Faschismus

  • 12.05.89

    Über Gott kann man nicht sprechen; der Gottesname „Ich bin“ ist an die erste Person gebunden, er ist nicht in die dritte Person übersetzbar. Damit hängt es zusammen, daß es von ihm (vom Gottesnamen) eine männliche oder weibliche Fassung nicht geben kann. Das Ich ist weder männlich noch weiblich, es ist nur Ich. Gott ist nicht objektivierbar, er ist für uns nur fassbar im Ich des Anderen; genau das ist die Idee des Heiligen Geistes, der Tröster und Verteidiger ist, d.h. der in der Lage ist, das Ich im Anderen zu erwecken, zu stärken, anstatt zu demütigen, zu verwirren, schließlich zu zerstören.

    Die Welt ist alles, was der Fall ist: deshalb darf es eigentlich eine theologische Kasuistik nicht geben. Die Übersetzung der Idee in Fälle ist genau die Form der Säkularisierung der Theologie, die ins Verderben führt, die diese abscheulichen Folgen hat, deren letztes Resultat der Faschismus ist. Der Faschismus ist das letzte Produkt der Objektivation, der falschen Säkularisation der Theologie, ihrer Selbstentfremdung. Er ist insoweit die christliche Häresie. Kasuistik, Sexualangst und Sexualfeindschaft gehören zusammen; nicht zufällig ist die kasuistische Moral in erster Linie Sexualmoral, die Sexualität ihr erster, bevorzugter Anwendungsbereich. Aber nicht als Objekt, sondern als Grund der Kasuistik ist die Sexualität in der Tat ein zentrales theologisches Thema. (Erster Gebrauch des Diktiergeräts)

  • 22.04.89

    Unsterblichkeit, Philosophie (Ontologie) und Nationalismus: In der Heldenverehrung „verehrt“ (d.h. verachtet) das Volk sich selbst (das Objekt, für das der Held auf dem Felde der Ehre sein Leben hingegeben hat). Vermittelt wird dieser Begründungszusammenhang durch die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele, letztlich durch den parmenideischen Satz: Das Denken und das Sein sind dasselbe. (Vgl. Lyotard, S. 44ff)

    Hegels Weltgericht ist nicht das Jüngste Gericht, sondern das Gericht der Welt über die Geschichte, reflektierter Ausdruck der heute allgemeinen Überzeugung, daß am Ende die „Welt“, die menschenleere Natur sich durchsetzt; das ist die Grundlage für Heideggers Welt-Begriff, für den Begriff des In-der-Welt-Seins. Nur in diesem Zusammenhang ist das Heideggersche „Dasein“ zu begreifen. Die Welt (als gerichtete) ist das richtende Urteil über die Menschen, die selber die Urteilenden sind, ein Urteil, das jeden Anklang an Barmherzigkeit, jede Vorstellung einer Errettung ausschließt; daher die zentrale Bedeutung der (objektlosen) Angst; hier wird auch der Zusammenhang der Analyse des Man und des Geredes (Objekt/Subjekt des Weltgerichts) verständlich. Die Eigentlichkeit ist nur ein dezisionistischer (intentionaler) Akt, sachlich von der Uneigentlichkeit nicht zu unterscheiden; beide Begriffe bezeichnen nur zwei Seiten eines identischen Sachverhalts. Heideggers Philosophie ist das präziseste Selbstverständnis von Geschwätz.

    Kritik des „intentionalen Aktes“: die Gegenständlichkeit, die er voraussetzt, ist die durch Herrschaft vermittelte. Aber auf diesen „Akt“ ist Herrschaft für den, der keinen realen Anteil mehr an ihr hat, reduziert.

    Philosophie ist nur ein (vergebliches?) Ankämpfen gegen das Grauen (das mich seit Ende des Krieges nicht mehr verlassen hat; – daher die Last des nicht mehr aufzuhebenden Schweigens, die Angst, daß andere das, was ich sagen müßte, nicht ertragen könnten).

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