Christentum

  • 06.08.89

    Auschwitz ist Anlaß, den theologischen Stellenwert des Martyriums (und der Opfertheologie) zu überprüfen. Falsch ist die Vorstellung, daß das Leiden schon für sich Erlösungsgrund ist (Gott ist kein Kannibale); das so erzeugte masochistische Religionsverständnis (diese Form der Leidensmystik) hat

    – die Religion zu einem Herrschaftsmittel instrumentalisiert und

    – (durch die vom Masochismus nicht zu trennende sadistische Komponente) die Bahn frei gemacht für die Schreckensgeschichte, die das Christentum für andere dann geworden ist.

    Das Selbstmitleid, das der „Aufmerksamkeit“, der Wahrnehmung, was man selbst draußen anrichtet, den Boden entzieht, hat hier seinen Ursprung. Insofern ist Heideggers Fundamentalontologie christlichen Ursprungs. (Vgl. hierzu Elaine Pagels: Versuchung durch Erkenntnis, Kap. IV.)

    Das Glaubensbekenntnis enthält weder die Lehre Jesu, (die Bergpredigt: Nächsten-/Feindesliebe), noch gehorcht es ihren Grundsätzen („Richtet nicht, …“), sie ist bereits Produkt der Neutralisierung und Instrumentalisierung, die (wie jedes Bekenntnis) die Wahrheit zur Unkenntlichkeit entstellt und so für die Heuchelei brauchbar macht. Diese Tradition hat sich neben der anderen, befreienden (und mit ihr verbunden) in der Geschichte der christlichen Religion und Theologie erhalten.

    Innen und Außen: „Glücklich ist, wer seiner selbst ohne Schrecken inne wird“ (W. Benjamin). Wer kann seiner selbst ohne Schrecken inne werden, wenn Menschen im Knast sitzen, als „Penner“ nicht wissen, wie sie den nächsten Tag überstehen, als Huren sich prostituieren müssen, um zu überleben; wenn in der Dritten Welt Kinder verhungern, weil wir im Wohlstand leben; wenn die Erinnerung an Auschwitz (wie nach alter religiöser Vorstellung Gott) allgegenwärtig ist (übrigens mit besonderer Eindringlichkeit in den Dingen, die einmal konzipiert waren als Verdrängungshilfe: dem Erscheinungsbild des deutschen „Wiederaufbaus“: unserer Städte).

    Gott suchen im eigenen Selbst: das ist wahr nur, wenn man weiß, daß das Selbst die Beziehung zum Zustand der Welt mit einschließt: wenn der Verdrängungsberg abgetragen ist (der Glaube diesen Berg versetzt hat).

  • 25.06.89

    Angstbewältigung durch Angstgenuß scheint zum selbstmörderischen Ausweg zu werden. Hier ist ein Mechanismus entstanden, der dem gleicht, durch den die entfremdete Welt sich als zweite Natur etabliert hat. Hat etwa die besondere Beziehung des Christentums zur Sexualität, die in der Sexualangst falsch sich ausdrückt, hier ihr fundamentum in re? „Jeder Genuß stammt aus der Entfremdung“ (DdA): gibt es eine „positive“ Beziehung zur Sexualität nur zusammen mit einer affirmativen Beziehung zur Entfremdung? Und steckt nicht in jedem Genuß damit ein Stück Verzweiflung?

  • 27.05.89

    Das Bekenntnissyndrom scheint zusammenzuhängen mit den Notwendigkeiten beim Übergang vom magischen zum rationalen Staats- und Politikverständnis, von der magischen zur rationalen Form von Herrschaft (= Herrschaft über die Zukunft). Gleichzeitig scheint die Lehre von der Vorsehung als politische Kategorie (d.h. nur als Mittel des technischen Gebrauchs, nicht – wie es notwendig gewesen wäre – als Kritik des Schicksalsglaubens) ausgebildet worden zu sein. (Magie – Prophetie/Schicksalsglaube – Vorsehung/ Bekenntniszwang – Ursprung des Königtums? – Individuelle/allgemeine Vorsehung: Vorsehung ist keine Prognose, kein Vorauswissen der Zukunft, sondern essentiell bezogen auf die Realisierung des „Guten“, des Gottesreichs; sie ist vom Schicksal dadurch unterschieden, daß Unglück und Schuld zwar Basis, Grundlage – nämlich für die „Umkehr“ -, in keinem Falle aber Telos der Vorsehung sein können.)

    Das Bekenntnis ist sinnvoll nur als (nicht zwingender) Grund der Versöhnung; es kann nicht – ohne im Zentrum verletzt, pathologisiert zu werden – gefordert oder gar erzwungen werden. Bekenntnis und Freiheit sind untrennbar.

    Der Bekenntniszwang verleiht Macht über die Gesinnung der Beherrschten; an die Stelle der unmittelbaren Naturängste treten die gesellschaftlich, d.h. durch Herrschaft vermittelten; die Befreiung von den Naturängsten war erkauft mit dem Tabu über die politische Kritik: und hierzu erwies sich das Christentum als zweckmäßig. Der Bekenntniszwang begründet den Schuldzusammenhang, aus dem er zu befreien vorgibt.

    Der Bekenntniszwang ist hoffnungslos (und seit seinem Ursprung Ausdruck von Verzweiflung).

  • 26.05.89

    Die „Entkonfessionalisierung“ der Kirche(n) schließt insbesondere den Verzicht auf (Formel-)Bekenntnisse mit ein; diese schaffen den blinden Fleck, der die Gotteserkenntnis verhindert; anders formuliert: sie schützen die Kirche(n) vor der Gotteserkenntnis, die ihren institutionellen Bestand gefährdet. Formelbekenntnisse sind das Produkt der Instrumentalisierung, sie sind somit Herrschaftsmittel und (im theologischen wie auch im politischen Gebrauch) blasphemisch und totalitär, und sie sind ein Alibi für das reale Bekenntnis, das notwendig wäre: Man kann davon ausgehen, daß immer, wenn ein Formelbekenntnis gefordert wird, das Bekenntnis einer realen Schuld projektiv verdrängt werden soll. – Gibt es Wichtigeres als die Entkonfessionalisierung der Kirche(n), und gibt es überhaupt noch ein anderes Mittel der Ökumene? – Die Entkonfessionalisierung wäre der Beginn der Abschaffung jeglicher Inquisition.

    Aus welchem Grunde ergab sich der Bekenntniszwang in den ersten christlichen Jahrhunderten? (Hypostasierung Jesu, Antisemitismus; Instrumentalisierung des Christentums zur Herrschaftsreligion)

  • 12.04.89

    Destruktive Aggressionen, das Vernichtungspotential, das jeglicher Folterpraxis zugrundeliegt, sind die Folge massiver Verletzungen des Selbstwertgefühls. Sie sind eigentlich nach außen gewendete Selbstverachtungsgefühle: Diese Projektion funktioniert nur bei pathologisch „gutem Gewissen“, bei der Unfähigkeit, das Schuldmoment hieran überhaupt wahrzunehmen. Der Schmerz, den der Folterer anderen antut, ist für ihn selbst (stellvertretende) Strafe und Sühne zugleich (Christentum und Folter); die absolute Schuld ist zugleich die absolute Entsühnung (von einer anderen, irrationalen Schuld, für die der Folterer sich verachtet). Die Folter „reinigt“ den, der sie ausübt; allerdings nur in der Erwartung, als Vorlust gleichsam, die dann zwangsläufig süchtig macht, dem Wiederholungszwang unterliegt; das „omne animal post coitum triste“ bezieht sich genau auf diesen Sachverhalt. Der Wiederholungszwang rührt her von der zwangsläufig enttäuschten Erwartung.

    Selbst das Opfer der Folter ist durch diesen Mechanismus vorgegeben; geeignet ist nur, wer das repräsentiert, wofür der Folterer sich selbst verachtet: Opfer kann nur werden, wer das repräsentiert, was die Nazis den „inneren Schweinehund“ nannten: das Gewissen, die Regung der Humanität, die Empathie.

  • 08.04.89

    Die Kriege dieses Jahrhunderts stellen sich in Europa in den Erfahrungen der anderen Nationen (Franzosen, Belgier, Polen, eigentlich aller anderen Völker) anders dar als in der der Deutschen. Trotz der Umkehrung am Ende haben die späteren Sieger den Krieg als Opfer (und ihren militärischen und anderen Widerstand als notwendig, sinnvoll und begründet) erfahren, während die Deutschen – als am Ende bestrafte Täter – entweder uneinsichtig verstockt oder reuig abschwörend ein durchaus verworfenes Kriegsbild in sich tragen, das eine Relativierung nicht mehr zuläßt. Dieses Kriegsbild aber wird zugleich „verharmlost“ (durch Verdrängung seiner Ursachen), weil anders der Schrecken unerträglich wäre. Daß die Existenzgrundlagen der Menschen in Europa, die Anhäufung des Reichtums hier, zu ihrer Erhaltung des Gewaltpotentials, das heute die Welt verdüstert, bedarf, daß andererseits eine Änderung, die die Notwendigkeit der Gewaltdrohung aufhebt, nicht mehr erkennbar ist, diese widersinnige Konstellation macht ihre Erkenntnis fast unmöglich (da sie mit einer unerträglichen und absolut lähmenden Ohnmachtserfahrung verbunden ist). Es aber ebenso unmöglich, diesen Zustand unbegriffen und verdrängt zu halten, da anders die Gefahr unabwendbar erscheint, daß in den Menschen, in der Gesellschaft ein explosives Potential (aus Verdrängung und Projektion) heranwächst, dessen Folgen Auschwitz und Vietnam zu Generalproben herabsetzen werden.

    „Gott offenbart sich nicht in der Welt“ (Wittgenstein „Tractatus“, zit. nach Jean-Francois Lyotard „Grabmal des Intellektuellen“, S. 71). Heideggers Philosophie ist atheistisch durch den Begriff des „In-der-Welt-Seins“ und seinen Stellenwert in der Fundamentalontologie: Der Begriff der Welt, obgleich er ein Unendliches bezeichnet, ist endlich gegen das, was „außerhalb“ ist, wobei dieses „außerhalb“ durch die logische Struktur des Kontinuums, das der Weltbegriff bezeichnet, vorgegeben ist (durch die bestimmte Form der Beziehung von Allgemeinem und Besonderem, insbesondere durch die Vorherrschaft des Allgemeinen = Vorherrschaft des Vergangenen); in jedem Falle ist aber Gott „außerhalb“ (da in keinem Sinne „vergangen“). Die Idee vom „Tod Gottes“ ist ein paradoxer Versuch der Rettung der Gottesidee.

    Empörung, Verwaltung, Herrendenken, Verblendung und Paranoia.

    Kirche und Entkonfessionalisierung der Religion. Konfession (als „Bekenntnis“ wie als Gemeinschaftsbegriff) ist das Gegenteil, die Negation von Kirche. Entkonfessionalisierung stellt den Objekt- und Wahrheitsbezug der Theologie, der Religion wieder her.

    Das Wissen konstituiert sich im Verhältnis zur Gesellschaft; Erkenntnisse haben immer auch politische/gesellschaftliche Bedeutung. Die Gründung der Universitäten im Mittelalter hatte nicht nur praktische sondern vor allem Legitimationsgründe. Und der Zerfall der Universitäten heute ist eine Folge des gesellschaftlich-politischen Paradigmenwechsels, der Verlagerung der Zentren der Macht.

    Die deutsche Reichstradition hat das Christentum in Deutschland entscheidend geprägt. Während in den übrigen europäischen Ländern (vgl. vor allem England oder Ungarn) das Christentum mit der Institution des Königtums (Erhaltung und Stabilisierung der bürgerlichen Institutionen und Verteidigung der Armen) verknüpft war, hat es diese Tradition in Deutschland nicht gegeben. Die Kaiser- und Reichsideologie hat den Imperialismus ins Christentum eingeführt (Unterschied der David- und Caesar-Tradition).

  • 21.03.89

    Intersubjektivität ist nicht Objektivität, sondern nur das Gemeinsame der subjektiven, instrumentalen Vernunft. Diese hat sich – über die Naturwissenschaften, die die Natur diesem Instrumentalisierungs-(Herrschafts-)prozeß unterworfen hat – so tief in der Objektivität selber verankert, daß die Differenz fast unbestimmbar geworden ist. Es gibt keinen anderen Begriff der Vernunft mehr, seit es keinen anderen Begriff der Natur mehr gibt. Der entscheidende Schritt war die kopernikanische Wende.

    Der Katholizismus war einmal eine mehr oder weniger glückliche – jedenfalls funktionierende – Symbiose von Herrschaft und Religion. Diese Symbiose ist heute nicht mehr haltbar; sie ist – infolge des historischen Prozesses (in Wissenschaft und Gesellschaft) – Spannungen ausgesetzt, die das System zu sprengen drohen. Helfen kann allein eine historische Selbstverständigung, die durch Erinnerung die selbstzerstörerischen Kräfte, die heute freigesetzt werden, benennt und auflöst: Notwendig ist Erinnerung als therapeutischer Prozeß, der sicherlich schmerzhaft ist, aber allein noch aus der Krise herausführt. Gegenstand der therapeutischen Aufarbeitung sind Dogma, Ritus und Frömmigkeit als Einheit von kollektivem und individuellem Traum, Ziel ist das Aufwachen.

    Der Auferstehung geht nach alter katholischer Tradition (die auf die Petrusbriefe zurückgeht) der Abstieg zur Hölle voraus: die heute notwendige Erinnerungsarbeit, Trauerarbeit, die die ganze Geschichte des Antisemitismus, der Ketzer- und Hexenverfolgung mit einschließt, die Christianisierung der Welt, die keine Bekehrung – eher das Gegenteil – war, diese Erinnerungsarbeit hat ihren theologischen Vorbegriff im apostolischen Glaubensbekenntnis: abgestiegen zur Hölle. Nur daß diese Hölle keine vorgegebene, sondern eine von der Christenheit selbst angerichtete war (und weiterhin sein wird, wenn der anders unabweisbare Wiederholungszwang nicht durch Erinnerung aufgelöst wird).

    Diese Erinnerungsarbeit ist sowohl eine zwingende Konsequenz aus der Theologie (die Verweigerung ist Atheismus) als auch selber nur in theologischem Kontext möglich. Habermas‘ Abgrenzung von den theologischen, überschießenden naturphilosophisch-messianischen Motiven bei Benjamin wie bei den Frankfurtern ist seine Abgrenzung von der Realität.

    Sofern es noch eine Revolution gibt, wird sie in jedem Falle diese Erinnerungsarbeit in sich enthalten müssen. Das Subjekt der Revolution ist nicht mehr so dingfest zu machen, wie Marx es anhand seiner Kapitalismuskritik logisch stringent getan hat, nämlich am Proletariat; die Revolution, wenn sie ihre vergangenen Fehler vermeiden will, wird die Erinnerung an die Unterdrückten, Geschändeten, Ausgebeuteten und Ermordeten der Vergangenheit, die Erinnerung an die Toten mit einschließen müssen; nur so ist es vielleicht möglich, Herrschaft an ihren Wurzeln (an ihrem Naturgrund) zu entschärfen.

    Heideggers Vergewaltigung der Sprache (sein Antichristentum) ist auch eine Strategie des Vergessens, der Entlastung von den Beschwernissen der Vergangenheit. Der Begriff „Seinsvergessenheit“, den er allen entgegenschleudert, die nicht vergessen wollen oder können, drückt das genau aus.

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