Christentum

  • 11.07.90

    Hängt der Name Augustus mit dem der Auguren zusammen? (Beginn der „rationalen“ Politik, Ablösung des Orakels durch die Einheit des caesarischen Willens, wie zuvor – in Griechenland durch die Einheit der philosophischen Vernunft?) Bezieht sich Hegels Offenbarungsbegriff nicht doch eher auf das römische Imperium als auf den Ursprung des Christentums (und auf diesen nur in der durch den römischen Imperialismus geprägten Version: auf die Trinitätslehre); oder umgekehrt: steht nicht das dogmatische, durch Opfertheologie und Bekenntniszwang geprägte konfessionelle Christentum mehr in der augusteischen, caesarischen als in der christlichen Tradition? Hier wird das An sich (das Vorhandene) der Philosophie und der Religion zum Für es (zum Zuhandenen) des römischen Imperialismus. Das Christentum erwies sich so als das wahre Pantheon Roms und als Quellpunkt der Geschichte der Instrumentalisierung..

  • 24.06.90

    Die Probleme der drei Offenbarungsreligionen (Juden, Christen, Islam)? – Auschwitz, Staat Israel, politischer Fundamentalismus? (Hat das Christentum im Judentum die eigene Vergangenheit, der Islam die eigene Zukunft vor Augen? Antizipation der Erlösung / Rückfall hinter die Offenbarung? – Islam ist über Stammesreligion nicht hinausgekommen; mißlungener Versuch, ohne Zwischenstufe der Urbanisierung ein Imperium zu begründen; islamisches Recht, Grenze der arabischen Mathematik und Ökonomie?). Gegenüber der mittelalterlichen Theologie galt der Islam als „Heidentum“, als Vorwelt, als (äußerer) Repräsentant des Vergangenen (- und das Judentum als innerer?).

  • 18.06.90

    D. nimmt Rationalisierungen unkritisch als Feststellungen objektiver Tatbestände, Schutzbehauptungen als reale Kausalbeschreibungen. Die Psychologisierung der Kriegsursachen ist Resultat der Verdrängung der materiellen Ursachen.

    Erst vor dem Hintergrund der Erkenntnis der objektiven historischen Kriegsursachen (die nicht ubiquitär sind) wird auch der Sinn und das Gewicht ihrer psychologischen Verstärkung erkennbar: insbesondere der Komplex der Komplizenschaft, der dann z.B. auch die Funktion des Antisemitismus (als Überwindung des „inneren Schweinehundes“, als Instrument zur Ausschaltung des Gewissens) erkennbar macht. Hier würde auch die Kritik der Geschichte des Christentums eine ganz andere Bedeutung gewinnen.

    D.’s Begriff der Eucharistie ist nur ein weiterer Hinweis darauf, daß dieses Sakrament heute (nach Auschwitz) ohne Reflexion seines barbarischen (kannibalischen) Aspekts nicht mehr nachvollziehbar ist. Aber: welche biblischen Hinweise muß D. verdrängen (vom „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ bis zur Forderung, vor dem Opfer mit dem „Bruder“ – und nicht im Opfer mit sich selbst und mit dem „Schicksal“ (S. 323) – sich zu versöhnen)? Nicht die „Versöhnung mit dem erlittenen Leid“ (die seitens des Täters die Forderung, das Opfer möge sich doch gefälligst damit abfinden, mit einschließt) sondern die Versöhnung des angetanen Leids (über die der Täter nichts vermag, außer durch Erinnerung, durchs Schuldbekenntnis) ist das einzige religiös noch zu begründende Ziel (vgl. S. 328); diese Grenze der Ethik aber ist innerhalb der Ethik, im Rahmen ethischer Argumentation, zu bestimmen, sobald man bereit ist, den Bann der reinen Innerlichkeit, der Psychologisierung zu sprengen und die Realität der Schuld (gegen ihre Verharmlosung zu bloßen „Schuldgefühlen“) sowie den Unterschied zwischen Tätern und Opfern wahrzunehmen und anzuerkennen.

    Die Instrumentalisierung ist eine Folge der Ubiquität, der Abstraktion von der historischen Realität (oder der Umwandlung der realen Schuld in Schuldgefühle, Grundlage der denunziatorischen Selbstentlastung). So wird die Psa verinnerlicht, im schlechten Sinne psychologisch und schließlich selber mythisch. Das Vieldeutige des Mythos (seine Funktion im gesellschaftlichen Schuldzusammenhang) zieht die Willkür an, gibt den Mythos frei zur beliebigen Verwendung (insbesondere zur Selbstrechtfertigung durch Schuldverschiebung).

  • 17.06.90

    Zu der unsäglichen Interpretation des „Peer Gynt“ („Krieg und …“, S. 261ff): Das Verständnis der „Mutter Solveig“ als Symbol der „Mutter Kirche“, in deren Schoß zurückkehren muß, wer die verlorene Einheit mit Gott wiederherstellen will, beweist das inzestuöse Religionsverständnis D.’s; die Sünde liegt hier offensichtlich in der Freiheit, die sich aus der symbiotischen Beziehung lösen, aus dem Bann der Mutter heraustreten will; das erklärt seine gereizte Ablehnung der politischen Theologie. D. braucht die „Geborgenheit“, und zwar eine Geborgenheit, die ihn dann für sein Handeln in der feindlichen Welt vorab freispricht, gleichsam Generaldispens erteilt: die Moral soll ihm nicht mehr in die Quere kommen. Daher sein Haß auf den „Klerikalismus“ und die offene Nähe zum Antisemitismus. Er selbst will, was er der politischen Theologie vorwirft: die sich aufopfernde Mutter (vgl. auch „Kleriker“, S. …) retten.

    Es ist Abwehr und auswegloses, zwanghaftes Reagieren zugleich, wenn D. offensichtlich Handeln nur noch als „Machen“ kennt (S. 271, vgl. hierzu auch die dekouvrierende Einleitung zur „Krieg und …“). Ist es auch ein „Machen“, wenn ich ein Kind, das in den Brunnen gefallen ist, rette? War der Widerstand gegen den Faschismus, war das Retten von Juden ein „Machen“?

    D.’s Kanonisierung des eigenen Werks: Er wirft mit dem schlichten Hinweis auf sein eigenes Buch … vor, daß er den Stand der exegetischen Forschung nicht kennt.

    D: ein Wolf im Schafspelz?

    „… und jeder psychische Mißklang im Inneren hinterläßt spürbar seine sozialen und politischen Folgen draußen“ (S. 273): Stellt D. hier die Kausalbeziehung auf den Kopf, um die andernfalls notwendige Schmerz- und Trauerarbeit zu umgehen?

    „… statt weiterhin zerstörerisch an seiner Exklusivität zu hängen“ (S. 275): Hier verwechselt D. die notwendige Entkonfessionalisierung des Christentums mit seinem Untergang in einem allgemeinen Religionsbrei. (Hat die extensive Analogiensammlung von Mythen und Märchen bei der Exegese nicht auch den Nebenzweck, den wirklichen Text zu verwischen, sich auf ihn im Detail dann nicht mehr einlassen zu müssen?)

    Kann es sein, daß jeder „Fortschritt“ eigentlich nur eine andere Gestalt des schlechten Alten realisiert? Die Abschaffung der Sklaverei war erst möglich, als die Herrschaftsbeziehung (im kapitalistischen Lohnarbeitsverhältnis) gesellschaftlich institutionalisiert (entpersonalisiert, objektiviert) und zugleich individuell verinnerlicht war; auch die Abschaffung der Todesstrafe hatte ihre Vergesellschaftung und Verinnerlichung zur Voraussetzung.

    Ist etwa D.’s Rückgriff auf den archaischen Kannibalismus bei seinem Eucharistieverständnis exakt der Punkt der Remythisierung des Christentums, und zugleich der Bekenntnispunkt, an dem nur noch das non credo den Weg in ein versöhnungsfähiges (entkonfessionalisiertes) Christentum eröffnet? (S. 290ff) – Übrigens hier wieder der Eindruck wie schon in den SdB, daß D. strategisch geschickt Material beibringt, das u.a. den Nebeneffekt des Spurenverwischens hat.

  • 15.06.90

    „Krieg und Christentum“: Eine Diskussion, die nur auf Strategie, Technik und Psychologie sich beschränkt, aber den gesamtgesellschaftlichen Kontext verschweigt, hilft nicht weiter. Die fürchterlichen Auswirkungen der modernen Waffen, der Zwang, sie zu beschaffen und weiterzuentwickeln, reflektieren einen Aspekt des gesamtgesellschaftlichen Zustands, den D. verdrängt. Nach der DdA steckt in der Vergegenständlichung (im geschichtlichen Erkenntnisprozeß) das Verhältnis des Herrn zum Beherrschten mit drin: Ist der Stand der Waffentechnik, ist die darin sich manifestierende materielle Gewalt nicht auch ein Teil des geschichtlichen Stands der Objekt-Beziehung (der Erkenntnisstruktur) überhaupt? Ist die Rüstung nicht schon Teil des herrschenden Realitätsbegriffs (und war es je anders)?

    Zu S. 185ff: Kennt die Bibel überhaupt die Darstellung von Jagden? – War nur Nimrod ein großer Jäger? – Ist es nicht zu wenig, wenn D. die Tierfeindschaft des AT nur aus seinem Anthropozentrismus ableitet, aber nicht konkret belegt?

  • 12.06.90

    Das Rätsel D. scheint sich zu lösen in „Krieg und Christentum“, schon im Vorwort: Es ist sein Begriff des Politischen, der selbst neurotische Züge aufweist (depressive Kritik-Unfähigkeit). Genau gegen diesen Politikbegriff, nicht neben ihm, als gleichsam unpolitische Religion, ist Freiheit überhaupt erst zu begründen, die sich jedoch dann bei D. in dem gleichen Schuldzusammenhang wieder verstrickt, aus dem sie herausführen soll, und deshalb des göttlichen Trostes bedarf.

    D.’s „Politik“ ist eine, an der man sich nur die Hände schmutzig machen kann, die notwendig die Folgen nach sich zieht, die dann niemand mehr verantworten kann. Aber da hilft dann D.’s Therapie. D’s Politikverständnis schließt eigentlich jeden politischen Widerstand aus (und schändet so nachträglich den historischen: er war ja nutzlos), es entmündigt und infantilisiert den Gläubigen (nicht zufällig gibt es – zumal in Deutschland -diesen auffälligen physiognomischen Trend zum Baby-Face in der Politik; es gibt bereits viele Menschen, die offensichtlich nicht mehr alt werden, nur noch irgendwann plötzlich vergreisen).

    Nach der Realisierung der Einen Welt (in der es keine unberührten Enklaven, keine Schlupfwinkel mehr gibt, in der alles mit allem zusammenhängt) ist die Haltung des Zuschauers (der Verzicht aufs Eingreifen) insgesamt unmoralisch geworden; in dieser Welt gibt es zur Nachfolge (zur Übernahme der Schuld der Welt, zum Prinzip Verantwortung) keine Alternative mehr.

    Vgl. Christina von Brauns „Mutter Staat“ (Die schamlose Schönheit des Vergangenen, S. 73f)

    D.’s Religion: sublimierter Inzest? Das Angenommen-Werden eine Erlösung unter dem Vorbehalt des Fortbestehens der schuldbehafteten Beziehung? (Vgl. das „Rauschen des Blutes“, überhaupt die Affinität von Kitsch und Wiederholungszwang).

  • 04.06.90

    „… Illusionen, deren Trugbild dem ungetrübten Auge eines Kindes verborgen bleiben sollte.“ (S. 476)

    „… verzehrte rasch und gewaltsam wie ein Steppenbrand die kleinen Reste an spärlichem Grün in den Niederungen und Tälern des irdischen Lebens.“ (S. 472) – Solche Sprachbilder verraten mehr, als der unmittelbare Wortlaut des Textes wahrhaben will.

    So verdienstvoll die Gesamtdarstellung des Klerikers ist, es bleibt ein Verdacht, daß hier eine katholische Assimilation (wie im letzten Jahrhundert die jüdische) auch den Schatten des Selbsthasses (eines verinnerlichten Antiklerikalismus) nach sich zieht. Ausgeblendet wird der Hintergrund (der Symptomenkomplex der zweiten Schuld) in Deutschland; die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wird nur soweit mit vollzogen, wie sie sich in die Kritik an der Kirche mit einbeziehen läßt. Die Psychologie des Klerikers wird sicher überhaupt erst durchsichtig, sobald sie die Reflexion auf den welthistorischen Zustand der Dinge mit einbezieht: das gesamtgesellschaftliche Verhältnis von Es, Ich und Über-Ich, von dem das kirchliche nur ein ohnmächtiger Reflex ist. Der Verdacht bleibt, daß D. die Vorteile der Assimilation und des Schutzes der kirchlichen Institution zugleich haben möchte; den Widerspruch, der daraus notgedrungen folgt, hat er nicht aufgearbeitet (den Widerspruch des antiautoritären Autoritarismus).

    D.’s Antisemitismus? (S. 493ff: die „Religion des Alten Testamentes“)

    Das Christentum und das Erbe Ägyptens (S. 496): Verrat des Exodus.

    Zusammenhang der umfassenden Adaptation mythischer Motive mit der zentralen Verdrängung des politischen Teils der Idee des seligen Lebens. (Bedeutung Ägyptens für D.: Kein Gedanke an die Realität des Pharaonischen Reichs; Entpolitisierung, Psychologisierung der Befreiungstat Moses, des Mordes an dem Sklaven-Aufseher).

    2 Fragen:

    – Mit dem sozialen Hintergrund blendet D. auch das Faktum aus, daß sein Thema, insbesondere Keuschheit und Sexualität jetzt, infolge einiger genau bestimmbarer gesellschaftlicher Veränderungen, zum „Problem“ wird, an dem auch die Kleriker selbst nicht mehr vorbei kommen (Zusammenhang mit dem Ursprung der Psychoanalyse).

    – Ausgeblendet wird bei der Darstellung der Probleme der Keuschheit eigentlich vollständig das Problem, wie es aus dem Blickwinkel der Frau sich darstellt, der sehr wohl Vorbehalte gegen die freie Verfügbarkeit für männliche Begierden mit einschließt.

    M.a.W. verkürzt wird das gesamte Problem um den Problemkern, der vielleicht doch (freilich mit ganz anderen Konsequenzen, als aus der Sicht des Sexismus, des klerikalen Herrendenkens) in der kirchlichen Tradition steckt.

    „… der Haß auf die eigene Männlichkeit … übersetzt sich jetzt in eine Fülle reiner Gedanken zur Rettung der Welt“ (S. 556): D.h. wer über Auschwitz den Verstand verliert, und ernst macht mit der Maxime, daß das nicht wieder eintreten darf, tut es aus „Haß auf die eigene Männlichkeit“? Umgekehrt: Birgt nicht das Bestreben, den „Haß auf die eigene Männlichkeit“ zu vermeiden, gerade die Gefahr des Sexismus in sich? – Unfreiwilliger Hinweis auf den Zusammenhang von Empathie und parakletischem Denken?

    D.s Konzept stimmt nur unter der Voraussetzung, daß wir in einer heilen Welt leben, die nur von der Kirche angeschwärzt wird. Nur so läßt sich der Eindruck vermitteln: Wenn ihr aus den Fängen des Klerikalismus euch befreit, ist alles in Ordnung. Statt dessen käme es darauf an, diesen Zustand des Klerikalismus als selbst vermittelt (objektiv im Zustand der Welt, subjektiv in der Unfähigkeit, den Wahrheitskern der theologischen Tradition zu realisieren) zu begreifen. Und die begriffene Vermittlung könnte sehr wohl ein Moment der Realisierung der Wahrheit der theologischen Tradition sein.

  • 01.06.90

    D. meidet die Anbindung psychoanalytischer Begriffe an die Strukturbewegungen im historischen Prozeß: Die Ableitung der „Methoden theologischer Zwangsvereinheitlichung durch Ketzermacherei und Häretikerausschluß“ aus der Psychologie des Klerikers z.B. müßte ergänzt werden durch eine kritische Analyse der realen Geschichte von Ich, Es und Über-Ich (der Geschichte der Herrschaft, in die sie verflochten sind): Hier wäre die Kenntnis der materialistischen (politisch-ökonomischen) Geschichtsanalyse zweifellos von Nutzen. Hätte D. sich etwas mehr mit der jüngsten Vergangenheit befaßt, würde er z.B. den Begriff der „Identifikation mit dem Aggressor“ kennen, der sicherlich mehr zur Aufklärung frühkirchlicher Vorgänge beitragen könnte (wie überhaupt die Anwendung psychoanalytischer Methoden auf diese Periode konstruktiver sein würde als ihre Anwendung auf die „jahwistische Urgeschichte“: kann es vielleicht sein, daß das Christentum das Objekt der Psychoanalyse überhaupt erst „geschaffen“ hat? – vgl. S. 278: die „ödipale Problematik … lediglich eine kulturelle Variable, deren Einfluß auf die Mentalität der europäischen Zivilisationsgeschichte allerdings nur schwer überschätzt werden kann“).

    Zu Dornen und Disteln: sh. Mt 7,16 „die Trauben bei den Dornen und Feigen bei den Disteln suchen“.

    Adorno: Heute ist schon jeder Katholik so schlau wie früher nur ein Kardinal. – Hat D. nie den Zynismus (und seine Wurzeln) analysiert, der heute als notwendige Folge aus dem Zustand der Theologie (nicht erst aus der Psychologie des Klerikers) resultiert, und der möglicherweise stärker, wirksamer und weiterreichend im katholischen Laien sich manifestiert, der gelernt hat, sein instrumentalisiertes Christentum als Herrschaftsmittel im privaten Bereich wie in der Politik taktisch und strategisch zu nutzen. Dagegen hat der Kleriker durch seine theologische Ausbildung noch Reibungsflächen, die vielleicht sein Leiden /am Zustand der Theologie) erhöhen, die aber auch die Chance eröffnen, durch Reflexion, durch Aufarbeitung dieses Leidens den Zustand der Theologie selbst zu ändern (die Möglichkeiten ihres Mißbrauchs zu reduzieren).

    Bemerkt D. nicht die Projektion, die in der unkritischen Rezeption des Katharerbildes steckt? (S. 162).

    Zu dem „Mangel an Persönlichkeit“ (S. 167, 170) vgl. die Bemerkungen von F.R. im „Stern“. Ist der Begriff der P. eigentlich psychoanalytisch relevant?

    Zu der wirklich nur noch polemischen Darstellung der klerikalen Kleidung: Warum eigentlich so ausführlich nur hinsichtlich der Nonnenkleidung? Was ist mit der liturgischen Kleidung? Und vor allem: Fehlt nicht als Hintergrund eine Soziologie der Kleidung (und hierbei auch der Mode) überhaupt? Ist es zulässig, hier die Realität als nicht mehr zu hinterfragende Normalität hinzunehmen, an der dann die klerikale Kleidung (ihre diachronische Symbolik) so unreflektiert gemessen werden darf? Wäre hier nicht eher ein Aufklärung dieser Diachronik, eine Aufarbeitung der Geschichte dieser gegenwärtigen Vergangenheit vonnöten?

    Drewermann kennt offensichtlich nur das „persönliche Gebet“ (das es heute eigentlich schon nicht mehr gibt, jedenfalls nicht mehr in authentischer Form), nicht jedoch das meditative Gebet (vgl. Reinhold Schneiders „allein den Betern …“ und Ernst Blochs „Wahrheit als Gebet“): Das persönliche Gebet ist den Tätern nach Auschwitz untersagt; das meditative Gebet (als Trauer- und Erinnerungsarbeit) behält seine Bedeutung (ja gewinnt sie heute vielleicht sogar verstärkt) als Vorstufe und als Exercitium des parakletischen Denkens.

    Was ist eine „persönliche Vertiefung der Frömmigkeit“ (S. 179)? Auch die Wachmannschaften in den KZs haben Weihnachten gefeiert.

    Zur Bußpraxis (S. 180): Die wirkliche Schuld ist heute nicht mehr beichtfähig, sie ist nicht mehr in dem Sinne individuell, wie es das Institut der Beichte voraussetzt. Vgl. hierzu das Jesus-Wort über die Aussöhnung mit dem Bruder vor dem Opfer: Dürfte hiernach heute überhaupt noch jemand am Opfer teilnehmen?

    „Was immer heute Religion heißt, vermittelt sich persönlich oder gar nicht …“ (S. 212f): Das kann doch nur heißen, daß der Inhalt, die Wahrheit, nicht mehr vermittelbar ist, sondern nur noch die „personality“ des Vermittlers (des „Führers“ – vgl. die Vorbereitung des H.J. Degenhardt auf das Priesteramt), vielleicht so etwas wie Charisma, Aufrichtigkeit o.ä., jedenfalls etwas, daß nicht mehr anhand nachvollziehbarer Kriterien (außer denen des „positiven Denkens“) zu beurteilen ist?

    D.s Begriff von den Psalmen: „tagaus tagein zu dem Hersagen altorientalischer Lieder genötigt“ – „Haßtiraden der Psalmen“ -„nicht ein einziges wirkliches Fürbittgebet“ – „Texte, gebunden an den heiligen Egoismus einer altorientalischen Stammesreligion“ – „muß sie beten, daß Gott dem König Macht gibt, seine Rache an den Feinden zu genießen“ (S. 179)

    S. 245ff: D. hat den entscheidenden Punkt des double bind in der Psychologie des Klerikers offensichtlich nicht begriffen (obgleich er ihn selbst kurz vorher sehr genau beschrieben hat): nämlich die „Doppelbindung“ an die „Mutter Kirche“, nicht selten projektiv ausgebildet in der priesterlichen Marienverehrung (sh. jedoch hierzu S. 287f). Dagegen ist das von D. beschriebene Beispiel der Gefühlsverwirrung in der ungeklärten Beziehung einer Frau zu „ihrem“ Pfarrer ein Fall, der nur vor dem Hintergrund einer selbst bereits wahnhaften (blasphemischen) Religionsbindung double-bind-ähnliche Züge annimmt (vgl. Schizophrenie und Familie – Anwendung auf Genesis und Struktur der Marienverehrung?). – Einbindung von double-bind-Strukturen in die Normalität zunächst durch die Religionen, dann Verselbständigung (sekundäre Religion – vgl. Spengler)?

  • 30.05.90

    Die Adaptation der Psychoanalyse bietet Drewermann den Vorteil, daß er zwar seine Gegner unter Anklage setzen kann, aber den „moralischen Druck“ (den er bei Metz „tadelt“) dadurch vermeidet, daß er die Moral suspendiert. Er vergißt: Das Problem der Kirche heute sind nicht die Kleriker, sondern das Problem ist der Zustand der Theologie. Und auf den Zustand der Theologie ist eher eine theologische Antwort vonnöten als eine psychoanalytische.

    Die Psychoanalyse gehört wie der Marxismus zu den großen Endprodukten der europäischen Aufklärung, in denen der Primat des Verdachts sich durchsetzt; sie ziehen die Konsequenz aus dem Herrendenken der Aufklärung, gegen das sie ohnmächtig rebellieren. Herrendenken, und zwar oberlehrerhaftes, ist es, wenn Peter Eicher es Drewermann zubilligt, „Lob und Tadel“ verteilen zu müssen. Und wie tief er die psychoanalytische Schule des Verdachts verinnerlicht hat, sieht man an dem Vorwurf gegen Füssel, dem er vorhalten zu müssen scheint, daß er den Bruch mit der Kirche durch seine Konzeption selber provoziert habe(?).

    Drewermann unterschlägt die Tradition; er unterschlägt, daß zum Inhalt der theologischen Erkenntnis ein affektives und ein moralisches Element gehört. Bezeichnend die Verwendung des Freud-Zitats in der Struktur des Bösen. Während Freud anerkennt, daß das Geliebtwerden-Wollen des Ich ein Teil seiner Verflechtung in den Gesamtschuldzusammenhang ist und die psychoanalytische Erinnerungsarbeit als das Medium der Aufarbeitung dieser Verflechtung in den Schuldzusammenhang sieht (wo Es ist, soll Ich werden), hält Drewermann das Ich unkritisch als Ausgangspunkt fest und ersetzt die Erinnerungsarbeit durch einen theologischen Dezisionismus.

    Drewermann scheint die Differenz zwischen jüdisch-christlicher Offenbarungsreligion und dem Mythos nicht zu kennen (es finden sich sogar Anklänge an die diskriminierende Tradition des Gesetzesbegriffs). Diese Differenz, an der die Geschichte der Theologie seit den Kirchenvätern und über die Summa contra gentiles bis ins 17. Jahrhundert sich abgearbeitet hat, scheint er nicht zu kennen: Bei ihm versinkt auch das Christentum in den allgemeinen Religionsbrei, der für ihn als Psychoanalytiker, wenn er nicht die Krücke Jung benutzen würde, eigentlich nur noch Gegenstand der Kritik sein könnte. Einer Kritik, deren Modell in dem psychoanalytischen Psychosebegriff vorliegt.

    Es gibt bei der Lektüre Drewermann Stellen, die provozieren, Stellen, bei denen man innehalten sollte, um zu prüfen ob der Grund der Irritation nicht in einem selber liegt. Wirklich schlimm scheint mir aber die Analogie des lebenschaffenden Gotteshauchs mit einem Furz zu sein. Hier, scheint mir, liegt ein zentraler Punkt für eine Drewermann-Kritik: Wird hier nicht die vom Christentum nicht ablösbare Lehre vom Heiligen Geist weggedrückt, sozusagen wie ein F. ausgeschieden? Ist das Pneuma wirklich nur ein Furz, ist es nur ein flatus vocis, wie es die Nominalisten genannt haben, an deren Tradition Drewermann ohnmächtig und zwangshaft gebunden bleibt. (Dagegen Umkehr des flatus vocis zur Begriffskritik, zum Sprechen des Objekts, zur Namenlehre, die den erhabenen, zarten Indifferenzpunkt bezeichnet, an dem eine neubegründete Theologie anzusetzen hätte.)

    Die Anbindung an die wissenschaftliche Tradition kann zweierlei bedeuten:

    – die Anbindung an das Herrendenken, das in der Wissenschaft naiv und unreflektiert sich durchsetzt und verkörpert (als Mittel der Naturbeherrschung in Natur und Gesellschaft); genau hiergegen richtete sich die Dialektik der Aufklärung: als Aufweis der Verankerung des Herrendenkens in der Struktur des Subjekts, der notwendigen Verknüpfung mit dem blinden Fleck, zu dem das Subjekt dann wird und den es selber im historischen Erkenntnisprozeß verkörpert;

    – das Resultat dieser umwälzenden Arbeit des Herrendenkens (der kopernikanisch-kantischen Wende) wird akzeptiert, zur Kenntnis genommen, verarbeitet, aber in einer Form, in der der Begriff der Umkehr und das Gebot „Richtet nicht“ erkenntiskritische Relevanz gewinnen. Gegen das anklagende und richtende Herrendenken und sein Resultat wird Revision eingelegt: Begriff des parakletischen, verteidigenden Denkens. Über den Zusammenhang dieses Denkens mit der Idee des Heiligen Geistes, der dritten Person in der Gottheit, wäre nachzudenken. Hierbei wäre zu prüfen, ob nicht die Einbindung ins trinitarische Dogma, ob nicht das Abschlußhafte dieser Lehre die blasphemische Entmächtigung des Heiligen Geistes (durch Instrumentalisierung und Hypostasierung) zwangsläufig zur Folge hatte. Hier ist der Heilige Geist selbst zum Gegenstand des Herrendenkens geworden. Nicht die Lehre ist unwahr, wohl aber die Form ihrer theologischen Adaptation. Hieraus wäre die Idee eines entkonfessionalisierten Christentums, einer entkonfessionalisierten Kirche, die Kritik des Bekenntnisbegriffs und seiner Funktion in der Geschichte der Kirche, des Glaubens und im Selbstverständnis des Christen abzuleiten.

    Verräterisch auch der Begriff des Bösen bei Drewermann, den er schließlich umstandslos mit der Psychose, mit dem Wahn identifiziert. Waren Hitler, waren die KZ-Schergen, waren die kleinen Denunzianten nur Psychoten? Dieses Konstrukt liegt nahe, wäre aber insoweit näher und differenzierter zu fassen, als anhand einer zeitnahen, aktualisierten Welt- und Gesellschaftskritik die (im klinischen Sinne) psychotischen Züge der Normalität aufzuzeigen und seine Abkunft aus der gegenwärtigen Gestalt des Realitätsprinzips (und des Ich) nachzuweisen wäre. Ein dialektischer Psychosebegriff hätte nachzuweisen, daß die Bahn des Realitätsprinzips heute direkt in psychotische Strukturen hineinführt. Drewermanns ungemein produktiver Erkenntniseinsatz steht durch den mimetischen Anteil, ohne den er nicht zu leisten wäre, selber in der Gefahr, diesem psychotischen Bereich zu verfallen. Die Gefahr erhöht sich in dem Maße, in dem er versucht, sie durch Projektion zu neutralisieren. Kuno Füssel und Eugen Drewermann sollten vielleicht doch gemeinsam prüfen, ob es nicht möglich ist, anhand der Beziehung zwischen dem materialistischen Begriff des falschen Bewußtseins und dem Psychosebegriff dieses Dunkel aufzuklären.

    Sind die innerkirchlichen Ängste in der Endphase des Nationalsozialismus, daß nach den Juden die Kirche drankomme, die Katholiken, – waren und sind diese Ängste eigentlich so unbegründet? Ist der Schluß, den Karl Thieme nach dem Krieg daraus gezogen hat, daß auch der Antiklerikalismus Verwandtschaftszüge mit dem Antisemitismus aufweist, so unbegründet? Hier könnte es sich um Ängste handeln, deren Realteil von ihrem paranoiden Teil sich fast nicht mehr trennen läßt (Zusammenhang mit der psychotischen Struktur des Normalen?).

    Kennt Drewermann eigentlich eine wirkliche Angstbearbeitung; benutzt er nicht statt dessen den lieben Gott nur als Palliativ? Sozusagen: Wer in Gottes Hand ruht – diese schöne fromme Vorstellung! -, hat es nicht nötig, Angst zu haben. Aber wird hier Angst nicht nur verdrängt, und affiziert das nicht auch die Gottesvorstellung? Gibt es überhaupt bei Drewermann eine Theologie, die dem Anspruch des Gottsuchens genügt? Leitet sich sein Gottesbegriff her von einem nicht abschließend aufgeklärten Bedürfnis (Konsumideologie, Reflex der Betreuungskirche)? Verweist nicht der Begriff einer „ontologischen Verunsicherung“ in dem Klerikerbuch auf den Dezisionismus Drewermanns? Man sollte Drewermann einen Lehrstuhl geben, aber dann die Auseinandersetzung mit ihm beginnen; es lohnt sich!

    Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht ins Himmelreich eingehen: Ist das nicht ein Hinweis darauf, daß das selige Leben ohne die großartige Objektivität der Kinder nicht zu gewinnen ist; jene (präödipale) Objektivität, die noch nicht durch den blinden Fleck des Ich getrübt ist, bei der die Entzündung durchs Ich noch nicht eingetreten ist.

  • 23.05.90

    In jeder Feindschaft steckt ein Stück Projektion. Diesen Sachverhalt als Interpretationsmuster verwenden bei der Analyse von Antisemitismus, Ketzer- und Hexenverfolgung. Was mich zur Empörung reizt, bin ich selber. So hat z.B. die Gesellschaft in den Hexen sich selbst erkannt: das Totenreich, das sie selbst zu errichten auf dem Sprunge war. Und das Erschrecken war ein Erschrecken über sich selbst. Als die Welt verhext wurde, wurden die Hexen verfolgt. Das Rätsel Swedenborg lösen hilft sicher mit, das Rätsel des Hexensabbat zu lösen.

    Ableitung der Gottesidee aus dem theologischen Erkenntnisbegriff? Wenn das Ich, das seinen Ursprung im Nein hat, der Inbegriff der Negativität ist, der Motor des Abstraktionsprozesses, und nur in diesem Zusammenhang als der Begleiter aller meiner Vorstellungen nach Kant zu begreifen ist, dann hinterläßt dieser Erkenntnisbegriff eine Lücke, die nicht zu schließen ist, die vielmehr als Lücke, als Wunde offengehalten werden muß. Die Ohnmacht des Ich, seine Hilfsbedürftigkeit, ist der Grund seines Geliebtwerden-Wollens (Freud/Drewermann). Sie reicht nicht aus zur Begründung der Gottesidee. Die Konstruktion des Ich gründet im historischen Prozeß, in der Geschichte der Welt, in der Geschichte der transzendentalen Logik, des Begriffsapparats, der die Erscheinungen so gliedert, daß sie dem Ich angemessen, kompatibel sind. Das Ich unterliegt zugleich selber der Logik, die es konstituiert (und wird sich selbst so zum blinden Fleck).

    Das Bewußtsein als offene Wunde ist konstruierbar nur vor dem Hintergrund der Idee des seligen Lebens. Vorausgegangen muß eine Idee, eine Erfahrung der Seligkeit und ein Seligkeitsversprechen sein. Der Anfang der aristotelischen Metaphysik: Alle Menschen streben nach dem Glück, ist durch ihr Ende, ihr Resultat (die Theoria, den transzendentalen Apparat in nuce) nicht abgegolten.

    Alle Wissenschaft ist Naturwissenschaft.

    Beschreibt die Elektrodynamik die Grenze zwischen Gegenwart und Vergangenheit? Beschreibt sie genauer den Vergängnisprozeß? Und sind die Quantenphysik und die Atomphysik gegenständliche Abbildungen der Logik des Zerfalls?

    Ziel ist nicht eine Ökumene, die vielleicht auf irgendeinem Kompromißwege tatsächlich zu erreichen wäre, sondern ein entkonfessionalisiertes Christentum, eine entkonfessionalisierte Kirche. Das läßt allerdings die Lehrtradition, an der alle Konfessionen wie unter einem Erkenntniszwang teilhaben, nicht unberührt.

    Gehört zu den Emblemen der Melancholia auch die Dornenkrone (nur bei Lochner?), haben die Theoretiker der Melancholie etwas gewußt? Woher kommt es, daß die Melancholie bevorzugt als Frau dargestellt wird – und dann u.a. auch als Frau mit Dornenkrone?

    Differenz zwischen Dürer und Lochner: Lochners Melancholie fällt bereits unters Vorurteil.

    Luthers Antisemitismus ist eine notwendige Folge des Friedens, den er mit der Welt geschlossen hat, ebenso wie sein Trübsinn. Der theologische Grund davon ist seine Rechtfertigungslehre. Nur die Lutherische Wendung hat dann Erfahrungen ermöglicht, hat Energien freigesetzt, die auf andere Weise nicht hätten freigesetzt werden können: insbesondere der wissenschaftliche Eros, der dann die Theologie ergriffen (und auf den Kopf gestellt) hat, war nur unter den Prämissen des Protestantismus möglich.

    „Experimentaltheologie – Elemente einer theologischen Erkenntnistheorie“

    Das Gleichnis vom ungerechten Verwalter auf die Rücknahme der Schuld, die wir selber in die Realität hineinprojiziert haben, beziehen! Die einzig sinnvolle Interpretation des Gleichnisses?

    Wer es nicht mehr nötig hat, seine Ohnmachtsgefühle zu kultivieren, der bedarf auch der Selbstbestätigung durch Empörung nicht mehr.

    Die Trinitätslehre beruht auf Voraussetzungen, die heute (nach Auschwitz) nicht mehr ungebrochen übernommen werden können. Diese Voraussetzungen sind ein Teil der Verflechtung des Christentums, seiner Konfessionen, in die Welt- und Herrschaftsgeschichte. Die drei göttlichen „Personen“ sind es nicht an sich, sondern für uns. Die Aufspaltung ist begründet in den Erfahrungsbedingungen der endlichen, geschichtlichen, menschlichen Welt (kann ausgeschlossen werden, daß die trinitarische Konstruktion sich am Ende in die Wahrheit der Einheit Gottes auflöst?). Wahr ist, daß die Trinitätslehre die Einheit Gottes unangetastet läßt. Die Begriffe „Hypostase“, „persona“ sind genauer zu untersuchen (auf ihren Ursprung und Kontext). Was bedeutet es, wenn Jesus Sohn Gottes genannt wird, erzeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater? Was bedeutet es, wenn der Geist ex patre filioque procedit? Hat sich das Dogma in seiner lateinischen Rezeption gegenüber der vorhergehenden griechischen Fassung verändert? Und was bedeutet es, wenn z.B. bei Alexander von Hales die Begriffe, in denen das Dogma gefaßt ist, zu Namen Gottes werden, in vollständiger Differenz zu der Namen-Gottes-Lehre der jüdischen Tradition (und zur dritten Vater-Unser-Bitte)? Ist die Heiligung des Substanz- oder Person-Begriffs auch nur im Ansatz denkbar (ist diese Heiligung – und mit ihr die gemeinsame Genesis der Ontologie und des pathologisch guten Gewissens – aber nicht umgekehrt die notwendige Folge des Dogmas; sind nicht beide notwendige Folgen der Instrumentalisierung der Lehre, ihrer Umwandlung in ein Herrschaftsinstrument)? Anstatt die geologischen Strukturen des von den Christen dann so genannten „Alten Testamentes“ zu untersuchen, wurde das Alte Testament seit je nur als Steinbruch benutzt, als Material für apologetische oder erbauliche Traktate.

    Wird das Verständnis der Trinitätslehre nicht bestätigt durch den Paulinischen Satz, wonach am Ende „Gott alles in allem“ sein wird (vgl. hierzu den Hinweis und die Kritik Franz Rosenzweigs).

    Hat die Geschichte mit der Sonne bei Gideon (Josua) nicht doch mehr mit der Geschichte des Patriarchats als mit der der Naturwissenschaften zu tun?

    Hegels Urteil über die Natur als Äußerlichkeit der Idee, die den Begriff nicht halten kann, verweist darauf, daß die Natur als vollständig verurteilte und gerichtete nicht nur das ist (dann müßte sie dem Begriff entsprechen), sondern etwas darüber hinaus; daß sie im Begriff nicht restlos aufgeht.

    Das christliche Dogma und die Dialektik der Aufklärung oder Präliminarien einer theologischen Erkenntnistheorie.

    Wenn heute die Religion selber blasphemische Züge annimmt, wenn sie insbesondere gefährdet ist durch den fundamentalistischen Terrorismus, so hängt das mit der unaufgeklärten eigenen Geschichte zusammen.

    Liefert der Vergleich von „Totem und Tabu“ mit dem „Ursprung des deutschen Trauerspiels“ – beide sind sich im Aufbau sehr ähnlich – einen Hinweis, unter welchen Prämissen die christliche Theologie aufzuarbeiten wäre? (Ist der Ursprung des deutschen Trauerspiels eine Interlinearversion von Totem und Tabu, ist er aus der gleichen Konstellation der Ideen – mit dem Königtum (Christentum?) im Zentrum – erwachsen? Etwas Vergleichbares scheint Walter Benjamin gemeint zu haben in seinem „Programm einer neuen Philosophie“ im Hinblick auf die Verwendung der Kantischen Kritik)

    Die Hoffnung von Karl Thieme in seinem „Am Ende der Zeiten“, daß das Christentum jetzt endlich ins Mannesalter eintritt, scheint sich bisher noch nicht erfüllt zu haben.

    Wenn es stimmt, daß die Geschichte der Aufklärung von den Mythen über die Religion bis hin zu den Naturwissenschaften ein Teil der Geschichte der Auseinandersetzung mit der Natur ist, und selbst insoweit in den historischen Naturprozeß mit hereinfällt, ist die Naturphilosophie ein Haupterfordernis einer Philosophie, die den Anschluß an die Theologie wiedergewinnen will. Die Frage hierbei ist, ob der Begriff der Natur selbst nicht ein Teil dieser Geschichte der Auseinandersetzung mit der Natur ist, in diesem Prozeß sich konstituiert und von ihm nicht sich ablösen läßt; und ob eine Naturphilosophie nicht mehr sein müßte als eine Philosophie der Natur. Sind nicht die Begriff Natur und Welt eigentlich identisch, und bezeichnen sie nicht zwei Aspekte der gleichen Sache (abhängig davon, ob sie auf das Subjekt als Subjekt oder als Objekt sich beziehen)? Und müßte nicht eine Naturphilosophie heute Kritik des Naturbegriffs mit einschließen?

    Hat das mittelalterliche Bild von Himmel, Fegefeuer und Hölle, dieses dreistufige Bild des Universums, das später reduziert wurde auf den einfachen Gegensatz von Himmel und Hölle, etwas mit der Hypostasierung der zeitlichen „Ekstasen“ zu tun: der Himmel als die absolute Zukunft (futurum perfectum), die Hölle, das Totenreich, als absolute Vergangenheit (plusquamperfectum), und das Fegefeuer das Zwischenreich, vielleicht so etwas ähnliches wie die Welt? Steckt nicht doch ein ernsthafter naturphilosophischer Gedanke dahinter, wenn dem Himmel das Licht assoziiert wurde und der Hölle das Feuer? – Aber die eigentlich theologischen Assoziationen knüpfen an an den akustischen Bereich: den Hauch, den Atem, den Geist, der weht wo er will, das Wort.

    Hat der „große Fisch“ im Jona-Buch etwas mit dem Tier aus dem Meer in der Geh. Offb. zu tun, und die Flucht des Jona etwas mit dem Exil des jüdischen Volkes (dem direkten, politischen, wie dem indirekten, religiösen: ins Christentum; ist das Tier aus dem Meer die Kirche)?

  • 21.05.90

    Zu Hitler als Generalprobe des Antichrist vgl. Karl Thieme: „Biblische Religion Heute“; sh. ebd. und in „Kirche und Synagoge“ die Hinweise zu Amalek.

    Hirtenbrief der Bischofskonferenzen zum Verhältnis von Christen und Juden (20.10.88):

    – apologetisch

    – Unterscheidung von kirchlichem Antijudaismus und modernem Antisemitismus (Verdrängung der Ursprungsgeschichte; Rassismus nicht einziger Grund des Antisemitismus)

    – Schuld und Projektion (Hinweis auf Abtreibungsproblem: ohne Empathie; bloße Empörung/Verurteilung = Schuldlosigkeit des Urteilenden; schuldig ist der andere; Vorteil der privaten, individuellen Schuldzuweisung, während Antisemitismus und Judenmord kollektive und öffentliche Ursachen hat)

    – Verschweigen der durch die politische Ökonomie verursachten Hunger-Massentode in der Dritten Welt (hier müßten andere angeprangert werden, Mächtige)

    – Abwehr der Instrumentalisierung des Schuldvorwurfs, aber nur, soweit er sich gegen die Kirche richten könnte! – Ist der mit der Abtreibungsfrage verbundene Schuldvorwurf nicht auch instrumental?

    – Unfähigkeit, das, was eigene Gedankenlosigkeit und eigenes Vorurteil anrichten, überhaupt noch wahrzunehmen; Unfähigkeit zu begreifen, welches Gesicht die Kirche selber zeigt; Pflege des pathologisch guten Gewissens

    – Faschismus eine christliche Häresie?

    – Frauenfeindschaft = Ursprung und Paradigma der Sünde wider den Heiligen Geist?

    – Unfähigkeit zur Umkehr; zu parakletischem, verteidigendem Denken

    – Entkonfessionalisierung des Christentums = Abkehr vom Herrendenken = einzige Möglichkeit der Ökumene und der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit

    – Völlig unterschlagen wird das Versöhnungskonzept, das die Schrift selbst vorgibt (Unversöhntes: Knast, Isolationshaft, des Elend in der Dritten Welt, Nichtseßhafte, Sexismus, „no pity for the poor“, Herrschaft und Gericht/Problem des Rechtsstaats, Verwechslung von Recht und Moral, Recht und Gerechtigkeit); Versöhnung = Voraussetzung des Opfers (nicht Folge!)

  • 14.05.90

    Dogma und Welt: Das Dogma ist ein wesentliches Moment in der Geschichte der Verweltlichung der Religion, der Verweltlichung des Christentums. Der Zusammenhang mit der Herrschaftsgeschichte spielt hier mit herein. Wenn die Umkehr eine erkenntnistheoretische Kategorie ist, dann ist sie auch aufs Dogma anzuwenden; nur so kann man es vermeiden, daß Theologie zur bloßen Ausschmückung des Dogmas wird, anstatt endlich deren Wahrheit zu realisieren, die nur durch die Umkehr zu realisieren ist. Alle Versuche der Modernisierung, der bloßen Anpassung des Dogmas an veränderte Welt- und Erkenntnisbedingungen verfehlen das Ziel theologischer Erkenntnis; verschoben wird die Relation von Maß und Gemessenem. Nicht die moderne Welt ist Maßstab für das, was am Dogma noch wahr ist, sondern das Dogma ist Maß dessen, was an der modernen Welt falsch ist. So sagen es zwar alle kirchlichen Lehrämter auch, und die Gefahr, mißverstanden zu werden, ist sicherlich groß. Aber wer der Gefahr des Mißverständnisses entgehen will, verstellt sich selbst den Zugang zur Wahrheit.

    Zu Drewermann: Seine Adaptation der Psychoanalyse leidet daran, daß es ihm nicht gelingt, den Bann des Psychologismus zu sprengen. Bezeichnend seine Rezeption des Begriffs des Unbewußten, der der Innerlichkeit des Subjekts verhaftet bleibt. Eine objektive Anwendung der Psychoanalyse ist wahrscheinlich erst möglich, wenn es gelingt, den Begriff des Unbewußten statt bloß formal, nämlich gegen das Bewußtsein, in Abgrenzung vom Bewußtsein zu definieren, ins Objektive zu wenden und inhaltlich zu bestimmen, d.h. darauf abzustellen, was in der Objektivität das Bewußtsein nicht mehr erreicht, welche Bereiche der Objektivität vom Bewußtsein ausgeblendet werden, und die besondere Rolle, die der moderne Säkularisationsprozeß darin spielt. Verdrängungsprozesse wären heute nicht mehr in erster Linie in der Privatsphäre, im Bereich der Sexualität, zu studieren, sondern in der Öffentlichkeit, in einem Bereich, der durch Diskriminierung, Ausgrenzung, neue Formen der politischen Gewalt von der Atombombe bis hin zu Polizeigewalt, die qualitativ neue Formen angenommen hat; hier geht es in erster Linie um Verdrängungsprozesse und eines der wesentlichen Instrumente ist hier die Produktion des pathologisch guten Gewissens. Hier haben die Studies in Prejudice, die Untersuchungen über das Vorurteil ganz erhebliche Vorarbeit bereits geleistet.

    Der Hinweis Jesu, daß man das Opfer nicht feiern soll, bevor sich nicht mit seinem Bruder versöhnt hat, ist heute das schlagendste Argument gegen die weitere Teilnahme an der Feier der Opfers. Würden die Christen dieses Wort ernst nehmen, die Kirchen wären leer. Die Sache ist nicht harmlos. Der historische Prozeß, in den auch die Geschichte der Sakramente verflochten ist, hat uns deren Gebrauch entfremdet, er hat uns mehr noch die Sakramente entwendet, und zwar entwendet in einem sehr wörtlichen Sinne: Ihr Inhalt ist so verkehrt worden, daß sie uns gleichsam nur noch die Rückseite zukehren, für uns unkenntlich geworden sind. Übrig geblieben ist eine barbarische Ästhetik.

    Zweifellos krankt Drewermanns Buch über die Kleriker daran, daß auch er hier das Problem von der falschen Seite anfaßt. Es ist keine Frage der Psychologie, die an die Lösung des Rätsels führt, sondern es ist eine Frage des historischen Prozesses. Und berührt wird nicht die Frage des Klerikertums, sondern betroffen ist die Frage des Priestertums im Kern. Und genau das hätte das eigentlich Objekt von Drewermann sein müssen, das er aber nicht wahrgenommen hat. Und genau das ist es, woran die Priester für alle sichtbar so intensiv leiden, nur sie selber merken es nicht mehr.

    Habe ich bei dem Hinweis auf Esther und Judith die Ruth vergessen? Es erscheint mir bemerkenswert, daß diese drei Frauengestalten im „Alten Testament“ die Beziehung der Juden, des jüdischen Volkes zur Außenwelt widerspiegeln, von den Heiden über die Machthaber bis hin zu den Tyrannen. Zu überprüfen wäre, wie sich Hiob, der Leidende, die Propheten zu dieser Außenwelt verhalten, wie verhält sich die Apokalypse hierzu. Propheten und Apokalyptiker scheinen doch zu sehr in die Innerlichkeit des erwählten Volkes versponnen zu sein, bis zum Exzeß versponnen, und die Außenwelt nur noch wahrzunehmen als Gegenstand der Verurteilung, des Banns. Und wohin gehört in diesem Zusammenhang das Hohe Lied der Liebe?

    Fällt in der säkularisierten Welt die Theologie insgesamt unter das Bilderverbot?

    Das Wesentliche an dem „Hexensabbat“ von Carlo Ginzburg scheint mir zu sein, daß es einen Blick auf eines der wichtigsten Motive der Hexenverfolgung wirft, nämlich auf die Verdrängung der Erinnerung an die Toten. Diese zugleich verdrängte Beziehung zu den Totenheeren scheint mir der Schlüssel zu sein. Verdrängt wurde hier mit der bedrängenden und möglicherweise falschen Erinnerung an die Toten der Grund für die Lehre von der Auferstehung.

    Was das Christentum nie geschafft hat, war der gelassene Umgang mit den Häresien. Grund dafür war die Komplizenschaft mit der Herrschaft. Erst das Staatschristentum kennt den Häretiker (wie zuvor der heidnische Staat das Christentum) als den zu eliminierenden Feind. Das Christentum ist in der Geschichte seiner Komplizenschaft mit der Herrschaft bis zur Unkenntlichkeit entstellt worden, aber es ist darin nicht aufgegangen; ein Rest ist geblieben, der möglicherweise heute fähig wäre, seine rettende Kraft zu entfalten. Erst wenn das Bewußtsein seine Härte ablegt, sich selbst als offene Wunde begreift, erst dann ist Theologie wider möglich. Hier ist das Leiden und der Schmerz nichts, worauf einer sich berufen kann, woraus er Ansprüche herleiten könnte; sie bleiben Leiden und Schmerz. Sie finden keinen Trost. Wer aber in diesem Leiden, in diesem Schmerz sich selbst und seinen Gott zu finden und zu bewahren sucht, der … Selbstmitleid, das Verlangen, geliebt zu werden, ist der Tod der Theologie.

    Franz Rosenzweig hat den Streit zwischen Realismus und Nominalismus nicht geschlichtet, sondern auf eine Ebene gehoben, auf der er dann aufgehoben wird. Zentraler Punkt ist seine Lehre vom Namen. Der Name ist nicht Schall und Rauch. Der Name ist das Zentrum seiner Philosophie, deren Intention es ist, die Dinge beim Namen zu nennen oder auch – das ist die andere Seite der Sache – sie zum Sprechen zu bringen. Der kirchliche Zug, den Gershom Scholem an F.R. bemerkt hat, hängt offensichtlich zusammen damit, daß bei ihm keine Apokalypse gibt. Die Apokalypse war zu nah, zu brennend, zu direkt, als daß er sie hätte mit aufnehmen können. Auschwitz kam nach Rosenzweig.

    Wenn die Theologie nur dazu dient, die Vorstellung, durch Handeln ließe sich etwas ändern, zunächst einmal beiseite zu stellen, und die ganze Schwere und die den Umfang der Negativität ins Auge zu fassen, jede Illusion darüber beiseite zu lassen, und damit die Gefahr zu meiden, Räuber- und Gendarm-Spiel mit Revolution zu verwechseln, dann hat sie schon einiges erreicht. Aber der Schock der Radikalität ist nicht zu vermeiden. Vor allem dann nicht, wenn man kein Zyniker werden möchte.

    Die Hexen haben in der Auseinandersetzung mit der Natur auf der falschen Seite gestanden.

    Ein Schmerz, der nicht beleidigt, ein Schmerz, der keine Empörung wachruft, sondern nur Trauer. Es gibt keine Empörung mehr ohne Projektion. Zumindest auf der Seite der Täter. Wir haben kein Recht mehr beleidigt zu sein. Mehr noch, das Beleidigtsein ist Teil des pathologisch guten Gewissens.

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