Einstein

  • 12.11.92

    Wie hängt die Kausalitätsbeziehung von Sünde und Schuld mit dem Eigentumsbegriff zusammen (Sein als potentielles Eigentum)?
    Es gibt keine benennende Kraft des Begriffs. Zwischen Name und Begriff ist streng zu scheiden; insoweit ist die nominalistische Kritik am Realismus irreversibel. Damit hängt es zusammen, wenn es gegen jede Wahrheit eine dialektische Volte gibt, und ebenfalls, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist (aus Gründen der Beweislogik).
    Die drei Freiheitsgrade des Raumes hängen auf eine höchst vertrackte Weise mit der Geschichte der Freiheit zusammen. Unter dem Titel des liberum arbitrium ist im Grunde immer schon das Inertialsystem diskutiert worden. Genauer: das Thema liberum arbitrium war der Beginn einer logischen Verstrickung, die im Inertialsystem und in der freien Marktwirtschaft endete – und heute (in der Marktideologie) fast unlösbar geworden ist. Die Geschichte von Buridans Esel war ein Exempel, an dem auch die Gleichwertigkeit aller Richtungen im Raum, seine Isotropie, demonstriert worden ist; sie war ein Vorläufer des Relativitätsprinzips. Sie war ein Orthogonalitäts-Exempel, und damit ein Hinweis auf den unendlich aufklärungsbedürftigen Zusammenhang von Orthodoxie und Orthogonalität.
    Zum Begriff der unreinen Geister: Es gab einmal den Titel „Genie und Wahnsinn“. Der Bedeutungswandel, den der Begriff Wahnsinn dann durchgemacht hat, und die Bedeutung, die er insbesondere in den letzten Jahren angenommen hat, ist ein geschichtsphilosophischer Index, an dem sich der Stellenwert der Psychose ablesen läßt, insbesondere, wie nahe er dem, was man geneigt ist, normal zu nennen, bereits gekommen ist.
    Die Welt ist längst zu jenem Schuldverschubsystem geworden, in dem das Spielchen „Wer ist unschuldig“ längst an den Dingen nichts mehr ändert, es sei denn, daß es nur noch zur Erhaltung des Schuldverschubsystems beiträgt und zu den Gründen gehört, aus denen das ganze Medien- und Informationswesen den Gesetzen der Unterhaltung sich anpaßt: zum Drachenfutter wird, dessen Wert sich am Sensatiosngehalt mißt. Auch hier hat es nach dem Ende des Faschismus einen Modernisierungsschub gegeben, dessen Schrittmacher die BILD-Zeitung war. Dem kann – so scheint es -heute keine Institution des Medienwesens sich mehr entziehen. Hier greift auch der Begriff Kulturindustrie bereits zu kurz, weil er inzwischen ins Affirmative gewendet werden konnte.
    Ist nicht die Abtreibungsdebatte die letzte Station in der Geschichte der christlichen Sexualmoral, die seit ihrem Beginn ein Mittel der Anpassung an die Welt und der Unterbindung von Herrschaftskritik war und von Anfang an projektive Züge trug. Die Sexualmoral ist ein Vexierbild, dessen Entschlüsselung genau ins Zentrum der politischen Aufklärung stößt. Es gibt in der Tat ein absolutes Abtreibungsverbot, aber das bezieht sich auf eine Abtreibung, die an ganz anderer Stelle stattfindet, nämlich genau an der Stelle, die in der Geschichte der drei Leugnungen Petri mit der Selbstverfluchung bezeichnet wird. Die Trennung von Begriff und Objekt ist ein Reflex der Trennung des Privaten vom Politischen; das Objekt ist der idiotes. Aber in dieser Trennung ist das Problem der Sexualmoral begründet: Was im prophetischen Ursprung allein in der politschen Anwendung Sinn ergibt, wird mit der christlichen Rezeption des Weltbegriffs, mit dem Ursprung des Objektivationsprozesses, entpolitisiert, privatisiert, idiotisiert. In der Lösung des Problems der Sexualmoral steckt die Lösung des Problems des Namens, seiner erkennenden Kraft.
    Bezeichnet nicht der Schluß in der Logik, den Hegel als den zu sich selbst gekommenen Begriff erkennt, den Knoten, den zu lösen der Kirche aufgegeben ist. Im Schluß vollendet sich die Verinnerlichung des Schicksals, die philosophische Kritik des Mythos, die Kausalitätsbeziehung von Sünde und Schuld. Der Schluß ist die instrumentalisierte Versöhnung, die Vergegenständlichung des Gerichts, Grund der Vergesellschaftung (Verinnerlichung und Vergegenständlichung) des Opfers im Objekt.
    Die apokalyptische Dimension des vierten Gebots wird begriffen, wenn es auf die Schuld der Väter und Sünden der Mutter in der Konstituierung des Objektbegriffs bezogen wird.

  • 31.10.92

    Ähnlich wie die mathematische Naturwissenschaft zum Sternendienst und der Weltbegriff zur Idolatrie verhält sich das Opfer zur kapitalismusbegründenden Institution der Lohnarbeit, der Subsumtion der Arbeitskraft unters Tauschprinzip. Hier liegt der Grund für Benjamins Wort vom Kapitalismus als Opfer ohne Dogma. Der Begriff der Verweltlichung der Welt bezieht sich auf die fortschreitende Durchsetzung der Systemprinzipien: des Trägheits- und des Tauschprinzips, die aufs genaueste das fundamentum in re des Hegelschen Postulats bezeichnen, daß „das Wahre nicht als Substanz, sondern ebensosehr als Subjekt aufzufassen und auszudrücken“ sei (Phänomenologie des Geistes, stw, S. 23).
    Im Begriff der Welt konstituiert sich das Anderssein als Substanz, überlebt der Tod das Leben.
    Es wäre wichtig, Affirmation und Kritik der Idolatrie, des Sternendienstes und des Opfers in der Konstruktion des Hegelschen Systems aufzuzeigen.
    Die gegenwärtige Weltphase ist eine Phase der Beschleunigung des Vergessens.
    Physik und Ökonomie (Inertialsystem und Geld, Trägheitsprinzip und Tauschprinzip): Was ist (beim Gordischen Knoten) Joch und was ist Deichsel? Was am Gordischen Knoten durchschlagen wird, ist erkennbar an seinem Produkt: die endgültige Definition der Grenze der Zivilisierten zu den Barbaren; hier entspringen der Weltbegriff und der Säkularisationsprozeß, und hier stabilisiert sich ein Bewußtsein, das dann ohne den Materiebegriff nicht mehr auskommt. Die Grenze zu den Barbaren, zum Begriff der Materie oder des Objekts, bezeichnet präzise die Schnittstelle, an der der Knoten durchschlagen wurde.
    Von den drei Totalitätsbegriffen der transzendentalen Logik: Wissen, Natur und Welt, die dann in der Abfolge der Systeme des deutschen Idealismus abgearbeitet wurden, erscheinen zwei im Stern der Erlösung unter anderem Namen, nämlich das Wissen als Mensch und die Natur als Gott. Nach der Umkehr, in der sie wechselseitig aufeinander sich beziehen, werden aus den drei Totalitätsbegriffen die theologischen Begriffe Schöpfung, Offenbarung und Erlösung. Aber gleichzeitig erscheinen Wissen, Natur und Welt auch in systematischer Funktion: als Nichtwissen, aus dem die Naturen von Mensch Welt Gott hervorgehen, die dann unterm Bann des Weltbegriffs zunächst jedes in isolierter Verschlossenheit, ohne Reflexion im anderen, in Erscheinung treten.
    Zu Gog und Magog: Die Gargarenser (Gogarener), die nach Ranke-Graves mit dem Volk Gog bei Ezechiel identisch sind, sind der den Amazonen zugeordnete Männerstamm: Sind das nicht die freien Männerhorden, die nach Heinsohn die Privateigentumsgesellschaft: den Staat, begründen?
    Wenn Haman ein Agagiter (Amalekiter) ist und gleichzeitig der erste Antisemit und der Erfinder der Endlösung, welche Bedeutung haben dann Ahasveros, Esther und Mordechai?
    Mit der Implantierung des Unschuldstriebs (hervorgegangen aus der falschen Übersetzung des Joh 129) ist das Christentum vollends böse geworden. Der Unschuldstrieb ist nämlich nur zu halten über die Dynamik von Exkulpation, Rechtfertigung und Projektion: den Fremdenhaß (Sodom vor der Zerstörung). Das Schuldverschubsystem kommt ohne Sündenböcke nicht aus.
    Zur Geschichte und Kritik des Nominalismus: Es gibt keinen Begriff der Wahrheit ohne die Fähigkeit zur Schuldreflexion. Wer das leugnet, verfällt zwangsläufig der Eigendynamik des Schuldverschubsystems, die in Xenophobie und Antisemitismus endet.
    Der Weltbegriff definiert und stabilisiert die dem jeweiligen Stand der Entwicklung angemessene Gestalt des Schuldverschubsystems und macht sie zugleich unsichtbar.
    Zur Korrektur der Metzschen politischen Theologie: Das Votum für die Armen bezeichnet nur eine Seite der Prophetie; dazu gehört die andere: das Votum für die Fremden, das anhand der für das gegenwärtige Weltverständnis zentralen Geschichten Jerichos und Sodoms zu bestimmen wäre.
    Daß die unreinen Geister in Jesus den Sohn Gottes erkennen, findet sein spätes Echo in den Grab- und Friedhofsschändungen der Rechten: Sie sind die letzten, die an die Auferstehung der Toten glauben und daran (gegen diesen Glauben) ihren Mut beweisen wollen.
    Im Angesicht Gottes und nicht hinter seinem Rücken, das heißt auch: Sich unter das Wort stellen, und nicht sich darüber erheben: d.h. die Prophetie bloß zu apologetischen Zwecken, als Steinbruch fürs Dogma, benutzen.
    Die Moral als Maßstab des Urteils fällt unter das Gesetz des Baumes der Erkenntnis des Guten und Bösen, es gehört zur Geschichte des Sündenfalls, der Verweltlichung der Moral. Zu explizieren an der Sexualmoral, deren politische (prophetische) Bedeutung neutralisiert wird durch die Urteilsbeziehung im Kontext einer kasuistischen Moral. Adornos „erstes Gebot der Sexualmoral: der Ankläger hat immer unrecht“ verweist auf den Bereich, in dem Moral allein sich begründen läßt: nämlich als Richtschnur des (eigenen) Handelns, während das Urteilen (das Richten) Gott vorbehalten ist. Politisch aber wird die Sexualmoral in seiner Beziehung zu der anderen Seite des Sündenfalls, zum „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren, und sie schämten sich“, in seiner Beziehung zu dieser Scham, die den gleichen geschichtlichen Index hat wie die Politik. Verletzt wird diese Scham durchs Obszöne, dessen Begriff eher auf Kriege, auf Knäste, auf die Existenz der Armut, auf Fremdenfeindschaft und Antisemitismus (bezeichnend, daß das sodomitische Modell der Fremdenfeindschaft in der Geschichte Sexualmoral auf den Verkehr mit Tieren bezogen worden ist: war das „Sexualobjekt“ der Leviathan?), aber auch auf staatliche Institutionen wie den Staatsanwalt und die Polizei sich beziehen läßt, als auf den unmittelbaren sexuellen Bereich.
    Bezieht sich das Jesuswort: „ich bin gekommen, Feuer vom Himmel zu bringen, und ich wollte, es brennte schon“, auf das „kreisende Flammenschwert“, dessen Erkenntnis in der Geschichte der Astronomie, zuletzt im kopernikanischen System, sich vorbereitet? Und hängt das, was im zweiten Schöpfungsbericht als „kreisendes Flammenschwert“ benannt wird, mit dem, was dem Produkt des zweiten Tages im ersten Schöpfungsbericht: der Feste zwischen den Wassern, die Gott dann Himmel, schamajim, nennt, zusammen?
    Von der Nachkommenschaft Abrahams heißt es, sie werde zahlreich sein wie die Sterne am Himmel und wie der Sand am Meer. Hängen diese Sterne und dieser Sand zusammen wie der Himmel und das Meer? Sind nicht die Sterne und der Sand (der „Staub“ des Fluches über die Schlange und über Adam nach dem Sündenfall, aber auch die „Wüste“) die ersten Objekte des historischen Objektivationsprozesses (kopernikanisches System und Relativitätsprinzip, Inertialsystem und die newtonsche dynamische Begründung des kopernikanischen Systems, Ursprung des Materiebegriffs)? Und sind diese Sterne und dieser Sand nicht auch ein anderer Name für die „Enden der Welt“: die Grenzen des „Missions-“ und Taufauftrags? Aber am Ende wird das Meer nicht mehr sein, und der Himmel wird sich aufrollen wie eine Buchrolle.
    In Hegels Philosophie kommt wohl der Begriff des Anderen, nicht aber der des Fremden vor.
    Hängt auch das mit dem Verhältnis von Sünde und Schuld (Ps 10914) zusammen, daß die Propheten vom Mutterleibe an berufen sind, Jesus aber vom Vater gezeugt ist, er zugleich die „Sünden der Welt auf sich nimmt“ und den Willen des Vaters tut?

  • 29.10.92

    Sind die Orden nicht in der Tat ein Hinweis auf die Geschichte der (inneren und äußeren) Verweltlichung der Kirche, von den Eremiten, über die Gemeinschafts- und Armutsorden zum verweltlichten Gehorsamsorden der Jesuiten.
    Das Paradigma Natur und Welt hat die Welt höchst folgenreich gegen Gott und Mensch gekürzt. Der Naturbegriff leugnet die Auferstehung, der Weltbegriff die Schöpfung. Und die Kritik der Welt schließt das Votum für die Armen, die der Natur das für die Fremden mit ein. Es ist der Bann beider Begriffe über unser Bewußtsein, der die Sprache heute entmächtigt, depotenziert, sie ihrer benennenden Kraft beraubt. Seitdem verliert das Argument seine Kraft, es dankt ab gegen die einzige noch unmittelbar einleuchtende Instanz: die Gewalt, die in der Einrichtung der Welt sich manifestiert. Das Hegelsche Absolute war der Widerschein dieser Gewalt.
    Wie hängen das Votum für die Fremden und das für die Armen mit dem Vater und dem Sohn zusammen: Bezieht sich darauf das Hervorgehen des Geistes (des Parakleten: des Beistands)? Der Fremde rührt an den Grund des Angesichts, der Arme an den der Barmherzigkeit.
    Die Welt ist der Deckel auf der unerlösten Natur. Dessen genaueste Beschreibung findet sich in Elias Canettis „Masse und Macht“.
    Im Bilde der Primitiven und Wilden wird Ursprung und Ende der Menschheit zugleich vorgestellt. Nicht nur die Tieren, sondern in diesem Kontext auch die Anfänge der „gesellschaftlichen Entwicklung“, die sogenannten Primitiven und Wilden, erinnern an ein abgründiges Unheil in der Urzeit. (Kann es sein, daß die Velikovskysche Katastrophen- (Venus-) Theorie zu ergänzen oder zu korrigieren wäre durch Einbeziehung geologischer Katastrophen, zu denen auch die Trennung der Kontinente gehören müßte.)
    Das Lachen Abrahams und Saras und der Schrecken Isaaks sind Momente der Selbsterfahrung des Fremdseins.
    Die Klage über die „Unfähigkeit sich trösten zu lassen“ (Zeit der Orden, S. 30) ist nicht ganz unproblematisch. Angesichts der Unerlösbarkeit der Welt noch den kirchlichen Trost der Erlösungszuversicht haben zu wollen, ist irrational und blasphemisch. Da ist es fast schon komisch, wenn die Kirche feststellt, daß da niemand mehr ist, der sich von ihr trösten lassen will.
    Der Abschnitt über die „Ehelosigkeit“ (in dem Band über die Orden) ist merkwürdig blaß und abstrakt, auch seine Begründung. Das Ganze wäre wahrscheinlich unter dem Titel Keuschheit genauer zu bestimmen gewesen, wenn dieser aus den traditionellen sexualmoralischen Konnotationen herausgelöst und in den politischen Zusammenhang des prophetischen Gebrauchs der Begriffe Hurerei und Unzucht gestellt worden wäre (zusammen mit Erinnerung an den Ursprung der Scham im Sündenfall: „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“, und der Aufnahme des Adornoschen „ersten Gebots“ der Sexualmoral: „der Ankläger hat immer Unrecht“: der Lösung der Sexualität aus dem Bann des Baums der Erkenntnis). Der zentrale Stellenwert der Sexualmoral in der christlichen Tradition ist viel weniger christlich als vielmehr ein gesellschaftliches Erbe aus der Zeit des Ursprungs der Anpassung des Christentums an die Welt (ein Erinnerungsmal an den Ursprung des Weltbegriffs selber), und damit sicherlich ein zentraler Punkt der Erinnerungsarbeit, die heute zu leisten wäre.
    Zum Gehorsam: Gehorsam kommt vom Hören und ist der eigentlich prophetische unter den evangelischen Räten; insbesondere hier, im Begriff des Gehorsams, ist das herrschaftskritische Moment, das der Prophetie und dem Hörenkönnen gemeinsam ist, endlich zu entdecken; der Gehorsam ist endlich aus dem autoritären Bann zu lösen.
    Die Umkehr, ohne die es keine Nachfolge gibt, hat nicht mehr nur eine einfache Richtung, sondern sie ist in sich selber differenziert (Verhältnis des einen zu den sieben unreinen Geistern).
    Der Hinweis (Jenseits bürgerlicher Religion, S. 13), daß die bürgerliche Religion „in der schwächlichen und unparteilichen Art, in der sie sich über alle leidvollen Gegensätze spannt, gar keine wirklichen Gegner mehr hat“, wäre zu ergänzen: außer sich selbst.
    Das Futur II gehört zu den Gründen der Welt.
    Die Differenz, die sich daraus ergibt, ob das Ja und Amen Jesu auf die Welt oder auf die göttlichen Verheißungen sich bezieht, drückt sich auch im Selbstverständnis der Theologie und in ihrem Verhältnis zur Kirche aus.
    Mir ist der Jonas, der in den Bauch des Fisches gerät, dann Ninive den Untergang ansagt und schließlich darüber enttäuscht ist, daß Ninive gerettet wird, lieber als Tobias und Tobit, die den Fisch erlegen, selber gerettet werden, aber dann mit ansehen müssen, daß Ninive zerstört wird.
    Wenn Drewermann mit einem deutlich empörten (und antisemitischen) Unterton die Psalmen „altorientalische Rachegesänge“ nennt, so vergißt er, daß wir, durch die Konstruktion der Welt, in der wir leben, selber die Rache nur noch kalt genießen. Die Rache ist längst in als Bindekraft in die Fundamente der Welt mit eingegangen: Sie ist die Sünde der Welt, die Jesus nach dem Wort des Täufers auf sich (nicht hinweg) genommen hat; und hierauf bezieht sich das Nachfolgegebot. Wie tief die Rache in der Konstruktion des Gewaltmonopols des Staates und des Rechts, das hierauf gründet, drinsteckt, wird deutlich, wenn man das Wirken der Generalbundesanwaltschaft oder des Bundeskriminalamts und auch der Staatsschutzgerichte näher betrachtet; hiermit hängt es rechtssystematisch zusammen, wenn Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist. Wenn in Deutschland der öffentliche Ankläger Staatsanwalt heißt, wenn der Staat selber sich zum Prinzip der Anklage gemacht hat, und den Staatsanwalt zu seinem Anwalt, so schirmt er sich damit nur gegen die Reflexion dieses Zusammenhangs ab und macht ihn damit umso gefährlicher: So ist er jeder Kontrolle entzogen. Als (verständliche, wenn nicht notwendige) Rache rechtfertigt sich immer noch jede Untat. In jeder Empörung steckt etwas von dieser Rechtfertigungs-, d.h. Exkulpierungsautomatik.
    Vorschlag für eine Reform des Rechts in Deutschland:
    – den Staatsanwalt wie in anderen zivilisierten Ländern öffentlichen Ankläger nennen (der Tradition der deutschen Staatsmetaphysik die Grundlage entziehen);
    – die Anerkennung der Trunkenheit als Strafmilderungsgrund gesetzlich ausschließen (und damit eine Quelle der Gewalt verstopfen).
    Der Begriff des Andern ist nicht nur systemimmanent, sondern zugleich der Systemgrund, der am Ende in der Selbstzerstörung des Systems durchschlägt (in diesen Kontext scheint der Derridasche Dekonstruktivismus zu gehören).
    Die selbstgestellte Aufgabe der Fernsehsendung „Weltspiegel“ scheint es zu sein, den Schrecken, den der Zustand der Welt heute auslöst, durch Empörung zu neutralisieren, und noch das Elend als Mittel zur Einübung des Herrendenkens zu nutzen.
    In der Xenophobie reflektiert sich die unverarbeitete Erfahrung des Gewaltmonopols des Staates in der vom Marktparadigma beherrschten Gesellschaft.
    Was J.B. Metz gelegentlich über Einstein (der ein schlechter Schüler und ein langsam Lernender war) berichtet, gehört mit zur Einsteinschen Wende.
    Die christliche Sexualmoral verwechselt die Reflexion der Blöße mit dem Aufdecken der Blöße. Die Befreiung entspringt der Reflexionsfähigkeit, die die Sexualmoral als Mittel des Urteils über andere unbrauchbar macht.
    Es gibt schon zuviel Vergangenheit, von der wir glaubten, erinnerungslos Abschied nehmen zu können, und die seitdem erinnerungslos verschollen zu sein scheint, in Wahrheit jedoch nur verdrängt ist.
    Die Geschichte des Christentums basiert auf der Verinnerlichung des Schicksals (und somit auf der Geschichte der Philosophie), und sie ist selber Teil der Geschichte der Verinnerlichung von Herrschaft (und damit eine wesentliche Ursache der Verweltlichung der Welt, die am Ende die Herrschaftsmetaphorik, die die christliche Religion historisch, im Dogma wie in seinen Institutionen geprägt hat, aufzehrt: die Geschichte der Entzauberung ist die Geschichte der Aufzehrung dieser Herrschaftsmetaphorik, der Aufzehrung des Bewußtseins der Herrschaft von sich selbst: der Erinnerungslosigkeit).

  • 14.10.92

    Nach dem Sohar sind Tohu und Bohu der Abgrund (mit der Finsternis darüber) und die Wasser (über denen der Geist Gottes brütet).
    Die Kirche ist das steinerne Herz der Welt; aber garantiert dieses steinerne Herz, daß die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen? Vgl. Ranke-Graves: Hebräische Mythologie, S. 52f.
    Adorno hat einmal festgestellt, daß Philosophie heute deshalb von den Studenten nicht mehr verstanden werde, weil sie aus jedem Satz nur noch heraushören, wofür oder wogegen er sei. Ich glaube, das drückt aufs genaueste aus, was das Bild vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen im Zusammenhang mit dem Sündenfall bezeichnet.
    Der gordische Knoten war der Knoten, mit dem das Joch an die Deichsel des Ochsenkarrens gebunden war. Was ist das Joch, und was ist die Deichsel?
    Man kommt der Sache näher, wenn man die transzendentale Logik, den transzendentalen Apparat insgesamt, als eine Gottesfurcht-Vermeidungs-Maschine begreift. Zentrale Bedeutung bei dem Versuch, das zu reflektieren, hat der Weltbegriff.
    Die Idee der Schöpfung ist eine apokalyptische Idee. Das transzendentale Subjekt muß sich über den unendlichen, tantalischen Prozeß an das unerreichbare Ende der Zeit setzen, um die Vergangenheit als Totalität und sich als Subjekt (d.h. die Welt als Deckel auf der toten, vergangenen Natur) konstituieren zu können. Das Instrument, mit dessen Hilfe das allein gelingt, ist die Mathematisierung des Raumes (die Reversibilität der Richtungen und die Orthogonalität ihrer Beziehungen); das impliziert die Vernichtung der Schöpfungsidee und hat die Konstituierung des Objekt- und Materiebegriffs zur Folge (das „Staub bist du, und zu Staub wirst du wieder werden“, zu dem gleichen Staub, den die Schlange frißt, von dem sie sich nährt: das Objekt steht in einer – durch das Ende der Zeit vermittelten – orthogonalen Beziehung zum Begriff; Orthogonalität als Kern der Urteilstheorie, Zentrum der Ontologie und der Orthodoxie, Grund der „verandernden Kraft des Seins“). Vorbild dieser ebenso verhängnisvollen wie skandalösen Erkenntnisbegründung ist die Dogmatisierung des Bekenntnisses (und ihres Kerns: die Entfaltung der Trinitätslehre, der Christologie und der Opfertheologie), die Begründung der Orthodoxie. Ist Petrus der Stein, der hier zu Staub zermahlen wird?
    Die Lauretanische Litanei wäre mal wieder neu zusammenzustellen. Erhalten bleiben würde allein Maria Magdalena (die „Büßerin“), alle anderen, vom Sanctus Karl (Marx) über Sanctus Sigmund (Freud) und Sanctus Albert (Einstein) zu den Sancti Martyres Franz (Kafka und Rosenzweig) und vom Sanctus Walter (Benjamin) zu den Sancti Max et Teddy (Horkheimer und Adorno) kämen neu hinzu.
    Wenn Nietzsche die jüdische und christliche Religion als Sklavenreligion denunziert, so hat er damit einen realen Sachverhalt sehr präzise beschrieben: die zentrale Bedeutung des Knecht-Gottes-Motivs. Aber dieses Knechtsein ist der Grund der Freiheit, dessen, was Autonomie bloß meint, nicht erreicht. Nicht zufällig läßt die Denunziation als Sklavenreligion keinen anderen Ausweg als den in die Lehre von der Ewigen Wiederkehr des Gleichen und in den Willen zur Macht. Beide zementieren den Deckel, mit dem die Vergangenheit endgültig verschlossen wird.
    Die Ängste, die die ersten Meldungen über die Greuel des Judenmords nach dem Krieg in Teilen der katholischen Bevölkerung ausgelöst haben, und die sich in Sätzen wie: „Das wird sich einmal rächen“ ausdrückte, scheinen sich heute im Zustand der katholischen Theologie in Deutschland, in der Verwirrung, der Konfliktunfähigkeit und den nicht mehr auflösbaren Problemen, zu erfüllen.
    Enthalten nicht die bei Neonazis so „beliebten“ Gräber- und Friedhofschändungen eine andere Bestätigung des franziskanischen Satzes „Unus daimon plus scit quam tu“? Schon im NT waren es die Dämonen, die ihn als erste erkannten.
    Das Problem des Lachens hängt mit dem des Bekenntnisses, und beide mit dem Realgrund der Dämonenlehre zusammen.
    Jedes Urteil partizipiert am Weltgericht: Das Sein ist der Inbegriff dieser Partizipation (Antizipation des Endes der Zeit, das das Prädikat, den Begriff, vom Objekt trennt). Die Begriffe Welt und Natur konstituieren sich zusammen mit dem des Wissens („nur Vergangenes wird gewußt“), und alle drei sind Abkömmlinge der Schicksalsidee.
    Das Sein, die Kopula im Urteil, trennt und verbindet Begriff und Gegenstand ähnlich wie die Orthogonalität die Dimensionen des Raumes, seine Beziehung zur Zeit und die Beziehung beider zur Materie. Auch die Begriffe Welt und Natur stehen in einer Art Orthogonalitätsbeziehung (wie Raum und Zeit). Erst die Naturwissenschaft, dieses System von Orthogonalitätsbedingungen (zu denen vorab das Inertialsystem und die Erhaltungssätze gehören), hat die Ontologie begründet. (Welche grammatische Funktion haben die Hilfszeitverben Sein, Werden und Haben, und welche Beziehung zu Raum und Zeit drückt sich ihnen aus?)
    Das Dogma vom Bann des Inertialsystems befreien: Das tollere (qui tollit) kann im Hinblick auf die peccata mundi als Hinwegnahme verstanden werden, wenn es futurisch, nicht als Bezeichnung einer schon abgeschlossenen Handlung, verstanden wird. Das Gleiche gilt für die Opfertheologie: Mit dem futurischen Sinn ist das Nachfolgegebot in beide mit hereinzunehmen. Unter dieser Voraussetzung wird auch die Mysterientheologie Odo Casels sinnvoll und verständlich, wenn sie nicht als Mysterium der Wiederholung einer vergangenen Handlung, sondern als Mysterium einer noch nicht abgeschlossenen, noch nicht vollendeten Handlung verstanden wird. Und das „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ kann nur unter Einschluß des Nachfolgegebots richtig verstanden werden, nicht als folgenlose Erinnerung. Denn daran kann kein Zweifel sein: Diese Welt ist nicht so, daß man auch nur mit dem geringsten Schein von Recht von ihr sagen könnte, die Schuld sei bereits von ihr hinweggenommen. Aber ohne die Hinwegnahme der Sünde der Welt ist auch die Erlösung der Menschen nicht denkbar. Darin liegt die unermeßliche Bedeutung des Täufersatzes (sowie der Gethsemanegeschichte und des Satzes „Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“).

  • 09.10.92

    Zum Begriff des Bekenntnisses (homologein): die Bedeutung „öffentlich gestehen“ ist aus dem profanen Gebrauch in die religiöse Sprache eingedrungen; die wörtliche Bedeutung ist „auf ähnliche Weise, zustimmend reden“.
    Nach dem Faschismus sollte mit dem Namen des Blutes sorgfältiger umgegangen werden. Der Name des Blutes weckt heute, nachdem jede andere außer der biologischen Bedeutung gegenstandslos geworden zu sein scheint, nur noch die Mordlust („Blut und Boden“). Nicht zufällig fällt die Entdeckung des Blutkreislaufs zusammen mit der Erfindung der doppelten Buchführung: der Entdeckung des Geldkreislaufs, und mit dem Ursprung der modernen Naturwissenschaften: der kopernikanischen Wende, der Durchsetzung der Vorstellung des unendlichen Raumes (mathematische Voraussetzung war generell die Erfindung der Null und der negativen Zahlen, die Entdeckung der Äquivalenz von Schulden und Reichtum: Preis war die universale Verdinglichung, die Selbstverdinglichung und die der anderen und der Welt). Im gleichen Zusammenhang wurde das Blut, das einmal das unverletzliche Leben, die Seele, bezeichnete, zum Realsymbol der universalen Verschuldung. Hintergrund war die christliche Opfertheologie und in ihr ein Sühnebegriff, der den mythisch verdinglichten Blutbegriff (die Umkehrung des biblischen Namens des Blutes) zur Grundlage hatte. Der Blutschweiß Jesu in Gethsemane erinnert nicht zufällig an den Schweiß des Angesichts im Fluch über Adam. Verständlich wird dieser insgesamt vielleicht ambivalenteste Zusammenhang erst, wenn es gelingt, den Sühnebegriff zu entmythisieren (Blut als Innenseite des Angesichts, dessen Erscheinung ohne die Zerstörung des Angesichts nicht zu denken ist: deshalb weckt der Name des Bluts heute nur noch die Mordlust, seine Erkenntnis hingegen den Heiligen Geist – vgl. 1 Joh 56ff: „Drei sind es, die Zeugnis ablegen …“).
    Hat Adorno nicht einmal darauf hingewiesen, daß das Hakenkreuz an das zerschlagene Antlitz erinnert?
    Ist der Blutkreislauf nicht in ähnlicher Weise ein Realsymbol der universalen Verschuldung wie das sinnlose Kreisen der Planeten seit Kopernikus, und hängt es nicht zusammen mit den inneren Systemprinzipien des Schuldzusammenhangs, dem Inertialsystem und der Subsumtion der Arbeit unters Tauschprinzip, denen in der Theologie der Opfer- und der Sühnebegriff entspricht?
    Ist das Blutvergießen eines der Konstituentien des Weltbegriffs und zugleich die Sünde wider den Heiligen Geist? Und gilt dieser Zusammenhang auch für das symbolische Blutvergießen im vergegenständlichten und instrumentalisierten Dogma, und in dessen Konstituentien in Opfer- und Sühnetheologie?
    Keuschheit wäre Arglosigkeit, Gehorsam Prophetie und Armut Weltkritik, Verzicht aufs Dogma.
    Ist das „Lamm Gottes“, das nur beim Johannes dem Täufer (im Johannes-Evangelium) vorkommt, eine Verbindung des Lammes mit dem Knecht Gottes?
    In welcher Beziehung steht das Nichts, aus dem der philosophischen Theologie zufolge Gott die Welt erschaffen hat, zur Null, dem die Äquivalenz von positiven und negativen Zahlen, von Links und Rechts, sowie die Äquivalenz von Schulden und Reichtum sich verdanken. Notwendig wäre eine Theorie dieser Null, deren Erfindung eine der folgenreichsten Erfindungen in der Geschichte der Menschheit war; diese Erfindung hängt zusammen mit der Erfindung des Rades, übertrifft sie aber noch. Mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit beginnt die Erkundung des Hohlraums in der Null.
    Hängen Komma, Nebensatz, Partizip mit der Dreidimensionalität des Raumes zusammen, mit der Fähigkeit zur Reflexion, mit der Fähigkeit, um die Ecke zu denken? Vgl. Rosenzweigs Rabbenu.
    Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden: Ist dieser Eckstein nicht das Bild des Nullpunkts, des Zentrums eines Koordinatensystems?
    Ist das Nichts in der auf die Welt bezogenen theologischen Schöpfungslehre nicht der Repräsentant der verdrängten Schuld und der Ursprungspunkt des Naturbegriffs?
    Die Vorstellung, daß Gott die Welt aus Nichts erschaffen hat, deckt zwei Sachverhalte ab:
    – daß Gott den Verdinglichungsmechanismus, die transzendentale Logik erschaffen hat, die uns die Erkenntnis versperren, und
    – daß, woraus dieser Verdinglichungsmechanismus entstanden ist, der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, ein Nichts ist, um das man sich nicht zu kümmern braucht.
    Mit dieser Vorstellung ist die Sünde wider den Heiligen Geist in der Theologie installiert worden.
    Ist nicht die Sünde des Ham die Sünde der Medien in Deutschland heute: die Aufdeckung der Blöße.
    Der jüdische Aspekt des Teufels ist der des Anklägers (Satan), der griechische der des Verwirrers (diabolos) und des Zuteilers (daimon). Jesus besteht die Versuchung durch den Verwirrer und hat von daher die Kraft, die Dämonen auszutreiben. Im Bestehen der Versuchung hat Jesus das Lachen verlernt. Nachdem die Kirche der Versuchung nicht standgehalten hat, hat sie die Kraft verloren, die Dämonen auszutreiben. Die vergeblichen Versuche (im Exorzismus) waren umso böser.
    Der Weltbegriff ist der Witz, in dem die Lachenden übersehen, daß sie selber die Objekte ihres eigenen Lachens sind. In der Übersetzung des tollere (in Joh 129) drückt sich die Differenz ums Ganze aus.
    Ist das unschuldige Blut, dessen Vergießen Jesus beklagt, das Blut der Unschuld?
    Die Nachricht ist das Gericht post mortem, mit dem wir unterm Zwang der Logik des Weltbegriffs die Aktualität überziehen und in „Zeitgeschichte“ verwandeln (zur Vermeidung der Auferstehung aller Toten). Die Welt ist die Betonplatte auf den Gräbern und der Grund der Angst Jesu im Garten Gethsemane.

  • 07.10.92

    Zu den sieben Siegeln der Apokalypse: Welche Funktion hatten in jener Zeit die Siegel (Zeichen der Teilhabe an der Macht des Königs, persönliche Bekräftigung der Geltung eines Vertrages, eines Dokuments), lag sie nicht zwischen Unterschrift und Personalausweis? In welcher Beziehung standen sie zum Eigennamen? Haben die Öffnung (das Brechen) des Siegels und die Lösung eines Knotens (eines Problems, eines Rätsels) etwas miteinander zu tun? Ist nicht der Begriff des Begriffs und sind die damit zusammenhängenden, davon abgeleiteten Begriffe wie Raum und Zeit, Welt, Natur, Materie, Person, Bekenntnis nicht alle Siegel (die die Wahrheit versiegeln)?
    Es gibt keine Erklärung der Gemeinheit ohne Zuhilfenahme der Antisemitismus-Analyse.
    Ist nicht auch das Marquardtsche Votum für Israel, das Leute wie Micha Brumlik und Edna Brocke so anspricht, zwar wahr, aber zugleich konkretistisch entstellt (etwas, woran man sich halten kann)?
    Ich bin garnicht so ganz sicher, ob die Natur die Menschen überlebt, ob das nicht ein Schein ist, den die Natur selber erzeugt (der gleiche Schein, aus dem in der Hegelschen Logik das Wesen hervorgeht). Welt und Natur sind Momente in der Generationenbeziehung, sind Momente im Kontext der Genealogien (auch der Schöpfungsbericht gehört zu den toledot). Das auf eine Formel gebracht zu haben, ist die Bedeutung der Trinitätslehre. In ihrer dogmatischen Gestalt ist die Trinitätslehre das Siegel, mit dem die Schöpfung zu Welt und Natur verschlossen wurden. Von innen begriffen, und d.h. von ihrer dogmatischen Umhüllung befreit, wäre die Trinitätslehre der Beginn des Kommens der zukünftigen Welt.
    Die jüdische Mystik, die Kabbalah, ist Schöpfungsmystik, die christliche müßte Auferstehungsmystik sein.
    Israel ist der Augapfel Gottes, Teil seines Angesichts, sein verletzlichstes Teil. Aber die Kirche bewacht und hütet das versteinerte Herz der Welt.
    Die Patriarchen: Marx, Freud und Einstein; die Sühne Jakobs: Cohen, Rosenzweig, Lukacz, Bloch, Benjamin, Scholem, Horkheimer, Adorno, Kafka, Kraus, Schönberg (wer fehlt noch?).
    Die Instrumentalisierung des Opfers in der christlichen Opfertheologie, die Verdrängung der Täufer-Theologie (durch die falsche Übersetzung des tollere): der Versuch, die Wunde ohne den Schmerz zu haben, Ursprung der Anästhesie.
    Die subjektiven Formen der Anschauung, Raum und Zeit, sind Abkömmlinge und Repräsentanten der invisible hand in unserem eigenen Innern. Die Umkehrbarkeit der Richtungen im Raum gehört zu den Prämissen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis, die dann aber am Ende zu Protest gehen, nämlich mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit. Und das Licht, das Werk des ersten Schöpfungstages, ist auch die erste Manifestation der Umkehr und der Beginn der Erschaffung des Angesichts, das am sechsten Tage mit dem Menschen im Bilde Gottes, als sein Ebenbild, als Mann und Frau erschaffen wird.
    Die Naturwissenschaft gehorcht dem Prinzip des Von allen Seiten hinter dem Rücken, sie ist der Inbegriff der Ausweglosigkeit.

  • 21.09.92

    Sind die Reflexionen des Johannes Scottus Eriugena über den Raum, seine Beziehungen zum Begriff und zum Denken (vgl. Über die Einteilung der Natur, S. 60ff, insbes. S. 63) je eingeholt worden?
    Wer sind die Hebräer, wer ist Pharao, wer ist Kephas/Petrus?
    Der Tag ist das am ersten Tag geschaffene Licht, die Nacht die Finsternis über dem Abgrund.
    Der Staat ist der Schöpfer der Welt, aber das einzelne Menschenantlitz rührt (als das Ebenbild ihres Schöpfers) an das Geheimnis der Erschaffung von Himmel und Erde. Nur: dieses Antlitz ist es nur als Antlitz des Anderen.
    Die humanisierende Wirkung der Dichtung (allgemein der Kunst) beruhrt darauf, daß ihr Gott es gab, zu sagen, was sie leidet; aber alle Kunsttheorie verhält sich zu diesem Leiden wie die Opfertheologie zum Kreuz. Sie macht daraus einen Kunstschatz, der uns zum folgenlosen Genuß zur Verfügung steht.
    666 ist die Summe aller Zahlen von eins bis zur Summe aller Zahlen von eins bis acht.
    Verhält sich das Plancksche Strahlungsgesetz zur Minkowskischen Raumzeit (zu dem durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit berichtigten Inertialsystem) wie das Energie-Erhaltungsgesetz zum Inertialsystem? Und ist das Strahlungsgesetz und in ihm das Plancksche Wirkungsquantum gleichsam eine Orthogonalitätsbedingung des durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit berichtigten Inertialsystems? Ist das Tor, das Einstein geöffnet hat, dem Planck aufs Haupt gefallen?
    Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit bezeichnet die Spur jenes Zerstörungsprozesses, als welcher sich das Inertialsystem im Anblick des Werks des ersten Tages (und schließlich des biblischen Schöpfungsberichts überhaupt) erweist. Mit dem Licht (dem Werk des ersten Tages) aber wurde auch die benennende Kraft der Sprache zerstört.
    Statistische Erhebungen im Bereich der Meinungsforschung gehen von der Prämisse aus, daß die Welt sich auf die Köpfe der Menschen wie das Inertialsystem auf die Objekte der thermischen Bewegung auswirkt.
    Die Verwechslung, der der Name des Logos im Begriff des Logozentrismus unterliegt, ist leicht kenntlich zu machen, wenn man den Namen des Logos in Beziehung setzt zum Begriff der Übernahme der Sünde der Welt. Der Logozentrismus konstituiert sich in der Leugnung des Logos, der sich in der Reflexion der Schuld konstituiert und nicht in ihrer Nutzung und Verwertung (wie der Logozentrismus).
    Wenn die Welt der Inbegriff aller Prädikate, Natur der Inbegriff aller Objekte ist, die Beziehung von Prädikat (Begriff) und Objekt die des Schicksals zu seinen Objekten nachbildet (weil sie aus der Verinnerlichung des Schicksals hervorgeht), dann verhalten sich Welt und Natur wie das Schicksal zu seinen Objekten, oder wie der Mythos zur mythischen Welt. Kritik des Weltbegriffs ist ohne Kritik des Schicksalsbegriffs, und beide sind ohne den Begriff der Offenbarung nicht möglich. So hängt die Übernahme der Sünde der Welt mit dem neutestamentlichen Offenbarungsbegriff, der insoweit in der Traditionslinie des jüdischen liegt, zusammen.
    Der Rankesche Satz, jede Epoche sei unmittelbar zu Gott, ist nur zu halten im Kontext der Idee der Auferstehung der Toten; das aber schließt mit ein, daß das Rankesche Erkenntnisprinzip, zu erkennen, wie es denn eigentlich gewesen sei, durch Karl Thiemes Hinweis, nicht auf das Wie, sondern auf das Was komme es an, zu korrigieren ist. Das Wie geht auf die Funktions- und Herrschaftszusammenhänge, das Was (das Wesen) geht auf das Korrelat der benennenden Kraft der Sprache. In der Geschichte der Philosophie wurde dieses Was im Namen der essentia, des Wesens, erinnert; aber dieses Wesen verschwindet spätestens mit Kant, Hegel kann es nur noch unter Zuhilfenahme seiner List der Vernunft über den Begriff des Scheins retten (ein blinder Fleck, den alle Hegelianer, geschluckt haben; nur Adorno hat ihn mit seiner Ästhetik abzuarbeiten versucht). Notwendig wäre eine Kritik des Scheins, die insbesondere seine Beziehung zum Wesen neu bestimmt. Das Wesen aus lauter Schein: in Heideggers Eigentlichkeit, das mit der Uneigentlichkeit bloß noch identisch ist, manifestiert es sich auf deutlichste. In dieser Eigentlichkeit wendet sich die Rücksichtslosigkeit des Scheins (das Vorlaufen in den Tod und die Entschlossenheit) gegen sich selbst, „ereignet“ sich die Selbstdestruktion des Scheins (und seines Leibnizschen Vorläufers, der fensterlosen Monade). Der Schein war Inbegriff jener Unfähigkeit zur Reflexion, deren Grund in der Prophetie mit dem Votum für die Armen und die Fremden einmal gelegt worden ist.

  • 16.09.92

    Mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit wird dem kantischen Objektbegriff, der an die subjektiven Formen der Anschauung gebunden ist, die Grundlage entzogen.
    Verhalten sich die Sterne zum Licht wie die Schrift zur Sprache? Zwischen den Sternen (des dritten Tags) und dem Licht (des ersten Tags) steht das Firmament des Himmels (das am zweiten Tag die Wasser oberhalb von den Wassern unterhalb scheidet).
    Verweist nicht das Zitat von Oppenheim und die Bemerkung Goodys dazu (vgl. Jack Goody: Die Logik der Schrift und die Organisation von Gesellschaft, Ffm. 1990, S. 82) auf den durchweg literarischen (d.h. künstlichen) Charakter der sumerischen Sprache: den künstlich geschaffenen (oder aus Ökonomie- und Verwaltungsgründen erzeugten) Sprachgrund der Idolatrie, des Sternen-und Opferdienstes? (vgl. auch S. 103)
    Zum Thales: Dem verdrängten Weinen (Männer weinen nicht) erscheint das Wasser als der gegenständliche Urgrund von allem. Trägt nicht die Philosophie seitdem Psychose-ähnliche Züge? Und wenn Adorno darauf hinweist, daß die Welt sich immer mehr der Paranoia angleicht, die sie doch zugleich falsch abbildet, so ist das auch ein Urteil über die Philosophie. Grund ist die Unentrinnbarkeit der mathematischen Raumvorstellung (und der damit verbundenen Bindung des Denkens an die intentio recta). Das verdrängte Weinen ist nur ein anderer Ausdruck für die verdrängte Schuld (den verdrängten Mythos), aus der das philosophische Denken nur mühsam sich erhebt, indem es dessen vergegenständlichende Macht (die Gewalt der Schicksalsidee) sich zu eigen macht. Die Tränen erinnern mimetisch an das Wasser, das tiefste Symbol der Schuld (des Mythos), das in diesem Bedeutungszusammenhang auch im biblischen Schöpfungsbericht seine genaue Stelle gefunden hat.
    Welche Bedeutung haben dann die „großen Seeungeheuer“, die Fische und das „Tier aus dem Wasser“? Und zum Buche Tobit: Haben die sieben in der Brautnacht der Sara gestorbenen Männer etwas mit den sieben Nächten der Schöpfungsgeschichte (und mit den sieben unreinen Geistern der Maria Magdalena) zu tun. Aus dem gleichen Fisch, aus dem das Mittel zur Vertreibung des Dämons Asmodai stammt, wird auch das Mittel zur Heilung des Tobias (der gegen den Willen des Königs die Toten beerdigt) von seiner Blindheit gewonnen.
    Ähnlich wie bei der Erweckung des Lazarus das Gleichnis vom armen Lazarus als Erklärungshilfe hinzugezogen werden muß, muß bei Maria Magdalena und ihrer Befreiung von den sieben unreinen Geistern das andere Gleichnis mit den sieben unreinen Geistern mit hinzugezogen werden. (Ist Maria Magdalena die Magd des Hohepriesters in der Geschichte von den drei Leugnungen – nach Hinzuziehung des Hebräerbriefes?)
    Nichts Vergangenes ist wirklich vergangen: So lebt die Blutrache auch nach Abschaffung der Todesstrafe im Recht noch fort.
    Die Sünde der Welt ist die Sünde des Mords: Das Opfer ist die Natur. So hängen Welt- und Naturbegriff zusammen.
    Paulus war entrückt in den dritten Himmel: Heißt das, daß er (und seine Theologie) seine Inspiration von den „Herrschaften“ und „Mächten“ hat? Paulus war beteiligt an der Tötung des Erzmärtyrers Stephanus („Krone“). Wie lautete das durchs Martyrium besiegelte Bekenntnis des Stephanus: „Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen“ (Apg. 756)?

  • 13.09.92

    Wenn die Schlange „auf dem Bauche kriecht“, drückt sich darin nicht auch ein Verhältnis zu den Herrschenden, zu den Vornehmen, aus? Steckt darin nicht die Anerkennung hierarchischer Ordnungen? Stehen nicht aller Tiere unter Herrschaftsnarkose? Und ist die Schlange deshalb „das klügste aller Tiere“, weil sie die vollständige Unterwerfung repräsentiert?
    Der biblische Begriff der Umkehr ist nur verständlich im Kontext der Idee der Auferstehung der Toten. In diesem Zusammenhang nochmal nachlesen, in welchem Kontext die Umkehr von Mensch Welt Gott im „Stern“ sich begreift.
    Natur- und Weltbegriff sind Totalitätsbegriffe, die unsere Erfahrung organisieren. Der Naturbegriff usurpiert den Schöpfungsbegriff und leugnet die Idee der Auferstehung der Toten; der Weltbegriff usurpiert das Jüngste Gericht und leugnet die Idee der Schöpfung. Die ungeheure Bedeutung des paulinischen „Kauft die Zeit aus“. Durch den unreflektierten Gebrauch der Begriffe Welt und Natur werden die Schöpfung und die Idee der Auferstehung aus dem Bereich des Denkbaren ausgeschlossen. Aber ohne die Idee der Auferstehung der Toten ist auch die der Wahrheit nicht mehr denkbar.
    Starke und schwache Verben: Gesonnen und gesinnt. Hängt die Unterscheidung mit der von Name und Begriff zusammen, drückt darin ein Unterschied der Beziehung zum Objekt sich aus? (Der Duden ebnet die Differenz ein, indem er schwache Verben, nur weil auch ein Vokal sich ändert, mit zu den starken (= „unregelmäßigen“) Verben rechnet; vgl. insbesondere die sogenannten Modalverben, die „Präteritopräsentia“:
    – dürfen: es ist mir erlaubt,
    – können: die Kräfte, die Mittel reichen aus,
    – mögen: es kommt meiner Neigung entgegen,
    – müssen: ich bin gezwungen,
    – sollen: es wird von mir erwartet,
    – wollen: ich verspreche zu tun,
    – wissen: ich unterwerfe meine Erfahrung den Kriterien der Beweisbarkeit, oder: ich unterwerfe mich der Kontrolle der Anderen (die mich zum Anderen für Andere macht; Katalysator ist der Begriff des Seins, die „verandernde Kraft des Seins“);
    sie binden den transzendentalen Apparat an seinen Naturgrund im Subjekt zurück, geben ihn selber als ein Stück gegenständlicher Natur vor und repräsentieren die Formen der Bedienung, des Gebrauchs dieses Apparats, (den subjektiven Grund der „Tatsachen“); sh. Duden, Ziffer 216: sind das nicht Entfremdungs- oder Vergesellschaftungsverben, Verben, die die Subjektlosigkeit des Subjekts bezeichnen, gleichsam Repräsentanten der Welt oder der Natur, einer Autorität, des Schicksals, des Triebs, des Verstandes oder des Willens im Subjekt: Produkt des begrifflichen Banns, der Zerstörung des Angesichts, und Schuldgrenze zur Welt?).
    Die Präteritopräsentia: Setzt sich mit ihnen das Subjekt (anstelle der Tat) als vergangen, daher ihre grammatische Konstruktion? Sind sie die subjektiven Reflexionskategorien des Weltgeistes, gemeinsam mit dem Weltbegriff entspringende Reflexionsbestimmungen?
    Durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit wird die unmittelbare Präsenz des gesehenen Objekt rekonstruiert; durch die Projektion ins Inertialsystem hingegen wird so etwas wie eine Präteritopräsenz hergestellt. Entsprechen dem in der Sprache die Modalverben?
    Transzendentallogischer Zusammenhang von Welt, Wissen und Natur mit der subjektiven Form der äußeren Anschauung (dem Raum und seiner Dreidimensionalität)?
    Ist der Konjunktiv (der heute ausgetrieben wird) die letzte Zufluchtsstätte des Subjekts in der Sprache?
    Wie hängt das Nomen „Würde“ mit dem Konjunktiv des Verbs „Werden“ zusammen (ähnlich wie der Infinitiv Sein mit dem gleichnamigen Possessivpronomen 3. Person Singular masculinum)?
    „Die Würde des Menschen ist unantastbar“: Dieser Satz ist eine Tautologie und als solche schlicht nichtssagend: sie fällt nicht unter den Begriff der antastbaren Objekte, oder: auch die schlimmsten Verhältnisse (z.B. die Isolationshaft) lassen die Würde des Menschen unberührt. Der Satz soll aber offensichtlich den Eindruck erwecken, als solle damit die Maxime definiert werden, wonach die Würde des Menschen nicht angetastet werden darf. Dann jedoch dürfte es bestimte Urteile und auch Formen des Strafvollzugs, die zu oft den Satz bestätigen, daß Gemeinheit kein Tatbestand des Strafrechts ist, nicht geben.
    Gemeinheit als Erziehungsmedium: Heißt nicht für unsere Justiz Resozialisierung die Austreibung des Mitleids, die Fixierung ans Eigeninteresse? Das aber ist der Grund der Rückfallmechanik. So gerät unser Rechtswesen immer mehr in eine Verfassung, in der sie nur noch ihre eigene Existenzgrundlage: das Verbrechen, reproduziert.
    Wenn ich einen Imperativ durch einen Indikativ ersetze, dann verwandle ich ein Sollen in ein Sein, eine moralische Handlung in ein schicksalhaft ablaufendes Geschehen: ich verrate die Moral, um die Philosophie zu retten.
    Der Grundstein des babylonischen Turms ist das Sein, die Ontologie das dynamische Zentrum der Sprachverwirrung. Mit dem Namen des Seins zitiere ich Gewalt, den Ursprung des Gewaltmonopols des Staates. Aber insoweit ist auch die raf eine ontologische Sekte.
    Es ist eine Verharmlosung, den Nationalsozialismus nur als Rassismus zu verurteilen; so reduziert man ihn auf ein Bekenntnissystem, auf eine Konfession, und verbleibt im Bann der Logik, der er entspringt. Im Banne dieser Logik sind der Antisemitismus und die Trinitätslehre als Bekenntnisse gleichwertig und austauschbar. Zu verstehen ist er nur als Generalprobe des Antichrist.
    Die Frage, ob zwar nicht Jesus, wohl aber das Christentum den Teufel mit Beelzebub austreibt (vgl. die Geschichte mit den sieben unreinen Geistern), ist vielleicht doch sehr ernst zu nehmen. Und ebenso die Pharisäer, Schriftgelehrten und Hohepriester, m.a.W. die, die Johannes „die Juden“ nennt, werden vom Grunde her mißverstanden, wenn man sie nur als historische Exemplare einer vergangenen und überwundenen Epoche ansieht: Gemeint ist die Kirche (mit ihren real existierenden Pharisäern, Schriftgelehrten und Hohepriestern).
    Wäre der Islam nicht verständlicher, wenn es stimmt, daß die Sprache des Koran, das Arabische, kein Futur kennt? Das islamische Schöpfungskonzept, wonach Allah in jedem Augenblick die Welt neu erschafft, schließt jede Zukunftsgarantie aus, setzt das Geschaffene der vollen Schöpfungsmacht eines Gottes aus, dessen Pläne undurchschaubar sind, und begründet ein Lebensgefühl, in dem der Zufall zentral ist (wie es dann auch im Namen des „Islam“ sich ausdrückt: Im Christentum ist der Zufall eine zu enträtselnde Chiffre der göttlichen Vorsehung, im Islam eine nur durch Unterwerfung zu ertragende Manifestation der göttlichen Schöpfungsmacht).
    Die Materie ist das Für-andere-Sein der Dinge; insofern hängt der Begriff der Materie mit der Geschichte der Sexualmoral und mit der ihres Objekts zusammen.
    In der Kirchengeschichte hat es zwei pornographische Epochen gegeben: die pornokratische Phase der Papstgeschichte und die kasuistische Phase der Moraltheologie. Beide Phasen sind Phasen der Herrschaftsgeschichte (die erste unmittelbar, die zweite als Teil der Vergesellschaftung von Herrschaft). Beide sind Ausdruck der Verzweiflung an der Theologie. Die befreite Sexualmoral wird eine sein, die als Herrschaftsmittel gänzlich unbrauchbar geworden ist, weil sie sich im Hinblick auf die Idee der Auferstehung begreift. „Stark wie der Tod ist die Liebe“.
    Adornos Satz: „Die Deutung von Geist als Gesellschaft erscheint demnach als metabasis eis allo genos, unvereinbar mit dem Sinn der Hegelschen Philosophie allein schon darum, weil sie sich gegen die Maxime immanenter Kritik verfehle …“ (Drei Studien zu Hegel, S. 31) wäre zu berichtigen: Die Deutung von Geist als Gesellschaft läßt sich aus der Hegelschen Logik entwickeln, aus dem Satz: „Das Eine ist das Andere des Anderen.“ Dieses Für-andere-Sein steckt im Innern des Geistes als dessen gesellschaftliches Wesen drin und ist der materialistische Analyse und Interpretation fähig.
    Benjamins Satz: „Glücklich ist, wer seiner selbst ohne Schrecken inne wird“ enthält die Konsequenz, daß die Idee des Glücks die -nicht durch Rechtfertigungszwänge blockierte – volle Erinnerung der Vergangenheit (oder die Übernahme der Sünde der Welt) und die Idee der Auferstehung der Toten mit einschließt. (Vgl. hierzu das Bild der Lokomotive: diese Lokomotive kann nicht gestoppt, sondern nur aufgelöst werden; sie ist ein Phantom, aber ein reales.)
    Wenn Maria als Mittlerin aller Gnaden angesprochen wird, dann kann das eigentlich nur im Sinne des Liedes „Christi Mutter stand mit Schmerzen …“ verstanden werden. Gefährlich wird die Marienverehrung nur im Kontext der Mutterideologie, der schon in der Geschichte von der Hochzeit zu Kana die Grundlage entzogen wurde, als Jesus sagte: „Weib, was habe ich mit dir zu schaffen“, worauf Maria nicht ihm antwortete, sondern (in einer Form, die den Eindruck erweckt, sie habe ihn verstanden) die Diener der Gastgeber anweist: „Tut alles, was er euch sagt“.
    Die Geschichte der Zivilisation ist die Geschichte der Verinnerlichung des Opfers: Das wäre aufzuarbeiten anhand der Geschichte des Naturbegriffs.
    Heidegger hat die Moral verraten, um die Philosophie zu retten.
    Es gibt Gerüche, die Erinnerungen wachrufen; es gibt aber auch Gerüche, die Verdrängungshilfe leisten.

  • 07.09.92

    Die Welt ist alles, was der Fall ist: Das Urteil wird gefällt, und das Objekt fällt unter den Begriff.
    Gibt es einen etymologischen Zusammenhang zwischen dem Possessivpronomen 3. Person Singular und dem „Sein“ (wie zwischen dem „Mein“, der Meinung, der Gemeinheit und dem Allgemeinen)? Ist das nicht Hintergrund der Begriffe Welt und Wissen (in beiden ist das Mein der Anderen: das Sein, als Seins- und Begriffsgrund mit enthalten) sowie Grundlage des Naturbegriffs?
    Ist der deutsche Artikel gebildet aus den Personalpronomina 3. Person Singular in Verbindung dem der 2. Person: Der = Du-er, Die = Du-sie, Das = Du-es?
    Das Symbolum enthielt noch die Erinnerung an die Trennung der Wasser oberhalb und unterhalb des Firmaments. Im Bekenntnis wird diese Trennung verdrängt und vergessen, setzt sich die Subjektivität durch, die so überhaupt erst sich bildet, indem sie versucht, Herr über ihren Teil des Symbolums zu werden (Änderung des Sakramentsbegriffs). Im Bekenntnis wird das Subjekt Herr und Nutznießer des Opfers, verdrängt es die Gottesfurcht.
    Wenn sich im Wort vom Binden und Lösen das Lösen auf das „er weinte bitterlich“ bezieht, bezieht sich dann nicht das Binden auf die Geschichte der drei Leugnungen? Ist das Verfahren des Hahns (sein Krähen) in der Regel der correctio fraterna beschrieben (und sein Versagen vorausgesagt)?
    Hängt die Feste des Himmels, die die Wasser oberhalb von denen unterhalb trennt, mit dem Ich zusammen? Sind die subjektiven Formen der Anschauung gleichsam der subjektive Rest dieses Zusammenhangs, seine Spur im Ich? Und ist der Regenbogen nach der Sintflut der gegenständliche Repräsentant eines Ich, das sich durchs Fleischfressen (durch den Schrecken der Tiere) und durch Einbindung in hierarchische und durch Gewalt geprägte Gesellschaftsstrukturen bestimmt?
    Durch den Objektbegriff wurde die Vernunft in Isolationshaft gesetzt (transzendentale Ästhetik und Logik). Die Hegelsche Philosophie (Konsequenz hieraus) beschreibt aufs genaueste dieses Gefängnis, zu dem die Welt das Urteil spricht. Hierbei ist jedoch daran zu erinnern, daß ein Häftling die genaueste Kenntnis seines Gefängnisses beim Ausbruchsversuch erwirbt.
    Liegt nicht die Ambivalenz des messianischen Anspruchs Jesu in dem Wort „Ich bin’s“?
    Wenn die Feste des Himmels mit dem Ich zusammenhängt, haben dann die paulinischen Archonten etwas mit den sieben unreinen Geistern zu tun?
    Gehört die Trennung von Turm und König zu den Bedingungen des Ursprungs der Schrift und insofern zu den Ursachen der Verwirrung der Sprache?
    Die Sünde der Welt auf sich nehmen heißt begreifen, daß ich Anteil an der Auferstehung nur gewinnen kann durch die Hoffnung, die ich nur für andere hegen darf, hindurch. Und nur für andere, das heißt auch: für die Toten.
    Das Faktum des Todes hängt mit dem Faktum des Weltbegriffs, d.h. mit der Entfremdung des Denkens und des Dings, mit dem Begriff, der die Dinge von allen hinter ihrem Rücken begreift: mit der Vollendung der verinnerlichten Schicksalsidee im Prozeß der Aufklärung selber, zusammen. Wer die Partei der Welt ergreift, sich dem Gebot der Übernahme der Sünde der Welt entzieht, ergreift die Partei des Todes (vgl. Heideggers „Vorlaufen in den Tod“).
    Ist das Sumerische die Wasserscheide, die die indogermanischen Sprachen von den semitischen trennt (Turmbau zu Babel)?
    Problem des Sanskrit: Mit welchen gesellschaftlichen und religiösen Institutionen hängt diese Sprache zusammen? (Vgl. Rosenzweigs Konstruktion der indischen Abstraktionsgestalt des Mythos.)
    Das Produkt der Universalisierung der Welt ist die transzendentale Logik, die als Sprengung jeglicher Gestalt auch die griechische Kosmosidee sprengt (und zugleich das Außen-Innen-Paradigma begründet). Die Spenglersche Idee, daß die Stelle, die im griechischen Bereich die Götter- (und Heroen-)Statue einnimmt, in der modernen Welt durch die Musik besetzt ist, verweist genau auf diesen Zusammenhang.
    Drei Konsequenzen aus dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit:
    – die objektive Präsenz des sinnlichen Objekts im Licht,
    – die Richtungsabhängigkeit des Zeitmaßes und vor allem:
    – die Einheit der Zeit, die Konzeption des Raumes als Form der Gleichzeitigkeit, erweist sich als der Schock, der den Dingen erteilt wird und sie zu physikalischen Objekten überhaupt erst macht. Dieser Schock gründet in der mathematisch bedingten Trennung von Raum und Zeit, in der Konstituierung der Vorstellung einer homogenen Zeit.
    Wer den Witz erzählt, darf selbst nicht lachen (das gehört mit zur Technik des Unterlaufens der Geistesgegenwart, das die Wirkung des Witzes überhaupt erst ermöglicht); aber alle, die dann lachen, machen sich mit dem Witzeerzähler gegen das Objekt des Witzes gemein. Es sei denn, man lacht nicht mit und versucht (geistesgegenwärtig), den Trick zu durchschauen (der in der Verletzung des Gebots der Übernahme der Sünde der Welt liegt). Aber heißt das nicht auch, daß bisher die Christen mit der Konstruktion der Opfertheologie nur mitgelacht haben über das Opfer, anstatt Gethsemane zu begreifen? Das Christentum heute ist das zwangshaft schallende Gelächter, das das Wort Gottes übertönt. (Unterscheidet sich der jüdische Witz vom christlichen nicht durch das verzweifelte Bemühen, den Christen endlich die Technik des Witzes, den Trick, klarzumachen, indem es die Partei der Opfer ergreift? Hier ist der Erzähler selber zugleich das Objekt.)
    Im Witz ersetzt die Pointe den Beweis. Wo liegt die Pointe der Naturwissenschaften? Wer sie findet, kennt den Grund aller Pointen.

  • 01.09.92

    Im Futur II verletzt die Sprache das Bilderverbot (oder sie transzendiert es, wie im Christentum).
    Haben Natur und Welt etwas mit dem Ja und Nein bei Rosenzweig, in der Konstruktion des „Stern der Erlösung“, zu tun? Dann wäre das Nein die Welt?
    Der Naturbegriff ist nach dem Verfahren der Rosenzweigschen Konstruktion nur durch die Umkehr hindurch auf die Theologie zu beziehen. Und die Rezeption des Naturbegriffs in der dogmatischen Theologie war der Sündenfall, oder zumindest ein Indiz des Sündenfalls der Theologie.
    Rousseau, der dem modernen Naturbegriff die Bahn freigemacht hat, hat zugleich seine Funktion kenntlich gemacht: Die Parole „Zurück zur Natur“ war motiviert und begründet im Zusammenhang der Flucht vor den Zwängen und Pflichten der Welt, dem Versinken in den Schuldzusammenhang. Genau darin lag die Verführungskraft der Rousseauschen Parole (und des Naturbegriffs seitdem).
    Merkwürdige Parallele zwischen den drei Verleugnungen und den drei Stufen der correctio fraternae, der „brüderlichen Zurechtweisung“. Relativiert oder widerlegt nicht gar die Geschichte der drei Verleugnungen die Regel der correctio fraternae?
    Die drei Verleugnungen (ihre objektive Strukturfolge) in der Geschichte der Schrift nachweisen (Kanon, Reflexion, „Sekundärliteratur“ als Ersatz der Kritik). Die Sekundärliteratur zerstört die Literatur (die Schrift) von innen; und diese Selbstzerstörung hat auch noch ihr Referenzfeld (in der Geschichte der Naturwissenschaften) und ihre Geschichte (und diese hat – im deutschen Idealismus – die kanonische Gestalt ihrer Selbstreflexion).
    Die zweite Stufe der Verleugnungen, das ist die des Zuschauers, der die Dinge von der Seite (oder von hinten) betrachtet (die Stufe der moralischen Neutralisierung des Subjekts durch die „Theorie“). Die dritte Stufe ist die des barbarischen Umschlags des Zuschauens von außen nach innen, Ursprung des barbarischen Innen. „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“: Hier lernten sie es, sich in den Augen der Anderen (der Zuschauer) zu sehen, und das ist wohl immer noch der schwierigste Punkt im „Sozialisationsprozeß“ (Ursprung des Weltbegriffs und der Scham, deren Geschichte in die des Weltbegriffs verflochten ist). Hegels Satz „Das Eine ist das Andere des Anderen“ ist ein spätes Echo des biblischen Satzes „Und sie erkannten, daß sie nackt waren“.
    Die Konstituierung des Bewußtseins einer (quasiräumlichen) homogenen Zeit, die grundsätzlich mit dem Erwachen des historischen Bewußtseins, endgültig aber erst mit der Konstituierung des Inertialsystems sich durchsetzt, verdankt sich dieser „Seitenansicht“ der Dinge; historisch fällt sie zusammen mit den kosmologischen (astronomischen) Konzepten der Antike und der Moderne.
    Der Begriff der trägen Masse konstituiert sich in der gleichen Bewegung, in der auch die Fallgesetze und die endliche Ausbreitungsgeschwindigkeit des Lichts entdeckt werden.
    Der Begriff der Materie konstituiert sich im Kontext der „Seitenansicht“ der Zeit.
    Die Ableitung der Mikrostruktur der Materie aus dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit müßte bis zu dem Punkt möglich sein, an dem der Nachweis sich führen läßt, ob die mathematische Ableitung der mikrophysikalischen Naturkonstanten (Plancksches Wirkungsquantum, Elementarladung, Masse des Protons und Elektrons) möglich ist.
    Der Weltbegriff verdankt sich der Verinnerlichung des Opfers (oder auch: der Verinnerlichung des Schicksals). Und genau hier ist der Punkt, an dem sich die Beziehung zum Wort von Übernahme der Sünde der Welt durchsichtig machen läßt. Die Differenz zwischen der Hinwegnahme und der Übernahme der Sünde der Welt ist der Unterschied ums Ganze (Ursprung und Funktion der Opfertheologie, Zusammenhang der Opfertheologie mit der Konstituierung des Weltbegriffs; Naturbegriff als Inbegriff der nichtübernommenen Schuld). Die „Hinwegnahme“ ist der Grund der Ideologie, die das Christentum bis heute daran gehindert hat, sich selbst zu begreifen. Und die Geschichte dieser (bewußt- und hilflosen) Selbstbehinderung ist die Geschichte des Kampfes zwischen Orthodoxie und Häresie, die es ohne die Opfertheologie so nicht gegeben hätte.
    Mit dem Bischofsamt, im Amt des „Aufsehers“, wurde die Seitenansicht der Dinge in die Struktur der Kirche, in ihre hierarchische Struktur, mit installiert. Zusammenhang der Ämter in der frühen Kirche: Apostel, Diakon, Priester (Älteste) und Bischöfe (Aufseher).
    Ist die Hiob-Stelle, die in der Kabbala auf die dreifache Seelenwanderung bezogen wird, vielleicht auf die dreifache Leugnung zu beziehen?
    Die Konstruktion des Dualis im Hebräischen (mizraim, überhaupt die Endung im, z.B. in majim, schamajim, elohim u.ä.)?

  • 23.08.92

    Zur Kritik der Ontologie: Das Sein als Kopula im Urteil ist das Konstituens der Welt.
    Ist die Kirche nicht genau in die Tradition derer eingestiegen, die im Johannes-Evangelium „die Juden“ genannt werden? Und welche Rolle spielt hierbei der Hebräer-Brief (die Hohepriester-Passage)? – Was hat es mit dem Hebräer-Evangelium auf sich?
    Die beiden Formen der Einsteinschen Relativitätstheorie berühren genau den Punkt im naturwissenschaftlichen Konzept, an dem es dem apokalyptischen Begriff dessen, der „war, nicht ist und wieder sein wird“, entspricht. Durch die Identität von träger und schwerer Masse wird auch das Inertialsystem ins Fallgesetz mit einbezogen. Aber die Schwerkraft ist ortsabhängig, die Lorentz-Transformationen und das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit sind richtungsabhängig; beide beziehen sich demnach getrennt auf die beiden Konstruktions- bzw. Reflexionselemente des Raumes: die Orthogonalität und die Linearität (die die metrische Struktur des Raumes bestimmende Beziehung von Winkel-und Längenmaß, der Grund der Beziehung von Raum, Zeit und Materie, der Trennung von Begriff und Objekt und zugleich der elementaren mathematischen Strukturen und Operationen). Hier ist der Realgrund dafür, daß es im Bereich des Schicksals keine mögliche Beziehung zur Unschuld oder zum Glück gibt.
    Die Vorstellung des unendlichen Raumes, die die Dinge für uns zum Objekt macht, indem sie den Abgrund hinter den Dingen eröffnet, leugnet (und sprengt, vernichtet) mit den sinnlichen Qualitäten der Dinge (mit ihrer Beziehung zum Licht) das Angesicht.
    Wie ist das Wort von den „vielen Wohnungen im Hause meines Vaters“ (Joh 142) zu verstehen?

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