Christentum

  • 26.08.90

    Der merkwürdige Haß auf das Alte Testament (seinen „orientalischen“ Charakter und Ursprung, ähnlich dem „asiatischen“ Ursprung, auf den im Historikerstreit – in einer zweiten projektiven Verschiebung – noch Herr Nolte die faschistischen Untaten zurückführte) rührt her vom Neid der Volkstümler auf das zugleich bewußt und gezielt mißverstandene „auserwählte Volk“; übriggeblieben ist der Haß auf das Alte Testament, aus dem man nur noch die eigenen verdrängten Untaten herausliest. – Erstes Modell dieses Konstrukts war das antijudaistische Selbstverständnis des frühen Christentums als „neues Israel“.

    Hieraus läßt sich das Kohlsche Erfolgsrezept herleiten, der immer, wenn er eine Niedertracht verkündet, zur Rechtfertigung (Herstellung des guten Gewissens) gleich den Sündenbock mitliefert, auf den das moralische Urteil projektiv abgeleitet wird. (Die Unmoral der anderen zugleich anprangern und als Rechtfertigung der eigenen Unmoral nutzen. Selbstmitleid als Umkehr der Empathie (und als Grund des moralischen Rigorismus). Trick der Empörung. Zu ändern nur durch „Umkehr“ im wörtlichen Sinne.)

  • 24.08.90

    Zusammenhang zwischen dem unsteten (wurzellosen) Leben Kains, dem „wurzellossen Dornstrauch“ (der zum König der Bäume gewählt wird) in der Jotam-Fabel und der nt Dornenkrone (Ebach, UuZ, S. 59, Anm. 193)?

    „Wo aber das Produkt sich gegenüber dem Produzenten verselbständigt, wo es ihn beherrscht, da wird nach alttestamentlicher Auffassung Arbeit nichtig, da machen Menschen Götzen.“ (ebd., S.99) Nur muß dazu darauf hingewiesen werden, daß Arbeit nicht nur das einzelne Produkt, sondern hinterm Rücken der Arbeitenden auch die zugehörigen gesellschaftlichen Institutionen: den Staat, das Recht, das Geld, die Polarisierung von Armut und Reichtum (die Gewalt der Vergangenheit) produziert. Die Absicherung dieser Instutionen war Aufgabe der Götzen (die an den Opfern der Menschen sich erfreuten), unterm Vorzeichen des Christentums das Bekenntnis (das Malzeichen des Tieres).

    Aufklärung als Kolonialisierung der Natur und der Vergangenheit. Wenn die Distanz zum Objekt durch Herrschaft vermittelt ist (die Distanz ist, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt), dann müßte das auch für die historische Erkenntnis gelten (für die Konstituierung der Geschichte als Herrschafts-, Erfolgs-, Siegesgeschichte). Hier ist der Zusammenhang zwischen der Vorstellung, daß auch die Toten (die Besiegten) einen Anspruch an uns haben, und der Kritik der Naturwissenschaften (als Kritik der Todesgrenze) negativ begründet. Die Gnade der späten Geburt ist die „Gnade“ der Erhebung über die Vergangenheit, der Verführung zur unkenntlich gemachten „Empörung“.

  • 22.08.90

    Offb. 12: Wenn die Frau nicht Maria, sondern Israel meint (KuS, S. 116), dann wäre die „Wüste“ das Exil (aber könnte nicht auch die Kirche gemeint sein?); und der „Sturz“ des „großen Drachen“ auf die Erde könnte Vorgänge beschreiben, die sich kirchen- und gesellschaftsgeschichtlich beschreiben ließen (Einbeziehung der Kirche in den Herrschaftsprozeß, Instrumentalisierung der Religion; Konstituierung des Subjekts in Philosophie, Gesellschaft und Politik durch Verinnerlichung des Schicksals und des dämonischen Orakels; Ursprung von Glaube und Bekenntnis; Zusammenhang von Geldwirtschaft/Tauschprinzip, Objektivationsprozeß, Politik und Religion, Geschichte der Aufklärung). Telos des Drachensturzes wäre die Verwirrung und Zerstörung der Bedingungen seiner Sichtbarkeit: die universale Verblendung, die in den Naturwissenschaften zu sich selber kommt. – Geschichte des Antisemitismus (alle Vorurteile, auch die des kirchlichen Antijudaismus, sind Projektionen) nutzen als Anleitung zur geschichtlichen Selbstreflektion der Kirche. Der Antisemitismus hat nichts mit der „Judenfrage“, aber umso mehr mit der Geschichte der mythischen Selbstverblendung des Christentums zu tun.

    Nicht Gott/Welt/Mensch, sondern Juden/Ketzer/Frauen als drei Gestalten des „Nichts“, des Andersseins. Wäre es möglich, mit diesen Ausgangspunkten den „Stern“ neu zu schreiben (Unser Nichtwissen von den Juden, Ketzern und Frauen ist der Grund unseres Gespensterwissens, unserer Vorurteile über Juden, Ketzer und Frauen)? Zusammenhang mit den evangelischen Räten (Armut, Gehorsam und Keuschheit)?

    Beziehung unseres Gespensterwissens zum „Bekenntnis“:

    – die Juden sind verstockt,

    – die Ketzer sind heterodox, sie haben das falsche Bekenntnis,

    – Frauen sind bekenntnisunfähig (und verstehen nichts von den Naturwissenschaften).

    Das Bekenntnis ist eigentlich das (männliche) Bekenntnis zur eigenen Potenz (deshalb Symbolum?), daher die Notwendigkeit der Projektionen, die begründet sind in

    – der eigenen Unbelehrbarkeit,

    – der Diskriminierung des Gottsuchens und

    – der Unfähigkeit zur Empathie.

  • 12.08.90

    Geheucheltes (entmündigendes) Mitleid nutzt die Angstbereitschaft des Leidenden (instrumentalisiert das Leiden, schirmt es ab gegen reales Mitleid), ist autoritär, potentielle Schuldzuweisung; Alibi gegen Selbstvorwurf: no pity for the poor; Begründung des guten Gewissens auf Kosten des Opfers.

    Glauben kann man nur an Ideen, die man nicht versteht (Hitler): Auch der Irrationalismus gehorcht einem rationalen Gesetz; auch hier (wenn nicht vor allem hier) schreibt die Form den Inhalt vor. Der Antisemitismus ist insoweit nicht nur irrational; an ihm läßt sich das „mysterium iniquitatis“ studieren, das im übrigen vorgebildet war (und ist) in der Geschichte des christlichen Dogmas, dieses Dogma verfügbar machte für Machtinteressen, zugleich einen Erlösungsbegriff begründete, der ein gutes Gewissen (Befreiung von der Schuldqual) lieferte, ohne die Praxis anzutasten. Dieses Instrumentarium (die Konstellation von Glaube, kollektivem Bekenntnis und irrealem Erlösungsbewußtsein) ist das mysterium iniquitatis, der Grund der europäischen Juden-, Ketzer- und Hexenverfolgung ebenso wie der Geschichte der gesellschaftlichen Naturbeherrschung.

    Welchen Sinn hat es, wenn das Christentum seit der Ausbildung des Dogmas insbesondere das Bekenntnis zum Messias als Gottessohn und zur Trinität forderte. War es nur die Unterwerfung, die Absicherung der eigenen Anschauung durchs kollektive Bekenntnis; oder waren es praktische (moralische) Konsequenzen, die durch das theoretische Konzept begründet waren? – Die praktischen Konsequenzen, die tatsächlich gezogen wurden, waren jedenfalls teils magischer, teils projektiver Natur: sie lagen in der Vorstellung, daß von einem im übrigen folgenlosen Bekenntnis das göttliche Wohlgefallen abhinge (die Erlösung), während zugleich Objekte freigegeben wurden zur Projektion dessen, was man selber verdrängen mußte, um dieses irrationale Konstrukt zu akzeptieren (gleichsam ein psychodynamischer Selbstläufer, der dann als Bindemittel für Kirche und Staat nutzbar war); darin konstituierte sich der Schuld- und Verblendungszusammenhang, der am Ende in Auschwitz, im Antisemitismus, in der nackten Barbarei rein und unverstellt sich manifestierte. Den Projektionsschutz, den das Gebot der Feindesliebe hätte bieten können, hatte das Herrendenken außer Kraft gesetzt.

    Haben die Begriffe „Gottesmutter“ und „Gottesmörder“ vielleicht einen gemeinsamen dogmatischen Ursprung? (KuS, S. 163ff)

    Die Theologie steckt heute in einer double-bind-Falle: Seit sie nach dem Sieg des Dogmas die Kritik des Herrendenkens nicht mehr sich zutraut, hat sie sich selbst die Möglichkeit der Kritik der Naturwissenschaften verbaut und zugleich der eigenen vernünftigen Selbstbegründung den Boden unter den Füßen weggezogen. Die Idee des seligen Lebens ist nicht zu halten, wenn sie nicht ihre weltkritische Kraft (im ökonomischen wie im naturwissenschaftlichen Bereich) zurückgewinnt. (genauer)

  • 11.08.90

    Die Konstituierung des bürgerlichen Subjekts (Paradigma: Ödipuskomplex; Trinitätslehre antiödipal?) hat eine Gestalt des Bewußtseins zur Voraussetzung, in der die Trennung von den Eltern und vom Familien-/Stammeskollektiv noch nicht vollzogen ist (die Ablösung ist monarchisch, durch die Institution des Königtums, das in Europa in der Regel mit der Einführung des Christentums verbunden war, vermittelt – der Messias, der „Gesalbte“, ist der König oder symbolisiert ihn; Versuch im Vorfaschismus, diese mythische „Geborgenheit“ durch „Gemeinschaft“ wieder heraufzubeschwören). Diese Vorgeschichte ist bloß verdrängt, nicht aufgearbeitet.

    Ist zum Verständnis der messianischen Tradition des Judentums nicht auch der prophetische Vorbehalt gegen das Königtum mit zu berücksichtigen? Ist die Messiasidee nur positiv? (Vergleichbar: Ist der christliche Vatergott nicht eine Einschränkung des Jahwe?)

    Leo d.Gr.: Denunziation als „Werk der Treue“ – Zusammenhang von Bekenntnis und Denunziation! (KuS, S. 99)

    Ambrosius/Augustinus: Antisemitismus („Antijudaismus“) als Instrument der Anpassung (Augustinus zählt den Anblick der Qualen in der Hölle zu den Freuden des Himmels!).

  • 07.08.90

    Die Materie ist nicht nur tot, sondern Ursprung, Telos und Inbegriff der Vergängnis, der Sterblichkeit; der genaue innerphysikalische Ausdruck davon ist das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit (hier bewegt sich nicht ein Objekt im Raum, sondern der Raum in sich selber). Hängen die Menschheitsgefahren, die heute von der Atomphysik und von der Chemie ausgehen, damit zusammen? (Physikalisch wie ökonomisch?) – Rührt Erich Fromms Begriff der Nekrophilie an diese Bedeutung des Materiebegriffs?

    „Das lyrische Gedicht ist das Bekenntnis, welches die Seele selbst von ihrem innersten und innigsten Erlebnis ausspricht“ (H.Cohen, S. 433): Bei der Analyse des Bekenntnisbegriffs das Liebesbekenntnis nicht vergessen: dies ist der erhabene rationale Kern jedes Bekenntnisses: es nährt sich aus dem Licht der Versöhnung. – Aber das Symbolum ist weder ein lyrisches Gedicht, noch ein Liebesbekenntnis. Und das Zangsbekenntnis ist obszön; es erfüllt genau den biblischen Begriff der Unzucht (des Götzendienstes): es ist die Einbruchstelle des Heidnischen ins Christentum, der nicht bekehrte Quellpunkt des Schuld- und Verblendungszusammenhangs (dessen Wirkung ins Zentrum der christlichen Erlösungslehre hineinwirkt: in die Lehre vom Opfertod als einem stellvertretetenden Sühneleiden).

    Das Dogma: das an der Kälte der Welt und des Herrendenkens erstarrte Bekenntnis.

  • 30.07.90

    Der Begriff der Ewigkeit ist nicht unabhängig von der Zeit: er meint kein Überzeitliches, sondern eine Zukunft, in der die Vergangenheit aufgehoben ist (die Idee des Ewigen schließt begrifflich Vergangenheit von sich aus); nicht der Verstand (das Organ des überzeitlich Allgemeinen), sondern die Erinnerung ist der Repräsentant des Ewigen im Subjekt; deshalb die zentrale Bedeutung der Aufarbeitung von Verdrängtem für eine theologische Erkenntnistheorie (jedoch mit einem objektiven Verdrängungsbegriff).
    Der Bekenntnisbegriff trennt das „abendländische Christentum“ von der antiken Welt: allerdings abstrakte Trennung, d.h. ohne Erinnerungsarbeit (Grund der Instrumentalisierung des Dogmas).
    Die griechische Religion war eine kosmologische Religion, die römische eine politische. Damit hängt es zusammen, daß in Griechenland die Philosophie, in Rom der Kaiserkult das dämonische Zeitalter beenden und das moderne Subjekt (die Zweckrationalität durch Auflösung und Verinnerlichung des mythischen Orakels) begründen. Sokrates und Oktavian („Augustus“) sind die Heroen der neuen Zeit, Repräsentanten des modernen Subjekts. Die chemische Verbindung beider geht – vermittelt durch die Stoa – über die Funktion des Bekenntnisbegriffs (des Symbolums), mit der Gefahr des Selbstverrats durch Verinnerlichung des Opfers (der mythischen Erhöhung des Jesus Christus), in die Grundlagen des Christentums mit ein: das ist die historische Wasserscheide zur Antike. (Beziehung zur Geldwirtschaft, zum Ödipuskomplex? – Ursprung der Latenzphase? Ursprung des „transzendentalen Subjekts“?)
    Gibt es in der Antike das Rechtsinstitut des Verteidigers, des „Beistands“; was ist ein Paraklet, seit wann gibt es ihn? Regelungen über Zeugen, wann und unter welchen Bedingungen ihr Zeugnis rechtswirksam ist, gibt es. – In der Kirchengeschichte gibt es die Zeit der Zeugen (Märtyrer, Bekenner), dann – ununterbrochen bis heute – der „Aufseher“ (Bischöfe: Ankläger, die zugleich Richter sind, bei eingeschränkter Verteidigung), aber noch keine Zeit des Beistandes (im Kirchenrecht im übrigen ein unterentwickeltes Gebiet; Ausnahme: der advocatus diaboli).

    Das Christentum als prophylaktische Antwort auf einen qualitativen Fortschritt in der Geschichte des Sündenfalls, den es selber initiiert; das Bekenntnis sowohl der Quellpunkt des neuen geschichtlich-gesellschaftlichen Schuldzusammenhangs als auch zugleich das letzte Netz und der Umkehrpunkt der Rettung (vgl. Funktion und Wahrheit der Trinitätslehre: Christus zur „Rechten“ des Vaters, d.h. Repräsentant nicht der Strenge, des Gerichts, sondern des Erbarmens, der Gnade).

    Zusammenhang von Bekenntnis und Rosenzweigs Lehre vom Charakter (im Anschluß an Kant): Gegenüber der Selbstgerechtigkeit des „So bin ich nun einmal“ impliziert die Lehre von der Nachfolge (als Übernahme der Schuld der Welt) vorab die Übernahme der Verantwortung auch für den eigenen Charakter (dem individuellen Abdruck der Welt im Subjekt – falscher Grund der astrologischen Charakterlehre -, in der „Seele“), der aus dem Bereich des Schicksalhaften (falsch überhöht durch den abscheulichen Begriff der „Berufung“) herauszulösen ist. Jeder ist in der Tat verantwortlich auch für das eigene Gesicht! Und: Rosenzweigs „Vorwelt“ steht unter dem Gesetz der Welt.
    Gab es in der Antike (und gibt es im Islam) „Charakter“ (vgl. Rosenzweigs Konstrukt und Adams Namengebung der Tiere). Charakter und Berechenbarkeit/Beherrschbarkeit (Hypostasierung von Eigenschaften als Korrelat der Hypostasierung von Begriffen, Grundlage des Objektivationsprozesses; durch den Charakter unterscheidet sich der Knecht vom Sklaven?). Charakter und Tauschprinzip/Entfremdung: Genesis des Wertbegriffs. (Charakter und periodisches System der Elemente?)
    Zu v. Rad, Kuhl und Zimmerli: Gibt es eigentlich eine christliche Erläuterung des „AT“, die Auschwitz mit berücksichtigt (und Theologie nicht hinter dem Rücken des lieben Gottes betreibt, dagegen die Erschütterung zu erkennen gibt, die die abscheuliche christliche Selbstgerechtigkeit und mit ihr den projektiv-wütenden Objektivismus, der insbesondere in der Frage des „Gesetzes“ tendentiell antisemitische Züge annimmt, endlich in Frage stellt)?

  • 29.07.90

    Zu Heidegger: Das Vorhandene ist das Zuhandene (beides durch Herrschaft, durch die Distanz zum Objekt, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt, vermittelt) und das Eigentliche das Uneigentliche. Im Bann des In-der-Welt-Seins wird alles zum „Zeug“ (unter Einschluß des „Daseins“, des Selbst: dagegen hilft auch nicht die dezisionistische „Eigentlichkeit“, die „Entschlossenheit“); und die volle Verachtung Heideggers, die im Begriff des Zeugs sich ausdrückt, trifft eigentlich ihn selber.

    Das gilt auch für die Theologie: Der vorhandene Gott (der Gegenstand des Zwangsbekenntnisses und eines Glaubens, der vom Unglauben nicht mehr zu unterscheiden ist) ist der zuhandene (instrumentalisierte) Gott, das Bekenntnis und das vergegenständlichte Dogma ein Herrschaftsmittel.

    Die Heideggersche Selbstverachtung bringt die der Theologie bewußtlos auf den Begriff: sie ist zugleich der Grund des Selbstmitleids (in der Theologie: der mit der Opfertheologie verknüpften Leidensmystik), der heute jedes Bewußtsein verhext. (Dagegen Adorno: Heute fühlen sich alle ungeliebt, weil keiner mehr zu lieben fähig ist.)

    Die neue Sakramentenlehre (Produkt der Enteschatologisierung des Christentums) begründet den magischen Instrumentalismus der Kirche, der dann abgesichert werden muß durchs Dogma (durch Vergegenständlichung der Wahrheit, durch das Objekt des Bekenntnisses; Schlußpunkt ist offensichtlich das konstantinisch-nicänische „homousios“, die endgültige Vergöttlichung Jesu – das christliche Erbe des römischen Kaiserkults?). – Vgl. EdChD, S. 72ff, 78. (Frage hierzu: Wie hängt der dogmengeschichtliche Gnosisbegriff mit dem von Elaine Pagels „Versuchung durch Erkenntnis“ zusammen?)

    Gibt es einen Zusammenhang der Vergöttlichung der „Zeugung“ (in der Trinitätslehre und im trinitarischen Vaterbegriff: Vorrang vor dem Schöpfungsbegriff!? – Dazu: Zeugen ist männlich, das Empfangen demnach keine göttliche Tätigkeit; Verzicht auf einen weiblichen Anteil im trinitaritischen Prozeß: Zusammenhang mit dem Inzest-Tabu?) mit der urchristlichen Askeseauffassung und der daraus abgeleiteten Sexualmoral, sowie mit der nachfolgenden Eremiten- und Mönchsbewegung (vgl. auch die Konsequenz des Origenes aus der Aufforderung: Wenn dein Auge Anlaß zum Ärgernis gibt, reiße es aus). Neuorganisation und Neuverständnis von Dogma, Kirche und Moral im Mittelalter (Neubestimmung der Eschatologie, der Kirche, der Sakramente, des gesellschaftlichen Selbstverständnisses).

    Worauf bezieht sich eigentlich der Auftrag (in der Genesis) zur Herrschaft „über die Fische des Meeres und die Vögel des Himmels und über alle Lebewesen, die auf der Erde wimmeln“? – Naturbeherrschung hat andere Objekte.

    Stammt die Transsubstantiationslehre der Eucharistie aus der Inkarnationslehre (beide gemeinsam begründen den totemistischen Kannibalismus)? – Vgl. EdChD S. 115ff.

  • 24.07.90

    Die „konsequent eschatologische“ Auffassung des Urchristentums als Ansatzpunkt zum Verständnis der dogmengeschichtlichen Entwicklung (Martin Werner) liefert zugleich den Ansatzpunkt für die Geschichte der Instrumentalisierung der Lehre und Praxis des Christentums: den Zusammenhang der Einbeziehung des Christentums in die Herrschaftsgeschichte mit den daraus folgenden inhaltlichen Veränderungen des Glaubens. Einer der Kernpunkte ist hierbei die Entwicklung der Lehre vom Kreuzestod, der Opfertheologie (Verschiebung von Täter und Opfer, gemeinsamer Ursprung der Hypostasierung Jesu und der frühkirchlichen Judenfeindschaft, die nicht nur aus der jüdisch-christlichen Konkurrenzsituation zum römischen Staat herrührt – vgl. EdChD, S. 17: … Voraussetzung … für den folgerichtigen Schluß des Apostels Paulus, daß also Christus (durch seinen Tod) auch des Gesetzes Ende geworden sei – Rm 10, 4: die Erlösung ist demnach u.a. auch eine vom „jüdischen Gesetz“?).

  • 17.07.90

    Ebenso wie das durch die Ohrenbeichte definierte Schuldbekenntnis ist auch das Glaubensbekenntnis geschichtlich nicht mehr möglich.

    Verzweigungen:

    – Bekenntnis setzt Selbstmitleid voraus, ist Ausdruck des Geliebt-werden-Wollens (Verdrängung des Bewußtseins, schuldig zu sein; Ursprung des pathologisch guten Gewissens);

    – Bekenntnis und Wissenschaft (der Professor als Bekenner): Ontologie als kleinster gemeinsamer Bekenntnisnenner (Bekenntnis als uneigentliche Eigentlichkeit – oder eigentliche Uneigentlichkeit);

    – Bekenntnis als Leidensvermeidung (Verdrängung), Vermeidung der Nachfolge (Selbstdementi des Christentums), als Komfort des Bewußtseins, der Innerlichkeit (Religion als Innerlichkeits-Schmuck): als Sünde wider den Heiligen Geist;

    – Bekenntnis als Wut: antisemitisch (fremden- und frauenfeindlich); abzusichern nur durch Empörung, die Quelle und Prototyp des Bekenntnisses ist (Empörung Ursprung des Bekenntnissyndroms); Bekenntnis/Empörung/Herrendenken/Geschwätz;

    – Bekenntnis = Erbe von Totem und Tabu; magisches Relikt (Vorstellung einer individuellen oder kollektiven religiösen Wirkung des Bekenntnisses magisch; begleitende Gottesvorstellung blasphemisch).

    – Begründung der Naturphilosophie durch Selbstreflektion des Bekenntnisses?

  • 15.07.90

    Das Zwangsbekenntnis ist immer ein Bekenntnis zu Werten. Das Bekenntnis und die Werte entstammen dem gleichen Abstraktionsprozeß; sie gehören dem gleichen Schuldzusammenhang an. Die Wertphilosophie ist insoweit christlich und mythisch zugleich: Produkt des mythisierten Christentums vor seinem Sturz in den Faschismus. Das Bekenntnis und die Wert(urteil)e verurteilen zur Schuld, sie gehören zu einem System, in dem es einen Ausweg aus dem Bann des richtenden Denkens nicht mehr gibt: sie sind verurteilt, gerichtet.

  • 12.07.90

    Die „Rationalität“ des römischen Imperialismus ist eine rücksichtslose Rationalität; und das wirft ein Licht auf die Rezeption des Christentums durch Konstantin, auf die Übernahme des Christentums als Staatsreligion, mit der diese Rücksichtslosigkeit in das Christentum implantiert wird. Diese Rücksichtslosigkeit ist die Kehrseite des Imperialismus; sie ist der Grund für den Ursprung und die Entfaltung der Zweckrationalität, der Instrumentalisierung und damit zugleich der Begründung des Weltbegriffs, der mit dem römischen Imperium erstmals hervortritt.

    War die Tat des Arminius nicht die Tat eines römischen Bürgers, eines Weltbürgers; sind die List, die Rücksichts- und Bedenkenlosigkeit in der Wahl der Mittel nicht hierin begründet (vgl. dazu auch die römische Bürgerschaft des Saulus/Paulus)?

    Das Inertialsystem ist (wie die Geldwirtschaft) eine ansteckende Krankheit, ein Konzept, das sich selber reproduziert und fortpflanzt: der systematische Quellpunkt der Säkularisation, der Verweltlichung.

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