Geld

  • 27.06.93

    Merkwürdige Bileams-Geschichte: Die Verführung durch die moabitischen Frauen: Essen von Götzenopferfleisch und Unzucht (Off 214, vgl. dazu Num 22-24, und 251-3, 318,16, Jos 1322 u.a., 1 Kor 7-10, 2 Petr 215, Jud 111). Besteht ein Zusammenhang mit der anderen Bileams-Geschichte: mit der Weigerung, den Fluch über Israel zu sprechen (und der Rolle des Esels und des Engels in dieser Geschichte)? Gibt es eine Beziehung zur Ruth-Geschichte, die auch eine Moabiterin war, dann in den Stammbaum Davids und Jesu hineingekommen ist
    Sind nicht bei den Bewegungen im Raum zu unterscheiden:
    – die reine Trägheitsbewegung, die von der Seite gesehen wird (Rechts und Links),
    – die Bewegung auf uns zu und von uns weg (im Angesicht und hinter dem Rücken), die uns als Größer- bzw. Kleinerwerden des Objekts erscheint, und auf die wohl primär das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit sich bezieht (vgl. den Doppler-Effekt), und
    – die Fallbewegung (Oben und Unten).
    Im Inertialsystem wird die Seitensicht zur Totalen gemacht.
    Hat die Geschichte von den drei Leugnungen nicht auch die Bedeutung, daß sie das perspektivische Moment in der Wahrheit hervorhebt, ihre Beziehung zur Reflexion, wobei die dritte Leugnung das Ende der Fallbewegung bezeichnet (den Fall als Grund der Reflexion in die Reflexion mit einbezieht). Aber steht das nicht auch in Beziehung zur Geschichte des Nominalismus, daß diese letzte Stufe, die die der sogenannten Postmoderne ist, das Konzept der Moderne in der Tat destruiert. Dagegen an der Moderne festhalten begründet einen neuen Dogmatismus und führt in die „Neue Unübersichtlichkeit“. Anders als bei Hegel, bei dem die Natur den Begriff nicht halten kann, kann hier der Begriff sein Objekt nicht mehr halten.
    Zum Begriff der Welt-Religion: War nicht die christliche Mission, ähnlich wie die islamischen Eroberungen, ein Versuch, das, was wir heute Natur-Religionen nennen, gleichsam auf Welt-Niveau zu heben (die Einheit der Welt durchzusetzen: deshalb war die Mission vom Kolonialismus nicht zu trennen und diese Durchsetzung der Einheit der Welt der Beginn ihrer Selbstzerstörung)?
    Wäre es nicht ein fantastisches Programm, die Geschichte der Menschheit insgesamt als Sprachgeschichte zu begreifen (Voraussetzung wäre es, zu begreifen, daß die alten Schriftsprachen alle Kunstsprachen waren, insbesondere das Hebräische, das Griechische und das Lateinische, während erst die modernen Sprachen gesprochene Sprachen, und zwar erstmals reflexions- und deshalb literaturfähige gewordene gesprochene Sprachen sind)? Die Konstruktionsprinzipien der Sprachen sind alle Ausdruck des historischen Prozesses.
    Die Geschichte der Mode als eine Geschichte der Scham begreifen.
    Zwischentitel:
    – Joh 129,
    – der kantische Versuch der Definition des Natur- und Weltbegriffs,
    – der Weltbegriff und die Bekenntnislogik, die Natur und das Dogma;
    – im Angesicht und Hinter dem Rücken;
    – die Logik des Raumes (die Logik der Rückkoppelung, selbstreferentielle Strukturen; das Geld und das Bekenntnis; Trinitätslehre und Opfertheologie);
    – Maria Magdalena,
    – die sieben Siegel der Offenbarung,
    – Hören und Sehen,
    – der Haß der Welt,
    – Rechts und Links,
    – alles ist Wasser: Thales und die Sintflut,
    – Turmbau zu Babel,
    – und es ward Licht,
    – als Mann und Weib schuf er sie,
    – die drei Leugnungen Petri,
    – das Substantiv und der Name,
    (bleibt fortzusetzen).

  • 24.06.93

    Die Kritik des Weltbegriffs ist die Grundlage einer Metakritik der Kritik der reinen Vernunft.
    Zum Begriff der Lebenswelt: Schicksal ist der Schuldzusammenhang des Lebendigen. Auch die Fachwelt ist eine Lebenswelt, die des Fachidioten. Ist nicht auch der Begriff des Lebens „idiotisch“, und der Weltbegriff ohne den des Lebens nicht zu denken?
    Ps 165: „Der Herr ist Teil meines Erbes und mein Becher.“ Was hat das Erbe mit dem Becher, und haben vielleicht beide etwas mit dem Blut zu tun?
    Ist nicht die Blutsymbolik, wenn sie nicht, wie in dem Katechismus-Zitat aus Lumen Gentium, zum Kern einer Metzger-Theologie werden soll, eigentlich die Aufforderung, der Entfremdung bis ins Innere der physis nachzuspüren: ein Einspruch gegen die Urteilslogik, gegen die Trennung von Gegenstand und Begriff, Leib und Seele?
    Eine Assoziation zu dem Lumen-Gentium-Zitat: Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber; und ist nicht die katholische Marien-Verehrung zum Infektionskeim einer solchen Dummheit geworden?
    War nicht der Arbeitstitel „Religion als Blasphemie“ eine Art Forschungsprogramm zum Begriff „Greuel am heiligen Ort“?
    Bis auf wenige Ausnahmen scheint es im Hebräischen keine Prä-und Suffixe zu geben (s. die Stichworte Präfigierung und Suffigierung in der Hebräischen Grammatik). Zu diesen wenigen Ausnahmen gehören das b‘, das ha-, das -oth und das -im, die alle auf Nomen und deren genus und numerus sich beziehen. Kann es sein, daß die Konjugationen der Verben, die über die Vokalisierung laufen, unters Bilderverbot fallen (und die hebräische Schrift deshalb eine Konsonantenschrift ist)?
    Hat das hebräische b‘, als Orts- oder Zielbestimmung, etwas mit dem Präfix be- (auch dem englischen to be) zu tun (so daß im Enlischen und Deutschen dieses telos-bestimmende b‘ zusammen mit seiner Instrumentalisierung gedacht wird, woraus sich dann zwanglos der Übergang vom englischen to be zum deutschen Sein sich herleiten ließe: Zusammenhang der Instrumentaliserung mit der Umwandlung in anonymes Eigentum, in „Sein“)?
    Das Vorhandene ist herrenloses Gut.
    Hängt das Sein nicht mit dem „Es gibt“ zusammen, wobei das Es als anonymisierter, vergesellschafteter Gesamteigentümer (Begründung des Nationalismus in der Dinglogik der Geldwirtschaft) zu verstehen wäre (vgl. das Hegelsche System-Programm, das die Substanz als Subjekt zu begreifen sich vornimmt, das dann direkt in die Staatsmetaphysik hineinführt)? Auch der kantische Begriff des „Gegebenen“, der das Sinnliche als ein von außen ans Subjekt Herankommendes vorstellt, erinnert an diesen Zusammenhang. Dieses Es ist seit dem Ursprung der Philosophie als Natur vorgestellt worden.
    Ist das Geben nicht eine reine Präfix-Bildung, zusammengesetzt aus ge- und be-, während das dem entsprechende lateinische dare (Dativ) auf das deiktische da- (vgl. das Du und seine Ableitungen und die bestimmten Artikel im Deutschen) zurückweist?
    Die subjektiven Formen der Anschauung sind die Mühle, die der gefangene, geblendete und gefesselte Simson im Gefängnis der Philister drehen mußte (Ri 1621).
    Liegt hier nicht der Schlüssel für den Namen des ägyptischen Sklavenhauses: Gibt es ein Haus (als Objektivation der Form des Raumes) ohne Sklaven?
    Enden nicht die Bücher der Könige damit, daß der Pharao seitdem keinen Kriegszug mehr aus Ägypten heraus geführt hat, nachdem der König von Babel ihm alles genommen hat, vom Grenzbach Ägyptens bis zum Euphrat, und auch Jerusalem erobert und geplündert und die Juden in die Deportation geführt hat.
    Ist nicht der Neofaschismus in diesem Land auch ein Reflex auf die ekelhafte Anbiederung an das „Ausland“, die davon ausgeht, daß alles, was die andern Staaten tun, doch auch uns erlaubt sein müsse. Und da scheint Kinkel in der Konsequenz seines vorlaufenden Gehorsams noch den Genscher zu übertreffen. Hat nicht diese Bundesregierung in der „Wiedervereinigung“ nur die Chance des nationalen Gefühls gesehen, aber die praktischen Aufgaben und die Situation, auf die sie konstruktiv hätte reagieren müssen, nicht wahrgenommen, sondern das Land den durch die liberale Wirtschaftspolitik verwilderten Wirtschaftsinteressen überlassen und ausgeliefert.

  • 22.06.93

    „Zorn ist ein Verlangen nach Rache.“ (Katechismus, Nr. 2302) Diese Definition, die auch durch das nachfolgende Thomas-Zitat nicht besser wird, rührt an den Kern der theologischen Unkenntnis und der Dummheit dieses Katechismus. Wenn sie stimmen würde, dürfte es keinen göttlichen Zorn geben, es sei denn, man unterstellte auch Gott ein Rachebedürfnis (das dann die projektive Abfuhr durch den Antisemitismus nach sich zieht: z.B. durch die Unterscheidung des christlichen Liebesgottes vom jüdischen Rachegott). Die deutsche Sprache unterscheidet Wut und Zorn; und die Katechismus-Definition trifft die Wut, nicht den Zorn. Aber ist nicht die Unfähigkeit, beide zu unterscheiden, beide unterschiedslos auf das „Verlangen nach Rache“ zu beziehen, eine zwangsläufige Folge eines theologischen Konzepts, in dem Gottesfurcht und Herrenfurcht, Umkehr und Umdenken sowie Nachfolge und Unterwerfung unter jegliche Autorität nicht mehr sich unterscheiden lassen, in dem m.a.W. der Gegenstandsbereich, auf den der Begriff des Zorns sich bezieht: die Verletzung der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens, längst aus dem Blickfeld geraten ist? Hier gibt es keine Möglichkeit mehr, den göttlichen Zorn und die teuflische Wut (einen teuflischen Zorn gibt es nicht) zu unterscheiden. Zu prüfen wäre insbesondere der Begriff des Rachebedürfnisses selber (der eigentliche Existenzgrund des Rechts, der Strafe und der gesellschaftlichen Einrichtungen des Strafvollzugs): Bezeichnet er nicht das subjektive Korrelat des Schuldverschubsystems, steckt nicht in jedem Rachebedürfnis ein projektives Element, die lustvolle Verschiebung eigener Schuld auf andere? Ist nicht in jedem Objekt eines Rachebedürfnisses auch etwas vom Sündenbock? Dann aber wäre nach der Katechismus-Definition der Begriff des Zorns auf Gott nicht anwendbar, dann wäre der Begriff des gerechten Zorns gegenstandslos. Aber ist nicht die kirchliche Theologie heute dabei, mit dem theologischen Begriff des Zorns die Theologie selbst gegenstandslos zu machen?
    Auschwitz hat in Deutschland (und in der Kirche?) stärkere Rachebedürfnisse ausgelöst als bei den Juden (ist nicht die kirchliche Position in der heutigen Abtreibungsdiskussion, die nicht selten bei den kirchlichen Hardlinern mit Auschwitz-Assoziationen sich verbindet, eine Form der projektiven Abfuhr dieses Rachebedürfnisses: der ihr zugrunde liegenden Mordlust, die man dann in die Frauen hineinprojiziert?).
    Wenn der Zorn ein Verlangen nach Rache ist, dann ist die Welt ein Geschöpf des göttlichen Zorns und der Kreuzestod der bis heute mißlungene Versuch, diesen Zorn zu besänftigen (die Welt zu „entsühnen“). Aber diesen Anschein erweckt ja nun in der Tat die christliche Theologie (aus diesem finsteren Konstrukt hat die Gnosis einmal versucht, die Konsequenzen zu ziehen). Gehört nicht in diesen Zusammenhang nicht auch der Satz: Extra ecclesiam nulla salus, der die Konsequenz mit einschließt, daß es nur um die Rettung der einzelnen aus der bösen Welt, nicht aber um die Rettung der Welt selber geht, und daß, wenn es Heil nur in der Kirche gibt, alles, was draußen ist, verworfen ist.
    Der Gott, der den Tod seines eigenen Sohns als Sühne fordert: nimmt der nicht seine eigene Selbstoffenbarung im brennenden Dornbusch zurück, ist das nicht die Rücknahme des JHWH (in der Geschichte der Bindung Isaaks war es der Engel der Elohim, der das Opfer forderte, und der Engel JHWH’s, der die Forderung zurücknahm)?
    Merkwürdige Stelle bei Kant (Kr.d.r.V., S.403f), wo er in der Verlängerung einer geraden Linie ins Unendliche die gleiche Logik erkennt wie bei dem Elternpaar, von dem man „in absteigender Linie der Zeugung ohne Ende fortgehen“ könne. Liegt hier, in der Beziehung der endlos sich fortzeugenden Geraden zu den endlos sich fortzeugenden Gattungen in der Natur, nicht ein Hinweis auf den Ursprung des christlichen Sexualtabus und auf sein anderes, verdrängtes Objekt: in der Verdrängung des Zeugungselements bei der Mathematisierung der Raumes (in der Abstraktion vom Licht, das beides, das Sehen und das Gesehenwerden, in sich enthält, und darin den Ursprung sowohl des Lebens wie des Angesichts; vgl. den biblischen Zusammenhang des Gesehenwerdens mit der Scham: „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“).
    Auch eine Bemerkung zur feministischen Theologie: Die Vorstellung einer unendliche Ausdehnung des Raumes steht unter dem Zwang der Verdrängung des Gesehenwerdens, der Scham, die dann im Begriff der trägen Masse (und im Realsymbol des Blutes?) wiederkehrt: Ist die mathematische Raumvorstellung nicht (wie in anderer Hinsicht das Geld und das Bekenntnis) ein Realsymbol der Vergewaltigung (und der Onanie)? Liegt der Anfang hierzu in der geschlechtsspezifischen Trennung der Heiligen nach der Märtyrerzeit in Confessores und Virgines? Und liegt hier nicht ein Hinweis auf den Zusammenhang der Hexenverfolgung (einschließlich der damit verbundenen Mythen – vgl. Carlo Ginzburg: Hexensabbat) mit dem Ursprung der naturwissenschaftlichen Aufklärung?
    Meistveraltet ist die jeweils jüngst vergangene Mode. Ist nicht auch das ein Teil des Schuldverschubsystems, seiner Mikrologik: Indem das gerade Vergangene nur durch den Zeitablauf reflexionsfähig wird, erzeugt es nur den Zwang zur Verdrängung; dieser das Ich bedrängenden Scham- und Schuldflut ist unser Reflexionsvermögen nicht gewachsen. Zu verarbeiten ist sie nur über die projektive Schuldverschiebung. – Anwendung auf die Beziehung zur Vergangenheit in Deutschland.
    Liegt hier nicht auch der Schlüssel zum kritischen Verständnis der Habermasschen Verarbeitung der Kritischen Theorie? War nicht der „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ schon eine affirmative, neutralisierende Umformung des Begriffs der Kulturindustrie? Unter diesem Neutralisierungsdruck ist die Kommunikations- und Diskurstheorie entstanden (die letzte Fluchtburg vor der andringenden Notwendigkeit der Restituierung der benennenden Kraft der Sprache). Ist nicht das Reale in der Habermasschen Intersubjektivität verdampft (unter dem Hitzedruck der rekursiven und selbstreferentiellen Logik der Intersubjektivität)?
    Der Geist Gottes brütend über den Wassern ist bei Heidegger zur Mordlust ausbrütenden Daseins-Philosophie verkommen (Rückfall in die gleiche Finsternis über dem Abgrund, die Habermas jetzt als Neue Unübersichtlichkeit überfällt).
    Der Weltbegriff bedarf der quasitheologischen Idee der Entsühnung (er bedarf der Opfertheologie), und das deshalb, weil nur auf diesem Wege die projektive Verarbeitung der Erfahrung (der historische Objektivationsprozeß), die der Weltbegriff absichert, möglich gewesen ist. Die projektive Verarbeitung selber lief unter dem Titel Naturerkenntnis.
    Wie verhalten sich eigentlich die bestimmten Artikel im Deutschen, in die die Deklinationsformen sich verlagert haben, zu den Nomen selber (den deutschen „Substantiven“), an denen die Deklinationen nur noch fragmentarisch an Endungsresten erkennbar sind? Die ehemaligen Suffixe sind zusammengeschrumpft und nur noch ein verhallendes Echo der die Deklination repräsentierenden bestimmten Artikel. Welcher Unterschied liegt zwischen der Deklination des Nomens Deutscher (der D’e, des D’en, dem D’en, den D’en) und der des Nomens Wald (der W, des W’es, dem W’e, den W)? In dem einen Fall drücken sich alle Beugungen durch das -en aus, in dem anderen stehen neben der Einheit des Nominativ und Akkusativ die getrennten Formen des Genitiv und Dativ. Sind in den femininen Nomen die Deklinationen insgesamt endungslos (die Frau, der F, der F, die F)? Aber sind hier die Deklinationen nicht ohnehin nur Varianten der fem./masc. Artikelbildungen? Und sie die Wald-Endungen nicht versteckte Neutrums-Endungen (vgl. das Haus, des H’es, dem H’e, das H)? Kann es sein, daß im Deutschen die Flexionen (die Deklinationen) durch genus-spezifische Elemente überlagert werden, gleichsam eine zweite Reflexionsstufe zum Ausdruck bringen? Wenn ja, welche Sprachlogik verbirgt sich dahinter? Auffällig ist eine merkwürdige Reflexions-Beziehung des Femininum zum Maskulinen (der maskuline Artikel erscheint als Genitiv- und Dativ-Artikel im Femininum, und die feminine Deklination des Artikels ist zugleich das Modell der allgemeinen Deklination im Plural) wie des Maskulinum zum Neutrum. Gibt es einen sprachlogischen Zusammenhang mit der Ersetzung der Suffixbildung durch Bildung mit Hilfe von Hilfszeitverben bei den Konjugationen (und der Ersetzung der hierarchischen Begriffs- durch hierarchische Satzkonstruktionen) und schließlich mit dem exzessiven Gebrauch von Prä- und Suffixen im Deutschen?
    Wie verhält sich eigentlich das Wort vom Weizenkorn, das sterben muß, um hundertfältige Frucht zu bringen, zu dem Gleichnis vom Weizen, der unter die Dornen, auf felsigen und auf fruchtbaren Grund fällt? Sind die Dornen und der Felsen nicht Symbole der Hypostasierung des Todes (die in die Theologie durch den affirmativen Gebrauch des Weltbegriffs hergekommen sind, und in denen sich die entscheidenden Aspekte dieses Weltbegriffs, seine Subjekt- und Objektfunktion, ausdrücken)? Grund ist die Weigerung, das Nachfolge-Gebot in die Grundlagen der Theologie (der Gotteserkenntnis) mit hereinzunehmen. Aber Gott will nicht, daß sein Wort leer zu ihm zurückkehrt.
    Ist nicht die Versteinerung (der Fels) Grund und Folge der nicht übernommenen Arglosigkeit (der Unfähigkeit, die Klugheit der Schlange ohne projektive Entstellung, ohne der Paranoia zu verfallen, zu übernehmen)? Ist sie nicht eine Folge der bis heute unaufgelösten Paranoia im Kern der Welt?
    Zum Brief an Metz: Das „Zeit ist’s“ verweist auf den Aktualitätskern der theologischen Erkenntnis, auf das, was die Mystiker das „nunc stans“ (und Ernst Bloch das „Dunkel des gelebten Augenblicks“) nannten. Dieser Aktualitätskern ist die bis heute ungehobene Wahrheit des Sterns der Erlösung.
    Ist nicht die Kirchengeschichte der paulinischen Theologie die Geschichte des kirchlichen Kleinglaubens, und hat nicht die lutherische Rechtsfertigungslehre diesen Kleinglauben auf den Begriff gebracht? Aber Jesus ist der, der dem Sturm und den Wellen des Meeres gebietet, und ist uns nicht ein Teil dieser Kraft in seinem Namen mitgegeben?

  • 17.06.93

    Zu Schoeps, S. 271: Ist Auschwitz das Werk der Engel Elohims?
    Es sollte auch in der Kirche endlich zur Kenntnis genommen werden, daß die Kirche in den materiellen Lebensprozeß der Gesellschaft verflochten und nicht darüber erhaben ist (Grundlage dieser Kenntnisnahme ist die Kritik des Weltbegriffs).
    Ist die Trinitätslehre, wie sie zuletzt im neuen Katechismus der Kirche wieder vorgestellt wird, nicht eine logische Konsequenz aus der Lehre von der creatio mundi ex nihilo? Die mit der Trinitätslehre verbundene, biblisch jedoch völlig unbegründete Vorstellung eines „innertrinitarischen Prozesses“ als eines „seligen Lebens Gottes in sich selber“ ist Produkt einer zwangsläufigen (vom affirmativen Gebrauch des Weltbegriffs nicht abzulösenden) Ästhetisierung der Theologie (Instrumentalisierung der Gottesidee zum „Gottesbild“), und trägt die damit verbundene Vorstellung der seligen Anschauung Gottes (als Teilnahme und Einbeziehung in diesen „innertrinitarischen Prozeß“) nicht voyeurhafte Züge? Liegt hier die früheste Antizipation des Fernsehens und des Sports: des gegenständlichen Korrelats einer von Schuld und Verantwortung befreiten, dafür nur noch identitätssüchtigen Gesellschaft von Zuschauern, von Massen-Voyeuren? Davon sind die Instrumentalisierung der Sprache und das Geschwätz, deren Zusammenhang mit dem Voyeurhaften (der Fixierung an das Aufdecken der Blöße und der Verstrickung in die Knechtsgesinnung) offenkundig ist, nicht mehr trennen.
    Die moderne Astronomie hat uns zu Voyeuren des Kosmos gemacht (Modell der Entpolitisierung der Gesellschaft).
    Tauschprinzip und Inertialsystem: Das erste ist tatsächlich ein aktiv an die Dinge herangetragenes Prinzip, das zweite ein System, das sich hinter dem Rücken dieser Tat bildet (und den Täter in seine Verstrickungen mit einbezieht). Beide sind aufeinander bezogen wie das „Richtet nicht“ und das „damit ihr nicht gerichtet werdet“. Das Tauschprinzip war der verborgene Motor der Naturerkenntnis, in deren Rücken sich (mit Beginn der Zivilisation) der Weltbegriff gebildet hat.
    Hat die Form des Raumes die Trinitätsspekulationen abgelöst (und neutralisiert)? berith und diatheke sind beides Rechtsbegriffe; der eine begründet die Partnerschaft, der andere die Erbschaft. Hiermit hängen die Differenzen der jüdischen und der christlichen Theologie (und die zentrale Bedeutung der Vater-Sohn-Beziehung in der christlichen Theologie) zusammen. Ist die Testamentsbeziehung (und in ihrem Konstext die Vater-Sohn-Theologie) nicht im Weltbegriff begründet, der selber auf den Begriff des Erbes zurückweist? Die Trinitätslehre (deren Funktion dann die mathematische Form des Raumes übernimmt, die Kant als subjektive Form der Anschauung der transzendentalen Logik insgesamt zugrunde legt) konstituiert die Identität der Welt. Hinweis: Die Form des Raumes, das Geld und das Bekenntnis begründen die Subjekt-Objekt-Identität, sie neutralisieren das Herr-Knecht-Verhältnis und machen sie zu logischen Zentren des Objektivationsprozesses: der Feind-, Verräter- und Patriarchats-Logik.
    Die Fähigkeit zur Schuldreflexion und ihre Einbeziehung in den Begriff der Erkenntnis begründet den Aktualitätsbezug, der jede wirkliche theologische Erkenntnis definiert (und u.a. Adornos Begriff einer „eingreifenden Erkenntnis“ begründet).
    Auch wenn man das Urteil über die Bedeutung der paulinischen Theologie für den Ursprung und die Geschichte der Kirche offenläßt, bleibt doch festzuhalten, daß die dogmatisch verdinglichte Lehre von der Göttlichkeit Jesu, die aus Paulus herausgelesen worden ist, die wirkliche Erkenntnis und die ungeheure Bedeutung dessen, was hier sich zugetragen hat, eher versperrt.

  • 06.06.93

    Ursprung der Flexionen in der sumerischen Sprache: Sind nicht die Prä- und Suffixe insgesamt Determinaten? Hängt nicht die Bildung der Flexionen, die ja auch Kombinationen von Prä- und Suffixen sind, mit diesem Ursprung in den sumerischen Determinanten zusammen?
    Drogen und Alkoholismus: Kann es sein, daß der Drogenkonsum im Sinne der Bikameralitätstheorie die linke Hemisphäre des Gehirns außer Funktion setzt, der Alkohol (als reine Zivilisationsdroge) die rechte? Der Drogenkonsum führt hinter die Zivilisationsschwelle zurück, der Alkoholkonsum macht sie erträglich und stabilisiert sie (Taumelbecher). Aber wie steht es dann mit dem Rauchen: Leugnet es die Gebete der Heiligen?
    Nur dort, wo die Sprache nicht mehr hinreicht, bedarf es der Gewalt; aber was mit Gewalt (mit Hilfe des Rechts) durchzusetzen ist, ist nicht die Moral, sondern ihr Schein.
    Die Bekehrung ersetzt nicht die Umkehr.
    Der Raum als subjektive Form der Anschauung ist die höhnische Kälte, mit der wir heute die Welt ansehen; und die kantische Philosophie (die Kritik der reinen Vernunft) war der Anfang des Bewußtseins, und damit der Heilung davon.
    Taub, blind und besessen: Hat das etwas mit leer, gereinigt und geschmückt, und haben beide mit den drei evangelischen Räten, Armut, Gehorsam und Keuschheit zu tun? Heilt nicht der Gehorsam die Taubheit, die Armut die Blindheit, und befreit die Keuschheit von der Besessenheit (und diese Besessenheit ist eine siebenfache)?
    Zu den Grundproblemen der Europäischen Gemeinschaft gehört das Währungsproblem. Aber um dieses Problem zu begreifen, wäre es notwendig zu ermitteln:
    – Welche Sparten der Wirtschaft profitieren von der Währungsstabilität und welche werden benachteiligt und müssen den Preis zahlen;
    – oder umgekehrt: welche Sparten profitieren von einer inflationären Geldpolitik und welche werden davon benachteiligt. Hieran ließe sich das Problem des Ex- und Imports der Armut demonstrieren, oder die Wahrheit des Hegelschen Satzes, daß die bürgerliche Gesellschaft bei all ihrem Reichtum nicht reich genug ist, der Armut und der Erzeugung des Pöbels zu steuern. Jede Geldpolitik ist eine Marktorganisationspolitik und wie diese interessengebunden.
    Der Gedanke, daß mit der Wissenschaftsorganisation und mit dem Kanon der Wissenschaften auch ein gesamtgesellschaftlicher Verdrängungsapparat produziert und tradiert wird.
    Jesus und der Tempel:
    – Nach seiner Geburt wurde er im Tempel „dargebracht“,
    – der zwölfjährige Jesus „lehrt“ im Tempel,
    – und der erwachsene Jesus „reinigt“ den Tempel von Händlern und Geldwechslern, und bei seinem Tod reißt der Vorhang vorm Allerheiligsten entzwei.
    „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“: Sie erkannten, daß sie Objekt für andere waren, und darauf reagiert die Scham, sie ist eine Objektreaktion.
    – In der Rosenzweigschen Konstruktion des Sterns der Erlösung vertritt der Mensch die Stelle des Objekts (die Welt die Stelle des Begriffs und Gott die der Indifferenz beider).
    – Scham, Materie, Feigenblatt und Tierfell: So, nämlich über den Begriff der Scham und über die Geschichte seiner naturgeschichtlichen und politischen Konnotationen, hängen der „Materialismus“ und das Keuschheitsgebot zusammen.
    Nochmal zur Scham: Sind die seit Heuß begeistert sich schämenden Deutschen der Nährboden für den heute ausbrechenden Fremdenhaß? Wurde nicht mit der „Kollektivscham“ die Selbstwahrnehmung im Blick der Anderen (aus dem die Rechtsradikalen heute ausbrechen möchten) kanonisiert. Der Schambegriff hat die produktive Verarbeitung der Schuld unmöglich gemacht. Nur vor diesem Hintergrund wird verständlich, wenn kein Mitglied der Regierung Kohl bis heute den Mord zur Kenntnis genommen hat, sondern nur die Schande für den deutschen Namen und das Urteil des Auslands.

  • 17.05.93

    Ziffer 615 (aber siehe auch den Gesamtzusammenhang über das „Opfer“ Jesu): Die Unterstellung, daß Jesus durch seinen Tod „unsere Sünden wiedergutgemacht und Gott dem Vater für sie Genugtuung geleistet“ hat, macht aus dem Opfer den Vollzug einer Strafe, nimmt dieses Moment in die Opfervorstellung hinein: Aber was ist das für ein Gott, der nur zu besänftigen ist durch ein solches Opfer? Wird hier nicht vielmehr das entsetzliche Strafbedürfnis (das aus dem Rachebedürfnis stammt), in der Religion verankert: die Vorstellung, daß das Leben zu einer so schweren Schuld verurteilt, daß sie nur durch das Opfer eines Gottes abzugelten ist; und ist das nicht einer der Gründe, die bewirkt hat (und weiterhin bewirkt), daß es keine Religion gibt, in deren Namens solche Untaten begangen wurden, wie in dem des Christentums?
    Nicht unwichtig der Hinweis auf Johannes 1139, daß die Verwesung vom vierten Tag an erst eintrete („Herr, er riecht schon“). (Ziffer 627)
    Ständig diese ungedeckten Sätze, denen die Absicht aufs deutlichste anzumerken ist. Ist nicht die Trinitätslehre auch Ausdruck des Bewußtseins, Er sieht’s ja nicht. Folge der Theologie hinter dem Rücken Gottes und Grund für eine Theologie im Angesicht.
    Zum Kelch: Der Kelch des Segens ist der Kelch, der gesegnet wird (1 Kor 1016).
    Die Unterscheidung zwischen „des Herrn Kelch“ und „der Dämonen Kelch“ (ebd. 1021) ist unklar: gibt es noch eine Steigerung des Taumelkelchs, des Kelchs des Zornes? Hat es mit dem folgenden Kapitel zu tun, mit dem Gericht, das der sich zuzieht, der „unwürdig ißt und trinkt“ (1127ff)?
    Wird hier (im neuen Katechismus) nicht eine Hybrid-Theologie geliefert, die zugleich Vulgär-Theologie ist?
    Beziehen sich die drei Leugnungen auf drei Gestalten der intentio recta? Und wäre die Geschichte dieser drei Gestalten die Geschichte des Ursprungs der Metaphorik? Ist die intentio recta die Schlange?
    Die Trunkenheit aus der intentio recta herleiten: aus dem Objektbegriff. Der intentio recta folgt hinter ihrem Rücken die Instrumentalisierung des Objekts. Es kommt nicht darauf an, was ein Autor mit seinem Text sagen wollte, sondern allein darauf, was ein Text objektiv ausdrückt. Das erste ist – bezogen auf den Text der Schrift – blasphemisch, weil es die Sprache nur als Mittel und die „Absicht des Autors“ als etwas davon Unterschiedenes begreift. Aber die Wahrheit der Schrift spielt sich in der Sprache ab, und festzuhalten bleibt – und das hängt mit dem Schriftcharakter dieser Wahrheit zusammen -, daß es die „hebräische“ Sprache ist (die Sprache der Fremden im Lande, der Sklaven, der Söldner und der Kleinvieh-Nomaden).
    Sind nicht beide Sprachen: die hebräische und die griechische, ausgezeichnet durch eine mit keiner anderen vergleichbaren Sprach-Logik? Die Logik der griechischen Sprache setzt an den Flexionen an, die der hebräischen an der Lautgestalt, insbesondere den Konsonanten. Liegt der Grund für die Differenz von Name und Begriff? Wie hängen Deklinationen und Konjugationen zusammen: Sind nicht die Deklinationen Ausdruck und Folge des Falles, die Konjugationen die Begleitbewegungen (die Bewegung des Falles selber) hinter dem Rücken (Problem der Begriffsbildung)?
    Haben nicht Erde, Wasser, Luft und Feuer etwas mit dem vier Casus zu tun, während die neuere, nachkopernikanische Elementenlehre sich aus der Reflexion der Konjugation (nach Stillstellung der Deklination durchs Objekt) ergibt, und die neuen „Elemente“ insgesamt nur noch Reflexionformen der Subjektivität sind? Beachte hierzu den Wirbel der Prä- und Suffixe in den indogermanischen Sprachen, mit dem Höhepunkt im Deutschen. Die Konstituierung und Ausbreitung des Systems der Prä- und Suffixe scheint zusammenzuhängen mit der logischen Ausbildung und Durchformung des bestimmten Artikels: der deiktischen Umbildung der Sprache.
    Klingt nicht im englischen „the“ das hebräische ha nach? Zusammenhang mit der Umwandlung des deiktische d in ein th und mit dem Ursprung des to be: Im Deutschen sind die Casus in die bestimmten Artikel verlagert, im englischen erscheinen sie in den Präpositionen. Ist das Englische eine gleichsam hebraisierte germanische Sprache, dessen mythischer, vorweltlicher Ursprung im Namen des „perfiden Albion“ nachklingt? War Schelers Anglophobie ein projektiver jüdischer Selbsthaß, die seine Konversion zur katholischen Kirche mitverursacht hat (das ungeheuerliche Rätsel Scheler)?
    Wie hängt das germanische Thing mit dem englischen thing und dem deutschen Ding zusammen (Ursprung der Verdinglichung)? Spielt nicht in den Namen des Dings (der den der Sache ersetzt hat) die Beziehung zur Bildung des bestimmten Artikels mit herein? Ist das Ding der vergegenständlichte, hypostasierte bestimmte Artikel (und das ing im Ding ein Suffix, das Ding die Verbindung des deiktischen d mit dem Suffix -ing; Bedeutung des ng in einigen Verben wie singen, fangen, hängen, bringen – Infinitivform im Englischen mit „to“, deutsch „zu“, aber hier auch mit dem bestimmten Artikel und dem Infinitiv als hypostasiertem Neutrum, während der bestimmte Artikel im Englischen das Suffix „ing“, deutsch „ung“, des attributivischen Verbalsubstantivs voraussetzt)?
    „et haschamajim we’et haarez“: Beide, die Himmel und die Erde, sind durch das et auf die Totalität Schrift (der Buchstaben, der Elemente) bezogen. In der „Himmelfahrt“ kehrt das Wort in seinen Ursprung zurück: in den Namen. Und diesen Namen gilt es zu bekennen (Gott will, daß das Wort nicht leer zu ihm zurückkehrt: Heißt das nicht: als Name?). Aber ist nicht die verdinglichte Trinitätslehre, die den Himmel verrät, die verdinglichte, nach der Himmelfahrt leer zurückgelassene Hülle des Wortes, der Begriff als leeres Wort, die verdinglichte und neutralisierte Umkehr? Zu den Vorbedingungen und Nebenfolgen der verdinglichten Umkehr gehören die verdinglichte Christologie und die Opfertheologie. Sind nicht Himmel und Erde Ausdruck der Beziehung von Name und Begriff? Die Metaphorik hat einen Realgrund; sie ist nicht nur metaphorisch, und die „Bilder“ der Bibel sind nicht nur Bilder, über die wir jetzt hinaussind, weil wir es heute genauer wissen. Dieser Realgrund drückt sich aus in dem Wort von Himmel und Erde. Und dieser Himmel ist – wie nach jüdischer Tradition auch der Name des Messias – im Anfang mit erschaffen. Dadurch unterscheidet sich der erste Satz der Schrift von dem Theologumenon der creatio mundi ex nihilo. Und Himmel und Erde ist nicht nur ein anderer Ausdruck für „alles, was ist“. Die dritte Leugnung hat sich in der Vorstellung des unendlichen Raumes vergegenständlicht, sie beherrscht über die kantische subjektiven Formen der Anschauung solange unser Bewußtsein, wie diese Formen der Anschauung sich der Reflexion entziehen (in der Schrift erscheint diese Reflexion unter dem Namen der sieben Siegel).
    Im haschamajim steckt sowohl
    – das esch und majim, das Feuer und das Wasser: das Wasser des Anfangs, das am Ende als Feuer wiederkehrt (Ich bin gekommen, Feuer vom Himmel zu bringen, und ich wollte, es brennte schon; als auch
    – das schem, der Name, der in dem Rätsel der Beziehung von Wasser und Feuer gründet.
    Mit dem Himmel wurde in der Geschichte der europäischen Aufklärung auch die Kraft des Namens neutralisiert. Ein letzter Nachklang davon, der gleichzeitig auch ein neuer Anfang hätte sein können: Kants Wort von der Erhabenheit des Sternenhimmels über mir und des Sittengesetzes in mir.
    Der Kapitalismus und das Inertialsystem machen durchs System induzierte Tätigkeiten zum Wesen der Dinge.
    Durch die Vergesellschaftung von Herrschaft (ein Volk von Priestern und Königen) werden alle zum Gegenstand der Prophetie. Oder auch: durch die Vergesellschaftung der Philosophie, die in ihren Naturgrund: in die subjektiven Formen der Anschauung und in das Geld, sich zurückgezogen hat.
    Der Rechtsstaat verankert durch sein System von Strafen und Sanktionen das Inertialsystem im Gesellschaftskörper. Die Geschichte der Welt ist die Geschichte der Konstituierung und Ausbreitung dieses Systems.

  • 05.05.93

    Nach dem Sohar (Diederichs-Ausgabe, S. 232) ist Brot Symbol der Rechten (der Gnade) und Wein Symbol der Linken (des Gerichts, der Strenge). Vgl. hierzu Melchisedech, die Geschichte Josephs im Gefängnis (mit dem Weinschenk und dem Bäcker des Pharao), aber auch die Geschichte vom Abendmahl, die eine andere Bedeutung gewinnt, als die Kirche ihr in der Transsubstantiationslehre zugesprochen hat. In Emmaus hat Jesus nur das Brot gebrochen (daran haben die Jünger ihn erkannt), während er beim Abendmahl den Wein sich aufbehalten hat bis zur Wiederkunft. Löst sich hier das gräßliche Entsühnungskonzept auf (bis hin zu den Stellen im Hebräerbrief)?
    „Denn wäre das Salz nicht, so könnte die Welt das Bittere nicht ertragen“ (ebd., S. 233). Dazu: Ihr seid das Salz der Erde.
    Ist das Gewölk die Schechina (Sohar, Ausgabe Scholem, S. 83)? -Der Menschensohn wird „auf den Wolken des Himmels“ wiederkommen.
    Beachte den Zusammenhang von Waw, et und ata (sechs, und, du).
    Der Weltbegriff bezeichnet nicht nur die Zivilisationsschwelle, sondern an ihm scheidet sich der Begriff der Erkenntnis in der Theologie. Die Kritik des Weltbegriffs ist der Kern der Dogmenkritik, und zwar als Beginn einer Scheidung im Dogma selber: der Befreiung der Wahrheit.
    Die Ich-Schwäche bedarf des Bekenntnisses, und das Bekenntnis stabilisiert die Ich-Schwäche (durch Hypostasierung der Welt). Im Fremdenhaß kulminiert und explodiert die Bekenntnislogik.
    War die Vätertheologie ein Produkt der Hellenisierung, so war die Scholastik ein Produkt der Islamisierung des Christentums.
    Jesus hat den drei Versuchungen widerstanden, die Kirche ist ihnen in der Folge der drei Leugnungen erlegen, bis hin zur Selbstverfluchung:
    – Die Herrschaftsversuchung (Konstantin und die Entwicklung des Dogmas),
    – die Versuchung, Steine in Brot zu verwandeln (die sakramentale, insbesondere die eucharistische Versuchung),
    – die letzte Versuchung, sich von der Zinne des Tempels zu stürzen (die babylonische Versuchung).
    Im Gegensatz zur Empfindlichkeit ist Sensibilität nur noch im Kontext der Gottesfurcht rekonstruierbar.
    Das Kapitel aus der Phänomenologie des Geistes über Herr und Knecht paßt nur auf das Verhältnis des Bürgertums zum Feudalismus, nicht auf die Beziehung des Proletariats zum Kapitalismus.
    Ist das Proletariat die Arbeiterschaft, wird hier nicht der Begriff gleichsam positivistisch eingeschränkt. Sind nicht alle Nicht-Eigentümer Proletarier, und deshalb der sich durchsetzende Kapitalismus die Hypertrophie der herrenlosen Knechtsgesinnung (oder die Vergesellschaftung des Herrendenkens)?
    Die Welt ist es, die kreuzigt, und die Natur ihr Opfer, aber ohne Ausblick auf eine Auferstehung. Hat eigentlich je schon jemand an die Auferstehung geglaubt?
    Erst mit ihrer Entkonfessionalisierung wird die Wahrheit aus der Lähmung durch den autoritären Bann befreit.
    Armut, Gehorsam und Keuschheit, sind das nicht Aufforderungen, den Ursprung des Geldes, der Schrift und des Staates endlich zu begreifen?
    Das Prinzip der Neutrumsbildung (und damit des Ursprungs des Weltbegriffs und der indogermanischen Sprachen) ist der Staat.

  • 14.04.93

    Die Vorstellung von den Privilegien der Opfer ist ein christliches Erbe: Darin steckt die christologische Logik der Vergöttlichung Jesu, die spätestens seit Rousseau zur Logik des Naturbegriffs geworden ist und mit dem Naturbegriff in der Gesellschaft sich reproduziert.
    Werden nicht die Antinomien der reinen Vernunft dadurch relativiert, daß sie (im Raum) jeweils nur auf eine Dimension sich beziehen?
    Die ersten beiden Antinomien beziehen sich auf die Welt, die dritte auf die Natur, und die vierte?
    Kann man eine logische Folge der Formen des subjektiven Apriori bestimmen derart, daß die Konstruktion des Bekenntnisses das Geld voraussetzt und die Entfaltung der Raumvorstellung das Bekenntnis?
    Die Schöpfungsgeschichte der Genesis unterscheidet sich von den Kosmologien insgesamt (den mythologischen wie den naturwissenschaftlichen) dadurch, daß sie eine Beziehung zur Erfahrung herstellt, die ästhetische Distanz zum Kosmos nicht akzeptiert. Sie ist m.a.W. kein Vorläufer der Naturwissenschaft, sondern einer der Mystik; sie ist Teil der Prophetie.
    Durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit wird in die Struktur des Raumes ein Widerstandsmoment eingebunden, daß als Grund des physikalischen Materiebegriffs (als Grund des Begriffs der trägen und schweren Masse) sich begreifen läßt. Hier wird ein Äquivalenzsystem zu den mechanischen Vorstellungen, zu den Stoßprozessen eingeführt, dessen realer Ausdruck die Konstanten der Mikrophysik sind.
    In einer Sprache, in der es neben dem Maskulinum und Femininum auch ein Neutrum gibt, wird das vierte Gebot unverständlich, wird es ins Herrendenken transponiert und unter den Satz subsumiert „de mortuis nihil nisi bene“: Hier liegt zwischen den Generationen die ihre Beziehungen neutralisierende Grenze des Todes. Im gleichen Zusammenhang ist schon das Du, das seine Geschlechtsbezogenheit verliert, Produkt einer Neutralisierung: der die Geschlechtsdifferenz aufhebenden Personalisierung. Der Geschlechtsunterschied findet sich erst in der dritten Person wieder, in einer anders objektivierten und neutralisierten Gestalt (Begriff der Scham).
    Läßt sich anhand der Neutralisierung und Personalisierung des Du in den indogermanischen Sprachen der Zusammenhang von Neutrumsbildung, Futur II, Fortfall des Dualis u.ä. mit dem Ursprung des hypostasierenden Denkens (Begriffbildung und Philosophie) nachweisen? Und steckt nicht in den Fundamenten der Neutralisierung und Personalisierung des Du der Ödipuskomplex (und die Geschichte von Kain und Abel), und hängt diese Sprachkonstruktion nicht auch mit der materiellen Geschichte der Sexualität (und damit mit der Geschichte der Rezeption des evangelischen Rates der Keuschheit) zusammen? Und ist nicht die islamische Sexualmoral auch ein Sprachproblem (ein Problem das mit der Einschränkung der Fähigkeit zur Reflexion zusammenhängt)? Und liegt hier nicht auch der Sprachgrund des islamischen Konzepts der Schöpfung (in dem Schöpfung und Vorsehung nicht auseinandergehalten werden)? Hat in der islamischen Theologie nicht die Philosophie die Offenbarung ersetzt, substituiert? Ist nicht der Islam in ganz anderem Sinne eine Weltreligion?
    Sind nicht die griechische Knabenliebe und der Rousseausche Inzest Indikatoren der wichtigsten Wendepunkte der Weltgeschichte (Ursprung und Erfüllung des Naturbegriffs)? Und läßt sich nicht an ihnen überhaupt erst ermitteln, was mit dem evangelischen Rat der Keuschheit gemeint ist? Sind es nicht die Begriffe der Barbaren, der Materie und der Natur, die das Keuschheitsgebot verletzen (und auf die sich der prophetische Begriff der Hurerei bezieht)? Erst die Kirche hat das Keuschheitsgebot zur Sexualmoral neutralisiert. Auch nach dem hebräischen Zusammenhang von Sexualität und Erkenntnis ist die Sexualmoral ein Teil der Erkenntnismoral: ein gnoseologisches Begriff. Wer heute die Last nur loswerden will, anstatt sie zu begreifen, verfällt ihr erneut. In der Gnosis wurde bloß die Erkenntnislust verurteilt, und das war der Ursprung der Diskriminierung der Sexuallust; versäumt wurde, das Problem der Gnosis selber zu begreifen.
    Wie hängen Lust, lustig, Verlust (verlieren) zusammen? Ist nicht der Verlustbegriff ein Produkt der Verurteilung der Lust?
    Der Pornokratie folgte in der Kirchengeschichte die Pornographie; und ein Teil der Theologie seit der Scholastik ist Pornographie, aber eine, auf die auch der Satz anzuwenden wäre: Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
    Auch das Sündenvergeben, das „dimitte nobis debita nostra, sicut et nos dimittimus debitoribus nostris“, ist ein Moment in der Erkenntnis (ein Teil der Fähigkeit, hören zu können, sich in einen anderen hineinzuversetzen, der Barmherzigkeit). Hierauf bezieht sich das Wort von der Sünde wider den Heiligen Geist.
    Der heilige Geist: die durchs Feuer der Schuldreflexion gereinigte Zunge.
    Der Mund ist das Organ des Essens und des Sprechens: Beide sind durch den Begriff des Gerichts verbunden.
    Adornos Eingedenken der Natur im Subjekt ist die Revozierung Rousseaus und ein Vorbegriff der Erinnerungsarbeit.
    Gibt es eigentlich eine Untersuchung über die weiblichen Namen im Hebräischen (von Ischa, Eva, Lilit über Sara, Rebekka, Leah und Rahel bis Mirjam, Deborah, Judith, Esther, Rut, Batseba, Susanna, auch Rahab, Tamar etc.)? Ist das theophore Element nur bei männlichen Namen zu finden?
    Ist nicht die Physik das Netz, in dem wir glaubten, die ganze Welt einfangen zu können, in Wahrheit sind wir selber darin gefangen. (Gibt es nicht Spinnen, bei denen das Weibchen das Männchen nach dem Geschlechtsakt frißt?)
    Ist nicht der Raum der Inbegriff des Hämischen: Wohin ich mich auch wende, ich bleibe in dem System gefangen, aus dem auch die Umkehr nicht heraus-, sondern jede wieder ins System zurückführt: Inbegriff des Schrecken um und um. In diesem System wird die Umkehr zwangsläufig zur Buße, aber auch die verliert ihren Adressaten mit dem Prozeß der Vergesellschaftung von Herrschaft: Hier gibt es nur noch welche, die Buße fordern, aber niemanden mehr, der Buße tut.
    Wie war das eigentlich mit der Buße in Ninive: Auch die Tiere haben dort Buße getan, und der König hatte dazu aufgerufen.
    War der philistäische Dagan ein Mars, und waren die altorientalischen Könige nicht in erster Linie Kriegsherren?
    Die Vergangenheit ist nicht nur vergangen: Das hat die Nazizeit gelehrt. Das war der Kern der Ohnmachtserfahrung. Man kann die Vergangenheit nicht abwerfen, ohne ihr gerade dadurch zu verfallen.
    Jesus ist eine Gestalt der Erinnerung: deshalb ist er (zusammen mit der Tora und der Prophetie) das Wort, das im Anfang bei Gott war. Und er ist es auch für uns nur, wenn wir diese Erinnerung mit aufnehmen (während die Kirche gerade die reale Erinnerung durchs Dogma verdrängt hat).
    Nichts Vergangenes ist nur vergangen: Das ist die Idee, die das Inertialsystem sprengt. Sie schließt auf eine noch zu bestimmende Weise die Idee der Auferstehung der Toten mit ein.
    Mit dem ersten Satz der Genesis wird im Namen des Himmels die Erlösung zitiert. Der Himmel des zweiten Schöpfungstages ist dagegen bereits die von der Vergangenheit eingefangene Zukunft: das, was zu lösen wäre. Das drückt sich aus in der Beziehung des Himmels zu den Wassern, in der Trennung der oberen von den unteren Wassern (der Trennung von Schuld und Segen, von Mythos und Offenbarung).
    Der Fürst dieser Welt lebt vom Vergessen. Ein sich selbst begreifendes Christentum, das die Sünden der Welt auf sich nimmt, hingegen lebt von der sich selbst begreifenden Erinnerung.

  • 31.03.93

    Das Geld zerrinnt im Gravitationsfeld der Bedürfnisse wie die Zeit in der Sanduhr.
    Die JVA Weiterstadt sollte die Möglichkeit eines „humanen Strafvollzugs“ – was immer das sein mag – bieten. Frage: Wessen Vorstellung von einem humanen Strafvollzug und wessen Phantasie, liegen dem zugrunde? Wer ist in der Planungs- und Entwicklungsphase hinzugezogen und gehört worden? Sind ehemalige und noch einsitzende Strafgefangene hinzugezogen worden, Verteidiger (Strafverteidiger), Gefängnisseelsorger? Kann ein Strafvollzug human sein, der nicht von den Erfahrungen der Betroffenen ausgeht (aber gehört es nicht zum Wesen des Strafvollzugs, daß es die Erfahrungen der Betroffenen verdrängt)? Wird hier nicht Humanität mit dem Pflegeleichten verwechselt: Es soll der Verwaltung und den politisch Verantwortlichen möglichst wenig Probleme bereiten (deshalb das sterile Design, die Lage weitab von Wohngebieten, ohne unmittelbare Verkehrsanbindung, Cluster-Bau mit Kleingruppenstrukturen, die zwar von außen überschaubar und beherrschbar sind, im Innern jedoch die Kommunikationsschranken verstärken, die Kontakte im Innern und nach Außen erheblich einschränken: insbesondere für Angehörige und Verteidiger wäre die Anstalt nur noch schwer erreichbar). Aber nachdem das Ganze schon so teuer war, und jetzt zusätzlich unter dem durch den Anschlag der raf verstärkten Öffentlichkeitsdruck, sind diese Probleme, um die sich ohnehin niemand mehr kümmert, für die Öffentlichkeit endgültig tabu.
    Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand: Ohne diesen Grundsatz (der sich aus der deutschen Staatsmetaphysik herleiten läßt) könnte es keine Knäste, keine Polizei, keine Staatsschutz-Gerichte und keine Staatsanwaltschaft geben. Gemeinheit gehört zu den (Ab-)Gründen des Strafrechts und des Rechtsstaats.
    „Wenn die Welt euch haßt …“ Diese Erfahrung, in der die Erinnerung daran nachklingt, daß im Weltbegriff, in der Gestalt der Verknüpfung von Allgemeinheit und Öffentlichkeit, die er repräsentiert, das Urteil aller sich ausdrückt, wird durch den gleichen Weltbegriff, durch seine eigene Logik, unterdrückt, verdrängt, als erfahrungsfremde Natur, als Außenwelt abgespalten und neutralisiert. Das ändert am Sachverhalt nichts, hinterläßt nur ein Bewußtsein der Ohnmacht gegen die Welt, das dann an einer Theologie sich tröstet, die der Verantwortung für die Welt entsagt hat und sich damit begnügt, in Anlehnung an das allherrschende Prinzip der Selbsterhaltung in der Gestalt der Unsterblichkeit der Seele einen privaten Ausweg aus der Welt vor Augen zu stellen.
    Stadt und Haus, der König von Babel und der Pharao:
    – Ist die Stadt der Ort des Anschauens (Astronomie), das Haus der Ort des Denkens, des Begriffs (Pyramide)?
    – Und hat das „gedacht“ etwas mit dem Dach des Hauses, oder umgekehrt: hat das Dach, das den Blick zum Himmel versperrt, etwas mit dem Denken zu tun, mit dem Begriff, unter den eine Sache gebracht wird?
    „Es sind aber zwei Bedingungen, unter denen allein die Erkenntnis eines Gegenstandes möglich ist, erstlich Anschauung, dadurch dasselbe, aber nur als Erscheinung gegeben wird; zweitens Begriff, dadurch ein Gegenstand gedacht wird wird, der dieser Anschauung entspricht.“ (Kant, Kr.d.r.V., S. 119) Liegt die Unterscheidung von Anschauung und Begriff nicht der des Mathematischen und Dynamischen (Welt und Natur) zugrunde (und macht die Formulierung „dadurch ein Gegenstand gedacht wird, der der Anschauung entspricht“ nicht das projektive Element im Denken sichtbar)? Die Unterscheidung des Mathematischen und des Dynamischen ist keine Unterscheidung zwischen getrennten Objekten, von denen die einen mathematischer und die anderen dynamischer Natur wären, sondern die gleichen Objekten werden durch die Urteilsform in einen mathematischen und einen dynamischen Anteil aufgespalten, sie sind fürs Anschauen mathematisch (Teil der Welt), fürs Denken dynamisch (Teil der Natur). Entsprechen dem nicht die auch sprachlich unterschiedenen Erkenntnisbegriffe Kants, der feminine, natur- und objektbezogene (die Erkennnis) und der neutrale, welt- und begriffbezogene (das Erkenntnis)?
    Mit den subjektiven Formen der Anschauung hat Kant zwar das Wissen begründet, aber der Erkenntnis (durch Neutralisierung der Umkehr) den Weg verstellt.
    Sind nicht die Namen der Planeten Stationen einen genetischen Konzepts? Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag: Sonne, Mond, Merkur, Jupiter, Mars, Venus, Saturn. Die Reihe stimmt mit der nach Abständen von der Sonne geordneten Reihe nicht überein (1,(2, Mond),3,6,5,4,7). Ist nicht Venus der altorientalische, Saturn der jüdische Planet? Und wäre die Velikovskysche Hypothese nicht noch deutlicher zu machen, wenn man zur Venus-Katastrophe die Saturn-Katastrophe hinzunimmt?
    „Nimrod … wurde der erste Held auf der Erde. Er war ein tüchtiger Jäger vor dem Herrn.“ (Gen 109) Worauf verweist die Unterscheidung „auf der Erde“/“vor dem Herrn“? Hat Nimrod etwas mit dem Orion, und dieser etwas mit dem Ursprung des Heros, zu tun?
    Zur Lehre von der ewigen Wiederkehr des Gleichen: Ist das nicht der Versuch, der kopernikanischen Theorie von den Umläufen im Raum ein Konzept von ewigen Umläufen in der Zeit entgegenzusetzen, und zwar aus der immanenten Logik des Systems selber? Nietzsches Version der Lehre schließt jedenfalls an naturwissenschaftliche Spekulationen sich an?
    Hat nicht die Geschichte von den drei Leugnungen Petri auch einen kosmologiekritischen Hintergrund?
    Hängt nicht die Tatsache, daß Jesus in Gleichnissen redet (und handelt), mit Verschiebungen im prophetischen Erkenntnisbegriff nach dem Ursprung des Weltbegriffs zusammen? Die Kritik des Weltbegriffs ist die Voraussetzung (das Medium) der Rekonstruktion prophetischer Erkenntnis.
    Die komfortable Zweiteilung der Prophetie in Heils- und Unheilsprophetie ist ein Produkt ihrer christologischen Vergegenständlichung. Sie hat den Vorteil, daß sie die Vergangenheit stillstellt, indem sie die Heilsprophetie auf Christus, die Unheilsprophetie auf die Juden abstellt. Der Preis ist der kirchliche Antijudaismus; die Juden haben ihn zahlen müssen, weil die Christen glaubten, sich die Nachfolge ersparen zu können.
    Es gibt zwei Gestalten der christlichen Theologie. Die eine ist die paulinische; sie ist ein Theologie ex post. Die andere ist die johanneische (die Täufer-)Theologie, und das ist eine Theologie ex ante. Diese zweite ist verdrängt und unterdrückt worden, sie ist so interpretiert worden, daß sie präzise auf den Kopf gestellt worden ist. Das hat auch das Verständnis der paulinischen Theologie tangiert, sie entstellt. Die Täufertheologie besteht eigentlich nur aus zwei Sätzen:
    Kehrt um, denn das Reich Gottes ist nahe.
    Und:
    Seht das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt auf sich nimmt.
    Auf den Kopf gestellt wurde die Täufertheologie durch ein doppeltes Mißverständnis (oder durch zwei falsche Übersetzungen):
    – Im ersten Satz wurde die freie Umkehr durch ein autoritäres Buße-Tun ersetzt;
    – im zweiten Satz wurde das Auf-sich-Nehmen (der Sünden der Welt) als Hinweg-Nehmen (als Entsühnung der Welt) verstanden. Dieses Verständnis widerspricht zwar jeder Erfahrung der Welt (und den Abschiedsreden Jesu im Johannes-Evangelium); der Widerspruch zur Erfahrung wurde dann jedoch durch einen Begriff des Glaubens überbrückt, der seitdem die ganze Theologie verhext.
    Was hier passiert ist, läßt sich wieder mit zwei Sätzen verdeutlichen:
    – Die Umkehr und das Auf-sich-Nehmen der Sünden der Welt fallen unters Nachfolgegebot;
    – das Buße-Tun und das Hinweg-Nehmen der Sünden der Welt (die „Entsühnung der Welt“ durchs „Opfer“ Jesu) leugnet die Nachfolge, ersetzt sie durchs Bekenntnis.
    Bedeutet das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit nicht auch, daß das Licht dem Zeitablauf entzogen ist. Soweit das Licht dem Zeitablauf doch unterworfen ist, ist das Effekt, der dem Inertialsystem zuzurechnen ist, dieses System auf eine ganz neue Weise verzeitlicht (sic, B.H.). Den Schein des Überzeitlichen haben der Raum und das Inertialsystem allein vom Licht.
    Hängt die Geschichte mit dem tohu wa bohu, der Finsternis über dem Abgrund und dem Geist Gottes über den Wassern mit den sechs Richtungen im Raum zusammen? Wären Goethes „Leiden und Taten des Lichts“ nicht über die Farben hinaus auf die Kosmologie und den Evolutionsprozeß zu beziehen? Gehören zu den Leiden und Taten des Lichts nicht auch die Sterne, die Umläufe der Planeten, das Leben der Pflanzen, der Tiere und am Ende auch der Menschen? Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Evolutionsgeschichte und der Geschichte des Sonnensystems?
    Woher kommen die griechischen, lateinischen und deutschen Namen für Himmel und Erde (hängt Erde mit Er zusammen)?

  • 28.03.93

    Haben heute nur noch Böcke Chancen, Gärtner zu werden? Ist das Fachidiotentum (in Politik, Verwaltung, Justiz, Medizin, Erziehung) so weit gediehen, daß es von sich aus, aus seinen eigenen Prinzipien heraus: insbesondere aufgrund des objektivitätbegründenden Exkulpationsprinzips (aus Anpassungs- und Disziplinierungsgründen), kontraproduktiv zu werden droht? Das Exkulpationsprinzip ist der Kern des moralischen Trägheitsprinzips (Transformation der Handlungsprinzipien in Kriterein des Urteils: Kritik des moralischen Urteils und seines Ursprungs: der Dynamik der Empörung). Der projektive Kern der europäischen Aufklärung wendet sich gegen seinen eigenen Ursprung; der Weltbegriff wird zum Motor der Weltvernichtung. Das Denken wird von der Barbarei eingeholt, gegen die es einmal glaubte, die Zivilisation begründen zu können, ebenso von dem gleichen Naturbegriff, dessen Vergegenständlichung die Aufklärung begründete, und vom Materiebegriff, von dem es sich nicht mehr unterscheidet.
    Der Faschismus wurde bloß domestiziert, nicht aufgehoben.
    Radio und Fernsehen: Das Radio (das Organ der Führerreden und der „Sondermeldungen“) hat den faschistischen Hörer produziert, das Fernsehen bannt in die Trägheit des bloßen Zuschauens: es demoralisiert, indem es endgültig Information in Unterhaltung, Politik in Rituale verwandelt, und für das schlechte Gewissen die Exkulpationsmodelle und die Projektionsobjekte, das Drachenfutter, liefert.
    Wenn mit dem Geld die Organisationsform des Staates und grundsätzlich der Export der Armut verbunden ist, was bedeutet das für den Ursprung und die Bedeutung des Namens der Barbaren (und für die Begriffe Welt, Natur und Materie)?
    Welt, Natur und Materie: Welt und Natur sind objektbezogene Totalitätsbegriffe; bezeichnet der Begriff der Materie nicht einfach die innere Grenze des dritten Totalitätsbegriffs, des Wissens: das Nichtwissen als Objekt?

  • 27.03.93

    Die Beziehung des Wissens zur Vergangenheit wirft ein interessantes Licht auf das Problem des kantischen Apriori: Nur ein apriorisch konstituiertes Wissen ist zurechenbar, bringt das Wissen in einen ethischen Zusammenhang (Vorang der praktischen vor der theoretischen Vernunft). Gleichzeitig wirft es Licht auf den Begriff der Erbsünde: Auch Vergangenes, das mich in meinem Handeln bestimmt (das „Schicksal“), muß ich mir (als Sünde) zurechnen lassen. Aus der Beziehung des Wissens zur Vergangenheit ergibt sich zwanglos die Notwendigkeit der Umkehr, ihre Beziehung zur Erkenntnis und zur Idee der Wahrheit.
    Auch Gefängnisse sind Stützen der Begriffsbildung (die Isolationshaft ist ein Exzeß der transzendentalen Logik).
    Bezieht sich das Wort „Laß die Toten ihre Toten begraben“ (Mt 822) auf die Kirche?
    Liegt nicht die politische Bedeutung des biblischen Schöpfungsberichts darin, daß das Licht vor der Sonne erschaffen wurde? Verweisen die drei ersten Schöpfungstage nicht auf die Erschaffung der Gegenwart (das Licht), die Trennung von Vergangenheit und Zukunft (der Wasser oberhalb und unterhalb des Firmaments) und die Begründung der Geschichte (Trennung des Landes vom Meer)? Demnach bezeichnet der Satz des Thales „Alles ist Wasser“ genau den Ursprung des Inertialsystems (des begrifflichen Denkens): die Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit.
    Die Sünden der Welt: das sind die Sünden der verweigerten Umkehr.
    Die Vertreibung der Taubenhändler (Joh 213: Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben) und der Geldwechsler: ist das nicht die Vertreibung der Kirchen und der Banken? Und ist heute nicht die ganze Welt zu einer Markthalle und Räuberhöhle geworden?

  • 25.03.93

    Entsteht der Staat mit dem Geld (mit dem Ursprung des Tauschprinzips)?
    Dirk Baecker, S, 60: Der Banken-Sektor ist der verschuldetste Sektor der modernen Wirtschaft. (Christologische Struktur der Banken – Modell des Naturbegriffs -: Sie nehmen die Schulden der Welt auf sich, erzeugen und nähren so die Ökonomie und verdienen daran, leben davon.)
    Der Hinweis auf den selbstreferentiellen und autopoietischen Charakter der Systeme ist ein objektiver Vorwand, um die realen Probleme dahinter auszublenden. Diese Probleme werden unkenntlich gemacht und entstellt durch ihre Subsumtion unter die selbstreferentiellen Kategorien des Systems.
    Merkur und Mars stehen auf der Welt-(Sonnen-)Seite, Venus und Jupiter auf der Natur-(Mond-)Seite.
    Ist das Verhältnis Leistung/Verdienst wirklich universal; gibt es nicht auch Leistungen, die das BSP nicht beeinflussen, und wäre es nicht sinnvoll zu überlegen, ob es nicht auch Bereiche gibt, in denen der Verdienst an den Umfang der Nicht-Leistungen zu knüpfen wäre, z.B. im Gesundheitswesen: wäre es nicht produktiver und zugleich kostengünstiger, wenn die Ärzte ihr Honorar für die Anzahl der Gesunden und die Dauer ihrer Gesundheit anstatt für die Behandlung von Krankheiten (Leistungen an Kranken) erhalten würden?

Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie