Ist nicht (gegen Flasch, S. 94) die Biologisierung der Erbsünde gerade eine Konsequenz des augustinischen Personalismus?
Augustinus behandelt die Geschichte mit Esau und Jakob als Fall, an dem man ein Gesetz (die Paradoxie des Gesetzes der Gnade) demonstriert.
Zu Psalm 5811 (5711): In dem Psalm ist das Blut der Sünder das der „Frevler“, der Herren (bei Augustinus wird daraus das Blut der Aufsässigen, schließlich der Häretiker); und der Gerechte wäscht nicht (wie die Vulgata übersetzt) seine Hände in diesem Blut, sondern er watet im Blut.
Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand, aber das Strafrecht läßt als Notwehr gegen die Gemeinheit des Rechts die Lüge zu. Vor diesem Hintergrund gewinnt die kirchliche Umformung des achten Gebots in „Du sollst nicht lügen“ den besonderen Sinn, die Menschen wehrlos zu machen. Konsequenz des dämonischen Gottesbegriffs. Zugleich hat sie die Gläubigen aggressiv gemacht.
Das Gebot „Du sollst nicht lügen“ definiert Wahrheit durch die subjektive Ehrlichkeit; er schränkt Wahrheit damit apriori auf das Reich der Erscheinungen ein: er ist eine Konsequenz aus der Unfähigkeit zur Reflexion des Weltbegriffs (ein Mittel im Kampf gegen die Häeresien, die selber genau dieser Unfähigkeit sich verdanken, und der Grund, aus dem die Selbstverfluchung einmal zwangsläufig erwachsen muß).
Die gar nicht so uninteressante Frage, ob nicht der emphatische Begriff der Wahrheit etwas mit einschließt, was im Kontext der Verblendung Lüge heißt, wäre zu prüfen. Daß Generationen von Philosophen, durch die Universitätsbildung schlau geworden, nichts dabei fanden, in welchem Zusammenhang und mit welcher Bedeutung in Hegels Philosophie der Begriff der List erscheint, hängt hiermit zusammen.
Der Teufel, der Herr der Hölle ist auch der Vater der Lüge (und Subjekt des Gelächters). Wie hängen Lachen und Lüge zusammen? Ist nicht das Lachen die infamste (weil ohne Selbstdenunziation nicht widerlegbare) Gestalt des falschen Zeugnisses (Zusammenhang mit dem Raumbegriff)?
Zur Ableitung der Sexualmoral und der Frauenfeindschaft: Augustinus opfert im Kampf gegen seinen bösen Trieb die Frau (die namenlose Mutter seines Sohnes „Adeodatus“: wer ist hier der „deus“?). Der Marquis de Sade hat dieses Verhältnis auf den Punkt gebracht.
Kurt Flasch mißt Augustinus an der neopaganen Idee einer unschuldigen Natur (oder der natürlichen Unschuld); er hat offensichtlich seinen Freud nicht gelesen und kennt in dieser Sache nur die – aus der christlichen, der augustinischen Tradition stammende -Alternative: Urteil oder Freispruch.
Im jüdisch-christlichen Schisma hat das Christentum die Gottesfurcht verdrängt; damit waren die Wurzeln eingepflanzt für Gnosis und Manichäismus.
Nach dem Verrat der Gottesfurcht, wurde im Kampf gegen die Gnosis die Idee der Schöpfung, im Kampf gegen den Manichäismus die des Gerichts verraten.
Zum Taumelkelch und seiner Beziehung zum Hegelschen Absoluten: Ist dieser Taumelkelch nicht schon zuvor über die Trinitätslehre in die Theologie aufgenommen worden?
Im Dogmatisierungsprozeß wurde die Warntafel mißachtet, die Jesus selbst aufgerichtet hat: Das Wort „Richtet nicht …“ enthält doch auch die ganz schlichte Konsequenz: Die Wahrheit ist nicht Gegenstand des Urteils.
Das Verbot zu lügen untergräbt die Logik und die Botschaft des Märchens; nur das Märchen eröffnet den Bereich, in dem der Teufel als dumm erkennbar wird: das aber ist das für ihn schlimmste Prädikat.
Wo kommen Insekten in der Schrift vor? Und in welcher Beziehung stehen sie zu den Würmern, zum Gewimmel, zu den Kriechtieren -oder zur Schlange? (Und welche Blumen kommen in der Bibel vor?)
„schuf“, „erschaffen“, „Erde“, „Himmel“.
Zur Theorie des Feuers: das Aufspannen (des Himmels) hängt mit der Spannung zusammen, die beispielsweise auch einem Roman eignet, dessen Telos (nach Lukacs) der Tod ist. Waren die Scheiterhaufen die christlichen Erben der Moloch-Opfer? Bibel-Stellen zu „Feuer“, „Flamme“, „brennen“, „brannte“. Der Kreislauf des Wassers (der Wasser von unten und der von oben) oder der Zusammenhang von Schuld und Segen. Was bedeutet das Wort am Kreuze „Mich dürstet“ („Durst nach Gerechtigkeit“)? Hunger und Durst, Feuer, Asche und Staub. Die vierzig Tage Jesu in der Wüste, die Versuchung und am Ende die Engel, die seinen Hunger und Durst stillten. Wovon nährte sich Johannes der Täufer? Haben die Heuschrecken mit denen in der Exodusgeschichte zu tun?
Die Orthogonalität des Raumes und die Reversibilität der Richtungen im Raum gehören zusammen. In dieser Reversibilität aber drückt die Macht des Unteren über das Obere, des Hinteren über das Vorne und der linken über die rechte Seite aus.
Natur und Welt sind die beiden Gestalten des Für-andere-Seins als Totalität (Folge der Verirrung im Labyrinth der Mathematik: aber hat nicht die kantische Philosophie die Grenzen dieses Labyrinths abgesteckt, während die hegelsche Philosophie das Labyrinth von innen vermessen hat).
Der Exkulpationstrieb hat seine Wurzeln in der Gewalt, die wir immer noch dem moralischen Urteil beimessen; diese Gewalt aber gründet in der christlichen Himmels- und Höllenvorstellung.
Gemeinheit
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24.05.92
Augustinus, Blut, Christentum, Flasch, Freud, Gemeinheit, Hegel, Infamie, Kant, Lachen, Lüge, Mathematik, Philosophie, Sexualmoral, Theologie, Tiere, Wasser -
10.05.92
Jeder Punkt im Raum ist ein Gravitationszentrum: der Vergangenheitspunkt des Körpers. Insofern ist die Bewegung des Lichts im Raum sowohl eine korpuskulare als auch eine Wellenbewegung (die zwei Gestalten des Nichtseins des Lichts).
Ist das Angesicht das Werk des ersten Tages: „Gott sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht“? Und hängt die Benenneung von Licht und Finsternis als Tag und Nacht mit der Unterscheidung von Im Angesicht und Hinter dem Rücken zusammen?
Was hat es zu bedeuten, wenn Petrus in seinem zweiten Brief („aus Babylon“) den Satz zitiert: Und die letzten Dinge werden ärger sein als die ersten?
Die Auseinandersetzung mit den Häresien ist nicht als Lernprozeß, sondern als Machtkampf geführt worden. Das drückt sich in der Form des Dogmas und des Bekenntnisses aus.
Die Stellen mit Feuer in der Schrift suchen und zusammenstellen!
Wenn das Wasser eine realmythische Substanz ist, dann ist das Feuer ein realapokalyptisches Agens und das Plancksche Strahlungsgesetz Quellpunkt einer apokalyptischen Naturphilosophie (Wo steht dieses Jesus-Wort „… nicht Frieden, sondern Feuer, und ich wollte, es brennte schon“ und wie heißt es genau?).
Das Problem des Zuschauers:
– Kein Zufall, daß das Bekenntnissyndrom z.Z. in der Hooligan-Szene eskaliert.
– Vgl. Edgar Morins Essay über den Film! (Fixierung des Zuschauers in die Ohnmacht, ins Selbstmitleid, in die moralische Empörung, ins Richten.)
Es gibt kein reales Selbstbewußtsein außerhalb der Theologie, ohne die Gottesfurcht.
Ist der Begriff des Allgemeinen nicht auch insoweit wörtlich zu verstehen, daß es das All als Ort der Gemeinheit vor Augen stellt?
Zum Begriff der Verkörperung: Ist nicht der Körper der rätselhafteste Gegenstand der Physik, die an sich eine Punktphysik ist (daher ihre Bindung an die Vergangenheit), aber den ausgedehnten Körper nicht rekonstruieren kann, außer als ein Ganzes von Atomen? Und ist nicht die Existenz von Körpern ein Indiz für die Endlichkeit des Raumes (und das Ideal der Physik der leere Raum, die Vernichtung der Körperwelt)? Der leere Raum ist ein Erzeugnis unseres Kopfes, eine Ausgeburt des Todestriebs, das erste Instrument der Unterwerfung der Welt. Seine Erhaltung ist nicht ohne die explosive Ausbreitung der destruktiven Kräfte zu sichern.
Die Konfliktunfähigkeit der Kirche hängt mit dem zusammen, was in der Schrift die Sünde wider den Heiligen Geist heißt. Sie ergibt sich aus dem Rechtfertigungszwang, aus der Unfähigkeit zur Reflexion von Schuld.
Beschreibt nicht die Geschichte der drei Verleugnungen
– die innerkirchliche Geschichte der Anpassung an die Welt (im Kontext der dadurch determinierten Auseinandersetzung mit den „Häresien“ und der Geschichte des Dogmas),
– die Genesis der Raumvorstellung und
– ist sie nicht das Gegenbild der „Befreiung von den sieben unreinen Geistern“? -
08.05.92
Eine der ersten Gestalten der Reflexion und Bestimmung des Inertialsystems war die Diskussion um das liberum arbitrium.
Der Ursprung der Mechanik in der christlichen Sexualmoral: Die Diskriminierung der sinnlichen Lust war der Anfang der Vertreibung der Sinnlichkeit aus den Objekten, der Anfang ihrer Verdinglichung. Übrig geblieben sind die raum-zeitlichen Verhältnisse und der blinde und stumme Stoß. Das Angeblickte blickt nicht mehr zurück und antwortet nicht mehr: Ursprung der Verdrängung, Zusammenhang von Abstraktion und Verdrängung.
Raum und Sinnlichkeit: das Sehen (die Optik) gehört zu Vorn und Hinten, das Hören (die Akustik) zu Rechts und Links, das Gefühl (die Schwere) zu Oben und Unten. Drückt sich in der Relation von Licht- und Schallgeschwindigkeit (Sehen und Hören) nicht mehr aus als nur ein isolierter physikalischer Sachverhalt? Sind Riechen und Schmecken als innere Sinne auf die Zeit bezogen (das Riechen als Erinnerung, das Schmecken – durch seine Beziehung zur sapientia – als utopischer Sinn)? Auch Gott riecht: Es gibt für ihn den „süßen Duft des Opfers“.
Irritation durch die Vorstellung der Organverpflanzung: Ich glaube, mir würde es schwerfallen, mit einem Fremdorgan in meinem Körper mich abzufinden. Aber sind nicht auch die Flugzeuge und die Satelliten Fremdkörper am Himmel?
Seht, ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe. Darum seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben: Macht euch nicht gemein mit den Wölfen! Ist das „Allgemeine“ nicht auch in dem Sinne wörtlich zu verstehen, daß es die Gemeinheit als All, als die alles durchdringende Totalität vor Augen stellt? -
29.04.92
Was bedeutet der Satz, daß Gott die Menschen liebt?
Wie hängt der Wertbegriff mit der Bekenntnislogik zusammen? Die Unterscheidung von Wert und Gegenstand ist Ausdruck des Zusammenhangs von Gegenständlichkeit und Instrumentalisierung; so verdankt sich die Bekenntnislogik der Objektivierung und Instrumentalisierung des Wahrheitsbegriffs, er wird verfügbar. Und deshalb sind Bekenntnisse Bekenntnisse zu Werten. Die Werte werden in der Reklame (ähnlich wie die Wahrheit als Dogma in der Apologetik) „auf den Punkt gebracht“.
Der Hegelsche Begriff der Aufhebung ist eine Parodie (und zugleich die Umkehrung) der Idee der Auferstehung. Die Aufhebung verhält sich zur Auferstehung wie der Begriff zum Namen.
In welcher Beziehung steht die Taube zum Heiligen Geist, wo kommt sie vor (von der Arche Noahs bis zu den Evangelien)?
Gibt es einen geschichtsphilosophischen Unterschied zwischen Silber- und Goldwährung? Beginnt die alte Geschichte mit der Silber-, die neue mit der Goldwährung?
Die Geschichte der Beziehung von Gold und Geld ist die Kehrseite der Geschichte von Schulden und Geld. (Ist Gold die Einheit von Licht und Schwere?)
Inflationen sind Ausdruck von Schuldenkrisen, die durch Sozialisierung der Schulden gelöst werden.
Hängt der Ausdruck Schulden mit Schultern zusammen (die Schuld auf sich nehmen)?
Läßt sich das Rätsel des biblischen Schöpfungsberichts auflösen, wenn die Geschichte der Geldwirtschaft durchsichtig wird? Und verweist nicht der zweite Schöpfungstag auf die Entstehung des Geldes (ist das Geld das Wasser – auch bei Thales)?
Die Erschaffung der Welt findet auch im ersten Schöpfungsbericht ihre Stelle: in der Erschaffung der großen Seetiere. Ist die Trennung des Trockenen und des Flüssigen, die Trennung von Land und Meer, etwas, was nur auf die Wasser unterhalb der Feste sich bezieht? Betrifft sie nicht auch die Wasser oberhalb? Und ist der Meeresbegriff nicht ein Begriff, der auch die Welt der Götter (der Nationen) umfaßt?
Privateigentum, Geldwirtschaft, Patriarchat gehören zusammen. Reflex und Indikator dieses Zusammenhangs ist der Begriff der Materie; dagegen steht die theologische Idee der Verklärung (Zusammenhang mit dem Satz „Richtet nicht …“ und mit der Kritik des moralischen Urteils: „Der Ankläger hat immer unrecht“). Hier ist es mit Händen zu greifen – und zwar anders, als es die traditionelle, herrschaftsgeschichtlich determinierte Interpretation gern möchte -, wie Materialismus und Empörung zusammenhängen: Empörung ist nicht Empörung gegen Herrschaft, sondern Herrschaft selber ist Empörung. Vor diesem Hintergrund gewinnen die kantischen Antinomien der reinen Vernunft und die „Vorstellung“ des unendlichen Raumes und das Problem der Sexualmoral eine ungeheure Bedeutung (Naturbegriff, Trinitätslehre und Inzest).
Im Anfang erschuf Gott den Himmel und die Erde; und am sechsten Tag die Menschen (nach seinem Bilde, als Mann und Weib). Und der Kirche ist verheißen, daß, was sie auf Erden binden wird, auch im Himmel gebunden sein wird, und was sie auf Erden lösen wird, auch im Himmel gelöst sein wird.
Judith war auch eine Hebräerin?
Die Kirche hat am Ende des Mittelalters ihre häresienbildende Kraft verloren, weil sie sie in Gestalt der naturwissenschaftlichen Aufklärung in einer Form vor Augen hatte, gegen die sie hilflos war. Man kann gegen die Mathematik nicht vorgehen wie gegen Ketzer und Hexen: man kann sie nicht auf den Scheiterhaufen bringen (weil sie in der Tradition der Scheiterhaufen steht, aus deren Verinnerlichung hervorgegangen ist).
Die Hegelsche Philosophie ist eine Philosophie, die sich im Urteil der anderen versteht und begreift. Deshalb ist der Weltbegriff zentral für die Hegelsche Philosophie.
„Ninive war eine große Stadt vor Gott; man brauchte drei Tage, um sie zu durchqueren. Jona begann in die Stadt hineinzugehen; er ging einen Tag und rief: Noch vierzig Tage, und Ninive ist zerstört!“ (Jon 33f)
Es kommt nicht nur die Philosophie in der Prophetie vor, sondern auch die Prophetie in der Philosophie, und zwar im Begriff der Barbaren (oder der Materie).
Ein Zyniker ist ein Fundamentalist, der kein Terrorist werden möchte.
Gibt es eine Beziehung zwischen Münze und Symbolum (Prägung, Avers und Revers); drückt sich in der Prägung der Bruch aus, und welche Bedeutung haben die eingeprägten Köpfe (Hinweis auf den gemeinsamen Ursprung des Königtums und des Geldes im Opfer)?
Zur Konstruktion des israelischen Königtums gehört es, daß nicht der Priester, sondern der Prophet den König erwählt und salbt.
Die Kritik des Bekenntnisbegriffs (und der Bekenntnislogik) wird in der Gestalt der Maria Magdalena verkörpert (Befreiung von den sieben unreinen Geistern).
Gibt es eine Beziehung zwischen der Bindung Isaaks, dem Sieg Abrahams über die Könige von Sodom etc. und der Melchisedek-Geschichte. zwischen Moloch, Melek und Melchisedek? Und stellt sich nicht über Melchisedek eine Beziehung her zwischen dem Hebräer Abraham und dem biblischen Hebräerbrief? Bei Abraham und Isaak erscheint die Geschichte mit Abimelech, dem Philisterkönig, während die Ägypter-Geschichte auf Jakob (Israel) und Josef vorausweist? Wie verhält sich Abimelech zu Melchisedek?
Barock als Geschichte der Privatisierung (und Vegrgesellschaftung) von Herrschaft, als Teil der Geschichte der Säkularisation (Absolutismus, Gegenreformation, Barocktheologie, Ursprung der Gnadenlehre, kasuistische – pornographische – Moraltheologie). Erst die Barocktheologie hat sich in dem Netz der Verdinglichung verfangen, aus dem die katholische Theologie sich seitdem nicht mehr hat befreien können. Der barocke Pomp, die barocke Kunst (die Kunst des Rahmens), ist die Ersatzbildung für den privatisierten und verdinglichten Wahrheitsbegriff.
Putten: Diese Form der Verniedlichung der himmlischen Heerscharen, Vermischung mit den mythischen Allegorien (Amor und Eroten): Vorläufer des Kuschel-Behemoth.
Im Prozeß der Vergesellschaftung von Herrschaft wird immer deutlicher und kenntlicher, was mit dem Begriff der Übernahme der Sünde der Welt allein gemeint sein kann.
Das Bekenntnis als verinnerlichte Exkulpationsmagie.
Ist der Heideggersche Titel „Vom Wesen des Grundes“ nicht der genaueste Ausdruck der Abschaffung des begründenden, argumentativen Denkens? Und entspricht dem nicht genau die Hypostasierung der Frage, die Konstruktion der objektlosen Angst und des Daseins als In-der-Welt-Seins? Ist das Wesen des Grundes nicht der Inbegriff dessen, was theologisch „Abgrund“ heißt. Die Heideggersche Fundamentalontologie ratifiziert den Einsturz der Hegelschen Logik, die Trunkenheit des Begriffs am Ende nüchtern, rational beschrieben hat.
Heidegger hat den Ursprung der Angst unerkennbar gemacht, indem er die Angst zu einem objektlosen Affekt gemacht hat (oder machen mußte, weil seine Philosophie vom Objektparadigma sich nicht lösen konnte). Es gibt keine Angst ohne Beziehung zur Schuld; die Unfähigkeit zur Schuldreflexion macht die Angst objektlos. Diese Schuldbeziehung gilt auch für die Todesangst. Wenn das Christentum die Todesangst „überwindet“, dann nur im Kontext der Übernahme der Sünde der Welt. Heute jedoch nimmt das Christentum nur noch die Schuldangst hinweg, indem es die Todesangst verdrängt; wer wagt denn noch, an die Unsterblichkeit der Seele oder an die Auferstehung der Toten zu glauben: gemeinsamer Ursprung des pathologisch guten Gewissens und der Gemeinheitsautomatik. Es gibt Schlimmeres als den Tod. Umgekehrt: Der Adornosche Satz „Heute fühlen sich alle ungeliebt, weil niemand mehr zu lieben fähig ist“ ist die Kehrseite des biblischen Satzes, daß die Liebe stärker ist als der Tod.
Der Objektivationsprozeß ist der Stauberzeugungs- und -verwertungsprozeß.
Stichwort „Wüste“.
Die Erschaffung der Welt findet auch im ersten Schöpfungsbericht ihre Stelle: in der Erschaffung der großen Seetiere. Ist die Trennung des Trockenen und des Flüssigen, die Trennung von Land und Meer, etwas, was nur auf die Wasser unterhalb der Feste sich bezieht? Betrifft sie nicht auch die Wasser oberhalb? Und ist der Meeresbegriff nicht ein Begriff, der auch die Welt der Götter (der Nationen) umfaßt? -
15.04.92
Geldwirtschaft und Rüstung: Hängt die Erfindung (und militärische Nutzung) des Schießpulvers mit der der doppelten Buchführung zusammen? Oder die Gründung und Ausbreitung der Tempelbanken mit dem assyrischen Militarismus (und ihrem theologischen Reflex im Deus Sabaoth, im Herrn der Heerscharen), ähnlich wie die Einheit von „Entdeckung“, Eroberung und Missionierung Amerika mit dem Raub der Tempelschätze im „entdeckten Amerika“, dem mit seinem Reichtum auch noch der Name geraubt wurde.
Zum Schreiben der raf vom 10.04.92: Konsequenzen aus dem Prinzip der Kleinschreibung: Verzicht auf Hypostasierung und Personalisierung? Es gibt Handlungen, die Komplizenschaft begründen und in Rechtfertigungszwänge hineinführen, und so die verändernde Kraft der Reflexion unterlaufen, verhindern. – Umgekehrt die völlig unangemessene Reaktion der Politiker: von der CSU war nichts anderes zu erwarten, aber daß auch die SPD, die doch selbst an der Einführung der Sonderbehandlung der Terroristen maßgeblich beteiligt gewesen ist, jetzt jede „Sonderbehandlung“ glaubt ablehnen zu müssen, ist nur verständlich aus den Rechtfertigungszwängen, denen sie seit dem Deutschen Herbst 77 unterliegt. Und wenn Herta Däubler-Gmelin, im vorhinein schon Forderungen der raf glaubt ablehnen zu müssen, die gar nicht gestellt worden sind, so drückt sich genau darin die Unfähigkeit aus, den Kern des Konflikts überhaupt wahrzunehmen. Die Äußerungen des Herrn Penner lassen es nachträglich noch als Glücksfall erkennen, daß nicht er damals Nachfolger Rebmanns geworden ist. Die SPD steht sich selbst im kollektiven blinden Fleck, zu dem sie geworden ist (sie hat insoweit Teil am Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus, als auch sie den Sozialismus noch für eine Frage der Innen- und Wirtschaftspolitik hält: der reale Problem- und Existenzgrund der raf – die Fundierung des Reichtums der westlichen Staaten auf dem Export der Armut – ist auch der Problemgrund der SPD; das ahnt sie, möchte aber nicht daran erinnert werden, und deshalb reagiert sie so paranoid).
Die Reiselust der Deutschen: sie halten es zuhause nicht aus, suchen dann aber doch nur Plätze, an denen sie wieder unter sich sind. Trift nicht auch noch die (erweiterungsfähige) Erklärung die der König der Tartaren den Portugiesen in der Urphase der Kolonisation gegeben hat: „Die Tatsache, daß diese Menschen sich so weit von zu Hause entfernen, … zeigt deutlich, daß es bei ihnen so wenig Gerechtigkeit und so viel Gier geben muß.“ (John H. Elliott: Die Welt nach Kolumbus, Lettre 16, Frühjahr 1992, S. 80)
Zur Geschichtsphilosophie der Oper: Rousseau, der Erfinder des modernen Naturbegriffs (der Natur-Christologie), war Opernkomponist und Librettist (Waltraud Gölter: Die Schrift und das Reale, Lettre 16, S. 87). Die Confessiones (des Augustinus wie die des Rousseau) sind der genaueste Ausdruck der Einsamkeit: einer Sehnsucht, eines Verlangens, das kein Objekt mehr findet. Die Oper reflektiert diese Einsamkeit als die gesellschaftliche des Herrn, der sich durch den Herrschaftszusammenhang gegen die beherrschte Welt und das Leben in ihr verblendet, sie als Oper, als musikalischen Traum, reproduziert (Oper als Traum-Äquivalent der instrumentalisierten Welt).
Einleitungen, Vorreden, Vorworte haben nur den Zweck, mögliche Mißverständnisse, die jeder Autor zu fürchten scheint, zu vermeiden. Käme es heute nicht umgekehrt darauf an, Mißverständnisse zu provozieren?
Drückt sich im lateinischen AcI nicht genau die undurchdringliche, der Kommunikation und dem Handeln nicht mehr kommensurable Herrschaft des Römischen Imperiums und die damit verbundene Konstituierung des Privaten, die in der Philosophie vor allem in der Stoa sich reflektiert, aus?
Die seitenperspektivische Betrachtung des Charakters (und ihre Objektivierung in der Maske, der Person) gehört zu den Grundlagen des begrifflichen Denkens und bestimmt den Charakter der Aufklärung seitdem. Der Personbegriff ist nicht zu trennen von dem des Charakters, beide sind verbunden durch den der Maske. Das Ebenbild Gottes hingegen ist sinnlich erfahrbar im Angesicht des Andern.
Dieser wahnsinnige Jakobus-Brief (Jak 123)! Diese Forderung ist (fast?) nicht mehr erfüllbar.
Enstsprechen den drei Verleugnungen Petri die drei Versuchungen Jesu in der Wüste? Bei beiden, am Ende der Versuchung in der Wüste und bei Petrus (und nur hier?), kommt es zu dem „Weiche von mir, Satan“.
Zum Begriff der Geschichte: Die historische Genese ist zu unterscheiden von der logischen Genese, die aber selber wiederum in die Geschichte fällt. Der Begriff des Ursprungs ist diachronisch.
Uns hat’s die Sprache verschlagen, fast unmöglich der Versuch, sie wiederzufinden.
Hängt der Name des Wassers zusammen mit dem Fragewort „Was“? Und haben die biblischen und die philosophischen Wasser (die Wasser über und unter dem Firmament, und dem „Alles ist Wasser“ des Thales) etwas mit dem Heideggerschen Begriff der Frage zu tun, dem Topos einer leeren, objekt- und antwortlosen, aber rang-(d.h. die Eigentlichkeit) bestimmenden und die Hierarchie begründenden Frage?
Siegfried war, nachdem er im Blut der erschlagenen Drachen gebadet hatte, unverletzbar (Ausnahme: die Stelle an der Ferse).
Es ist das seit den Anfängen des Privateigentums und der Geldwirtschaft ins Ungemessene gesteigerte Exkulpationsbedürfnis, das die Tempel und die Opfer begründet hat.
Das christologische Erbe des Naturbegriffs: Es ist dieser Naturbegriff, von dem Habermas sich nicht lösen kann. Und es ist genau dieser Naturbegriff, der die Reflexion an der von der Herren erwünschten Stelle abschneidet. Die Abwehr jeglicher Naturspekulation bei Habermas scheint mit seinem Öffentlichkeitsbegriff zusammen zu hängen: damit, daß er es sich versagen muß, den Quellpunkt der Gemeinheit im Strukturgesetz der Öffentlichkeit wahrzunehmen und zu analysieren, in das Problem der Bewußtseins- und Kulturindustrie sich ernsthaft einzulassen. So wird er hilflos gegenüber jenem Prinzip, nach dem die Boulevard-Presse und das Fernsehen vor allem sich richten: Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand, weil sie die Beweislogik (die Logik jeglicher Öffentlichkeit, aber auch die der Philosophie, den Quellpunkt der Dialektik) transzendiert. Darzustellen wäre, daß das, was Habermas Öffentlichkeit nennt, ein Strukturgesetz ist, dessen nachvollziehbare Geschichte eins ist mit der Geschichte des Weltbegriffs und heute behemothische Qualität annimmt. Diese Öffentlichkeit blendet durch ihr eigenes Strukturgesetz jene Bereiche aus, die Habermas dann auch aus seiner Philosophie hinausweist. Das Habermassche Konzept von Erkenntnis und Interesse, Grundlage seiner Diskursphilosophie und des Konsensbegriffs, blendet die Erinnerung aus; übrig bleibt die instrumentalisierte Erinnerung. Diese Instrumentalisierung der Erinnerung ist das Erbe der dogmatischen Theologie; sie gründet im Zusammenhang von Schicksal und Begriff und endet in der Heideggerschen Seinsvergessenheit. Der Inbegriff der instrumentalisierten Erinnerung ist der gegenständliche Weltbegriff (als Begriff eines subjektlosen Subjekts der Erkenntnis).
Die Lösung für das Problem der Beziehung des Reichs der Erscheinungen zu den Dingen an sich liegt im theologischen Begriff der Umkehr.
Der Schicksalsbegriff ist ein sprachimmanenter Begriff, Ausdruck einer bestimmten Form der Beziehung der Sprache zu den Dingen, er müßte insbesondere aus der Struktur der indogermanischen Sprachen, aus ihrer grammatischen Struktur, ableitbar sein.
Woher stammen die Tierkreiszeichen und ihre Namen (sie fanden sich u.a. in Synagogen)? Und in welcher Beziehung stehen sie zu den Sternengöttern (zu den Planeten)? Und wie verhält es sich mit der Astrologie: ist das Schicksal an die Planetenkonstellationen, der Charakter an die Tierkreiszeichen gebunden (oder umgekehrt)?
Kelch und Becher: Hängen der Taumelkelch, der Kelch von Gethsemane und beim Abendmahl sowie die Ursprungsgeschichte von Moab und Ammon (Lot und seine Töchter) zusammen?
Ein Feminismus der mit Rangkategorien argumentiert, arbeitet dem Sexismus in die Hände.
Der Wittgensteinsche Satz „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ wird erläutert und kenntlich gemacht durch den Hegelschen Satz „Das Eine ist das Andere des Anderen“. Der Fall ist dieses Anderssein, Produkt der „verandernden Kraft des Seins“.
Es ist diese Mischung von Euphorie und Schrecken, die den Verdacht wachhält, daß an der Sache noch etwas falsch sein muß.
Die autoritäre Struktur des christlichen Dogmas ist von dem Zusammenhang mit dem Weltbegriff nicht abzulösen. -
10.04.92
In seiner Antisemitismus-Studie übersieht Heinsohn offensichtlich, welche Bedeutung diese gesellschaftlichen Gesteinsverschiebungen, die die Entstehung der Hochkulturen begleiten, für die Geschichte des Bewußtseins haben; hier rächt es sich, daß er beispielsweise den Ursprung der Schrift und die Entwicklung der Sprachen aus seinen Überlegungen ausschließt. Die Darstellung der „Reaktionen der Betroffenen“ auf die „kosmischen Katastrophen“ (S. 31) behandelt diese Reaktionen so, als könnten sie sich auch heute – nach der Ausbildung des Welt- und Naturbegriffs – so abgespielt haben. Daß es eine Geschichte des Bewußtseins gibt, die mit der der Sprachen aufs engste verknüpft ist, scheint außerhalb seines Gesichtskreises zu liegen. Daß es sich hier um vorödipale Zeiten handelt, daß die Bewußtseinsidentität noch nicht vorausgesetzt werden darf, daß das Bewußtsein erst mühsam beginnt, sich aus den mythischen Zwängen zu befreien und welche Rolle dabei die Struktur der Sprachen und die Entwicklung der Schrift, der Ursprung des Privateigentums und des Geldes, die Entstehung des Rechts, aber auch die Institutionen der Religion und der embryonalen politischen Strukturen, insbesondere die Institution des Königtums, spielen, scheint ihn nicht zu interessieren. Daß z.B. erst in den indogermanischen Sprachen über die grammatischen Innovationen, insbesondere die Futurbildungen als Voraussetzung des objektiverenden, hypostasierenden Denkens, ein Weltbewußtsein sich bildet, dessen Vorläufer Mythos, Idolatrie und Opfer sind, die dann – paradigmatisch in der griechischen Philosophie und in deren Konsequenz in der christlichen Theologie – durch Verinnerlichung (durch den ödipalen Prozeß hindurch) zur Grundlage des zivilisatorischen Bewußtseins werden, entgeht ihm. In diesem Zusammenhang – und jedenfalls nicht nur in dem des Interesses an der Voraussage von Naturkatastrophen (vgl. S. 43) – wäre z.B. das Orakelwesen (das in Griechenland ganz erheblich zur Durchbildung der Sprache und zur Entstehung der Philosophie beigetragen hat) zu diskutieren. Velikovsky und seine Adepten lösen keine Rätsel, sondern schürzen neue (oder genauer: machen sie kenntlich). Die monokausale Ableitung des Neuen aus Naturkatastrophen verkennt, daß es auch gesellschaftliche Naturkatastrophen (zu denen Heinsohn selber mit seiner Geldentstehungstheorie entscheidende Hinweise gegeben hat) gibt; und hier scheint mir, stellt sich ernsthaft die Frage: handelt es sich bei dem Zusammentreffen kosmischer und gesellschaftlicher Naturkatastrophen (die formal dem Leibnizschen Begriff der prästabilisierten Harmonie zu entsprechen scheinen) um reinen Zufall, oder gibt es dazwischen auch vermittelnde Agentien?
Wurden die Götter nach Einführung des Privateigentums durch die Statuen um ihre Opfer betrogen (vgl. Heinsohn, Antisemitismus, S.47)?
S. 54: Keine „wissenschaftlich begründete Religionsüberwindung“, sondern eine prophetische. Der Unterschied ist bestimmbar.
Im VIII. Kap., S. 72ff, führt Heinsohn den Antisemitismus allein auf seine theologischen Ursprünge zurück, ohne den Zusammenhang dieser Theologie mit dem Ursprung des Säkularisationsprozesses und des modernen Weltbegriffs zu begreifen. Aber hier wird es erst interessant. Washalb war beispielsweise der real existierende Sozialismus, insbesondere der Stalinismus, antisemitisch?
Es ist schon ein wenig irrsinnig, wie sich bei Heinsohn die Dinge zu einem System zusammenschließen: Die Naturkatastrophen-Theorie ist nur zu halten, wenn er die Befreiung vom Opfer im Atheismus terminieren läßt und diesen Atheismus in Widerspruch setzt zu den altorientalischen, heidnischen Hebräern, verbunden mit der These, daß erst das (erneut opfertheologische) Christentum monotheistisch geworden sei; so wie er auch schon in seiner Geldtheorie das gesellschaftskritische Element herausoperiert hat, so muß er hier den damit notwendig verbundenen szientifischen Antisemitismus der Wellhausen et al. mit rezipieren, und ihn dann in den Sack reinstecken, den er „Hebräer“ nennt. Zugleich muß er den „Juden“ die Schöpfungsidee nehmen, die doch die Prophetie, der die Absage ans Opfer sich verdankt, erst ermöglichte. Und seiner Geldtheorie das erkenntnis- und gesellschaftskritische Element, das zwangsläufig aus seinem Schuldknechtschaftskonzept folgt, und damit das Moment der Barmherzigkeit nehmen, dem doch die Absage ans Opfer sich verdankt. Zusammen damit muß er die Juden in die Nähe der Philosophen rücken (mit Hilfe des einen Theophrast-Zitats): das aber geht nur, indem er den Juden in ihrer eigenen hebräischen Vergangenheit das Barbaren-Äquivalent verschafft. Das Problem bleibt unlösbar, solange Heinsohn das im Begriff des Begriffs (und schließlich in dem der Welt) säkularisierte und zugleich verdrängte Exkulpations- (und Opfer-) Konzept nicht durchschaut. Inzwischen geht der Verdrängungsapparat, der dem Universums-Konzept zugrundeliegt, zu Bruch.
Der Weltbegriff konstituiert sich auf zwei Ebenen:
a. auf der des Ursprungs und der Stabilisierung des Begriffs (des Referenzsystems der Philosophie), und
b. auf der Ebene und im Rahmen der Stabilisierung der Produktions- und Austauschverhältnisse, des Ursprungs des Marktes, d.h. zusammen mit dem Ursprung des Rechtssystems, das das Privateigentum ermöglicht und garantiert.
Ebenso wie die Philosophie ist der Weltbegriff vom Ursprung, vom Bestehen und von der Geschichte des Privateigentums nicht zu trennen. Hinsichtlich eines jeden Sozialismus-Konzepts wäre festzuhalten: Vergesellschaftung ist ein „naturwüchsiger“ Prozeß und durch Verstaatlichung nicht zu humanisieren. Auch das staatliche Eigentum ist Privateigentum, wobei der Staat aus leicht durchschaubaren Gründen der dümmste (und der gemeinste) Privateigentümer ist.
Wodurch unterscheidet sich Moses von Hammurabi und Solon?
Gegen Adorno: Nicht das Eingedenken der Natur, sondern das der Ursprünge wäre als Ziel der Philosophie zu bestimmen. Von Adorno zu Habermas ist es in der Tat nur ein kleiner Schritt, aber einer in die falsche Richtung. Das Konzept des Eingedenkens der Natur ist Adornos säkularisierte Theologie.
Was bedeutet der Raum für das geschichtliche Eingedenken, für die Erinnerungsarbeit?
Zur biblischen Zoologie: Wie ist das mit den Schafen und Wölfen und Schlangen und Tauben?
Der neutestamentliche Begriff der Sünde der Welt bezeichnet das Konzentrat der Ursprungsgeschichte der Welt in Idolatrie, Sternendienst und Opferwesen. Auch das Menschenopfer steckt in den Fundamenten unseres Weltbegriffs. Daran erinnert der Kreuzestod (Problem der Ursprungsgeschichte der subjektiven Form der äußeren Anschauung: welches ungeheuerliche Problem hat Kant in diesem Begriff stillgestellt?).
Einige Bemerkungen zum Problem einer christlichen Theologie nach Auschwitz.
Der moderne Naturbegriff ist eine logische Konsequenz aus dem Weltbegriff.
Begriff und Institution der Diktatur hängt mit der Funktion des Prädikats im Urteil und mit der der Predigt im Christentum zusammen.
Bekenntnis und Dogma stammen aus der Sphäre des Rechts, oder sind Reflexionsbegriffe von Rechtsbegriffen.
Es gibt eingreifende Bedenken gegen die Vorstellung der Möglichkeit, das Recht mit den Mitteln des Rechts zu humanisieren. Vgl. den Zerfallsprozeß des Rechts im Gefolge der beiden Weltkriege, die Systemwidrigkeiten, die nicht mehr zu übersehen sind (fehlender Friedensvertrag, Anwendung des Strafrechts auf zwischenstaatliche Delikte, Verdrängung des Gemeinheitsproblems, Fortleben des „gesunden Rechtsempfindens“, d.h. des Rachemotivs im Rechtsstaat, Frage der Gewalt: Gewaltmonopol und Kampf gegen die Privatisierung der Gewalt; kann es sein, daß die Kritik an Carl Schmitt ihr Ziel erst erreicht, wenn sie das Recht selber trifft, dessen ungeheuerliche Systemlogik Carl Schmitt nur ausgesprochen hat – vgl. Walter Benjamins „Kritik der Gewalt“ und die Bemerkungen von Jaques Derrida dazu). -
29.03.92
Der Raum (Inbegriff des „Hinter dem Rücken“) ist das Nichts, aus dem der Demiurg die „Welt“ (das System aller Prädikate) erschaffen hat, und zwar als dreifaches Nichts.
Die These scheint begründbar zu sein, daß der Weltbegriff erfunden wurde, um die Herrschenden gegen Kritik abzuschirmen. Der Weltbegriff lebt von der eingebauten Logik der Identifikation mit dem Aggressor. Und er ist die automatisierte (und unkenntlich gemachte) Verletzung des achten Gebots: Du sollst kein falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten.
Ist die Simson-Geschichte ein Astralmärchen?
Die kantische Vorstellung vom Chaos des Gegebenen – eine Zwangsvorstellung, soweit sie dem Zwang der transzendentalen Logik gehorcht – bezeichnet präzise die chaotische Struktur des Dativ in einer vom Akkusativ beherrschten Vorstellungswelt: die Verwandlung von Gnade, Barmherzigkeit (der rechten Seite) in Chaos. Hiermit hängt es zusammen, wenn die Menschen das (aktive wie passive) Schenken verlernen, zwangshaft jedes Geschenk am Tauschprinzip messen.
Linken Autoren scheint generell der Gebrauch des Konjunktiv suspekt geworden zu sein. Ein Verdacht, der – wie auch immer er begründet erscheinen mag – im Indikativ ausgesprochen wird, kann nur als Unterstellung erfahren und „zurückgewiesen“ werden. -Sprache als Kriegssprache: Der Indikativ als Eroberungsversuch, als Versuch, ein dem Feind gehörendes Gelände zu besetzten. Aber nur wenn das Moment des Verdachts am Verdacht festgehalten und keine Gewißheit supponiert wird, wird auch die Schuldsolidarität festgehalten, verschwindet das Feinddenken.
Auch Robert Kurz scheint dem Tausch-Paradigma verfallen zu sein, seine Beziehung zum Schuldzusammenhang (Ursprung des Geldes in der Schuldknechtschaft) nicht zu durchschauen.
Name und Angesicht: die Grenzen des Raumes (des Inertialsystems) gegen das An sich. Gibt es einen Zusammenhang des Angesichts und der benennenden Sprache mit Licht und Schwerkraft?
Die Form der Raumes (der äußeren Anschauung) ist der Grund dafür, daß wir als Urteilende immer auch Objekte unserer eigenen Urteile sind. Als Urteilende sind nicht nur die Anderen Andere für uns, sondern wir sind auch Andere für Andere.
Der Titel Weltbild zeigt nur noch einen Kontenpunkt der paranoischen Struktur der Welt an.
Die Erkenntnis des Guten und Bösen ist die erste Gestalt der Unterscheidung von Innen und Außen, der Ursprung des Innen-Außen-Paradigmas.
Der Wiederaufbau und die Sanierung unserer Städte hatte u.a. auch diese Wirkungen: die Abschaffung der Vergangenheit und die Schaffung von Bedingungen, unter denen Arme nicht mehr leben können.
Der Staat gründet auf dem Opfer, und zwar konkret auf dem Menschenopfer; die letzte Erinnerung daran war die Todesstrafe. Und mit der Abschaffung der Todesstrafe wurde auch diese Erinnerung an den Ursprung des Staates beseitigt, und der Staat ist vollends böse geworden.
Gewalt bezeichnet die Fähigkeit zu töten. Deshalb drückte sich das Gewaltmonopol des Staates vorab in seiner Kompetenz, die Todesstrafe zu verhängen, aus. Der Todesstrafe aber bedarf es nicht mehr, wenn die andere Potenz, die die Macht zu töten, in sich enthält, nämlich das Eigentum, das schon von sich aus leistet.
Eigentum und Gemeinheit: Gewalt ist heute deshalb nicht mehr domestizierbar, weil sie in die Formen der Gemeinheit gerutscht ist. Gemeinheit ist nicht an sich, sondern nur dort, wo sie auch die Gestze verletzt, ein Straftatbestand; wäre sie es an sich, müßte das Eigentum abgeschafft werden. Und nicht mehr Kriminalität an sich, sondern nur noch Dummheit und Armut (Reichtum verbunden mit Dummheit, jedoch Armut, auch wenn sie schlau ist) stehen heute in der Gefahr, in die Hände des Rechtsstaats zu fallen.
Im Augenblick bricht mehr zusammen als nur der real existierende Sozialismus. An allen Ecken und Enden tauchen „Grenzfragen“ auf; und hierbei zeigt sich, daß Grenzfragen nicht mehr nur Grenzfragen sind, sondern mit aller Deutlichkeit auf den naturgeschichtlichen Aspekt des Eigentumsbegriffs hinweisen.
Heute schützt das Militär keine Grenzen mehr (dazu gab es in der BRD dann auch schon den „Grenzschutz“), sondern das Kapital (den Eigentumstitel) direkt. Das ist der Grund für die Existenz der Folter in der Welt.
Die gegenwärtige Verfassungsdiskussion hat etwas Hilfloses. Das Gefühl drängt sich immer mehr auf, daß auch eine neue Verfassung an den Grund der Dinge nicht mehr rührt, daß der vorentschieden ist insbesondere dadurch, daß wir in einer Welt leben, in der eine Versöhnung (eine Bestimung der Grenzen des Staates nach Außen und nach Innen) durch einen Friedensvertrag nicht mehr möglich ist, weil die Ökonomie nationalstaatlich nicht mehr zu domestizieren ist. Das war das realgeschichtliche Problem von Versailles, das nach dem zweiten Weltkrieg zusätzlich in der nicht wirklich gelösten Rechtsproblematik der Nürnberger Prozesse (dem Versuch, ein zwischenstaatliches Problem mit Hilfe des Strafrechts zu lösen) sich manifestierte.
Nicht die Identität sondern die Differenz der Genealogien des Kain und des Kenan ist entscheidend (ähnlich wie in den Fällen Jahwe und Elohim, Hebräer und Israeliten). Sie hat auch zu tun mit den Brüder-Problemen: Kain und Abel, Ismael und Isaak, Esau und Jakob. Lot hingegen war ein Neffe Abrahams. – An die Patriarchenzeit erinnern Moab und Ammon, Ismael und Edom.
Hat Ilias etwas mit El und Troja mit Jahwe zu tun? Und woher stammt die Verbindung von Edom und Rom (Heine)?
Der Raum ist die Brille, die die Schöpfung zur Natur verhext und die Barbaren produziert: Und die „subjektive Form der Anschauung“ ist nur zu verstehen als „Brille“, durch die hindurch wir die Welt sehen. „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“: Sie erkannten sich hier zum ersten Mal im Blick des Andern.
Wie hängt der Turmbau zu Babel mit dem Paradies zusammen: Beide bezeichnen Angelpunkte in der Urgeschichte der Sprache, und beidemale kommt Gott hernieder.
Die Orthogonalität des Raumes und die Trennung der drei Dimensionen im Raum (die Existenz der drei Freiheitsgrade des Raumes) hängen mit seiner Beziehung zur Zeit, zur Materie und zum Raume selbst im Inertialsystem zusammen.
In der Vorstellung des unendlichen Raumes war Auschwitz tendentiell mit angelegt.
Der biblische Charakter des Buchs der Richter scheint sich mir auch darin anzuzeigen, daß keine Pferde darin vorkommen (während Pferde auch religionsgeschichtlich mit dem Sonnenkult zusammenzuhängen scheinen).
Die Entfremdung ist die Verfeindung. Und das Gebot der Feindesliebe ist auch als Gebot, die Entfremdung aufzuheben, zu verstehen.
Der Kubismus war ein Angriff auf die Perspektive: So hing er mit der Russischen Revolution zusammen. -
21.03.92
Sprachen, Völker und Nationen: Wie heißen diese Begriffe im Urtext, und welche Differenzen drücken sich in diesen Begriffen aus? Verdankt sich die Neigung, Sprachen mit Völkern (vgl. Sumerer, Hebräer, Indogermanen u.ä.) gleichzusetzen, nicht der gleichen Logik, der sich jegliche Verdinglichung, bis hin zur Atomphysik, verdankt (Futur II als innersprachliche Voraussetzung der Hypostasierung, des hypokeimenon)?
Zum Fall Drewermann: Unter christlichen Prämissen lassen sich aus dem Opfer-Sein ohne blasphemische Konsequenzen keine Rechte ableiten. Die Vergöttlichung des Opfers ist nicht übertragbar, weder auf die Natur, noch auf das leidende Subjekt.
Drewermann ruft die Welt zum Zeugen seiner Anklage gegen die Kirche, die in seinem Falle allerdings nicht nur Täter ist, sondern zugleich Produzent der Welt, an die er appelliert.
Sündenfall, Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, Urteilsform, Objektivation und Instrumentalisierung, Inertialsystem, Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit. Und das Licht ist das erste und das einzige Erschaffene, das rein durchs Wort erschaffen worden ist.
Es gibt einen Trost, der einen Angriff auf die Würde des Menschen darstellt: es ist der Trost, der davon ausgeht, daß den Menschen die Wahrheit nicht zugemutet werden darf (der Trost der Ärzte und der Theologen).
Die Frage der Frauen: Wer wälzt den Stein vom Grabe? hat auch einen geschichtstheologischen Aspekt.
Der Logos konstituiert sich in seiner Beziehung zur Sünde der Welt. Wird Gottes Wort gelesen, nicht gehört, ist es Schrift, nicht gesprochenes Wort? Was trennt das Angesicht Gottes von dem der Menschen (seinem Abbild), und worin liegt die tödliche Gefahr des „von Angesicht zu Angesicht“? (Was unterscheidet das Antlitz vom Angesicht? – Vgl. das „Antlitz deines Gesalbten“, Ps. 8410, „Denn deinetwegen trage ich Hohn, hat Schande bedeckt mein Antlitz“, Ps. 698, und das Angesicht Gottes, des Herrn, Adams u.ä.)
Die Ersetzung der „Übernahme“ (der Sünde der Welt) durch „Hinweggenommen“ ist eine Konsequenz aus der Bekenntnislogik, ein Teil ihrer verdinglichenden Gewalt. Es begründet zusammen mit der Opfertheologie, zu der es gehört, die Bekenntnisbindung, die sich aus der Bekenntnislogik herleiten läßt. Ist es diese Bindung, deren Lösung der Kirche heute aufgegeben ist (gordischer Knoten und Weltbegriff).
Hegels Satz „Das Eine ist das Andere des Anderen“ ist nur dann wahr, wenn der Bruch, der darin sich ausdrückt, festgehalten wird. Es stimmt: Das Eine ist das Andere des Anderen, aber es geht darin nicht auf (außer als Totes: Deshalb „Laßt die Toten ihre Toten begraben“).
Wer am positiven Begriff des Rechts festhält, ist hilflos dem Selbstmitleid (der Klage, der objektlosen Anklage) ausgeliefert, dem er verfällt, wenn ihm selber Unrecht geschieht. Adornos Satz: „Heute fühlen sich alle ungeliebt, weil keiner zu lieben fähig ist“, bezieht sich genau auf diesen Sachverhalt.
Das Ewige ist versprengt, und der Sprengsatz war die Trinitätslehre als Statthalter der Subjektivität im Ewigen.
Die kantische Lehre von der Subjektivität der Form der äußeren Anschauung gehorcht, ohne es zu wissen, dem Nachfolgegebot („Nehmt euer Kreuz auf euch …“).
Kants Philosophie ist eine Wasserscheide im Sinne des zweiten Schöpfungstages.
Konstantin ist insoweit der Erbe Alexanders, als auch er mit seinem Eingriff im Konzil von Nizäa (?) den „gordischen Knoten“ (der hier näher bestimmt wurde, als das homousia in die Theologie eingeführt wurde) nachmals durchschlagen hat.
Während in den Genealogien die Generationen-Beziehung auf die Zeugung reduziert wird, und die Mütter verschwiegen werden, sind sie in der Jesus-Geschichte vom Johannes wieder benannt worden im Begriff der Welt. Die Übernahme der Sünde der Welt reflektiert den mütterlichen Anteil an der Trinitätslehre. In der materia die mater heraushören, heißt den feministischen Anteil an der Philosophie und Theologie wieder in seine verlorene Würde einsetzen (vom „Weib, was habe ich mit dir zu schaffen“ bis hin zum „Siehe da deine Mutter“).
Hegels Wort, daß die Idee die Natur „frei aus sich entläßt“ stimmt in mehrfacher Hinsicht:
a) Historisch: Voraussetzung der Vergegenständlichung der Natur, des Ursprungs der Naturwissenschaften, ist die Geschichte der Vergegenständlichung, die sich durch die Geschichte der Philosophie und Theologie hindurchbewegt. Und
b) Begrifflich-strukturell: Das, was dann als Naturbegriff hervortritt, hat Anteil am christologischen Vorurteil, in den Naturbegriff geht die Logik der Vergöttlichung des Opfers mit ein, die in der dogmatischen Theologie System geworden ist.
Der Name des Logos ist auf die jüdische, nicht auf die griechische Tradition zu beziehen, auf die benennende Kraft der Sprache, nicht auf die objektivierende, subsumierende Gewalt des Begriffs.
Ich habe die Richter eigentlich immer als das jüdische Pendant zu den griechischen Heroen verstanden. Und mir scheint, der „Triumph der Ironie“ ist die genaue jüdische Antwort auf auf die griechische Vergöttlichung des Heros.
Zum theologischen Gebrauch des Begriffs der „gefährlichen Erinnerung“: Gefährlicher als die Erinnerung ist das Nicht-Erinnern, das Verdrängen.
Die Ontologie – und vergleichbar ist das Kopenhagener Physik-Verständnis – läuft auf eine Beziehung zur Welt hinaus, die den Vorteil hat, daß sie den Betrachter (d.h. nur für sein eigenes Bewußtsein, als Schein) in den Stand der Unschuld versetzt: Daß man die Last der Verantwortung auf das Sein abwerfen und sogar das eigene Handeln in ein neutrales Geschehen, in ein Objekt des Zuschauens verwandeln kann. Das Sein ist der Sündenbock, und deshalb göttlich. Damit hängt die Funktion der Fundamentalontologie bei der Genese und Erhaltung des „pathologisch guten Gewissens“ und der Gemeinheitsautomatik zusammen; die Fundamentalontologie ist aus ihrer eigenen Logik heraus faschistisch und antisemitisch.
Der „Kampf gegen den inneren Schweinehund“ war das subjektive Korrelat des Antisemitismus und der Endlösung. Wenn Israel der Augapfel Gottes ist, dann ist der Antisemtismus der Kampf gegen das eigene Gewissen.
Heute ist schon das nackte Überleben blasphemisch.
Gibt es eine innere Affinität des Derridaschen Konzepts der Dekonstruktion zum klerikalen Antiklerikalismus Drewermanns? Sind nicht beide abhängig von einem gleichsam „islamischen“ autoritären Text- und Wahrheitsverständnis, von einem schicksalhaften Autoritätsverständnis?
Es gibt zwei Formen der Beziehung von Texten zu Handlungen („Theorie und Praxis“). Entweder die Texte eröffnen den Freiraum für die Umkehr, oder sie sind Rechtfertigungen vergangener Handlungen. Diese zweite Form der Beziehung wird fälschlich immer wieder (zuletzt bei Derridas Lektüre von Benjamins „Kritk der Gewalt“) als Kausalbeziehung von Texten zu Handlungen verstanden, die es jedoch so nicht gibt. Was so aussieht, ist nur die weiter wirkende Rechtfertigung von Handlungen, die sich aus anderen Ursachen: insbesondere aus undurchschauten Zwängen herleiten. Und was man solchen Texten vorwerfen kann, ist nur, daß sie nicht geeignet waren, diese Zwänge aufzulösen. Überzeugen ist unfruchtbar.
Die Naturwissenschaften sind ein Korrelat der ohnmächtigen moralischen Urteilslust, der Empörung. Beide, die moralische Urteilslust und die Empörung, sind Instrumente der Rechtfertigung, der Exkulpation, des Schuldverschubsystems und der Gemeinheitsautomatik, und hängen insoweit mit den Naturwissenschaften zusammen -
04.03.92
Gegenstand des Buches Hiob ist nicht die Theodizee, sondern die Schöpfungslehre und die Gottesfurcht (Anthropodizee). Die Theodizee, die Vorstellung, daß Gott sich rechtfertigen müsse, ist der genaueste terminus a quo der Umkehr. Die Theodizee gehört wie der ontologische Gottesbeweis zu den Gottesfurcht-Vermeidungs-Strategien.
Es wäre eine ebenso interessante wie lohnende Untersuchung, festzustellen, welche Zweifel die Kirche zuläßt und welche sie sanktioniert. Differenzen hinsichtlich der Schöpfung, der Wunder, der Auferstehung lösen keine Konflikte mehr aus, aber die Jungfrauengeburt und die Unfehlbarkeit des Papstes dürfen öffentlich nicht in Frage gestellt werden, weshalb?
An der Physik hat sich die Kirche die Finger verbrannt, und das gebrannte Kind scheut das Feuer.
Die Gottesfurcht, die Weltkritik und das Angesicht sind für die Kirche leere Hülsen geworden.
Es ist die Rolle des Zuschauers, in die die Theologie die Gläubigen versetzt, die dann zwangsläufig die Frage der Rechtfertigung nach sich zieht, die nach dem richtigen Leben aber erstickt.
Mit der Rezeption der Philosophie hatte die Kirche schon ihren Frieden mit der Welt geschlossen; deshalb ist sie heute unfähig, den Stand der Dinge zu erkennen.
Der Begriff der Buße klingt heute so sehr nach demütigendem Herrendenken, daß der Ursprung im Begriff der Umkehr nicht mehr erkennbar ist.
Die Kirche hat mit Petrus und gegen Maria Magdalena die dreifache Leugnung gewählt und die Umkehr ausgeschlagen.
Kann das „Deus sive natura“ des Spinoza nicht auch bedeuten, daß die im modernen Naturbegriff zum Schweigen gebrachte Theologie die Sprache wiederfinden muß (deshalb Adornos Eingedenken der Natur im Subjekt). Das Nest der Widersprüche im Naturbegriff löst sich nur zusammen mit der Selbstreflexion des Dogmas: der Trinitätslehre und der Opfertheologie.
Spürt man in Adornos Philosophie nicht doch einen Hauch von Katholizismus?
Die Gemeinheitsautomatik (siehe die Stasidiskussion) hat die fatale Eigenschaft, daß sie den Verlierer an den Pranger stellt, während der Gewinner fein heraus ist (Zusammenhang mit dem „pathologisch guten Gewissen“ der Angeklagten in Nazi-Prozessen).
Die Gemeinheitsautomatik und die Rechtfertigungsmechanismen – das gesamte Schuldverschubsystem – mit Verschiebung und Projektion gründen in der Sprachverwirrung: in der Beziehung des Raumes, der Mathematik, zur Sprache. Erst mit der Herrschaft des Inertialsystems ist das Eine zum Anderen des Anderen geworden.
Unterscheiden sich Mythos und Offenbarung nicht wie der Naturkreislauf und die Genealogie? Und ist nicht die zentrale Bedeutung der Sexualmoral im Christentum begründet in der Vergeistigung der Genealogie in der Trinitätslehre und der Verinnerlichung des Opfers? Die Kritik der Sexualmoral und die Kritik des verdinglichten Dogmas: der Trinitätslehre und der Opfertheologie, gehören zusammen.
Zum Traum in der Bibel (bei Joel werden in den letzten Tagen die Greise Träume und die Jünglinge Visionen haben, während die Söhne und Töchter wie auch die Knechte und Mägde weissagen, jedoch nicht die Väter und Mütter, auch nicht die Herren): Sind es nicht in der Regel die Träume der Könige (Nebukadnezar/Daniel; Pharao/Josef), aber auch Josef träumt (er werde König über seine Brüder), auch Jakob und Salomo. Dagegen fällt Adam in Tiefschlaf, als Eva erschaffen wurde, auch Abram (Gen 1512, vgl. auch Hi 413). Außerdem gibt es die prophetische Entrückung (Elias, Ezechiel, Habakuk). Gibt es im NT keine Träume (außer den Träumen Josefs im Zusammenhang mit der Geburt und der Kindheitsgeschichte Jesu, dem Traum des Zacharias bei der Geburt des Johannes, dem Traum der Frau des Pilatus, dem Traum des Paulus vor der Griechenmission, dann in Korinth, in Jerusalem, auf dem Schiff vor Malta, dem Traum des Hananias bei der Bekehrung des Paulus, dem Traum des Kornelius vor dem Auftrag zur Heidenmission an Petrus), nur Besessene und die Austreibung von Dämonen?
Vgl. Sir 133: Das Traumbild ist ein Spiegel: ein Abbild des Gesichts gegenüber dem Gesicht selbst. – Bezeichnet hier das „Gesicht“ sowohl das reale Gesicht als auch die Vision?
Sind unsere Theologen nicht wie die blinden Hühner, die auch gelegentlich ein Korn finden, aber kein Hahn darunter?
Gehört nicht der episcopus zum Anfang jener Geschichte, die mit den Aufsehern endet? -
01.03.92
Innen und Außen vs. Im Angesicht und Hinter dem Rücken:
– der unendliche Raum: Herrschaft des Außen über das Innen (die Homogenität und Isotropie des Raumes),
– Zusammenhang der Geschichte der Architektur (Abgrenzung des Innen gegen das feindliche Außen) mit der Geschichte der Religionen und der Philosophie (astronomische Funktion der Tempel; Ontologie: Haus des Seins),
– Objektivation und Verdinglichung, Genese des Weltbegriffs, Konstituierung des Herrendenkens,
– Raum und Lachen (Raum und Transzendentallogik des Witzes),
– Sündenfall, Ursprung und Geschichte der Scham,
– Ausbreitung der Gewalt, Ursprung der Gemeinheit und Umschlag nach innen, Geschichte des Opfers und Verinnerlichung des Opfers, Terror und Folter,
– Geheimbereich des Staates (das Innere der objektivierenden Gewalt; Widerpart des Angesichts), Rechtsstaat (Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand) und Staatsanwalt, Erkenntnisbehörden (Stasi, Verfassungsschutz),
– Nietzsche und Büchner (Gott ist tot; mit einem Lachen ergriff der Atheismus in ihm Platz),
– Jesus hat nicht gelacht, aber die Dämonen ausgetrieben,
– Begriff der Gnade, Sünde wider den Heiligen Geist,
– nicht Person (Maske) oder Seele, sondern Angesicht als Bild Gottes (gegen die Trinitätslehre und das Dogma: das richtende und das parakletische Denken).
Das Hinter dem Rücken hat seinen Ursprung in der Idolatrie, im Sternendienst und im Opferwesen. Die erste Erfahrung des Hinter dem Rücken ist die Erkenntnis des Guten und Bösen; oder die Erfahrung des Todes des Anderen. -
27.02.92
Die Definition des Personbegriffs durch Boethius spiegelt exakt dessen Beziehung zum Weltbegriff wider.
Ist das Antlitz der Erde nur in Beziehung zum Himmel bestimmbar (verschwindet es mit dem Himmel; und ist die Astronomie der Beginn der Verweltlichung des Himmels: Ursprung des Weltbegriffs)?
Wie unterscheidet sich der im Anfang erschaffene Himmel, von der Feste, vom Firmament, das dann Himmel genannt wird? Umgekehrt wird das am ersten Tag geschaffene Licht nach seiner Trennung von der Finsternis Tag genannt.
Gegenüber der biblischen Schöpfungslehre sind alle anderen Kosmogonien stumme, naturwüchsige Entstehungsprozesse, frühe Vorboten des Urknalls.
Intendierte die Hexenverfolgung bewußtlos die Vernichtung der Frauen, ähnlich wie der Antisemitismus die der Juden?
Gibt nicht ein Teil des Feminismus dem Tertullian nachträglich auf eine zugleich ironische und fürchterliche Weise recht: Diese Welt ist (ähnlich dem tertullianischen Himmel) ein Ort, an dem eigentlich nur Männer leben können, und Frauen nur dann, wenn sie „wie Männer“ werden.
Zu den sieben unreinen Geistern: Sind es in der einen Geschichte nicht eigentlich acht: nämlich der eine mit den sieben, mit denen er zurückkehrt. Maria Magdalena wurde hingegen nur von den sieben unreinen Geistern befreit (ist sie von dem ersten nie besessen gewesen? War dieser erste der bekennende und an die Sexualmoral gebundene Geist? Und war es nicht Jesus selber, der dieses Bekenntnis unterbunden hat?). Gibt es eine Beziehung der sieben unreinen Geister zu den sieben Gaben des Heiligen Geistes?
Nach der Beweislogik liegt das entscheidende Schuldkriterium nicht in der Tat, sondern in ihrer Beweisbarkeit (in den „Tatsachen“): d.h. im Erwischtwerden. Jeder Trick, jede List, jede Gemeinheit ist erlaubt, solange sie nicht nachweisbar sind. Und die Beweisbarkeit ist z.T. eine Machtfrage. Heute hat jeder Staat einen Geheimbereich. Und die Beweisbarkeit wird u.a. von der Macht über die Akten bestimmt.
Wozu braucht der Staat einen Geheimbereich? Und was bedeutet der Begriff des Verrats (und was heißt konspirativ)? Auch der Staat hat seine „Intimsphäre“; nicht zufällig heißt das Kabinett Kabinett.
Was unterscheidet den Staatsschutz vom Verfassungsschutz?
Die Petrus-Stellen und die Stellen mit den Dämonenaustreibungen (und Krankenheilungen).
Es gibt Theorien, die auf eine zugleich aufschließende Weise falsch sind.
Der Materialismus war insoweit eine demokratische Weltanschauung, als er die Vergesellschaftung von Herrschaft vorangetrieben hat. Aber eben damit hat er Herrschaft auch unkritisierbar gemacht; und seitdem wird Herrschaftskritik als Rangordnungskritik, nicht mehr als Strukturkritik verstanden. Eben damit ist Herrschaft zum Subjekt-Objekt von Gewalt geworden, zu der es keine Alternative mehr gibt.
Das Angesicht und die Bischofsmaske (das maskenhafte Gesicht katholischer Bischöfe): Ist es nicht der episcopus (der „Aufseher“), der das Antlitz Gottes usurpiert?
Das Angesicht und das „Gehirn“-Paradigma (Innen und Außen; Zwang, ein Zugrundeliegendes hinzuzudenken).
Wo sind heute die Hildegard von Bingen, die Katharina von Siena oder die Brigitta von Schweden?
Für und gegen die Möglichkeit von Naturphilosophie spricht Adornos Konzept vom Eingedenken der Natur im Subjekt. -
19.02.92
Heute sind alle Schuldknechte des Systems, dessen Herren sie zu sein glauben.
Sind nicht die Begriffe „Ganzheit“ und „holistisch“ entfremdete Erinnerungsspuren des Angesichts, und verhalten sie sich nicht dazu wie das Grinsen zur Katze, das im Raum stehenbleibt, nachdem die Katze verschwindet? Dieses Ganze ist in der Tat das Unwahre, die „Leiche des Königs“.
Es ist eigentlich ein ganz einfacher logischer Schluß: Wenn die träge Masse das genaue Korrelat der Vorstellung der homogenen Zeit ist, dann muß eine innere Differenzierung des Zeitbegriffs (durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit) sich als innere Differenzierung in der Struktur der Materie manifestieren.
Die jüdische und die christliche Form der Todesstrafe (die Steinigung und die Verbrennung) scheinen den Anfang und das Ende der naturwissenschaftlichen Aufklärung zu symbolisieren: die Mechanik und den Realgrund der Mikrophysik (das Feuer: die Plancksche Strahlungsformel).
Die Geschichte des Weltgeistes ist die Geschichte des Sündenfalles: das Versinken in den Zwangsproduktionen unseres Denkens.
Die Droge Kirche ist die Droge der kollektiven Einsamkeit (gefangen im Bekenntnis, Verinnerlichung der Gesellschaft), die nur noch getröstet, nicht mehr befreit sein will. Das ist eine Folge der Wirksamkeit der kirchlichen Bindungskräfte; aber käme es nicht heute endlich darauf an zu lösen?
Dieses ungeheure Wort, das die Kirche zum Bußsakrament instrumentalisiert hat.
Ist die Kirche die Sphinx? Und wie hängt die Sphinx mit den Kerubim (mit dem Sündenfall und der ezechielischen Vision) zusammen?
Steckt im bereschit das berith und das resch? Und hängt das bara mit dem Hebräern, mit Abraham und mit den Barbaren zusammen? Und wird nicht das bereschit im Anfang der Johannes-Evangeliums zitiert, in dem gleichen arche-Begriff, in dem auch die Philsophie zitiert wird? Das würde heißen, daß mit der Diskriminierung der Barbaren der Schöpfungsgedanke tabuisiert (und in der Selbstbezeichnung als Hebräer auch der Schöpfungsgedanke festgehalten) wird. Diese Tabuisierung drückt sich im Zusammenhang von kosmos, nous und theoria aus.
hoi barbaroi: die Bärtigen, die Stammelnden. Wie hängen der Bart und das Stammeln mit dem Antlitz und der Sprache derer zusammen, die dem Herrendenken entsagen und sich solidarisch wissen mit der unerlösten Schöpfung. (Was hat der Bärtige zu verbergen, wenn nicht die Weigerung, mit den Wölfen zu heulen?)
Die Schöpfungsidee bezeichnet einen auch sprachlogisch (für die Differenz zwischen der griechischen und der hebräischen Sprache, vor allem aber für das Verhältnis der mathematischen Vorstellung des Raumes zur Sprache) relevanten Sachverhalt.
Die Griechen haben über die geometrische Reflexion von Thales bis Euklid, insbesondere über die Reflexion des Winkelbegriffs, die Logik des Raumes entfaltet, die Moderne über die Infinitesimalrechnung und den Bewegungsbegriff die Logik des Inertialsystems, damit aber auch die Logik des Bekenntnisses.
Franz Rosenzweig hat einmal darauf hingewiesen, daß das antike Äquivalent der Technik die Rhetorik gewesen sei: Hier rührt er an einen wesentlichen Punkt für eine Theorie des Ursprungs und der Bedeutung der Schrift und der Entwicklung der Sprachen.
Adornos Philosophie als die bis heute genaueste Verkörperung der Gottesfurcht: Diese Gottesfurcht reicht soweit, daß A. gegen die Gemeinheit der Öffentlichkeit, die heute auch die Religion ergreift und insbesondere den Namen Gottes mit dem Geheul der Wölfe vermischt, sich als Atheist bekennt.
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