Faschismus

  • 22.01.91

    Zu Metz: „Zur Theologie der Welt“. Es ist immer wieder erstaunlich, wie leicht den Theologen ihr „Wissen über Gott“ aus der Feder rinnt. Wie schnell sie den biblischen Hinweis auf die Gottesfurcht (den „Anfang der Weisheit“) beiseitelegen. In dem Zitat aus 2 Kor 119 (S. 18) wird der entscheidende Satz einfach ausgelassen, dann werden aus dem verkürzten Zitat Konsequenzen gezogen, die dem Kontext exakt zuwiderlaufen. Das Ja gilt nicht der Welt (auch nicht „dem Menschen“ – S. 51), sondern den göttlichen Verheißungen. So verbaut sich J.B. Metz schon a limine den Weg zum Verständnis des Weltbegriffs und seiner in der Tat zentralen Bedeutung für die Theologie der Geschichte: Theologie als Erinnerungsarbeit und parakletisches Denken (Kritik des realen und historischen Kolonialismus: der Hypostasen der Empörung, der Verführung zum Richten; Errettung der vergangenen Hoffnung, der Hoffnung für die Opfer und für die bis heute unabgegoltene Güte; Auflösung der den Weltbegriff konstituierenden Verdrängungen).
    Ableitung der christlichen Weltkritik aus Mt. 1016: Aus der Prämisse, eine kritische Aufarbeitung der Erfahrung der Wolfswelt und eine Begründung der Güte, sei unmöglich, zieht jeder Faschismus seine zynisch-verzweifelten Schlüsse: von der Mordlust bis zur Gräberschändung.
    Beispiel theologischer Hybris: Metz fragt nicht mehr, ob, sondern nur noch „wodurch (es sich) zeigt, daß unser Glaube eben ein christlicher Glaube ist, der weiß (!), daß die weltliche Welt von Gott je schon eingeholt ist, ja, daß sie in ihrer radikalen Weltlichkeit nur erscheinen kann, weil sie von Gottes befreiendem Ja jeweils schon übergriffen ist“ (S. 42, Hervorhebungen von mir, H.H.). Ein Glaube, der „weiß“, verletzt sein eigenes Prinzip; und das „je schon“ erinnert außer an die Heideggerei und den Jargon der Eigentlichkeit nicht zufällig an die Geschichte vom Hasen und vom Igel: Ick bün all do. Dabei ist das Metzsche Konstrukt nicht einfach nur erfunden, erbauliches Geschwätz, sondern es verweist auf einen sehr ernst zu nehmenden Sachverhalt: Es ist in der Tat dieses christliche Erbe eines Glaubens, der im Kontext der Geschichte des Dogmas und des Bekenntnisses, der Konfessionalisierung der Kirche(n), für sich die Form des Wissens beansprucht: Grund der anders nicht zu erklärenden Neigung des konfessionalisierten Christentums (und seiner politisch-staatlichen Erben) zur wütenden Aggression gegen jeden, der das geforderte Zwangsbekenntnis verweigert (Bekenntnis als technisches Instrument zur Nutzung des Mechanismus der Identifikation mit dem Aggressor). Nicht zufällig war der „Weltanschauungskrieg“ der Nazis, der in der Tradition der christlichen Ketzerverfolgungen und der Bekehrungskriege steht, einer der brutalsten Kriege der Geschichte, und dazu einer, der die Täter fast ohne das Bewußtsein von Schuld zurückgelassen hat. In diesem Kontext ist das Konzept von der „Annahme der weltlichen Welt“ und von „Gottes befreiendem Ja“ zumindest mißbrauchbar.
    Die Welt ist alles, was der Fall ist (Wittgenstein): Aber das Ja und Amen ist nicht das Ja und Amen zum Fall, dessen unwiederrufliche Bestätigung, sondern im Gegenteil: das Ja und Amen zur Verheißung, daß das Opfer und die alltägliche Erfahrung des Unrechts nicht das letzte Wort sind.
    Das fundamentalontologische „je schon“ ist der genaueste Ausdruck der aktiven Verdrängung, der Unterdrückung von Erfahrung, des Nicht-Wahrhaben-Wollens; es schafft genau die double-bind-Situation.
    Bevor die Grundlagen der Instrumentalisierung der Welt (das Trägheitsgesetz und die Prinzipien der Mechanik) draußen entdeckt werden konnte, mußten sie (unterm Gesetz des Zwangsbekenntnisses) internalisiert und als Form der Welterfahrung schon ausgebildet und vorhanden sein. In diesen Zusammenhang gehört die ganze Säkularisierungsdiskussion.
    Das Bekenntnis ist die Grundlage des Zivilisationsprozesses (die Fähigkeit zum Bekenntnis die Grundlage des zivilisierten Lebens). Aber es ist nur haltbar, wenn es die Selbstreflektion mit in sich aufnimmt.
    Die kritische Selbstreflektion des Bekenntnisses ist die Voraussetzung für eine kritische Reflektion der Naturwissenschaften (und des Naturbegriffs): Einheitspunkt einer sich wechselseitig aufklärenden Natur- und Geschichtsphilosophie (einer wechselseitigen Kritik von Schelling und Hegel).
    Die Naturwissenschaft ist seit Galilei das Trauma der katholischen Theologie: Grund der entsetzlichen und heute explosiv sich ausbreitenden Verwirrung.
    Zusammenhang von: Bekenntnis, Empörung, richtendem Urteil, Freund-Feind-Denken, Herrendenken, Gemeinheit; Weigerung, Begriffe wie Fall und Empörung durch Definition zu entschärfen, anstatt durch Hinhören wieder in ihren theologischen Rang einzusetzen.
    Ursprung der Gemeinheit aus dem Christentum: Bekenntnis als Alibi und Erinnerungsersatz; Komplizenschaft der Gläubigen; Bekenntnis als Zwangsbekenntnis des anderen; Rache für das, was man sich selbst antun muß; Christentum als Ausrede; Verdrängung und Projektion. Opfertheologie, Gnaden- und Sakramentenlehre; Rechtfertigungslehre: Ausbeutung des Leidens Jesu statt Nachfolge (Opfer statt Barmherzigkeit). Veränderung des Glaubens durchs Zwangsbekenntnis, durch Verdinglichung, durch Zeitumkehr (Rosenzweig: die verandernde Kraft des Seins. Studium der Berichte aus Auschwitz.
    Daß nach Metz „das Christentum … als zunehmende Entgöttlichung und in diesem Sinne Profanisierung der Welt erscheinen (muß), als deren Entzauberung und Entmythisierung“ (S. 30), stimmt nur zum Teil und da auch nur bedingt, nämlich insoweit, als die Entmythisierung im Verhältnis zur Offenbarung, nicht jedoch zur wissenschaftlichen Aufklärung, verstanden wird. Die Entzauberung im Sinne der Säkularisation (und Instrumentalisierung, Subsumtion unter die gesellschaftliche Herrschaft) unterliegt der Dialektik der Aufklärung: Auch diese Entzauberung fällt in den Mythos zurück (nur daß er als gegenwärtiger Mythos nicht so leicht wie der vergangene sich durchschauen läßt).
    Wird in dem Konstrukt „Freisetzung der Welt ins Eigene und Eigentliche“ (S. 31) nicht Sündenfall und Erlösung verwechselt? Das ist nun wirklich bürgerliches Christentum (das Proletariat wird nicht der Gesellschaft, zu der man selbst gehört, zugerechnet, sondern der im historischen Prozeß unterworfenen, beherrschten Natur. Und die Vorstellung, „in der Verweltlichung der Welt (setze sich) ein genuin christlicher Antrieb geschichtlich durch“ (S.31), erinnert an die Apartheidstheologie, an die Gleichsetzung von Kolonialismus und Christianisierung. Hierauf paßt der Horkheimersche Satz: Es gibt keine menschenfreundlichere Religion als das Christentum (die Religion der Feindesliebe), aber auch keine, in deren Namen vergleichbare Untaten begangen wurden. Daß auch diese letzteren Dinge christlichen Ursprungs sind, soll nicht bestritten werden; aber das ist dann das Gegenteil einer Rechtfertigung (und nach Rechtfertigung klingt zumindest der oben zitierte Satz). Die Theologie ist nur zu retten, wenn die Säkularisationsdebatte endlich der paranoiden Vorstellung sich entzieht, nach Galilei sei eine Kritik der Naturwissenschaften nicht mehr möglich. Sie ist nicht nur möglich; ohne diese Kritik ist die Theologie nicht zu retten: sowohl im Rahmen einer immanenten Diskussion des Stands der naturwissenschaftlichen Erkenntnis selbst, als auch als Teil einer Kritik des philosophischen und mythischen Erbes der Theologie, gleichsam als Teil ihrer Selbstbekehrung.
    Die Säkularisation als Verweltlichung der Welt ist so aus Herrensicht gesehen: Ausgeschlossen sind die Juden, die Frauen, die Arbeiter, die gesamte „nichtzivilisierte Welt“; ausgeschlossen ist der Rohstoff- und der Produktionsbereich, zu der auch die Arbeitskräfte gehören (als Teil der ausgebeuteten Natur); im Blickfeld ist nur die (heile) Warenwelt. Hierauf beziehen sich auch die unreflektierten Erlösungsvorstellungen: Wer oben ist, ist dem Bann der Natur entronnen, ist befreit, ist exkulpiert. Und solange das, was unten erfahren und erlitten wird, nicht laut wird, ist die Welt in Ordnung.
    Theologie nach Auschwitz ist Kritik der Theologie hinter dem Rücken des lieben Gottes (Kritik der Hybris und der Anmaßung, die vorgibt, „über Gott“ etwas zu wissen; Rosenzweigs: „Von Gott wissen wir nichts, aber dieses Nichtwissen ist Nichtwissen von Gott“ ist die geniale Lösung dieses Problems).

  • 28.12.90

    Das Bekenntnissyndrom vollendet sich in der Wertphilosophie und im damit verbundenen Personalismus. Nicht zufällig ist Scheler einmal katholisch geworden, hat seine Philosophie in der Zeit zwischen den Weltkriegen eine bestimmte Form der philosophischen Adaptation des Katholizismus geprägt. Hier wurde die Spitze der Remythisiserung erreicht: der Punkt, an dem die Umkehr hätte erfolgen müssen. Die versäumte Umkehr fand dann ihren präzisesten Ausdruck im fundamentalontologischen Höllensturz, in dem insbesondere der Personalismus sich als nicht haltbar erwies und völlig einbrach (Geworfenheit des Daseins, seine Verfallenheit an das Man).
    Nach Scheler ist der Mensch als Person Gegenstand der Ethik. Seine „aktiv transzendenten Akte (Gesinnung, Wille, Handlung)“ unterliegen dem Werturteil: Deshalb ist die Person „Wertträger“ (vgl. N. Hartmann: Ethik, S. 227ff). Diesen objektiven Zusammenhang (der Werturteile) denunziert Heidegger später als den des Geredes. Als Person begreift das Subjekt sich selbst (und andere) als Objekt des Urteils anderer, es sieht sich selbst durch die Augen der anderen (als Gegenstand des Geredes). Im Zusammenbruch der Wertethik trat die Gemeinheit dann offen zutage, die die Wertethik (als Theorie der Urteile, die hinter dem Rücken der Betroffenen über sie gefällt werden) noch scheinbar harmlos vorbereitet und verbreitet hat. Die Instrumentalisierung der Wertethik ist der Faschismus (Vermeidung des offenen Gesprächs, Denunziation, Informationen und Urteile als Mittel der Intrige etc.: Inbegriff/System der Gemeinheit, in deren Konsequenz der Mord liegt). Person ist das vorbezeichnete Objekt des Rechts und der Verwaltung: bis hin zur Liquidierung.
    Person, Bekenntnis, Antisemitismus: Jedes Bekenntnis bekommt Gewicht erst dadurch, daß sich gleichsam die Person selbst in die Waagschale wirft; mit dem dohenden Hinweis: wer das Bekenntnis angreift, greift mich, die Person, an („Wer nicht für mich ist, ist gegen mich“). So wird das Bekenntnis unwiderlegbar, aber um den Preis der Unbelehrbarkeit (vgl. Sartres Portrait eines Antisemiten).

  • 22.06.90

    Die Herstellung von Komplizenschaft (der Grundlage für das pathologisch gute Gewissen) ist ein Teil des Initiationsritus der Anpassung an die kapitalistische Gesellschaft (Einübung des Realitätsprinzips, des Konkurrenzverhaltens; Verdrängung der Neigung zur Empathie, zum Mitleid). Der Ausschlag nach Rechts, der in der DDR zu beobachten ist (insbesondere an der Einigkeit im Ausländerhaß), ist eine natürliche Reaktion darauf, daß hier der Anpassungsprozeß chokhaft, ohne die Möglichkeit der Verarbeitung sich vollzieht.

  • 19.06.90

    Der Turmbau zu Babel und die Verwirrung der Sprache: Zusammenhang von Rechtfertigungssprache, Ghettoisierung, Untergang der Kommunikationsfähigkeit im Schuldzusammenhang; Bedeutung des parakletischen Denkens. Heute ist die Klassentrennung (die Ghettoisierung der Herrschenden und der Beherrschten) so weit verinnerlicht, in die Struktur des Subjekts mit eingegangen, daß sie gegenständlich fast nicht mehr zu erkennen ist (die Beherrschten übernehmen das herrschende Bewußtsein – das Bewußtsein der Herrschenden – und damit das darin beschlossene Urteil über sie selber, dem sie nicht entrinnen können; Grund der Trennung von Bw und Ubw und der Zerstörung der Sprache, die bis in die differenziertesten wissenschaftlichen Theorien hinein fast nur noch Rechtfertigungszwängen gehorcht – vgl. die Untersuchungen zur Sprache des Faschismus).

    Die Differenz zwischen der typologischen (prophetischen) Interpretation der Schrift und der Substituierung ubiquitärer Mythen ist die differentia specifica der Offenbarung gegenüber dem Allgemeinbegriff der Religion oder der Unterschied ums Ganze.

    Der dreifache Verrat des Petrus und der krähende Hahn (Mt 26.31-75, Mk 14.27-72, Lk 22.31-62, Joh 13.36-38, 18.15-27).

  • 14.06.90

    Der „Blut und Boden“-Mythos gewann seine Verführungs- und vor allem seine Bindungskraft aus der Verletzung des Inzest-Tabus (der bodenständigen, fremdenfeindlichen Symbiose mit der „Mutter Erde“ galt schon die Anwesenheit „fremden Blutes“ als „Blutschande“): Wer ihn akzeptierte, war Komplize der Urschuld und verloren. Durch die Enthistorisierung des biblischen Sündenfalls zur ubiquitären „j Urgeschichte“ und durch die Einbindung in den psa Mythos wird auch D’s Theologieverständnis in die Nähe des Inzestsyndroms gerückt (den er dann projektiv und stellvertretend in seinem Klerikalismus-Buch kritisiert). Die „falsche Zärtlichkeit“ (vgl. Hegels „falsche Zärtlichkeit für die Welt“), die jede moralische Forderung wegen des darin enthaltenen Schuldvorwurfs abweist, erinnert an die verwöhnende Fürsorge der Mutter, die dem Kind mit der Verantwortung für sich selbst auch die Erfahrungsmöglichkeit und die Freiheit vorenthält. D.’s Freiheit bleibt im Bann des autoritären Denkens (Kriege wird es immer geben; no pity for the poor, außer für die arme Seele, die man selber ist, denn lt. D. ist die wirkliche Armut nicht die materielle, sondern die seelische).

    D.’s Problem ist, daß er – aufgrund seiner psa Erfahrung -imgrunde weiß, daß eine Befreiung ohne Verarbeitung der Schuld nicht möglich ist, die Verarbeitung der Schuld heute (nach Auschwitz) jedoch die Verarbeitung der gesamten Natur- und Menschheitsgeschichte (der gesamten Vergangenheit) mit einschließt, das aber ohne wirklich freies (kritikfähiges) Verhalten zur Gegenwart, zu den realen politischen und ökonomischen Mächten nicht möglich ist (der „Mut“ zur Kritik der mythischen Mächte ist dafür nur ein ebenso schlechter wie verhängnisvoller Ersatz).

    Kannibalismus und „Eucharistie“? (Erst wenn die Beziehung zum Kannibalismus geklärt ist, …)

  • 31.05.90

    Zu Heidegger: Das Vorhandene ist das Zuhandene; beide sind nicht unmittelbar gegeben, sondern gesellschaftlich (oder transzendentallogisch, durch Herrschaft) vermittelt (das kantische Ich, das alle meine Vorstellungen muß begleiten können, ist das Subjekt-Objekt von Herrschaft und der Repräsentant der Welt, des Realitätsprinzips; das Ich bin nicht ich). Beide stehen im Kontext (im Schuldzusammenhang) von Naturbeherrschung.

    Die (mehr den Leser als die Sache) erschöpfende Geschwätzigkeit Drewermanns, die unkonzentrierte Art zu schreiben, das punktuelle Reagieren auf Reize: das alles sind Symptome der Verdrängung oder Verleugnung. Zentral scheint hierbei die Verdrängung der realen Schuld zu sein (soweit sie rechtlich nicht dingfest zu machen ist): der „Schuldgefühle“, die therapeutisch aufzulösen seien. Ist das sein Befreiungsbegriff? Vgl. die Wendung „Erlösung (was immer das bedeuten mag)“ (Kleriker, ca. S. 90-100?). Bezeichnend, daß der Faschismus (ebenso die Vorgeschichte in Ketzerverfolgung, Inquisition, Antisemitismus, Hexenverfolgung) nur als Folie für den Schuldvorwurf gegen die Kirche, den Klerus, erscheint (vgl. u.a. S. 162f), nicht aber als Gegenstand der Reflexion, der „Gewissenserforschung“ (die D. vielleicht auch für veraltet hält). Insgesamt würde das einer Strategie der Befreiung durch Projektion (die Gefahr jeglicher Therapie) entsprechen, der technischen Handhabung eines Schuldverschubsystems, das die eigene Entlastung mit der Belastung der Außenwelt erkauft, gleichsam die Nachfolge Christi auf den Kopf stellt und glaubt, die Umkehr sich ersparen zu können. Diese Strategie wird mit Angst erkauft, für die er als Palliativ dann den lieben Gott braucht (Verwechslung von Schöpfung mit „Erzeugung“ der Materie). Das Resultat dieser Strategie wäre das pathologisch gute Gewissen (der Quellpunkt psychotischer Normalität; Drewermann weiß offensichtlich nicht, wovon er redet, wenn er dem Klerus eine „ontologische Verunsicherung“ nachsagt; er hätte vielleicht doch auch Sartres Beschreibung eines Antisemiten einmal lesen sollen). Auch Drewermann möchte (wie alle Kleriker heute) „normal“ sein (vgl. S. 170: „Die Künstlichkeit und Exemtheit gegenüber der Normalität …“).

    Das Unsystematische läßt sich mit Händen greifen in D.’s Kritik der Opfertheologie: Mit der Opfertheologie verwirft er auch die zentrale Lehre von der Übernahme der Schuld (des Abstiegs zur Hölle), den zentralen Punkt des Nachfolgegebots (auch hier würde er – Gesetz und Gebot verwechselnd, wie die gesamte Theologie, die den Offenbarungsbegriff verdrängt hat – vielleicht nur noch den „moralischen Zwang“ wahrnehmen, nicht aber mehr den theologischen Grund, den Kontext und Zusammenhang des Begriffs der Nachfolge).

    Der missionarische Eifer und die Ketzerverfolgung sind Symptome der Ich-Schwäche (die mit dem Herrendenken wie der Schatten mit dem Licht verbunden ist): Man glaubt seiner eigenen Überzeugung erst, wenn sie kollektiv abgesichert ist (der passive Glaube bedarf der Bestätigung durch den identischen Glauben der anderen, während der aktive Glaube seine eigene Rationalität entfaltet und der kollektiven Absicherung nicht bedarf). Vermittelt wird diese Absicherung durch die instrumentalisierte Orthodoxie des Dogmas, des durch Autorität definierten Bekenntnisses (und durch die Wut, die gegen alle sich richtet, die die Demuts- und Unterwerfungsgeste der Einstimmung ins kollektive Zwangsbekenntnis nicht mitvollziehen).

  • 21.01.90

    Gibt es Erkenntnis ohne den projektiven Anteil (Zusammenhang von Reflexion und Projektion, erkennbar an ihrem Verhältnis zur Schuld – Ursprung des pathologisch guten Gewissens – 2. Stufe der Ideologie)? Die Erfahrung, diskriminiert, verletzt, unterdrückt zu sein, ist sicher eine der Quellen des kritischen, verteidigenden Denkens; aber als Grund für die Identifikation mit der eigenen Opferrolle verhindert sie es zugleich (gerät sie bewußtlos in den Schuld- und Verblendungszusammenhang hinein).
    Das ist das Fatale am Antifaschismus, daß der Faschismus nur mit Mitteln bekämpft werden kann, die in den gleichen Schuld- und Verblendungszusammenhang hineinführen, in dem der Faschismus gleichsam Hausrecht hat.
    Die Bedeutung der Beichte für die Genese des modernen Selbstbewußtseins (Spengler, Goff) wird präludiert durch die Geschichte des Mönchtums (Funktion der evangelischen Räte; Konstitution der Welt durch Vergegenständlichung, Entfremdung).

  • 08.01.90

    Der Faschismus als nachchristlich-christliche Sekte: Hier verselbständigt sich der blinde Fleck: Glaube als Unterwerfungsritual, das unaufgelöste Heidentum, das System der christlichen Herrschaftsmechanismen; das Erschrecken vor dem Spiegelbild ist ausgeblieben, weil, was es dort sieht, zu vertraut ist. (Vgl. den Ursprung der SS in der Geschichte, der Struktur und der Ideologie der Ritterorden.)

    Der deutsche Ostmythos: Unterwerfung, Christianisierung und Ausbeutung des Ostens durch den Deutschen Ritterorden. Konkurrenz zur Italienschwärmerei (Ablösung des Imperialismus von der Katholizität, von Rom). Tannenberg: Jagiello und Hindenburg, der die „Schmach von Tannenberg“ auslöschte und dann Reichspräsident wurde. Kriegsziele des Ersten und Zweiten Weltkrieges.

    Weltverbesserung ist kein Ziel der Philosophie: vielmehr die kritische Auflösung der Welt (zusammen mit der Selbstauflösung der Philosophie); indem sie die Welt anerkennt und begreift, bringt sie sie zum Verschwinden (die Auflösung und das Verschwinden des Begriffs liegen in seiner eigenen Konsequenz).

  • 06.01.90

    Der Faschismus hat sich aus dem Zentrum der Macht in die Peripherie, in die Individuen und in die abhängigen Länder der Dritten Welt, verlagert. Grund ist nicht zuletzt die Entwicklung der Rüstung, deren abschreckende Wirkung den unmittelbaren Terror überflüssig macht. Politik wird zureichend erst begriffen, wenn dieser verinnerlichte (und zugleich externalisierte) Faschismus begriffen wird: die Gemeinheit, das pathologische gute Gewissen und die Techniken der Exkulpation, das Selbstmitleid, die projektive zweite Schuld (insgesamt das Äquivalent des übermächtigen Gewalt- und Zerstörungspotentials in den Seelen der Menschen), insgesamt das System der Selbstausbeutung.

  • 22.10.89

    (Spaziergang, Diktiergerät) Der Name bezeugt den Vorrang des Objekts, er ist zugleich das entscheidende Argument gegen das Grundprinzip der Hegelschen Logik, insbesondere gegen die Funktion der Reflexionsbegriffe. Im Zusammenhang der Reflexionsbegriffe ist der Name tatsächlich „Schall und Rauch“ (mit welcher Bezeichnung der Schuldzusammenhang zugleich verdrängt und stabilisiert wird), ist das Selbst ein leerer, gegenstandsloser Begriff. Oder anders: Die Hegelsche Logik ist die Logik des Andersseins, der Entfremdung; sie ist präzise das System der Entfremdung als Totalität. Bewußtlos vorgearbeitet – darin hat Hegel Recht, und daraus kann er schöpfen – hat ihr die christliche Theologie.

    „Das Eine ist das Andere des Anderen“: Genau hierin drückt sich die – nach Rosenzweig – „verandernde Kraft des Seins“ aus. Und genau hier ist der Geburtsfehler der europäischen Philosophie. Aber hier ist zugleich auch die Geburtsstunde von Herrschaft als Mimesis ans Anderssein, als Mimesis an subjektlose Natur, als Geburtsstunde der zweiten Natur.

    Heidegger hat aus der Philosophie eine Zelle für die Isolationshaft gemacht. Die Welt, auf die das „In-der-Welt-Sein“ bezogen ist, ist eine Zelle, ist ein Einzelghetto, sozusagen der letzte Zufluchtsort der Kontemplation oder auch der Theorie (im aristotelischen Sinne). Ich glaube, der Hinweis auf die Einzelhaft, die Isolationshaft reicht weiter als es auf den ersten Blick scheint. Man denke an die Vertreter der Ermittlungsbehörden und der Anklage im Rücken, die jedes Wort protokollieren (Modell der szientifischen Erkenntnis).

    Auch in der Vorstellung der Isolationshaft berühren sich die Extreme. Es hat den Anschein, als müßten die Herrschenden prädestinierten Opfern das antun, was ihnen selbst widerfährt: die eigene Isolation, die sie allein befähigt, Herrschaft auszuüben, allerdings um einen Preis, den sie kaum in der Lage sind zu zahlen, es sei denn zu Lasten, auf dem Rücken anderer: Herrschaft braucht Opfer.

    In „Sein und Zeit“ beschreibt Heidegger eine Erfahrung, die deshalb für den Faschismus brauchbar ist, weil sie die der Oberen und der Unteren zugleich war. Hierzu ist es vielleicht von Interesse, dem nachzugehen, was Carl-Friedrich von Weizsäcker meinte, als er bemerkte, daß „Sein und Zeit“ vielleicht etwas von den Erfahrungen wiedergeben könnte, die auch die eines Physikers angesichts der neueren Physik sind.

    Hat der „Alltag“, auf den die Grunderfahrungen der Heideggerschen Philosophie nicht selten bezogen werden (auf die er selbst auch sie bezieht), etwas mit dem zu tun, was Franz Rosenzweig „das All“ nennt? Und ist „das All“ vielleicht tatsächlich auf diese ganz schmale Basis und Dimension zusammengeschrumpft?

    Vielleicht ist es doch notwendig, den Vortrag aus 1952 „Wert und Bedeutung der Prinzipien“ Satz für Satz zu korrigieren; vielleicht komme ich dadurch sowohl auf die Hemmungen, die mir damals im Wege gestanden haben, wie auch auf die ursprüngliche Vision, die eigentlich dahinter steckte und hier, in diesem Vortrag, nur vollständig ihren Gegenstand verfehlt hat. Frage: Hatte ich damals den Aufsatz von Franz Rosenzweig „Zeit ist’s“ schon gelesen?

  • 13.09.89

    Theorie und Praxis oder der „faustische Mensch“: Goethes Hinweis auf den Teufelspakt war als Beunruhigung gedacht, nicht als Rechtfertigung; diese führt direkt in den Faschismus. Die Probleme der Deutschen mit ihrem Faust haben ihren Grund in den gleichen Verdrängungs- und Verleugnungsmechanismen, die seit den Ursprüngen des Faschismus bis hin zur „zweiten Schuld“ das deutsche Gemüt beherrschen. (Naturwissenschaft und Kapitalismus repräsentieren den „Sündenfall“, sind Produkte des Teufelspakts.)

  • 08.07.89

    Das Licht repräsentiert die Gnade in der Natur; die herabsteigende Bewegung (S. Weil), die nicht dem Gesetz der Schwerkraft gehorcht. Das „Es werde Licht“ ist die Prophetie der Gnade. Die Schöpfungstage sind Stufenfolgen von Schwerkraft und Gnade (Nacht und Tag).

    „Die Einbildungskraft ist unablässig bemüht, alle Ritzen zu verstopfen, durch welche die Gnade eindringen könnte“ (S. Weil, S. 28): Das ist eine der wichtigsten Funktionen des Geredes, des Gerüchts, andringende Wahrheiten so zu interpretieren, daß sie nicht mehr gefährlich werden können (Sprachregelungen). Wenn Gerüchte bis zur Unbelehrbarkeit fortschreiten, so ist das nur ein Hinweis darauf, wie nahe die Wahrheit bereits ist. Es gibt einen vom Es arrangierten strategischen Gebrauch des Gerüchts (erkennbar als Wiederholungszwang).

    Das Ende des Faschismus (die „Gnade der späten Geburt“) erschwert die Auseinandersetzung mit ihm, erleichtert sie nicht: Das Urteil über die Vergangenheit (die „Empörung“, die der Erinnerung den Weg verstellt) ist nämlich selber eine der Quellen des Faschismus.

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