Faschismus

  • 02.02.93

    Bezeichnet nicht das Kreuz (das im NT schon vor der Passion und dem Kreuzestod als ein Inbegriff der Nachfolge erscheint) den Ursprung und das Medium der Objektivierung: des Zum-Objekt-Machens?
    Kreuz und Kelch: Das Kreuz als Orthogonalitätssymbol (Ursprung der Verdinglichung) ist ein Reflexionssymbol des Kelches (Symbol der Herrschaftsverblendung). Kreuz und Kelch verhalten sich wie Welt und Natur.
    Die Kirche: Ist das nicht der Abstieg zur Hölle, und das einzige, was ihr verheißen ist, daß die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen werden (Mt 1618), bedeutet dann nur: daß sich die Pforten der Hölle sich hinter ihr nicht schließen werden. Mehr noch: Ich werde die die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst sein. (1619)
    Hat nicht die Kirche seit je alle Symbole ins Positive (ins Erbauliche) umgelogen?
    Seit dem Zusammenbruch des Faschismus, mit dem der autoritäre Kern des kirchlichen Glaubens- und Bekenntnisbegriffs zerstört wurde, ist die Kirche insgesamt von der Furie des Verschwindens ergriffen. Johannes XXIII war der erste, der versucht hat, den autoritären Kern durch Erinnerung aufzusprengen, aber spätestens Johannes Paul II hat in paranoider Panik das Alte zu retten versucht und damit das Verschwinden nur beschleunigt. Heute verschwindet eine Position nach der anderen.
    War nicht das Marxsche Konzept der Versuch einer Wiedergewinnung der Prophetie; aber daraus hervorgegangene politische Sozialismus (insbesondere der „real existierende Sozialismus“), war er nicht die erste Gestalt des modernen Fundamentalismus? Der Marxismus hat gleichsam (ähnlich wie in der Frühzeit der Islam) in Kurzfassung die Kirchengeschichte wiederholt. In beiden Fällen war die Dogmatisierung (Bildung einer ideologisierten Orthodoxie) eine Folge der enttäuschten Parusieerwartung und der Anpassung an die Welt.
    Gott will nicht, daß das Wort leer zu ihm zurückkehrt. Das leere Wort ist der Begriff, der sich nur äußerlich auf ein Objekt bezieht, seine benennende Kraft verloren hat.
    Die Erkenntnis unterscheidet sich vom Wissen dadurch, daß sie sich nicht restlos vergegenständlichen läßt: daß sich das prophetische Moment darin nicht gänzlich tilgen läßt. Der Bendorfer Satz, daß nur zwei Positionen zur Prophetie zulässig seien:
    Entweder man ist selber Prophet, oder man ist Objekt der Prophetie; unzulässig ist die Position der neutralen Zuschauers, dieser Satz ist dahin zu verschärfen, daß man danach eigentlich nur noch Prophet sein darf. Jede andere Position ist verworfen.
    Am Ende des „Ursprungs des deutschen Trauerspiels“ hat Walter Benjamin die dämonischen Konnotationen des Begriffs des Wissens benannt (zusammen mit einem bedeutenden Hinweis auf den Zusammenhang von Wissen und Lachen, „Gelächter“). Nicht der Glaube, sondern die Erkenntnis bezeichnet den Gegenpol zum Wissen. Reines Wissen ist dämonisch, reine Erkenntnis wäre Prophetie. Und Jesus hat zwar nicht gelacht, aber die Dämonen ausgetrieben.

  • 20.12.91

    Die kirchliche Sexualmoral, die Verlagerung der Erbschuld in die sexuelle Lust, ist Produkt und Ursache der Zurückweisung des Nachfolgegebots: Wer nicht bereit ist, die Schuld der Welt auf sich zu nehmen, muß die Schuld (das wölfische Gesetz: die Gewalt und die Herrschaft von Menschen über Menschen) in der Welt belassen und kann sich nur an deren Reflex im Subjekt: an die Sexualität halten. Zusammenhang mit Trinitätslehre und Opfertheologie. Heute zur Selbstverfluchung zugespitzt: Da man den theologiebegründenden kritischen Weltbegriff selbst nicht mehr begründen kann, verfällt die Sexualmoral endgültig dem Gesetz der Heuchelei, der Doppelmoral, der Moral für andere: Man darf alles, sich nur nicht erwischen lassen. Metaphysik ist heute (nach Faschismus und Heidegger) nur noch als Zynismus möglich. Darin ist auch die säkularisierte Welt noch mit christlichem Erbe belastet.
    Wer sich heute weigert, im Begriff der Objektivität die Herrschaftsstrukturen zu reflektieren, nimmt Gemeinheit in Kauf.
    Die Selbstverfluchung (bei der dritten Leugnung) beginnt dort, wo die Kirche Unkraut und Weizen (rechts und links) zu unterscheiden verlernt hat (hängt der Ursprung der Gen-Forschung mit den vielfältigen Versuchen, das Unkraut zum Weizen zu machen, zusammen?).
    Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit relativiert Raum und Zeit als subjektive Formen der Anschauung. Es relativiert damit die Herrschaft von Subjektivität.
    Nicht über die sexuelle Lust, sondern über die unreflektierte Herrschaft des transzendentalen Apparats pflanzt sich die Erbschuld fort.
    Mathematik, das Kontinuum (die Ausdehnung) und das Diskrete (die Zahl): wie hängen beide mit einander zusammen? Auch die Kontinuen sind als Dimensionen gegeneinander diskret (vermittelt über die Orthogonalität). Die Spiegelung des dreidimensionalen Raumes schließt die Umkehr einer Richtung im Raum mit ein, d.h. verändert die Beziehung einer Richtung im Raum zu den beiden anderen. Ist dies der Gordische Knoten, den Alexander durchschlagen, aber nicht gelöst hat? Und hat die dreifache Leugnung etwas mit der Dreidimensionalität, mit der dreifachen Verkehrung zu tun?
    Die Materie ist der gegenständliche Inbegriff des Schreckens um und um, der Raum der Inbegriff des allseitigen Lachens.
    Es ist der Unterschied ums Ganze, ob ich selbst den Tod auf mich nehme oder einen anderen in den Tod schicke, das Menschenopfer vollziehe.
    Das ist die letzte Versuchung, der die Kirche zu erliegen droht: die Selbstexkulpation durch das moralische Überlegenheitsbewußtsein, das sie glaubt, durch die Abtreibungskampagne noch für sich selbst retten zu können.
    Hat Hegel von der falschen Zärtlichkeit für die Dinge, oder von der falschen Zärtlichkeit für die Welt gesprochen?
    Ist der Inhalt der Verleugnungen nicht präzise zu bezeichnen, wenn die Kirche sich in der Opfertheologie (dem Grund der Dogmatik) auf die Seite der Täter stellt?
    Die kantische Unterscheidung zwischen dem mathematischen und dem dynamischen Ganzen (zwischen dem Welt- und Naturbegriff): betrifft sie nicht den Unterschied zwischen dem Resultat der mathematischen Erkenntnis und ihrer Genese?
    Ist die Kirche nicht längst zu einem U-Boot geworden, mit einer fatalen Nähe zu den Seeungeheuern? Was bedeutet es, wenn Kirchen heute die Außenseite ihrer Wände nach innen kehren, die Innenwelt zur Außenwelt der Außenwelt machen?
    Mitscherlich hat das Denken als Probehandeln bezeichnet; Franz Rosenzweig hat die erkenntnistheoretische Bedeutung der Umkehr, ihren Zusammenhang mit dem Wahrheitsbegriff entdeckt: Ich glaube, in dieser Richtung wird man die Bedeutung und die Realität des Gebetes suchen müssen. Die Unfähigkeit zur Reflexion, der die kirchliche Sexualmoral und das Dogma sich verdanken, und die die Menschen für autoritäre Strukturen verfügbar macht, zerstört die Fähigkeit zu beten an der Wurzel.

  • 27.11.91

    „Auschwitz ist in hohem Maß die Folge einer gnadenlos instrumentalisierten Vernunft.“ (Götz Aly und Susanne Heim: Vordenker der Vernichtung, Hamburg 1991, S. 485) Die Feststellung wäre zu er-gänzen durch den Hinweis, daß diese „gnadenlos instrumentalisierte Vernunft“ ohne das Vorurteil nicht möglich gewesen wäre: Sie war effektiv nur nach Osten, nicht gegen den Westen. D.h. zu den Voraussetzungen der Instrumentalisierung gehörte auch die Verinnerlichung dessen, was man die Zivilisationsgrenze nennen könnte. Im Westen gab es Feinde, mit denen man glaubte, sich auf gleicher Ebene messen zu können; im Osten gab es nur noch „Untermenschen“ (mit nur graduellen Abstufungen zwischen Polen, Tschechen, Russen, Zigeunern und Juden); im Verhältnis zur zivilisierten Vernunft standen sie auf der Seite der unterworfenen Natur. Die Instrumentalisierung der Vernunft war angewiesen auf das Gelingen der Instrumentalisierung der Moral, die nur noch als Stütze des Herrendenkens verstanden wurde: als Mittel der Identifikation mit der Macht (das drückte u.a. in Begriffen wie „Humanitätsduselei“ und „Kampf gegen den inneren Schweinehund“ sich aus). Die Gemeinschaft der zivilisierten Welt wurde als die Gemeinschaft des Herrendenkens verstanden, und dessen reinste Ausprägung war der Faschismus. So wurde der Krieg im Osten – im Gegensatz zu dem im Westen – als „Weltanschauungskrieg“: als organisatorisch durchrationalisierter Vernichtungskrieg geführt.
    Quellen des Vorurteils: Sexualmoral und Bekenntnislogik (transzendentale Logik als säkularisierte Bekenntnislogik).
    Noch heute werden die pogromartigen Ausschreitungen des Fremdenhasses nicht an ihren realen Auswirkungen (z.B. an realen Morden) gemessen, sondern an ihrer Außenwirkung: an der „Schande“, die solche Vorkommnisse dem „deutschen Namen“ zufügen (Bundeskanzler Kohl). Ähnlich wurde wurde argumentiert, als im Krieg die Vorstellung einer „Endlösung der Polenfrage“ in die Diskussion gebracht wurde: „Daß man die Polenfrage nicht in dem Sinne lösen kann, daß man die Polen, wie die Juden, liquidiert, dürfte auf der Hand liegen. Ein derartige Lösung der Polenfrage würde das deutsche Volk bis in die ferne Zukunft belasten und uns überall die Sympathien nehmen, zumal auch die anderen Nachbarvölker damit rechnen müßten, bei gegebener Zeit ähnlich behandelt zu werden.“ (Vgl. Aly und Heim, S. 422)
    Das „grundsätzlich“ im Juristendeutsch erinnert an Radio Eriwan: „Im Prinzip ja, aber …“ Und von dieser Art ist der Satz Kohls: „Es gibt kein ausländerfreundlicheres Volk als die Deutschen.“ Hier beißt sich die Blindschleiche in den Schwanz (und beginnt sich selbst zu verschlucken): Was Kohl allein interessiert, ist das Urteil des Auslandes (der Welt, der Geschichte); und das will der Ausländerfeind ja gerade wegbringen. So verstärkt sich das Xenophobie-Syndrom.
    Der Fortschritt des Christentums gegenüber dem Hellenismus (des christlichen Weltbegriffs gegenüber dem griechischen Kosmos: Bedingung der Möglichkeit der neuen Gestalt von Naturbeherrschung) liegt darin, daß es die räumlich Grenze gegen die Barbaren in eine zeitliche umgewandelt hat: Der Missionsauftrag wurde verstanden als Auftrag, in „aller Welt“ die „frohe Botschaft zu verkünden“ und „die Heiden zu bekehren“, d.h. alles aus dem Blickfeld zu schaffen, was an die überwundene Vergangenheit erinnerte. Das kehrte dann in der Aufklärung als der ambivalente Begriff des „Wilden“ (der undifferenzierten Einheit von Heiden und Nichtzivilisierten) wieder. So wurden mit dem Objekt (mit der Natur) die Erinnerung und ihre gegenwärtigen Repräsentanten zum Weltanschauungs-Feind. Heute mißt sich der Grad der Zivilisiertheit (und der Bekehrung) an dem der Zustimmung und der Teilhabe am naturwissenschaftlichen Aufklärungsprozeß. Die historische Verdrängungsleistung schlägt immer wieder in den Vernichtungswillen um, wenn ein gegenständlicher Repräsentant die Verdrängungsleistung in Frage stellt.

  • 01.10.91

    Zum Zusammenhang von „Schicksal“ und „schneiden“ (W.v.Soden, S. 168): Nachklang im „scheiden“ im biblischen Schöpfungsbereicht (Licht von der Finsternis, Wasser oben vom Wasser unten etc.)?
    Die Kurzfassung des biblischen Schöpfungsberichts, wonach Gott die Erde gegründet und den Himmel aufgespannt hat, hat zweifellos sprachliche Wurzeln, ihr gegenständliches Korrelat ist sprachlicher Natur; ihr entspricht heute die Unterscheidung von
    – Wissenschaft (Begründungs-Institution, Herrschaft des Kausalprinzips; Frühform: die „sumerischen“ Omina-Listen)
    – und Kunst (vom langen Atem der ästhetischen Formbegriffs bis hin zur Technik der Erzeugung von Spannung, z.B. in Literatur und Musik <Lösung des Problems der U-Musik?>).
    Der Unterschied zwischen Ästhetik und Kunstkritik (zwischen Adorno und Benjamin) hängt am Begriff der Autorität, die der Kunst beigemessen wird.
    Vor dem Hintergrund des „aufgespannten“ Himmels gewinnt der Sternendienst, die Sternenreligion, im alten Orient seinen besonderen Stellenwert (die Sterne „bedeuten“, weil sie der Praxis nicht zugänglich sind, nur Gegenstand der Kontemplation; sie sind gleichsam Projektionen dessen, was der Himmel „bedeutet“: der absoluten Zukunft gegen das Vergangenheits- und Totenreich des Irdischen; Projektion nur möglich im Kontext der Ausbildung frühstaatlicher Herrschaftsstrukturen, die ebenfalls die <irdische> Zukunft beherrschbar machen sollen – Sternendienst und Sprache: ist die Sprache an der Astronomie zerbrochen <Turmbau zu Babel>? – Anwendung aufs Zeitalter der Raumfahrt?).
    Jedes Opfer enthält ein Stück Magie: die Vorstellung, daß man (durchs Opfer) Einfluß nehmen könne auf das Handeln Gottes und auf das Schicksal der Natur; gegen diese Opfertheologie steht das paulinische: „Denn die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes. … Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, daß die ganze Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt.“ (Röm 817ff; vgl. hierzu Gen 316 sowie auch Ps 10430). Der Weltbegriff als Inbegriff von Herrschaft (das Tauschprinzip) ist die Grundlage des Naturbegriffs als Inbegriff aller Objekte von Herrschaft (des Inertialsystems): Erst vor diesem Hintergrund wird das messianische „die Schuld der Welt auf sich Nehmen“ sinnvoll und verständlich.
    Natur und Welt sind die Totalitätsbegriffe, die den realen Verblendungszuammenhang begründen, unter dessen Bann wir heute alle stehen. Dieser Bann ist ist für den, der ihn nicht durchstoßen kann, zirkulär, und d.h. ausweglos. Der Marxsche Satz, daß das Sein das Bewußtsein bestimmt und nicht das Bewußtsein das Sein, ist zu differenzieren (und zu berichtigen): das Sein, das das Bewußtsein bestimmt, ist ein auch durchs Bewußtsein bestimmtes Sein. Es ist – konkret – ein durch vergangenes Bewußtsein bestimmtes Sein, und die Gewalt dieser Vergangenheit ist die Last, die auf uns lastet. Der Stalinismus ist nichts anderes, als der Versuch, von dieser Differenzierung gleichsam den unerlaubten Gebrauch zu machen, nämlich mit Hilfe politischer Gewalt das Sein zu bestimmen, das dann das Bewußtsein der Menschen bestimmen soll. So wurde der Marxismus (durch Instrumentalisierung) zur Ideologie.
    „Du hast unsere Sünden vor dich hingestellt; unsere geheime Schuld ist das Licht deines Angesichts“ (Ps 908): Erkennen wir sein Angesicht nur im Lichte unseres Schuldbekenntnisses? (Vgl. „Israel“ – Gen 3229ff)
    Die Verwechslung von Virgo und Bekenner ist der Ursprung des pathologisch guten Gewissens (des Faschismus – Zusammenhang mit der weiblichen Sonne und dem männlichen Mond?). Die Ausländerfeindschaft ist eine direkte Folge der Veräußerung des Gewissens (ins Urteil des Auslandes, der Welt): sie glaubt durch den Mord an den Ausländern das eigene schlechte Gewissen beseitigen zu können.
    Die Schöpfungsgeschichte zu Beginn der Bibel ist bereits prophetisch; sie steht nicht in Konkurrenz zu naturwissenschaftlichen Weltentstehungslehren. Aber sie benennt an der Natur deren Korrespondenz zur Prophetie. Das Chaos im Anfang der Schöpfung und die sechs Nächte, die die Schöpfungstage von einander trennen, haben – wie mir scheint – mit den sieben unreinen Geistern zu tun, die an zwei Stellen des NT erwähnt werden (zu Johannes vom Kreuz: es gibt nicht eine mystische Nacht der Erkenntnis, sondern sieben Nächte der Erkenntnis; und deren Hypostasen sind die sieben unreinen Geister, die bisher nur bei Maria Magdalena ausgetrieben wurden (d.h. Maria Magdalena ist die einzige, die die Umkehr vollzogen hat; darauf weist es hin, wenn sie als einzige im Heiligenkalender als Büßerin geführt wird, während umgekehrt dem Petrus, als Typos der Kirche, die dreimalige Leugnung vorausgesagt ist).
    Die Vorstellung, daß Sternkatastrophen in der von Heinsohn u.a. vorgestellten Weise die gesellschaftliche Entwicklung bestimmt hätten, gleicht der, die die Geschichte der Aufklärung aus dem Erdbeben von Lissabon herleitet. Beide werden sinnvoll, wenn man unterstellt, daß die Geschichte der gesellschaftlichen Realität und des Bewußtseins in beiden Fällen soweit vorgearbeitet hatte, daß es „nur noch“ dieses äußeren Anstoßes bedurfte, um die entsprechenden geschichtlichen Wirkungen dann auszulösen. Nur als sinnliche Korrespondenz einer vorausgehenden gesellschaftliche Naturkatastrophe konnte die reale ihre geschichtliche Wirkung entfalten. Frage an Heinsohn: Warum muß man den Ursprung des Monotheismus und nicht den der Idolatrie erklären?

  • 20.09.91

    Theorie des Feuers (gibt es in der Schrift eine Erinnerung an den Ursprung des Gebrauchs des Feuers?).
    Off 1318: Hode hä sophia estin. ho echon noun psäphisato ton arhithmon tou thäriou. arhithmos gar anthropou estin. kai ho arhithmos autou hexakosioi hexäkonta hex. – Ist es die Zahl eines oder des Menschen? Weisheit und Verstand werden dann in Off 179 zitiert und erläutert: auf Rom bezogen.
    Der Drache, das Tier aus dem Meere und das Tier vom Lande: wie verhalten sich diese drei zur Struktur von Herrschaft, Schuld und Verblendung?
    Die Schrift macht das hic et nunc gegenstandslos und das Eine zum Anderen des Anderen (oder sie befreit den Gegenstand vom hic et nunc, von seinem Namen, und begründet die verandernde Kraft des Seins).
    Der Fisch ist ein Christus-Symbol (ichthys = iesous christos theou uios sotär), aber ebenso das Lamm (der Widder?). Jedoch der Fisch aufgrund seines Namens, das Lamm, weil es stumm zur Schlachtbank geführt wird. Das Lamm liefert Wolle und Fleisch, die Kuh Milch und Fleisch, das Schwein nur Fleisch (das Schwein wird durch Domestizierung nackt).
    Gibt es eine Evolutions-Synopse, die die Erdentwicklung, die Entwicklung der Pflanzen und die der Tiere synoptisch, in ihrem gleichzeitigen Verlauf, darstellt?
    Die Sonne beherrscht den Tag und das Jahr, der Mond die Nacht und den Monat.
    Der Sabbat ist der Tag des Saturn, nicht der Sonne. Der Sonnentag ist der erste Tag, der der Erschaffung des Lichts. Die Wochentage, die auch mit dem Schöpfungswerk (dem Hexaemeron) zusammenhängen, stammen wahrscheinlich aus dem Sternendienst, sie orientieren sich an den „Planeten“, den beweglichen Sternen:
    – Sonne
    Licht (Tag und Nacht)
    – Mond
    Gewölbe mitten im Wasser, scheide Wasser von Wasser (Himmel)
    – Merkur
    Wasser sammle sich, das Trockene werde sichtbar (Land, Meer)
    das Land lasse Grün, Pflanzen mit Samen, Bäume mit Samen und Früchten wachsen (das Land brachte … hervor)
    – Jupiter
    Lichter am Himmelsgewölbe, um Tag und Nacht zu scheiden (als Zeichen und zur Bestimmung von Festzeiten, Tagen und Jahren); Gott machte die beiden großen Lichter (das größere soll über den Tag, das kleinere über die Nacht herrschen) und die Sterne; Gott setzte die beiden Lichter ans Himmelgewölbe (sie sollen über die Erde hin leuchten, über Tag und Nacht herrschen, Licht von der Finsternis scheiden)
    – Mars
    das Wasser wimmele von lebendigen Wesen, Vögel über der Land am Himmelsgewölbe; Gott schuf …; Gott segnete sie (fruchtbar, vermehren, bevölkern)
    – Venus
    das Land bringe alle Arten von lebenden Wesen hervor (Vieh, Kriechtiere, Tiere des Feldes).
    Laßt uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich, sie sollen herrschen über Fische des Meeres, Vögel des Himmels, das Vieh, die ganze Erde und alle Kriechtiere auf dem Land. Gott schuf … (als sein Abbild, als Abbild Gottes, als Mann und Frau). Gott segnete (seid fruchtbar, vermehrt euch, bevölkert die Erde, macht sie euch untertan, herrscht über Fische, Vögel, Tiere). Nahrungsgebot (vegetarisch).
    So wurden Himmel und Erde vollendet und ihr ganzes Gefüge.
    – Saturn
    Gott vollendet das Werk, das er geschaffen hatte.
    ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hatte.
    segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig, denn an ihm ruhte Gott, nachdem er … geschaffen hatte.
    Hängt die Finsternis (die Scheidung des Lichts von der Finsternis) mit dem Gravitationsfeld zusammen? Und hängt die Mathematik mit den Zeugungen zusammen?
    Wehalb durfte am Freitag kein Fleisch, wohl aber Fisch gegessen werden (Venus/Drachen: apokalyptisches Mahl des Leviatan)? Der Freitag ist der Tag der Kreuzigung, der Donnerstag der des Abendmahls.
    Zum Zeichen des Tieres an Hand und Stirn: Was bedeuten Hand und Stirn? (Off 1316ff; zu Zeichen vgl. Gen 415, 912; zu Hand Deut 68; zu Stirn Ez 94 und Off 94).
    Er ging hinaus und weinte bitterlich: das Weinen ist Trauerarbeit. Das Weinen bezieht sich auf den Trotz, in der Geschichte der drei Verleugnungen auf den in der Selbstverfluchung sich vollendenden Trotz. Das Weinen ist Ausdruck der Einsicht und des Bekenntnisses: Ja, das bin ich gewesen, das habe ich getan.
    Wenn ich noch die Zeit und die Kraft dazu hätte, würde ich gerne
    – einen Kommentar zur Hegelschen Logik schreiben. Arbeitstitel: Die Hegelsche Logik und das Inertialsystem.
    – Oder eine Kritik der Heideggerschen Philosophie. Arbeitstitel: Die Fundamentalontologie oder das Herrendenken als Selbstverfluchung.
    Kann es nicht sein, daß ebenso wie Abraham in der Genealogie vor die Könige (mit dem Einschub der Parodie auf beide: das Richterbuch) gesetzt wird, auch die Schöpfungsgeschichte, das Hexaemeron, im Rahmen der (nachdynastischen) Auseinandersetzung mit dem Sternendienst, an den Anfang gesetzt wurde?
    Welche Rolle spielen eigentlich Lot, Ismael und Esau in der Vätergeschichte?
    Ist Melchisedech, der „König von Salem“, ein Nachfahre des David? Welche Abraham-fremden Vorfahren gibt es in der Genealogie Davids (und Jesu): die Frauen?
    – Tamar die Kanaaniterin (Mutter des Perez),
    – Rahab die Frau aus Jericho (Mutter des Boas),
    – Rut die Moabiterin (Mutter des Obed),
    – Batseba die Hethiterin (Mutter des Salomo)?
    Schon der Vorläufer des Personbegriffs, die hypostasis (das hypokeimenon oder die Substanz), das Zugrundeliegende, der Träger der Eigenschaften (wie die Person Träger des damit neutralisierten Namens ist) ist vom Bekenntnisbegriff (und der Bekenntnislogik, die die Logik der Verdinglichung ist) nicht zu trennen. Das Bekenntnis drückt genau die Trennung des Subjekts vom Prädikat, des Trägers (Dings) von seinen Eigenschaften aus; diese Trennung ist der Grund der Verdinglichung, sie verwandelt die dann sich bildende Beziehung in eine Schuldbeziehung. So zieht der Personbegriff auch den Namen in diese Schuldbeziehung mit herein (und neutralisiert seine benennende Kraft, verwandelt ihn in einen singulären Begriff: in eine singuläre Eigenschaft, die die Person dingfest macht; im Spitznamen drückt sich diese verdinglichende, fertigmachende Gewalt als Gelächter, deren letztes Objekt die Person ist, aus).
    Empörung gibt es nur im Kontext der Personalisierung (Personalismus und Wertethik). Grundsatz der Personalisierung: An sich ist die Welt in Ordnung, aber leider gibt es ein paar Bösewichter (Prinzip der Idolatrie: Vergöttlichung der Bösewichter).
    Personalismus und Wertethik ratifizieren die Zerstörung der Idee des Glücks. Benjamins Satz „Glücklich ist, wer seiner selbst ohne Schrecken inne wird“ bezieht sich auf ein Selbst, das sich allein im Angesicht Gottes konstitituiert.
    Der Personalismus ist ein Ableger der christlichen Sexualmoral, die ihn zugleich stabilisiert; diese ist der Grund dessen, was seitdem „persönliche Verantwortung“ heißt: Zentrum einer Moral, die als Urteilsnorm das moralische Urteil durch Setzung des korrespondierenden Objekts: der Person, konstituiert. Hier liegt der Grund und der Ursprung des historischen Verdrängungsprozesses, Produkt einer auf den ersten Blick geringfügigen Verschiebung: der Vorstellung, die Erbsünde werde durch die Sexuallust (anstatt durch durch die sexualmoralische Urteilslust) auf die nachfolgenden Generationen übertragen. Das einzige Gegenmittel ist das Nachfolgegebot, das dem sexualmoralisch begründeten Feinddenken den Boden entzieht. (Zusammenhang von Sexualmoral, Objektivation und Verdinglichung, Personalisierung und Verinnerlichung des Opfers, Verschiebung des Mitleids vom Opfer aufs Selbst). Neubestimmung des Schuldbegriffs im Kontext des Nachfolgegebots (Befreiung vom Projektionszwang).
    Personalisierung ist die letzte Möglichkeit, unter Verkennung der realen Beziehungen zwischen Welt und Person (der Weltgrundes der Person) Rachephantasien auszuleben. Die Verdrängung der Frage, was nach dem revolutionären Akt kommt, brutalisiert den revolutionären Akt, macht ihn terroristisch; ihr subjektiver Grund sind Heile-Welt-Phantasien (das Unheil kann nur von Bösewichtern kommen: so aber hat’s seit je die Kirche gelehrt). Die Säkularisierung der falschen Theologie, die Beibehaltung des Bekenntnisprinzips (mit Feinddenken, Ketzerverfolgung und -nicht zuletzt – Frauenfeindschaft) ist nur ein Indiz dafür, wie tief das christliche Erbe sitzt, wie sehr es uns in Fleisch und Blut übergangen ist; sie ist aber nichts weniger als eine geglückte Aufhebung des falschen Christentums. Der Atheismus, die Gottesleugnung, ändert die Welt nicht, versperrt nur der Reflexion die letzte Chance, das Moment der Unwahrheit im Weltbegriff zu begreifen.
    Der Personbegriff drückte einmal die Anerkennung durch andere aus, die Hegel zufolge im Kampf um Leben und Tod errungen wurde und (ebenso wie das Eigentum, die Rechtsfähigkeit) die Person zur Person machte; in der verwalteten Welt ist die Person zum Knoten im Netz geworden, in dem sie gefangen ist und aus dem sie nicht mehr herauskommt: ist sie zu einer bloßen Funktion des Staates geworden, dessen Gewaltmonopol sie hilflos ausgeliefert ist, sofern sie nicht durch Eigentum geschützt ist. In dem Schimpfwort „diese Person“, das seinen logischen Ort im nachbarlichen Gerede hat, drückt sich die Wahrheit der vorfaschistischen Wertethik aus: als Person ist sie ungeschützt den Werturteilen ihrer Umwelt ausgeliefert; ohne Personbegriff kein Feinddenken: Horkheimers Wort über die Ambivalenz des Christentums gründet im christlichen Gebrauch des Personbegriffs (ohne den Personbegriff in der Trinitätslehre würde es keinen Grund für Apologetik und Theodizee geben; die damit systemlogisch verbundene Gottesidee ist ohne verteidigendes, apologetisches Denken nicht zu halten: Umkehrung der so neutralisierten Idee des Heiligen Geistes; es ist nicht unwichtig zu wissen, daß Tertullian, der den Personbegriff in die lateinische Theologie eingeführt hat, Jurist war: der Gedanke ist nicht abzuweisen, daß der Personbegriff hier nur noch das gemeinsame Verfügungsrecht der drei göttlichen Personen über die eine Wesenheit, die homoousia, ausdrückt).
    Der Bekenntnisbegriff sowie Form und Inhalt des christlichen Dogmas bilden ein System, das jedoch nur dann zu begreifen ist, wenn das System als ganzes gleichsam als sein eigener Umkehrpunkt begriffen wird. Die Bekehrung dieses Systems, seine Rettung vor dem Instrumentalismus, läßt sich begründen aus dem Nachfolgegebot; ihre Realisierung wäre die Wahrheit des Satzes „Schwerter zu Pflugscharen“.
    Gegen Heinsohn: Das Opfer ist kein Mittel der Katastrophenbewältigung, sondern eines der Schuldbewältigung: es will (wie das Experiment in der Physik) eine Untat durch Wiederholung ungeschehen machen. Und die Idolatrie (auch der Sternendienst und das Bilderwesen) ist ein Mittel der Komplizenschaft: der Rechtfertigung von Herrschaft.
    Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Bezeichnungen Barbaren und Hebräern? Wenn, dann würde das genau die Differenz zwischen der hellenischen und der israelitischen Tradition ausdrücken: der Unterschied zwischen der projektiven Fremdbezeichnung und der reflexiven Selbstbezeichnung (sie „lebten als Fremde im Lande“ – ist der „hebräische Sklave“ ein „fremder“ Sklave?). Ist die Teilung bei Eber die zwischen Hellenen (im weitesten Sinne) und „Barbaren/Hebräern“ (der erste historische Ausdruck der Klassengesellschaft), die Teilung, in der sich die Hebräer auf der anderen Seite wiederfinden (und „Abraham der Hebräer“ sollte „ein Segen für die Völker“ werden)? Der verzweifelt scharfsichtige Nietzsche hatte Recht: die jüdisch-christliche Religion ist eine Sklaven-Religion (aber der „Wille zur Macht“ ist die falsche, die faschistische Konsequenz daraus: jedoch die einzige, wenn die jüdisch-christliche Tradition verworfen wird). Die Söhne Ebers waren Peleg (Teilung) und Joktan, Peleg gehört zum Stammbaum Jesu. Zwischen den Genealogien Joktans (Gen 1026) und Pelegs (Gen 1118) liegt der Turmbau zu Babel (Gen 111ff).
    Nochmal zu den Söhnen Ebers: Ist der Teil der Nachkommenschaft Ebers, der vor der Sprachverwirrung benannt wird und wohl im Arabischen wohnt, eine Abspaltung, in der sich die Ursprache (die Sprache vor der Sprachverwirrung) erhalten hat? Oder hat Eber mit Abraham und seine Söhne mit den Söhnen Abrahams (und insbesondere Joktan mit Ismael) zu tun (wo sind ihre Siedlungsgebiete: die Söhne Joktans von Mescha, wenn man über Sefar kommt, bis ans Ostgebirge – Gen 1030 – und die Söhne Ismaels von Hawila bis Schur, das Ägypten gegenüber an der Straße nach Assur liegt – Gen 2518; ist nicht die Jakobsleiter in der Jakobsgeschichte das Gegenstück zum Turmbau von Babel)?
    Die barbaroi sind die „Stammelnden“, nur die Hellenen sind sich selber verständlich. Ist nicht in der Prophetie der „Taumelkelch“ ein Bild für das, was im Hellenismus (im griechischen Mythos und in der Philosophie, in dem, was Nietzsche im Dionysischen, der Innenseite des Apollinischen, begriffen hat) dann sich entfaltet? Im Hegelschen Absoluten, in dem „kein Glied nicht trunken ist“ (vgl. hierzu auch Kants Antinomien der reinen Vernunft und Hegels Bemerkungen dazu), kehrt das wieder. In der philosophisch instrumentierten Trinitätslehre ist dieser „Taumelkelch“ ins Christentum eingewandert. Und der zentrale Begriff war wohl der der homoousia, den Konstantin in Nizäa durchgesetzt hatte.
    Das Stammeln der Barbaren ist in der Schrift Wort geworden. Und die Aufgabe der historischen Bibelkritik scheint es zu sein, die Bibel aus ihrer falschen Verständlichkeit in dieses Stammeln zurückzuübersetzen, aus dem heraus sie vielleicht einmal wirklich verstanden werden kann. (Ist Hebräisch eine Objektsprache? Und verweist die Unterscheidung von Hellenen und Barbaren auf den Turmbau zu Babel?)
    Die Sprache des NT ist Griechisch: die damalige „Weltsprache“ und die Sprache der Philosophie. Aber das neutestamentliche Griechisch ist weder das eine noch das andere, es stammelt gleichsam in beiden Sprachen. Zu begründen ist das neutestamentliche Griechisch eigentlich nur durchs Nachfolge-Gebot: als ein erster Versuch, in der Sprache der Welt die Schuld der Welt auf sich zu nehmen. So hat es auch sprachlich die Gestalt des Gottesknechts angenommen (Jes 421-9, 491-7, 504-11, 5213-53).
    In Heideggers Fundamentalontologie wird der Taumelkelch zur Droge; davon ist die Kirche süchtig geworden.
    Maß, Zahl und Gewicht (Waage): sind das nicht Raum, Zeit und Materie (vgl. Hegels Logik, Quantität)?
    Zu Maß, Zahl und Gewicht (die Produkte der Abstraktion und des Vergleichens, von Augustinus als Hinweis auf die Trinitätslehre verstanmden): Liegt der Ursprung des „Gewichts“ im Geldwesen (das Geld als Einheit von schwerer und träger Masse; babylonische Tempelwirtschaft und Astronomie / Astrologie, Schuldknechtschaft; moderne Astronomie und Gravitationslehre als Stabilisator der Mechanik; Kopernikus und Newton waren Münzbeamte)?
    Die Welt, auch die physikalische, ist die Wolfswelt.
    Der „Schrecken Isaaks“ ist der Schrecken des „Er lacht“. Die tiefe Zweideutigkeit, die Dämonie des Lachens, in dem Freude und Hohn kaum voneinander sich trennen lassen, klingt hier an. Zuletzt erscheint das in der verkehrten (unbekehrten, mit dem christlichen Begriff der Sexualmoral zusammenhängenden) Vorstellung des Augustinus, daß zur Glückseligkeit der Seligen im Himmel der Anblick der Leiden der Verdammten in der Hölle gehört. Hier ist einer der christlichen Ursprünge des Faschismus; hier sind die Seligen im Himmel schon auf der Bahn zum KZ-Wächter. In jeder Law and Order-Mentalität steckt etwas davon.
    Der positivistische Ansatz in Loretz‘ Hebräer-Buch hängt nachweislich zusammen mit der Unfähigkeit, das Moment der Gemeinheit im wissenschaftlichen Objektivismus (und in der vergesellschafteten Welt) zu reflektieren.
    Die Josephs-Geschichte beschreibt den Vorgang der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals im Kontext des Staatskapitalismus, während die ökonomisch-religiösen Institutionen in Babylon solche der Privatwirtschaft gewesen zu sein scheinen. Das Königtum und die Tempelwirtschaft sind Instrumente eines Handelsbürgertums, das so die Grundlagen des Handels: das Geld und das Vertragswesen, absicherte (dagegen ist der Dekalog von Grund auf antikapitalistisch).
    Pyramide und Mausoleum: Zusammenhang von Staatskapitalismus und Totenkult.
    Der Ursprung der Idee, die Welt müsse zivilisiert werden, ist griechisch (Alexander); und der Ursprung der Idee, sie müsse befriedet werden, römisch (Cäsar / Augustus). Beides kehrt wieder in der spätchristlichen Verbindung von Mission und Kolonialismus (die Asylanten von heute sind die Nachfahren der Hebräer).
    Ebenso, ja mehr noch wie im Wörterbuch steckt die Weltgeschichte in der Grammatik (Genitiv / Dativ; mit dem Ablativ verschwindet der Sprachgrund der Gnadenlehre). Der Weltbegriff selber ist Teil einer grammatischen Struktur, eines grammatischen Konstrukts, des gleichen Konstrukts, durch das der Begriff in der Sprache verankert wurde (das prädikative Urteil, die damit zusammenhängenden Strukturen der Deklination und Konjugation), während die Mathematik sich aus der Sprache und gegen die Sprache entfaltete (Beziehung von Mathematik und prädikativem Urteil; Verstärkung der Gewalt des prädikativen Urteils durch die Mathematik: Was bedeutet der Begriff Mathematik?).
    Die Metaphysik setzt die Physik, die Gegenstandswelt, voraus. Deren Konstruktion setzt wiederum die Astronomie voraus.
    Die Heideggersche Philosophie ist ein Reflex der verdinglichten Objektwelt: die auftrumpfende Ohnmacht des Subjekts, der zwangshaft sich selbst reflektierende Instrumentalismus, der das Bewußtsein, Instrument zu sein (der „Uneigentlichkeit“), unter taktischer Verwendung der selber instrumentalisierten Bekenntnislogik (des Dezisionismus) zur „Eigentlichkeit“ aufspreizt.

  • 16.05.91

    Habermas‘ Begriff eines gewaltfreien Diskurses verkennt, daß der gewaltfreie Diskurs gegen Gemeinheit unwirksam ist, daß Gemeinheit sich nicht rational auflösen, widerlegen läßt. Gleichwohl ist der Rückgriff auf Gewalt falsch, vielmehr ist in die Diskussion des Zusammenhangs von Gewalt und Vernunft die Erinnerung an Theologie, auch an die Idee einer Änderung der Natur, mit aufzunehmen. Es gibt einen Naturgrund der Gewalt (auch der gesellschaftlichen Gewalt), der nur im Kontext der Reflexion eines die Natur mit einschließenden Schuldzusammenhangs sich begreifen läßt. Nur so ist Adornos Idee eines Eingedenkens der Natur im Subjekt zu begründen, nur so läßt sie sich in Richtung Wahrheit entfalten.
    Gemeinheit bleibt unangreifbar (gleichsam erkenntnistheoretisch abgesichert), solange die Geltung des naturwissenschaftlichen Erkenntnismodell unreflektiert hingenommen wird, solange es nicht gelingt, die Legitimation des Hinter-dem Rücken-Denkens durch die Naturwissenschaft durch Reflexion aufzulösen: Nur so ist der Bann zu brechen.
    Das Studium der Zeitgeschichte (des Faschismus, aber auch des Stalinismus und seiner sozialistischen Varianten), insbesondere der Auschwitz-Zeugen, des Antisemitismus, der stalinistischen Schauprozesse und des „Archipel Gulag“, aber auch des „Terrorismus“-Problems, ist das Studium der Gemeinheit: des Schattens des vergesellschafteten Herrendenkens.

  • 22.04.91

    Wie steht der Professor zum Confessor, Bekenner? Woher stammt der Titel und Begriff des Professors?
    Profession ist der Beruf (professionell), Profeß das Gelübde, das die endültige Zugehörigkeit zu einem Mönchsorden besiegelt. Wie verhält sich die Profession zur Konfession (professionell zu konfessionell); auch der Beruf ist ein Ich-Stabilisator, und der Professor wird berufen.
    Woher kommt die Bezeichnung Diplomat (sprachlich und historisch)? Diplomat und Wahrheit, „diplomatische Antwort“. (Kehrseite: der Enthüllungs-Journalismus und die linken Enthüllungs-Theoretiker; sie nutzen die gleichen Tricks: wenn eine Hypothese nicht widerlegt werden kann, ist sie öffentlich brauchbar. Nutzung der Reflexionsbegriffe.)
    Der Satz, daß das Kabarett nichts ändert, gilt auch für den Enthüllungs-Journalismus. (Der „Spiegel“ bewirkt selbst dort nichts, wo er etwas auslöst; er macht nur süchtig (wie das Lachen).
    Der verzweifelte Versuch der Linken, Zugang zu den Techniken der Macht zu gewinnen, ist apriori zum Scheitern verurteilt. (Linke Religionskritik war eigentlich auch immer Stück verzweifelter Kritik an der Herrschaftskritik, die Religion repräsentiert. Dieser Einsicht, war Georg Lukacz sehr nahe; er hat sie, als er sich dem Stalinismus unterwarf, selber verworfen. Und auch seine Schüler haben sie nicht begriffen.)
    Entspricht das Verhältnis von Natur und Gnade dem von Natur und Ökonomie?
    Hinter dem Rücken: der Tod überfällt die Menschen von hinten. (In dem Trieb, Märtyrer zu werden, spielt das Bewußtsein eine Rolle, daß dieser Tod anders ist. Die Kraft, der Katastrophe standzuhalten: Lots Weib. Der Satz: „Ihr seid das Salz der Erde“ bezieht sich hierauf. Und die Salbung Jesu vor dem Tod macht die Salbung nach dem Tod überflüssig?)
    Alles, was uns aus unserer physis überfällt, überfällt uns von hinten (Krankheit und Tod). Und alles, was uns aus Politik und Ökonomie überfällt, überfällt uns von hinten. Davon abstrahieren alle an der Physik orientierten Weltentstehungstheorien.
    Wie verhält sich die Salbung des Messias, des Königs zur Salbung der Toten (zur ägyptischen Mumie)?
    Was den christlichen Antisemitismus am sogenannten Alten Testament ärgert, ist eine Art der Darstellung, die eine Unschuldsnische nicht zuläßt (Erkenntnis nicht durch moralische Urteile bestimmt, deshalb moralisch).
    Hängt die Tatsache, daß Primo Levi in der Lage war, seine Auschwitz-Erfahrung zu beschreiben, damit zusammen, daß er Chemiker war? Oder anders: Sind Mikrophysik, Chemie und Atombombe noch auf andere Weise mit Auschwitz verknüpft, als nur über ihre Effekte?
    Petrus in Babylon. (Reinhold Schneiders „Winter in Wien“ in Rom neu schreiben?)
    Das „steinerne Herz der Unendlichkeit“: das ist unser Herz.
    Zum Sündenfall: „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“. Das scheinen wir heute noch unmittelbar zu verstehen. Verstehen wir es wirklich (Scham, Schuld, Schuldzusammenhang)? Geschichte von Adam und Eva; exkulpative männliche Interpretation; übersehen, wird, daß Adam durch Komplizenschaft die Schuld erst möglich macht. Diese Komplizenschaft aber ist ein Grundmoment der Verflochtenheit der Männergesellschaft in den Schuldzusammenhang (Faschismus-Syndrom).
    Was hat es überhaupt mit dem „Baum der Erkenntnis“ zu tun? Baum: Überwintern, Überleben durch Verstockung. Stamm als Vorstufe der staatlich organisierten Gesellschaft (zwölf Stämme Israels; Verstockung durchs Bekenntnis: darin lebt der Baum der Erkenntnis fort; im Bekenntnis wird das Wort der Schlange wahr: „Ihr werdet sein wie Gott, erkennend, was gut und böse ist“; ist das Bekenntnis das Tierfell, das Gott den Menschen gegeben hat, ihre Scham zu bedecken?).
    Nacktheit und Scham sind gesellschaftliche Phänomene, konstitutiert durch die Reflexion auf den Blick des anderen. Schamlos und unverschämt ist nicht das Gleiche: Unverschämt ist der fixierende, verdinglichende Bick, der Blick, der den anderen auszieht; die Verworfenheit der Schamlosigkeit gilt nur im gesellschaftlichen Schuldzusammenhang; es gibt eine Schamlosigkeit aus Arglosigkeit, die frei von Scham ist (aber diese Arglosigkeit gilt nicht im Blick auf die Herrschenden; hier gilt: Seid klug wie die Schlangen).

  • 25.03.91

    Das Bild vom Hirten und den Schafen wäre zu beziehen auf die Schafe, die (nach dem Agnus Dei – Joh. 129, Jes. 534ff) die Schuld der Welt auf sich nehmen. Handelt es sich hier um Lämmer, Schafe oder junge Widder (Opfer Abrahams – Gen. 22, islamisches Opferfest)? Ist hierin das Bild des Schafes, das zur Schlachtbank geführt wird, und das vom Sündenbock (Lev. 16) mit enthalten (nur in veränderter Konstellation)? Und sind die Hirten (die Episkopoi) die, die die Schafe zur Schlachtbank führen, oder die, die durch Lehre Hilfe leisten bei der „Nachfolge“? Kritik des christlichen Bildes vom dummen, subjekt- und bewußtlosen Schaf (Agnus ist in der christlichen Tradition ein Frauenname geworden!).
    Katholizismus, Bekenntnis und Sexualmoral: Die Angst und die Wut, die sich einmal (in der Ketzerverfolgung) gegen das abweichende Bekenntnis richteten, wendet die Kirche heute gegen Empfängnisverhütung und Abtreibung; die Aggression wird aus dem Erkenntnisbereich in den moralischen Bereich verschoben. Von der frühkirchlichen (männlichen) Heiligengestalt des Bekenners (deren Pendant die Jungfau als weibliche Heiligengestalt war) ist die Lust am moralischen Urteil Übriggeblieben; zugrunde liegt die Vorstellung, Unschuld sei in dieser Gesellschaft möglich, eine Vorstellung, die nur unter der Voraussetzung funktioniert, daß der gesellschaftliche Schuldzusammenhang (die „Schuld der Welt“, Grundlage und Reflexionsobjekt des Nachfolgegebots) verdrängt, geleugnet wird. Die Lust am moralischen Urteil aber (und nicht ihr Gegenstand) ist im strengen Sinne obszön; sie legitimiert die Gewalt, die sie von sich (vom Urteilenden, der sich durch das Urteil selbst freispricht) auf das Objekt des Urteils ablenkt (er ist schuldig und hat die Strafe verdient); die Lehre der Kirchenväter, daß in der Lust die Erbschuld sich fortpflanzt, trifft auf diese Urteilslust und nicht auf die sexuelle Lust zu. Anmerkungen hierzu:
    – Erstes Objekt des moralischen Urteils ist nicht zufällig die Sexualität; dagegen gilt: „Erstes Gebot der Sexualmoral: der Ankläger hat immer unrecht.“ (Adorno: Minima Moralia)
    – Ursprung und Geschichte der „Urteilslust“ hängt zusammen mit der materiellen Geschichte der Gesellschaft, mit der Geschichte der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Natur (Exkulpation der Selbsterhaltung, in letzter Konsequenz der Macht: des Gewaltmonopols des Staates, das pauschal der Kritik entzogen wird; Konstituierung der Gemeinheitsautomatik; Ursprung des modernen Naturbegriffs: nur im Bereich der Sexualmoral gibt es den Schein natürlicher Unschuld: die Keuschheit).
    – Anwendung auf die Kirchengeschichte: Der skandalöse Teil der Papstgeschichte (und die mittelalterliche kirchenpolitsche Konsequenz des Zölibats, mit Auswirkungen auf die Eschatologie, die Systematisierung des „Jenseits“, mit deutlichem Vorrang von Hölle und Fegfeuer; Konsequenz der Opfertheologie und der Gnadenlehre) ist eine zwangsläufige Folge aus der Verschiebung der Erbsünde von der Urteilslust auf die sexuelle Lust (erklärbar durch die Mechanismen des Wiederholungszwang). Unter diesem Aspekt die Kirchengeschichte neu schreiben:
    . Urteilslust Folge des Verzichts auf Herrschaftskritik; Kirche Teil der Herrschaftsgeschichte (Funktion der Schöpfungslehre und unkritische Rezeption des Weltbegriffs; Geschichte der Häresien wird durchsichtig und ableitbar).
    . Zusammenhang von Antjudaismus, Ketzerverfolgung und Frauenfeindschaft;
    . Ursprung des Faschismus.
    – „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ (Mt 71):
    . Urteilslust und moralisches Urteil als Selbstverfluchung (Umkehrung des Nachfolgegebots nur durch Umkehr heilbar; die dritte Verleugnung des Petrus: und er ging hinaus und weinte bitterlich – Mt 2634);
    . Zusammenhang mit dem wissenschaftlichen Objektivations- und Erkenntnisprozeß.
    – „Seht, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe, seid daher klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben“ (Mt 1016): .Parakletisches (theologisches) Denken unterscheidet sich vom anklagenden und richtenden Denken (vom Herrendenken) nur durch die „Arglosigkeit“ (durch Verzicht auf Personalisierung von Schuld, Verzicht auf Verdrängung und Projektion, Verzicht auf Feinddenken: Ziel ist nicht das Dingfestmachen der Bosheit, das Schuldigsprechen, sondern die Auflösung der Dummheit in der Bosheit);
    . der Verteidiger muß die Fakten und die Gesetze besser kennen als der Ankläger;
    . Konsequenz ist nicht die Enthaltung des Urteils, sondern die Umkehr der Intention (Parteinahme für die Opfer, Votum für die Armen und die Fremden und deren Nachfolger und Erben);
    . Zusammenhang von Herrschafts- und Selbstkritik im Zeitalter der Vergesellschaftung des Herrendenkens (pathologische Auswirkungen nachweisbar in der Vergesellschaftung dessen, was einmal Majestätsbeleidigung hieß: Abwehr von Kritik durch Aggression; psychotische Reaktionen liegen heute der Normalität, dem herrschenden Realitätsprinzip, näher als neurotische: paranoische Verletzbarkeit Grund des autoritären Denkens).
    – „Denn die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes. … Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und der Verlorenheit befreit werden zur Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, daß die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt.“ (Röm 819ff)
    . Der naturwissenschaftliche Objektbegriff ist Repräsentant der Gewalt, mit der die Natur (ohne Wissen und hinter dem Rücken der Erkennenden) instrumentalisiert und der gesellschaftlichen Herrschaft unterworfen, in den Prozeß der Naturbeherrschung hereingezogen wird. Sprachlicher Ursprung des Objektbegriffs ist der Akkusativ: naturwissenschaftliche Erkenntnis Inbegriff des Systems eines anklagenden, richtenden Denkens (Erbe der Inquisition); dagegen müßte verteidigendes (parakletisches) Denken sich zum Organ der Klage (der Sehnsucht, des Seufzens) der Kreatur machen. Dem …

  • 17.03.91

    Liegt der Unterschied zwischen Judentum und Islam an der gleichen Stelle, an der auch der Unterschied zwischen Namen- und Begriffslehre begründet und zu suchen ist, und ist die „Islamisierung“ des Christentums nicht schon vor der Entstehung des Islam eingetreten, vom Islam dann nur auf „reinere“ Weise rezipiert und danach ans Christentum wieder zurückgegeben worden? Drückt sich diese Beziehung auch im Gottesbegriff aus: Allah wird immer nur in der dritten Person bestimmt, bleibt immer gegenständlich; er spricht nicht selbst, sondern spricht durch den Heiligen Geist, der ein Engel ist. Bezeichnend auch die adjektivische Struktur der Namen Gottes, die hier zu Eigenschaften werden und aus diesem Grunde im Islam immer mit dem Zusatz All- gebildet sind: der Allbarmherzige, der Allverzeihende, der Allmächtige, der Allwissende etc (insgesamt 99 Gottesnamen).
    Islam ist die Ergebenheit in den Willen Gottes, und der Wille Gottes ist das, was geschieht. Ein letztes Echo davon ist Hegels „die Vernunft ist wirklich, das Wirkliche ist das Vernünftige“ (Rechtsphilosophie).
    Die Opfertheologie als Ursprung des Idealismus: Vgl. hierzu die Bemerkung in der DdA.
    Das islamische Opfer ist eigentlich nur die Erinnerung an das Opfer Abrahams, die Abgeltung des Menschenopfers. Damit hängt es möglicherweise zusammen, daß nach dem Koran Jesus nicht selbst am Kreuz gestorben ist.
    Das Bilderverbot ist das Verbot, Gott und die Welt hinter ihrem Rücken zu begreifen.
    Für mich war die massive, konzentrierte und brutale Wut auf die Taten der raf schlimmer als die raf und ihre Taten. Und hierin ist etwas, was ich nicht vergessen kann.
    Der Zwang, die Probleme nur noch auszusitzen, der in den noch unabsehbaren Folgen der deutschen Einigung möglicherweise noch einmal verhängnisvoll sich auswirken wird, rührt her von dem unaufgearbeiteten „deutschen Herbst“.
    Peter de Rosas „Gottes erste Diener“ bleibt selbst in den Folgekategorien dessen, was er kritisiert, befangen. Die Darstellung der Dinge im 7. bis 9. Jahrhundert urteilt nach den gleichen moralischen Kriterien, an denen die Kirche selber leidet, aus denen auch der Zustand der Dinge in jener Zeit sich ableiten läßt. Auch hier gilt: der Ankläger hat immer Unrecht.
    Der real existierende Sozialismus ist daran gescheitert, daß er den „dialektischen und historischen Materialismus“ gleichsam glaubte als naturwissenschaftlich-technische Lehre nutzen zu können, daraus politisch anwendbare Gesetze ableiten zu können. Aufgrund dieser Voraussetzung war er gezwungen, seine eigene Basis nochmals zu verraten. Sein Fehler war zu glauben, es gebe einen Standpunkt außerhalb, und dieser Standpunkt außerhalb (hinter dem Rücken der Gesellschaft) sei durch die „Ideologie“, die er dann auch noch so nannte, definiert. So hat er sich dann durch sein Macht- und Politikverständnis unter Rechtfertigungszwänge gesetzt, die zwangsläufig dazu führten, daß er die eigene Basis verraten hat und verraten mußte.
    Die Naturwissenschaften produzieren heute so viele dem Weltzustand angemessene, ihn aufschlüsselnde Bilder, daß es eher der Erklärung bedarf, wieso niemand darauf anspricht, als wenn heute jemand sie wahrnimmt. Zu diesen Bildern gehört
    – das „schwarze Loch“, dessen Gravitationskräfte so groß sind, daß es alles in sich aufsaugt, aber nichts mehr, auch keine Strahlung, nach außen herausläßt, und
    – die sogenannten Teilchenbeschleuniger: dieses Bild des unablässig gegen eine Wand Anrennens und darin soviel Energie, Intelligenz und materielle Ressourcen hineinzustecken, ohne daß dabei die Lösung der Fragen, mit denen Aufwand begründet wird, im Ernst weitergebracht wird (Heideggers Begriff der Frage gewinnt hier gegenständliche Realität).
    Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit (und seine Bedeutung für die Mikrophysik und für die Erkenntnisbasis der Naturwissenschaften insgesamt, das Inertialsystem) läßt sich erst lösen, wenn es gelingt, die Struktur des Raumes in seiner Beziehung zur naturwissenschaftlichen Begriffsbildung aufzuschlüsseln.
    Diese unendliche Last der Faschismus-Erfahrung, dieses unendliche Gravitationsfeld, das alles in sich aufsaugt und nicht mehr nach außen strahlt.
    Parakletisches Denken und das Antlitz der Erde: Emitte spiritum tuum et renovabis faciem terrae.
    Vgl. Gen 11: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ und Gen. 24b: „Zur Zeit, als Gott, der Herr, Erde und Himmel machte, …“ Was bedeutet die unterschiedliche Reihenfolge (Himmel und Erde bzw. Erde und Himmel) im Kontext von „schuf“ und „machte“ sowie von Jahwe und Elohim?

  • 14.03.91

    Die Exkulpierungssucht der Israel-Freunde hängt zusammen mit der Identitätssucht, die in der neudeutschen Nachkriegsära grassiert: Dahinter steckt die richtige Wahrnehmung, daß wir Auschwitz nicht entrinnen können; das gilt insbesondere für unser Verhältnis zu den Juden: Unser Wunsch, von den lebenden Juden Zeichen der Versöhnung zu erhalten, wieder angenommen zu werden und so den Rechtfertigungszwängen entrinnen zu können, ist illusionär (die Opfer sind die Toten, die Tat ist irreversibel) und führt genau in diese Rechtfertigungszwänge hinein: in den Zwang, uns dann nur noch von außen, im Urteil der anderen zu sehen und von ihnen freigesprochen zu werden. Anstatt durch Umkehr (die allerdings nur möglich ist, wenn wir dem Bann der Kollektivschuld uns entziehen, indem wir die Schuld auf uns nehmen) liebesfähig zu werden, verharren wir imgrunde in der larmoyanten Selbstmitleidshaltung und erwarten von den Opfern, daß sie uns daraus befreien. Das Gefühl der „Nichtidentität“ und das Verlangen, Identität durch die Anerkennung, die wir von anderen fordern, zu gewinnen, ist darin begründet (auch der so schwer identifizierbare deutsche Begriff des „Volks“, wie auch der Begriff der „Deutschen“: der gleichsam die Fremdbezeichnung als Selbstbezeichnung übernimmt: wir begreifen uns in der eigenen Sprache selbst als Barbaren; und in dieser Sicht lassen wir uns von niemandem übertreffen: es gibt keine Gemeinheit draußen, die wir – selbst wenn wir uns über sie empören – nicht als Ermächtigung für die eigene Gemeinheit nutzen; dies ist u.a. eine der apokalyptischen Folgen des unreflektierten Bekenntnisbegriffs, des mit ihm begründeten Mechanismus der Komplizenschaft und der Gemeinheitsautomatik).
    Wenn wir uns selbst als Objekt, sozusagen im permanenten Akkusativ sehen („Wir Deutschen“), dann genügt es, wenn wir uns auf die Untaten der anderen beziehen können, um ihnen das Recht abzusprechen, uns wegen unserer Untaten anzuklagen. Wo kein Kläger, da kein Richter: wir sind frei. (Die Selbstverfluchung als dritte Verleugnung?)
    Es genügt nicht, angesichts der Katastrophe zur Salzsäule zu erstarren; hinzukommen muß, daß man begreift, daß die Wurzeln der Katastrophe in der eigenen Verhärtung liegen; die Lösung liegt nach der dritten Verleugnung: er ging hinaus und weinte bitterlich.
    Theologie hinter dem Rücken Gottes gehorcht dem Prinzip der Intersubjektivität; und dieses Prinzip ist Grund des Atheismus.
    Das Theorie-Konstrukt „hinter dem Rücken (Gottes, der Dinge etc.)“ hat mit der Quantenphysik und mit der staatsinterventionistischen Wirtschaftspolitik eine neue Qualität gewonnen. In der gleichen Phase ist die Privatsphäre in den Öffentlichkeits- und Entfremdungsprozeß zunehmend hereingezogen worden, hat der Intimbereich und die ihn abgrenzende Scham sich verlagert, verändert.
    (Qualitätsstufen des Säkularisationsprozesses, des Prozesses der Verweltlichung; Änderungen des Weltbegriffs.)
    In einem Punkt ist Oswald Spengler, wie mir scheint, von der Reflexion noch nicht eingeholt worden: in seinem Konzept der arabischen Kultur (Schriftreligionen, Islam). Hier ist der blinde Fleck direkt bezeichnet worden.
    Unser Bild des Islam ist eigentlich der Repräsentant unserer eigenen verdrängten Vorvergangenheit. Mit der Diskriminierung des Islam, mit dem Negativbild, das wir in ihn hineinprojizieren, sichern wir eine Verdrängung ab, der sich insbesondere das Konzept der mittelalterlichen Theologie verdankt. Die scholastische Philosophie hat eigentlich die Kirchenväter nicht mehr verstanden.
    Die christliche Theologie steht seit den Kirchenvätern, insbesondere dann aber im Mittelalter unter einem Apriori, das mehr durch die Form des Dogmas als durch seinen Inhalt vorgegeben ist.
    Die Form des Dogmas ist die Bekenntnisform (Gleichzeitigkeit des thomistischen christlich eingefärbten Aristotelimus und der Entwicklung der Inquisition im gleichen Orden, Vorspiel der Ketzerverfolgungen und der Hexenverbrennungen). Das Erkenntnis- und das Wahrheitsverständnis der Inquisition ist dann in den Erkenntnisprozeß der Naturwissenschaften mit eingegangen und über die Grundlagen der wirtschaftlichen Entwicklung in Europa in die Fundamente der westlichen, der sogenannten zivilisierten Welt mit eingebaut worden.
    „Abgestiegen zur Hölle“: Eine Konstruktion des Wissensbegriffs, die dem gegenwärtigen Stand des Wissens und der Erkenntnis genügt, wäre das Abbild der Hölle.
    These, Antithese, Synthese: In der Synthese triumphiert die Abstraktion.
    Die Kirche steht in der Tradition der Sadduzäer. Jesus hat dagegen – bei aller Kritik – doch seine Nähe zu den Pharisäern immer wieder zu erkennen gegeben. Vgl. hierzu noch einmal das Verhör Jesu vor den Hohepriestern (und die Erzählung von den drei Verleugnungen durch Petrus – Identifikation mit dem Aggressor).
    Die Auseinandersetzung mit der Theologie und die Auseinandersetzung mit der Physik sind identisch: sie haben es mit dem gleichen Gegenstand zu tun (mit den Erkenntnis-Konstrukt „hinter dem Rücken“).
    Liebesbekenntnis – Verlöbnis – Hochzeit: Stufen des Durchgangs durch die Formen der Öffentlichkeit (Bekenntnis unmittelbar, Entfremdung, hinter dem Rücken), Stufen der Reifung und Entfaltung: daß das Bekenntnis Bestand gewinnt (Bloch: gemeinsam dem Tod standhalten; vgl. auch Benjamins „Wahlverwandtschaften“ und darin das Kant-Zitat).
    Steht der Islam, die Ergebenheit in den Willen Allahs in einer plotinischen Emanationsfolge (Grund des islamischen Frauenverständnisses)?
    Jedes Bekenntnis steht unter einem Rechtfertigungszwang; und der ist bei Frauen aufgrund ihrer spontanern Beziehung zur Empathie geringer als bei den Männern.
    Zur Frage der Göttlichkeit Jesu: Ist der aufgespießte Schmetterling noch ein Schmetterling?
    Mit Blick auf den Begriff der erkalteten Liebe nochmal den Beginn der Apokalypse lesen. Was ist mit einer Situation, in der es Liebe überhaupt nicht mehr gibt?
    Der Atheismus heute partizipiert an der Unschuld der Herren. Und er akzeptiert, daß mit der Gottesfurcht auch die Sensibilität, der Kern des Lebens, verdrängt, unterdrückt und ausgeschieden wird.
    Die Spezialität des deutschen Atheismus nach Auschwitz liegt darin, daß diese Schuld irreversibel ist. Auschwitz ist das Gericht über uns, von dem uns auch die überlebenden Juden nicht freisprechen können.
    Gibt es etwas in der Natur, was den Toten entspricht, korrespondiert (der unwiederholbaren Vergangenheit)? Gibt es eine „Naturphilosophie“, die der Lehre von der Auferstehung der Toten korrespondiert? Gibt es eine Namenlehre der Natur? Ist das, was in der Natur dem Vergangenen entspricht, aufbewahrt in der islamischen Tradition? – Die Toten und unsere Kinder werden unsere Richter sein.
    Der Hinweis, in der Diskussion über den Golfkrieg sei nur die männliche Sicht zu Wort gekommen, scheint sich nach meinem Verständnis darauf zu beziehen, daß hier eigentlich nur die Schuldfrage gestellt wurde (wer ist der Urheber, wer trägt die Schuld an diesem Krieg); die Frage nach den Opfern, wie kann ihnen geholfen werden, eröffnet einen ganz anderen Aspekt, der nicht zur Sprache gekommen ist. Das aber ist eine Folge des christlichen Verständnisses von Versöhnung, von Exkulpation, von Unschuld.
    Zu den technisch-organisatorischen Fragen fällt mir eigentlich nichts ein; ich find es großartig, daß hier die Möglichkeit gegeben ist, sich auf einer Ebene zusammen- (und auseinander-) zusetzen mit dem Ergebnis, daß die drei Religionen weniger weit auseinander sind als die Fundamentalisten und die Progressiven in den Religionen.
    Die Empörung darüber, daß es der deutschen Justiz nicht gelungen ist, die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten, übersieht, daß Gemeinheit kein Tatbestand des Strafrechts ist, sondern einzig ein theologischer Tatbestand.
    „Equal rights for animals and trees“: Die ganze Kreatur sehnt sich nach der Offenbarung der Freiheit der Kinder Gottes.
    „… und diese Welt den richtenden Gewalten durch ein geheiligt Leben abzuringen“: Die Gottesfurcht zum Kern, zum Zentrum, zum Inbegriff von Erfahrung machen. So ist sie in der Tat der Beginn der Weisheit.
    Eine Personalisierung der Gottlosen ist heute ebenso wenig möglich wie eine reinliche Scheidung der Psychose von der Normalität. Es gibt heute ein Verhalten, das den Begriff, die Idee der Gottesfurcht vollständig erfüllt, aber zwangsläufig mit dem atheistischen Bekenntnis verbunden ist. (Arbeitstitel: Religion als Blasphemie.)
    Modell der Auferstehung der Toten wäre die des Dogmas: diesen Schmetterling, den das Dogma aufgespießt hat, wieder zum Leben erwecken.
    Mein Begriff der Gottesfurcht mißt sich an Auschwitz: Im Angesicht Gottes leben, im Angesicht Gottes Theologie treiben, heißt für mich zunächst einmal: im Anblick von Auschwitz leben und Theologie treiben.
    Daß Allah die Welt jeden Augenblick neu erschafft, ist ein Gedanke, der nicht apriori zu verwerfen ist, der vielmehr zu Recht und mit aller Deutlichkeit darauf hinweist, daß wir im Schöpfungs“prozeß“ mitten drin stecken, daß die Schöpfung nicht nur vergangen ist, sondern jeden Tag erneuert wird.
    „Die von den Siegern verordneten Bußübungen …“ (S. 163): Das war nicht die Situation nach 45, außer für die Unbelehrbaren. Ekelhaft der Versuch, auch für die eigene Unbelehrbarkeit noch die Sieger als Sündenböcke zu benutzen. Die waren’s in Schuld, wenn wir keine Chance hatten, die Vergangenheit aufzuarbeiten (so wie der Vater, der schuld daran ist, wenn ich zu spät zur Schule komme: warum weckt er mich jetzt nicht). „Erst wurde Deutschland judenrein, dann persilscheinrein“ (S. 165) – sie hat nichts begriffen. „Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung, und Erinnerung heißt wohl auch …, den vermauerten Zugang zu eigenen mörderischen Gefühlen freilegen.“ (S. 166) Nicht den Zugang zu eigenen mörderischen Gefühlen, sondern zu den Mechanismen, die diese Gefühle produzieren. Vgl. auch die Bemerkungen zum 13.07.: Das ist nicht die Erinnerung, um die es geht; es geht um Empathie, nicht um Einfühlung. „… der kreatürliche Trieb, der immer unmoralisch ist.“ (S. 167)

  • 02.03.91

    Im Herrengebet kommt der Himmel sowohl im Plural vor („qui es in caelis“), als auch im Singular („fiat voluntas tua sicut in caelo et in terra“). Kann es sein, daß nur in einem der Himmel sein Wille geschieht? Hängt der Plural zusammen mit dem „Hofstaat“, mit den Herrschaften, Gewalten und Mächten, zu denen auch der „Ankläger“ gehört?
    Es kommt heute mehr darauf an, in der Politik und im politischen Bewußtsein der Mitmenschen die Dummheit zu begreifen, als über die Bosheit, die Verbrechen, sich zu empören. Es genügt nicht mehr das „moralische“ Urteil, das an den Dingen nichts ändert, nur den Urteilenden (scheinbar) exkulpiert. Die Empörung genießt das Sakrament des Büffels: sie will teilhaben an der richtenden Gewalt, aber sie ändert nichts. (Heute hat das Prinzip der richtenden Gewalt das Bewußtsein aller in der westlichen Welt, gleichsam als dessen transzendentale Logik, erfaßt und durchsetzt; es wird abgestützt durch den abstrakten Objektbegriff und durch die Herrschaft der Totalitätsbegriffe Welt und Natur; seine Logik ist die am Feinddenken sich orientierende Bekenntnis-, Kriegs-, Gewaltlogik. Es ist Teil des Realitätsprinzips, eigentlich mit ihm identisch.)
    Gibt es in der jüdischen Tradition ein Äquivalent zum „et ne nos inducas in tentationem“? Das Rätsel, daß Gott uns nicht in Versuchung führen soll, daß die Versuchung von ihm ausgeht, löst sich nur im Hinblick auf die Idee der richtenden Gewalt: Gemeint sein kann nur die Verführung durch die Vorstellung, an der richtenden Gewalt teilhaben zu können. Die Geschichte dieser Versuchung ist der Kirche vorausgesagt in der Erzählung von der dreimaligen Verleugnung des Herrn durch Petrus.
    Woher kommt eigentlich der (neudeutsche?) Zusatz zum Herrengebet „denn Dein ist das Reich, die Macht und die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen“? Wie heißt dieser Text auf Lateinisch? Wann und aus welchem Grunde ist dieser Zusatz in den Text der Messe aufgenommen worden? – Und wann ist das Händewaschen („Lavabo inter innocentes …“) in den Meßkanon mit aufgenommen worden (und vor welchem Hintergrund)? Identifikation mit Pilatus; Hinweis auf die Instrumentalisierung der Opfertheologie? Zusammenhang mit dem kirchlichen Antijudaismus? Drückt sich hier das Bewußtsein aus, daß man sich in der Opfertheologie nicht auf die Seite des Opfers (unter das Gesetz der Nachfolge) sondern auf die Täterseite stellt und deshalb zwangsläufig das Entsühnungsritual des Händewaschens vollziehen muß? – Dann aber braucht man als Projektionsfolie, als Sündenbock einen anderen „Gottesmörder“. (Was bedeutet es, wenn Jesus beim letzten gemeinsamen Paschamahl darauf hinweist, daß der, der die Hand mit ihm in die Schüssel taucht, der Verräter sein wird?)
    Das Meßopfer heute: ein totes, leeres, verwesendes Gebilde, das nur durch Erinnerungsarbeit wieder zum Sprechen (zum Bewußtsein seiner selbst) gebracht werden kann.
    Zusammen mit dem Antijudaismus, der Ketzer- und der Hexenverfolgung bedürfen drei Dinge der Aufarbeitung (durch Erinnerungsarbeit):
    – der Ursprung des Frühkatholizismus und die Entwicklung der kirchlichen Hierarchie (und ihrer Insignien und Symbole),
    – die Geschichte der Dogmenentwicklung (des Bekenntnisses) und
    – der Ursprung und die Geschichte der kirchlichen Liturgie und des Meßopfers.
    Es scheint nicht ohne Bedeutung zu sein, daß die Geschichte des Fronleichnamsfestes (und der Fronleichnamsprozession) im dreizehnten Jahrhundert beginnt und im zwanzigsten endet (mit Auschwitz: hier endet eine Epoche, deren Beginn zur zweiten Leugnung gehört, und deren Ende zur dritten).
    Steht die katholische Kirche nicht in der Tradition des lupus, des Wolfs (der zur Ursprungsgeschichte der Stadt Rom und des römischen Imperiums gehört)? Herrschaftskritik ist heute nur über die Kirchenkritik möglich (allerdings nur über eine Kirchenkritik innerhalb der Kirche, nicht von außen).
    Das Herrendenken scheint heute das allereinfachste (der Weg des geringsten Widerstandes: die erste tentatio) zu sein, nicht zuletzt aufgrund der Absicherungen über die Totalitätsbegriffe Natur und Welt, über das sogenannte naturwissenschaftliche Weltbild, über das Realitätsprinzip und das Gesetz der Selbsterhaltung. Diese Absicherungen haben eine Vorgeschichte, die in die Geschichte der Religionen zurückreicht und heute weitestgehend verdrängt und kaum mehr durch Erinnerungsarbeit zurückzuholen ist. Die einzige Institution, in der diese Vorgeschichte noch präsent ist, ist die katholische Kirche. Ihr Anachronismus ist ihr wichtigstes Erbteil.
    Die paulinische Lehre von Tod und Auferstehung beschreibt in ihrer instrumentalisierten Gestalt genau die Mechanismen des Verdrängungsprozesses, im Kontext der Gottesfurcht hingegen deren Auflösung. Die Subjektivierung des Verdrängungsbegriffs, die Leugnung seines objektiven Anteils (in dem seine Beziehung zur Gottesfurcht begründet ist), ist Reflex eines Objektivitätsbegriffs, der selbst der massivsten Verdrängung sich verdankt.
    Der Protestantismus ist auf den Kern des Bekenntnissyndroms gestoßen: auf die Frage der Rechtfertigung (Bekenntnis, Reklame und Sprachverwirrung; Dogma und Verzweiflung). Damit war die Kraft der Häresienbildung verbraucht.
    Das verdinglichte Dogma enthält die apokalyptische Tradition als Sprengsatz in sich; Aufgabe der Theologie wäre es, diesen Sprengsatz durch Auflösung des Dogmas zu entschärfen, bevor er tatsächlich das Dogma und mit ihm die Welt sprengt. Oder anders: Die verdrängte Apokalypse kehrt heute als Gemeinheit, Aggressivität und Brutalität wieder und bedroht den Bestand der Welt.
    Der Totalitätsbegriff der Natur hat keine Bedeutung außerhalb des Zusammenhangs der Naturbeherrschung, ebenso wie der Weltbegriff keine Bedeutung hat außerhalb der politischen Zusammenhänge, in denen er sich geschichtlich konstituiert. Beide Begriffe reflektieren und stabilisieren die Herrschaftsgeschichte, bezeichnen das Schienensystem, auf dem sich die Lokomotive bewegt, die kaum noch aufzuhalten ist.
    Grundlage des gesamten Konzepts wäre die Rekonstruktion der gegenwärtigen Phase der Herrschaftsgeschichte.
    Die Imitatio Christi wäre heute neu zu schreiben. Zentral wäre hierbei die Kritik jener Identifikation, die Thomas a Kempis hineingebracht hat, die ans Selbstmitleids appelliert. An ihre Stelle wäre die Identifikation mit den Armen, den Fremden, den Unterdrückten zu setzen. Nur so wäre dem Begriff der Nachfolge: d.h. der Idee der Übernahme der Schuld der Welt zu genügen. Das Selbstmitleid gehört zu den tentationes, vor denen das Herrengebet warnt.
    Die Deutschen (das einzige Volk, das sich selbst als anderes, als fremdes Volk: als Barbaren begreift) haben nicht sich, sondern der Welt die Tarnkappe übergeworfen: deshalb sehen sie sie nicht mehr. Sie sehen in gut idealistischer Tradition nur noch das in der Welt, was sie selbst in sie hineinlegen, hineinprojizieren. Sie bleiben an den Grund des Selbstmitleids gefesselt.
    Eine Unsterblichkeitslehre, die nicht die Rettung der Menschheit mit einbegreift, bleibt gefesselt an das Selbsterhaltungsprinzip (die Hypostase des Selbstmitleids); die Idee der Unsterblichkeit aber wird denunziert, wenn man sie an die Selbsterhaltung bindet. Das Selbstmitleid ist der Grund des Selbsterhaltungs- und des Realitätsprinzips. Hierbei sollte nicht verschwiegen werden, daß das Selbstmitleid nicht gegenstandslos, und daß es insoweit unvermeidbar ist, als die Gestalt der Welt die Menschen zur Selbsterhaltung und zur Beachtung des Realitätsprinzips zwingt; es ist nur in Hoffnung aufzuheben: im Kontext der Gottesfurcht.
    Die (mittelalterliche) Lehre von der persönlichen Schuld schließt die Leugnung der Erbsünde mit ein.
    Ich kann ein Bekenntnis nicht fordern, ohne Heuchelei zu provozieren; deshalb hat der Ankläger immer unrecht.
    Die Stelle aus Jer. 3121f, die Radford Ruether ihrem Buch „Frauen für eine neue Gesellschaft“ als Motto voranstellt, enthält die biblische Begründung für den Satz Franz von Baaders über Strenge und Liebe.
    Das physikalische Experiment hat seine Vorgeschichte im Kontext von Inquisition und Folter, in der Geschichte der Ketzer- und Hexenverfolgung, in der Häresienfurcht und -feindschaft der Kirche. Und die wütende Reaktion der Kirche auf die Anfänge der modernen Naturwissenschaft verweist genau auf diesen projektiven Anteil.
    Das Bekenntnis Hermann Cohens ist ein falsches Schuldbekenntnis gegen eine falsche Anklage. Ihr Ziel ist die Kritik der Anklage, der Versuch, der Anklage durch Verweigerung der Komplizenschaft (der falschen „Solidarität“) den kollektiven Grund zu entziehen (Bekenntnis als Gericht über die Anklage).
    Umgekehrt argumentiert die Bekenntnisforderung nach dem Schema „mitgehangen, mitgefangen“; und: beweise, daß du nicht dazugehörst (Umkehr der Beweislast).
    Die Naturwissenschaft kennt keine Häresienbildung, wohl die politische Theorie (Baader-Meinhof-Bande, Familien-Bande, Gottsucher-Bande).
    Zum Begriff des Bekenntnisses
    oder
    über die Rehabilitierung der Gottesfurcht,
    die Notwendigkeit der Selbstbekehrung der Christen und
    die Entkonfessionalisierung der Kiche.
    Kein work in progress, sondern ein work in regress.
    Selbstheilungskräfte wachsen nicht, sondern werden vom Zustand der Verwirrung provoziert.
    „… und weinte bitterlich.“ Erst wenn die Kirche aus ihrer dogmatischen Erstarrung sich befreit, wenn die Tränen sich lösen: „Heute, wenn ihr seine Stimme hört.“ – Dieses Heute tritt dann ein, wenn wir begreifen, daß das Bilderverbot generell, ohne Ausnahme gilt, insbesondere auch für den kantischen Objektbegriff. Oder es tritt ein, wenn der Satz „Männer weinen nicht“ nicht mehr gilt, wenn auch Männer ihr Gesicht verlieren dürfen.
    Rosenzweig und Münchhausen: Sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf (des Nichtwissens) ziehen. Aber das wäre eine idealistische Interpretation Rosenzweigs (vor der er selber nicht ganz gefeit war; und nur in dieser idealistischen Version gründet seine Nähe zu Heidegger, der dann die Probe aufs Mißlingen des Münchhausenschen Rezepts gemacht hat).
    Zum Begriff des Bekenntnisses wird man sicher zunächst an die zarteste Anwendung dieses Begriffs erinnern müssen: an die des Schuld- und des Liebesbekenntnisses. Der religiöse Begriff des Bekenntnisses in seiner Ursprungsgestalt wird weit eher in der Richtung des Namenszaubers, der Namensmagie zu suchen sein als in der des weltanschaulichen Apriori und seiner Logik. Zu erinnern wäre hier an die sehr konkrete Bedeutung der „Heiligung des Gottesnamens“ in der jüdischen Tradition, wenn beispielsweise in der Geschichte der jüdischen Mystik von der Einung des Gottesnamens magische Wirkungen erwartet werden. So war das ursprüngliche Bekenntnis das Bekenntnis des Namens (an dessen Stelle dann das Symbolum, der Schuldschein, trat: oder der Vertrag, der Erbschein, der Neue Bund).
    Der Faschismus ist nicht nur irrational. Seine Logik läßt sich ableiten aus der Bekenntnislogik. Erst wenn diese Ableitung gelingt, ist der Bann gebrochen. Zu erinnern wäre hierbei an die Aufspaltung der Heiligenverehrung nach Geschlechtern nach Ende der Märtyrerzeit, im Prozeß der Anpassung des Christentums an die Welt, seiner Umformung zur römischen Staatsreligion, sowie im Zusammenhang mit der Entwicklung des christlichen Dogmas und der frühkatholischen Kirchenorganisation: da erscheinen der männliche Confessor und die weibliche Virgo als neue Heiligengestalten. Bei der Trennung wird nicht zufällig der Bekenntnisbegriff eingeschränkt auf das männliche Geschlecht, während die Frauen „in der Gemeinde schweigen“ (später dann nicht einmal mehr singen durften): nicht mehr bekenntnisfähig sind. In diesem neuen Bekenntnisbegriff sind enthalten:
    – der Antijudaismus (durch den Inhalt der Doxologie: zum Bekenntnis gehören insbesondere das Trinitätsdogma und die Lehre von der Göttlichkeit Jesu, die die Juden nicht mitvollziehen können),
    – der antihäretische Grundzug (die Abgrenzung der Orthodoxie nach außen)
    – und die Frauenfeindschaft (die Neubestimmung des Subjekts des Bekenntnisses: auch heute können nur Leute wie Saddam Hussein oder George Bush das „Gesicht verlieren“, Frauen dagegen wohl nicht; das Gesicht, das man verlieren kann, ist die Maske; es hängt offensichtlich mit dem mit dem Bekenntnisbegriff ganz wesentlich verbundenen Begriff der Person zusammen; auf dem Schauplatz der Geschichte gibt es eigentlich nur Männer; wer hier sein Gesicht verliert, kann seine Rolle nicht mehr spielen; deshalb dürfen Männer nicht weinen, nur stolz sein).
    Das Bilderverbot wird auf eine ebenso subtile wie verhängnisvolle, kaum fassbare und nur im Kontext einer Kritik der christlichen Theologie im ganzen begreifbaren Weise durch Einführung des Personbegriffs in die Theologie verletzt (Anwendung des Vermummungsverbot auf die Theologie).
    Die Instrumentalisierung der Opfertheologie war unvermeidbar, solange die Theologie es versäumte, durch Erinnerungsarbeit den mythischen Bann des Opfers (oder den Bann des Mythos) aufzulösen, anstatt das Heidentum in einer Form nur zu „überwinden“, die dann auch Bekehrungskriege (und die Kriegslogik des Zwangsbekenntnisses, zuletzt die Vernichtungslogik des faschistischen Weltanschauungskrieges) möglich machte.
    Eine Kreuzestheologie ist möglich, wenn sie
    – die Reflexion auf Auschwitz mit einbezieht und
    – durch Erinnerungsarbeit zum Sprechen gebracht wird (für die beispielsweise Walter Burkerts „Wildes Denken“ einsteht, aber auch die systematische Stellung des Mythos in Rosenzweigs „Stern der Erlösung“).

  • 12.02.91

    Die „Person“ unterscheidet sich vom Subjekt durch ihre Abstraktheit: Das Subjekt ist der (technische und moralische) Urheber seiner Taten, auch der begrifflichen: Konstrukteur der Welt; die Person ist „nur“ Objekt des moralischen Urteils über ihre Handlungen: der Angeklagte (Objekt des Schicksals?). Erst in der kritischen Reflexion beider Bestimmungen konstituiert sich das Selbstbewußtsein(?).
    Zu Klaus Michael Meyer-Abich: Aufgaben und Chancen der Philosophie (FR vom 12.02.91, S. 22).
    – Was ist der Unterschied zwischen dem Confessor und einem Professor? – Ist der Professor der mittelalterliche Nachfahre des frühkirchlichen Confessors, und drückt in der Differenz der Beziehung zum Objekt, zur Wahrheit, nicht die zum Staat und zur Gesellschaft sich aus?
    – Hat nicht der neudeutsche Begriff der Philosophie (von der Unternehmensphilosophie bis zur Philosophie des Schuhs: Reklame als selffulfilling prophecy) sehr wohl etwas mit dem neoakademischen Begriff der Philosophie zu tun? Und wäre nicht doch erst eine Reflexion dieses Zusammenhangs der Anfang einer Neubegründung der Philosophie?
    – Und befaßt sich nicht eine Philosophie, die sich „mit sich selbst beschäftigt“, eo ipso „mit den Problemen der Zeit“?
    – Was ist das für eine „Wahrheit, von der er (der Philosoph) fragend weiß“? Genügt es, wenn man „die Wahrheit“ so als Fetisch vor sich herträgt, um sie dann auch noch unter Berufung auf Plato „den Politikern“ anzudienen?
    – „Mit den Unternehmensphilosophien ist hier nun wohl noch kein rechter Staat zu machen …“ – ein Satz, über den man in Tiefsinn verfallen möchte.
    Heute eine Meldung in der Frankfurter Rundschau (RIAD, 11. Februar – AFP): „US-Verteidigungsminister Richard Cheney und US-Generalstabschef General Colin Powell haben per Bombe Liebesgrüße an Iraks Diktator Saddam Hussein verschickt. „An Saddam mit Liebe, Dick Cheney, Verteidigungsminister“ kritzelte Cheney in Cowboy-Stiefeln und ohne Schlips auf eine Fliegerbombe. General Powell grüßte den irakischen Präsidenten mit den Worten: „An Saddam: Du schaffst es nicht“. Cheney und Powell besuchten am Sonntag Soldaten auf einem geheimgehaltenen Luftwaffenstützpunkt der US-Luftwaffe in Saudi-Arabien.“
    Bekenntnislogik:
    – Bezugssystem der transzendentalen Logik des Herrendenkens, Basis seiner kollektiven Absicherung (gleichsam dessen Inertialsystem) und Grund des Schuld- und Verblendungszusammenhangs (Herstellung von Komplizenschaft, Ursprung und Wirksamkeit des blinden Flecks).
    – Beziehung zur Logik des Tauschprinzips.
    – Ausgrenzung, Verurteilung von Häresien, projektives Moment im Häresiebegriff (Feinddenken), Verdrängung durch Projektion.
    – Verhältnis zur Macht (Dezisionismus: Cujus regio, ejus religio).
    – Telos: Dasein als Reflex des Vorhandenen, Grund der Zuhandenheit (Selbstinstrumentalisisierung, Opfer der Vernunft).
    – Effekt: objektlose Angst, dessen Auflösung real nicht mehr möglich ist, nur noch zum Schein: durch Unterwerfung. Installierung des Wiederholungszwangs.
    – Komplizenschaft: Der Feind meines Feindes ist mein Freund (Grund der Äquivalenz, der abstrakten Vergleichbarkeit, der Gleichnamigkeit des Ungleichnamigen: der Forschung).
    Ist der Titel von „Sein und Zeit“ dem Zusammenhang der kantischen Formen der Anschauung (Raum und Zeit) nachgebildet (Mimesis ans Objekts des Inertialsystems)? Oder: Steht Heideggers Philosophie (wie der Faschismus insgesamt) unter dem Bann der Bekenntnislogik? Läßt sich hier der faschistische Grundzug der „Fundamentalontologie“ ableiten?
    Analyse des Feindbegriffs (Repräsentant der Vergangenheit, der Natur und der Welt; Zusammenhang mit Personalisierung), oder der Grund des Unterschieds zwischen Zorn und Wut (Personalisierung und Entpersonalisierung, Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit haben den gleichen Effekt, sind Momente der Herrschaft des Freund-Feinddenkens, Folgen der Bekenntnislogik).
    „Der Einzelne … findet seine Vollendung dadurch, daß er einem Stande angehört; er dadurch ist er ein wahrhaftes Individuum und eine Person.“ (Franz Rosenzweig: Hegel und der Staat, I, S. 135)

Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie