Das Staunen Gunnar Heinsohns darüber, daß die gleiche israelitische Geschichte, die einmal Maßstab war für die altorientalische Chronologie, dann daraus gestrichen wurde, während die so entstandene Chronologie im übrigen unverändert beibehalten und dann antisemitisch genutzt wurde, paßt sehr genau zusammen mit jener merkwürdigen Geschichte, in der die christliche Theologie (die dogmatisch verstandene Orthodoxie) objektiv zu den Entstehungsbedingungen der modernen Naturwissenschaften gehört – wobei der moderne Naturbegriff ohne die christologische Logik (die den Täter exkulpierende Logik der Vergöttlichung des Opfers) nicht zu denken ist -, nicht den Naturbegriff in Frage stellt, sondern durch ihn hindurch die Theologie so verhext, daß sie, zur Unkenntlichkeit entstellt, ohne Gefahr des Einspruchs bestritten werden kann.
Die Astronomie gehört seit je zu den staatsbegründenden Wissenschaften (Kopernikus, Bodin, Kolumbus und die Hexenprozesse).
Wo liegt die Differenz zwischen einer gesellschaftlichen und einer realen Naturkatastrophe? In ihren Auswirkungen auf die Opfer kann sie nicht liegen. Worin lag die Bedeutung des Erdbebens von Lissabon für die Geschichte der europäischen Aufklärung? Lag sie nicht darin, daß es sich hier um eine Katastrophe handelte, die keinen Schuldigen brauchte?
Die subjektiven Formen der Anschauung sind die subjektiven Formen der Anschauung der anderen; in ihnen bezieht sich das Denken auf das Denken der anderen; sie sind die Statthalter der anderen im Subjekt (Medium der Vergesellschaftung des Subjekts). Darin liegt ihre große Bedeutung für die philosophische Begründung des Wissenschaftscharakters der naturwissenschaftlichen Erkenntnis. Hier lernt das Subjekt sich selbst von außen (in den Augen der anderen) sehen. Das gehört in die Geschichte vom Sündenfall: Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren.
Das, was im Objektivationsprozeß nach innen verdrängt wird, wird verdrängt vor der Gewalt des Äußeren, vor der das Subjekt schon kapituliert hat. Diese Kapitulation ratifiziert das Ende des Prozesses: das Barbarisch-Werden und schließlich das Verschwinden dessen, was unterm Begriff des Inneren falsch begriffen wird. Die Idolatrie und der Ursprung des Weltbegriffs bezeichnen den Anfang dieses Prozesses.
In der Diskussion der transzendentalen Logik gab es die Frage nach der transzendentalen Ableitung dieser Schreibfeder, die Aufforderung an den transzendentalen Idealismus, ihre Existenz aus den Voraussetzungen der reinen Vernunft zu konstruieren. Mit diesem Beispiel wurde auf den auch durch den transzendentalen Idealismus nicht aufgehobenen Wert der Empirie hingewiesen. Aber dahinter steckt ja doch auch noch ein anderes: Ist die „Ableitung“, die „apriorische Konstruktion“ einer Schreibfeder so denkunmöglich? Wäre sie nicht doch zu leisten durch eine Erinnerungsarbeit, die mit der Schreibfeder die ganze Geschichte der Schrift und ihrer Stellung im Lebensprozeß der Gesellschaft (Zusammenhang der Schrift und ihrer Techniken mit der Urgeschichte des Staates und der Zivilisation, des Geldes, der Sprache, des Mythos, der Philosophie, der Prophetie) und den Stand dieser Geschichte in der Gegenwart, in der die Schreibfeder (dann der Füllfederhalter, die Schreibmaschine, die elektronische Textverarbeitung) ein wichtiges Indiz für die Stellung des Bewußtseins zur Objektivität und für die geistigen Produktions- (und Erinnerungs-)Bedingungen ist.
Die Ezechielstelle über Jerusalem (Vater ein Amoriter, Mutter eine Hetiterin) mit Abraham-Melchisedek, mit Davids Eroberung Jerusalems und dem Hebräer-Brief vergleichen?
Die Frage, ob das Tausch-Paradigma oder das Schuldknechtschafts-Paradigma wichtiger sei für die Gesellschaftserkenntnis, scheint mir der anderen Frage vergleichbar zu sein, ob der begriffliche Zusammenhang der Mechanik besser durchs Relativitätsprinzip oder durchs Gravitationsgesetz zu bestimmen sei. Beide Aspekte gehören zum Begründungszusammenhang ihres Objektbereichs und zum Konstitutionszusammenhangs ihres objektbegründenden Referenzsystems. – Bedeutung der Relativitätstheorien Einsteins, die zwar nicht die Lösung bieten, aber die bis heute genaueste Darstellung des Problems.
Zur Kritik der Naturphilosophie: Bezeichnet nicht der Naturbegriff seit je den Mülleimer der Philosophie: Mit dem Naturbegriff wurde der Widerspruch zugedeckt, der von der Arbeit des Begriffs nicht abzulösen ist. Wer diesen Mülleimer öffnet, muß damit rechnen, daß, was er darin sieht, nicht mehr mit der Philosophie zusammen sich anschauen läßt. Mit der Auflösung des Rätsels des Naturbegriffs löst sich die Philosophie selber auf. Seit ihrem Ursprung hat die Philosophie den Naturbegriff als Mittel ihrer Selbstkonstituierung benutzt; sie hat ihn damit der Reflexion entzogen und ihm zugleich eine Last aufgebürdet, die er zu tragen nicht imstande ist.
Wenn man die hegelsche Philosophie – das Autodafe der bisherigen Philosophie, wie Franz von Baader sie genannt hat – als die Selbstverständigung der Geschichte des Herrendenkens begreift, und wenn man das Herrendenken als die Außenseite der Theologie begreift, dann ist Adornos negative Dialektik Theologie.
Der Nationalsozialismus, die Rassenideologie, enthält wie jede Ideologie (oder auch wie jeder Wahn) einen rationalen Kern. Diesen rationalen Kern mit aufzuarbeiten, ihn mit zu reflektieren, heißt auch: ihn dadurch, daß man ihn reflektiert, ihn ins Bewußtsein hebt, zu neutralisieren, ihm seinen wahnhaften Charakter zu nehmen.
Die Tatsache, daß die hebräische Sprache kein Futur kennt, hängt mit dem Bilderverbot zusammen. Umgekehrt hängt die Existenz der futurischen Formen in den sogenannten indogermanischen Sprachen mit der Ausbildung des mythischen Denkens, mit der Geschichte der Säkularisation des mythischen Denkens durch Verinnerlichung des Schicksals, des Ursprungs und der Entfaltung des begrifflichen Denkens zusammen, bis hin zum Ursprung des Weltbegriffs, des Inertialsystems und der naturwissenschaftlichen Aufklärung. Der Schritt über die vorgriechische Geschichte hinaus wird präzise bezeichnet durch die Bildung des Weltbegriffs, mit dem Naturbegriff gleichsam als Abfalleimer.
Die Wiedergewinnung des messianischen Element ist ohne die Kritik der Christologie und ihres Zusammenhangs mit dem philosophischen Naturbegriffs nicht zu leisten.
Die Entdeckung des Blutkreislaufs und die Entdeckung des kopernikanischen Systems sind gleichzeitig; sie stehen in einem Schuld-und Systemzusammenhang mit dem anatomischen Ursprung der modernen Medizin und der gleichzeitigen Geschichte der Hexenverfolgung.
Kann es sein, daß der Begriff der Arier kein stammesgeschichtlicher, sondern ein herrschafts- und sprachgeschichtlicher (Ursprung der staatenbegründenden Sprache) und damit primär ein soziologischer ist?
Ist das Wasser, dieses flüssige Element, ein Symbol der Zeit, genauer: der Zeit, wie sie im Zusammenhang mit dem Futur II und dem Inertialsystem sich darstellt (der Fähigkeit, die Zukunft als vergangen zu denken)? Und wird dieses „flüssige Element“ im Relativitätsprinzip (in dem der speziellen und der allgemeinen Relativitätstheorie gemeinsamen Prinzip) benannt? Das würde die Einsteinsche Theorie erst in den Zusammenhang ihrer realen Bedeutung stellen: So wäre sie unmittelbar auf Thales („Alles ist Wasser“) und auf den biblischen Schöpfungsbericht (Geist Gottes über den Wassern, Scheidung der Wasser durch die Feste). – Die Festkörperphysik und die Gastheorien sind Objekttheorien, während die Flüssigkeitsphysik eine Systemtheorie sein müßte. Der speditionelle Begriff des Massengutes rührt ebenso wie der damit verwandte Begriff der flüssigen (nicht festen) Materie an den Grund des philosphisch-naturwissenschaftlichen Massenbegriffs.
Der Arzt als magischer Helfer: diese Vorstellung ist ein Produkt der exkulpatorischen Delegation der eigenen Verantwortung für die eigenen Physis und die Gesundheit an einen Sündenbock; auch ein Versuch, schuldlos zu erscheinen (exkulpatorisches Element in der Krankheitslust).
Das unbekehrte Christenum ist verinnerlichte Idolatrie, die so zum Ferment des Bösen wird: daher die Bedeutung der Teufel, Dämonen, unreinen Geister und die Höllenvorstellung im Christentum.
Der Weltbegriff ist ein Begriff der Herrschaftsgeschichte, nach der Vergesellschaftung von Herrschaft, nach der Implantierung der subjektiven Formen der Anschauung im Subjekt, fast nicht mehr kritisierbar.
Die Marxsche These (aus den Thesen über Feuerbach):
Bisher haben die Philosophen die Welt nur verschieden interpretiert, es käme aber darauf an, sie zu verändern,
genauer bestimmen:
Bis jetzt steht die Philosophie unter dem logischen Gesetz des Weltbegriffs, es käme aber darauf an, sie aus dieser Verstrickung zu lösen.
Mit der Reformation hat die Kirche ihre „häresienbildende Kraft“ verloren. Seitdem schmort sie in ihrem eigenen Saft.
In dem in traditionellen Darstellungen der Logik beliebten Beispiel eines logischen Schlusses:
Alle Menschen sind sterblich.
Sokrates ist ein Mensch.
Also ist Sokrates sterblich.
wird unterschlagen, daß Sokrates sich dem Verfahren eines amtlich verordneten Selbstmords unterworfen hat. Er hat die Todesstrafe, die die polis über ihn verhängt hat, selber vollstreckt und den ihm nach seiner Verurteilung überreichten Schierlingsbecher getrunken. Das, so scheint mir, ist das Modell für das Heideggersche „Vorlaufen in den Tod“, die durch den Tod vollzogene Identifikation mit dem Kollektiv (Hegels „Substanz als Subjekt“); dieser Tod ist die Grundlage des Herrendenkens. Und die Heideggersche „Eigentlichkeit“ ist die Schrumpfform des philosophischen Unsterblichkeitsgedankens. Aber in dieser Konstruktion steckt zugleich das Echo aus der Geschichte vom Sündenfall: Wenn ihr von diesem Baume eßt, müßt ihr sterben, sterben. Hier wird der Tod als eine Konsequenz an eine Gestalt der Erkenntnis geknüpft, die seitdem der Grund ist für die Instrumentalisierung der Welt: die Erkenntnis des Guten und Bösen. Es ist der gleiche Prozeß, in dem über die Gestalt des sokratischen daimon und durch die Verinnerlichung der mythischen Schicksalsidee das Subjekt glaubt, aus dem mythischen Schuldzusammenhang heraustreten zu können und sich als „philosophisches Subjekt“ und als Teil der („zivilisierten“) Welt konstituiert. Die verinnerlichte Struktur des Schicksal ist zum Wesen des Begriffs geworden, unter dessen Herrschaft die Welt als Welt sich konstituiert.
Einstein
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22.08.92
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09.08.92
Schließt die Unterscheidung von Im Angesicht und Hinter dem Rücken (Grund der Beziehung von Sprache und Mathematik) nicht die Lehre von der Auferstehung der Toten mit ein? – Das Vergangene ist dann nicht nur vergangen.
Benjamins Definition des Kapitalismus als Kult ohne Dogma ist zu berichtigen: Die Stelle des Dogmas nehmen die Naturwissenschaften und die dazu gehörenden Begriffe der Welt und der Natur ein. Was in diesem Kontext „Bekenntnis“ heißt, ist nur das Deckbild (das Feigenblatt oder das Tierfell) über dem realen Bekenntnis, dem der Gottes- und Selbstverleugnung. In den Naturwissenschaften ist gleichsam der Schock als Dauerzustand präsent: ein Schock, dem niemand mehr glaubt sich aussetzen zu können, weshalb alle sich verstecken; zugleich glauben alle, davon verschont zu sein, da er ja nur die Natur trifft; die Stelle, an der sie selber sich als getroffen erfahren würden, ist narkotisiert: Ursprung des Personbegriffs.
Einstein und das Ende der empirischen Physik: seit dem Ende der Entwicklung der Quantenphysik, die in eine Sackgasse führte, weil sie das Erkenntnisgesetz von Objektivation und Instrumentalisierung nicht durchbrochen hat, gibt es keinen theoretischen Fortschritt mehr. Ausgeblieben ist insbesondere die Aufschlüsselung des Planckschen Strahlungsgesetzes (als Zustandsbestimmung des durch Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit berichtigten Inertialsystems), die rückwirkend die Naturwissenschaften insgesamt in ein anderes Licht gerückt hätte.
Benjamin: „Die Grundkonzeption des Mythos ist die Welt als Strafe (…). Die ewige Wiederkehr ist die ins Kosmische projizierte Strafe des Nachsitzens: Die Menschheit hat ihren Text in unzähligen Wiederholungen nachzuschreiben.“ (I/3, S. 1234, zit. nach Burkhardt Lindner: Engel und Zwerg, in Lorenz Jäger/Thomas Regehly (Hgg.) „Was nie geschrieben wurde, lesen“, Bielefeld 1992, S. 236) Auch die katholische Transsubstantiationslehre und das katholische Verständnis der Eucharistie hängen mit der Lehre von der ewigen Wiederkehr zusammen; sie sind Ausdruck der gleichen Verzweiflung: Der Kreuzestod Christi muß täglich wiederholt werden, weil niemand mehr an die Wirksamkeit des ersten, realen Kreuzestodes glaubt. -
07.08.92
Die Christen haben das Lamm zum Sündenbock gemacht. Sie haben IHM die ganze Schuld aufgelastet; seitdem stehen sie in Gefahr, die Juden (als Gesamtschuldner) in Solidarhaftung zu nehmen.
Das, was man so leichthin das naturwissenschaftliche Weltbild nennt, ist der Inbegriff der ausweglos unerlösten Welt. Das in Verbindung mit „Religion“ ergibt eine hochbrisante Mischung. Die Fundamentalismen geben einen Vorbegriff dessen, was hieraus einmal hervorgehen kann.
Die Physik: das ist der Benjaminsche Schock als irreversibler Dauerzustand. Hängt es mit der Prolongierung des Schocks heute zusammen, wenn das, was Benjamin die „göttliche Gewalt“ nennt, zu fundieren (oder zu berichtigen wäre) im göttlichen Zorn, wobei im Begriff des Zorns ein sprachliches und ein naturales Element mitklingen: die Verbindung von treffendem Wort und Feuer („… und ich wollte, es brennte schon“).
Die Beziehung von Sprache und Natur, die Kopernikus verwirrt und zerstört hat, hat sich durch Einstein wieder eröffnet.
Die Attraktivität der Jungschen Lehre vom kollektiven Unbewußten und von den Archetypen rührt daher, daß sie daran erinnert, daß die Verdrängungsprozesse nicht nur im einzelnen Subjekt sich abspielen, sondern mit objektiven historisch-gesellschaftlichen Prozessen verbunden sind; diese Einsicht wird nur durch die Psychologisierung wieder entschärft, der objektive Katalysator dieser Prozesse aus dem Blickfeld gerückt. Es wird ein gefährliches Gemisch erzeugt: der Effekt der Verdrängung, die Exkulpierung, soll nicht preisgegeben werden und wird nicht angetastet. Die Produkte der Exkulpierung werden verharmlost; man kann dem Schrecken ins Gesicht schauen, weil man sich ihm angleicht. Nicht zufällig verfallen insbesondere religiös gestimmte Leute, wie Alt und Drewermann, dieser Attraktivität. Das, was zu entschlüsseln wäre, die Psychologisierung, rührt daher, daß die objektive Instanz, die diese Verdrängungsprozesse erzwingt und fast irreversibel macht, bis heute der Kritik sich entzieht: die naturwissenschaftliche Aufklärung und die durch Geldwirtschaft definierte Gesellschaft.
Die Tatsache, daß der Raum drei Dimensionen hat, ist ein Hinweis darauf, daß auch der Objektivationsprozeß – und mit ihm der Verdrängungsprozeß – eine reale Grenze haben muß. Diese Grenze ist beschrieben in der Geschichte der drei Leugnungen; auf sie verweisen zusätzlich die sieben unreinen Geister.
Die Geschichte der christlichen Theologie als Teil dieses Objektivations- und Verdrängungsprozesses war so nur möglich auf der Basis und mit Hilfe der christlichen Sexualmoral.
Auch die Philosophie ist eine Art der Identifikation mit dem Aggressor: nämlich der Identifikation mit dem Denken der Anderen (als Ursprung des begrifflichen Denkens).
Begriffe wie Ereignis, Gemeinheit, Tatsache bilden eine Konstellation, in deren Zentrum der Weltbegriff steht: Mithören muß man im Ereignis die Beziehung Eigentum (Wilhelm von Humboldt schreibt Eräugnis: das ins Auge Fallende; gibt es eine sprachliche Beziehung zwischen Auge und Eigen), in der Gemeinheit die Beziehung zu Mein und zur Meinung, und in der Tatsache das Moment der Tat (in jeder Berufung auf die Tatsachen ist der Hinweis auf den Sündenfall mit enthalten).
Fichte und Goethe haben etwas wesentliches getroffen, wenn sie im Hinblick auf den Anfang des Johannes-Evangeliums den Logos glauben durch die Tat ersetzen zu müssen („Im Anfang war die Tat“, und Fichtes Begriff der Tathandlung).
Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen: Heißt das nicht doch nur, daß sie, solange die Kirche besteht, sich nicht schließen werden? -
05.08.92
Auch Gewalt ist eine Gestalt der Kommunikation. Eine, die den Tod zitiert und „den Weg, die Wahrheit und das Leben“ leugnet. (Zusammenhang der Gewalt mit dem, was Levinas die „Asymmetrie“ des dialogischen Prinzips nennt. Gewalt und Konstituierung des Objekts, Zerstörung der Sprache.)
An der Bitte „Geheiligt werde Dein Name“ läßt es sich demonstrieren: In der christlichen Tradition, in der diese Bitte in die Nähe der Majestätsbeleidigung gerückt wurde, ist das theologische Element geleugnet worden, die Herrschaftsmetaphorik hat sich durchgesetzt, und das im Kontext der Rezeption des Hellenismus und der Philosophie.
Nach dem Jesus-Wort steht vor dem Opfer die Versöhnung, nicht umgekehrt.
Der Satz Jesu „Ich bin das Licht der Welt“ ist von der Übernahme der Sünde der Welt nicht zu trennen (Zusammenhang mit dem ersten Schöpfungstag und Einsteins Relativitätstheorie).
Newton hat die moderne Astronomie, das Realsymbol von Herrschaft in der Moderne, begründet und stabilisiert, Einstein hat die Himmel erschüttert.
Ist nicht der medizinisch-industrielle Komplex ein ähnlich risikoloser und gewinnträchtiger Markt wie der militärisch-industrielle Komplex?
Das Subjekt der aristotelischen Logik ist die (griechische) Sprache; diese Logik hat noch Anteil an der benennenden (und metaphorischen) Kraft der Sprache (die Beziehung der benennenden zur metaphorischen Kraft der Sprache wäre zu analysieren). Die kantische (transzendentale) Logik gründet in der Mathematik; sie hat sich von der benennenden (und metaphorischen) Kraft der Sprache gelöst; sie ratifiziert die Selbstzerstörung der Sprache. Aber die Kritik der reinen Vernunft ist noch nicht zum Ende durchgeführt. Die Erkenntniskritik wäre als Kritik des Herrendenkens weiterzutreiben, über den Zusammenhang von Objektivation und Instrumentalisierung zu einer Kritik des Welt- und Naturbegriffs und zu einer Kritik der Bekenntnislogik. In diesem Zusammenhang wäre auch die Kritik der Gewalt als logisches Problem zu begreifen und weiterzuführen, der Zusammenhang von Schicksal, Recht und Mythos konkreter zu bestimmen und u.a. abzuleiten, daß der Derrida’sche (und Wittgensteinsche) Begriff der Mystik ein Deckbegriff für den Mythos ist.
Benjamins Definition des Kapitalismus als Kult ohne Dogma rückt den Kapitalismus in die genaueste Beziehung zur christlich-theologischen Tradition, insbesondere zur Opfertheologie.
Das Inertialsystem, die transzendentale Logik und die mit der Funktion des Welt- und Naturbegriffs akzeptierte Logik setzt die Zukunft als vergangen, das Vergangene als zukünftig. Das Herrendenken gründet in der Umkehrung des der theologischen Erfahrung zugrundeliegenden Zeitsinns (der mit der räumlichen Metaphorik von Oben und Unten zusammenzuhängen scheint).
Der Weltbegriff (und der der Natur) ist nur im Kontext von Schuld zu bestimmen: Schuld ist eine theoretische (und zugleich philosophiekritische) Kategorie. Deshalb erweist sich die Ethik als prima philosophia. -
04.08.92
Die erste Konsequenz aus dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit: die Lichtgeschwindigkeit ist eine Bestimmung des Inertialsystems, nicht des Lichts.
Vor der Erschaffung Evas wurde Adam in einen Tiefschlaf versetzt (Gen 221); auf den gleichen Tiefschlaf wird bei
– Abram (Gen 1512) und im
– Buch Hiob (413) hingewiesen. Vgl. auch
– Ps 1272: Seinen Freunden gibt er’s im Schlaf;
– Jes 2910: hat über euch einen Geist des Schlafes ausgegossen.
Drei Bestimmungen des Dämonischen:
– der Ankläger (Satan),
– die Zweideutigkeit,
– der Verwirrer (diabolos).
Alle drei zusammen bezeichnen Momente des Objektivationsprozesses und des Herrendenkens (zusammen mit der Vernichtung der Grundlagen des parakletischen Denkens).
Nur Simon (Obediens, der Hörende) und Saulus (Postulatus, Commodatus, der Erbetene) erhalten einen neuen Namen (Petrus, der Fels – Mt 1618-19, Joh 142 – und Paulus, der Kleine, Winzige -erstmals Apg 139).
Zur christologischen Logik des modernen Naturbegriffs gehört nicht nur das Moment der Vergöttlichung des Opfers, sondern in eins damit die Vorstellung, daß das Leben aus dem Tod (dem Opfertod, oder dem Mord) hervorgeht. Diese Vorstellung leugnet zwangsläufig die Idee der Auferstehung. -
30.07.92
Das Ganze ist das Unwahre. Dann schließt allerdings die Idee der Wahrheit die Unabgeschlossenheit der Vergangenheit: die Idee der Auferstehung der Toten, mit ein. Und die Toten werden unsere Richter sein.
Die Pharisäer und die Sadduzäer unterschieden sich u.a. durch ihr Verhältnis zur Lehre von der Auferstehung der Toten. Droht nicht heute der Kirche die Gefahr, sadduzäisch zu werden (die Griechen leugneten die Idee der Schöpfung, der vollendete Kapitalismus die der Auferstehung von den Toten; das Judentum gründet in der Schöpfungsidee, das Christentum in der Auferstehungsbotschaft)? Und welche Bedeutung hat dann die Magd des Hohepriesters in der Geschichte der drei Leugnungen? Ist die erste Leugnung die opfertheologische Interpretation des Kreuzestodes und der Auferstehung?
Hängt die Lehre von der Auferstehung der Toten mit der Geschichte von den sieben unreinen Geistern zusammen (Maria Magdalena, die erste Zeugin der Auferstehung)?
Ist das nicht ein ungeheures Bild: die Frauen, die zum Grabe eilen, um den Leichnam des Gekreuzigten zu salben, ihm als Opfer die messianische Würde zu geben; und sie finden das Grab leer.
Gibt es einen Unterschied zwischen dem johanneischen Passionsbericht (ohne Abendmahl) und den Passionsberichten der Synoptiker, insbesondere im Hinblick auf Frauen (die am Abendmahl nicht teilnehmen)?
Hängt der Dualis, überhaupt die Vorstellung des Paares, mit einer Geschichtsphase zusammen, in der die Unterscheidung von Rechts und Links noch erheblich war? Und verweist das Ende des Buches Jonas (… die Rechts und Links nicht mehr unterscheiden können) nicht auf das Verschwinden des Dualis? Diese 120000 sind die, die glauben, sich selbst im Spiegel zu sehen, und nicht begreifen, daß sie sich spiegel-, d.h. seitenverkehrt sehen. Und ist das nicht der Inhalt des Reflexionsgesetzes, das der Hegelschen Logik zugrundeliegt: das Eine ist das Andere des Anderen? Aber ich sehe mich im Spiegel eben nicht so, wie die anderen mich sehen. Es ist das gleiche Reflexionsgesetz, das die Philosophie an die Ontologie bindet. Aus dem gleichen Grunde verfängt sich die Husserlsche Intentionalität in ihren eigenen Verstrickungen. Die Wahrheit ist niemals Gegenstand intentionaler Akte (vgl. 1 Kor 1312 und Jak 123). Die Folgen des Verschwinden des Dualis sind an der kantischen transzendentalen Logik ablesbar, es sind die Folgen, die aus der Hypostasierung des Raumes (die auch in der Gestalt der transzendentalen Ästhetik sich erhält) sich ergeben.
Hegels Philosophie erhebt den Anspruch, nicht über der Sache, sondern in der Sache zu sein; aber in der Sache unterliegt sie der Gewalt der Reflexionsbegriffe, wird sie gleichsam seitenverkehrt. Darum ist sie eine Weltphilosophie und eine Philosophie des Weltgerichts.
Als „subjektive Form der äußeren Anschauung“ hat Kant den Raum zugleich kritisierbar und unkritisierbar gemacht.
Bezeichnet die kantische Unterscheidung von Welt- und Schulphilosophie das Verhältnis von protestantisch-bürgerlichem zum katholisch-feudalen Wissenschafts- und Philosophie-Verständnis?
Schließt der Dualis und die Unterscheidung von Rechts und Links auch die Unterscheidung von Zukunft und Vergangenheit (oder auch von Himmel und Erde) mit ein? Der Dualis wird verdrängt in der Geschichte der Universalisierung der Welt.
Der „Stern der Erlösung“ ist ein archäologisches Werk; darauf verweist vor allem der Rosenzweigsche Begriff der Vorwelt (und der des Mythos). Es käme heute darauf an, das archäologische Element auch an der Psychoanalyse zu begreifen, sie von ihrem „psychologischen“ Bann (aus dem Bann des Privaten) zu befreien: zu begreifen, daß die Verdrängung und der Begriff des Unbewußten nicht nur auf das psychologische Innere sich beziehen, sondern einen realen objektiven Anteil haben.
Verdankt sich der indische Frauenmord der Verschmelzung der Friedmanschen Ökonomie mit vorkapitalistischen Religionsresten (Zusammenhang mit dem Ursprung der Fundamentalismen)? Hier bestätigt sich die Benjaminsche These, der Kapitalismus sei ein reiner Kult ohne Dogma: der reinste Opferdienst, der wegen seiner „Ideologiefreiheit“ sich mit allen Religionsformen verbinden kann, allerdings um den Preis ihrer Wahrheit. Ich glaube, die Kapitalismuskritik beginnt erst, sie ist nicht zu Ende. Nur war sie untauglich als Ideologie.
Der moderne Bekenntnisbegriff entspringt genau an der Stelle, die Walter Benjamin bezeichnet hat, wenn er den Kapitalismus einen reinen Kult ohne Dogma genannt hat: es ist eine Leerstelle. Hier wird jede Religion, die auf die Kapitalismus-Kritik verzichtet, fundamentalistisch.
Kriegszeiten sind Bekenntniszeiten: Der kalte Krieg wurde eingeleitet durch die MacCarthy-Ära, in der Bundesrepublik durch den Radikalen-Erlaß. Und die Bildzeitung hat es auf den Punkt gebracht, wenn sie die Frage, woran Eltern erkennen können, ob ein Kind in der Gefahr steht, Terrorist zu werden, damit beantwortet: Wenn es sich zu sehr um Gerechtigkeit kümmert. Die Terrorismus-Fahndung folgte immer schon der Methode: Haltet den Dieb. Sie selber ist der Terrorismus, den sie verfolgt, und dessen sie aus eben diesem Grunde nie habhaft wird.
Die Blasphemie, die in der Bekenntnisforderung des Staates steckt, wird von den Kirchen deshalb nicht erkannt, weil sie selber die Erfinder, ersten Anwedner und ersten Nutznießer dieses blasphemischen Bekekenntnisbegriffs waren. Dieser Bekenntnisbegriff besetzt genau die Stelle, an der das wirkliche Bekenntnis real werden könnte: die benennende Kraft der Sprache. Es ist dieser Bekenntnisbegriff, der den Namen des Sohnes und mit ihm den Ursprung des Parakleten leugnet.
Der liberale Ideologiebegriff entspricht genau der Benjaminschen Definition des Kapitalismus als Kult ohne Dogma. Jede Gestalt der Lehre wird angesichts dieses Kults zur Ideologie.
Was muß erst passieren, bis auch die Kirchen begreifen, daß der „Sieg über den Kommunismus“ die bestehenden Probleme nicht gelöst, sondern nur verschärft hat, und daß eine der Triebkräfte, die zur Brutalisierung der Versuche, die ungelöstem Probleme zu lösen, geführt haben, in der blinden Regression der Rückkehr zu den traditionellen Religionen liegt. Der Jugoslawien-Konflikt sollte eigentlich auch die beteiligten Kirchen (u.a. die katholische) an ihre Mitschuld erinnern.
Sind die lutherische Rechtfertigungslehre und das hobbessche „homo homini lupus“ nicht zwei Seiten ein und derselben Sache? Und richtet sich dagegen nicht auch das Wort: „Seht ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe …“
Die kirchliche Lehre von den Schafen und der Weideauftrag an Petrus (Joh 2115ff) werden sinnvoll und verständlich nur vor dem Hintergrund des Deuterojesaias, der Gottesknechts-Kapitel, und von Joh 129.
Zum Verständnis der Lehre vom corpus Christi mysticum: Wer wird im liturgischen „agnus dei, qui tollis peccata mundi“ angesprochen: Christus oder nicht doch jeder Christ?
Zum messianisch-parakletischen Element in der Einsteinschen Relativitätstheorie:
– sie verleiht dem Inertialsystem (dem logisch-mathematischen Zentrum der gesamten naturwissenschaftlichen Aufklärung) eine Exzentrizität, sie rückt es aus dem erkenntnistheoretischen Zentrum, in das es die kantische Erkenntniskritik (die Lehre von den subjektiven Formen der Anschauung) gebracht hat, heraus.
– Offen bleibt jedoch die Beziehung zu dem theoretischen Bereich, auf das die allgemeine Relativitätstheorie sich bezieht, die Gravitation. Ist hier nicht eine Lösung denkbar, die auch die zentralen Konstanten (die Lichtgeschwindigkeit und die Gravitationskonstante) in einen Beziehung wechselseitiger Abhängigkeit rückt, ihnen den Charakter der Konstanten nimmt.
Zum solaren Mythos: Ist nicht auch das Matriarchat eine männliche Erfindung?
Zum Begriff der arche und zum Thales’schen Satz „Alles ist Wasser“: Bezeichnet nicht der Begriff der arche die bis heute unaufgelöste, aber aufzulösende Bindung von Ursprung und Herrschaft (Schuld und Schicksal, das Wasser als realmythische Symbol)? Und worauf beziehen sich dann die paulinischen Archonten (die Herrschaften und Mächte)?
Hängt der Stich in die Seite beim Kreuzestod Jesu mit der Erschaffung Evas (aus der Seite Adams) zusammen?
Ist die Maria Magdalena-Geschichte insgesamt prophetisch, und bezieht sich die Geschichte mit den sieben unreinen Geistern auf die Kirche (als Korrelat zur Leugnungs-Geschichte)? -
28.07.92
Zum Schatten, den Auschwitz wirft, gehören auch die Naturwissenschaften. Und das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit ist das erste Moment der Kritik, in dem eine Ahnung des Lichts (des ersten Schöpfungstages) wieder erscheint.
Mit dem Licht ist auch das Im Angesicht und Hinter dem Rücken erschaffen.
Hängen „fehlen“ uns „befehlen“, die sich allerdings in der Deklination unterscheiden (fehlte, befahl), etymologisch mit einander zusammen? Woher stammt der Begriff des Imperativ (imperare, Imperialismus)? Im Hebräischen gibt es den Jussiv; hängt das mit jus (Recht) und jurare (schwören) zusammen? Der Schwur und das Recht sind ohnehin vom Ursprung her verbundene Begriffe (Zeugenschaft, Vertrag – vgl. den Schwur in der Bibel – und Beweislogik). Wie verhält sich der Eid zur transzendentalen Logik und Ästhetik (als Zeugen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis im erkennenden Subjekt selber; als Schwur, den das Subjekt sich selber leistet)?
Wenn es zum Verständnis der Präfixe Schlüsselworte gibt, dann gehört zum be- (bekennen, befehlen) das Beschuldigen.
Das „Seid arglos wie die Tauben“ ist das eigentlich antiparanoische Element in der Theologie. Es gehört zusammen mit dem Gebot der Feindesliebe.
Fällt das Abendmahl, das er nur mit seinen Jüngern (die bei seiner Kreuzigung flohen) und nicht mit den Frauen (die unterm Kreuze und am Grabe waren) hielt, in die Tradition des Fluchs über Adam? Wie verhält sich dazu Johannes (der als einziger mit unterm Kreuze steht): da fehlt das Abendmahl, statt dessen wäscht er den Jüngern die Füße (nachdem ihm zuvor die „stadtbekannte Sünderin“ die Füße gesalbt hatte).
Mit dem Ursprung des begrifflichen Denkens hat sich die Paranoia im Denken eingenistet, mit den Nebeneffekten der Sexualmoral und des Materiebegriffs, der naturwissenschaftlichen Aufklärung. Die Paranoia hat seit je dazu gedient, den Herren ein gutes Gewissen zu geben, das Herrendenken zu stabiliseren. Die Wirkungen der Exkulpationsmechanismen gingen zu Lasten des Objekts. Die Furcht des Herrendenkens vor dem Materialismus war begründet in der Furcht, daß in Begriff und Struktur der Materie einmal die Projektion erkennbar würde, die das Herrendenken begründet.
Materialismus und Paranoia, oder Materie und Exkulpationstrieb.
Das Wachstum und die Sterblichkeit des Lebendigen ist der Beweis für die objektive Realität des Inertialsystems.
Der Begriff des „kommenden Gottes“ (T.R.Peters) sollte durch Heidegger eigentlich obsolet geworden sein.
Hängt das „… denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Luk 2334) mit dem postapokalyptischen Ende des Jonasbuches zusammen („… die Rechts und Links nicht unterscheiden können“)? Wie verhält sich dieses Luk 2334 zu der christlichen Ermächtigung, die Sünden zu vergeben, und zur Lösung des Gebundenen?
Tiemo Rainer Peters (S. 119f „Verzeiht Gott alles“): Worum geht es hier eigentlich, um mein Seelenheil oder um die Rettung und Erlösung der Welt? Das „Prinzip Gnade vor Recht“ wäre doch wohl etwas anderes als das Gericht der Barmherzigkeit über das gnadenlose Weltgericht. Die Frage „Verzeiht Gott alles“ ist falsch gestellt, sie ist unterschiedlich zu beantworten je nachdem, ob ich sie auf mich oder auf andere beziehe, so wie grundsätzlich zu unterscheiden ist zwischen den Grundsätzen des Handelns (vor dem Handeln) und den Kriterien des Urteils (nach dem Handeln). Das ist eine Konsequenz aus der Nachfolge, der Übernahme der Sünde der Welt. Das „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ macht einen absoluten Unterschied zwischen der Selbstbeurteilung und dem Urteil über andere. Die Frage „Verzeiht Gott“ ist islamisch, nicht christlich; Indiz der frühen „Islamisierung“ des Christentums.
Heideggers „Haus des Seins“: die letzte Erinnerung an Pharao und den Tempel?
Die drei Leugnungen lassen sich aus der Geschichte der Beziehung des Christentums zur Philosophie herleiten: Die Gnosis wie die nachfolgende Geschichte der Häresien ist eine Folge des Urschismas (der ersten Leugnung: Leugnung des Vaters): der Rezeption der griechischen Philosophie (des Weltbegriffs), des Verzichts auf Kritik des Staates (der im gnostischen Demiurgen realistisch entstellt wiederkehrt); und sie ist ein Nebenprodukt des Ursprungs der christlichen Sexualmoral (die sich wie der Weltbegriff dem Verzicht auf Staatskritik verdankt). Hegels Philosophie, in der sich der durchs Urschisma ausgelöste Prozeß vollendet, ist der Beginn der dritten Leugnung (Leugnung des Heiligen Geistes; sie macht die Welt zum Subjekt der Wahrheit, die die Theologie gleichsam von innen aufzehrt, so zu ihrer Parodie wird). -
11.06.92
Zentrale Funktion der Banken: Sie üben eine der vatikanischen vergleichbare Orthodoxie- oder Rechtgläubigkeitskontrolle über alle am Markt Beteiligten aus (vgl. Baeckers Beschreibung der „autopoietischen Systeme“ in „Womit handeln die Banken“, S. 35f; Anwendung aufs Inertialsystem?). Aus funktionalen Gründen ist das Bankwesen hierarchisch organisiert. Und der Glaube (das Vertrauen) ist wie bei den Kirchen Grundlage des Bankgeschäfts. Gibt es ein Äquivalent des Bekenntnisses (begründet in einer vergleichbaren Beziehung zur Schuld)? – Das Eigentum, den Besitz: daher die rechtfertigende, von Schuld befreiende Kraft beider (des Bekenntnisses und des Eigentums).
Gibt es ein Sein ohne ein Haben? Gibt es eine Kirche ohne das Besitzrecht an Dogma und Gnade (daher der Objektivismus der katholischen Kirche, während der Protestantismus – gut kapitalistisch – vom Kredit lebt, deshalb, um kreditfähig zu bleiben, der Rechtfertigung bedarf) – Gegen Fromm: Sind nicht die Hilfszeitverben Herrschafts- und Reflexionsbegriffe besonderer Art, abhängig vom Futur II, ähnlich wie der Zusammenhang von Objekt und Begriff (Objektivation und Instrumentalisierung, Vorhandenem und Zuhandenem)?
Ist nicht das Relativitätsprinzip – die Äquivalenz von Ruhe und Bewegung – auch Grundlage des Bankgeschäfts (ruhen die Einlagen auf den Bankkonten, oder bewegen sie sich, ist das Geld, das ausgezahlt wird, das gleiche wie das, das eingezahlt wurde? Beziehung von Relativitätsprinzip und doppelter Buchführung). Gibt es ein Äquivalent zum Gravitationsgesetz und zum Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit? Hängt das Problem nicht mit dem der Beziehung zur Zeit (Ausschluß der Gegenwart, Identifikation von Vergangenheit und Zukunft: das Tier, das war, nicht ist, und dann wieder sein wird) zusammen und mit der Verschiebung der Bedeutung von Reichtum und Armut (Grund dafür, daß es keine Produktion von Reichtum ohne die Produktion von Armut gibt)?
Beziehungen des Bankenzahlungsverkehrs zur kinetischen Wärmetheorie: Sind die Banken das Feuer im brennenden Dornbusch?
Nur durch ein sytemimmanentes Äquivalent der Zeitfolge (Grundlage der Zinsberechnung), gleichsam durch das ökonomische Pendant der Lichtgeschwindigkeit, lassen sich die einzelnen Zahlungsvorgänge unterscheiden und als Teile eines mathematischen Kontinuums aufeinander beziehen.
Im Bankwesen wird der Kapitalismus als Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang unmittelbar anschaulich. Hier ist das, was zu Beginn der naturwissenschaftlichen Aufklärung deren Konzept begründet hat, durchsichtig geworden.
In der griechischen Philosophie hat sich das Subjekt durch Vergegenständlichung der Welt aus dem Mythos gelöst, gegen den Mythos verselbständigt. Im deutschen Idealismus hat diese Vergegenständlichung das Subjekt selber ereilt: Damit wurde die Welt zum Subjekt der Philosophie. Das drückt sich aufs genaueste in dem enphatischen Begriff der Wissenschaft aus, der den deutschen Idealismus kennzeichnet. Aber omne animal post coitum triste: im nachhegelschen Wissenschaftsbegriff ist nur noch der Katzenjammer geblieben; die Identität von Subjekt und Welt war nicht zu halten, geblieben ist die Anpassung.
In der Patriarchengeschichte: das Verhältnis
– von Herrin und Sklavin (die bei Kinderlosigkeit für die Herrin eintritt) und
– von Herr und Knecht (für Isaak wirbt der Knecht Abrahams um die Hand der Rebekka, während Jakob selbst als Knecht den Preis für Lea und Rahel abarbeiten muß)
noch einmal nachsehen. Abraham hatte Sara (die Fürstin) zur Frau, Lot eine namenlose Frau (von der nur berichtet wird, daß sie bei der Flucht aus Sodom zur Salzsäule erstarrt).
Hat etwas zu bedeuten, daß die islamische Tradition den Abrahambund aus der Absage an den Sternendienst ableitet, während in der jüdischen Tradition die Absage an den Götzendienst im Vordergrund steht (und die christlichen auf eine höchst ambivalente Weise das Opfer). Drücken sich in den drei Religionen nicht drei verschiedene Aspekte des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs aus?
Der Sündenfall der Theologie lag in der Ausblendung der Herrschaftskritik (als Erbe der Philosophie) und ihrer Verinnerlichung in der Privatisierung der Sexualmoral. Damit war der Keim gelegt für den Ursprung und die Geschichte der naturwissenschaftlichen Aufklärung, und damit hat sich die Theologie selber hilflos und ohnmächtig gemacht gegenüber den Naturwissenschaften, der Ökonomie und der Politik.
Bedeutung der drei evangelischen Räte für die Grundlegung der Theologie: Gehorsam, Armut und Keuschheit verweisen auf die Beziehung zu den Naturwissenschaften (zur Sprache), zur Ökonomie (Geldwirtschaft) und zur Politik (Idolatrie).
Die Welt ist das Bild, die Verdoppelung der Welt; sie verstößt damit schon im Ursprung gegen das Bilderverbot. Und sie ist deshalb und insoweit Erbe der Idolatrie. Aber diese Verdoppelung ist das Resultat eines Prozesses, und dieser Prozeß wäre durch Erinnerungsarbeit zu re-/dekonstruieren.
Als Herren der Zeit sind die Leuchten des Himmels zugleich auch Herren des Raumes. Ist die Sonne auf ähnliche Weise Zentrum des Lichts, wie die Erde als Zentrum der Schwere anzusehen ist; und ist der Mond nur die äußere Reflexion beider (und stammt nicht von ihm das Licht der Aufklärung)? -
30.05.92
Joachim Fest hat seine Hitler-Biographie seinerzeit als „Geschichte einer Karriere“ verstanden. Er hat damit einen wesentlichen Punkt heutigen Politikverständnisses getroffen: Wo die Politik zu Karriere wird, wo Politik am Prestige gemessen wird, das sie gewährt, wird sie tendentiell faschistisch. Das Prestige, der Ruhm, das Sich-Spiegeln im Urteil der Öffentlichkeit, der Welt oder gar „der Geschichte“ ist Produkt einer pathologischen, Welt und Geschichte mit einbeziehenden Potenzierung des Exkulpationstriebs. Die größte Verführung für den Politiker ist das Gefühl, zum Herrn der Sprache zu werden, durch Sprachregelungen (bis in die Medienpolitik hinein) zwar nicht mehr die Dinge, wohl aber (im Interesse der eigenen Karriere) das Bewußtsein der Dinge bestimmen zu können.
Der Fluch über die Schlange: „auf dem Bauche sollst du kriechen und Staub sollst du fressen“ ist nur ein anderer Ausdruck für den automatisierten Objektbezug (den apriorischen Objektbezug der transzendentalen Logik). Ist es nicht diese Schlange, die am Boden der Tatsachen klebt („die Welt ist alles, was der Fall ist“)?
Die Schlange ist die Verkörperung der Leugnung der Umkehr, die Welt ist der Inbegriff dieser Leugnung.
Die Beziehung von Licht und Finsternis, hat das etwas mit dem Entstehen und Vergehen zu tun (mit dem Verhältnis des Lichts zur Gravitation)? Und drückt sich das nicht in den Farben aus?
Wenn die Fische auf die Wasser unterhalb des Firmaments bezogen sind, sind dann die Vögel auf die Wasser oberhalb bezogen?
Der Turm zu Babel, der bis zum Himmel reicht: war das die Astrologie?
Sind nicht die modernen, nach-einsteinschen Kosmologien (wie zuvor schon die sogenannten nicht-euklidischen Geometrien) Nachfahren der ptolemäischen Epizyklen – auf der Basis der kopernikanischen Wende?
Kommen Leviathan und Behemoth nicht auch im Buch Jonas vor: als der große Fisch (bei der Flucht nach Tarschisch) und als „so viel Vieh“ in Ninive?
Der Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang hängt mit den drei Dimensionen des Raumes zusammen: mit der Beziehung von
– Im Angesicht und Hinter dem Rücken,
– Gericht und Barmherzigkeit (rechts und links) und
– Oben und Unten (Herrschaft und Gottesfurcht).
Genau hierin gründet der Primat der Ethik, das Konzept der Ethik als prima philosophia.
Prophetie und Sexualität: ein unbearbeitetes Thema (war nicht Jeremias unverheiratet, aber schon „im Mutterschoße“ erkannt; vgl. auch die Ehegeschichte des Hosea sowie den prophetischen Begriff der Hurerei)?
Augustinus, der ausdrücklich darauf verzichtet, im Buche Genesis die „Rätsel der Prophetie“ zu lösen, nimmt damit das Recht der Schlange wahr (und begründet die Allegorie, christliche Sexualmoral und die Höllenlehre).
Labor und Verwaltung; weitere Äquivalenzen: Industrie, Militär, Justiz und Strafvollzug, Schule, Psychiatrie. Definieren sie nicht alle geschlossene Systeme, die aber zugleich alle einander äußerlich sind?
Innen und Außen (rechts und links?): Die Gesinnung verdankt sich der Subjektivierung der exkulpierenden Instanz, die Verantwortungsethik ihrer Objektivierung. Gesinnung und Empörung gehören zusammen (die Empörung ist ein Ausfluß und ein Stabilisator der Gesinnung), beide sind zusammenhängende Quellpunkte einer selbstzerstörerischen Dynamik. Im Begriff der Verantwortung steckt die Beziehung auf eine äußere (richtende, zur Verantwortung ziehende) Instanz. -
25.05.92
Die augustinische Gnadenlehre ist (durch ihr Verständnis des Bekenntnisbegriffs) die Grundlage der Confessiones (Flasch, S. 109).
Die augustinische Gnadenlehre, oder die instrumentalisierte Gottesfurcht und der Terror.
Die Rhetorik reicht von der forensischen Sphäre der Konfliktbearbeitung (Anklage und Verteidigung) bis hin zum Aufschwätzen in Politik und Geschäft (public relation).
Die Vätertheologie insgesamt und an ihrem Ende auch Augustinus ist zum Opfer ihrer Opfertheologie geworden, die paradoxerweise der Preis war für die Rezeption der Philosophie.
Die augustinische Gnadenlehre ist das erschütternde Denkmal seiner Auseinandersetzung mit dem philosophischen Prinzip: der mißlungenen Kritik des Herrendenkens.
Hängen „gesinnt“ und „gesonnen“ mit „Sinn“ und „Sonne“ zusammen (nationalgesinnt und wohlgesonnen)? Dann wäre hieraus ableitbar, daß jede Sinnsuche blasphemisch ist.
Die Vorstellung des unendlichen Raumes verschließt die Dinge gegen die Einsicht, gegen den „intellectus“. So war in der aristotelischen Tradition des Mittelalters der intellectus agens in der Mondsphäre angesiedelt: d.h. außerhalb des subjektiven Verstandes (Konnotation der Gnadenlehre). In der augustinischen Philosophie hängt der intellectus als Erfüllung des Glaubens mit der Gnadenlehre zusammen.
Die Themenstellung Freiheit und Gnade bezeichnet genau die Falle, in der Augustinus sich verfangen hat. Im Rahmen dieser Themenstellung (auf der Basis des liberum arbitrium) ist eine Lösung grundsätzlich ausgeschlossen.
Augustinus hat aus dem Sündenfall den Sündenphall gemacht, damit aber sich selbst den Bereich verschlossen, in dem allein sinnvoll von der Erbschuld hätte gesprochen werden können. Er hat an die Stelle der Zunge den Phallus (an die Stelle der Urteilslust die sexuelle Lust) gesetzt. Damit hängt es zusammen, wenn er im Kampf gegen den „bösen Treib“ seine Frau verraten hat. (Aber ist nicht vielleicht doch der Phallus in der Natur, was die Zunge in der Welt ist, und sind vielleicht beide wie Natur und Welt aufeinander bezogen?)
Die Sexualmoral verrät den Logos (und zwar zwangsläufig: indem sie die Idee des Logos an dessen philosophische Parodie, die Übernahme der Sünde der Welt an die Herrschaft der Logik verrät).
Die Kirche hat Jesus, indem sie supponiert, er habe die Sünde der Welt „hinweggenommen“, aufs entsetzlichste belastet und alleingelassen.
Augustinus verfehlt sein Thema, nämlich die Gottesfurcht, die in dem Pauluswort, daß niemand sich rühmen dürfe, drinsteckt und gemeint ist, dadurch, daß er sie unmittelbar per Projektion ableitet auf die Israeliten, d.h. in die kirchliche Judenfeindschaft. Und es ist genau diese verdrängte Gottesfurcht, die dann als Ideologie des Terrors wiederkehrt.
Daß man sich nicht seines Tuns rühmen darf, heißt nicht, daß man nicht für sein Tun verantwortlich ist. Aber dieses Mißverständnis zu vermeiden, scheint Augustinus nicht ganz gelungen zu sein. Seine Gnadenlehre hat schon etwas von jenen Exkulpationsstrategien (Rechtfertigungslehren), die dann daraus abgeleitet worden sind und das Christentum im Kern verhext haben.
Die Realbedeutung der augustinischen Gnadenlehre läßt sich an der Feststellung ermessen, daß jeder, wenn er erwachsen wird, auch für sein Gesicht und für seinen Charakter verantwortlich wird, und daß man eines Tages nicht nur für die eigene Vergangenheit, sondern auch für die, in die man hineingeboren wird, wird Rechenschaft ablegen müssen (was das für den Christen, für den Deutschen und für den Mann heute heißt, bedarf keiner Erläuterung).
In welcher Beziehung steht der intellectus agens zur Vergangenheit? Ist er nicht ein Stück erinnerter Vergangenheit? Und in welcher Beziehung steht er zu der Lehre von der Auferstehung der Toten oder zur Idee des Heiligen Geistes?
Auch die Philosophie, die an der Idee des Guten sich orientiert, steht unter dem Gesetz der Erkenntnis des Guten und Bösen, d.h. des Sündenfalls.
Omne animal post coitum triste: Ist nicht die Dämonisierung der Lust auch die Dämonisierung der Trauer (der Erinnerung)? Und steckt nicht in jeder Lust – gleichsam als das Salz, als ihre Substanz – die Trauer der vergangenen Erinnerung?
Die Umformung des achten Gebots in das „Du sollst nicht lügen“ ist insoweit dämonisch, als es selber Lüge ist und zur Lüge verurteilt. Hieran läßt sich die paulinische Erkenntnis, daß das Gesetz zur Schuld verurteilt, demonstrieren.
Nochmals zum intellectus agens: War nicht der Ursprung der modernen Naturwissenschaften, das Inertialsystem und dann besonders auch das Gravitationsgesetz, so etwas wie die Durchsetzung eines universalen Erinnerungsverbots (das erstmals durchbrochen wurde durch die Einsteinsche Relativitätstheorie, durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit)?
Für das Christentum war das jüdisch-christliche Schisma der Ursprung des Erinnerungsverbots und der Identifikation mit dem Aggressor: der Rezeption des Weltbegriffs. Durchschnitten wurde die Beziehung des Weltbegriffs zum Schicksal: zur Idolatrie, zum Sternendienst und zum Opferwesen, die Erinnerung seines Ursprungs. Nur diese Erinnerung hätte das Dogma und seinen terroristischen Gebrauch verhindern können. Das Erinnerungsverbot wurde zum Grund der kirchlichen Theologie und der hierarchischen Herrschaftsstrukturen in der Kirche (ihrer Noachidisierung). -
13.04.92
„Der orientalische Staat ist daher nur lebendig in seiner Bewegung, welche, – da in ihm nichts stät und, was fest ist, versteinert ist, – nach außen geht, ein elementarisches Toben und Verwüsten wird; die innerliche Ruhe ist ein Privatleben und Versinken in Schwäche und Ermattung.“ (Hegel, Rechtsphilosophie, S. 355) Hier, im Entstehungsprozß der „Welt“, ist der Staat noch (nach innen und nach außen) ein Natur- und Gewaltverhältnis, welches die Griechen dann im projektiven Begriff der Barbaren nach außen projizieren, indem sie das Gewaltverhältnis selber als Vernunft verinnerlichen, sich zu Herren dieses Gewaltverhältnisses machen. Das Gelingen drückt sich im Begriff der Welt aus. Heute, da die Verhältnisse des „äußeren Staatsrechts“, die Hegel zufolge Natur- und Gewaltverhältnisse geblieben sind, über die nicht mehr zu domestizierende Ökonomie im Innern der Staates sich reproduzieren (der Weltbegriff zu Protest geht, Außengewalt und Innenrecht trübe sich vermischen, der Begriff an der dezisionistisch-autoritären Gestalt der Souveränität zerbricht, der „Rechtsstaat“ als Ausnahmezustand sich etabliert – vgl. Carl Schmitt), sind wir zu Akteuren des gleichen Weltuntergangs geworden, gegen den wir zugleich (als bloße Zuschauer) uns selbst verblenden. Rückfall in den orientalischen Staat: in die „inner-liche Ruhe“ der Idiotie des Privatlebens, „Versinken in Schwäche und Ermattung“.
Auch das ist Erbe der Hegelschen Philosophie (oder ihr prophetischer Gehalt): daß im Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus die Nationalismen aufbrechen mit z.T. barbarischer Gewalt. Der Zusammenhang von Marktwirtschaft und Nationalismus läßt sich erkennen an dem Zusammenhang von Geldwertstabilität und Außenhandelsbilanz, an dem gleichen Zusammenhang, der die westliche (insbesondere aber die deutsche) Wirtschaftspolitik bestimmt, und der Hegels Satz, „daß bei dem Übermaße des Reichtums die bürgerliche Gesellschaft nicht reich genug ist, … dem Übermaße der Armut und der Erzeugung des Pöbels zu steuern“ (Rechtsphilosophie, S. 245), auf die fatalste Weise bewahrheitet: Die Wirtschaftspolitik des Westens begreift deshalb in erster Linie die Steuerung der Armut als ihren Export nach außen (ähnlich wie zur gleichen Zeit der Antisemitismus als Israel- / Palästinenserproblem in den vorderen Orient exportiert wurde).
Hat die Schöpfung etwas mit den Wassern oberhalb und unterhalb des Firmaments zu tun? – Vgl. die biblischen Brunnengeschichten (Rebekka, Rahel, die Samariterin und das „lebendige Wasser“).
Die Christologie hat etwas mit dem Versuch, den Logos zum Verstummen zu bringen, zu tun, ihn in einen Heros umzumünzen (der dem Stern der Erlösung zufolge stumm ist).
Die Eucharistie und das falsche Gedächtnis, oder genauer: als Verhinderung des Gedächtnisses und damit als Gericht. Das ist der Sinn des Satzes „Wer es unwürdig ißt und trinkt, der ißt und trinkt sich das Gericht“.
Zur Sexualmoral: Verworfen ist nicht die sexuelle Lust an sich, sondern die Lust an der Gewalt in der sexuellen Lust, der Sexismus. Die christliche Sexualmoral züchtet den Vergewaltiger. Daran hat sich entzündet, was Nietzsche den Willen zur Macht genannt hat: das stumme Genießen.
Das Angesicht ist immer das Angesicht des Andern, das eigene sieht man nur im Spiegel, und da seitenverkehrt (und d.h.: nicht ohne die Vertauschung von Rechts und Links). Hinter dem Rücken und im Spiegel: das sind die beiden Vertauschungen von Vorn und Hinten und von Rechts und Links. Gibt es in der Schrift einen Hinweis auf den Spiegel (Narziß ist einer der Ursprünge der Philosophie)? Vgl. 1 Kor 1312: „Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht“, und insbesondere Jak 123: „Wer das Wort nur hört, aber nicht danach handelt, ist wie ein Mensch, der sein Gesicht im Spiegel betrachtet“.
Der Spiegel (oder die Reflexion) gehorcht dem Gesetz des Raumes, er macht alles seitenverkehrt (vgl. die „verandernde Kraft des Seins“). Die Physik sieht alles von hinten und zugleich spiegelverkehrt (Zusammenhang von Stoß und Reflexion).
Wer sich selbst im Angesicht der Andern sieht, d.h. wer sich der Welt anpaßt, sieht sich selbst nicht mehr.
Das Wahrnehmen des Angesichts des Andern ist die Umkehr; insofern ist die Aufmerksamkeit das natürliche Gebet der Seele.
Die Schule als Recyclings-, als Abfallproduktions- und -verwertungsanlage (zum geschichtsphilosophischen Stand des Wissens).
Die Begriffe Natur und Welt enthalten als Totalitätsbegriffe einen terroristischen Anteil.
Es gibt weder eine Geschichtstheologie, noch eine Heilsgeschichte. Wenn die Philosophie innerhalb der Theologie ihren Platz finden soll, dann weder unter dem Begriff der analogia entis, noch als ancilla theologiae, sondern allein unter dem Begriff des Millenariums, der Bindung des Satans. Mit der Kraft zu lösen (mit ihrer Umkehr) könnte die Kirche endlich auch den noch unverbrauchten Gnadenschatz freisetzen.
Die Hauptresultate der Einsteinschen Theorien liegen in ihren Ansätzen, nicht ihren Ergebnissen: im Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und dessen Beziehung zum Inertialsystem und im Konzept der Identität von träger und schwerer Masse (Bindung des Trägheitsprinzips an die Gravitation, vergleichbar dem Zusammenhang von Tauschprinzip und Schuldknechtschaft).
Die Bindung des Tauschprinzips an die Schuldknechtschaft ist der Grund, weshalb man die Geschichte des Militärs und der Rüstung an der Geschichte der Banken wird messen können.
Die Israel-Theologie der Marquardt u.a., aber auch die Antizionismus-Darstellung Heinsohns, übersieht, daß wir das Problem produziert haben: Haben wir da nicht auch ein Stück Mitverantwortung für jene, denen wir es aufgeladen haben, für die Palästinenser? -
11.04.92
Das Bild ist Modell und Ursprung des Objekts; Ursprung und Modell des Bildes ist das Opfer, das Bild das Gedächtnis oder Ersatz des Opfers. Das Bild ist aber ebensosehr der Quellpunkt der Schrift, des prädikativen Denkens, des Logos und der Welt. Und der Gott und das Opfer sind Modell der Beziehung von Welt und Natur.
Das Opfer und das Ding hängen über die Exkulpationsautomatik zusammen (gegenüber einem Ding kann ich nicht schuldig werden: Verdinglichung als Schutz vor dem schlechten Gewissen, Schutz vor der Gottesfurcht).
Der Untergang der Welt und die Erneuerung des Antlitzes der Erde: das ist ein Vorgang.
Hat nicht die Fortpflanzung des Lichts (Modell der Selbstausbreitung des homogenen, isotropen Raumes) tatsächlich etwas mit der Fortpflanzung, der Zeugung (und diese Zeugung etwas mit dem Zeugnis, den Bedingungen der Anerkennung der Zeugenschaft (Geschlecht und Anzahl der Zeugen): der Raum ist der Zeuge der Naturwissenschaft, aber das perfekte falsche Zeugnis wider den Nächsten), zu tun? Und ist der Frühling so etwas wie ein Orgasmus der Natur? Was bedeuten dann die Insekten und die Vögel? Sind die Vögel nicht akustische Blüten (und die Insekten Bastarde aus Raum und Licht (vgl. Belzebul, den Herrn der Fliegen)?
Das organische Leben unterliegt der Dialektik von Innen und Außen und der Prävalenz des Außen. Durch die Geldwirtschaft wurde diese Dialektik auf die Evolution des Kapitalismus übertragen. Der Darwinismus verdankt sich der projektiven Übertragung dieser gesellschaftlichen Evolution auf die Natur. Frage: Welche Stellung haben die Blumen, die Insekten, die Bäume, die Vögel, die Säugetiere und die großen Seeungeheuer (Behemot und Leviatan) in der Evolutionsgeschichte des Kapitalismus?
Bei den Tieren drückt sich das Verhältnis von Im Angesicht und Hinter dem Rücken im Angriffs- und Fluchtverhalten aus, in der organischen Selbstinstrumentalisierung der Arten und Gattungen (in den Hörnern, dem Gebiß, den Klauen und Pfoten, den galoppierenden Hufen). Und wie sieht es aus mit dem Charakter von Behemot und Leviatan? Und mit der Schlange: als reine Selbstinstrumentalisierung der „Klugheit“? Hier ist – wie bei den Tieren überhaupt – die Instrumentalisierung durch Gattung und Art vorgegeben (von der organischen Ausstattung bis hin zum Verhalten: wie hängen beide zusammen?). Das einzelne Tier ist für seinen Charakter (seine organische und Verhaltens-Ausstattung) nicht verantwortlich, reiner Ausdruck des Schuldzusammenhangs der Welt. Der Mensch hingegen ist für seinen Charakter und für sein Gesicht verantwortlich. Er muß die Selbstinstrumentalisierung selbst arrangieren, wobei ihm die Gesellschaft (in der Gesamtheit ihrer Institutionen) die Mittel an die Hand gibt, die diese Selbstinstrumentalisierung zumindest erleichtern, in der Regel bewußtlos durchsetzen.
Die Musik mißt die Distanz zwischen der nominalistisch depotenzierten Sprache und dem Schuldgrund, auf den sie zurückzubeziehen ist. Die Kunst federt die Brutalität des Aufklärungsprozesses ab und ermißt sie zugleich, sie verleiht dem Leiden die Sprache vor der Sprache. Die Konstellation von Technik, Material und Ausdruck in Musik und Malerei ist das Medium dieser seismographischen Wahrnehmung.
Das Osterlachen scheint mir (in Publik-Forum) völlig falsch interpretiert zu sein. Das exhibitionistische Element als Anlaß des Lachens verweist auf die Soziologie des Witzes, nur daß hier – wie beim Clown – Erzähler und Objekt des Witzes eins sind. Das Osterlachen ist tieftraurig und blasphemisch zugleich, die umgekippte Osterfreude.
Die gesamte Geschichte der europäischen Aufklärung steht unter dem Zeichen des Gerichts.
Wittfogel, Franz Borkenau und Alfred Sohn-Rethel: An den Rändern der Frankfurter Schule scheinen die Versuche mißlungen zu sein, an das offene Problem der Frankfurter Schule sich heranzutasten. Die realen Ursachen dieser Probleme werden vielleicht am ehesten sichtbar an dem konspirativen Element im Ursprung der Theorie Sohn-Rethels. Lösbar ist das Problem erst geworden durch Einstein.
„Das Christentum als Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums“
Die Gebote des Dekalogs sind strikte Gebote, keine durch Sanktionen abzusichernde Gesetze. Das unterscheidet sie von Rechtsgründungen der Hamurabi, Solon u.a.
Aufschlußreich (für das Verhältnis von Wirtschaftsmacht und Recht) ein Fall, der heute in der Rundschau geschildert wird: Ein Großunternehmen verklagt einen öffentlichen Kritiker (Leserbriefschreiber) und setzt die Schadensersatzforderung und den Streitwert so hoch, daß die Rechtsschutzversicherungen andere Beteiligte (u.a. das Publikationsorgan, das den Leserbrief veröffentlicht hatte) zwingen, die Klage zurückzuziehen. (Der Kritiker selbst hält durch und gewinnt den Rechtsstreit.) Wie lange gibt es angesichts der jedem Vergleich spottenden Unterschiede der ökonomischen Potenz für einen privaten Beteiligten überhaupt noch eine Möglichkeit, gegen einen potenten Kläger sein Recht zu bekommen? Es ist offensichtlich ein Leichtes, einen etwa bestehenden Rechtsschutz auf legale Weise auszuhebeln. Ist es nicht längst so, daß „Rechtspersonen“ Vorrechte vor realen Personen haben (und die Gleichheit vor dem Gesetz längst zur Makulatur geworden ist: Rückkehr des Naturzustandes, Undomestizierbarkeit der in Privathand angewachsenen ökonomischen Gewalt)?
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie