Faschismus

  • 10.11.92

    Zur Kritik des Tauschprinzips: Der Preis, das Opfer und die Strafe.
    Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen: Das Inertialsystem wird nicht siegen. Und ist hiernach die Rücknahme der Verurteilung Galileis, und zwar der Form, nicht der Sache nach, ein Teil der Selbstverfluchung?
    – Sollte der Papst wirklich gesagt haben: Galilei, ich verzeihe dir, so klingt das, als wenn auch die Deutschen eines sich bereit erklären würden, den Juden Auschwitz zu verzeihen.
    – Und wenn der Papst die Männer der Inquisition mit dem Hinweis auf den „guten Glauben“, in dem sie gehandelt hätten, verteidigt, so wird man daran erinnern müssen, daß mit dem gleichen Argument („fehlendes Unrechtbewußtsein“) die ganze Nazijustiz freigesprochen wurde, ja daß mit diesem Argument die Täter selber (in Auschwitz und den anderen KZs), die auch glaubten, für eine gute Sache zu handeln, nicht hätten schuldig gesprochen werden dürfen. Auch der Fremdenhaß und der Antisemitismus sind bona fide geschehen.
    Das „Herr vergibt ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, kann und darf niemand auf sich selbst anwenden (dieser Aspekt, der eine seiner Wurzeln in der paulinischen Gesetzeslehre hat, gehört zu den Gründen der Theologie).
    Das bona fide gehört zu den Wurzeln der Perfidie, die die Kirche seit je an den anderen (insbesondere an den Juden) verfolgt hat.
    Zur Anzeige der Frankfurter Sparkasse in der FR von heute: Dies ist der unverhohlene Aufruf dazu, Frankfurt endlich mieterfrei zu machen. Der Hinweis darauf, welche Gewinne z.Z. aus den Mietsteigerungen gezogen werden können, ist selber eine der Hauptursachen der Mietsteigerungen. Hier (an der Grenze, an der Politik, Ökonomie und Reklame in einander fließen) läßt sich verdeutlichen, wie Anschauungen, die vorgeben, ideologiefrei zu sein, fast naturgesetzlich und zwangsläufig Zustände begründen, die Haß auf die Fremden dann als Blitzableiter brauchen, d.h. zum Ideologie-Generator werden. Diese Reklame verschweigt nicht mehr nur den Tod, sondern sie gehört zu den Schreibtisch-Ursachen des Mords. Heute glaubt die Politik insgesamt, durch Perhorreszierung des Denkens ideologiefrei leben zu können.
    Der Kampf gegen die Fremdenfeindlichkeit unter dem Titel Rassismus ist ohnmächtig und hilflos, weil nach dem Modernisierungsschub, den der Faschismus geleistet hat, die Brutalität die Rechtfertigung durch den Rassismus nicht mehr braucht, sondern schlicht und einfach nur noch auf Fremdheit reagiert. Und die, die heute als Nazis sich gerieren, haben das entweder noch nicht gemerkt (und sind noch dümmer, als die Nazis es schon waren), oder sie verkleiden sich bloß aus Reklamegründen, nutzen das Nazibild als Wirkungsverstärker.
    War die Gnosis nicht ein Stück offener Projektion, steckte der Demiurg nicht in der logischen Fluchtlinie jener Gestalt der Theologie, die durch Zuhilfenahme der Philosophie von ihrem jüdischen Ursprung glaubte sich emanzipieren zu müssen? Der christliche Gott trägt seit den Anfängen der hellenisierten Theologie demiurgische Züge; so war der Zwang, sie auf den eigenen Ursprung zu projizieren, fast unwiderstehlich. In der Gnosis hat die Kirche erstmals ein Stück ihrer selbst verdammt, ohne sich real davon befreien zu können. Und hat die Kirche nicht seitdem in ihren Feindbildern das Unerlöste in sich selber gehütet und gepflegt?
    Seid arglos wie die Tauben: Steckt nicht in jedem Wohnen ein Stück „Argwohn“?
    Rankes Satz, es sei Aufgabe des Historikers zu erkennen, wie es denn eigentlich gewesen sei, unterschlägt das Was. Er vernebelt damit, daß für den Historiker dieses Was vorgegeben ist durch sein (damals vor allem nationales) Interesse. Nur wer das nicht mehr zu reflektieren bereit ist, für den bleibt nur das Erkenntnisziel, wie es den eigentlich gewesen sei. Das Was erscheint als Objekt der freien Wahl.
    Randbemerkung hierzu: Spielt hier nicht auch die merkwürdige Beziehung der Fragewörter zu den bestimmten Artikeln mit herein, die Beziehung von wer wie was zu der die das?
    – Hier steht das Wie in einer noch unaufgeklärten Beziehung zum femininen Artikel. Hängt das Wie mit der Instrumentalisierung des Weiblichen zusammen, die die patriarchalische Sprache insgesamt charakterisiert? Und
    – hängt es nicht auch damit zusammen, daß in den indogermanischen Sprachen im Weiblichen Genitiv und Dativ (und im Weiblichen und im Neutrum Nominativ und Akkusativ) nicht zu unterscheiden sind. Das aber heißt, daß das Weibliche wie das Neutrum im strengen Sinne subjektlos sind (keinen Nominativ haben), nur als (aus dem Akkusativ abgeleitetes) Objekt vorkommen, und daß im Weiblichen darüber hinaus durch die Nichtunterscheidung von Genitiv und Dativ das Herrschafts- und Besitzverhältnis des Genitiv von der Geschenk- und Gnadenbeziehung des Dativ nicht sich trennen läßt: die Differenz von Hingabe und Vergewaltigung (ähnlich wie die Gemeinheit überhaupt) in der Sprachstruktur nicht bestimmbar ist.
    – Die Trennung von Masculinum und Neutrum, von Person und Sache, ist im Femininum gegenstandslos; das Neutrum ist ein abgespaltener Teil des Masculinum: deshalb gelten Frauen als unsachlich, als der Logik nicht fähig.
    – Frage: Wie hängt das zusammen mit der Bildung des Futur II (dessen Ursprung sich herleiten läßt aus dem Ursprung des Privateigentums, der neuen Bedeutung der Vaterschaft und seiner Beziehung zur Funktion der Erbschaft): liegt hier nicht der Grund der Trennung von Person und Sache, von der das Weibliche ausgenommen ist?
    – Wie hängt diese Sprachstruktur mit dem Ursprung des Objektbegriffs, mit dem Begriff des Schicksals und der Geschichte seiner Verinnerlichung in der Gestalt des bürgerlichen Subjekts und im Ursprung der Philosophie zusammen?
    – Ist dieser Zusammenhang des Masculinum, Femininum und Neutrum nicht im Sündenfall, im Verhältnis von Adam, Eva und der Schlange vorgebildet; verweist nicht insbesondere die Geschichte mit dem Staub (zu dem Adam wird, und von dem die Schlange sich nährt) auf den besonderen Charakter des Verhältnisses von Männlichem und Sachlichen? Das Neutrum ist die Schlange, die auf dem Bauche kriecht und Staub frißt.
    Unter der Herrschaft des Weltbegriffs wurde das Antlitz der Erde entstellt und die ganze Schöpfung in der Naturhölle eingesperrt.
    Die andere Bedeutung des Futur II: Es wird (wohl so) gewesen sein, ist zu ergänzen durch das „Wenn du es sagst“. Hier wird die Autorität von der Sache in die Person zurückgenommen und zugleich relativiert. Hier reflektiert sich die Unterscheidung von Person und Sache, die im Männlichen gründet. Das Logozentrische des Indogermanischen ist der Widerpart des Logos.
    Hängt die Logik jener „Tiefenzeit“ bei Stephen Jay Gould nicht mit jener Logik zusammen, die die Reklame heute zu einem Mordinstrument macht, und mit der gleichen Logik, die die Politik von den realen Erfahrungen der Menschen auf eine fast nicht mehr nachvollziehbare Weise entfernt? Das aber heißt, ist sie nicht ein Teil jener Logik, die heute die Welt insgesamt in sodomitische Zustände hineintreibt

  • 04.11.92

    Die „Schuld der Väter“ ist das Vaterland; die „Sünden der Mutter“ sind die Formen der „Hurerei“ mit fremden Göttern: im Schuldzusammenhang nationenübergreifender und weltbegründender Ökonomie: die „Sünden der Welt“ (zu Ps 109.14).
    Das Subjekt der Ökonomie ist der Privateigentümer und der Staat (als Gründer des Geldes), das der Physik das vergesellschaftete Subjekt und die Astronomie (als Grund des Inertialsystems).
    Wie hängen Patriarchat und „Hurerei“ zusammen mit dem Venus-Kult (Ischtar, Astarte), dem Sternendienst, der Ursprungsgestalt der Astronomie? Ist die Ischtar, Astarte (Esther) und schließlich die Himmelskönigin Maria die an den Himmel versetzte, und d.h. patriarchalisch instrumentalisierte Gaja, die Mutter Erde (Athene entspringt aus dem Kopf des Zeus)?
    Was haben die „Sünden der Mutter“ mit der Materie (materia, von mater abgeleitet) zu tun? Und in welchen kosmologischen Zusammenhängen entspringt der Begriff der Materie? Sind hier die Venus-Religionen ein notwendiges Bindeglied?
    Findet das „Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde“ am sechsten Tag sein Echo in dem „als Mann und Weib schuf er sie“?
    Ist der vergangene „real existierende Sozialismus“ das externalisierte Sühneopfer des Kapitalismus, durch das er sich sich zu exkulpieren sucht; das Opfer, das ihn von seiner Schuld befreit (letzte blasphemische Konsequenz aus der Marktreligion)? Hier wird ein Sündenbock dem Asasel in die Wüste gebracht und in den Abgrund gestürzt (vgl. auch Hebr 1311ff).
    Ist es ein Zufall, daß unter diesen Prämissen Sodom, Jericho und Gibea wiederkehren? Dieser neue Faschismus ist ein magisches Ritual, das Menschenopfer fordert, das aber nicht zu vermeiden ist, solange die Sozialismus-Diskussion dieser Sündenbock-Strategie folgt, anstatt das Schuldverschubsysten zu thematisieren, in es wiederum sich verstrickt.
    Da steht tagtäglich der Mob von Jericho, Sodom und Gibea vor den Türen der Häuser von Rahab, Lot und des alten Mannes, der als Fremder in Gibea lebte, und fordert die Boten Josues, die Engel Jahwes und den Levit aus dem entlegensten Teil des Gebirges Efraim heraus, um an ihnen ihre Mordlust zu befriedigen. Nur der Vorsitzende des Zentralverbands der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, hat darauf mit einer Genauigkeit und Geistesgegenwart reagiert, zu denen kein christlicher Theologe fähig zu sein scheint.
    Erschlägt der Antisemit mit dem Juden nicht den Zeugen der Tat, aufgrund deren er selber sich verdammt fühlt?
    Nur wer die Schuldreflexion in die Erkenntnis mit aufnimmt, ist vorm Wiederholungszwang gefeit. Die transzendentale Logik ist die projektive Selbstreflexion des Schuldzusammenhangs, des Schuldverschubsystems (deshalb verwechseln katholische Autoren so leicht transzendental mit transzendent).
    Wo liegt der Quellpunkt jener Erkenntnis, deren Preis die Materialisierung der Objekte ist?
    Der ungeheuerliche Satz „Was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst sein“ hat auch einen astronomisch-kosmologischen Aspekt.
    Die Kausalverbindung, die Recht und verdinglichte Moral herstellen zwischen Sünde und Schuld, ist der Knotenpunkt des Schuldzusammenhangs, der nicht mit einem Schlage zu lösen ist.
    Nicht die Synagoge – das war eine Projektion -, sondern die Kirche hat seit dem Urschisma die Binde vor den Augen. Indem die Kirche das Zukünftige mit der vollendeten Tat, die Hoffnung mit einem Sein, verwechselte, hat sie die Zukunft in jenes Futur II, in die Gestalt einer zukünftigen Vergangenheit, verwandelt, die der Grund des Herrendenkens (sei dem Ursprung der indogermanischen Sprachen bis hin zum Inertialsystem) war – und bis heute die einzige reale Gestalt der Transsubstantiation. Hier liegt der Zusammenhang der Verweltlichung der Welt mit ihren christlichen Ursprüngen. Diese reale Transsubstantiation ist das Werk des Begriffs und das Erbe der Philosophie, die so die Prophetie erschlägt (Luther hat das geahnt, und deshalb mit der Transsubstantiation die Philosophie verworfen; den Bann hat er so nicht lösen können).
    Zur Definition der Blasphemie: Wer den Armen verspottet, verflucht seinen Schöpfer (Spr 175). Das verweist auf die Selbstverfluchung Petri bei der dritten Leugnung: Der Kapitalismus ist diese institutionalisierte Verspottung der Armen.
    Keiner kommt zum Vater, außer über den Sohn: das aber heißt: nur durch die Schuldreflexion hindurch.
    Die ganze Natur steht unter einem Bann, und wir mit ihr. Die Lösung ist nur als Lösung dieses gemeinsamen Banns möglich. Ps 10430: Emitte spiritum tuum, et renovabis faciem terrae. Nur diese renovatio faciei terrae vermag das (unter dem Titel Natur nicht einlösbare) Versprechen der Naturphilosophie zu erfüllen.
    „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren. Und sie schämten sich.“ Steckt darin nicht der Zusammenhang der subjektiven Formen der Anschauung (da gingen ihnen die Augen auf) mit der Sexualmoral (sie erkannten, daß sie nackt waren) und der Notwendigkeit der Schuldreflexion (Erkenntnis der Nacktheit als Bewußtsein von Schuld: und sie schämten sich). Aber diese Schuldreflexion wird durch ihre sexualmoralische Verdinglichung, die das Christentum festgeschrieben hat, unterdrückt und verdrängt, während es gerade darauf ankäme, diese Schuldreflexion aufzunehmen: sie bezeichnet den einzigen Weg ins Freie. Hier liegt der Grund der Täufertheologie. Zusätzlicher Hinweis: Zur Geschichte der Nacktheit, der Beziehung von Schuld und Scham, gehören sowohl der Ursprung der Sexualmoral, als auch der der Privatsphäre und der des Geheimbereichs in Politik, Geschäft und Religion (auch die Macht hat ihre Privatsphäre und unterliegt somit der Sexualmoral).
    Zu diesem Nacktsein gibt die Geschichte mit Noah und Ham einen Hinweis: Das Aufdecken der Blöße (auf das heute die Medien sich spezialisiert haben) ist Voraussetzung und Teil der Einübung des Knechtseins, zu dem Ham dann verurteilt wurde. Kommt nicht Nimrod aus dem Geschlecht Hams (aber Nimrod war ein großer Jäger vor dem Herrn)?
    Im Begriff der Masse, in der das Individuelle gleichsam von dem Allgemeinen, Kollektiven überschwemmt wird, das zu Recht Gemeinheit heißt, und darin untergeht, reflektiert sich sowohl die Vorstellung der homogenen Zeit als auch die Beziehung zum Possessivpronomen, der Charakter des potentiellen Gebrauchwerts, des potentiellen Eigentums. Sie ist aufzulösen nur im Kontext dessen, was Adorno das mikrologische Verfahren genannt hat, und das schließt die konkrete Schuldreflexion mit ein.
    Den Schlüssel zum Begriff der Masse liefert der Satz aus der Hegelschen Logik: Das Eine ist das Andere des Anderen. Franz Rosenzweig hat einmal den Begriff einer „verandernden Kraft des Seins“ geprägt, und damit die Funktion jeglicher Ontologie auf den Begriff gebracht: Die Abschirmung der Welt gegen die konkrete Schuldreflexion (oder auch die Abschirmung der Theologie gegen ihren Ursprung in der Täufertheologie, gegen das „Tut Buße“ und gegen das „Ecce agnus dei“).
    Die Kirche ist zum steinernen Herzen der Welt geworden dadurch, daß sie nur noch Techniken anbietet, die die Menschen von den Schuldgefühlen befreien, in die sie notwendig sich verstricken, wenn sie in dieser Welt leben, nicht mehr die „Schuldgefühle“ aufklären sollen: das nämlich würde die kritische Reflexion des kirchlichen Autoritätsbegriffs, der Orthodoxie und des Dogmas voraussetzen. Die Techniken, die die Kirche heute anbietet, sind nur noch Techniken der Desensibilisierung, die helfen sollen, heile Privatwelten in einer bösen Welt zu errichten, zu der es keine Alternative mehr zu geben scheint. Aber das können Propaganda, Reklame und Fernsehen besser: So machen sich die Religionen selber überflüssig.
    Physik und Ökonomie begründen und verstärken das Bewußtsein, daß die Sprache über ihre technische Funktion hinaus keine Realität mehr hat. Mit der benennenden Kraft verliert die Sprache auch ihre eingreifende, praktische Potenz. Nur durch die Fähigkeit zur Schuldreflexion, die durch die Übermacht der Rechtfertigungs- und Exkulpierungstechniken zu verkümmern, zu verschwinden droht, läßt der Bann sich sprengen, der sich heute in der Xenophobie, in sodomitischen Zuständen entlädt. Grund ist das, was die Antichrist-Tradition das Antlitz des Hundes nennt: Die Unfähigkeit, dem Anblick des andern standzuhalten, ohne aggressiv zu werden.
    Das Angesicht und der Blick haben eher sprachliche als optische Qualität und Beschaffenheit. Wer auf Bildern von Schulklassen aus der Zeit der Jahrhundertwende den hündischen: nämlich den zugleich aggressiven und unfreien, verängstigten, mißtrauischen Blick der Kinder sieht (den gleichen Blick, dem Heideggers Fundamentalontologie philosophischen Ausdruck verliehen hat), weiß, woher die Katastrophen dieses Jahrhunderts gekommen sind. – Es gibt Bilder der Schulklassen, zu denen Hitler und Stalin gehörten: In beiden Klassen stehen die Protagonisten der größten politschen Katastrophen des Jahrhunderts in der obersten (letzten) Reihe in der Mitte, beide haben eine Position über dem Lehrer inne, beide (und nur sie als einzige auf dem ganzen Bild) mit der gleichen herausfordernden Haltung: den Kopf in den Nacken geworfen, eine Demonstration des provokativen Herabschauens auf alle anderen. Nur durch eins unterscheiden sich beide: Während Hitler der größte in seiner Reihe ist, ist Stalin der kleinste.
    Aber dringen nicht heute die Herrschaftsstrukturen sehr viel früher, sehr viel tiefer und sehr viel verletzender ins Bewußtsein der Kinder ein?
    Der Raum, die Zerstörung des Angesichts und der benennenden Kraft der Sprache. Der Raum macht das Ungleichnamige gleichnamig durch seine universalisierende Kraft, durch die Gewalt der Selbstausbreitung aus der Kraft seiner eigenen mathematischen Struktur, durch die Neutralisierung der Gegenwart durch das Prinzip der Gleichzeitigkeit (Leugnung der Erinnerung).

  • 09.10.92

    Zum Begriff des Bekenntnisses (homologein): die Bedeutung „öffentlich gestehen“ ist aus dem profanen Gebrauch in die religiöse Sprache eingedrungen; die wörtliche Bedeutung ist „auf ähnliche Weise, zustimmend reden“.
    Nach dem Faschismus sollte mit dem Namen des Blutes sorgfältiger umgegangen werden. Der Name des Blutes weckt heute, nachdem jede andere außer der biologischen Bedeutung gegenstandslos geworden zu sein scheint, nur noch die Mordlust („Blut und Boden“). Nicht zufällig fällt die Entdeckung des Blutkreislaufs zusammen mit der Erfindung der doppelten Buchführung: der Entdeckung des Geldkreislaufs, und mit dem Ursprung der modernen Naturwissenschaften: der kopernikanischen Wende, der Durchsetzung der Vorstellung des unendlichen Raumes (mathematische Voraussetzung war generell die Erfindung der Null und der negativen Zahlen, die Entdeckung der Äquivalenz von Schulden und Reichtum: Preis war die universale Verdinglichung, die Selbstverdinglichung und die der anderen und der Welt). Im gleichen Zusammenhang wurde das Blut, das einmal das unverletzliche Leben, die Seele, bezeichnete, zum Realsymbol der universalen Verschuldung. Hintergrund war die christliche Opfertheologie und in ihr ein Sühnebegriff, der den mythisch verdinglichten Blutbegriff (die Umkehrung des biblischen Namens des Blutes) zur Grundlage hatte. Der Blutschweiß Jesu in Gethsemane erinnert nicht zufällig an den Schweiß des Angesichts im Fluch über Adam. Verständlich wird dieser insgesamt vielleicht ambivalenteste Zusammenhang erst, wenn es gelingt, den Sühnebegriff zu entmythisieren (Blut als Innenseite des Angesichts, dessen Erscheinung ohne die Zerstörung des Angesichts nicht zu denken ist: deshalb weckt der Name des Bluts heute nur noch die Mordlust, seine Erkenntnis hingegen den Heiligen Geist – vgl. 1 Joh 56ff: „Drei sind es, die Zeugnis ablegen …“).
    Hat Adorno nicht einmal darauf hingewiesen, daß das Hakenkreuz an das zerschlagene Antlitz erinnert?
    Ist der Blutkreislauf nicht in ähnlicher Weise ein Realsymbol der universalen Verschuldung wie das sinnlose Kreisen der Planeten seit Kopernikus, und hängt es nicht zusammen mit den inneren Systemprinzipien des Schuldzusammenhangs, dem Inertialsystem und der Subsumtion der Arbeit unters Tauschprinzip, denen in der Theologie der Opfer- und der Sühnebegriff entspricht?
    Ist das Blutvergießen eines der Konstituentien des Weltbegriffs und zugleich die Sünde wider den Heiligen Geist? Und gilt dieser Zusammenhang auch für das symbolische Blutvergießen im vergegenständlichten und instrumentalisierten Dogma, und in dessen Konstituentien in Opfer- und Sühnetheologie?
    Keuschheit wäre Arglosigkeit, Gehorsam Prophetie und Armut Weltkritik, Verzicht aufs Dogma.
    Ist das „Lamm Gottes“, das nur beim Johannes dem Täufer (im Johannes-Evangelium) vorkommt, eine Verbindung des Lammes mit dem Knecht Gottes?
    In welcher Beziehung steht das Nichts, aus dem der philosophischen Theologie zufolge Gott die Welt erschaffen hat, zur Null, dem die Äquivalenz von positiven und negativen Zahlen, von Links und Rechts, sowie die Äquivalenz von Schulden und Reichtum sich verdanken. Notwendig wäre eine Theorie dieser Null, deren Erfindung eine der folgenreichsten Erfindungen in der Geschichte der Menschheit war; diese Erfindung hängt zusammen mit der Erfindung des Rades, übertrifft sie aber noch. Mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit beginnt die Erkundung des Hohlraums in der Null.
    Hängen Komma, Nebensatz, Partizip mit der Dreidimensionalität des Raumes zusammen, mit der Fähigkeit zur Reflexion, mit der Fähigkeit, um die Ecke zu denken? Vgl. Rosenzweigs Rabbenu.
    Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden: Ist dieser Eckstein nicht das Bild des Nullpunkts, des Zentrums eines Koordinatensystems?
    Ist das Nichts in der auf die Welt bezogenen theologischen Schöpfungslehre nicht der Repräsentant der verdrängten Schuld und der Ursprungspunkt des Naturbegriffs?
    Die Vorstellung, daß Gott die Welt aus Nichts erschaffen hat, deckt zwei Sachverhalte ab:
    – daß Gott den Verdinglichungsmechanismus, die transzendentale Logik erschaffen hat, die uns die Erkenntnis versperren, und
    – daß, woraus dieser Verdinglichungsmechanismus entstanden ist, der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, ein Nichts ist, um das man sich nicht zu kümmern braucht.
    Mit dieser Vorstellung ist die Sünde wider den Heiligen Geist in der Theologie installiert worden.
    Ist nicht die Sünde des Ham die Sünde der Medien in Deutschland heute: die Aufdeckung der Blöße.
    Der jüdische Aspekt des Teufels ist der des Anklägers (Satan), der griechische der des Verwirrers (diabolos) und des Zuteilers (daimon). Jesus besteht die Versuchung durch den Verwirrer und hat von daher die Kraft, die Dämonen auszutreiben. Im Bestehen der Versuchung hat Jesus das Lachen verlernt. Nachdem die Kirche der Versuchung nicht standgehalten hat, hat sie die Kraft verloren, die Dämonen auszutreiben. Die vergeblichen Versuche (im Exorzismus) waren umso böser.
    Der Weltbegriff ist der Witz, in dem die Lachenden übersehen, daß sie selber die Objekte ihres eigenen Lachens sind. In der Übersetzung des tollere (in Joh 129) drückt sich die Differenz ums Ganze aus.
    Ist das unschuldige Blut, dessen Vergießen Jesus beklagt, das Blut der Unschuld?
    Die Nachricht ist das Gericht post mortem, mit dem wir unterm Zwang der Logik des Weltbegriffs die Aktualität überziehen und in „Zeitgeschichte“ verwandeln (zur Vermeidung der Auferstehung aller Toten). Die Welt ist die Betonplatte auf den Gräbern und der Grund der Angst Jesu im Garten Gethsemane.

  • 08.10.92

    Wenn Israel der Augapfel Gottes ist, dann zielte das Konzept „Endlösung“ auf die Beseitigung, Vernichtung des Antlitzes Gottes.
    Off. Kap 5: Wer kann das Buch und die sieben Siegel öffnen, der „Löwe aus dem Stamme David“ oder das „Lamm“? Oder ist der Löwe am Ende das Lamm (das Lamm am Ende der Löwe)?
    Off 411: … Denn du bist es, der die Welt erschaffen hat. Mit Welt wird hier das griechische ta panta übersetzt, das All im Plural: „die Alls“.
    Der Daimon ist der Zuteiler des Schicksals, der, der das Schicksal gleichsam addressiert. Dieser Daimon läßt sich heute dingfest machen, bestimmen: als das unbestimmbare Subjekt der kantischen subjektiven Formen der Anschauung, der subjektiven Voraussetzung des Objektbegriffs, das durch sie in die apriorische Urteilsform hereingenommen wird (das ist vorbezeichnet in dem Fluch über die Schlange: „Auf dem Bauche sollst du kriechen und Staub wirst du fressen“).
    Heute ist die Zeit des unreinen Geistes in der Wüste abgelaufen: Er kehrt mit den sieben anderen unreinen Geistern zurück (und die letzten Dinge dieses Menschen werden ärger sein als die ersten.) War die Vertreibung des einen unreinen Geistes die Überwindung des Mythos, die mit Hilfe der Philosophie erfolgte, die dann jedoch der Theologie selber mythische Qualität verlieh, in deren Folge heute der Mythos siebenfach zurückkehrt?
    Ist die Bibel nicht doch benutzerfreundlich: Sie erklärt sich eigentlich immer selbst.
    Mit dem Bekenntnis, das ohne Feindbild nicht zu haben ist, hat sich die Paranoia in der Theologie eingenistet, zusammen mit dem dazugehörigen Projektionszwang.
    Das Hegelsche Weltgericht ist ein spätes Indiz für den mythischen Ursprung des Begriffs, für seinen Zusammenhang mit der Schicksalsidee, aus dessen Verinnerlichung er hervorgeht, sich konstituiert. Im Bereich des Schicksals und in dem des Begriffs (der identisch ist mit dem des Welt- und Naturbegriffs) gibt es keinen Ausblick auf die Ideen der Schöpfung, der Offenbarung oder der Erlösung.

  • 24.07.92

    Der Gedanke an den Tod wird dadurch nicht schwerer, daß auch ich sterben muß, und er wird nicht leichter, weil auch alle anderen sterben müssen.
    Der gewöhnliche Faschismus, das ist dieses Sich-weg-Ducken, der Gedanke, Hauptsache, es trifft nicht mich. Der reale Faschismus ist das Vorbildsterben: der Held (Heideggers Eigentlichkeit als Vorlaufen in den Tod oder Hitlers Selbstmord, bei dem man nicht recht weiß, hat er damit sein Volk bestraft, oder hat er ihm den Weg frei gemacht ins Wirtschaftswunder, sofern nicht ohnehin beides eins ist: das Wirtschaftswunder die Strafe Hitlers).
    Spinnen am Morgen bringt Kummer und Sorgern, Spinnen am Abend: erquickend und labend. Darauf scheint sich die neudeutsche Sprache zu beziehen, wenn sie von Spinnern spricht und damit alle meint, die sich die Idee der Humanität nicht aus dem Kopfe schlagen können.
    Kann es sein, daß der jetzt international finanzierte Versuch der Entwicklung eines Fusionsreaktors nur deshalb möglich ist, weil die Bedeutung des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit bis heute nicht begriffen ist. Vorab zu widerlegen wäre die halbempirische Formel von Weizsäckers über die solare Energieerzeugung.
    Die Unfähigkeit zu trauern und der geheime Triumph über den Tod der anderen. Nach Elias Canetti ist der Sieger der Überlebende. Das Erstaunen darüber, daß Juden nach dem Kriege ihr Überleben als Schuld empfanden, ist nur solange verständlich, wie man selber den Tod der anderen als Entlastung erfährt.
    Es war der Schlaf der Apostel in Gethsemane, gegen den Jesus das Wort „Wachet und betet“ richtete.
    Max Horkheimer, der am 16. März 1937 in einem Brief an Walter Benjamin geschrieben hatte: „Die Feststellung der Unabgeschlossenheit ist idealistisch, wenn die Abgeschlossenheit nicht in ihr aufgenommen ist. Das vergangene Unrecht ist geschehen und abgeschlossen. Die Erschlagenen sind wirklich erschlagen …“ (Klaus Körner: Verlorenes nur was uns bleibt, in: Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, Leipzig 1992, S. 147), hat in einem Seminar nach dem Kriege an das ungeheure Gewicht der Frage erinnert, ob auf dem Leichenberg, den uns die Geschichte hinterlassen hat, der Gedanken an die richtige Gesellschaft überhaupt noch möglich sei.

  • 17.07.92

    Im liberum arbitrium ist sowohl das Inertialsystem (das Futurum II und die „Freiheitsgrade des Raumes“) als auch das Marktparadigma (die Wahlfreiheit) und zusammen damit die Geschichte des Trennung von Begriff und Objekt, die Geschichte des Nominalismus, bereits enthalten.
    Der Faschismus war der katastrophische Teil eines Modernisierungsschubs, dessen Frühgeschichte in den Ursprung des Begriffs des liberum arbitrium zurückreicht.
    Die Grammatik der Brüder Grimm?
    Funktion und Bedeutung der Flöte in der Anfangsgeschichte der modernen Musik: Stadtpfeifer Ambrosius Bach, Friedrich der Große und die Flöte, jemandem die Flötentöne beibringen, der Rattenfänger von Hameln.
    Kriterien der wissenschaftlichen Erkenntnis sind die Unabhängigkeit der Erkenntnis
    – vom Ort (die Homogenität und Isotropie des Raumes),
    – von der Zeit (Wiederholbarkeit oder die Homogenität der Zeit) und
    – vom erkennenden Subjekt (Erkenntnis muß von jedermann nachvollziehbar sein).
    Diese dreifache Unabhängigkeit macht sie für die theologische Erkenntnis unbrauchbar.
    Könnte es nicht sein, daß, anstatt daß die kopernikanische Theorie und ihre Begründung durch das Gravitationsgesetz die Homogenität und Isotropie des Raumes (seine Unendlichkeit) beweisen, diese die Voraussetzungen und das Medium definieren, in denen jene als Spiegelbild eines ganz Anderen sich auskristallisieren und vergegenständlichen (Folgen der Universalisierung und Instrumentalisierung der Welt).
    Der Islam ist eine Weltreligion; die Welt, die das Subjekt dieser Religion ist, ist eine, die jeden Augenblick neu erschaffen werden muß; und der Gott, der diese Welt erschafft, bezeichnet die Leerstelle, in die dann Herrschaft (der Staat, der nicht von der religiösen Gemeinschaft, die als Kirche sich konstituiert, getrennt zu denken ist) eintritt. Der Islam ist die Unterwerfung unter ein Weltgesetz, das weder eine Erhaltung der geschaffenen Welt, noch eine Vorsehung kennt, sondern in jedem Augenblick der Manifestation der vollen Schöpfermacht gewärtig sein muß. Der Islam ist das Prinzip der abstrakten Negation der Selbsterhaltung (er setzt die abstrakte Negation an die Stelle der konkreten Umkehr). Selbsterhaltung und Erhaltung der Welt (die sich am Ende auf das bürgerliche Realitätsprinzip und die Erhaltungssätze der Mechanik reduzieren) gehören zusammen. Die Welt ist sozusagen das jeden Augenblick neu zu konstituierende und zu begründende Urteil aller anderen, als deren Inbegriff der islamische Monotheismus zu verstehen ist. Es ist der alte Schicksalsbegriff, der hier wieder erscheint, aber jetzt als ein durch den Schöpfungs- und Offenbarungsgedanken vermittelter.
    Der Schlüssel zum Verständnis der drei großen Buchreligionen liegt im Christentum; erst ein selbstaufgeklärtes und selbstbekehrtes Christentum (nach seiner Befreiung von den sieben unreinen Geistern) würde das Rätsel aller drei Religionen lösen. Die Übernahme der Sünde der Welt (die Hinwegnahme wird erst am Ende sein) ist der genaueste und der aufklärendste Ausdruck für die Konstruktion des Weltbegriffs, dessen unreflektierte Gewalt über das Bewußtsein Grund der Selbstverblendung der drei Religionen ist.
    Ist nicht die Konzeption des modernen Naturbegriffs Ursprung und Grund der Konsolidierung der dritten Leugnung? Dieser Naturbegriff ist eine logische Konsequenz aus dem Weltbegriff, der bis zur Konzeption des Naturbegriffs als eines Totalitätsbegriffs offen gehalten werden konnte, jedenfalls der Theologie (allerdings um den Preis der Häresienbildung) nicht im Wege stand. Erst in der gleichen Phase, in der die häresienbildende Kraft aus der Kirche entschwunden ist, entspringt dieser Naturbegriff, gegen den die Kirche dann als hilflos und wehrlos sich erweist. Sie wird hier auf ein Problem ihres eigenen Ursprungs gestoßen, das sie bis heute nicht zu reflektieren bereits ist. Daran droht sie zu ersticken.
    Der Levinas’sche Begriff der Asymmetrie: Ich bin ein Du für andere, aber dieses Du ist mir verborgen und unzugänglich. Zwischen diesem Ich und Du liegt die ganze (durch Verinnerlichung entfremdete) Welt; und die „Übernahme der Sünde der Welt “ ist der einzige Weg, dieses Verhältnis durchsichtig zu machen.
    Der Weltbegriff induziert den blinden Fleck im Subjekt, an dem heute die Welt zugrunde zu gehen droht.
    Die (durch die kopernikanische Astronomie vermittelte) Vorstellung einer homogenen Zeit ist die moderne Gestalt des Sternendienstes (Zeit als Schema der mathematischen Naturwissenschaft, der Subjektivität und der Herrschaft).
    Nicht Natur und Geschichte, sondern Natur und Welt (Ilias und Odyssee). Oder: Geschichte ist die Geschichte der Welt als Naturprozeß.

  • 15.06.92

    Das Adornosche Konzept einer Säkularisation theologischer Gehalte ist zweideutig: Vergessen wird, daß der innere Motor des Säkularisationsprozesses selber bereits Produkt einer Säkularisation theologischer Gehalte ist, der christlichen Theologie-Geschichte sich verdankt. Mit der Folge, daß es heute generell (auch unter den Schülern Adornos) nur noch theologische Halbbildung gibt: nichts mehr, was sinnvoll auf seinen rationalen Gehalt sich zurückführen ließe. Das „theologische Erbe“, auf das Adorno sich bezog, war nicht mehr nur „klein und häßlich“, wie Benjamin schon notierte, sondern für die Nachkriegsgeneration schlicht inexistent. Übriggeblieben waren nur die „theologischen Mucken“ der Ware, und deren Säkularisation war ja wohl nicht gemeint.
    Das Schuldbekenntnis ändert ebensowenig die Tat wie das Glaubensbekenntnis die „Tatsachen“.
    Ist nicht bereits die Trinitätslehre das erste Resultat der falschen Säkularisation (Produkt der Brechung der Theologie im Medium des Weltbegriffs: der Philosophie und des Rechts) und deshalb nicht mehr säkularisierungsfähig? Und sind nicht diese Rechenkunststücke von ein Wesen und drei Personen, eine Person und zwei Naturen, Nebenfolgen dieser Brechung? Kommt man der Sache nicht näher, wenn man Begriffe wie Substanz, Person, Natur als im historischen Prozeß – in einer konkreten Situation und in einem genau bestimmbaren Kontext – entsprungene Begriffe begreift und diesen Ursprung in ihr Verständnis mit hereinnimmt. Genau diese Begriffe sind es, die als unreflektierte den unreflektierten Weltbegriff und mit ihm den geschichtlichen Schuldzusammenhang in die Theologie hereingebracht haben (und Ursache dafür sind, daß christliche Theologie heute zum Prototyp theologischer Halbbildung geworden ist).
    Die Trinitätslehre hat einmal dazu verholfen, den Weltbegriff zu stabilisieren, an den sie gebunden ist. Dagegen bedurfte es der Trinitätslehre nicht mehr, nachdem diese Aufgabe vom Inertialsystem übernommen wurden (d.h. nach Begründung der naturwissenschaftlichen Aufklärung). Und genau das Inertialsystem ist Produkt der Säkularisation der Trinitätslehre. In diesem Prozeß ist der moderne Naturbegriff entsprungen. Seitdem ist die Theologie leer, tot und stumm geworden wie der Raum. Die Trinitätslehre wäre wirklich obsolet, wäre sie nicht die versteinerte Erinnerung an eine bis heute unbegriffene Vergangenheit. Und genau daran hätte sich die Erinnerungsarbeit abzuarbeiten, die heute allein noch Theologie heißen darf.
    Die Selbstverfluchung (in der Geschichte von den drei Verleugnungen) ist ein Resulat jenes Prozesses, auf den sich das Gebot „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ bezieht: In dem Maße, in dem die Kirche als richtende Instanz sich begreift, richtet sie sich selber. „Wer dieses Brot unwürdig ißt und diesen Wein unwürdig trinkt, der ißt und trinkt sich das Gericht.“
    Person und Schuld: Als Person bin ich freigesprochen vom gesellschaftlichen Schuldzusammenhang und nur für mein eigenes Handeln verantwortlich. Rührt dann nicht Auschwitz an die Grundlagen des Personbegriffs?
    Die Verdrängung der „Schuldgefühle“ dort, wo ich nichts ändern, nicht eingreifen kann (eigentlich in der gesamten beruflichen und politischen Sphäre, ebenso im Verhältnis zur Vergangenheit und zur Natur), ist der Tod der Sensibilität, der Tod der Erfahrungsfähigkeit: Grund der kollektiven Amnesie. Heideggers „Vorlaufen in den Tod“ ist imgrunde eine Flucht vor der Zumutung der Schuldreflexion, die sich dann faschistisch als Heroismus verkleidet. Die pompöse Vorstellung, die wir mit dem Begriff der „Übernahme der Sünde der Welt“ verbinden, täuscht uns selbst insbesondere darüber hinweg, daß es sich hier um den ganz schlichten Grund der Erfahrungsfähigkeit handelt. Die benennende Kraft der Sprache ist nicht zurückzugewinnen ohne die Fähigkeit zur Reflexion von Schuld.
    Das „Staub bist du und zu Staub wirst du wieder werden“ erinnert an das projektive Moment im Materiebegriff, wobei an den Namen der Materie, an den Zusammenhang mit „mater“, zu erinnern ist. Liegt hier der Grund für den Zusammenhang zwischen Rousseaus Naturbegriff und dem Inzestmotiv in seinen Bekenntnissen? Und verweist das nicht zugleich auf die Konstellationen, aus denen die Hexenverfolgung entstanden ist?
    Das katholische Schriftverständnis scheint der Tendenz nicht mehr sich entziehen zu können, alles ins Banale und Erbauliche übersetzen zu müssen, um nicht an das erinnert zu werden, worauf es eigentlich ankäme.
    Wenn bei Augustinus das Glück der Seligen im Himmel den Anblick der Leiden der Verdammten mit einschließt, so ist das die genaue Umkehrung des Realgrundes des Christentums: der Sensibilisierung durch die Übernahme der Sünde der Welt (vos estis sal terrae). Hier wird ableitbar und kritisierbar, weshalb Augustinus die Erbschuld in die sinnliche Lust verlegen muß. Auch die verdinglichende Trennung von Leib und Seele, mit den merkwürdigen Ursprungskonzepten im Hinblick auf die Einzelseele, überhaupt der objektivierende (und instrumentalisierende) Erkenntnisbegriff gehört hierher. Diese Trennung ist mit dem Ursprung der modernen Naturwissenschaften obsolet geworden; sie ist (mit der Trennung von Welt und Natur) in ihren Ursprung zurückgekehrt: in die Herrschaft des Raumes über die Erkenntnis und die Urteilsform, den Inbegriff der Erbschuld und die Verkörperung des Baums der Erkenntnis
    Die kantische Unterscheidung von Schul- und Weltphilosophie und sein (bei Hegel sich entfaltendes) Votum für die Weltphilosophie ist die Grundlage und die Voraussetzung für die Konzeption der transzendentalen Ästhetik, insbesondere für das Konzept der subjektiven Form der äußeren Anschauung. Genau darin, in der subjektiven Form der äußeren Anschauung, manifestiert sich die unreflektierte (und fast unreflektierbare) Gewalt des Weltbegriffs über das Denken. Die Form der äußeren Anschauung ist gleichsam der Statthalter des Urteils der anderen im Einzelsubjekt. Und dieser Statthalter des Allgemeinen ist kommunikativ oder – wie Kant selber nachgewiesen hat – mit den Mitteln der Beweislogik nicht mehr zu erschüttern. Das einzige, das Kant festgehalten hat, was dann aber gründlich verdrängt wurde – nicht zuletzt mit Hilfe der scheinbaren Auflösung des Problems durch Hegel -, findet sich in den Antinomien der reinen Vernunft. Hier begründet er die Subjektivität der Formen der Anschauung mit dem Nachweis, daß die Fragen, ob der Raum endlich oder unendlich ist, oder ob die Zeit einen Anfang hat oder auf eine unendliche Vergangenheit zurückweist, mit den Mitteln der Beweislogik nicht entscheidbar sind. Dieser Nachweis der Subjektivität eröffnet den Raum zur Begründung der Freiheit (im Gegensatz zum Naturbegriff) und damit der praktischen Vernunft.
    Freiheit, die mehr ist als das liberum arbitrium, läßt sich nur im Kontext der Reflexion von Schuld begründen.
    Jede Apologetik enthält dadurch, daß sie sich der Logik des Diskurses, der Beweislogik (Kommunikation und Öffentlichkeit) bedient, etwas von der Identifikation mit dem Aggressor, nimmt von ihm etwas in sich hinein. Unter diesem Aspekt wäre die Geschichte der Theologie als Teil der Geschichte der drei Leugnungen zu begreifen.
    Die Theologen: Sind das nicht die falschen Freunde Hiobs?
    Der Begriff der Welt definiert das Eine als das Andere des Anderen, er schließt die Leugnung des Einen mit ein.

  • 30.05.92

    Joachim Fest hat seine Hitler-Biographie seinerzeit als „Geschichte einer Karriere“ verstanden. Er hat damit einen wesentlichen Punkt heutigen Politikverständnisses getroffen: Wo die Politik zu Karriere wird, wo Politik am Prestige gemessen wird, das sie gewährt, wird sie tendentiell faschistisch. Das Prestige, der Ruhm, das Sich-Spiegeln im Urteil der Öffentlichkeit, der Welt oder gar „der Geschichte“ ist Produkt einer pathologischen, Welt und Geschichte mit einbeziehenden Potenzierung des Exkulpationstriebs. Die größte Verführung für den Politiker ist das Gefühl, zum Herrn der Sprache zu werden, durch Sprachregelungen (bis in die Medienpolitik hinein) zwar nicht mehr die Dinge, wohl aber (im Interesse der eigenen Karriere) das Bewußtsein der Dinge bestimmen zu können.
    Der Fluch über die Schlange: „auf dem Bauche sollst du kriechen und Staub sollst du fressen“ ist nur ein anderer Ausdruck für den automatisierten Objektbezug (den apriorischen Objektbezug der transzendentalen Logik). Ist es nicht diese Schlange, die am Boden der Tatsachen klebt („die Welt ist alles, was der Fall ist“)?
    Die Schlange ist die Verkörperung der Leugnung der Umkehr, die Welt ist der Inbegriff dieser Leugnung.
    Die Beziehung von Licht und Finsternis, hat das etwas mit dem Entstehen und Vergehen zu tun (mit dem Verhältnis des Lichts zur Gravitation)? Und drückt sich das nicht in den Farben aus?
    Wenn die Fische auf die Wasser unterhalb des Firmaments bezogen sind, sind dann die Vögel auf die Wasser oberhalb bezogen?
    Der Turm zu Babel, der bis zum Himmel reicht: war das die Astrologie?
    Sind nicht die modernen, nach-einsteinschen Kosmologien (wie zuvor schon die sogenannten nicht-euklidischen Geometrien) Nachfahren der ptolemäischen Epizyklen – auf der Basis der kopernikanischen Wende?
    Kommen Leviathan und Behemoth nicht auch im Buch Jonas vor: als der große Fisch (bei der Flucht nach Tarschisch) und als „so viel Vieh“ in Ninive?
    Der Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang hängt mit den drei Dimensionen des Raumes zusammen: mit der Beziehung von
    – Im Angesicht und Hinter dem Rücken,
    – Gericht und Barmherzigkeit (rechts und links) und
    – Oben und Unten (Herrschaft und Gottesfurcht).
    Genau hierin gründet der Primat der Ethik, das Konzept der Ethik als prima philosophia.
    Prophetie und Sexualität: ein unbearbeitetes Thema (war nicht Jeremias unverheiratet, aber schon „im Mutterschoße“ erkannt; vgl. auch die Ehegeschichte des Hosea sowie den prophetischen Begriff der Hurerei)?
    Augustinus, der ausdrücklich darauf verzichtet, im Buche Genesis die „Rätsel der Prophetie“ zu lösen, nimmt damit das Recht der Schlange wahr (und begründet die Allegorie, christliche Sexualmoral und die Höllenlehre).
    Labor und Verwaltung; weitere Äquivalenzen: Industrie, Militär, Justiz und Strafvollzug, Schule, Psychiatrie. Definieren sie nicht alle geschlossene Systeme, die aber zugleich alle einander äußerlich sind?
    Innen und Außen (rechts und links?): Die Gesinnung verdankt sich der Subjektivierung der exkulpierenden Instanz, die Verantwortungsethik ihrer Objektivierung. Gesinnung und Empörung gehören zusammen (die Empörung ist ein Ausfluß und ein Stabilisator der Gesinnung), beide sind zusammenhängende Quellpunkte einer selbstzerstörerischen Dynamik. Im Begriff der Verantwortung steckt die Beziehung auf eine äußere (richtende, zur Verantwortung ziehende) Instanz.

  • 04.05.92

    Die Welt ist alles, was der Fall ist: Der Fall ist das Subjektlose, Dingliche, Anorganische (z.B. das verpflanzte Herz, das Organ für den chirurgischen Eingriff oder das Objekt der Chemotherapie). Dagegen steht der Begriff der Verklärung (die Idee der Auferstehung), das Durchdringen der Todesgrenze nach innen und nach außen, die sapientia, die als „Schmecken“ den Verklärungspunkt der Erkenntnis kenntlich macht.
    Wein: Trunkenheit als Verdrängungshilfe (und Zivilisationsstütze). Alkoholismus Konsequenz der Zivilisationsdroge (Vgl. Noah und den Zusammenhang des Nahrungsgebots, dem Fleischessen, mit der Erfindung des Weins, der Trunkenheit, der Aufdeckung der Blöße des Vaters durch Ham; Lots Töchter; Eucharistie und Hierarchie). Trunkenheit und Faschismus: Narkotisierung des Gewissens.
    Der Unterschied zwischen Armut und Reichtum ist kein bloß quantitativer (kein Unterschied des Mehr oder Weniger), sondern ein qualitativer: Die Armut als Not, die zu arbeiten zwingt, ist die Quelle des Reichtums; und durch Arbeit wird niemand reich. Sie wirkt nur als Quelle des Reichtums, sie ist als „Energiequelle“ nutzbar, solange sie als Armut erhalten bleibt, nicht durch Arbeit aufgehoben werden kann. Das Verhältnis von Mehr oder Weniger ist dagegen bloßer Schein, der dem Maß, an dem Armut und Reichtum gemessen werden, dem Geld, sich verdankt. Gibt es hierzu ein physikalisches Pendant im Verhältnis von Schwere und Licht und deren Beziehung zum Raum; und bezieht sich hierauf die gleichnamig machende Kraft des Inertialsystems und des Gravitationsgesetzes (das das Inertialsystem gegen seine sinnliche Anfechtung, gegen die Anfechtung durch die Erfahrung der sinnlichen Natur, abgesichert hat)? Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit stellt das Recht der sinnlichen Erfahrung und – durch seine Beziehung zum Inertialsystem und durch seinen Beitrag zur Kritik der transzendentalen Logik hindurch – die erkennende Kraft der Sprache wieder her.

  • 26.03.92

    Das Konzept von Robert Kurz ist – wie es scheint – doch noch arg idealistisch: Der Sprung in die Utopie (Abschaffung der Arbeit, des Geldes und der Warenform) ist überhaupt nicht durchsichtig und scheint sich einer redundanten, selbstreferentiellen Logik zu verdanken (Vergleich: Kritik der „klassischen Physik“ durch die Kopenhagener Schule). Ein Heisenberg des Marxismus (sucht auch eine Weltformel)?
    Wo sieht er in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts die empirische Entwicklung, die einen direkten Anhaltspunkt für die eben deshalb als dunkel erscheinende Logik der Marxschen Kritik biete? (S. 88)
    Ist Robert Kurz ein Sabbatai Zwi des Marxismus?
    S. 99: Dieser Schein ist nicht endgültig verflogen, sondern er verknotet sich hier zur Undurchschaubarkeit, und daraus scheint Robert Kurz zu glauben, die Befreiung ableiten zu können.
    Das sieht mir doch etwas zu sehr nach ökonomischer Elementarteilchenforschung aus. Und eine Sackgasse für einen Ausweg zu halten, macht keinen glücklichen Eindruck.
    Bei aller notwendigen Kritik an der Kasernenhofwirtschaft des Ostens ist doch nicht zu leugnen, daß auch ein Wirtschaftskrieg geführt worden ist, so wie heute immer noch ein Wirtschaftskrieg gegen Kuba geführt wird; auch die westliche Gestalt des Kapitalismus hat ihre in vieler Hinsicht militaristischen Aspekte (die Rüstung ist ein reales ökonomisches Systemproblem: ihre explosive Ausdehnung nach dem zweiten Weltkrieg verlief in direkter Abhängigkeit von der ebenso explosiven Ausdehnung des Bankgeschäfts, zur Absicherung des aggressiven Kredit- und Geldgeschäfts und als Mittel zur Disziplinierung der Armen draußen und drinnen). Die Rüstungswirtschaft ist keine bloße Kriegswirtschaft, und ein nicht unerheblicher Teil der Friedenswirtschaft ist längst ein Teil potentieller Kriegswirtschaft: der kalte Krieg war der Motor der Weltraumforschung, der Atom- und Automobilindustrie und des Wirschaftswunders in der BRD.
    Zusammenhang der explosiven Ausbreitung des Bankengeschäfts, der Armut, der Schuldenkrise in der Dritten Welt und der Rüstung. Der Kolonialismus war ähnlich wie die Sklaverei in dem Augenblick überflüssig, in dem es andere Mittel gab, die den gleichen Zweck erfüllten.
    Der steigende Anteil des fixen, gebundenen Kapitals an der Produktion wird gespeist durch Kredite, durch Schuldenkapital. (Zusammenhang von Credo und Kredit?)
    Zu kurz kommt das Problem der organischen Zusammensetzung des Kapitals und seiner Nachkriegsgeschichte (mit dem tendentiellen Sinken der Profitrate, das nur scheinbar aufgefangen wird durch das ökonomische Gravitationsgesetz, das die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer macht). Kern des Mega-Schuldverschubsystems.
    Eindruck, daß Robert Kurz gelegentlich fehlende analytische Fähigkeiten durch (projektive) Polemik ersetzt (Hinweis auf einen unvermeidbaren logischen Defekt jeder linken Theorie?).
    Der Weltbegriff als Schuldverschubsystem und Schuldverdrängungsmaschinerie?
    Der Weltbegriff schließt tendentiell die Barbaren aus, das aber heißt: er schließt die Hebräer aus; er schließt die aus, die bara bara sagen; er schließt eben damit den Schöpfungsbegriff aus und mit dem Schöpfungsbegriff den Namen des Logos und die Reflexion der Schuld der Welt.
    Dieser Schuldbegriff wird in der Vorstellung der absoluten Abhängigkeit der Kreatur (und in dem davon abhängigen diffamatorischen Gebrauch des Kreaturbegriffs) falsch reflektiert. Die absolute Abhängigkeit ist die Abhängigkeit vom Schicksal, während durch die Beziehung zur Schöpfungsidee gerade die Aufhebung, die Auflösung des Schicksals und der Vorstellung der Abhängigkeit von einem Übermächtigen einzig möglich ist.
    An den Ursprungszusammenhang mit der Schuldkechtschaft erinnert noch der Begriff des Symbolum, und zwar nicht sein Begriff, sondern auch sein Inhalt, das Dogma (Trinitätslehre, Christologie, Opfertheologie).
    Was hat zu bedeuten, wenn die Pharisäer an die Auferstehung und die Engel glauben, die Sadduzäer hingegen nicht?
    Was drückt sich geschichtsphilosophisch darin aus, wenn
    – nach dem zweiten Weltkrieg ein Friedensschluß nicht mehr möglich war (Rechtssetzung als Grenzsetzung),
    – es möglich war, das Strafrecht auf die Politik und die Regierenden selber angewendet wurde (wie jetzt wieder gegen Honecker),
    – und in Deutschland die Todesstrafe abgeschafft wurde?
    Sind Faschismus und Auschwitz nicht doch nur vor diesem Hintergrund real zu begreifen, und sind diese Folgen nicht doch reale Folgen des Faschismus und des Holocaust?
    Die Rüstungsexplosion ist ein Indiz für den Rückfall in Naturgeschichte.
    Ergänzend zu Walter Benjamin wäre festzuhalten, daß Schicksal und Charakter nicht nur begrifflich, sondern geschichtsphilosophisch geschieden sind. Auch hier gilt: Wo Schicksal ist ist kein Charakter, und wo Charakter, kein Schicksal. Der Charakter entspringt in der gleichen Bewegung, in der das Schicksal verinnerlicht wird. In dem gleichen Prozeß entspringt der Weltbegriff.
    Wenn das homologein („bekennen“) auf den Namen des Logos sich bezieht, der Logos in der Übernahme der Sünde der Welt sich konstituiert, dann wird auch der Begriff des Bekenntnisses verständlichen: es ist in der Tat ein Schuld-Bekenntnis.
    Nach der Vergebung der Sünden kommt die Auferstehung der Toten.
    „Wer nicht für mich ist, der ist wider mich“: Dieser Satz hat von seinem Kontext her eine andere Bedeutung als Adorno unterstellt, und er ist erst durch die Bekenntnislogik direkt und unmittelbar böse geworden (Teil des autoritären Syndroms).
    Der Prozeß der Verinnerlichung des Schicksals und der Genesis des Begriffs, die Entzündung des Subjekts im Schicksal (oder des Subjekts durch Infektion durchs Schicksal), müßte an der Geschichte der Vorsokratiker nachzuvollziehen sein.
    Der Ausdruck „Entfremdung“ ist insoweit korrekt, als er einen Vorgang bezeichnet, in dem das Moment der Fremdheit aus den Dingen verdrängt wird, der die Dinge zu Dingen für mich macht (Stichwort: Das Eine ist das Andere des Anderen).
    Unkenntlich gemacht wurden in der Geschichte der Philosophie jene Momente, die die Erfahrung des Schicksals kennzeichnen:
    – die Bindung an die Schuld,
    – Erfahrung des Zweideutigkeit und
    – der Schrecken.
    Diese drei Momente sind im Begriff des Objekt und der Materie untergangen.
    Alle Logik ist Schicksalslogik; der logische Zusammenhang ist ein Schuldzusammenhang und hat teil an der Zweideutigkeit dieses Schuldzusammenhangs, die nur durch die „List der Vernunft“ sich zur Dialektik domestizieren läßt.
    Die „verandernde Kraft des Seins“ ist die präziseste Bestimmung des im Sein unkenntlich gemachten Schicksals.
    Wenn es denn eine Beziehung Rosenzweigs zu Heidegger gibt, dann liegt sie darin, daß Rosenzweig die Zweideutigkeit, die Heidegger bloß ausbeutet („Sinn des Seins“), aufschlüsselt. Diese Beziehung ist ähnlich invers wie die der Hebräer zu den Barbaren.
    Gewitzt ist der, der andere über die Opfer seines eigenen Handelns zum Lachen bringt, und das heißt: jede mögliche Solidarität mit den Opfern schon im Ansatz erstickt..
    Die dialektische Beziehung des Lachens zur Waffe drückt sich im Begriff der Entrüstung aus. (Wie hängen Entrüstung und Entfremdung zusammen?)
    Der biblische Begriff des Fremden hängt sprachphilosophisch mit der Reflektion des Schreckens zusammen, der sich grammatisch im Gebrauch der dritten Person (Sing. und Pl.) ausdrückt; er hängt mit den Begriffen des Schreckens und des Opfers zusammen, die beide im Ursprung des Begriffs der dritten Person erinnert werden. Die Philosophie ist auf dieser Versachlichung, die sich im Gebrauch der dritten Person ausdrückt, abgefahren; das war sozusagen ihre Geschäftsgrundlage. Dagegen hat die jüdische Tradition genau das, was hier verdrängt wird, erinnert und aufbewahrt. Gegen den Hegelschen Satz, daß das Eine das Andere des Anderen ist, hält die jüdische Tradition daran fest, daß darüber das Eine nicht vergessen werden darf. Diese Differenz, die an den Begriff des Fremden sich anschließt, drückt sich in der Differenz von Barbaren und Hebräern aus. Abraham war ein Hebräer, und er lebte als Fremder im Land, d.h. als „Barbar“. Der heutige diffamatorische Gebrauch des Kreaturbegriffs erinnert an diesen Zusammenhang: des Selbstbewußtseins der Fremdheit mit der Schöpfungslehre, mit dem bara. Die Objekte des bara, nämlich Himmel und Erde, die großen Seetiere und der Mensch (als Ebenbild Gottes, als Sein Ebenbild – Übergang Gottes in die dritte Person – , als Mann und Weib), sind die Reflexionsgestalten der Fremdheit, die im Begriff der Schöpfung sich selbst begreift.
    Zur Differenz von Natur und Schöpfung; Zusammenhang beider mit dem Schuldbegriff: Beide verhalten sich zu einander wie der Name des Barbaren zu dem des Hebräers.
    Schicksal und Charakter: Wer die Sünde der Welt auf sich nimmt, muß die Verantwortung für seinen eigenen Charakter übernehmen. Der Charakter aber drückt sich aus im Gesicht, und d.h.: er muß sogar die Verantwortung für sein Gesicht auf sich nehmen. Beziehung zu Antlitz und Angesicht?
    Zu Derrida: Wenn es eine Beziehung des Begriffs der göttlichen Gewalt zu Auschwitz, zum Holocaust, gibt, dann läßt er sich einzig beziehen auf die Urheber, auf die Täter; und erst der Schrecken, der dem Anblick dieser göttlichen Gewalt entsprechen würde, wäre die angemessenste Bestimmung der Gottesfurcht heute.
    Der prophetische Kampf gegen die Idolatrie war der Kampf gegen das Vergessen. Was die Hegelsche Idee als Natur frei aus sich entläßt, ist präzise das Deckbild dessen, was in der Hegelschen Erinnerung der Idee vergessen wurde, und dieses Vergessen ist eine Leistung des Begriffs.

  • 25.03.92

    „Vom Fresser kommt Speise, vom Starken kommt Süßes“ (Ri 1414), oder zur Kritik des Darwinismus: Das wirkliche Fressen und Gefressenwerden findet nicht mehr in der Natur, sondern in der Gesellschaft statt und läßt sich an der Veränderung der Funktion des Gebrauchswerts demonstrieren: Es gibt keinen Tausch- ohne Gebrauchswert, und zu den Gebrauchswerten zählen nicht mehr nur so schöne Dinge wie der Gänsebraten, der Wein und das schöne Kleid, sondern auch die Arbeitskraft und das „sinnliche Ding“, die Frau. Und Konsumenten sind nicht nur die heute so genannten „Endverbraucher“, sondern die instrumentalisierten Produkte selber: vorab das „Instrument an sich“, der Staat, aber auch jeder Betrieb, der Arbeitskräfte und know how konsumiert, sowie die Wohnung und die dauerhaften Gebrauchgüter, insbesondere die technischen Geräte, die Wasser, Energie und die Erhaltungs-, Renovierungs- und Wiederbeschaffungskosten konsumieren. Das Auto ist heute schon teurer und wichtiger als Kinder (die tendentiell zu „unnützen Essern“ werden: Grund der sinkenden Geburtenrate). Wir füttern die Maschinerie, die uns ernährt, und ihre Unterhaltung wird langsam so teuer, daß die Frage, wie lange wir sie uns noch leisten können, nur deshalb nicht gestellt wird, weil keine Alternative sichtbar ist. Sofern es daran liegen sollte, daß etwas den Blick verstellt (Grund des Verblendungszusammenhangs), wäre auf den Inbegriff der instrumentalisierten Produkte hinzuweisen: auf den Begriff der Welt. Transzendentales Subjekt dieser Welt ist die subjektlose (gleichsam tierische, behemothische) Maschinerie, nachweisbar an der logischen Konstruktion des Wertbegriffs, den Robert Kurz nur deshalb mit dem „schlechthin Guten“ in Verbindung bringen kann, weil er das Subjekt zu dem im Wertbegriff versteckten Urteil: die Welt, nicht sieht.
    Nochmal Ri 1414: Kurzfassung der Kritik der politischen Ökonomie des Faschismus.

  • 22.03.92

    Ägypten ist ein Sklaven- und Arbeitshaus (ein eiserner Schmelzofen), Babylon eine Handels- und Kriegsmacht.
    Sünde der Welt, oder Bemerkungen zum Weltbegriff und Elemente einer theologischen Erkenntniskritik.
    Die Sünde der Welt, die Autorität der Schrift und der Logos. Das Verständnis der Autorität der der Schrift, das der Kanonbildung zugrundelag, enthielt die Tendenz zur Islamisierung in sich. Die reale Autorität der Schrift erschließt sich nur dem, der ihre Inspirationsquelle sucht, der sie als Medium des Zugangs zu der Inspiration begreift, aus der die Schrift erwachsen ist. Die Autorität wird falsch verstanden, wenn die Schrift zum Steinbruch wird, aus dem man Zitate herausschlagen kann, um schriftfremde Konstrukte damit zu beweisen.
    Wenn von der Aufklärung nur die Tradition des Herrendenkens übrigbleibt.
    Die Vorstellung vom „edlen Wilden“, die mit dem Konzept des „christologischen“ Naturbegriffs (der Hypostasierung des Opfers und der Depotenzierung der Sprache) zusammenhängt, gehört mit zu den Ursprüngen der modernen Barbarei.
    Daß nach dem letzten Krieg ein Friedensvertrag nicht mehr möglich war, hängt damit zusammen, daß das Faschismusproblem bis heute politisch nicht aufgearbeitet werden konnte: Es konnte unter Anwendung des Schuldverschubsystems nicht aufgearbeitet werden, weil es selber der Inbegriff dieses Schuldverschubsystems war (und noch ist).
    Ist dieser Zusammenhang nicht in der Geschichte der Physik, insbesondere der sogenannten Kopenhagener Schule, ablesbar? Die Kopenhagener Schule war zum Westen hin, trotz der Differenzen (bzw. nach Verwischung der Differenzen) im einzelnen, frontübergreifend; und die innerdeutsche Auseinandersetzung mit der Deutschen Physik hatte hier nur Alibifunktion. Der Schlüssel zur wirklichen Selbstaufklärung, das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit, wäre nur nutzbar gewesen bei gleichzeitigem Verzicht auf Teilhabe an der Macht (in Rüstung und Wirtschaft).

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