Vielleicht stimmt es, daß die Beziehung der Juden zu Gott unmittelbar ist (F. Rosenzweig), die der Christen ist es nicht. Hier bedarf es – auch im Sinne der Mysterientheologie – des Durchgangs durch den Tod. Heideggers „Vorlaufen in den Tod“ hält davon die letzte und allerabstrakteste Erinnerung fest, oder auch die letzte Erinnerung des islamischen Verständnisses des Martyriums als Tod im Heiligen Krieg. Auch bei Heidegger ist ja das „Vorlaufen in den Tod“ Teil des heroischen Gestus seiner Philosophie. (Anzumerken ist: Der Islam hat den Heiligen Krieg gepredigt, das Abendland hat ihn – zuletzt im sogenannten „Weltanschauungskrieg“, der ein Vernichtungskrieg war – aufs fürchterlichste praktiziert.)
Der Zusanmmenhang von Objektivation und Instrumentalisierung (Vorhandenheit und Zuhandenheit bei Heidegger) verweist auf einen absoluten Vorrang des dreidimensionalen Raumes.
Hegels Offenbarungsbegriff bezieht sich auf die Konstantinische Wende (das Ergebnis des Dogmatisierungsprozesses: das Christentum als Staatsreligion), nicht auf das Leben und die Taten und Leiden Jesu. Nicht zuletzt deshalb erscheinen auch bei Hegel die antijüdischen Vorurteile, die zu den Voraussetzungen und Folgen der Konstantinischen Wende gehören.
Die Wirkung des Bekenntnissyndroms auf den Bekenntnisinhalt kann man daran erkennen, daß das Symbolum das Leben und die Lehre Jesu nicht erwähnt. Jesus ist nur geboren, gestorben und auferstanden; was dazwischen liegt, wird verschwiegen und ist auch im Rahmen des Bekenntnisses wohl nicht faßbar. Die Hegelsche Philosophie hingegen bezieht ihre ganze Stringenz aus diesem Bekenntnissystem; das Bekenntnis ist sozusagen die nicht mehr reflektierte Grundlage der Hegelschen Philosophie. Und die Bekenntnis-Theologie ist zum Inbegriff eines verworfenen, hoffnungslosen Glaubens geworden.
Zu Dezisionismus und Bekenntnis: Die Ontologie ist nicht nur dezisionistisch, sondern auch Bekenntnis-Ontologie. Durch das Bekenntnis ist mit der Philosophie das dezisionistische Moment in die Theologie hereingekommen, und das war die Grundlage der Trinitätslehre und der Lehre von der Göttlichkeit Jesu im Sinne einer (nicht ewigen, sondern) überzeitlichen Göttlichkeit. Dieser Dezisionismus oder das Bekenntnis haben die Verwechslung des Ewigen mit dem Überzeitlichen ermöglicht. (Zum Begriff des Ewigen vgl. auch Rosenzweigs Aufsatz.) Überzeitlich ist der Staat (der Begriff), ewig ist der Gegenstand der Theologie (der Name).
Wer sich mit dem Staat befaßt, wird den Staatsanwalt nicht vermeiden können.
Jede Architektur ist ontologische und Bekenntnisarchitektur.
Die Terroristen sind der Nachfolge Christi näher als die elitären Mysterientheologen.
Zum Eckstein, den die Bauleute verworfen haben: Heute geht es nicht mehr nur um den Eckstein; sondern die Materialien, aus denen die Theologie zu erbauen wäre, bestehen nur noch aus den verworfenen Materialien, aus Ruinen. Zuerst ist die Betondecke zu zertrümmern, die die Ruinen der Geschichte zudeckt.
Zu den Ursprungsbedingungen des pathologisch guten Gewissens gehören auch die historischen Verdrängungsprozesse, insbesondere jene die mit der Ursprungsgeschichte der modernen Aufklärung, vor allem der modernen Naturwissenschaften zusammenhängen. Erst wenn es gelingt, die Tathandlung, die die Naturwissenschaften ins Leben gerufen hat, und deren Folgen in der Welt selbst zu begreifen, erst dann gelingt es auch, jene Verdrängungsblockade aufzuheben.
Modell für die Neutralisierung durch Erkenntnis ist das „pecunia non olet“. Deshalb wird man nicht umhin können, in der Vergangenheit „herumzuschnüffeln“.
Es gibt zwei Formen der Entstehung von Vergangenheit. Die eine ist die historische: Mit jedem Tag vermehrt sich die Vergangenheit (die dann hinter uns liegt). Die zweite ist die natürliche (die auf uns lastet): sie ist gegenläufig zur historischen.
Gefühl des Schwindels, wenn der Boden des Herrendenkens unter den Füßen weggezogen wird (Adorno): Die Kritik des Dings trifft auch das Subjekt zentral (in seinem blinden Fleck).
Die Wahrheit ist antisystematisch, systemkritisch. Wenn sie trotzdem selbst systematische Züge trägt, rührt das her aus der Kritik des Herrschaftssystems, dessen Strukturen sich verkehrt in der Wahrheit abbilden. Darin liegt die unermeßliche Bedeutung der Hegelschen Philosophie.
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05.09.90
Die Differenz zwischen Benjamin und Adorno läßt sich anhand ihrer Beziehung zur Kunst aufzeigen: Benjamin sucht Philosophie und auch Theologie durch Kritik der Kunst zu konstituieren, während Adorno die ästhetische Erfahrung, die Sensibilität des produzierenden Künstlers in die Philosophie mit hereinnehmen, durch Reflexion zur Philosophie erheben möchte. Die Grenze wird bestimmt durch das Verhältnis zum Mythos: Benjamin will die Philosophie aus der Kritik des Mythos, zu dem er auch die Kunst zählt, gewinnen, während Adorno die Kunst selber als antimythisch begreift, sozusagen als auf dem Wege zur Erkenntnis, und er diesen Weg in der Philosophie nachvollziehen will.
Bedeutung der Philosophie des Islam für die Neubegründung der Philosophie in Europa: Eine Reihe von Themen und Motiven, die in der europäischen Scholastik unmotiviert und wie aus heiterem Himmel erscheinen, sind in der islamischen Philosophie noch sehr deutlich im Zusammenhang und in ihrem historischen Ursprung zu erkennen. Eine Arbeit, die noch zu leisten wäre. Insbesondere die Engel- und Dämonenlehre, die im Islam noch direkte Beziehungen zum Mythos und zur Naturphilosophie (speziell zur Astrologie) aufweisen, wären zu untersuchen. Hinzu kommt: der Islam läßt sich wahrscheinlich als die konsequente Remythisiserung der Offenbarungsreligion beschreiben. Eine ganze Reihe von Kompromißbildungen, die hierbei notwendig waren, sind in die Scholastik bei gleichzeitiger Verdrängung ihres historischen Ursprungs mit übernommen, hierbei aber nicht wirklich aufgearbeitet worden. Ist das Problem des Islam vielleicht überhaupt erst dann lösbar – und ist insofern auch die Summa contra gentiles neu zu schreiben -, wenn die christliche Theologie durch das Purgatorium der Mythoskritik hindurchgegangen ist.
Die merkwürdige Stellung der Rechtsgelehrten im Islam, die ja doch wohl eine gleichrangige Bedeutung neben den Theologen haben: Ist die hierdurch bestimmte Form der Objektivität der theologischen Wahrheit, die dann von der Scholastik rezipiert wurde, das verhängnisvollste islamische Erbe des Christentums (Produkt der islamischen Aufarbeitung der griechischen Philosophie)? Der Islam ist sozusagen vor der Verinnerlichung und Vergegenständlichung des Daimon und des Schicksals zurückgeschreckt und hat sie wieder nach außen versetzt. Das ist in die Konstruktion der islamischen Naturphilosophie, die insoweit mythisches Erbe übernimmt und den Schritt in die gesellschaftliche Naturbeherrschung durch Instrumentalisierung nicht mitvollzieht. Diese merkwürdige Vorstellung: Allah ist nur der Höchste der Götter; die Engel sind gottähnliche Wesen, Repräsentanten der alten mythischen (Sternen-)Götter; die sublunarischen Dämonen sind offensichtlich Repräsentanten der alten Stammesgötter, von denen nach islamischer Auffassung einige sich zum Islam bekehrt haben.
Zur Konstruktion des göttlichen Zorns: Hat er kein Objekt mehr oder hat er noch kein Objekt?
Der Staat, wenn er selbst sich getroffen fühlt, wie im Falle der Terroristen-Verfahren, vergißt alle rechtlichen Selbstbeschränkungen und fällt in die finsterste Vergangenheit der Blutrache zurück.
Nicht Zwangsbekenntnis, sondern: Säkularisation des Bekenntnisses, Unterwerfung des Bekenntnisses unter Weltbedingungen, die zwangsläufig zur Umkehrung und Vernichtung seiner ursprünglichen Intention führt.
Die nationale Besoffenheit soll den Heiligenschein liefern für den Reibach, den die BRD-Wirtschaft in der DDR machen will (wie schon einmal die deutsche Wirtschaft in den Arisierungs-Verfahren vor einem halben Jahrhundert: auch damals gab es eine Treuhandstelle).
Rüstungsindustrie, Entwicklungshilfe, Agrar-Marktordnungen, Energie-Forschung, überhaupt die Großprojekte der naturwissenschaftlichen Forschung (Grundlagen-Forschung), nicht zu vergessen: der Gesundheitsbereich und die Chemische Industrie: Schwerpunkte der westlichen Ökonomie sind längst zu mehr oder weniger verdeckten Subventionsbereichen geworden, wobei die Namensgebung und die nach draußen vertretenen Ziele mittlerweile fast durchgehend Orwellschen Sprechregelungen unterliegen (Beispiel; Kriegs-/ Verteidigungsminister). Die Umkehrung der Beweislast für den, der versucht, die Dinge beim Namen zu nennen, ruht auf öffentlichen (gesamtgesellschaftlich induzierten) Verdrängungsleistungen, die nur an den dafür notwendigen paranoiden Projektionen zu erkennen ist – Modell der Kohlschen Sprachstrategie.
Der Logos, der an die Stelle des ursprünglich Messianischen trat, als die Naherwartung enttäuscht wurde, war das Indiz für die Veränderungen, die dann im religiösen (und später politischen) Bekenntnisbegriff sich entfaltet haben. Das spekulative Verhältnis Gottes zur Schöpfung, für das der Logos seit Philo und dem Evangelisten Johannes einsteht, hat sein gesellschaftlich-politisches Pendant in der Verwaltung. Nicht zufällig waren die Logos-Spekulationen verbunden mit den Spekulationen über die Engel-Hierarchien, die die Organisation des Kosmos repräsentierten; nach ursprünglicher Auffassung war der Logos selber ein Engel (vgl. Werner: EdChD).
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02.09.90
Die Abschaffung der Todesstrafe rührt an die Grundlagen des traditionellen Christentums: Die Opfertheologie als Instrumentalisierung des Kreuzestodes, die notwendig war zur Begründung und Rechtfertigung des Staates (mit dem Erfolg, oder auch um den Preis, daß sie die Gläubigen von der Nachfolge-, Märtyrer- und Opferseite auf die „Glaubens-„, „Bekenner-“ oder Täterseite transportierte), war seit je verbunden mit der Rechtfertigung der Todesstrafe, die nicht zufällig besonders exzessiv in der Juden-, Ketzer- und Hexenverfolgung angewandt wurde. – Aber heute gibt es bereits schlimmere Strafen als die Todesstrafe, mit der Tendenz der Verlagerung der Strafe vom Ende (vom Urteil) an den Anfang des Rechtsverfahrens (in den Ermittlungsbereich): Anwendung von Folter, Isolationshaft, Einschränkung der Verteidigung. – Theologische Konsequenzen daraus? Kafkas Grunderfahrung des „Angeklagten“ verschärft sich zur Erfahrung, nicht mehr nur angeklagt, sondern schon vor jeder Ermittlung verurteilt zu sein (Präzisierung des Begriff des Vorurteils). Was die Nazis an den Juden erprobt haben, wird heute fast in aller Welt an den „Staatsfeinden“ mit der gleichen paranoiden Rationalität exekutiert.
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01.09.90
Einbruch der Welt in den zentralen Bereich der Theologie: Das säkularisierte Bekenntnis fordert nur, wer selbst verdrängen muß; und das geforderte Bekenntnis soll gerade (durch Projektion) mithelfen, die Verdrängung zu stabilisieren. Der empörten Selbsterhöhung des Fordernden entspricht die Unterwerfungsforderung, die an den Adressaten des Bekenntniszwangs ergeht. Deshalb die Wut, die eine Weigerung, dem geforderten Bekenntnis zuzustimmen, regelmäßig auslöst. Die Psychodynamik des säkularisierten Bekenntnisses (des Bekenntniszwangs) weist auf dessen Ursprung zurück: die Etablierung des Staats, die Anerkennung des (göttlichen) Herrschers, im Subjekt die Organisation des (männlichen) Ödipuskomplexes, die Verinnerlichung des Zwangs und des Opfers, mit einem Wort: den römischen Kaiserkult. Etwas von der Drohung, die Verweigerung eines geforderten Bekenntnisses werde als Majestätsbeleidigung geahndet, steckt in jedem Bekenntniszwang.
Titelvorschlag: (Theologie und) Herrendenken.
Projektion
oder
Modell unserer Beziehung zur dritten Welt?
„Ja wol, sie halten uns Christen in unserem eigenen Land gefangen, Sie lassen uns erbeiten im nasen schweis, gelt und gut gewinnen, Sitzen sie die weil hinter dem Ofen, faulentzen, pompen und braten birn, fressen, sauffen, leben sanfft und wol von unserem ererbeiteten gut, Haben uns und unser güter gefangen durch jren verfluchten Wucher, spotten dazu und speien uns an, das wir erbeiten und sie faule juncker lassen sein, von dem unsern und in dem unserm, Sind also unsere HErrn, wir jre Knechte mit unserm eigen gut, schweis und erbeit, fluchen danach unserm HErrn uns zu lohn und zu danck. Solt der Teufel hie nicht lachen und tantzen …“ Luther: Von den Juden und ihren Lügen. Zit. nach R. Hilberg, S. 23.
Modell der Terrorismus-Gesetzgebung:
„Wenn ein Jude einen Christen angreift oder tötet, steht ihm keine Gegenrede zu, sondern er muß stillschweigend Recht über sich ergehen lassen, da er als Verfolger Gottes und Mörder am Christentum keinen Anspruch auf christliches Entgegenkommen hat.“ Salzwedeler Stadtrecht im 15. Jhdt., zit. ebd.
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27.08.90
Der Rechtfertigungszwang (Bekenntniszwang) verändert auch das Gerechtfertigte (den Inhalt des Bekenntnisses): den Glauben, den man verteidigt (bekennt). Das wird deutlich an den Äußerungen jenes Anhängers Lefebvres, der die Wiedereinführung der Inquisition forderte und im Zusammenhang damit auch die Todesstrafe rechtfertigte. Zum apologetische Grundzug der Orthodoxie heute gehört offensichtlich auch die Erfahrung, daß eine Verteidigung der Lehre ohne die Hilfe äußerster Rechtsmittel wie Inquisition und Todesstrafe nicht mehr möglich ist. Zugrunde liegt eine Ohnmachtserfahrunmg, die sich anders nicht mehr zu helfen weiß. – Aber ist diese Ohnmachtserfahrung nicht doch real begründet? Und sind nicht die Anpassungstendenzen der modernen Theologie weniger eine Aufarbeitung als vielmehr eine Flucht vor dieser Ohnmacht?
Das „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ ist die schärfste Kritik am Bekenntnis-Christentum. Das christliche Bekenntnis bedurfte seit je des Pharisäers als Verdrängungshilfe und Projektionsfigur, um die damit verbundenen Schuldgefühle loszuwerden.
Wie hängen die Begriffe Bekenntnis und Symbolum zusammen? War das Bekenntnis der Vollzug einer Identifikation mit dem Aggressor, und der Formel-Inhalt das Zeichen (Symbol) dieser Identifikation?
Der theologisch-soziale Doppelsinn des Opfer-Begriffs ist ein Hinweis darauf, daß das eigentliche Opfer das soziale und nicht das kultische ist. Das kultische ist nur die zugleich verdrängte Deckerinnerung ans soziale Opfer. Das Prophetenwort „Barmherzigkeit will Ich, nicht Opfer“ drückt genau das aus.
Sind die Christen (die Katholiken) Gottesfresser? – Durch die Instrumentalisierung des Kreuzestodes in der Opfertheologie steigern wir die Last anstatt sie mitzutragen (Umkehr des Nachfolgegebots). Die Projektion auf die Juden im christlichen Antisemitismus (in der christlichen Judenfeindschaft) ist die genaue Folge davon, ist die projektive Verarbeitung, die nicht zufällig in Auschwitz endet.
Gläubige Theologie wäre Theologie im Antlitz Gottes, hieße Theologie so betreiben, als wäre ER anwesend. Gläubige Theologie wäre Theologie als Gebet, Theologie, die Gott als Adressaten hat und jeden Satz vor IHM verantworten muß.
Die Theologie spricht über Gott hinter seinem Rücken, d.h. sie glaubt nicht an seine Anwesenheit und muß sich deshalb ihrer Wahrheit durch kollektive Zustimmung versichern. (Zusammenhang mit dem Bekenntnis-Begriff!)
Rosenzweigs Satz: „Von der Welt wissen wir nichts, und dieses Nichtwissen ist Nichtwissen von der Welt“ ist so abzuändern, zu ergänzen und zu verschärfen: „Die Welt ist der Grund unseres Nichtwissens“; es sind die (weltlichen) Bedingungen unseres Wissens, die unser Nichtwissen von Gott und Mensch zur Folge haben. – Das jedoch ändert Struktur und Zusammenhang des Rosenzweigschen Systemkonzepts. – Wäre diese Änderung in einem dann allerdings sehr weitreichenden Sinne christlich zu begründen?
Liegt das Problem in Rosenzweigs „Stern der Erlösung“ in der Ambivalenz seines Weltbegriffs? Anstelle Gott/Mensch/Welt: Gott/Himmel und Mensch/Erde? Müßte nicht die Summa contra gentiles neu geschrieben werden?
Adornos Philosophie – vor allem seine Hegel-Kritik – ist der Versuch, den brennenden Dornbusch von innen zu beschreiben (vgl. Franz von Baaders Vergleich der Hegelschen Philosophie mit einem Autodafe).
Titel-Vorschlag: Verwaltete Theologie oder Bemerkungen zum Begriff der Konfession.
Ist der Taumelkelch, von dem die Propheten gelegentlich reden, die Philosophie (an der nach Hegel „kein Glied nicht trunken ist“).
Ist jedes Bekenntnis die Antwort auf eine Anklage (und insoweit Schuldbekenntnis, jedoch ohne wirkliches Schuldbekenntnis): das Zwangsbekenntnis unterstellt, daß jeder (selbst der noch ungetaufte Säugling) zunächst einmal ein Ketzer ist?
Die autoritäre Forderung des Bekenntnisses ist der Mißbrauch des Bekenntnisses. Sie unterstellt, daß der, dem das Bekenntnis abgefordert wird, grundsätzlich schuldig ist und davon durch das Bekenntnis sich freisprechen kann (vgl. hierzu auch Kant!). Ihr Ziel ist die Identifikation mit dem Aggressor, die absolute Heuchelei.
Zwei Dinge, die die Neubegründung der Theologie notwendig machen:
– Ihr Verhältnis zu den modernen Naturwissenschaften (Ausgangspunkt: die spezielle Relativitätstheorie Einsteins), und
– ihr Verhältnis zu Auschwitz: Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“. – Der Knecht Gottes ist Israel, aber wir können es nicht wieder instrumentalisieren wie beim Kreuzestod Jesu.
Theologie war in ihrer ganzen christlichen Geschichte der Versuch, hinter dem Rücken des lieben Gottes über ihn zu reden. Die Folgen liegen heute offen zutage. Theologie ist heute die offene Wunde, und nur wer das realisiert, ist befugt, Theologie zu betreiben. So wie Einstein die offene Wunde der Physik ist, während die gesamte pseudometaphysische Mikrophysik und Quantentheorie einschließlich der pseudomystischen Konsequenzen, die einige glaubten, daraus ziehen zu können, nichts anderes ist als die Instrumentalisierung dieser Wunde (Salz für die Wunde). Insofern ist allerdings die Quantenphysik in der Tat die Erbin und Nachfolgerin der europäischen Theologie.
Den Begriff der Umkehr auf die Dogmatik anwenden. Hilfe wäre das „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“, das parakletische Denken; Frage, ob die gesamte Dogmatik zu retten ist.
Die Aufspaltung der Eschatologie, die Trennung des Himmels oben von der zukünftigen Welt, ist historisch erledigt; ihr ist die Grundlage entzogen seit Kopernikus, seit Newton, seit dem Fall Galilei.
Bekennen darf man nur, wo man geliebt wird; das Zwangsbekenntnis ist in einem letztlich auch kosmologischen Sinne der Grund des Übels.
Verteidigendes Denken: Heute sind wir schon soweit, daß die Verteidigung eingeschränkt, teilweise ganz ausgeschlossen wird (u.a. bereits durch das Rechtsdogma von der Verteidigung als einem „Organ der Rechtspflege“, d.h. der Staatsräson, die es auch erforderlich machen kann, einem Vorurteil Rechtskraft zu verschaffen).
Adornos Idee des Nichtidentischen, die Grundlage der Negativen Dialektik, steht in der prophetischen Tradition des Eintretens für den Armen und den Fremden. Diese Tradition wird übrigens unmittelbar aufgenommen und zitiert in der Analyse des autoritären Charakters, unter dem Titel „no pity for the poor“.
Das Phänomen der aggresiven Sanftheit (Drewermann) wäre doch etwas genauer zu beschreiben: Grund ist das verdrängte, nicht aufgearbeitete Selbstmitleid.
Die letzte moralische Barriere ist die Sprache; wenn die zerbricht, brechen alle Schranken; wie es scheint, ist es kein Zufall, daß die, die sich deutsch fühlen, des Deutschen in der Regel nicht mächtig sind (vgl. das in KuS zitierte antisemitische Flugblatt aus der Zeit des Vormärz).
Gibt es eine Geschichte der Aufführungsform, der musikalischen Bearbeitung und Darbietung des Deutschland-Liedes. Kann es sein, daß die Form, in der es heute öffentlich dargeboten wird, die von den Nazis zusammen mit dem unsäglichen „Horst-Wessel-Lied“ für die öffentliche Darbietung eingerichtet wurde? Daß es sich sozusagen um die vom Horst-Wessel-Lied infizierte und vergiftete Version handelt?
Läßt sich das historische Bekenntnis-Problem auch in der Musikgeschichte nachweisen (Entsinnlichung, Vergeistigung der Musik unter christlichem Einfluß, vgl. Kurt Blaukopf oder Wiora)?
Die Übertragung der Schlüsselgewalt an Petrus (Mt 16,19, worauf übrigens die „strenge Weisung“ folgt: „niemand zu sagen, daß er der Messias sei“) begründet keinen Rechtstitel, sondern eine bis heute nicht wahrgenommene Pflicht.
Wurden Marcion und die Gnosis nur deshalb so wütend abgewehrt, weil sie den Christen das Bild ihres verdrängten Selbstverständnisses vorhielten?
Zum Problem des Islam: Gibt es im Islam die Idee eines moralischen Subjekts, des Gewissens? Hat der Islam das (aristotelische) Erbe der objektiven Vernunft angetreten und zugleich seine Widersprüche rein herausgearbeitet? Ist der erfolgs-, nicht moral-orientierte Politik-Begriff des Islam systembedingt? Ist der Islam im genauesten Sinne die Weltreligion?
Zur Dornen und Distel-Tradition: Sündenfall, brennender Dornbusch, Jotam-Fabel, Gleichnis vom Weizen unter Dornen (Unkraut), Dornenkrone.
– Der brennende Dornbusch: die brennende Innenerfahrung der Profangeschichte (Auschwitz); die genaue Beschreibung der Grundlage der Gotteserfahrung;
– Dornenkrone: dieser König der Juden ist der König eines Reichs, das unter der und gegen die profangeschichtliche Herrschaft der Welt heranwächst;
– Dornen und Disteln als Inbegriff der Welt (des katastrophischen Aspekts der Geschichte).
Das „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ als der Anfang der utopischen Kraft des Heiligen Geistes, des parakletischen Denkens.
Hat Kant das Geheimnis der Trinitätslehre durch seine Entdeckung der Form der äußeren Anschauung prinzipiell bereits gelöst? Und hat dazu Einstein die notwendige Ergänzung und Korrektur geliefert? Ist die spezielle Relativitätstheorie eine Teilaspekt der objektiven Bedeutung des brennenden Dornbuschs?
Der vielleicht entscheidende Satz zu Auschwitz stammt von Thomas von Aquin: „Parvus error in principio magnus est in fine“ (De ente et essentia).
Der Haß auf das Alte Testament ist begründet im (projektiven) Herrenneid. (Grundlage ist – gegen den Sinn des Textes – ein autoritärer Gottesbegriff: Gott als der Herr der Geschichte, der man selber sein möchte). Das AT verträgt sich nicht mit einem kolonialistischen Geschichtsverständnis (wie klug sind wir doch heute, und wie dumm waren die vergangenen Geschlechter).
Die Geschichte der Auseinandersetzung der Orthodoxie mit den Häresien ist Teil der Geschichte der Auseinandersetzung mit der Naherwartung der Parusie. Die Orthodoxie stand seit je unter dem Zwang, überlebensfähig zu bleiben in der Welt; sie stand damit immer in der Gefahr der Verweltlichung, der Identifikation mit dem Aggressor. Das Unkraut dessen Vernichtung Jesus dem Jüngsten Gericht vorbehalten hat, sind die Dornen und Disteln aus der Geschichte der Sündenfalls (es sind diese Dornen, unter die nach dem Gleichnis die Weizenkörner gefallen sind, die dann ersticken).
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie