Gilt der von Walter Burkert nachgewiesene Zusammenhang von Ritual und Mythos (Wilder Ursrprung, S. 60ff) auch für die Aufklärung und ihren Rückfall in den Mythos? Trägt die neue Barbarei Züge des blutigen Rituals? War die christliche Opfertheologie Produkt einer mißlungenen Kritik der „heidnischen“? Und ist die Kritik dieser christlichen Opfertheologie die notwendige Grundlage der christlichen Selbstbekehrung, der bis heute mißlungenen Umkehr? Ist der Kapitalismus das säkularisierte mythische Ritual (die freie Marktwirtschaft, der Liberalismus, der Mythos zum Ritual der Ausbeutung, der säkularisierten Gestalt des Opfers)?
Ein Mythos, ein Glaube, begründet und begleitet ein Ritual; im Bekenntnis wird der Glaube selbst zum Ritual (Opfer der Vernunft, das reale Opfer nach sich zieht und zugleich verdrängt: unversöhnt exkulpiert). Zusammenhang von Geld (Münzen) und Opfer: der im Opfer vergöttlichte Heros wird auf der Münze verewigt („gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“ – Münze und Idol, „Götzenbild“, Ursprung der Geldwirtschaft – antike jüdische Münzen? – Begründung des Bilderverbots?).
Das Opfer begründet die Weltordnung (Gewalt, Schuld, Versöhnung; Ambivalenz des Opfers: Entsühnung und Rechtfertigung der Gewalt).
Die Maske verbirgt das Gesicht: leugnet das Antlitz und verwandelt jeden Blick in eine Sicht von hinten (vgl. die Funktion des Personbegriffs in der christlichen Theologie). Porträt als Maske?
„Der Schrecken der Maske soll den Schrecken des Totenreichs, des Dämonensturms bannen.“ (Reinhold Schneider: Winter in Wien, S. 171: „… Die Toten sind böse. Alles ist böse, das nicht die Angst des Lebens teilt. Aber auch die Toten haben Angst. …“)
„Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“; gehört dazu nicht der andere Satz: „Niemand kann zwei Herren dienen, Gott und dem Mammon“. D.h. der erste Satz ist kein Kompromiß, sondern von äußerster Radikalität.
Das industrielle Endprodukt heute: Vernichtungspotential und Abfall (Müll). Alles andere, einschließlich des menschlichen Konsums, sind Zwischenstufen. Aber das Vernichtungspotential und der Abfall sind menschliches Vernichtungspotential und menschlicher Abfall. Das Ganze hat sich seit langem angekündigt in der naturwissenschaftlichen Aufklärung (dem sogenannten naturwissenschaftlichen Weltbild, in dem der Mensch – außer als abstraktes Prinzip der Herrschaft, das durch die Formen der Anschauung dieses Weltbild zusammenhält – nicht mehr vorkommt, und in der davon nicht zu trennenden Kritik des Anthropozentrismus; diese Kritik des Anthropozentrismus dient dabei als Rechtfertigung des allem zugrundeliegenden menschlichen Herrendenkens; und ihre eigentliche Funktion ist die Unterdrückung der wahnsinnigen Idee, daß es vielleicht doch eine Beziehung geben könnte zwischen dem Glück und dem Grund der Dinge: daß es etwas geben könnte, was der Idee des seligen Lebens objektiv entspricht).
Die Idee des seligen Lebens widerspricht jedem autoritären Religionsbegriff, macht die Vorstellung von einer jenseitigen Belohnung für hiesiges Wohlverhalten zu einer contradictio in adjecto, schließt a limine das Opfer der Vernunft aus.
Geld
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31.01.91
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25.01.91
Adornos negative Dialektik: die reinste Ausprägung der Gottesfurcht in der Philosophie, sein „Atheismus“ Konsequenz aus der Vergesellschaftung des Herrendenkens: die Weigerung hinter dem Rücken Gottes über Gott zu reden. Frage, ob Theologie im Angesicht Gottes möglich ist; die Ermächtigungen durch die kirchliche Tradition, durch Dogma und Bekenntnis, sind (fast) nicht mehr tragfähig. Kritik der kirchlichen Tradition nach Auschwitz überfällig.
Anwendung des Gebots der Feindesliebe (Balken im eigenen Auge) auf den kirchlichen Antijudaismus, die Ausgrenzung der Ketzer und den Sexismus. Erinnerungsarbeit und Trinitätslehre (Moses konnte Gott nur von hinten sehen – vgl. Ex. 3320ff -: in seinen vergangenen Taten, z.B. im brennenden Dornbusch; oder auch im gegenständlichen Reflex der eigenen Schuld, auch in der „Natur“? – Bezeichnet nicht der Naturbegriff die objektlose Stelle des Brennens im Dornbusch, die Schmerzstelle des transzendentalen Subjekts, der Hybris?).
Welche Gottesoffenbarungen gibt es in der Schrift? Vom Paradies über die j Urgeschichte, Noach, Abraham, Jakob, Moses, die Propheten, im NT? Vgl. „Gotteserscheinungen“ in der Neuen Jerusalemer Bibel.
Bekenntnis: Dt. 265ff „Du aber sollst vor dem Herrn, deinem Gott, folgendes Bekenntnis ablegen: …“
Konstituierung des Subjekts (der Philosophie) durch Kritik des Mythos (Auflösung des Orakels), Internalisierung des Schicksals, Ausgrenzung des Vergangenen (Konstituierung des historischen Objekts): Erkenntnis hinter dem Rücken der Dinge, Objektivation, Konstituierung der Welt und Begründung der Theorie (Bekenntnis -Geld, Formen der Anschauung – Inertialsystem, Herrendenken). -
08.01.91
Vorrangiges Objekt der Physikkritik ist das Inertialsystem: als Grundlage und Referent aller physikalischen Begriffe. Bedeutung der zwei zentralen Entdeckungen Einsteins:
– spezielle Relativitätstheorie: das System ist gegen gleichförmig-geradlinige Bewegungen invariant (Lichtbewegung keine Trägheitsbewegung; Elektromagnetische Gleichungen nur Form der Objektivation unter den Bedingungen des Inertialsystems, Hinweis auf Differenz zur zugrundeliegenden Realität; Konstanz der Lichtgeschwindigkeit: das System ist endlich, „nach innen“ begrenzt);
– allgemeine Relativitätstheorie: träge und schwere Masse sind identisch: Fallbewegung gleich Trägheitsbewegung: Anpassung des Inertialsystems: das System muß auch gegen gleichförmig beschleunigte Bewegungen invariant sein („Krümmung“ falsche Erscheinung im Inertialsystem, selbstreferentielle Beziehung: „nach außen“ begrenzt).
Das Licht und die Schwerkraft sind dem Inertialsystem transzendent. Ihre Subsumtion unters Inertialsystem (die Schwerkraft am Anfang, das Licht am Ende des naturwissenschaftlichen Objektivationsprozesses): ihre Vergegenständlichung ist Produkt einer Vermittlung, die ihr Resultat nicht unberührt läßt (gibt es hierzu gesellschaftliche Korrelate: die Subsumtion der Arbeit unters Tauschprinzip begründet den Kapitalismus, die der Privatsphäre, der sinnlichen Qualitäten, der technischen Reproduzierbarkeit der sinnlichen Welt: des Inbegriffs der entfremdeten Subjektivität und der Verinnerlichung der Dialektik von Herr und Knecht, beschließt ihn).
Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit und der Identität von träger und schwerer Masse?
Die Trägheitsbewegung ist ein Derivat der Fallbewegung („die Welt ist alles, was der Fall ist“). Nur das Licht ist dem Fall enthoben? Die Simultaneität des Raumes (des Inertialsystems) ist ein durch den Fall vermitteltes Derivat der Gegenwart (des Lichts), die dem Vergehen – und dem Wissen – ein Objekt verschafft (die Vergangenheit, die nur als eine der Gegenwart entfallene Vergangenheit sich denken läßt: es gibt keine ursprüngliche Vergangenheit).
Gegenstand des Wissens ist das Vergangene: wie wird es zum Gegenstand des Wissens? In der Physik durchs Inertialsystem, in der Philosophie durch den Begriff (Vernichtung und Aufhebung des Objekts).
War die Virginitas (das weibliche Korrelat des Bekenntnisses) ein Protest gegen den Warencharakter der Frau (Ehevertrag als Kaufvertrag; Beischlaf als Kauf- und Nutzungsakt)? Steckt darin auch ein Hinweis auf die Bedeutung des Bekenntnisses (Vergeistigung der Zeugung: objektiviert in der Trinitätslehre)? Zusammenhang mit der Geldwirtschaft. Bedeutung der evangelischen Räte (Gehorsam, Armut und Keuschheit): Ihr könnt nicht zugleich Gott dienen und dem Mammon. Die unbefleckte Empfängnis war demnach die vom Tauschprinzip unbefleckte Empfängnis; und Maria ist Jungfrau geblieben heißt: sie ist nicht Eigentum des Mannes geworden. Die Biologisierung des Keuschheitsgebots ist (zusammen mit den damit verbundenen paranoiden Blut- und Reinheitsvorstellungen) Modell und Ursprung des Rassenantisemitismus.
Das Bekenntnis liegt in der Nachfolge des Martyriums: der Zeugenschaft. Frauen waren nicht bekenntnisfähig, weil sie nicht Zeugen sein konnten (das Martyrium war möglich, das Bekennertum nicht: Folge der Anpassung an die Welt; gleichzeitig Biologisierung der Jungfrauenschaft). Ursprung der Zeugenschaft ist das (Straf- und Zivil-)Recht: der Nachweis eines Verbrechens und der Vertragsstreit, der Streit über ein Schuldverhältnis, der durch zwei Zeugen aufgelöst, befriedigt werden kann (Vgl. hierzu die Bemerkungen von Lyotard zu Auschwitz).
Die paulinische Kritik des Gesetzes, sein Rechtfertigungs- und Glaubensbegriff, seine Gnadenlehre, seine Christologie, seine Lehre von der Eucharistie, von Tod und Auferstehung, auch seine Frauenfeindlichkeit werden vor diesem Hintergrund verständlich?
Ödipuskonflikt in der realen Geschichte des Christentums begründet? Inzesttabu und Verletzung des Inzesttabus (Mutterideologie als letzte und gefährlichste Phase des Säkularisationsprozesses: vgl. Drewermanns Kleriker-Buch). -
04.01.91
Zum Begriff der Entfremdung: Generalisierung der Erkenntnis von außen: hinter dem Rücken der Sache, an seiner schwächsten Stelle, an der der Subjektlosigkeit, der Vergangenheit. Bedeutung (und Zusammenhang) der kantischen subjektiven Formen der Anschauung (Raum und Zeit), der Herrschaft des Tauschprinzips (Geld), des Bekenntnisses (Instrumentalisierung der Religion, Blasphemie).
Das „hinter dem Rücken“ ist die Grundlage der Hegelschen List, die die Vernunft, ja letztlich die Wahrheit leugnet. Hegel hat sich durchs Instrument der List der Vernunft auf die Seite der Sieger geschlagen. Das war der Preis für seine Staatsphilosphie. -
26.12.90
Der nominalistische „flatus vocis“ hat in der Tat zwei Konnotationen: den Hauch der Stimme, der auch den lebenschöpfenden Gottesatem und den Geist repräsentiert, wie den anderen Flatus, den Drewermann der Genesis-Stelle unterlegt: den Furz. Gegen die Drewermannsche Konsequenz (die das Verdienst hat, den blasphemischen Charakter der Begriffs-Theologie endlich auszusprechen) ist aber auch daran festzuhalten, daß die nominalistische Realismus-Kritik den Weg freigemacht hat zu einer neuen, dem theologischen Erkenntnisbegriff endlich angemessenen Namenslehre: zum parakletischen Denken. Erst jetzt ist begreiflich zu machen, was mit der Sünde wider den Heiligen Geist gemeint ist.
Durch die Subsumtion der Arbeit unters Tauschprinzip wird das Geld zu geldheckendem Geld (Kapital), gewinnt es die Potenz der Fortpflanzung, der Selbstvermehrung (Zeugungskraft?). Das Geld pflanzt sich im Warenkosmos ähnlich ins Unendliche fort wie -seit der kopernikanischen Wende – der Raum in der Natur: die unendliche Ausdehnung des Raumes ist identisch mit der unendlichen Ausdehnung des Trägheitsprinzips, sie repräsentiert (und ist der Vorgriff auf) die Unterwerfung der Welt unter die Herrschaft des Tauschprinzips. Das Jesus-Wort: Ihr könnt nicht zwei Herren dienen, Gott und dem Mammon, anwenden auf die Trinitätslehre. (Preisfrage: Was hat die Physik mit der Sexualität zu tun?) -
22.11.90
„Stimmung“ ist faschistisch; Bezeichnungen wie „Stimmungskanone“, „Bombenstimmung“ sind kein Mißbrauch eines an sich unbelasteten Begriffs, sondern liegen genau in seiner Bedeutungslinie.
Stimmung gehört zur Unterhaltung, beide sind begleitende Momente von Verdrängungsprozessen.
Vergleichbarer Bedeutungswandel von gesinnt zu gesonnen, gebieten zu Gebot, besinnlich zu besonnen. (Weihnachten ist ein besinnliches Fest, kein besonnenes mehr.)
Der Turmbau zu Babel hat die Verständigung zwischen den Völkern zerstört, er hat die Sondersprachen der Völker geschaffen. Der heutige „Turmbau“ zerstört die Kommunikationsfähigkeit generell: Er zerstört die Beziehung der Sprache zur Wahrheit. Grund ist u.a. die Klassenspaltung, die auch eine Sprachbarriere ist. Der heutige Turmbau übertrifft den Turmbau zu Babel: Er reicht bis an den Himmel. Gott braucht nicht mehr herniederzusteigen; die Sprache zerstört sich von selbst.
Zur Kritik des Stern der Erlösung: Die Kritik hätte anzusetzen an dem positiv gefaßten Weltbegriff. Hier sind die Konsequenzen, die sich dann daraus ergeben, vorprogrammiert: insbesondere auch das sehr formale Verständnis des Christentums. Das Christentum ist nur dann der „ewige Weg“, wenn die Welt sakrosankt ist. Voraussetzung wäre, daß der Säkularisationsprozeß und sein Ergebnis nicht kritisierbar, nicht revidierbar ist. Aus dem gleichen Grunde findet der apokalyptisch-parakletische Zug, der zum Christentum dazugehört, keine Stelle. In der gleichen Richtung liegt Adornos Vorstellung – wie weit sie auf Benjamin, auf den Adorno sie bezieht, tatsächlich zutrifft, wäre zu prüfen -, daß es auf die restlose Säkularisierung theologischer Gehalte ankäme. Das ist ein unerfüllbares Programm.
Trotz und Charakter: Nicht der Trotz auf den eigenen Charakter, sondern die Verantwortung für den eigenen Charakter übernehmen. Das trotzige, in seinen eigenen Charakter verbissene, verschlossene Selbst wird erst lebendig durch den Anspruch, die Liebe Gottes; er ist darauf angewiesen, von Gott angesprochen zu werden. Der Anspruch der Christen geht eine Stufe tiefer. – Was wird bei Rosenzweig nach der Umkehr aus dem Charakter? – Wie verhält sich der mythische Trotz zum Selbstmitleid? Hat er einen anderen Ausweg? – Wie verhalten sich Charakter und Scham? Gibt es ebenso wie einen positiven Begriff der Schamlosigkeit auch einen positiven Begriff der Charakterlosigkeit?
Die Physik ist der Kloß im Hals der Theologie (an dem sie längst erstickt ist: Hoffnung gibt es nur in der Lehre von der Erweckung der Toten).
Beihilfe zum Massenmord (Imhausen, NTG) ist ein Kavaliersdelikt, wenn sie mit Geldverdienen verbunden ist.
Der Faschismus hat die autoritäre Grundstruktur, die das etablierte Christentum in der Auseinandersetzung mit den Häresien begründet und konstituiert hat, als einzigen Inhalt übernommen. Insoweit ist er in der Tat eine christliche Häresie (vielleicht die letzte?). Frage, ob nicht alle Häresien nur aus dem Grundfehler des Christentums, der Beziehung des Schöpfungsbegriffs auf die Welt (Schöpfung der Welt aus dem Nichts), seit der Gnosis die jeweils historisch aktuellen richtigen Konsequenzen gezogen haben? – Neuer Begriff der Orthodoxie, die daraus nichts gelernt hat, weil sie nie lernfähig war.
Person ist der Träger des Namens (und Subjekt der Zurechenbarkeit von Schuld und des Bekenntnisses), aber als dritte Person, als Person, über die gesprochen wird, als Objekt („Persönlichkeit“ ist die subjektive Aneignung und Verinnerlichung dieses Status). Die Anwendung des Personbegriffs auf Gott ist ein wesentliches Moment im historischen Objektivationsprozeß. Der Personbegriff ist ein theologischer Begriff, mit der Instrumentalisierung der Theologie entstanden; er wurde von daher auf den Menschen übertragen (Person ist das Trauma der instrumentalisierten Religion; Bubers „personhaft“ ist Indiz seines theologischen Vorurteils.)
Zur Geschichte des Personbegriffs vgl. Tertullian, Augustinus, Boethius (generell die lateinische Rezeption und Verarbeitung des Dogmas).
Nach Thomas von Aquin ist die „getrennte Seele“ (die an ihrer Trennung leidet und auf die Verbindung mit dem Leib: auf die Auferstehung wartet) keine Person (S.Th., I, 29, 1). (Sie ist abgetrennt von der Möglichkeit des Handelns, sie ist auch rechtlich nicht mehr haftbar.
– Das Gericht über die Person erfolgt nach der theologischen Tradition nach dem Tode: d.h. die getrennte Seele ist gerichtet;
– das über die Welt am Ende der Zeiten: die Welt wird gerichtet, und dieses Gericht ist das Gericht des Erbarmens über das erbarmungslose Weltgericht.)
In der Anwendung auf Gott verwandelt der Personbegriff (die Vergegenständlichung Gottes) den Namen in einen Begriff: So sieht denn auch die ganze scholastische Diskussion der Lehre von den göttlichen Namen aus, in der die wirklichen Gottesnamen (der Barmherzige, der Gerechte, das Tetragrammaton) nicht mehr vorkommen.
Zusammenhang von Person, Scham, Charakter (persona = Charaktermaske; Objektivation und Verinnerlichung des Schicksals, des Dämons; Augustus, Identifikation mit Herrschaft; Veräußerlichung des Bekenntnisses, Konstitutierung der Formen der Anschauung, Herkunft aus dem Symbol).
Person ist ein Verwaltungsbegriff. Und nicht zufällig ist der moderne „Personalismus“ ein Pendant der modernen Wertphilosophien, die das Weltgericht handhabbar, anwendbar (verwaltungsfähig) machen.
Person, Welt und Natur bilden ein begriffliches Kontinuum (den Schuldzusammenhang, das Kontinuum des Herrendenkens). Ähnlich wie die Schöpfung aus dem Nichts und die Opfertheologie ist auch die Gnadenlehre mit dem Hilfsbegriff des Übernatürlichen eine notwendige Folge dieses Zusammenhangs (der Theologie hinter dem Rücken Gottes). Alle Häresien (zuletzt der Nominalismus und seine konfessionellen Derivate) sind historisch bedingte logische Konsequenzen aus dem parvus error in principio, und die Orthodoxie ist unter dem Zwang der Häresievermeidung (bei gleichzeitiger Unfähigkeit, den error zu korrigieren: die Gottesfurcht als den Anfang der Weisheit zu begreifen) immer irrationaler geworden und immer mehr in das Gravitationsfeld autoritärer Strukturen hereingezogen worden. Alle Häresien sind Konsequenzen aus dem undurchschauten Weltbegriff.
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24.08.90
Zusammenhang zwischen dem unsteten (wurzellosen) Leben Kains, dem „wurzellossen Dornstrauch“ (der zum König der Bäume gewählt wird) in der Jotam-Fabel und der nt Dornenkrone (Ebach, UuZ, S. 59, Anm. 193)?
„Wo aber das Produkt sich gegenüber dem Produzenten verselbständigt, wo es ihn beherrscht, da wird nach alttestamentlicher Auffassung Arbeit nichtig, da machen Menschen Götzen.“ (ebd., S.99) Nur muß dazu darauf hingewiesen werden, daß Arbeit nicht nur das einzelne Produkt, sondern hinterm Rücken der Arbeitenden auch die zugehörigen gesellschaftlichen Institutionen: den Staat, das Recht, das Geld, die Polarisierung von Armut und Reichtum (die Gewalt der Vergangenheit) produziert. Die Absicherung dieser Instutionen war Aufgabe der Götzen (die an den Opfern der Menschen sich erfreuten), unterm Vorzeichen des Christentums das Bekenntnis (das Malzeichen des Tieres).
Aufklärung als Kolonialisierung der Natur und der Vergangenheit. Wenn die Distanz zum Objekt durch Herrschaft vermittelt ist (die Distanz ist, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt), dann müßte das auch für die historische Erkenntnis gelten (für die Konstituierung der Geschichte als Herrschafts-, Erfolgs-, Siegesgeschichte). Hier ist der Zusammenhang zwischen der Vorstellung, daß auch die Toten (die Besiegten) einen Anspruch an uns haben, und der Kritik der Naturwissenschaften (als Kritik der Todesgrenze) negativ begründet. Die Gnade der späten Geburt ist die „Gnade“ der Erhebung über die Vergangenheit, der Verführung zur unkenntlich gemachten „Empörung“.
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22.08.90
Offb. 12: Wenn die Frau nicht Maria, sondern Israel meint (KuS, S. 116), dann wäre die „Wüste“ das Exil (aber könnte nicht auch die Kirche gemeint sein?); und der „Sturz“ des „großen Drachen“ auf die Erde könnte Vorgänge beschreiben, die sich kirchen- und gesellschaftsgeschichtlich beschreiben ließen (Einbeziehung der Kirche in den Herrschaftsprozeß, Instrumentalisierung der Religion; Konstituierung des Subjekts in Philosophie, Gesellschaft und Politik durch Verinnerlichung des Schicksals und des dämonischen Orakels; Ursprung von Glaube und Bekenntnis; Zusammenhang von Geldwirtschaft/Tauschprinzip, Objektivationsprozeß, Politik und Religion, Geschichte der Aufklärung). Telos des Drachensturzes wäre die Verwirrung und Zerstörung der Bedingungen seiner Sichtbarkeit: die universale Verblendung, die in den Naturwissenschaften zu sich selber kommt. – Geschichte des Antisemitismus (alle Vorurteile, auch die des kirchlichen Antijudaismus, sind Projektionen) nutzen als Anleitung zur geschichtlichen Selbstreflektion der Kirche. Der Antisemitismus hat nichts mit der „Judenfrage“, aber umso mehr mit der Geschichte der mythischen Selbstverblendung des Christentums zu tun.
Nicht Gott/Welt/Mensch, sondern Juden/Ketzer/Frauen als drei Gestalten des „Nichts“, des Andersseins. Wäre es möglich, mit diesen Ausgangspunkten den „Stern“ neu zu schreiben (Unser Nichtwissen von den Juden, Ketzern und Frauen ist der Grund unseres Gespensterwissens, unserer Vorurteile über Juden, Ketzer und Frauen)? Zusammenhang mit den evangelischen Räten (Armut, Gehorsam und Keuschheit)?
Beziehung unseres Gespensterwissens zum „Bekenntnis“:
– die Juden sind verstockt,
– die Ketzer sind heterodox, sie haben das falsche Bekenntnis,
– Frauen sind bekenntnisunfähig (und verstehen nichts von den Naturwissenschaften).
Das Bekenntnis ist eigentlich das (männliche) Bekenntnis zur eigenen Potenz (deshalb Symbolum?), daher die Notwendigkeit der Projektionen, die begründet sind in
– der eigenen Unbelehrbarkeit,
– der Diskriminierung des Gottsuchens und
– der Unfähigkeit zur Empathie.
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30.07.90
Der Begriff der Ewigkeit ist nicht unabhängig von der Zeit: er meint kein Überzeitliches, sondern eine Zukunft, in der die Vergangenheit aufgehoben ist (die Idee des Ewigen schließt begrifflich Vergangenheit von sich aus); nicht der Verstand (das Organ des überzeitlich Allgemeinen), sondern die Erinnerung ist der Repräsentant des Ewigen im Subjekt; deshalb die zentrale Bedeutung der Aufarbeitung von Verdrängtem für eine theologische Erkenntnistheorie (jedoch mit einem objektiven Verdrängungsbegriff).
Der Bekenntnisbegriff trennt das „abendländische Christentum“ von der antiken Welt: allerdings abstrakte Trennung, d.h. ohne Erinnerungsarbeit (Grund der Instrumentalisierung des Dogmas).
Die griechische Religion war eine kosmologische Religion, die römische eine politische. Damit hängt es zusammen, daß in Griechenland die Philosophie, in Rom der Kaiserkult das dämonische Zeitalter beenden und das moderne Subjekt (die Zweckrationalität durch Auflösung und Verinnerlichung des mythischen Orakels) begründen. Sokrates und Oktavian („Augustus“) sind die Heroen der neuen Zeit, Repräsentanten des modernen Subjekts. Die chemische Verbindung beider geht – vermittelt durch die Stoa – über die Funktion des Bekenntnisbegriffs (des Symbolums), mit der Gefahr des Selbstverrats durch Verinnerlichung des Opfers (der mythischen Erhöhung des Jesus Christus), in die Grundlagen des Christentums mit ein: das ist die historische Wasserscheide zur Antike. (Beziehung zur Geldwirtschaft, zum Ödipuskomplex? – Ursprung der Latenzphase? Ursprung des „transzendentalen Subjekts“?)
Gibt es in der Antike das Rechtsinstitut des Verteidigers, des „Beistands“; was ist ein Paraklet, seit wann gibt es ihn? Regelungen über Zeugen, wann und unter welchen Bedingungen ihr Zeugnis rechtswirksam ist, gibt es. – In der Kirchengeschichte gibt es die Zeit der Zeugen (Märtyrer, Bekenner), dann – ununterbrochen bis heute – der „Aufseher“ (Bischöfe: Ankläger, die zugleich Richter sind, bei eingeschränkter Verteidigung), aber noch keine Zeit des Beistandes (im Kirchenrecht im übrigen ein unterentwickeltes Gebiet; Ausnahme: der advocatus diaboli).Das Christentum als prophylaktische Antwort auf einen qualitativen Fortschritt in der Geschichte des Sündenfalls, den es selber initiiert; das Bekenntnis sowohl der Quellpunkt des neuen geschichtlich-gesellschaftlichen Schuldzusammenhangs als auch zugleich das letzte Netz und der Umkehrpunkt der Rettung (vgl. Funktion und Wahrheit der Trinitätslehre: Christus zur „Rechten“ des Vaters, d.h. Repräsentant nicht der Strenge, des Gerichts, sondern des Erbarmens, der Gnade).
Zusammenhang von Bekenntnis und Rosenzweigs Lehre vom Charakter (im Anschluß an Kant): Gegenüber der Selbstgerechtigkeit des „So bin ich nun einmal“ impliziert die Lehre von der Nachfolge (als Übernahme der Schuld der Welt) vorab die Übernahme der Verantwortung auch für den eigenen Charakter (dem individuellen Abdruck der Welt im Subjekt – falscher Grund der astrologischen Charakterlehre -, in der „Seele“), der aus dem Bereich des Schicksalhaften (falsch überhöht durch den abscheulichen Begriff der „Berufung“) herauszulösen ist. Jeder ist in der Tat verantwortlich auch für das eigene Gesicht! Und: Rosenzweigs „Vorwelt“ steht unter dem Gesetz der Welt.
Gab es in der Antike (und gibt es im Islam) „Charakter“ (vgl. Rosenzweigs Konstrukt und Adams Namengebung der Tiere). Charakter und Berechenbarkeit/Beherrschbarkeit (Hypostasierung von Eigenschaften als Korrelat der Hypostasierung von Begriffen, Grundlage des Objektivationsprozesses; durch den Charakter unterscheidet sich der Knecht vom Sklaven?). Charakter und Tauschprinzip/Entfremdung: Genesis des Wertbegriffs. (Charakter und periodisches System der Elemente?)
Zu v. Rad, Kuhl und Zimmerli: Gibt es eigentlich eine christliche Erläuterung des „AT“, die Auschwitz mit berücksichtigt (und Theologie nicht hinter dem Rücken des lieben Gottes betreibt, dagegen die Erschütterung zu erkennen gibt, die die abscheuliche christliche Selbstgerechtigkeit und mit ihr den projektiv-wütenden Objektivismus, der insbesondere in der Frage des „Gesetzes“ tendentiell antisemitische Züge annimmt, endlich in Frage stellt)? -
26.07.90
Das Geld abstrahiert von der Arbeit, die im Produkt steckt: eigentlich von der ganzen Vorgeschichte. Heute ergreift der Abstraktionsprozeß seine eigene Grundlage und erzwingt hinter dem Rücken des einfachen „Funktionierens“ und unsichtbar für die Beteiligten die Formbewegung (Gesteinsverschiebungen) des gesamten Systems. So veralten die Theorien, während gleichzeitig unterirdische Beziehungen zur gesamten Vergangenheit sich herstellen, modisch Veraltetes unvorhersehbare Aktualität gewinnt. – Anwendung auf Geschichte und Gegenstand der Naturwissenschaften!
Zu revidieren ist nicht der Marxismus, sondern sein naives Verhältnis zur Praxis, dessen unreflektierter Begriff, der so, wie er im real existierenden Sozialismus verstanden wurde, nämlich als Funktion von Herrschaft, nicht zu halten ist. Befreiend ist erst eine Praxis, die nicht mehr nur gegen Herrschaft sich definiert, sondern aus deren Bannkreis heraustritt.
Die private Existenz, die eigentlich ganz ephemer geworden ist, bestimmt immer noch das Bewußtsein (über die mythische Instanz der Familie), und macht die Menschen blind und wehrlos gegen die Welt.
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12.07.90
Die „Rationalität“ des römischen Imperialismus ist eine rücksichtslose Rationalität; und das wirft ein Licht auf die Rezeption des Christentums durch Konstantin, auf die Übernahme des Christentums als Staatsreligion, mit der diese Rücksichtslosigkeit in das Christentum implantiert wird. Diese Rücksichtslosigkeit ist die Kehrseite des Imperialismus; sie ist der Grund für den Ursprung und die Entfaltung der Zweckrationalität, der Instrumentalisierung und damit zugleich der Begründung des Weltbegriffs, der mit dem römischen Imperium erstmals hervortritt.
War die Tat des Arminius nicht die Tat eines römischen Bürgers, eines Weltbürgers; sind die List, die Rücksichts- und Bedenkenlosigkeit in der Wahl der Mittel nicht hierin begründet (vgl. dazu auch die römische Bürgerschaft des Saulus/Paulus)?
Das Inertialsystem ist (wie die Geldwirtschaft) eine ansteckende Krankheit, ein Konzept, das sich selber reproduziert und fortpflanzt: der systematische Quellpunkt der Säkularisation, der Verweltlichung.
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26.06.90
Der naturwissenschaftliche Erkenntnisprozeß (auf den D.’s Begriff der „Verstandeseinseitigkeit“ primär zu beziehen wäre) ist erkauft mit einer Abstraktionsleistung, die als gesellschaftlicher Prozeß zu dechiffrieren wäre. Die Abstraktion ist ein paralleler Verdrängungsvorgang in Subjekt und Objekt; oder der Abstraktionsleistung am Objekt entspricht eine Verdrängungsleistung im Subjekt. Beide stehen in direkter Abhängigkeit von den Erfordernissen der Selbsterhaltung (des Realitätsprinzips), von der Geschichte der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Natur. Das heißt aber, daß der direkte Rekurs auf die verdrängten Emotionen und Gefühle, auf das Irrationale, nicht weiterhilft, da dieser Bereich selber unter dem Bann des Abstraktionsprozesses steht: er ist entstellt und trägt die Narben seiner Geschichte an sich, der Geschichte der Herrschaft. Benjamins Forderung, die Geschichte aus der Sicht der Unterlegenen (und nicht der Sieger) zu schreiben, gilt auch für die Geschichte und die Resultate der Naturwissenschaften. Auch hier (vielleicht sogar zuletzt und vor allem hier?) bereitet parakletisches, verteidigendes Denken die rettende Erkenntnis vor.
Es kommt heute zunächst einmal darauf an, eine Schneise in das Dickicht zu schlagen; die Kultivierung wäre der nächste Schritt.
„Die Kirche ist nicht demokratisch“ – die römische Kongregation für die Glaubenslehre heute, in einer „Instruktion über die kirchliche Berufung des Theologen“ (wobei die Grenzen hinsichtlich der Sexualmoral offensichtlich wieder einmal die wichtigsten sind). So übt sich die Kirche in selffulfilling prophecie.
Die Institution des Klerikers ist bereits Produkt der Verweltlichung der Kirche. Und ihre Kritik ist nur dann sinnvoll, wenn sie die Kritik der Welt mit einschließt. Alles andere greift zu kurz. Kleriker, Hierarchie, Priestertum sind Kristallisationskerne der Instrumentalisierung der Kirche und insofern ihrer Verweltlichung (der Zusammenhang insbesondere von Hierarchie und Instrumentalisierung läßt sich auch an ihrer Beziehung zur alten Planeten- und Engellehre nachweisen: jede Stufe der Hierarchie ist sozusagen ein eigenes Inertialsystem und somit Kristallisationskern der Instrumentalisierung). Die gleiche Kritik, die D. am Kleriker übt, ließe sich mit gleichem Recht auch an anderen Institutionen üben (Politiker, Professoren, Militärs, die unter vergleichbaren objektiven Zwängen ähnlich sich verhalten).
D. hat insoweit recht: Unter den Bedingungen der Geldwirtschaft ist die (Existenz-)Angst unvermeidlich. Eigentum, das im Ernst die Existenz sichert, gibt es eigentlich nicht mehr; und wenn es das noch gibt, so ist sein Bestand nicht mehr von Naturabläufen (wie eine gute Ernte von der geregelten Folge der Jahreszeiten, von Klima und Witterung) abhängig, sondern von den politisch-ökonomischen Bedingungen (Konjunktur, technische Entwicklung, Verschiebungen im gesamtgesellschaftlichen Produktionsprozeß, den niemand mehr durchschaut). Hier liegt der Realgrund der Angst, der insoweit mit der der j Urgeschichte überhaupt nicht mehr vergleichbar ist. Und es ist die Frage, ob gegen diese Angst die (individuelle) Einheit mit Gott, Geborgenheit in Gott o.ä. noch etwas ausrichtet. Hier werden für falsche Probleme falsche Lösungen angeboten. Wenn es noch eine begründbare Theologie gibt, so wird sie die Gesellschaft und den gesellschaftlichen Vermittlungsprozeß in ihre Reflexionen mit aufnehmen müssen. Es gibt die Unmittelbarkeit zur Natur nicht mehr, die einmal Grundlage der theologischen Erkenntnis war.
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