Einstein

  • 01.04.91

    Würden unsere Theologen, Politiker, Beamten ernsthaft an das ewige Leben, die Unsterblichkeit der Seele und die Auferstehung der Toten glauben, oder wäre Gottesfurcht ein Teil des politischen und religiösen Selbstverständnisses in diesem Lande: diese Welt sähe anders aus.
    Der Begriff der Gottesfurcht ist eindeutig, der der Furcht des Herrn zweideutig. Die Gottesfurcht orientiert sich an dem Verhältnis von Schuld und Versöhnung, Schuld und Befreiung, die Furcht des Herrn an dem Verhältnis von Schuld und Strafe.
    Die drei evangelischen Räte:
    – Armut: Ihr könnt nicht zwei Herren dienen, Gott und dem Mammon;
    – Gehorsam: Heute, wenn ihr seine Stimme hört;
    – Keuschheit: Nicht die Sexuallust, sondern die Urteilslust ist der Transporteur der Erbschuld.
    Reflexion des Zusammenhangs von Selbsterhaltung und Realitätsprinzip:
    – Namenlehre vs. begriffliche Erkenntnis;
    – Kritik des richtenden Denkens.
    Das Bekenntnis ist das Medium der Regression ins Gattungswesen: Hinweis auf den Ursprung der Sexualmoral und die Bedeutung der apokalyptischen Tiere.
    Der kirchliche biologische Begriff der Unschuld ist eine der Quellen, aus denen der faschistische Rassenbegriff: die Vorstellung eines biologischen Erbadels (der biologischen Unschuld der Herren, der Existenz einer Herrenrasse) und der damit notwendig verbundene Antisemitismus sich speist. Hier tritt das Gewaltmoment offen zutage, das im kirchlichen Bekenntnisbegriff bereits enthalten ist.
    Die Trennung des Bekenntnisbegriffs vom Namen verletzt das Bilderverbot, begründet den Objektbegriff, der seitdem das christliche Dogma verhext, und ist der Ursprung der Gewalt in der Religion.
    Die Sexualmoral und ihre Metastasen sind der Inbegriff dessen, was in der Geschichte vom Sündenfall dann mit den Dornen und Disteln bezeichnet wird.
    Die finsteren Mysterien des Personbegriffs.
    Urteilslust dreifach stabilisert:
    – durch den Naturbegriff (durchs Trägheitsgesetz),
    – durch den Weltbegriff (durchs Tauschprinzip),
    – durchs Bekenntnis (durch den vergegenständlichten, verdinglichten Glauben, durchs Prinzip der Weltanschauung).
    In der Bosheit des anderen die gemeinsame Dummheit, die des anderen und die eigene, begreifen.
    Das Problem von Genesis und Geltung hängt mit dem von Objektivation und Instrumentalisierung zusammen. Verwechslung von Geltung und Wahrheit: Geltung ist Geltung für jedermann, es gilt auch hinter dem Rücken, und es hat wirklich etwas mit Geld zu tun, und mit dem Bekenntnis: Im Bekenntnis wird die Geltung für jedermann hergestellt und stabilisiert. Konsequenzen für den Personbegriff, der auch die Anerkennung durch die anderen als Konstituens und Sinnesimplikat mit einschließt. Person ist das Subjekt (der Träger) des Bekenntnisses (Bekenntnis als Maske: vgl. Kafkas Oklahoma). Hiernach wird die Tertullianische Vorstellung, daß Frauen, wenn sie denn in den Himmel kommen, zu Männern werden, vielleicht begründbar (aber der theologische Kontext, in dem sie begründbar wird, eo ipso falsch). Die Person ist keine Schöpfungswirklichkeit, sondern Produkt von Vergesellschaftung. Die Person ist Erbe des mythischen Helden. Durch die Anerkennung der anderen hindurch bedarf die Person letztlich der Bestätigung durch den Staat (ohne Pass ist der Mensch kein Mensch). Abgesichert wird die Person durchs Strafrecht. Der Staat ist somit nicht nur das Prinzip der Anklage (sh. Staatsanwalt), sondern auch das der Exkulpierung (durch den Pass). Voraussetzung der Anerkennung und der Exkulpierung ist das Bekenntnis. Hieraus lassen sich zwanglos solche schönen Dinge wie Antisemitismus, Ausländerfeindschaft, Frauenfeindschaft u.ä. ableiten. Im Kontext unserer Staatsmetaphysik sind Ausländer Häretiker, Ketzer. Und die Deutschen sind die Ausländer für alle anderen (das prädestinierte Objekt der Selbstverfluchung).
    Im Kontext des Anerkennungskonstrukts läßt die Begründung der subjektiven Formen der Anschauung im Gewaltmonopol des Staates nachweisen, zusammen mit der Begründung der Gemeinheitsautomatik: Ihr laßt den Armen schuldig werden.
    Mit der Entfaltung der Namenlehre wird zugleich die Lehre von der Auferstehung der Toten begründet (ist der Logos Begriff oder Name?).
    Das „Seid klug wie die Schlangen …“ und das „und führe uns nicht in Versuchung“ gehören zusammen.
    Das Weltgericht ist das Gericht der Welt über die Welt: Dieser Widerspruch ist vom Begriff der Welt nicht abzulösen. Sie ist die gerichtet-richtende Instanz, oder der Preis dafür, daß die richtende Instanz nach dem gleichen Maße gerichtet wird. Genau dieser Widerspruch wird im Relativitätsprinzip, in der Handlung, in der sich das Inertialsystem konstituiert, dingfest gemacht. In welcher Beziehung dazu steht das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit? Hat die Plancksche Strahlungsformel etwas mit dem brennenden Dornbusch zu tun? Wird diese Beziehung durchsichtig, wenn sich die Plancksche Strahlungsformel aus dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit ableiten läßt?
    Am Bekenntnis die gleiche Korrektur vornehmen wie das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschindigkeit am Inertialsystem.
    Hawking hat recht: Wenn das Schwarze Loch nur schluckt und nichts ausstrahlt, d.h. wenn darin nur Masse und Energie verschwinden, aber keine Gegenreaktion dazu nachweisbar wäre, so würde das alle Erhaltungssätze (die Stabilisatoren des Inertialsystems und der darin begründeten physikalischen Begriffe) verletzen.
    Merkwürdig, daß Begriffe wie das Schwarze Loch und der Schwarze Körper Grenzpositionen der Naturwissenschaften bezeichnet.
    Ist das heute von der Physik angenommene Alter der Welt in der Größenordnung der dritten Potenz des biblischen Alters der Welt (in Jahren gemessen), und der Ursprung der Bäume und der Menschen in der der zweiten Potenz?
    Das „und er ging hinaus und weinte bitterlich“ ist die Antwort auf das höllische Lachen, das darin vergeht. Das Lachen ist der Inbegriff des pathologisch guten Gewissens. Wir sind das Gelächter über die Dritte Welt? – Lachen Frauen anders als Männner?
    Erst mit der Vergesellschaftung des Herrendenkens ist das Umkehrgebot unabweisbar geworden für alle. Verführung hat immer die Gestalt des moralischen Urteils.
    Antisemitismus und Bilderverbot.
    Das Bilderverbot war die Antwort auf die magische Macht, die das Bild über den Abgebildeten und in der Konsequenz daraus das Bild über den, der sich seiner bedient, vermittelt: Konsequenz für die Physik. Objektivierung und Instrumentalisierung gehören zusammen; hierbei fällt das, was die Dinge an sich selber sind, unter den Tisch (das An sich gehört in den Bereich des Namens).
    Die Umkehrbarkeit der räumlichen Dimensionen ist eine Funktion der drei Dimensionen des Raumes und der Irreversibilität der Zeit. Ist das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit (oder das Plancksche Strahlungsgesetz) vielleicht doch ein Schlüssel für die Bestimmung des Alters der Welt?
    Läßt sich der Streit zwischen Vätern und Söhnen, der das Zeitalter des Antichrist kennzeichnet, auf den Antisemitismus beziehen?
    Der Sozialismus hat den kritischen Gehalt der Marxschen Philosophie in eine affirmative, instrumentalisierte Gestalt der Theorie, in ein Herrschaftmittel, zurückgebogen.
    Die ideologische Bedeutung des Sports liegt in der Einübung der Verknüpfung des Zuschauers mit dem (parteiischen) Richter.
    Über uns werden sowohl die vergangenen Toten als auch unsere Nachfahren, die wir beide heute verraten, richten. Wir stehen auf einem Berg von Leichen und sind Herr einer zerstörten Natur.
    Jede apologetische Haltung führt nur tiefer in die Verstrickung hinein.
    Natur definiert den Anwendungsbereich des Objektivationsprozesses, einen potentiell unendlichen Bereich.
    „Was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst sein“: Auch die Tränen lösen sich; „und er ging hinaus und weinte bitterlich“.
    In der kapitalistischen Lohnarbeit wird der Arbeiter um seinen Lohn betrogen.
    Lachen ist das letzte Indiz für das Fortleben des Dämonischen. Die Verinnerlichung des Dämons als Ursprung der Philosophie (Sokrates): Die Gewalt des Schicksals war die Gewalt des Lachens (das homerische Gelächter); und mit dem Schicksal ist dieses Lachen verinnerlicht worden, in die Struktur des Begriffs, als Form seiner Objektbeziehung, mit eingegangen. Lachen löscht die Namen aus, konstituiert das verdinglichte Objekt und den Begriff; als Totalität ist das Lachen mit eingegangen in die Form des Raumes (vgl. Büchners „Lenz“). Alle Objekte im Raum sind, als wären sie ausgelacht (angeklagt und, in einem kurzen Prozeß, gerichtet zugleich: der Raum ist dieser kurze Prozeß). Person (die ihr Gesicht nicht verlieren darf) ist die Angst, ausgelacht zu werden: der Zwang der Selbstrechtfertigung, der sich allein im Weinen löst. Besondere Objekte des Lachens sind die Juden und die Frauen. Lachen ist ein Konstituens des Herrendenkens, das als Lachen über die Herren, auch wenn es die Herren nur schwer ertragen, deren Herrschaft noch zu stabilisieren vermag (Lachen, Herrschaft, Gericht). „Der hat nichts mehr zu lachen“; „warte nur, dir wird das Lachen auch noch vergehen“: Über wen das gesagt wird, ist reines Objekt, auf keinen Fall ein Herr: in ihm ist Gott präsent. – Das verdinglichte Bekenntnis macht Gott zum Objekt des Gelächters.

  • 17.03.91

    Liegt der Unterschied zwischen Judentum und Islam an der gleichen Stelle, an der auch der Unterschied zwischen Namen- und Begriffslehre begründet und zu suchen ist, und ist die „Islamisierung“ des Christentums nicht schon vor der Entstehung des Islam eingetreten, vom Islam dann nur auf „reinere“ Weise rezipiert und danach ans Christentum wieder zurückgegeben worden? Drückt sich diese Beziehung auch im Gottesbegriff aus: Allah wird immer nur in der dritten Person bestimmt, bleibt immer gegenständlich; er spricht nicht selbst, sondern spricht durch den Heiligen Geist, der ein Engel ist. Bezeichnend auch die adjektivische Struktur der Namen Gottes, die hier zu Eigenschaften werden und aus diesem Grunde im Islam immer mit dem Zusatz All- gebildet sind: der Allbarmherzige, der Allverzeihende, der Allmächtige, der Allwissende etc (insgesamt 99 Gottesnamen).
    Islam ist die Ergebenheit in den Willen Gottes, und der Wille Gottes ist das, was geschieht. Ein letztes Echo davon ist Hegels „die Vernunft ist wirklich, das Wirkliche ist das Vernünftige“ (Rechtsphilosophie).
    Die Opfertheologie als Ursprung des Idealismus: Vgl. hierzu die Bemerkung in der DdA.
    Das islamische Opfer ist eigentlich nur die Erinnerung an das Opfer Abrahams, die Abgeltung des Menschenopfers. Damit hängt es möglicherweise zusammen, daß nach dem Koran Jesus nicht selbst am Kreuz gestorben ist.
    Das Bilderverbot ist das Verbot, Gott und die Welt hinter ihrem Rücken zu begreifen.
    Für mich war die massive, konzentrierte und brutale Wut auf die Taten der raf schlimmer als die raf und ihre Taten. Und hierin ist etwas, was ich nicht vergessen kann.
    Der Zwang, die Probleme nur noch auszusitzen, der in den noch unabsehbaren Folgen der deutschen Einigung möglicherweise noch einmal verhängnisvoll sich auswirken wird, rührt her von dem unaufgearbeiteten „deutschen Herbst“.
    Peter de Rosas „Gottes erste Diener“ bleibt selbst in den Folgekategorien dessen, was er kritisiert, befangen. Die Darstellung der Dinge im 7. bis 9. Jahrhundert urteilt nach den gleichen moralischen Kriterien, an denen die Kirche selber leidet, aus denen auch der Zustand der Dinge in jener Zeit sich ableiten läßt. Auch hier gilt: der Ankläger hat immer Unrecht.
    Der real existierende Sozialismus ist daran gescheitert, daß er den „dialektischen und historischen Materialismus“ gleichsam glaubte als naturwissenschaftlich-technische Lehre nutzen zu können, daraus politisch anwendbare Gesetze ableiten zu können. Aufgrund dieser Voraussetzung war er gezwungen, seine eigene Basis nochmals zu verraten. Sein Fehler war zu glauben, es gebe einen Standpunkt außerhalb, und dieser Standpunkt außerhalb (hinter dem Rücken der Gesellschaft) sei durch die „Ideologie“, die er dann auch noch so nannte, definiert. So hat er sich dann durch sein Macht- und Politikverständnis unter Rechtfertigungszwänge gesetzt, die zwangsläufig dazu führten, daß er die eigene Basis verraten hat und verraten mußte.
    Die Naturwissenschaften produzieren heute so viele dem Weltzustand angemessene, ihn aufschlüsselnde Bilder, daß es eher der Erklärung bedarf, wieso niemand darauf anspricht, als wenn heute jemand sie wahrnimmt. Zu diesen Bildern gehört
    – das „schwarze Loch“, dessen Gravitationskräfte so groß sind, daß es alles in sich aufsaugt, aber nichts mehr, auch keine Strahlung, nach außen herausläßt, und
    – die sogenannten Teilchenbeschleuniger: dieses Bild des unablässig gegen eine Wand Anrennens und darin soviel Energie, Intelligenz und materielle Ressourcen hineinzustecken, ohne daß dabei die Lösung der Fragen, mit denen Aufwand begründet wird, im Ernst weitergebracht wird (Heideggers Begriff der Frage gewinnt hier gegenständliche Realität).
    Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit (und seine Bedeutung für die Mikrophysik und für die Erkenntnisbasis der Naturwissenschaften insgesamt, das Inertialsystem) läßt sich erst lösen, wenn es gelingt, die Struktur des Raumes in seiner Beziehung zur naturwissenschaftlichen Begriffsbildung aufzuschlüsseln.
    Diese unendliche Last der Faschismus-Erfahrung, dieses unendliche Gravitationsfeld, das alles in sich aufsaugt und nicht mehr nach außen strahlt.
    Parakletisches Denken und das Antlitz der Erde: Emitte spiritum tuum et renovabis faciem terrae.
    Vgl. Gen 11: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ und Gen. 24b: „Zur Zeit, als Gott, der Herr, Erde und Himmel machte, …“ Was bedeutet die unterschiedliche Reihenfolge (Himmel und Erde bzw. Erde und Himmel) im Kontext von „schuf“ und „machte“ sowie von Jahwe und Elohim?

  • 15.02.91

    Der Rassismus (und der Sexismus) ist ein durch die Totalitätsbegriffe Welt und Natur überdeterminiertes Produkt des Zerfalls der Moral. Die Grenze zwischen „Herrenrasse“ und „Untermenschen“ ist identisch mit der durch den Staat (der institutionalisierten Absicherung der fortschreitenden Natubeherrschung) gezogenen Grenze zwischen Welt und Natur: Zur Natur gehören vor allem die Wilden (und die Frauen); der Sonderstatus des Antisemitismus rührt daher, daß hier ein Volk, das offensichtlich einen vorzivilisatorischen Geschichtsstand repräsentiert, durch Anpassung (Assimilation) den ihm von Natur aus nicht zustehenden Herrenstatus anstrebt.
    Gibt es ein dem Staat korrespondierendes Moment in der Natur? (Grund des Fressens und Gefressenwerdens; Denkmal der Katastrophe, an die lt. Adorno/Horkheimer die Tierwelt erinnert: auch für die Tiere galt der Schrift zufolge im Pradies das vegetarische Nahrungsgebot; Gen. 129ff: „Hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen tragen, und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten. Euch sollen sie zur Nahrung dienen. Allen Tieren des Feldes, allen Vögeln des Himmels und allem, was sich auf Erden regt, was Lebensatem in sich hat, gebe ich alle grünen Pflanzen zur Nahrung. … Es war sehr gut.“ – Vgl. hierzu J. Ebach: Ursprung und Ziel, S. 22ff).
    Das Bekenntnis stabilisiert die Komplizenschaft; Komplizenschaft gründet im gemeinsamen Blutvergießen (Eucharistie: Ersetzung und Abgeltung des Blutopfers durchs vegetarische Mahl? Wurde beim letzten Abendmahl das Paschalamm – s. Mk. 1414, Lk. 227ff -geschlachtet und gegessen? – s. Ex. 121-136)
    „Jesus schickte Petrus und Johannes in die Stadt …“. (Lk. 228) An welchen Stellen werden welche Apostel (insbesondere Petrus und Johannes, aber auch die anderen) genannt? – (vgl. 851 mit Anm. und Mk. 537 mit Anm.)
    Erst durch seine Dreidimensionalität gewinnt der Raum die totalisierende Gewalt, die der Abtrennung der Zeit (Konstituiereng der Herrschaft der Zeit und Subsumtion aller Dinge unter die Vergangenheitsform) sich verdankt und in der Objektivation der Materie sich ausdrückt. Erst durch diese Konstruktion konstituiert sich das physikalische Objekt, wird es Teil eines Systems. Kein Zufall, daß das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit nur als struktur- und dynamikbegründendes Systemelement im Kontext des gesamten Bereichs der elektromagnetischen und der mikrophysikalischen Erscheinungen, nicht aber selbst als „Erscheinung“ im System sich bestimmen läßt. Es ist einzig vergleichbar der Funktion der Trinitätslehre im christlichen Bekenntnis (seiner systematisierenden, „totalisierenden“ Kraft – Einheit, Trennung und gegenseitige Durchdringung von Subjekt, System, Objekt).
    Der Weltbegriff ist ein Reflex der Staatsmetaphysik, der Naturbegriff ein Korrelat der Naturbeherrschung. Der affirmative Weltbegriff schließt die Staatskritik (die Kritik der Gewalt) aus, der affirmative Naturbegriff die Kritik von Herrschaft (Differenz zwischen Gewalt und Herrschaft: Gewalt ist ein Mittel der Herrschaft, gleichsam ihre Naturbasis; das Gewaltmonopol des Staates ist seine Gewalt zu töten, sein Grund die Todesdrohung; versöhnte Herrschaft wäre Herrschaft, die der Gewalt, letztlich der Todesdrohung: der Instrumentalisierung der Angst, nicht mehr bedarf).
    Herrschaft und Gewalt verhalten sich wie das Inertialsystem (der Inbegriff der naturwissenschaftlichen Gesetze) zur Materie (dem Widerstand, Basis – Kristallisationskern und Äquivalenzpunkt -der Gesetzesbildung). Gewalt ist das Medium der Angleichung an Herrschaft: der Identifikation mit dem Aggressor (zur Kritik der Gewalt). Das Gewaltmonopol des Staates: der Staat ist das Gravitationsfeld, in dem sich die schwere/träge Masse der materiellen Existenzen konstitutiert und definiert.

  • 13.02.91

    Hinweis zu einer Theorie des Lachens (Lachen und Bekenntnis):
    „Versinnbildlichte das Verhältnis des Staats zur bürgerlich gewerblichen Freiheit und Selbständigkeit der Untertanen sich dem Philosophen als die Tragödie im Sittlichen, so das Verhältnis des Staats zu dem in seiner persönlichen Eigentümlichkeit ruhenden, im höchsten, innerlichen Sinn über den Staat hinaus gehobenen Menschen als – Komödie.
    Die Komödie des Sittlichen unterscheidet sich von der Tragödie dadurch, daß sie schicksallos ist, daß ihre Personen nur Schattenbilder sind, vom Dichter und Zuschauer nicht ernst genommen werden. Antike und moderne Komödie, Aristophanes etwa und Moliere, Phantasie- und Charakterkomödie unterscheiden sich wie antikes und modernes Leben des Einzelnen im Staat; modern dabei wieder in dem umfassenden Sinn: vom römischen Imperium bis zur Gegenwart, von der Entstehung des privatrechtlich bestimmten Lebens bis zum Untergange des Staates, der sein Staatsrecht selbst diesen Mächten des Privatrechts aufopferte, – von Julius Cäsar bis Kaiser Franz.“
    (F.R. Hegel und der Staat, I, S. 171f)
    Merkwürdig das gleichsam dogmengeschichtliche („geistesgeschichtliche“) Verständnis der Entwicklung der Hegelschen Staatsidee bei Franz Rosenzweig: Ableitung aus Quellen, vergegenständlichtes, verdinglichtes Verständnis, Tendenz zum Staatsbekenntnis, insgesamt ein gleichsam (staats-)kirchlicher Philosophiebegriff, den im übrigen Hegels Philosophie auch durchaus nahelegt: Ist nicht die gesamte „Geistesgeschichte“ Deckbild einer Staats-Kirchengeschichte, eines gleichsam kirchlichen Staatsbegriffs (Zusammenhang mit der Inkarnationslehre, Opfertheologie, Trinitätslehre)? Proton pseudos jeglichen Hegelianismus, auch des marxistischen (Naturgeschichte und Schicksalsbegriff)? Hintergrund des „Stern der Erlösung“?
    Turmbau zu Babel: Lachen und Sprache; babylonische Sprachverwirrung der Kirche? Bekenntnis und falsche Aufhebung des Lachens durch Verinnerlichung (das nach innen gewendete Lachen kehrt sich als Wut nach außen, als Leugnung und Mordtrieb: „dreimal wirst Du mich verleugnen“); Kirche als babylonischer Turm: Die Bauleute haben den Eckstein verworfen (die Nachfolge, die Übernahme der Schuld der Welt).
    „Ihr alle werdet in dieser Nacht an mir Anstoß nehmen und zu Fall kommen; denn in der Schrift steht: Ich werde den Hirten erschlagen, dann werden sich die Schafe der Herde zerstreuen. … In dieser Nacht, noch ehe der Hahn kräht, wirst Du mich dreimal verleugnen.“ (Mt. 2631ff)
    „Petrus aber saß draußen im Hof. Da trat eine Magd (paidiske -Sklavin, Magd) zu ihm … Und als er zum Tor hinausgehen wollte, sah ihn eine andere Magd und sagte zu denen, die dort standen … Kurz darauf kamen die Leute, die dort standen …“ (2669ff)
    Ist diese „Magd“ die mittelalterliche ancilla theologiae, die Philosphie? Wer sind dann „die, die dort standen“?
    – „Auch du warst mit diesem Jesus aus Galiläa zusammen. Doch er leugnete es vor allen Leuten und sagte: Ich weiß nicht wovon du redest.“
    – „Der war mit Jesus von Nazaret zusammen. Wieder leugnete er und schwor: Ich kenne diesen Menschen nicht.“
    – „Wirklich, auch du gehörst zu ihnen, deine Mundart verrät dich. Da fing er an, sich zu verfluchen und schwor: Ich kenne den Menschen nicht.“
    – „Gleich darauf krähte ein Hahn.“
    (Mt. 2669ff, ebenso Mk.; abweichend Lukas – im Hof ein Feuer; Joh. – Petrus und „ein anderer Jünger“, Pförtnerin, Diener und Knechte am Kohlenfeuer, ein Verwandter dessen, dem Petrus ein Ohr abgehauen hatte)
    Zum „Zeichen des Jona“ (Mt. 1238ff, 161ff, Lk. 1129ff, Jona 2 u. 3): Wäre es nicht primär auf Kap. 3 anstatt 2 zu beziehen: daß, wenn Ninive, die große Stadt, sich bekehrt, das Strafgericht zurückgenommen wird (auch wenn Jona das mißfällt). Vor diesem Hintergrund: wäre es da nicht denkbar, daß die „drei Tage“ im Bauch des „großen Fisches“ (Kap. 2) nicht nur auf Tod und Auferstehung Jesu, sondern auch auf das an Petrus (die Kirche) gerichtete „dreimal wirst Du mich verleugnen“ zu beziehen wäre?
    Auschwitz, Schlüsselgewalt, Rechtfertigungslehre: Die Unfähigkeit, nach Auschwitz (auf traditionelle Weise) noch Theologie treiben zu können, hängt mit der Rechtfertigungslehre zusammen: Hier ist eine Tat, die nicht ungeschehen zu machen ist, mit dem „Mantel der Liebe“ nicht zugedeckt werden kann. Die bisherigen kirchlichen Rechtfertigungs- und Gnadenlehren gingen davon aus, daß die Schlüsselgewalt der Kirche die Ermächtigung enthielt, gleichsam die Geschichte umschreiben, das, was geschehen ist, als nicht geschehen ansehen zu dürfen. So jedenfalls wurde die Sündenvergebung verstanden und gehandhabt. Dem widersetzt sich Auschwitz auf eine Weise, die die kirchliche Rechtfertigungslehre endgültig obsolet gemacht hat. Vor allem: Auschwitz ist nicht vergangen (keine historische Untat ist vergangen), es ist in die Fundamente der Welt, in der wir leben und für die wir schon aus Gründen der Selbstachtung Verantwortung übernehmen und uns zur Rechenschaft ziehen lassen müssen, mit eingegangen, ebenso wie die erbarmungslose Geschichte des kirchlich-christlichen Umgangs mit den Ungläubigen, Ketzern und Frauen. Die kirchliche Rechtfertigungslehre hat das Eingedenken, die Kraft der Identifizierung durchs Selbsterhaltungsgebot ersetzt; indem sie das Nachfolgegebot (und die Gottesfurcht) leugnete, hat sie die notwendige Erinnerungs- und Trauerarbeit verhindert und den Leichenberg mit produziert, dessen unmögliche Rechtfertigung die paranoiden Systemzwänge erzeugt, die dem Selbsterhaltungsgebot in einer Welt entsprechen, in der es nur noch aufs Überleben ankommt. Eines der Produkte des Selbsterhaltungsprinzips, dessen blinde Gewalt heute absehbar in die Katastrophe führt (darauf bezieht sich die Bitte im Herrengebet: und führe uns nicht in Versuchung), ist die naturwissenschaftliche Aufklärung.
    Nicht nur, daß es nur diese eine Welt (und keine andere) gibt, es gibt auch nur diese eine Vergangenheit, die durch keine andere ersetzt werden kann. Diese Vergangenheit ist kein Steinbruch, aus der wir beliebig kulturelle, religiöse o.a. Traditionsbestände uns für den Eigenbedarf herausbrechen können, und die Welt ist kein Warenhaus für Fertigprodukte, für die wir Rohstoffe aus der Vergangenheit beliebig uns aneignen und verwerten können. Im Gegenstandsbegriff und in dem des vergegenständlichenden Bewußtsein steckt die ganze Geschichte mit drin; nur durch Erinnerungsarbeit ist die Gewalt der Vergangenheit, unter deren Bann wir stehen, indem wir uns über sie zu erheben meinen, ist der Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang, den diese Gewalt begründet, noch aufzulösen. Und nur so ist die befreiende Kraft der Empathie, der Identifikation, schließlich der Liebe wiederzugewinnen. Wir stehen in der Schuld der Toten, die einen Anspruch auf unser Eingedenken haben: und die Erkenntnis, auf die es ankommt, hat ihr Modell eher in der Hoffnung auf die Auferstehung der Toten (die wir für andere hegen) als in der auf Unsterblichkeit (die fast unrettbar unterm Bann des Selbsterhaltungsprinzips steht). Wenn dennoch die Unsterblichkeitslehre nicht ganz grundlos erscheint, dann vielleicht nur noch deshalb, weil sie die Notwendigkeit der Erinnerungsarbeit zu begründen vermag: nur wer so dem Punkt entgegengearbeitet hat, an dem er mit sich selbst ins Reine kommt („ohne Schrecken seiner selbst inne wird“), braucht das Totengericht nicht zu fürchten.
    Die große Bedeutung des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit liegt darin, daß es im Kernbereich der vergegenständlichenden Gewalt deren eigenes Gesetz dadurch entschärft, daß es seine unmittelbare Anwendbarkeit in Frage stellt, es als (nicht nur subjektiv, sondern auch objektiv) vermittelt erweist, der Reflexion (konkret: der Erinnerungsarbeit) zugänglich macht.

    Hegels Imperialismus, oder die Phänomenologie des Geistes als Generalmobilmachung: vgl. F.R. Hegel und der Staat, I, S. 209

  • 01.02.91

    Das Existentielle ist die wütende Spitze der Betroffenheit, Verdrängung der Reflexion, zivilisiertes Schamanentum.
    Erst wenn die Theologie selbst sich aus ihren double-bind-Fallen befreit, wird ihre Neubegründung möglich sein.
    Philosophie als Internalisierung des Schicksals und Instrumentalisierung des Absoluten: das hat der Islam versucht, in Religion zurückzuübersetzen. Der Gott des Islam ist der Schicksalsgott: Versuch, den verinnerlichten Schicksalsbegriff wieder ins Objektive zu wenden, aber das in einer Phase, in der es eigentlich nicht mehr möglich war. Der Islam ist eine kosmologische Religion; er hat die naturwissenschaftliche Aufklärung, die die alte Kosmologie (und deren gesellschaftliches Äquivalent) auf den Kopf stellt, nicht mitvollzogen. Das Christentum hat dann – nach der Rezeption der islamischen Aufklärung – am islamischen Theologie- und Gesellschaftsbegriff festgehalten; es hat die naturwissenschaftliche Aufklärung und die gleichzeitigen gesellschaftlichen Veränderungen nur hilflos und ohnmächtig aus sich entlassen müssen, ohne sie durch Reflexion aufarbeiten zu können: diese Entwicklung lag im blinden Fleck des nachkonstantinischen und nachislamischen Christentums.
    In der griechischen Philosophie macht sich das Subjekt selbst zum imaginären Herrn des Schicksals; es verfällt aber eben damit der Gewalt der Reflexionsbegriffe.
    Gottvertrauen kann allein das Vertrauen in die göttlichen Verheißungen sein, aber ist das heute noch möglich?
    Der Satz, daß Gott niemanden über seine Kraft vesucht, wird heute, da die Geschichte der Versuchung in einen Engpaß treibt und erstmals die ganze Menschheit umgreift, auf die Probe gestellt.
    Die Verarbeitung des Kreuzestodes in der Opfertheologie und deren Realisierung in der Volksfrömmigkeit hat (durch die subjektiv gewendete Leidensmystik, durch den Kult des Selbstmitleids) mehr zur Verdrängung des Ereignisses als zu seiner wirklichen Erinnerung beigetragen. Sie hat uns auf die Täterseite transportiert.
    Allein in dem Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“ wurde der Mechanismus durchbrochen, der uns hinsichtlich des Kreuzestodes Jesu auf die Täterseite stellt.
    Ist Hephaistos das Objekt des homerischen Gelächters?
    Die spezielle Relativitätstheorie hat das Inertialsystem erstmals der Reflexion zugänglich gemacht, es als Grundlage der Reflexionsbegriffe und ihrer Wirksamkeit, insbesondere der Macht der Derealisierung, erwiesen (vgl. den Zusammenhang mit dem Objektbegriff); in diesem Zusammenhang ist die Quantenmechanik, die das kritische Moment des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit neutralisiert, es erneut instrumentalisiert, tatsächlich ein ferner Verwandter, ein später Nachkömmling der Hegelschen Dialektik.
    Die Zensur bei der Berichterstattung über den Golfkrieg ist aus militärischer Sicht schon deshalb notwendig, weil dieser Krieg nicht mehr zu führen wäre, wenn wahrheitsgemäß mit der heute möglichen Aktualität über ihn berichtet würde.
    Die ganze Adornosche Philosophie ist eine Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums.
    Der Islam ist die Anpassung der jüdischen Religion an die Bedingungen des Heidentums, unter Fortfall der Opfertheologie. Allah ist der Gott des Erbarmens, er verzichtet jedoch auf die Forderung der Umkehr, an dessen Stelle der Islam, die Unterwerfung tritt.

  • 27.01.91

    Das transzendentale Subjekt ist das Subjekt der Selbsterhaltung und der wissenschaftlichen Naturerkenntnis: die Sozialisierung der Hybris, die durch die Erfolge der naturwissenschaftlichen Aufklärung stabilisiert wird (weil es keine Alternative dazu zu geben scheint), ist ohne gleichzeitige Vergesellschaftung der Paranoia (des Verfolgungswahns, des Systemzwangs) nicht zu haben. Die verdrängte Güte kehrt draußen als Feind wieder (in den Armen und den Fremden: zusammengefaßt als aufsässiges Objekt, dessen aufdringliche Fremdheit verfolgt und verdrängt, d.h. als Materie neutralisiert wird): aus diesem Konstrukt läßt sich das antisemitische Vorurteil als Nebenprodukt und zusätzlicher nützlicher Stabilisierungsfaktor zwanglos herleiten (die spezielle Relativitätstheorie Einsteins ist eine durchschlagende Widerlegung dieses Konstrukts, sie bleibt nur solange ohnmächtig und hilflos, wie ihre erkenntniskritische Bedeutung nicht begriffen ist).
    Gegen Lukacs‘ Vorstellung vom kontemplativen Charakter der wissenschaftlichen Naturerkenntnis ist kritisch auf das Moment der Praxis, das im Experiment sich zeige, hingewiesen worden. Übersehen wird hierbei, daß beides zusammengehört; daß – nach der Dialektik der Aufklärung – die (theoriebegründende) Distanz zum Objekt durch die Distanz, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt, vermittelt ist: D.h. das praktische Moment im naturwissenschaftlichen Erkenntnisprozeß, das Experiment, ist der Repräsentant, der Stellvertreter des unkenntlich gemachten, verdrängten Knechts, des Lohnarbeiters, nach Marx: der unterdrückten und ausgebeuteten Klasse. Hier kehrt im Zentrum der modernen Aufklärung der Kern des historischen Dogmatisierungsprozesses, die instrumentalisierte Opfertheologie, als Keim- und Quellpunkt des historisch-gesellschaftlichen Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs wieder. Der Vorhang, hinter dem sich dieser Prozeß (theologisch: die zwanghafte und ohnmächtig-hilflose Wiederholung des Kreuzesopfers) verbirgt, ist das Bekenntnis; heute – nach Auschwitz – ist dieser Vorhang zerrissen (Mt. 2751ff).
    Augenlust: Denken, das sich am Sehen, an der Anschauung orientiert, anstatt am Hören (mit den Ohren denken); Fleischeslust: das Fleisch ist das Subjekt der Bedürfnisse, Fleischeslust die Fixierung aufs Prinzip der Selbsterhaltung; Hoffart des Lebens: die vergesellschaftete Hybris (Zusammenhang mit den drei evangelischen Räten: Armut, Keuschheit und Gehorsam).
    Ist es eigentlich bloßer Zufall, und wenn nicht, welche Bedeutung hat es, wenn die Ausformung der heute noch gelehrten Gnadenlehre in die gleiche Zeit fällt, in der in den Moralkompendien jene kasuistischen Erörterungen der kirchlichen Sexualmoral sich ausbreiten, die nur noch obszön, voyeuristisch und von der Motivation her als pathologisch anzusehen sind.
    Ideologie ist Rechtfertigung: zunächst die individuelle Rechtfertigung von Handlungen (vor sich selbst und vor anderen), dann aber die kollektive Absicherung der Rechtfertigung von Anschauungen, Meinungen durch die Forderung der Zustimmung der anderen: durchs Bekenntnis, und die Verfolgung derer, die sich dieser kollektiven Absicherung entziehen: der Ketzer. Die zweite Form der Rechtfertigung gehorcht den Gesetzen der Paranoia und ist systemerzeugend. Oder Umgekehrt: Der Übergang von der ersten zur zweiten Form der Rechtfertigung ist durch Paranoia vermittelt; diese Paranoia hat einen Realgrund, ist in der Struktur der Welt und des die Welt objektivierenden Subjekts begründet. Die historische Genese des „westlichen“, „abendländischen“ Subjekts ist hierin begründet: im Übergang zur „Theologie hinter dem Rücken Gottes“, in der christlichen Gestalt der instrumentalisierten Religion.

  • 20.01.91

    Die Übernahme der Schuld der Welt: das war das antiimperialistische Moment und zugleich das Moment des göttlichen Selbstbewußtseins im Leiden Jesu. Wie konnte das in eine christliche Reichsreligion integriert werden?
    Die historische Auseinandersetzung mit der Natur und der Kampf mit dem (gefesselten) Drachen: Überschreiten nicht Chemie und Atomphysik mutwillig eine Grenze? Woher kommt die St. Georgs-Legende? Wie hängt sie mit dem Michaels-Mythos zusammen?
    Hängen die Rätsel, die der Islam uns stellt, mit seinen nomadischen Wurzeln zusammen: vergleichbar ist die Fremdheit der Roma und Sinti. Gibt es auf dieser Stufe schon den Unterschied zwischen Händler und Dieb; gibt es hier das institutionalisierte Tauschprinzip und den „gerechten Lohn“ oder den „gerechten Preis“, die Äquivalenz von Lohnarbeit und Ware; ist der Islam in einem strukturellen Sinne (kraft theologischer Bindungen) vorkapitalistisch? Zusammenhang mit der Weigerung, in den Objektivationsprozeß einzutreten (aus einer Welt, die durch den Anblick Gottes definiert ist, herauszutreten, sie von außen – von hinten – zu betrachten)? Spielt in den latenten Haß auf den Islam (wie auch auf die „Zigeuner“) der Haß auf jene mit herein, die sich weigern, wie wir (die bürgerlichen Christen) schuldig zu werden?
    Die Attraktivität des Islam scheint aus der „Ergebung“ und der Schicksalsgläubigkeit herzurühren: sie enthebt das Subjekt der realen Verantwortung, exkulpiert es dadurch, daß, was es auch immer tut, vorherbestimmt ist und in jedem Falle dem Willen Gottes entspricht. Hier ist das pathologisch gute Gewissen vorgebildet, daß dann (nach Rezeption des islamischen Religionsverständnisses) unter christlichen Voraussetzungen erst vollends böse geworden ist.
    Der Islam kommt über den Widerspruch nicht hinweg, kann ihn nicht auflösen, daß die Ergebung in den Willen Gottes einen instrumentalisierten Gott zur Grundlage hat: Die Ergebung ist die falsche Konsequenz aus einer Religiosität, die glaubt, sich ganz im Angesicht Gottes zu bewegen, in Wahrheit jedoch auf einen vergegenständlichten Gott sich bezieht, dessen Vorstellung und Begriff gleichsam hinter seinem Rücken gebildet wurde. Der Islam ist eine Seins-Religion, eine Philosphie-Religion, sozusagen die Fundamentalontologie als Religion. Allahu akbar: Der einzige Allah ist in der Tat nur der Größte. Alle übrigen Bestimmungen stehen unverbunden nebeneinander.
    Kennt der Islam eigentlich das Opfer, die Versöhnung oder Erlösung, den Kult, oder nur die kultische Pilgerschaft und das rituelle Gebet? Fällt der Islam ohne Rest unter die Dialektik der Aufklärung?
    Im Elektromagnetismus und in den mikrophysikalischen Erscheinungen drückt sich die Gewalt des Inertialsystems aus; sie sind nicht einfach im Inertialsystem „gegeben“, sondern durch das Inertialsystem produziert. Wer das Geheimnis dieser Gewalt, das Geheimnis der Funktion und Bedeutung des Inertialsystems (im Zusammenhang mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit) löst, wird die Welt mit anderen Augen sehen. Er wird insbesondere begreifen, was es bedeutet, wenn es heißt, daß ihnen (sc. den ersten Menschen nach dem Sündenfall) die „Augen aufgingen“, und sie sahen, daß sie nackt waren (Nackheit als Folge des Falls).
    Schelers Konzept einer Rangordnung der Werte hing zusammen mit den hierarchischen Strukturen in den Verwaltungen und den Gehaltsstufen in den Angestellten-Tarifverträgen (letztlich an der militärischen Hierarchie); wie überhaupt der Wertbegriff das Moment der Masse im physikalischen Objekt widerspiegelt.
    Adornos Satz „das Ganze ist das Unwahre“ wird konkret in der Kritik des Natur- und des Weltbegriffs: er führt mitten in die Theolgoie.

  • 15.01.91

    Georg Lukacs hat in „Geschichte und Klassenbewußtsein“ Hinweise auf eine marxistische Kritik der Naturwissenschaften gegeben, die er zwar später wieder zurückgenommen hat, deren produktiver Ansatz heute duetlich gemacht werden kann: Die von Frankfurter Seite mit dem Hinweis auf die experimentelle „Praxis“ geübte Kritik an Lukacz‘ Begriff des „Kontemplativen“ (der rein anschauenden Beziehung zum Objekt) vergißt die Einsicht der „Dialektik der Aufklärung“, wonach die Distanz zum Objekt durch die Distanz der Herrschenden über die Beherrschten vermittelt ist. Es ist diese (in der kantischen Philosophie durch die Unterscheidung von transzendentaler Anschauung und transzendentaler Logik bereits angezeigten) besonderen Beziehung von Anschauung und Praxis, Ursprung der Beziehung von Verwaltung und Industrie, die hier näher zu bestimmen wäre (Rückwirkung der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Natur auf die Gesellschaft; Einbeziehung auch des Motors der Emanzipation – des naturwissenschaftlichen Aufklärungsprozesses: in den Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang – negative Trinitätslehre?). Hier ist der Ansatzpunkt für eine gesellschaftlich-geschichtliche Kritik der Naturwissenschaften.
    Die kantischen Formen der Anschauung (Raum und Zeit) sind sowohl die subjektiven Bedingungen der transzendentalen Logik (des historischen Objektivationsprozesses) als auch selber objektivierungsfähig (Inertialsystem; Bedeutung des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und der Identität von träger und schwerer Masse). Sie sind so der Statthalter sowohl des Naturgrundes von Herrschaft als auch seiner Vergesellschaftung im Subjekt (Ursprung der Reflexionsbegriffe und Grund der Konstituierung des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs). Die europäische Gesellschaft ist die historische Gestalt der dem Bewußtsein entfremdeten Empörung, die exakt dem Naturgrund von Herrschaft korrespondiert: Deshalb ersetzt hier immer noch die Empörung das Argument. Bekenntnis als Empörung (Bekenntnis als „Weltanschauung“ – Brutalität der „Weltanschauungskriege“ bei gleichzeitiger Verdrängung des Bewußtseins und der Erinnerung der Brutalität darin begründet).
    Der Entkonfessionalisierung der Kirchen entspräche eine Form des Bekenntnisses, die nicht mehr zur Empörung sich anreizen läßt, der Empörung nicht mehr bedarf (wohl des Zorns).
    Die Formen der Anschauung sind die Formen der gegenständlich gewordenen, versteinerten Empörung; die Form ihrer Objektbeziehung entspricht der des Hohns, des kalten Auslachens: der apriorischen Verurteilung. Grund der Gemeinheit.
    Startbahnprozeß: Die Empfindlichkeit ist ein Gradmesser der verdrängten Sensibilität (Konstruktion des Selbstmitleids; Ableitung seiner gesellschaftlichen, rechtlichen und politischen Folgen; Zusammenhang mit der Geschichte des Christentums).

  • 10.01.91

    Die Person ist Gegenstand von (Wert-)Urteilen: darin ist der Zusammenhang der Wertphilosophie mit dem Personalismus bei Scheler begründet. Als Urteilsobjekt aber kann die Person nicht „ich“ sagen (erst die – logisch nicht haltbare – Hypostase des „Ich“ kann zum Gegenstand gemacht werden: das idealistische Absolute).
    Ich und Du: Im Liebesbekenntnis wird der Geliebte als göttliches Du angesprochen; darauf antwortet er mit dem Schuldbekenntnis: Ich bin nur ein Mensch. So wird der Schuldzusammenhang aufgelöst: durch Ausbreitung dieser Liebe. – Das Christentum hat dieses Verhältnis auf die Beziehung zu Jesus tendentiell eingeschränkt und so dogmatisch verdinglicht (im christlichen Bekenntnis, in dem die Spuren dieses Verhältnisses noch zu erkennen sind: insbesondere in der Lehre von den zwei Naturen in Christus; das verdinglichte Bekenntnis ist dann zum Modell des politischen Zwangsbekenntnisses geworden – um den Preis der falschen Vergöttlichung des Staates (des falschen Gottessohns), der Hypostasierung des Staates als Prinzip der Anklage, der Stabilisierung des Herrendenkens und des ihm korrespondierenden Verhältnisses des Bewußtseins zur Objektivität, der Erhaltung des so unauflösbar gewordenen Schuldzusammenhangs). Die Ausbreitung durch Nachfolge (in der das Verhältnis von Liebes- und Schuldbekenntnis erlösende Kraft gewinnt) ist von den Kirchen seit je unterbunden worden. – Hierauf beziehen sich die Sätze Adornos: „Heute fühlen sich alle ungeliebt, weil keiner mehr zu lieben fähig ist“, und: „der Ankläger hat immer Unrecht“.
    Vor diesem Hintergrund ist die Physik ein Teil der Staatsphilosophie, und ihre Kritik ist ein notwendiges Moment der Kritik an der Selbsterhöhung des Subjekts (der „Empörung“), die stabilisiert und der Reflexion entzogen wird durch eine gleichsam mystische Partizipation an der richtenden Gewalt des Staates. Die Geschichte dieser „Empörung“ läßt sich ablesen an der Geschichte des Natur- und des Weltbegriffs (oder der Herrschaft des Trägheits- und des Tauschprinzips).
    Gibt es außer dem Natur- und Weltbegriff noch eine dritte Hypostase des Rosenzweigschen Begriffs des Alls (neben der Neutralisierung des Schöpfungs- und Erlösungsbegriffs durch den Natur- und Weltbegriff die des Offenbarungsbegriffs durch den Begriff der Wissenschaft)?
    Raum und Zeit werden nicht von außen an die Dinge herangetragen (oder die Dinge von außen in sie hereingebracht), sondern haften den Dingen an wie das Schneckenhaus der Schnecke. Jedenfalls ist das die mit dem Relativitätsprinzip verbundene Vorstellung. Das einzige Objekt, dessen Beziehung zu Raum und Zeit sich nicht unter diese Vorstellung bringen läßt, ist das Licht (Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit: niemand kann über seinen eigenen Schatten springen). Was bedeuten eigentlich das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und die Identität von träger und schwerer Masse für den Stellenwert des Inertialsystems?
    Kabarett, Satire, Empörung oder der Genuß, Recht zu behalten: daher die Wirkungslosigkeit des Kabaretts? Lachen als Identifikation mit dem Aggressor (Lachen und Konstituierung des Inertialsystems)?
    Alle Religionen tragen heute museale Züge, sind anachronistisch. Gleichwohl gibt es keine Religionskriege mehr. Wenn Kriege so bezeichnet werden (vom Nordirland-Konflikt bis zur Golf-Krise), dann hat das real nur die Bedeutung, daß auch obsolet gewordene Religionen Stellungen des Bewußtseins zur Objektivität repräsentieren und damit Verhaltensweisen stabilisieren, die rationale Konfliktlösungen zumindest erschweren, wenn nicht ausschließen. Die Eröffnung und Begründung von Friedensmöglichkeiten muß die Selbstreflektion der durch religiöse Traditionen bedingten Blockaden von Konfliktlösungsstrategien mit einschließen (im Golf-Konlikt die kritische Selbstreflektion der drei Buch-Religionen).
    Ontologie, Wissenschaft und Sprachzerstörung, die „verandernde Kraft des Seins“: das Sein (die Kopula, der indikativische Satz, das apodiktische Urteil) nagelt das Objekt fest, macht es überhaupt erst zum Objekt: setzt es – durch Verwandlung in ein Objekt des Wissens – unter Narkose, durch Subsumtion unter die Vergangenheit (gewußt wird nur das Vergangene, und die Natur nur insoweit, als sie unter die Vergangenheitsform sich bringen läßt). Das Sein ist das sprachliche Äquivalent des Inertialsystems und des Tauschprinzips in der Wissenschaft: Es macht wie diese das Ungleichnamige gleichnamig, es zerstört die Sprache.
    Das heutige naturwissenschaftliche „Weltbild“ (das gegenständliche Korrelat eines an Reproduzierbarkeit und Intersubjektivität gebundenen Wahrheitsbegriffs, in dem das Subjekt nicht mehr vorkommt) zieht seine Teilhaber zwangsläufig in den Bann des Vergangenen mit herein. Insoweit ist es ebenso zwangsläufig atheistisch (und jeder Versuch, mit naturwissenschaftlicher Begründung eine Rehabilitierung der Religion zu betreiben, schändet die Religion). Grundlage einer Kritik der Naturwissenschaften ist die Idee des seligen Lebens, ihr Modell die Lehre von der Auferstehung der Toten, nicht die von der Unsterblichkeit der Seele: d.h. die Kritik der Naturwissenschaften verknüpft die Idee einer Resurrektion der Natur (aus dem Totenreich des Inertialsystems) mit der einer Resurrektion des Subjekts (der Befreiung, Erlösung vom Inbegriff und von der Hypostasierung der Selbsterhaltung: vom Bann der Identität und von der Idee des transzendentalen Subjekts).
    „Die Ablösung der Herrschaft über Menschen durch die gemeinschaftliche Verwaltung von Sachen“ wäre nur möglich, wenn sich beides wirklich voneinander trennen ließe (vgl. P. Bulthaup: Zur gesellschaftlichen Funktion der Naturwissenschaften, S. 139). Die Vorstellung, beides ließe sich trennen, fällt hinter die Dialektik der Aufklärung zurück; sie resultiert aus dem undurchschauten Stellenwert der Naturwissenschaften, aus der unbegriffenen Stellung des naturwissenschaftlichen Bewußtseins zur Objektivität. Dazu paßt es, wenn P.B. in seinen Bemerkungen über die Offenbarungsreligion (S. 120ff) unbewußt in antisemitische Konstrukte hineingerät (er hätte vielleicht doch einmal die Propheten und Hermann Cohen lesen sollen).

  • 08.01.91

    Vorrangiges Objekt der Physikkritik ist das Inertialsystem: als Grundlage und Referent aller physikalischen Begriffe. Bedeutung der zwei zentralen Entdeckungen Einsteins:
    – spezielle Relativitätstheorie: das System ist gegen gleichförmig-geradlinige Bewegungen invariant (Lichtbewegung keine Trägheitsbewegung; Elektromagnetische Gleichungen nur Form der Objektivation unter den Bedingungen des Inertialsystems, Hinweis auf Differenz zur zugrundeliegenden Realität; Konstanz der Lichtgeschwindigkeit: das System ist endlich, „nach innen“ begrenzt);
    – allgemeine Relativitätstheorie: träge und schwere Masse sind identisch: Fallbewegung gleich Trägheitsbewegung: Anpassung des Inertialsystems: das System muß auch gegen gleichförmig beschleunigte Bewegungen invariant sein („Krümmung“ falsche Erscheinung im Inertialsystem, selbstreferentielle Beziehung: „nach außen“ begrenzt).
    Das Licht und die Schwerkraft sind dem Inertialsystem transzendent. Ihre Subsumtion unters Inertialsystem (die Schwerkraft am Anfang, das Licht am Ende des naturwissenschaftlichen Objektivationsprozesses): ihre Vergegenständlichung ist Produkt einer Vermittlung, die ihr Resultat nicht unberührt läßt (gibt es hierzu gesellschaftliche Korrelate: die Subsumtion der Arbeit unters Tauschprinzip begründet den Kapitalismus, die der Privatsphäre, der sinnlichen Qualitäten, der technischen Reproduzierbarkeit der sinnlichen Welt: des Inbegriffs der entfremdeten Subjektivität und der Verinnerlichung der Dialektik von Herr und Knecht, beschließt ihn).
    Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und der Identität von träger und schwerer Masse?
    Die Trägheitsbewegung ist ein Derivat der Fallbewegung („die Welt ist alles, was der Fall ist“). Nur das Licht ist dem Fall enthoben? Die Simultaneität des Raumes (des Inertialsystems) ist ein durch den Fall vermitteltes Derivat der Gegenwart (des Lichts), die dem Vergehen – und dem Wissen – ein Objekt verschafft (die Vergangenheit, die nur als eine der Gegenwart entfallene Vergangenheit sich denken läßt: es gibt keine ursprüngliche Vergangenheit).
    Gegenstand des Wissens ist das Vergangene: wie wird es zum Gegenstand des Wissens? In der Physik durchs Inertialsystem, in der Philosophie durch den Begriff (Vernichtung und Aufhebung des Objekts).
    War die Virginitas (das weibliche Korrelat des Bekenntnisses) ein Protest gegen den Warencharakter der Frau (Ehevertrag als Kaufvertrag; Beischlaf als Kauf- und Nutzungsakt)? Steckt darin auch ein Hinweis auf die Bedeutung des Bekenntnisses (Vergeistigung der Zeugung: objektiviert in der Trinitätslehre)? Zusammenhang mit der Geldwirtschaft. Bedeutung der evangelischen Räte (Gehorsam, Armut und Keuschheit): Ihr könnt nicht zugleich Gott dienen und dem Mammon. Die unbefleckte Empfängnis war demnach die vom Tauschprinzip unbefleckte Empfängnis; und Maria ist Jungfrau geblieben heißt: sie ist nicht Eigentum des Mannes geworden. Die Biologisierung des Keuschheitsgebots ist (zusammen mit den damit verbundenen paranoiden Blut- und Reinheitsvorstellungen) Modell und Ursprung des Rassenantisemitismus.
    Das Bekenntnis liegt in der Nachfolge des Martyriums: der Zeugenschaft. Frauen waren nicht bekenntnisfähig, weil sie nicht Zeugen sein konnten (das Martyrium war möglich, das Bekennertum nicht: Folge der Anpassung an die Welt; gleichzeitig Biologisierung der Jungfrauenschaft). Ursprung der Zeugenschaft ist das (Straf- und Zivil-)Recht: der Nachweis eines Verbrechens und der Vertragsstreit, der Streit über ein Schuldverhältnis, der durch zwei Zeugen aufgelöst, befriedigt werden kann (Vgl. hierzu die Bemerkungen von Lyotard zu Auschwitz).
    Die paulinische Kritik des Gesetzes, sein Rechtfertigungs- und Glaubensbegriff, seine Gnadenlehre, seine Christologie, seine Lehre von der Eucharistie, von Tod und Auferstehung, auch seine Frauenfeindlichkeit werden vor diesem Hintergrund verständlich?
    Ödipuskonflikt in der realen Geschichte des Christentums begründet? Inzesttabu und Verletzung des Inzesttabus (Mutterideologie als letzte und gefährlichste Phase des Säkularisationsprozesses: vgl. Drewermanns Kleriker-Buch).

  • 05.01.91

    Zusammenhang des Bekenntnisses mit den Strukturen und Mechanismen, die die Markenzeichen und -namen begründen. Der Markenname ist ein reiner Kollektivname, kein individueller Name; er steht aber auch nicht in der hierarchisch-genealogischen Folge von Gattung und species; er tendiert vielmehr zur reinen Differenz, und zur Tautologie (mit der Nähe zur Blasphemie: Persil bleibt Persil). Er usurpiert die Funktion des Namens, im Gegensatz zum Begriff (die gleiche Struktur und Funktion wie Markennamen haben heute Firmen-, Partei- und Vereinsnamen: auch diese fordern heute das Bekenntnis; und überall reagieren die Anhänger so wie die Kinder, die nur Adidas-Schuhe tragen wollen; jeder Kauf- und Wahlakt ist bereits ein Bekenntnisakt). Genau an dieser Stelle wird etwas vom Problem des Bekenntnisses sichtbar, das ursprünglich das Bekenntnis des Namens war, diesem Bekenntnis befreiende Funktion zusprach. Wenn Christus später dann gleichsam als Familienname (Vorname Jesus) verstanden wurde, nicht mehr als Bezeichnung des Messias, so zeichnet sich hier der Zerfall des Bekenntnisses ab: die Ersetzung des Namens durch die Person, die er bezeichnet, und den Begriff, der dann am Ende wieder zum Namen wird. (Reklame verschweigt den Tod: verweigert und verdrängt wie das Zwangsbekenntnis die Erinnerungsarbeit.)
    Das christliche Bekenntnis tritt die Nachfolge der Magie an, wenn es von der Nachfolge Christi getrennt wird. Die Geschichte der Dogmenentwicklung ist die Geschichte der Remagisierung des Christentums (Sakramentenlehre). Das Zwangsbekenntnis ist genau so hilf- und wirkungslos wie der Regenzauber. Und die Hexen wurden nur deshalb so wütend vefolgt, weil sie an dieses magische Selbstverständnis des Christentums erinnerten. Die Gewaltbereitschaft der Gläubigen ist der Reflex auf dieses magische Selbstverständnis, an das man selber nicht mehr glaubt: die reale Gewalt soll ersetzen, was die magische nicht mehr leistet.
    Das jüdische Bekenntnis, das „Höre Israel“ ist ein Liebesbekenntnis und ein Schuldbekenntnis zugleich. Das christliche Bekenntnis behält davon nur die formale Hülle zurück: die Verknüpfung eines vergangenen Ereignisses (Repräsentant der Schuld, die zugleich das Projektionsangebot enthält) mit einer zukünftigen Hoffnung, Erwartung (der Begründung der Möglichkeit der Liebe, des rechten Handelns).
    Ist der Neue Bund (das Novum Testamentum) ohne das Nachfolgegebot überhaupt tragfähig?
    Das Christentum ist heute zentral vom Gedächtnisverlust, vom Vergessen, von der Erinnerungslosigkeit geprägt; Ausdruck dessen sind seine erbaulichen Versionen (die es in verschiedenen Gestalten gibt). Es bedarf großer Anstrengung, um durch Erinnerungsarbeit wieder zum eigentlichen Inhalt durchzudringen. Theologie könnte diese Erinnerungsarbeit sein. Voraussetzung wäre, daß die Vorkehrungen außer Kraft gesetzt werden, die durch ihr Gegenstands- und Wahrheitsverständnis diese Erinnerungsarbeit gerade ausschließen. Die dogmatische Theologie leistet durch ihr Erkenntnisgesetz gegenüber ihrem eigenen Inhalt dasselbe wie die Naturwissenschaften gegenüber der Natur. Kann man Theologie treiben ohne Gottesfurcht?
    Der sogenannte Urknall, der Big Bang, war nicht am Anfang, sondern kommt, wenn wir den Dingen ihren Lauf lassen, am Ende.
    Welt und Natur sind – auch als philophische Begriffe – politischen Ursprungs, in der Theologie nur Gegenstand der Kritik.
    Ist der Turmbau zu Babel ein Typos des hierarchischen Denkens? -Zur Geschichte der Architektur: Vom Turmbau zu Babel zum Haus des Seins.
    Der Personbegriff, der den Träger des Namens bezeichnet, neutralisiert den Namen, macht ihn verwaltungsfähig.
    Die Neutralisierung des Messiasnamens durch das griechische Christus, hat diesen Namen herrschaftsfähig (und in einer fatalen neuen Weise bekenntnisfähig) gemacht: Durch die neue Form des Bekenntnisses wurde das Christentum unter Narkose gesetzt.
    Herrendenken setzt Reflexion voraus und verdrängt sie zugleich (durch listigen Gebrauch). Oder: Herrendenken ist zweite Unmittelbarkeit, die die erste verdrängt.
    Die Ursprünge des Christentum liegen bei Juden, Ketzern und Frauen: Deshalb wurden diese in der Geschichte des Christentums immer wieder verfolgt (Kampf gegen die Erinnerung). Zusammenhang mit der Entwicklung der Kirche, der Einführung des Bischofsamtes, der Entstehung und Festlegung des Schriftkanons und der Entwicklung des Dogmas: Der Kanon ist antijüdisch, das Dogma antihäretisch, das Bischofsamt sexistisch. Oder die Gefahr des Kanons ist die der Leugnung des Vaters, die des Dogmas die der Leugnung des Sohnes und die des Bischofsamtes die der Leugnung des Heiligen Geistes.
    Das Bekenntnis ist das vergeistigte Martyrium, und die Vergeistigung die Identifikation mit dem Aggressor. Zusammenhang mit den evangelischen Räten (Gehorsam, Armut, Keuschheit: Absterben des Eigenwillens, des Eigentums und der Sinnlichkeit): darin ist das Martyrium (durch Formalisierung) im Hegelschen Sinne aufgehoben. Zugleich wird das zentrale Moment der Nachfolge verraten und unkenntlich gemacht.
    In der Auseinandersetzung mit den Häresien hat die Kirche durch Identifikation mit dem Aggressor das häretische Prinzip in sich mit aufgenommen: jeder Sieg über die Häresie war eigentlich eine Niederlage.
    Der Faschismus ist die letzte Verkörperung der Sünde wider den Heiligen Geist; er war aber insofern nur die „Generalprobe“, als der Antichrist am Ende diese Verkörperung in der Verkleidung des Christentums selber darstellen wird.
    Pater noster, qui es in caelis: nicht „in caelo“ (aber: fiat voluntas tua sicut in caelo et in terra).
    Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit rührt an die Idee des Ewigen. Wenn es gelingt, diesen Punkt genau herauszuarbeiten, müßte es möglich sein, die Naturwissenschaften von ihrem Bann zu befreien.
    Ist die dogmatische Bindung des Christen an die Trinitätslehre, an die Bekenntnispflicht, Modell der Beziehung des materiellen Objekts zum dreidimensionalen und ein früher Vorgriff darauf?
    Ist das Bekenntnis, das Symbolum ein reales oder ein stellvertretendes Bekenntnis (für die ganze Kreatur)? Nur so wäre das Zwangsmoment in Freiheit umzukehren. Ein Glaube, der nur für sich glaubt, der nicht die Armen und die Fremden, die Leidenden, die Unterdrückten und die Zukurzgekommenen mit einschließt, ist irreal.
    Eine Lehre, die wie ein Besitztum streng gehütet wird, anstatt im Wandel des historischen Prozesses neu gewonnen zu werden, verkommt, stirbt ab.
    Ist die Kirche etwa der Lazarus („Herr, er riecht schon“ – oder auch der, der die Brosamen an den Tischen der Reichen aufliest).
    Wer ist der Adressat des Confiteor (deus omnipotens etc.)? Und in welchem (inhaltlichen und funktionalen) Verhältnis steht das Confiteor zum Credo in der Messe? Konstruktion der Messe: Stellung und Bedeutung des Lavabo?
    Das pathologisch gute Gewissen ist sowohl katholisches Erbe als auch ein Rechtsinstitut (Bedingung des Urteilens): Niemand hat das autoritäre Exkulpationsritual nötiger als Staatsanwälte und Richter.
    Die Derrik- uund Schymanski-Mentalität, die im Vorhinein schon weiß, wer der Schuldige ist, ihn dann nur mit allen Mitteln zur Strecke zu bringen sucht (wobei das Vorauswissen als Rechtfertigung auch brutaler Mittel benötigt wird).
    Wenn man Längenkontraktion und Zeitdilatation zusammennimmt, wie ändern sich dann die Geschwindigkeiten? Die Strecken werden kürzer, die Zeiten dehnen sich: müßte nicht die Geschwindigkeit sich gleich bleiben? Gibt es auch den umgekehrten Effekt der Zeitkontraktion und der Längendilatation? – die umgekehrte Relation des ruhenden zum bewegten System (anhängig von der relativen Richtung von Licht und bewegtem Objekt)? Gibt es eine Beziehung zwischen diesen beiden Beziehungen?
    Verweist das Verhältnis von Körpergröße und Gewicht bei den Dinosauriern auf eine andere Gravitationsstruktur? Und weist das plötzliche Aussterben der Dinosaurier auf eine Änderung in dieser Struktur hin? – Maus/Elefant: Kurz-/Langzeitgedächtnis?
    Die Weltkriege als Phasen des Weltuntergangs begreifen. Wir leben in den Trümmern, die der Wiederaufbau nur verdeckt, nicht wirklich beseitigt hat, und merken es immer noch nicht. Geduld und langer Atem sind notwendig, um in den Bruchstücken die Elemente der neuen Welt zu finden und an ihrer erneuten, veränderten Zusammensetzung mitzuarbeiten.
    Wer der Gewalt der Sprachzerstörung, die in den Begriffen liegt, nicht verfallen will, muß die benennende Kraft der Sprache zurückgewinnen. Das wäre die Aufgabe der Philosophie heute. Insbesondere bedarf es heute der adamitischen Kraft, die beiden Tiere zu benennen. Zentrales Modell für die Wiedergewinnung der benennenden Kraft der Philosphie wäre heute die Kritik der Naturwissenschaften. Die Naturwissenschaften sind keine Weltbild-Produzenten, sondern sie bergen in sich die subversive Kraft, die die Weltbilder zerstört.
    Hegel hatte geglaubt, das Bild einer neuen Welt erstellen zu können; das war sein Fehler. – Die kommende Welt – wie immer sie auch sonst beschaffen sein mag -, eines ist gewiß: sie ist bilderlos.
    Die Umkehrung des Trotzes war die Liebe, die des Charakters die geliebte Seele. Nach Rosenzweig ist das Bekenntnis der Seele die Antwort auf die Offenbarung.
    Ist der dreifache Verrat des Petrus auch inhaltlich unterschieden?
    Die Virginitas ist ein Symbolum, kein Biologicum.
    Seit der Phänomenologie ist der theologische Gebrauch des Begriffs der Anschauung obsolet geworden. Die Phänomenologie hat als reine Theorie zugleich dieses zentrale Moment der philosophischen Tradition, die Theoria, liquidiert (Zusammenhang von Anschauung und Bekenntnis!).
    Nicht die Umwertung aller Werte, die vielmehr genau in die Katastrophe hineinführt, zu deren ersten Vorboten gehört, sondern die Kritik des Wertbegriffs selber, genauer: die Kritik jenes Begriffs der Objektivität, in dem der Begriff des Werts entspringt, sich konstituiert, ist der Anfang der neuen Philosophie.
    Der engliche „cant“ war für Max Scheler die Projektions-Müllhalde, auf der er alles abladen konnte, was er in sich selbst verdrängen mußte.
    Man kann sich zu einer Sache bekennen, von der man überzeugt ist.
    Schellings „das Zukünftige wird geahnt“ stellt eine Beziehung zur Zukunft her, die dem des Schicksals entspricht. Die Zukunft ist etwas, was von außen her eintritt, außer jeder Beziehung zum eigenen Handeln, von dem für den, der nur noch „ahnt“, nichts mehr abhängt.
    Eine Zukunft, von der man „überzeugt“ ist, ist entweder Gegenstand einer negativen Prognose (Vorteil: wenn’s eintrifft, behält man recht, wenn nicht, wird die Prognose vergessen) oder aber Gegenstand eines (zwangsweise) geglaubten Bekenntnisses. Das reale Verhältnis zur Zukunft ist das der Gottesfurcht: eben diese wird durch die Überzeugung verdrängt.
    Wer die Zukunft dingfest machen will, erträgt es nicht, in der Gottesfurcht zu bleiben: er verachtet die Weisheit. Er ist zum Verdummen verurteilt.
    Wenn Erkennen etwas mit der Zeugung zu tun hat (Adam erkannte sein Weib …), dann ist das Überzeugen eine Vergewaltigung.
    Verhältnis von chemischem und juristischem Prozeß: Am Ende bleibt die Asche.
    Die Fundamentalontologie ist die in objektloser Angst erstarrende Hypostasierung des Wissens, das dann keines mehr ist.
    Zur philosophischen Bildung heute gehört die Lektüre des „Angehörigen-Info“.

  • 20.12.90

    Verführung durch den positiven Naturbegriff (das „Zurück zur Natur“ ist die Regression in die Barbarei): Vorstellung eines Grundes, auf dem alles aufruht, unzutreffend; das Widerständige, Böse ist nicht von außen in eine an sich heile Natur hereingekommen und kann deshalb durch menschliche Praxis, durch wissende Veränderung auch nicht eliminiert werden; die Vorstellung, daß die Welt danach wieder in Ordnung wäre, ist Ideologie. Völlige Veränderung der Perspektive, wenn begriffen wird, daß die Hypostasierung der Natur Produkt einer (paranoiden) Projektion ist (Humes Kritik der Kausalität und des Dingbegriffs sowie in seiner Nachfolge die positivistische Kritik der Äther- und Molekulartheorien wurden deshalb so wütend abgewehrt, weil sie an das dogmatische Selbstverständnis und das pathologisch gute Gewissen des wissenschaftlichen Erkenntnisbegriffs, an die Grundlagen des autoritären Charakters, nicht zuletzt des Antisemitismus, rührten). Heute hätte die Verdinglichungskritik ihr zentrales Objekt an der gesamten Mikrophysik, an der Abwehr aller Versuche, die mikrophysikalischen Strukturen aus dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit abzuleiten: Voraussetzung wäre die präzise Diskussion des mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit verbundenen Bewegungsbegriffs; das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit destruiert die Vorstellung eines mit Lichtgeschwindigkeit sich bewegenden Objekts; den mathematischen Strukturen angemessener wäre die mit einer Umkehrung des Richtungssinns verbundene Vorstellung einer Bewegung des Raumes, nicht des Objekts: Korrelat des Falls, der Vergängnis: diese Vorstellung löst auch die Rätsel des Quantenproblems.
    Die Instrumentalisierung ist eins mit der Verdinglichung, der Austreibung der Sinnlichkeit; das gilt für die Dogmengeschichte wie für die Geschichte der Naturwissenschaften. Die christliche Sexualmoral ist die Grundlage für die Entrealisierung und Verdrängung der primären Sinnesqualitäten: Nicht zufällig erinnert der Empfindungsbegriff an den der sinnlichen Lust.

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