Gemeinheit

  • 12.02.92

    Kann es sein, daß der Materiebegriff der Physik (träge und schwere Masse) aufgrund der Systemkonstruktion mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit konvergiert, daß beide – nur unter divergierendem Aspekt – die gleiche Sache bezeichnen? Genauer: daß sie die Grenze des Systems zum „Objekt“, das selber projektive Züge trägt, bezeichnen? Dingbegriff Folge einer selbstreferentiellen Spiegelung am Inertialsystem: wie hängt der Begriff des Dings mit dem der Sache zusammen – lateinisch = res; Trennung erst im Deutschen, mit der zusätzlichen Konstituierung des „Sachverhalts“, der „Tatsache“? Dingbegriff und Sexualmoral.
    Das Christentum verrät den Logos und wird selbst böse und gemein, wenn es die Übernahme der Sünde der Welt durch Exkulpierungsmechanismen (durch Unterwerfung unter Verweltlichungszwänge, durch Verschiebung des moralischen Schuldprinzips von der empörungsbereiten Urteilslust auf die Sexuallust: Grund der Personalisierung und der Verdinglichung, Ursprung der Naturwissenschaften) ersetzt.
    Physik und Vergewaltigung.
    Der Begriff des Allgemeinen ist ebenso wörtlich zu nehmen wie der des Universalen: Die Gemeinheit des All gründet in der Herrschaft des Identitätsprinzips, der Einheit, dem logischen Kern des Universums. Schon das Verhältnis der Totalitätsbegriffe Welt und Natur, die nicht auf einen Nenner zu bringen sind, widerspricht dem Prinzip der Universalität, untergräbt seine theoretische Kompetenz.
    Nicht die neutralisierte räumliche Beziehung von Innen und Außen, sondern die fundamental-ethische Beziehung von „Im Angesicht“ und „Hinter dem Rücken“ ist das theologische Grund-Paradigma. Die Ebenbildlichkeit Gottes ist an das menschliche Antlitz, nicht an den Personbegriff oder an den der Seele gebunden. Das menschliche Antlitz (in der Präsenz des Feindes und des Opfers) ist der Platzhalter und Widerschein einer Wahrheit, die nicht an der Angemessenheit des Begriffs an die Sache und am kommunikationstheoretischen Konsens sich mißt, sondern an der Idee der Errettung und Versöhnung, das messianische Objekt im Reich der Erscheinungen.
    Das Relativitätsprinzip (das Einstein nicht entdeckt, sondern seines quasi-absoluten Charakters entkleidet hat) ist das Paradigma des mathematisch-naturwissenschaftlichen Abstraktionsgesetzes. Mit dem Relativitätsprinzip konstituiert sich nicht nur das „Inertialsystem“, sondern mit ihm das gesamte Reich der naturwissenschaftlichen „Erscheinungen“. Grund sind jene mathematischen Eigenschaften des Raumes, seine Homogenität und Isotropie, die ihm die Eigenschaft der Selbstreferenz verleihen, ihn zu einem reinen Bilde seiner selbst machen. Die Bewegung des Raumes in sich selbst, die seine Struktur, seine Qualität, nicht ändert (nicht affiziert), ist, als reale, zeitliche Bewegung gefaßt, das Äquivalent einer materiellen Bewegung im Raum.
    Die „kantische Konstruktion eines Ding an sich“ (Habermas, TuK, S. 18) resultiert nicht aus einer Spiegelung, die „hinter den Erscheinungen“ noch etwas zu suchen hätte, sondern verweist darauf, daß die Erscheinungen selber die Dinge hinter ihrem Rücken betrachtet präsentiert. Trotzdem ist das platonische Höhlengleichnis falsch: das An sich ist im Antlitz präsent. Und das Suchen „hinter den Erscheinungen“ ist Opfer des Vorrangs des „Außen“ vor dem „Innen“: zieht das „hinter den Erscheinungen“ in das Graviationsfeld der Erscheinungen mit herein (Bedeutung des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit: exzentrischer Charakter des Inertialsystems, Kritik der Kopenhagener Schule).
    In der inversen Beziehung von Barbaren und Hebräern drückt sich eine Beziehung zur Schrift aus: die Barbaren sind von der Schrift (und vom Subjektsein) ausgeschlossen (sie stammeln, können nicht artikuliert reden), die hebräische Schrift schließt das Subjekt von sich aus (sie ermangelt der Artikulation und erzwingt die theophoren Namen in Israel: jeder hebräische Satz ist – ohne jeden Artikel – „Spruch des Herrn“). Die Israeliten leben im Angesicht der Sprache, nutzen sie nicht instrumental. Der Gebrauch und das Fehlen der Vokale sowie die gegensätzlichen Schreibrichtungen verweisen auf die sinnliche Grundlage dieser Differenz. Das Christentum ist in der anbivalenten Situation, sowohl Israel als auch die Griechen zu beerben, ohne bis heute begriffen zu haben, daß das nur über die simultane Errettung des hebräischen und des barbarischen Elements möglich ist. Aber das Dogma wollte dem mosaischen Stammeln sich entziehen; der Preis: die Instrumentalisierung der Wahrheit, ist jedoch zu hoch.
    Jede Schrift ist eine fremde, gleichsam eine hebräische Schrift; deshalb verlernen heute die Menschen die Sprache. Die grammatische Logik der Schrift ist von der der Sprache zu unterscheiden: das „Sein“, die Zeitformen des Futur I und II, die Hypostasierung der Substantive, der Akkusativ bezeichnen sprachlogische Strukturen, die mit der Logik der Schrift konvergieren, sie vorbereiten, zum Ursprung der Schrift dazugehören. Die Vorstufe dieser Schrift ist der Mythos, ihre sich entfaltende Logik die Bekenntnislogik (oder die Urteilslogik, und deren Grund das Verhältnis der reinen Äußerlichkeit). Dagegen enthält die hebräische Schrift die verbleibende Fremdheit, das Anderssein, als ein konstitutives, ihre Ausdruckskraft und ihren Wahrheitsbezug determinierendes Element in sich. Die hebräische Schrift sträubt sich gegen die Formen der sprachlichen Vergesellschaftung, die der griechischen Schrift – und den folgenden europäischen Schriften, die das Ergebnis der griechischen Revolution sich aneignen, deren Opfer aber verdrängen – wesentlich sind.
    Sind die Satzzeichen Punkt, Komma, Semikolon, Doppelpunkt, Ausrufe- und Fragezeichen so bedeutungsneutral und willkürlich, wie es uns heute scheint? Steckt darin nicht der geometrische Punkt (als dimensiosloses Zentrum des Raumes), der bewegte Punkt, die Verknüpfungen beider (das Doppelkomma als Anführungszeichen), die (durch Orthogonalität definierte, „gerichtete“) imperative Gerade (der erhobene Zeigefinger), im Fragezeichen die Schlange?
    Wie wirkt sich das Schriftprinzip auf Struktur und Verbindlichkeit der Grammatik (und damit der Logik) aus? Ist eine differenzierte Grammatik (Bestimmung des Verhältnisses zur Zeit: Konjugation; der Objekt- und Herrschaftsbestimmungen: Deklination, Gebrauch von Artikeln, Präpositionen u.ä.) nicht doch nur in einer phonographischen (alphabetischen) Schrift möglich, die das auch ausdrücken kann? Ist nicht die (mathematisierte) formale Logik ein Rückfall hinter die Alphabetisierung? Und basiert die Alphabetisierung nicht auf einer (im Verhältnis zur Astronomie) bestimmbaren Beziehung zur Mathematik? Hängt der Ursprung der Schrift mit der Ausbildung der Ausbildung der Geometrie der Ebene zusammen (Entdeckung der Winkelfunktionen und Erfindung des Begriffs durch die Griechen, Satz des Thales, des Pythagoras, Euklid)? Wer hat die flächenhafte Grundlage des Schreibens (die Tafeln des Moses) entdeckt; Beziehung dieser „Fläche“ zum Antlitz (Maske), zum Begriff des hypokeimenon (des Grundes), zur Substanz und zur Person? Sind die Masken Vorstufen der Schrift (bis hin zur Maske in der Tragödie)? Und ist die Person das durch die Schrift vermittelte Produkt der Abstraktion vom Angesicht (der Verinnerlichung des Opfers)? Beziehung dieser Abstraktion zur Kosmologie? Entfaltet sich das „von Angesicht zu Angesicht“ im Lesen?

  • 10.02.92

    Der Habermassche Begriff des „kommunikativen Handelns“ kommt erst zu seiner Wahrheit, wenn er die sprachliche Struktur z.B. der Gewalt, des Lachens, des Raumes, des Geldes, der Mathematik und zusammen damit die Beziehung von Schuld und Sprache (den Kern des dialogischen Verhältnisses, das nach Levinas ein unaufhebbar asymmetrisches ist) mit reflektiert. Nicht der Konsens, sondern die Versöhnung ist das zentrale Sinnesimplikat der Wahrheit. Der Hinweis auf die argumentative Struktur des kommunikativen Handelns vergißt, auf welche Probleme die Beweislogik führt, wie tief die argumentative Struktur der Sprache durch ein paranoides Element vergiftet ist (vgl. hierzu die kantische Antinomie der reinen Vernunft, Hegels „Reflexionsbegriffe“, auch die List der Vernunft). Wenn Habermas den Frankfurtern „negativistische Verfallstheorien“ (sic: der Plural steht so bei Habermas, T.u.K., S. 145) nachsagt, wenn er, was bei Horkheimer und Adorno – und darin ist ihr Denken in der Tat eines – als philosophische Erkenntnis auf die Struktur der Welt sich bezieht, zu ihrer subjektiven Meinung, zu einer Art Bekenntnis, macht, dann hat er den Kern z.B. der Dialektik der Aufklärung nicht begriffen oder inzwischen vergessen.
    Zur Asymmetrie des dialogischen Prinzips: Genau das ist der parvus error in principio (qui magnus est in fine): die Symmetrisierung, die „der subjektiven Form der äußeren Anschauung“, dem Erkenntnis-Apriori des Raumes und dem dadurch determinierten Begriff des philosophischen Subjekts, der auch den Begriff und das Verständnis der Sprache verhext, sich verdankt, die gleiche Symmetrisierung, die dann bei Hegel in dem Satz „Das Eine ist das Andere des Anderen“ zum Grund der „sprachlichen Intersubjektivität“ wird, zugleich aber den Wahrheits- und Erkenntnisbegriff zur Unkenntlichkeit entstellt, zum Einfallstor des Mythos in die Philosophie geworden ist (bis hin zur Hellenisierung des Christentums, zur Wiederkehr der mythischen Gewalt in der Orthodoxie und im Dogma).
    Woran die habermassche Philosophie ebenso krankt wie die an ihn sich anschließenden Theologien, ist die Unfähigkeit, die Kritik der Naturwissenschaft und der Theologie, die nur zusammen geleistet werden können, mit in ihren Begriff aufzunehmen.
    Der Begriff „negativistische Verfallstheorien“ (Habermas) gehört, wie mir scheint, in den Zusammenhang des Begriffs „Nestbeschmutzung“. Nicht die Welt ist schlimm, sondern der, der sie als schlimm denunziert. Es gibt auch einen Welt-Nationalismus. Damit scheint auch die bloß doch emotionale Reaktion der Habermas-Gruppe auf die Postmoderne zusammenzuhängen (wobei H. die Wadenbeißerei seinen Schülern überläßt). Habermas scheint den Blick in den Abgrund nicht zu ertragen, der in Derridas Grammatologie, im Levinasschen Begriff der Asymmetrie, in Lyotards Analyse des Auschwitz-Syndroms und der Beweislogik sich eröffnet. Im Anblick dieses Abgrunds wäre die Kommunkationstheorie nicht mehr zu halten. Deshalb leugnet H. die Realität diese Abgrunds und denunziert den Blick als verantwortungslos, wenn nicht paranoid. Aber mit diesem taktischen und strategischen Gebrauch dessen, was Hegel die List der Vernunft genannt hat entzieht er der argumentativen sprachlichen Intersubjektivität die Grundlage.
    Abgedeckt wird die Habermassche Kommunikationstheorie durch das Ausblenden der Natur und durch Adaptation jenes Weltbegriffs, dessen prädikativer Ursprung in der Tat der Grund der Kommunikationstheorie ist.
    Am Begriff des Logozentrismus, den Habermas durch Hinweis auf seinen faschistischen Gebrauch abwehrt, läßt sich der Komplex aufs schönste nachweisen. Unter Logozentrismus verstehen alle die Fähigkeit, die Wahrheit durch prädikative Urteile auszudrücken. Und dieser Logozentrismus wird dann in den Logosbegriff der Theologie hineinprojiziert, in dem er in der Tat seit Beginn des Dogmatisierungsprozesses enthalten ist. Was hier geschehen ist (und bis heute nachwirkt), ließe sich am Bekenntnisbegriff aufs schönste demonstrieren. Der biblische Logosbegriff selber aber steht in einem ganz anderen Kontext, der vergessen ist und heute insbesondere unter dem Rätselbild der Natur zu reflektieren wäre. Die christologische Struktur des Naturbegriffs (die der Vergöttlichung des Opfers) gibt darauf einen sehr deutlichen Hinweis. Der Logosname im Johannes-Evangelium steht in eindeutiger Beziehung zur „Übernahme der Sünde der Welt“, und d.h. er steht im Kontext nicht des Begriffs, sondern der Namenlehre (der jüdischen Traditon, nicht der griechischen).
    Es ist eigentlich doch erstaunlich, daß die Dialektik der Aufklärung bis heute nicht zum Anlaß genommen wurde, die Beziehung von Mythos und Philosophie in der Geschichte ihres griechischen Ursprungs einmal konkret aufzuzeigen und nachzuweisen. Die Entwicklung des Mythos in der griechischen Geschichte hat der Entstehung der Philosophie vorgearbeitet (durch die Entfaltung der Schicksalsidee), und der griechische Begriff des Mythos ist singulär und kein allgemeiner Obegriff für andere Mythologien, z.B. die altorientalischen, die einer anderen Konstellation, einem anderen Kontext angehören. Hier handelt es sich sogar umgekehrt um eine inverse Geschichte zur griechischen, die dann in der jüdischen Prophetie ihren Umkehrpunkt findet (in der Kritik der Idolatrie, des Sternendienstes und der Opferreligion, im „stammelnden“ Konzept der jüdischen Tradition).
    Das „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ hat die Kirche zum Objekt, die die Nachfolge der Richter Jesu angetreten hat.
    Die Verdrängung der Probleme der Beweislogik hängt damit zusammen, daß man die Probleme der (überlebensnotwendigen) Gemeinheitslogik nicht sehen will (oder, weil man sich selbst im Wege steht, nicht sehen kann). Der Ursprung dieses Problems scheint im Konzept der Habermasschen Habilitationsarbeit (Strukturwandel der Öffentlichkeit) zurückzureichen. Deren Thema wäre Anlaß gewesen, den Zusammenhang des Öffentlichkeitsbegriffs mit dem Syndrom der Gemeinheitslogik aufzuzeigen (Problem der Medien, der Wissenschaft, der Politik): Funktion der Dialektik des Sein für Andere(s); Begriff, Funktion und Geschichte der Scham (des Nichtöffentlichen, des Intimen, Privaten; reale und metaphorische Funktion der Sexualität und der Sexualmoral; Schamgrenze gegenüber der Theologie; Bedeutung des Antlitzes: von Angesicht zu Angesicht), Geschichte und Bedeutung des Objektivationsprozesses.
    Der Raum ist auch über die mathematische Anwendung hinaus die subjektive Form der äußeren Anschauung: Begriff der Weltanschauung. Die objektivierende, verdinglichende und instrumentalisierende Logik ist von diesem Konzept der nicht mehr hinterfragbaren subjektiven Form der äußeren Anschauung nicht zu lösen. Und darin liegt ihre selbstreferentielle Begründung: in diesem pragmatischen, herrschaftsbegründenden Aspekt. Das hat sich vergegenständlicht und verselbständigt im Weltbegriff. Die Vorformen des Weltbegriffs, die Geschichte seines Ursprungs, sind in der Prophetie benannt als Idolatrie, Sternendienst und Opferreligion. Das prophetische „Nicht Opfer, sondern Barmherzigkeit“ trifft die christliche Opfertheologie (das christliche Dogma) im Kern; es gilt auch im Hinblick auf die zivilisationsbegründende Verinnerlichung des Opfers (Reflex der Vergegenständlichung der Natur).
    Das Konzept der Säkularisation aller theologischen Gehalte führt nicht (wie das naturwissenschaftliche Erkenntniskonzept) zu haltbaren Resultaten, die man „schwarz auf weiß besitzen und getrost nach Hause tragen kann“, sondern ist ständig neu zu leisten. Das ist das entscheidende Argument gegen das christliche Orthodoxie- und Dogmenverständnis.

  • 06.02.92

    Sind nicht die „Richter“ das Gegenstück zu den griechischen Heroen, damit aber zwangsläufig in jüdischem Kontext Gegenstand der Ironie? Oder ist die Ironie nicht die zwangsläufige Folge der Hypostasierung des „Richtens“, der „linken Seite“: deshalb schließt die Berufung der Richter sowohl das Richten im Sinne des Schlichtens von Streit als auch die „Befreiungstaten“, das Kriegführen gegen die umliegenden Herrschaftsmächte, mit ein.
    Gegen Habermas: Hinweis auf den Ursprung und den Kontext der Gemeinheit (Zusammenhang mit dem Weltbegriff); Konsens ist nicht Versöhnung; Verzicht auf Schuldreflexion macht die Natur unerkennbar. Gibt es überhaupt eine „Diskursethik“?
    Ist das „Und Gott sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht“ die Erschaffung der reinen Gegenwart, die vom Raum als der Form der Gleichzeitigkeit zu unterscheiden ist, während die Finsternis die ungeschiedene Zeit als Einheit von Vergangenheit und Zukunft sich darstellt, die so auf den Raum sich bezieht? Das Licht verweist auf das Angesicht, die Finsternis auf das „Hinter dem Rücken“. Dann wäre die Sonne auf andere Weise an die Gegenwart (und an die Zeit) gebunden als der Mond, der die erste zeitliche Einheit (nach dem Tag, der kein Zeitmaß ist, sondern die vergängliche, aber wiederkehrende Gestalt der Gegenwart: Es gibt den Tag des Herrn, und Gott hat die Welt an sechs Tagen geschaffen, während er am siebten Tage ruhte) bezeichnet: den Monat. Das Jahr hingegen ist die vergängliche und wiederkehrende Gestalt der Zeiten, des Naturkreislaufs (oder des Weltenumlaufs). Aber bei Gott sind tausend Jahre wie ein Tag: Seine Gegenwart hat ein anderes Maß als die des Menschen. Deshalb kann niemand Gott von Angesicht zu Angesicht schauen (aber welche Bedeutung hat es dann, wenn Moses die Herrlichkeit Gottes von hinten schauen durfte?). Rosenzweigs Konstruktion des göttlichen Antlitzes im „Stern“ hat hier seinen rationalen Grund.

  • 01.02.92

    Die Verletzung des achten Gebots ist ein Strukturelement der verweltlichten Welt. Und die Übernahme der Sünde der Welt steht in der Tradition dieses achten Gebots „Du sollst kein falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten“. Die christliche Umformung dieses Gebots in „Du sollst nicht lügen“ ist direkt ableitbar aus dem Verzicht auf Weltkritik. Ebenso ist der Begriff der „Weltschöpfung“ ein Teil der Rechtfertigung der Gemeinheit und des Geschwätzes (Bedeutung des gnostischen Demiurgen; paranoider Ursprung dieses Konzepts und Zusammenhang mit der Geschichte der Ketzerbewegung).
    Gibt es einen Zusammenhang des Wortsstammes -acht- in: Achtung, achten auf, „in Acht und Bann“, beachten, Verachtung u.ä. mit der Zahl acht? (David der achte Sohn des Isai, Sonntag = Herrentag = der achte Tag: Wiederholung des ersten Tags?).

  • 30.01.92

    Vor dem Hintergrund der Vorstellung einer unschuldigen Natur wird der Eingriff in die Natur, vergleichbar dem Mord, zur primären Schuld. Aber ist der Mord mit dem gesellschaftlichen Eingriff in die Natur vergleichbar? Und verwechselt nicht auch die ökologische Bewegung Schöpfung und Natur? (Noch zu ungenau: Wo ist die Grenze zwischen einem Eingriff in die Natur und dem Mord? Ist die Naturbeherrschung ein Mord an der Natur (Zerstörung des Antlitzes der Erde)? Aber die Natur sich selbst überlassen: heißt das nicht, Mord und Totschlag zulassen? Ist die Natur nicht selber die Zerstörung des Antlitzes, Inbegriff des Subjektlosen, Hypostasierung der Rückseite der Dinge? Ist nicht die Vorstellung der Ökologie, daß alles Schlimme von Eingriffen in die Natur herrühre, selber schon davon geleitet, daß sie selbstverständlich sich nur auf jene Eingriffe bezieht, die per Rückkoppelung auf das Leben der Menschen zurückschlagen, während das Antlitz längst vergessen wurde?)
    Zur Kritik der Ontologie: Es gibt kein apodiktisches Urteil ohne das subjektive affirmative, bejahende Moment: ohne daß ich mich auch dazu bekenne und durch mein Bekenntnis die Reflexion des Urteils unterdrücke. Es gibt keine Ontologie ohne Bekenntnis. Der kommunikationstheoretische Konsens bezeichnet das gemeinsame Ja (Objektivität als Intersubjektivität), das kollektive Bekenntnis, nicht die Wahrheit. Und der Gedanke der Objektivität drückt dabei nur den Wunsch nach Entlastung von der Verantwortung für das Ja aus, den insbesondere die Mathematik dann allzu leicht erfüllt. So ist die Mathematik die Parodie, das entstellte Deckbild der Versöhnung. Und ihre politische, gemeinschaftsbildende Kraft war seit je (seit ihrem Ursprung im Sternendienst) ein Teil der Idolatrie und ohne Opfer nicht zu begründen (gemeinsamer Ursprung der Religion, des Königtums und der Geldwirtschaft).
    Das Sein, die Logik der Hypostasierung (Heidegger: das metaphysische Denken) und die Bildung futurischer Formen gehören zusammen. Die Ontologie ist eine Weltwissenschaft; sie gründet in der Totalität der Urteile anderer.
    Titel: Ursprung und Untergang der Welt.
    Die antiken Kosmogonien sind Sprach- und Gesellschaftsphilosophien, keine Naturphilosophien.
    Theorie und Affirmation: Die kritische Theorie ist keine. Das affirmative Moment kommt durch den Theoriebegriff, durch die Anschauung, die dieses affirmative Moment in sich enthält, in die Philosophie herein. Die Dekonstruktion Derridas geht aufs falsche Objekt: Zu dekonstruieren wäre die Ontologie, und nicht mit Hilfe der Ontologie die theologische Tradition und ihre Erben.
    Zusammenhang von Objektivität, Sein für andere, Exkulpation und Anonymisierung: Die Spur dieses Zusammenhangs ist der Personbegriff.
    Die „beruhigte und gesicherte Burg der denkenden Subjektivität“ (Derrida: Die Schrift und die Differenz“, S. 85) wird gesichert durch „die letzte Schutzvorrichtung der Sprache“, den „Sinn des Seins“ (ebd. S. 87). Ist aber die ungeheuerliche Ambivalenz dessen, was seit Heidegger „Sinn des Seins“ heißt, überhaupt in der Lage, anders als durch logische Gewalt und durch das taktische und strategische Geschick dessen, der sich dieses „Sinns“ bedient, die „Burg der denkenden Subjektivität“ (die Personalität) zu sichern (fiat jus pereat mundus: die Rettung der Person durch Zerstörung der Welt)? Ist nicht Derridas Verfahren der Dekonstruktion Produkt genau dieser taktisch-strategischen Instrumentalisierung der Ontologie, für die es in der Tat keine andere Anwendung gibt? Ist die Ontologie (und der damit verbundene Subjektbegriff) ohne die Dekonstruktion des Anderen und des Andersseins zu retten?
    Heideggers „Eigentlichkeit“ unterscheidet sich von der „Uneigentlichkeit“ nur durch die „Entschlossenheit“, in der Welt Subjekt, und nicht Objekt, sein zu wollen. Der Tod ist für Heidegger immer schon der Tod der Anderen, und dessen Rechtfertigung dient dann das „entschlossene“ „Vorlaufen in den je eigenen Tod“.
    Die kantische Unterscheidung zwischen dem An sich und der Erscheinung drückt genau den Unterschied aus zwischen dem. was eine Sache an sich und was sie für andere ist; die Grenze ist die der Scham, deren Ursprung mit dem dieser Grenze zusammenfällt („und sie erkannten, daß sie nackt waren“). Die Unterscheidung hängt mit der zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen zusammen (ist aber nicht damit identisch). Von der Nichtanerkennung (und Verwischung) dieser Grenze lebt ein nicht unerheblicher Teil der Medien.
    Die Naturwissenschaften setzen die Schamgrenze absolut, leugnen, daß es ein Diesseits dieser Schamgrenze gibt (Daddys striptease sind der Krieg und das Opfer, nicht die biologische Nacktheit).
    Am Anfang der naturwissenschaftlichen Aufklärung steht die Austreibung der Sinnlichkeit, am Ende die des Gewissens, der Moral.
    Der Gottesfürchtige ist das Gegenteil dessen, der sich klein machen will (gegen die Naturwissenschaften).
    Die Geschichten mit Lot, insbesondere die Erzählungen im Zusammenhang mit dem Untergang Sodoms: sind das Hebräer-Geschichten? Hebräer waren die Israeliten für die anderen Völker, Juden sind sie für die Welt. „In jenen Tagen werden werden zehn Männer aus Völkern aller Sprachen einen Mann aus Juda an seinem Gewand fassen, ihn festhalten und sagen: Wir wollen mit euch gehen; denn wir haben gehört: Gott ist mit euch.“ (Sach 823)
    Die Abwehr der Musik Schönbergs hängt damit zusammen, daß es schwerfällt (genauer: schwerzufallen scheint; weshalb?), jenen Schritt mitzuvollziehen, der die Musik in die Nähe der Sprache führt. Ähnliches gilt für Einstein und die Naturwissenschaften.
    Das Stasi-Problem bleibt unerledigt, solange es per Personalisierung bearbeitet wird, während der Gemeinheits- und Systemzwang, der darin sich manifestiert, und der auf die Verhältnisse hier (im Westen) zurückweist, verdrängt wird.

  • 04.01.92

    Wenn die Deutschen gemein sind, sind sie es mit gutem Gewissen.
    In Deutschland steht im Strafprozeß der Anwalt des Rechts dem Anwalt des Staates gegenüber; die Folgen für das Recht sind daraus ableitbar.
    Zweideutigkeit des Begriffs „raten“: im intransitiven Gebrauch bezeichnet er das Lösen eines „Rätsels“, im transitiven Gebrauch die Beratung von jemandem (der Regierung, des Königs). Im deutschen Verwaltungswesen gibt es den Regierungsrat, gibt es die Beratungsgremien, zu denen auch die Kontrollgremien: die Rechnungshöfe, gehören. Welche Funktion hatte ei#gentlich der „Geheime Rat“ zu Kaisers Zeiten? War es die Funktion, die heute zum „Ehrenamt“ demokratisiert wurde? Was drückt sich in dieser Amts- und Titelverschiebung aus?
    Ist Paul Klee konsonantisch und Chagall vokalisch?
    Das Inertialsystem ist Kristallisationszentrum dessen exzentrischen Charakter Einstein nachgewiesen hat (an die Stelle der kopernikanischen ist die Einsteinsche Wende getreten: das Gravitationsgesetz hat einmal die kosmische Geltung des Inertialsystems begründet, das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit hat sie entgründet).
    Im systematischen Kontext der Hegelschen Philosophie (d.h. der Philosophie überhaupt) ist das Problem der richtigen Organisation der Gesellschaft nur dezisionistisch zu lösen. Hier haben die Hegelsche Ableitung der Monarchie und die Heideggersche Entschlossenheit ihren systematischen Ort.
    Ist die Wechselbeziehung zwischen Barbaren und Hebräern und zwischen dem Taumelkelch und der Philosophie (die inverse Beziehung zwischen beiden) nicht doch tiefer begründet als nur logisch-etymologisch?
    Das Unreine ist ein Sinnesimplikat jeglicher Vereinigungsmystik, die theologisch nicht besser sich beschreiben läßt als durch den prophetischen Begriff der Hurerei.

  • 31.12.91

    „Alle Menschen streben nach dem Wissen“, weil sie die Ungewißheit des Nichtwißbaren (und der potentiellen Schuld), der Zukunft, nicht ertragen können. Das deutsche Versicherungswesen ist gerade keine „Solidarhaftung“, sondern einerseits ein Netz, durch das zu viele hindurchfallen, und anderseits ein Abwälzen der Last auf die Nachfahren, die Zukunft, die gleichsam apriori in Schuldhaft genommen wird: ein Exkulpationssystem.
    Wer Wahrheit an die Kommunikation bindet, bindet sie an die Beweislogik, mit all den Folgen, die sich daraus ergeben (Freispruch der Gemeinheit).
    Im Zusammenhang der Hegelschen Beziehung von Volksgeist und Weltgeist müssen die Volksgeister (die Nationen) sterblich sein: deshalb ist der Idealismus antisemitisch.
    Das „die Erde bringe hervor“ bedeutet, daß die Pflanzen und die Tiere nicht unmittelbar von Gott geschaffen wurden (ausgenommen die großen Seetiere).
    Ist der Ort der erschaffenen „großen Seetiere“ das Wasser über oder das unter dem Firmament?
    Das Schicksal ist das gesichtslose Anlitz der Natur.
    Grundlage des liberum arbitrium (der Wahlfreiheit) sind das Geld und der Raum (und ihre „Freiheitsgrade“), wobei das Geld die Beschränkung auf drei Dimensionen aufhebt (das Geld korrespondiert dem „Wert“, dem Gewicht der Einzeldinge; Zusammenhang des Wertgesetzes mit dem Gravitationsgesetz: was ist hier die Sonne?).
    Die Entstehung der Schrift (Säkularisation des Bildes), der Ursprung des Geldes (des Wertgesetzes) und die Entstehung des Weltbegriffs (der Raumvorstellung) sind Teile eines Prozesses.
    Derrida: Grammatologie, S. 173: Rousseau, der Christologe des modernen Naturbegriffs. Oder: Rousseau, die Krise der Schrift und der Rückfall in die Barbarei. (In Derrida explodiert die Rousseausche Revolte der Natur – vgl. hierzu Horkheimer.)
    Die Stimme bewegt nicht die Natur, wohl aber die Ökonomie.
    Seit dem Ende des letzten Krieges herrscht in Deutschland ein geradezu wütender Rechtfertigungszwang.
    Zum Begriff der Offenbarung: Der brennende Dornbusch ist der Inbegriff (das Außenbild) der Apokalypse. Im Prozeß der Weltbildung wird die Offenbarung apokalyptisch.
    Liegt die Schuldknechtschaft (der Ursprung der hpr) vor dem Ursprung der Kriege (dem Ursprung des Handels und der Schrift)? Wann und wo ist erstmals von Kriegen die Rede? (Alle Kriege zielen auf Eroberungen: gibt es auch Erunterungen?)
    Ist die nordafrikanische Vätertheologie (der Ursprung der lateinischen Theologie in Nordafrika) punisch, hängt sie mit der Geschichte der Phönizier, mit der Erfindung der alphabetischen Schrift zusammen?

  • 28.12.91

    Hauke Brunkhorst (FR von heute):
    – „alle gesellschaftlichen Probleme sind Kommunikationsprobleme“;
    – die „kryptotheologischen“ Spekulationen Benjamins (bucklicht Männlein; Theologie heute bekanntlich klein und häßlich);
    – Adorno und Max Weber nicht auf einer Ebene (Minima Moralia);
    – theologische Halbbildung (Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand; Antinomien der reinen Vernunft; Hegels Reflexionsbegriffe und die List der Vernunft; der Sündenfall des Jürgen Habermas: Verzicht auf Kritik der naturwissenschaftlichen Aufklärung).
    Grammatologie: Differenz zwischen hebräischer und griechischer (lateinischer) Schrift. Judentum und Kirche: hebräische Schrift auf anderer Ebene als griechische und lateinische (Welt-) Schrift. Schrift und Sprache: objektive Erinnerung (Lesen/ Studium als Trauer- und Erinnerungsarbeit). Phonetische (alphabetische) Schrift = Körper (Kleid) der Sprache. Schrift und Mathematik (M. als Verdrängungsapparat: erinnerungslos und gegenstandserzeugend: falsche Gegenwart; Problem des Raumes)

  • 22.12.91

    Natur und Welt sind durch die Urteilsform an einander gebunden und von einander getrennt: Natur ist der Inbegriff aller Objekte von Urteilen, Welt der Inbegriff aller Urteile über Objekte. Der unreflektierte Gebrauch dieser Begriffe (ihr Gebrauch im Kontext der Selbsterhaltung, dem Grund der Urteilsform) verfällt ihrem Bann: er macht die Gemeinheit des Urteils unsichtbar. Naturphilosophie, die ihren Zusammenhang mit dem Weltbegriff, dem Prinzip der Selbsterhaltung, nicht reflektiert, verfehlt ihr Objekt.
    Raum und der Ursprung des Scheins (der Gemeinheit): Der Raum ist durch die Neutralisierung des Richtungsmoments (durch die Mathematisierung der Winkelfunktionen oder durch die Neutralisierung der Teleologie und Instrumentalisierung des Zweckbegriffs: durch die selbstverschuldete Unfähigkeit, rechts und links: Zweck/ Grund und Ursache, zu unterscheiden) zur Basis und zum Medium der Instrumentalisierung geworden: Grund der
    – Verdinglichung des Objekts,
    – der Neutralisierung des Namens sowie
    – der Zerstörung der argumentativen Kraft der Sprache;
    Herrschaft des Gravitationsgesetzes.
    Traum, Symbolbildung, Verschiebung und Projektion: So hängen der Traum und die Vorurteilsmechanismen mit dem Raum zusammen. In dem Verhältnis von Verschiebung und Projektion steckt das Relativitätsprinzip. Und die transzendentale Logik ist eine Logik des Vorurteils (der synthetischen Urteile a priori); sie schließt u.a. die Verteidigung des anderen aus (Konstruktion des Selbstmitleids; Zusammenhang mit dem autoritären Charakter: Ausschluß der Verteidigung in Terroristenprozessen; Verteidiger „Organ der Rechtspflege“). Die Bekenntnislogik beschreibt den gesellschaftlichen Kontext des Vorurteils.
    Raum und Umkehr: Die Vertauschung von vorn und hinten und von rechts und links zieht die Vertauschung von oben und unten nach sich. Das „hinter dem Rücken“ (Verwechslung von vorn und hinten) und der Verzicht auf Barmherzigkeit (Verwechslung von rechts und links), mit einem Wort die wölfische Welt und ihr Grund, das Selbstmitleid, unterwerfen die obere Welt der unteren: begründen die Niedertracht und die Gemeinheit, mit einem Wort: den autoritären Charakter. Projektion und Verschiebung gehören zusammen wie die Unfähigkeit zur Verteidigung des anderen mit dem autoritären Charakter (beide wurzeln im Selbstmitleid, in der Erfahrung des „Schreckens um und um“). – Konstruktion der Materie (Ursprung des Inertialsystems) und Rekonstruktion der Sprache (Zusammenhang der Konjugationen mit den Deklinationen) – Der Logos und die Übernahme der Schuld der Welt?
    Wer einen Menschen tötet, zerstört nicht eine Welt, er zerstört seine eigene Welt (die sprachlichen Wurzeln seiner eigenen Welt). Kain wurde „unstet und flüchtig“ (wie der Dornstrauch in der Jotam-Fabel).
    Ist das Opfer Abels das Opfer des Wortes, mit dem Adam die Tiere benannt hat? (Vgl. den „Duft des Wortes“ im Sohar, S. 33)

  • 17.12.91

    Rosenzweigs Konstruktion, wonach durch den Tod, durch das „Ich mit Vor- und Zunamen“ die Einheit des All gesprengt wird, gelingt nur, weil der Weltzustand, auf den er sich bezieht, fast ausweglos mythisch geworden ist. Deshalb die Rekonstruktion der Theologie über die Konstruktion des Mythos, durch dessen Umkehr hindurch.
    Ein ins Agentenmilieu transportierter jüdischer Witz (J.Ebach) verändert mit seiner Umgebung seinen Sinn: er nimmt paranoische Züge an.
    Wenn Christen die Juden Hebräer nennen, dann erinnert mich das an den Prüfer der Vorprüfungsstelle des Ministeriums, der das freiwillige Bekenntnis eines Betroffenen in seinem Prüfbericht unter dem Anschein eines selbstermittelten Tatbestands in eine Anklage umformte (und damit seiner Karriere diente). Hier ist das Stück Gemeinheit, das in dem objektivierten Gebrauch der Bezeichnung Hebräer steckt, mit Händen zu greifen (Genese der Gemeinheit, Funktion und Sinn der Reflexionsbegriffe). Den gleichen Gebrauch haben die Christen seit je von der Prophetie gemacht. Hier ist einer der Belege für die Wahrheit des Satzes „Ärgernisse müssen sein …“
    Ist nicht der paulinische Begriff „Stückwerk“ als Erläuterung der Bezeichnung Symbolum zu verstehen; und ist das Symbolum nicht selber in diesem Sinne Stückwerk (vgl. auch das Wort „Jetzt sehen wir wie im Spiegel, dereinst aber von Angesicht zu Angesicht“).
    Hegels Philosophie, gipfelnd in der trinitarischen Struktur des Absoluten, ist als Entfaltung der Struktur des Begriffs die Selbstreflexion der Geschichte des Schicksals. Wenn es zutrifft, daß der Islam unter den gleichen Prämissen wie die Philosophie und das Christentum angetreten ist, nur gleichsam die andere Seite im Schicksalszusammenhang repräsentiert: dessen Objekt (so wie im Begriff des Islam, der Ergebung, das Schicksal als der Wille Gottes vorgestellt wird), so gewinnt der zentrale Begriff des Islam: der der Allbarmherzigkeit, eine auf ganz andere Weise exkulpierende Bedeutung. Die Allbarmherzigkeit ist die zwangsläufige Folge davon, daß Allah als Personifizierung des Fatum die Schuld der Welt auf sich nimmt und den ihm ergebenen, dem Handeln entsagenden Muslim entlastet. Auch hier bezieht sich die Allbarmherzigkeit auf das Sündenbewußtsein, das dadurch gelöscht wird, daß die Schuld auf Allah abgewälzt wird. Hier nimmt Allah die Schuld der Welt auf sich (er nimmt sie hinweg). Unterscheidet sich Gott im Islam nicht doch nur dadurch vom Teufel, daß er zugleich der Allbarmherzige ist.
    Der Schwindel, den Adornos Philosophie beim ersten Lesen zu erzeugen scheint, ist in Wahrheit die Aufhebung des Schwindels.

  • 04.12.91

    – Das Lesen: ein „telepathischer Vorgang“ (Hinweis auf den Ursprung der Schrift?),
    – das Denken: ein „eminentes Narkotikum“ (Hinweis auf den Ursprung der Idolatrie, der Mathematik und der Astronomie?), und
    – die „fürchterlichste Droge“ nehmen wir in der Einsamkeit zu uns (Ursprung des Begriffs der Materie?).
    (W. Benjamin, zitiert in G. Scholem: Walter Benjamin und sein Engel, S. 61f)
    Der jüdische Begriff der Wahrheit unterscheidet sich vom griechischen wie die Lehre von der Theorie (oder wie das Hören vom Sehen und die Sprache von der Mathematik). Die eine hat ihren Ort in der Sprache, die andere in der Anschauung, die diese Bedeutung nur gewinnt, wenn man von der Inkommunikabilität der Anschauung absieht und das Moment der Gemeinheit in der Gestalt des Allgemeinen, die an die Anschauung sich bindet, in Kauf nimmt (und zugleich verdrängt).

  • 19.11.91

    Gott hat nicht die Welt sondern Himmel und Erde erschaffen, d.h. außer der Erde (mit dem Himmel) auch die Umkehr.
    Seit dem Ursprung des Weltbegriffs bedarf es der Idolatrie nicht mehr; der Weltbegriff leistet seitdem dasselbe, was vorher der Götzendienst leistete. Und die jesuanische Übernahme (nicht Hinwegnahme) der Schuld der Welt steht in der Tradition der Kritik der Idolatrie und des Bilderverbots. Das Bewußtsein davon klingt nach in dem mittelalterlichen Bild der Frau Welt, die in der Tradition des prophetischen Begriffs der Hurerei und des Bildes der Hure Babylon steht.
    Der kirchliche Antijudaismus war das Mittel, die prophetische Idolatrie-Kritik zu adaptieren, ohne sie auf sich selbst (die Kirche) beziehen zu müssen. Ohne den Antijudaismus wäre die Dogmenentwicklung (als Anpassung des die Welt) und ihre Voraussetzung, die Hypostasierung des Weltbegriffs (die Quelle der Häresien) nicht möglich gewesen
    Die vollständige Säkularisation der Religion ist der Faschismus.
    Der Fundamentalismus ergibt sich aus dem Festhalten des Prinzips der wörtlichen Wahrheit der Schrift unter den Prämissen des Weltbegriffs und des Herrendenkens.
    Der Fundamentalismus (miß-)versteht die Bibel als Lehrbuch der Geschichte oder der Physik; er verfällt eben damit dem Bilderverbot.
    Die Vergöttlichung des Opfers ist die christologische Verführung.
    Ist das Firmament ein System aus Spiegelungen und Brechungen, dessen Entschlüsselung erst gelingt, wenn ein diachronischer Geschichtsbegriff möglich ist?
    Die Apokalyptik steht in der prophetischen Tradition, sie ist deren Weiterbildung unter der Voraussetzung des etablierten Weltbegriffs. Und die apokalyptische Vorstellung des Weltuntergangs bezieht sich auf diese Hypostase, ist Produkt und Ausdruck der Auseinandersetzung mit der (nachprophetischen) „Welt“. Die Frage, ob die Apokalyptik in der Form, wie der Fundamentalismus sie dingfest zu machen versucht, auf die physikalische (oder astronomische) Realität sich bezieht, kann offen bleiben (genauer: diese Frage stellt sich jetzt nicht mehr; in den Minima Moralia gibt es ein Stück, das heißt „Nach Weltuntergang“).
    Das Buch Jona ist eine postapokalyptische Schrift:
    – Die Prophetie richtet sich nicht nach innen, sondern nach außen (gegen Ninive, die „große Stadt“).
    – Am Ende stellt sich heraus, daß Gott barmherzig ist (Gericht der Barmherzigkeit über das gnadenlose Weltgericht).
    – Gott begründet die Barmherzigkeit mit dem Hinweis auf die 120.000 Menschen, die rechts und links (Gnade und Gericht) nicht unterscheiden können, und auf „so viel Vieh“.
    Ist Jona nicht die genaue Gegenfigur zum Bileam (ein jüdischer Prophet gegen Ninive, ein moabitischer/midianitischer Prophet über Israel? Das NT spricht vom „Zeichen des Jona“ und von der „Sünde Bileams“.
    Erst wenn uns die Möglichkeit der Auferstehung der Toten nicht mehr erschreckt – und das ist nach Auschwitz unmöglich -, wird der Messias kommen.
    Zum Satz Kafkas „Es gibt unendlich viel Hoffnung, nur nicht für uns“: Es gibt keine Garantie, die steht bei Gott.
    Es gibt keine Heiligen mehr in dieser Welt, es sei denn, sie heißen Franz K., Schönfließ und Wiesengrund.
    Die nach dem zweiten Weltkrieg modisch gewordene Wendung „Ich würde sagen …“ drückt eine geschichtsphilosophischen Sachverhalt aus: Es ist nicht mehr möglich ungebrochen theologisch zu reden (apodiktisch zu urteilen).
    Die Realität heute ist ein kurzer Prozeß über die Kinder, die überall von Real-Verboten umstellt sind, deren Übertretung unmittelbar geahndet wird.
    Zum Begriff der Strafe (läßt sich das Strafrecht überhaupt noch begründen: Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand): Zusammenhang von Strafe, Recht und Bekenntnislogik (Ursprung und Geltung des Weltbegriffs). Der Kreuzestod („Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“) und das Problem der Strafe.
    Strafe verhindert a limine (als Institut) die Gottesfurcht, und zwar auf beiden Seiten: durch Fixierung des Strafbedürfnisses (im Interesse der Erhaltung der „Welt“) und durch das, was sie dem, den sie der Strafe unterwirft, antut.
    Läßt sich das Nationalprinzip unreflektiert auf die Alte Welt, insbesondere auf Israel, anwenden? Was bedeutet hier Volk, Nation, Sprache? Was heißt Assur, Babel, Moab, Amalek; Kanaanäer sind Händler; Israeliten sind für Ägypten, die Philister, bei Jona für die Schiffsleute (bei Judith für Holofernes) Hebräer (Sklaven, Söldner, Kleinviehnomaden). Wie lautet die hebräische Bezeichnung für die Ägypter, und was bedeutet sie?
    Thomas Ziehe (FR vom 19.11.91) leitet das Individuationsprinzip aus dem Konkurrenzverhältnis ab; das Konkurrenzverhältnis bezeichnet aber gesellschaftlich durchaus verschiedene Sachverhalte:
    – Im Handel und in der Produktion bezieht es sich auf den Markt,
    – in der Verwaltung (wie in der Kirche und beim Militär) auf die Karriere (die Teilhabe am Sakrament der Macht), während
    – die Anwendung aufs Proletariat nur auf den „Aufstieg“ aus dem Proletariat sich bezieht.
    Sind die Atome das Proletariat der Mechanik, und ist die Astronomie die Verwaltung?
    Der Begriff des Daseins ist aus der Hegelschen Diskussion des hic et nunc abzuleiten: Das Da ist das Hier für andere.
    Ich habe Elias Canettis „Masse und Macht“ immer als Gegenpol und als Ergänzung zur „Dialektik der Aufklärung“ verstanden: Hier geht es beidemale um die gleiche Sache, das einemal um ihren naturalen Aspekt, das anderemal um ihren historisch-gesellschaftlichen und um ihre erkenntnistheoretischen Aspekt.

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