Das Problem des Rechts ist
a) das empirische und logische Problem der Objektivität des Beweises: Nicht zufällig gehören zu den ersten Gesetzen Bestimmungen über die Beweiskraft von Zeugen; und das erste Beweisproblem war das der Vaterschaft (wer bezeugt seine Zeugenschaft? Rühren hierher die Probleme der Beweiskraft weiblicher Zeugenaussagen: Sind Frauen grundsätzlich befangen? – Das Zeugnis erübrigt sich im Falle eines Bekenntnisses) und
b) in unmittelbarem Zusammenhang damit das sachliche Problem, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand und Macht nicht justiziabel ist.
Gesellschaft
-
19.03.92
-
18.03.92
Opfer, Heros, König, Messias: BILD und SUPER verschaffen (produzieren) der zweiten Schuld die erforderlichen Projektionsobjekte: In den Monarchien sind es die Königshäuser, die die Aufgabe der stellvertretenden Sühne übernehmen; in der durch den Faschismus hindurch demokratisierten deutschen Gesellschaft kann jeder zum stellvertretenden Opfer für alle werden (allerdings auch nicht ohne den Lohn der Vergöttlichung: in der Gestalt des autoritären Charakters; die letzte Gestalt des säkularisierten Gottes ist der Faschist).
Hängt es hiermit zusammen, daß es in Monarchien keinen Staatsanwalt, sondern einen öffentlichen Ankläger gibt, und daß hier Indiskretionen nur gegen öffentliche Personen zulässig sind (während in Deutschland niemand besser gegen Indiskretionen geschützt ist als ein Politiker der richtigen Couleur; schutzwürdig ist hier seit je vor allem die Privatsphäre der realen Macht; seit dem Barock hat in Deutschland insbesondere die Macht ihre Privat- (d.h. Intim- und Geheim-)sphäre, die nicht aufgedeckt werden darf: das war der deutsche Weg der Entzauberung, der Weg in den absoluten Staat). -
13.03.92
Das Kommen des Messias im „Zeichen der Fische“ (S. 183).
Wie hängen
– Welt, Mensch, Gott
– Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang
– Begriff, Urteil, Schluß
– Verdrängung, Verschiebung, Projektion (das Instrumentarium des Verdachts)
mit der Struktur des Raumes zusammen?
SUPER und BILD scheinen die Funktion zu erfüllen, dem ungeheuren Entlastungsbedürfnis der zweiten Schuld die Opfer vorzuführen, an denen die Last per Projektion abgeführt werden kann, wobei in BILD das objektive Moment (die Präsentation der Bilder) anklingt, während SUPER das energetische Moment bezeichnet: SUPER erinnert nicht zufällig an Super bleifrei, Super plus, oder auch an Warenbezeichnungen für den gehobenen Konsum, oder einfach an das räumliche super im Sinne von Über: von Urteil, Empörung und Erhebung, an.
Beziehung zu Tratsch und vergifteter Nachbarschaft, Zusammenhang mit den Serien, die künstliche Nachbarschaften für Voyeure produzieren.
BILD und SUPER industrialisieren den Tratsch: die bewußte und organisierte Verletzung des achten Gebots (Du sollst kein falsches Zeugnis geben wider Deinen Nächsten); sie sind der vergeistigte Erbe der Gladiatorenkämpfe (hier werden die Opfer den wilden Tieren vorgeworfen, zu denen man selber gehört). Sie sind der zwangshaft immer wieder neu zu führende Beweis, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist.
BILD-Lesen und Jogging erfüllen vergleichbare Aufgaben.
Hitler hat den Krieg durch seine Niederlage gewonnen; ähnlich scheint es jetzt mit der sogenannten Stasi-Diskussion, der BILD und vor allem SUPER zuarbeiten, zu laufen.
Heute stellt die Kirche nicht nur ihr Licht unter den Scheffel, sie betet den Scheffel an.
Die Vorstellung des unendlichen Raumes ist die Grundlage und das genaue Äquivalent dessen, was Heidegger das „Vorlaufen in den Tod“ nennt. Sie schafft die Identität von Empörung und Niedertracht, die die Heideggersche Geworfenheit zu einem Euphemismus der Verworfenheit macht.
Nach Kopernikus und nach Kolumbus, d.h. nach der Entdeckung des heliozentrischen Systems und der empirischen Bestätigung, daß die Erde rund ist, wird mit dem Begriff des Innen nur noch die Hölle bezeichnet.
Hängt der Ursprung der Vorstellung des Raumes mit der zweifachen Scheidung zusammen: des Lichts von der Finsternis und der Wasser oberhalb von denen unterhalb des Firmaments?
Das „no pity for the poor“, das Adorno e.a. zufolge zu den Strukturmomenten des autoritären Charakters gehört, ist – theologisch gesprochen – Produkt der Verdrängung der rechten Seite (der Gnade und der Barmherzigkeit).
In drei Bereichen scheint die naturwissenschaftliche Forschung irre Züge anzunehmen: in der Raumfahrt, in der Atomphysik und in der industriellen Chemie-Forschung (einschl. Genforschung). -Zusammenhang von Forschung und technischer Nutzung (Selbsterhaltung, Objektivation und Instrumentalisierung) an den Grenzen des Systems. -
08.03.92
Die Geschichte der Banken als Geschichte der Rationalisierung und Instrumentalisierung von Schuld, als Grund der Herrschaftsgeschichte (die gnoseologische Funktion der Banken).
Wird „Staub“ bei der Schlange und bei Adam (bei der Verfluchung nach dem Sündenfall) durch das gleiche Wort bezeichnet? Ist Staub das Produkt und das Medium des Falls?
Bezeichnen Eigenschaft, Qualität und Ausdruck den gleichen Sachverhalt?
Der immer noch unbegriffene Entwicklungsschub in diesem Jahrhundert (und seine seismographische Wahrnehmung im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts), die Katastrophen dieses Jahrhunderts (die beiden Weltkriege sowie die technologischen Anpassungsversuche an den Entwicklungsschub in Faschismus und Sozialismus): Besteht nicht die Gefahr, nachdem diese Katastrophen bisher nur schicksalshaft hingenommen wurden, daß die nächste Katastrophe die vorausgegangen nur noch übertreffen kann?
Wenn die Kirche das Gewissen der Welt ist, dann ist die jüdische Tradition seit dem Urschisma das verdrängte und externalisierte Gewissen der Kirche, Indiz und Katalysator der Veräußerlichung des kirchlichen Gewissens (Grund der kirchlichen Judenfeindschaft).
Gehöre nicht das Buch Jona und das Buch Tobit auf eine verdeckte Weise zusammen? Der Jona im Bauch des großen Fisches, ist das nicht die andere Seite des blinden Tobit?
Ist nicht das Bild des Kessels (nicht nur bei Jer) mehrfach verbunden mit dem des Nordens (der linken Seite) und mit dem des Dampfdrucks? Und ist dieser Dampfdruck der zu Herrschaftszwecken instrumentalisierte Druck der Schuld? Gibt es einen Zusammenhang zwischen diesem Dampfdruck, den vier Winden, dem Hauch Gottes, der ruach? – Stichworte: Kessel (Topf), Dampf, Norden, Wind.
Die Beziehung Hebräer / Barbaren wird mit bestimmt durch die ironische Verdoppelung (Kollektivierung) des ‚br, die den Namen in einen Begriff verwandelt.
Elemente der Josefsgeschichte:
– Hebräer / Barbaren,
– der hebräische Sklave,
– Potiphars Frau und der Ursprung der Sexualmoral,
– Schuldknechtschaft, Gefängnis, Traumdeutung (vgl. die Daniel-Geschichte),
– Erhebung zum Vizekönig (Vorgeschichte der Königsgeschichte), Tempel- und Vorratswirtschaft, Ursprung des Geldes, Geschichte der ursprünglichen Akkumulation, – Vorgeschichte des Hofjuden (Jud Süß-Paradigma),
– Hebräergeschichte: Ansiedlung als (diskriminierte) Kleinviehnomaden im Land Gosen, Sklaverei, Exodus.
Zur Königsidee in Israel: Buch der Richter, der Sohn des Jerubbaal und die Jotams-Fabel; Samuel, Saul, David; Saul, David, Salomo; Richter- und Königsgeschichte als Abfallgeschichte; Übergang von der Richter- und Stammengeschichte zur Königs- und Volksgeschichte (Vorspiel Jakob / Israel); Ergänzung der Richtertradition durch die sakramentale Königstradition, Ursprung der Messiasidee. Vorgeschichte des Weltbegriffs, auf den dann (als anders richtende Instanz) die Messiasidee sich bezieht: im Christentum Zusammenhang von Logosidee und Übernahme der Sünde der Welt. Der Messias stammt aus der weltbegründenden Königstradition, die dann umschlägt in die des Weltenrichters.
Ist auch Ibn Daud ein „Sohn Davids“?
Zum Bekenntnisbegriff: das Bekenntnis des Namens (homologein) klingt weit eher an den Begriff der Heiligung des Gottesnamens an, und gewinnt da seine Wahrheit, als an den modernen Bekenntnisbegriff. Erst wenn die Bitte um Heiligung des Namens mehr wird als ein frommer Wunsch, bekommt das Programm der Entkonfessionalisierung der Kirchen einen konkreten Inhalt.
Eine Jogginggruppe: Die Leute nehmen wirklich nichts mehr wahr (und möglicherweise ist das der Zweck des Jogging: die Einübung der Zerstreutheit); obwohl ich schon so nahe wie möglich am Rande des Weges ging, hätten sie mich fast übergelaufen. -
03.03.92
Der Kerub mit dem kreisenden Flammenschwert: Genesis des Hinter dem Rücken?
In der Mathematik drückt sich der „Name“ im Bruch aus, im „Nenner“: in der Beziehung auf die Einheit, auf das Maß. Welche Bedeutung hat dieser Zusammenhang für die Sprache?
Anzahl, Maß und Gewicht: Anzahl ist die auf sich selbst bezogene Einheit, das Maß die Einheit für andere; aber was ist das Gewicht? – Anzahl, Maß und Gewicht sind die Grundlage, das gegenständliche Korrelat des Tauschprinzips.
In welcher Beziehung steht der Prophetenspruch des Jonas „Noch vierzig Tage und Ninive wird zerstört“ (34) zu seinem Auftrag „Geh nach Ninive, in die große Stadt, und droh ihr an! Denn die Kunde von ihrer Schlechtigkeit ist bis zu mir heraufgedrungen“ (12).
Religion als Ablenkung.
Das Angesicht oder das hörende Auge.
Der Himmel ist im Anfang erschaffen; danach erschuf Gott die Feste, die das obere von dem unteren Wasser scheidet; und diese Feste nennt Gott Himmel (Einheit von Ding und Name).
Die Person ist der Träger des Namens, die aber als Träger sich ausweisen muß, den Beweis führen muß, daß sie einen amtlich legitimierten Namen hat, deshalb einen Personalausweis bei sich führen muß; andernfalls läuft sie Gefahr, zur Feststellung der Identität in Verwahrung genommen zu werden. Was ist der Dogmatisierungsprozeß anderes als diese In-Verwahrung-Nahme zum Zwecke der Identitätsfeststellung? – Was du schwarz auf weiß besitzt, kannst du getrost nach Hause tragen: als Dogma ins Haus des Seins, den letzten Abkömmling des babylonischen Turms (des Tempels und der Kirche).
Was du auf Erden binden wirst: Der Tempel oder der domestizierte Himmel. Kein Tempel ohne Opfer, kein Opfer ohne Priester.
Das Sein ist der Inbegriff der Gewalt des richtenden Urteils und Fundament des Weltbegriffs. So hat es Teil am Gewaltmonopol des Staates.
Die christologische Logik im Naturbegriff, die Logik der Vergöttlichung des Opfers, ist Teil der Schuld-Logik. Sie ist begründet in der Vorstellung von der reinigenden Kraft des Opfers: das Opfer entsühnt.
Die Begriffe Natur und Welt als Totalitätsbegriffe unterstellen, daß es ein dem Subsumtionsverhältnis des Begriffs korrespondierendes Gesamt der Erscheinungen gibt, m.a.W. daß es ein Universum gibt. Und zwar ein Universum als ein dem Subjekt Gegenüberstehendes, das es dem Subjekt erlaubt, die Rolle des unschuldigen Zuschauers einzunehmen.
Totalitätsbegriffe wie Welt und Natur enthalten ihre eigene Logik, die sich auch durchsetzt, wenn sie nicht reflektiert, nicht bewußt gemacht wird. Diese Logik wird auch (und gerade) dann adaptiert, wenn sie der Reflexion entzogen wird.
So wie der Raum sich unter dem Zwang seiner eigenen logisch-mathematischen Struktur theoriebegründend ins Unendliche fortpflanzt und ausdehnt, pflanzt sich das Geld durch seine eigene Tauschlogik praxisbegründend nach allen Seiten fort, dehnt sich als Markt ins Unendliche aus und ergreift alle Dinge. Es sind diese Logiken, die durch die Totalitätsbegriffe Natur und Welt stabilisiert und gegen die Reflexion abgeschirmt werden.
Daß die Sonne Homers auch uns bescheint, ist wahr und falsch zugleich: Die Sonne Homers war weder die Sonne des Kopernikus noch die des Carl Friedrich von Weizsäcker.
Das Christentum: eine philosophische Religion, oder die Philosophie Jesu? -
29.02.92
Bemerkenswert, daß schon Philo die Hebräer mit den Fremden und den Nomaden in Zusammenhang bringt (vgl. Feld: Der Hebräerbrief). Bei Feld bekommt der Nomaden-Hinweis durch Beziehung zum Pilger-Begriff einen ganz anderen Klang und andere Konnotationen.
Der Personbegriff ist das Instrument der Selbstinstrumentalisierung und -vergesellschaftung, Grund der Trennung von Seele und Leib und Neutralisierung der Differenz zwischen dem eigenen Urteil über mich selbst und dem Urteil von außen. Genau das drückt aber das Im Angesicht Gottes aus, das um keinen Preis verwechselt werden darf mit dem Urteil von außen (das die Gottesfurcht neutralisiert). Das Gewissen ist aber andererseits nicht bloß subjektiv, nicht frei verfügbar. Es hat seine eigene, von der vergegenständlichenden Kraft des Raumes unterschiedene Objektivität. Das Im Angesicht drückt eine Objektivität aus, die nicht die des Äußeren ist.
Das Paradigma „Übernahme der Sünde der Welt“ ist nur im Zusammenhang mit der Lehre von der Auferstehung der Toten zu halten. D.h., es schließt die Vergangenheit mit ein (im Gegensatz zur Lehre von der Unsterblichkeit der Seele, die sie verdrängt).
Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Frauen in der Bibel und der Lehre von der Auferstehung der Toten? Vgl. hierzu die Hinweise bei Feld (im Zusammenhang der Frage, ob Priscilla den Hebräerbrief geschrieben hat).
Der erweckte Lazarus war der Bruder der Maria und Martha. Und unterm Kreuze Jesu standen die Frauen (und Johannes, der Jünger, den der Herr lieb hatte), die gleichen Frauen, die am dritten Tage hingingen, um dem Toten die letzte Barmherzigkeit zu erweisen, während die übrigen Jünger nach Galiläa geflohen waren.
Ist die Unsterblichkeit der Seele ein männliches und die Auferstehung der Toten ein weibliches Konzept? Und ist die unsterbliche Seele nicht der unsterbliche Weltgeist?
Die Kopenhagener Schule verwechselt die Maden in der Leiche mit der Auferstehung der Toten.
Steinigung und Scheiterhaufen sind geschlechtsneutrale Arten der Todesstrafe (die Isolationshaft ist eine technische Perfektionierung des Scheiterhaufens), die Kreuzigung ist männlich. – Hat der Staat das Recht, die Umkehr zu fordern (was er damit fordert, ist das genaue Gegenteil: ein Zu-Kreuze-kriechen – die Erfüllung der Wünsche derer, die kreuzigen)? Oder: Hat der Staat ein Gesicht?
Scham und Beschämung beziehen sich auf das Antlitz, und die Geschichte des Sündenfalls ist eigentlich die Geschichte der Zerstörung des Antlitzes.
Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt: Israel ist der Augapfel Gottes. Das Aaron-Gebet: Lasse dein Antlitz leuchten über uns.
Instrumentalisierung des Angesichts in der Reklame: Funktion des Bildes der Frau und der männlichen Stimme.
Das Angesicht verbindet den optischen mit dem sprachlichen Bereich; es ist die schmale Pforte aus dem Raum in die Sprache.
Gibt es einen geschichtsphilosophischen Zusammenhang zwischen der Erfindung der Pille (der technischen Neutralisierung der Sexualität) und den paranoiden Rückzugsgefechten der Kirche zu den Fragen der Empfängnisverhütung und Abtreibung?
Ist nicht beim Karol Woityla (und auf andere Weise im pokerface katholischer „Würdenträger“, in der „Prälatenmaske“) die sexuelle Regression und Obsession schon physiognomisch erkennbar?
Wäre nicht die Stasi-Debatte der Anlaß, sich endlich über das Verfahren, das keineswegs von einer bestimmten Ideologie abhängig (nicht Sozialismus-spezifisch) ist, ins Reine zu bringen: den Zusammenhang von Paranoia und Bespitzelung; die Unfähigkeit, Probleme offen und frontal, aber ohne Gewalt, auszutragen. Aber dieses „Hinter dem Rücken“ ist so tief im gegenwärtigen Stand der Dinge verwurzelt, daß wir schon aus Gründen der Selbstentlastung die Stasi jetzt als Sündenbock brauchen.
Umweltverschmutzung: Wurde nicht die „reine Natur“ (das Ziel der Rousseauschen Parole „Zurück zur Natur“) immer schon als eine von den Menschen (zumindest von den anderen, den Fremden: der Gesellschaft und ihren Zwängen, damit aber auch vom Verstand und von der Sprache) befreite Natur verstanden?
Das sogenannte Asylantenproblem ist sicherlich auch Teil des Versuchs, ein Ersatzobjekt für die gesellschaftlich produzierten Umweltprobleme bereitzustellen. Schmutz: das war neben Abfall, Staub, Fäkalien immer auch alles, was an Sexualität erinnerte, an die eigenen Unzulänglichkeiten, an eigenes Versagen, an Schuld, an „Schweinereien“, an Dreck.
Umweltverschmutzung von innen: Wer das Umweltproblem mit der sogenannten Bevölkerungsexplosion in Verbindung bringt, hat nichts begriffen. -
30.01.92
Vor dem Hintergrund der Vorstellung einer unschuldigen Natur wird der Eingriff in die Natur, vergleichbar dem Mord, zur primären Schuld. Aber ist der Mord mit dem gesellschaftlichen Eingriff in die Natur vergleichbar? Und verwechselt nicht auch die ökologische Bewegung Schöpfung und Natur? (Noch zu ungenau: Wo ist die Grenze zwischen einem Eingriff in die Natur und dem Mord? Ist die Naturbeherrschung ein Mord an der Natur (Zerstörung des Antlitzes der Erde)? Aber die Natur sich selbst überlassen: heißt das nicht, Mord und Totschlag zulassen? Ist die Natur nicht selber die Zerstörung des Antlitzes, Inbegriff des Subjektlosen, Hypostasierung der Rückseite der Dinge? Ist nicht die Vorstellung der Ökologie, daß alles Schlimme von Eingriffen in die Natur herrühre, selber schon davon geleitet, daß sie selbstverständlich sich nur auf jene Eingriffe bezieht, die per Rückkoppelung auf das Leben der Menschen zurückschlagen, während das Antlitz längst vergessen wurde?)
Zur Kritik der Ontologie: Es gibt kein apodiktisches Urteil ohne das subjektive affirmative, bejahende Moment: ohne daß ich mich auch dazu bekenne und durch mein Bekenntnis die Reflexion des Urteils unterdrücke. Es gibt keine Ontologie ohne Bekenntnis. Der kommunikationstheoretische Konsens bezeichnet das gemeinsame Ja (Objektivität als Intersubjektivität), das kollektive Bekenntnis, nicht die Wahrheit. Und der Gedanke der Objektivität drückt dabei nur den Wunsch nach Entlastung von der Verantwortung für das Ja aus, den insbesondere die Mathematik dann allzu leicht erfüllt. So ist die Mathematik die Parodie, das entstellte Deckbild der Versöhnung. Und ihre politische, gemeinschaftsbildende Kraft war seit je (seit ihrem Ursprung im Sternendienst) ein Teil der Idolatrie und ohne Opfer nicht zu begründen (gemeinsamer Ursprung der Religion, des Königtums und der Geldwirtschaft).
Das Sein, die Logik der Hypostasierung (Heidegger: das metaphysische Denken) und die Bildung futurischer Formen gehören zusammen. Die Ontologie ist eine Weltwissenschaft; sie gründet in der Totalität der Urteile anderer.
Titel: Ursprung und Untergang der Welt.
Die antiken Kosmogonien sind Sprach- und Gesellschaftsphilosophien, keine Naturphilosophien.
Theorie und Affirmation: Die kritische Theorie ist keine. Das affirmative Moment kommt durch den Theoriebegriff, durch die Anschauung, die dieses affirmative Moment in sich enthält, in die Philosophie herein. Die Dekonstruktion Derridas geht aufs falsche Objekt: Zu dekonstruieren wäre die Ontologie, und nicht mit Hilfe der Ontologie die theologische Tradition und ihre Erben.
Zusammenhang von Objektivität, Sein für andere, Exkulpation und Anonymisierung: Die Spur dieses Zusammenhangs ist der Personbegriff.
Die „beruhigte und gesicherte Burg der denkenden Subjektivität“ (Derrida: Die Schrift und die Differenz“, S. 85) wird gesichert durch „die letzte Schutzvorrichtung der Sprache“, den „Sinn des Seins“ (ebd. S. 87). Ist aber die ungeheuerliche Ambivalenz dessen, was seit Heidegger „Sinn des Seins“ heißt, überhaupt in der Lage, anders als durch logische Gewalt und durch das taktische und strategische Geschick dessen, der sich dieses „Sinns“ bedient, die „Burg der denkenden Subjektivität“ (die Personalität) zu sichern (fiat jus pereat mundus: die Rettung der Person durch Zerstörung der Welt)? Ist nicht Derridas Verfahren der Dekonstruktion Produkt genau dieser taktisch-strategischen Instrumentalisierung der Ontologie, für die es in der Tat keine andere Anwendung gibt? Ist die Ontologie (und der damit verbundene Subjektbegriff) ohne die Dekonstruktion des Anderen und des Andersseins zu retten?
Heideggers „Eigentlichkeit“ unterscheidet sich von der „Uneigentlichkeit“ nur durch die „Entschlossenheit“, in der Welt Subjekt, und nicht Objekt, sein zu wollen. Der Tod ist für Heidegger immer schon der Tod der Anderen, und dessen Rechtfertigung dient dann das „entschlossene“ „Vorlaufen in den je eigenen Tod“.
Die kantische Unterscheidung zwischen dem An sich und der Erscheinung drückt genau den Unterschied aus zwischen dem. was eine Sache an sich und was sie für andere ist; die Grenze ist die der Scham, deren Ursprung mit dem dieser Grenze zusammenfällt („und sie erkannten, daß sie nackt waren“). Die Unterscheidung hängt mit der zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen zusammen (ist aber nicht damit identisch). Von der Nichtanerkennung (und Verwischung) dieser Grenze lebt ein nicht unerheblicher Teil der Medien.
Die Naturwissenschaften setzen die Schamgrenze absolut, leugnen, daß es ein Diesseits dieser Schamgrenze gibt (Daddys striptease sind der Krieg und das Opfer, nicht die biologische Nacktheit).
Am Anfang der naturwissenschaftlichen Aufklärung steht die Austreibung der Sinnlichkeit, am Ende die des Gewissens, der Moral.
Der Gottesfürchtige ist das Gegenteil dessen, der sich klein machen will (gegen die Naturwissenschaften).
Die Geschichten mit Lot, insbesondere die Erzählungen im Zusammenhang mit dem Untergang Sodoms: sind das Hebräer-Geschichten? Hebräer waren die Israeliten für die anderen Völker, Juden sind sie für die Welt. „In jenen Tagen werden werden zehn Männer aus Völkern aller Sprachen einen Mann aus Juda an seinem Gewand fassen, ihn festhalten und sagen: Wir wollen mit euch gehen; denn wir haben gehört: Gott ist mit euch.“ (Sach 823)
Die Abwehr der Musik Schönbergs hängt damit zusammen, daß es schwerfällt (genauer: schwerzufallen scheint; weshalb?), jenen Schritt mitzuvollziehen, der die Musik in die Nähe der Sprache führt. Ähnliches gilt für Einstein und die Naturwissenschaften.
Das Stasi-Problem bleibt unerledigt, solange es per Personalisierung bearbeitet wird, während der Gemeinheits- und Systemzwang, der darin sich manifestiert, und der auf die Verhältnisse hier (im Westen) zurückweist, verdrängt wird. -
21.01.92
Als Person bin ich „zurechnungsfähig“, und diese Zurechnungsfähigkeit wird durchgesetzt über Gefängnisse und Irrenanstalten. Ist die Person das leere, reine und geschmückte Haus für die sieben unreinen Geister? Und gründet die Person in der Austreibung des einen unreinen Geistes?
Unsere Theologie heute ist nur noch verständlich auf der Grundlage und im Kontext des Verwaltungsdenkens, sie ist eine Theologie der verwalteten Welt und deshalb blasphemisch.
Die katholische Kirche in Deutschland wird heute schon durch die Physiognomie ihrer Bischöfe widerlegt. Heute beruht die Qualifikation zu gehobenen Positionen (zum Bischofsamt wie zu jeder anderen Managementfunktion) im wesentlichen auf der Fähigkeit, einen bedeutenden Eindruck zu machen; das gilt sowohl physiognomisch als auch fürs Verhalten: vom Gang bis zum Tonfall der Stimme. Aber worin besteht dieser „bedeutende Eindruck“; was ist es, was der Öffentlichkeit heute imponiert?
Für die Verinnerlichung des Opfers gibt es angesichts des gesellschaftlichen Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs, in den wir alle verstrickt sind, und zu dem auch die Naturwissenschaften gehören, keine Alternative, aber es gibt zwei Wege: den der Verdrängung und den (christlichen) der Erinnerungsarbeit.
Der Brief an die Hebräer: Kann es sein, daß er die Christen als Hebräer anspricht: d.h. in ihnen die Fähigkeit, die Fremdbezeichnung als Selbstbezeichnung und damit auch dieses jüdische Erbe zu übernehmen (und daß er nicht die Juden als Adressaten hat)? So wäre der Hebräerbrief eine Konkretisierung der jesuanischen Übernahme der Sünde der Welt.
Ist nicht die Apokalypse
– eine nachprophetische Reaktion auf die Verweltlichung der Welt (in der die Idolatrie in rationalisierter Gestalt sich durchsetzt)? Stichwort: Hellenismus, Römisches Imperium.
– Und gehört diese Apokalyptik nicht zu den Ursprüngen und Quellen des Christentums? Stichwort: Übernahme der Sünde der Welt.
– Und schließlich: Hat nicht das Christentum das im wörtlichen Sinne apokalyptische (aufdeckende, enthüllende) Element in der Apokalyptik durch Verdinglichung (durchs Dogma) neutralisiert und entstellt?
Jede Ontologie ist Transzendentalphilosophie (Ausdruck und Produkt von Subjektivität) und zur Begründung der Theologie unbrauchbar. -
15.01.92
Christentum: Trinitätslehre als Verinnerlichung der Genealogie für Nicht-Juden, für die Heiden? Zusammenhang mit dem mißverstandenen vierten Gebot? Bedeutung der Opfertheologie (antisemitische Struktur: wird nicht der Vater als Vater, d.h. durch Aufspaltung: durch Verinnerlichung als „lieber Vater“ und Vergegenständlichung als Sadist, geleugnet)?
Großartig der Nachweis Lillian Kleins, daß das Buch „Richter“ doch strenger an diesen Titel gebunden ist, als bisher wahrgenommen wurde: als Darstellung des Zwangs und der Folgen, die sich aus der Trennung des Richtens vom Bund JHWHs mit Israel, des Richtens von der Barmherzigkeit und der Verknüpfung von Richten und Gewalt (aus der weltkonstitutierenden Logik des Richtens) ergeben? (Bei Lillian Klein Abensohn keine Bemerkung zur Jotam-Fabel oder dazu, daß Samson auf dem Schoße der Dalilah stirbt?) Beschreibt das Buch nicht die Entstehung der Raumvorstellung, der „subjektiven Form der Anschauung“ (kein König in Israel, jeder tat was er wollte; hier werden die Bejaminiten zu „Linkshändern“, bis hin zum Mord an der Konkubine des Leviten, am Ende zu Opfern; und hier werden die entscheidenden Siege „aus dem Hinterhalt“ erfochten – es verschwinden das „Angesicht“ und Gottes Rechte)?
Saul kam aus Gibea in Benjamin, während David den Goliat mit Hilfe einer Steinschleuder erschlug.
Gegen Rousseau: Es gibt keine ursprüngliche heile Natur, die erst durch Vergesellschaftung (durch den Gesellschaftsvertrag: durchs Eigentum, durch das Inzestverbot und die Monogamie, durch die Schrift und den Logozentrismus) verdorben worden wäre. (Auch die Schellingsche Naturphilosophie steht noch im Banne Rousseaus: Was bedeutet der Begriff der Welt in Schellings Titel „Weltalter“?)
Der moderne Naturbegriff gründet nicht in der Gewalt, sondern er begründet auch Gewalt: die Gewalt, die das Äquivalent der Stummheit ist (wenn Sprache nichts mehr bewegt). Heute ist die ganze Sprache durchsetzt von der Stummheit: sie spricht nicht mehr, seitdem sie im Objektivationsprozeß ihr Subjekt verloren hat.
Wenn die Sumerer die Erfinder des Privateigentums waren, war Babylon dann die erste Stadt?
Der Kampf gegen die Idolatrie ist die erste Phase der Auseinandersetzung mit der städtischen, verdinglichenden, weltproduzierenden Gewalt.
Ist die Marxsche „resurrectio naturae“ eine Konsequenz aus dem Rousseauschen Naturbe#griff?
Freuds „Totem und Tabu“ krankt daran, daß es als ein pyschologischen (innerlichen) Vorgang faßt, was in Wirklichkeit eine gesellschaftlicher ist; er projiziert das Problem in ein dem Stand der Sache nicht ganz entsprechendes gesellschaftliches Umfeld, in das der sogenannten „Primitiven“. Die „Wilden“ sind erst in der Aufklärung entdeckt worden; sie haben hier eine entscheidende systemabsichernde Funktion (das Erbe Rousseaus: Kriterium der Unterscheidung ist für ihn die Schrift; piktographische, ideographische und alphabetische Schrift – haben Arnold Hauser und Max Raphael etwas über den Ursprung der Schrift geschrieben?).
Satan: der Ankläger; Teufel (diabolos): der Verwirrer; Dämon: Verteiler, Zuteiler (des Schicksals).
Benjamins Wort über Rosenzweig, daß er es vermocht habe, die Tradition auf dem eigenen Rücken weiter zu befördern anstatt sie seßhaft zu verwalten, steht in der christlichen Tradition: das „Auf dem eigenen Rücken“ entspricht präzise der Übernahme der Schuld der Welt.
Emmanuel Levinas Einwand der Asymmetrie gegen Bubers dialogisches Prinzip hat die Unterscheidung von „Hinter dem Rücken“ und „Im Angesicht“ zu Grundlage. In der Symmetrisierung von Ich und Du triumphiert das „Hinter dem Rücken“, triumphiert die Gemeinheit, die unter der Buberschen Prämisse ins Unbestimmbare verschwindet.
Der biblische Begriff des „Schreckens um und um“ bezeichnet den Ursprung des Selbstmitleids (beachte den Unterschied, mit dem Mann und Frau der Verführung des Selbstmitleids unterliegen: der Verführung, sich als Gegenstand oder als Subjekt als Natur oder als Welt, von außen zu sehen).
Das „Im Angesicht“ ist ein sprachlicher Sachverhalt, das „Hinter dem Rücken“ ein optischer (es steht unter dem Primat der Anschauung). Und „der Fall“ ist ein Fall aus der Sprache in die Anschauung. Das „Im Angesicht“ liegt vor dem Moment, in dem „ihnen die Augen aufgingen“: und sie „erkannten, daß sie nackt waren“, und sie “ schämten sich“. Die Scham ist ein Zeichen dessen, daß das „Im Angesicht“ nicht ganz vergessen ist. – Hängt damit die strukturelle Differenz zwischen Radio und Fernsehen (Faschismus und Post-Faschismus) zusammen? Erst das Fernsehen liefert zur Stimme (zur Stimme Hitlers) auch das Bild, verschiebt das Antlitz aus dem sprachlichen in den optischen Bereich, macht es damit endgültig unkenntlich.
Der Heideggersche Begriff der Frage (der zum Rundfunk-Zeitalter gehört) hat seinen Focus in der „Seinsfrage“, und zu dessen Metastasen gehören die „Judenfrage“ oder die „deutsche Frage“; er bezieht sich nicht mehr auf die Möglichkeit einer Antwort sondern – wie das Rätsel und die mathematische Aufgabe – auf die einer „Lösung“ (der Vergleich der „Lösungen“ der letztgenannten „Fragen“ wirft Licht auf den zentralen Punkt), das aber heißt, er ist ohne Gewalt nicht zu denken; seine früheste Anwendung findet er in der Geschichte von Alexander und dem gordischen Knoten.
Sprachlich unterscheidet sich die Frage von der Antwort durch das Heben oder Senken der Stimme am Ende. Das Senken der Stimme ist zugleich der autoritäre, der beruhigende Gestus, während die hohe Stimme Unselbständigkeit, Unsicherheit, Panik signalisiert (das Erheben der Stimme zeigt Empörung an: sie erhebt sich gegen die Ruhe der Autorität). – Wodurch unterscheidet sich das Sich Senken vom Fall? Der Empörung folgt der Fall, während das Sich Senken eine autonome, selbstbewußte Handlung ist.
Die eigentlich Botschaft in Hitlers Reden lag in der Stimme, in ihrem Tonfall; Hitlers Stimme vereinigte den autoritären mit dem panikerzeugenden Gestus (das Gleiche gilt heute von jeder politischen Rede; ihre Vorläufer hat sie in der Predigt).
Merkwürdig, daß Rousseau (und Derrida übernimmt das unreflektiert) die Artikulation der Rede, als Voraussetzung der Ausbildung der alphabetischen Schrift, negativ besetzt. Er erfährt darin (wie im Logozentrismus) nur den autoritären Gestus, den Gestus dessen, der dem anderen etwas einreden will, während er den daran geknüpften Wahrheitsbegriff und allgemein das Menschenfreundliche der sich artikulierenden Vernunft (gleichsam im Vorgriff auf das Derridasche Konzept der Dekonstruktion) denunziert. Grund ist die Rousseausche Versenkung des Göttlichen in die stumme Natur.
Ist es ein Zufall, daß der Sozialismus als erster seine fundamentalistische Phase hatte? Und wäre nicht eine Kritik des vergangenen „real existierenden Sozialismus“, die auf dieses Moment abstellt, die einzige, die dem derzeitigen Stand noch angemessen wäre?
Ist nicht der Darwinismus ein Vulgär-Hegelianismus, in dem das Herrschaftsmoment des Begriffs sich endgültig durchsetzt?
Ist die Wendung „den Himmel aufspannen“ nicht ein sprachlicher Ausdruck der Spannung, mit der das Im Angesicht und die Barmherzigkeit (die Bewahrung der rechten Seite) gegen die neutralisierende Gewalt des Raumes ankämpft: ein anderes Wort für das „emitte spiritum tuum et renovabis faciem terrae“: Der Gerechte trägt seinen Teil bei zur Erhaltung der Welt, indem er deren Schuld (den Grund der Asymmetrie zwischen Ich und Du) auf sich nimmt und so seinen Teil beiträgt zur Aufspannung des Himmels und zur Begründung der Erde, zur Erneuerung des Antlitzes der Erde (die Asymmetrie zwischen Ich und Du begründet das „Im Angesicht“, während die Symmetrisierung der Beziehung unter der neutralisierenden Gewalt des Raumes steht und „hinterm Rücken“ verbleibt). -
01.01.92
Die alphabetische Schrift ist (in ihrem phönizischen Ursprung) ein Hilfsmittel der Übersetzung, Feind des Autochthonen, Mittel der Hereinnahme des Fremden: Bewußtsein der Fremdsprache. Unterschiedliche Rezeption der alphatischen Schrift bei den Griechen und bei den Israeliten (vgl. die Barbaren und die Hebräer; das logozentrische Feindbild und seine Auflösung: Ursprung des Bekenntnisses?).
Ist nicht die Altorientalistik eine Veranstaltung zur Bannung einer Gefahr? -
31.12.91
„Alle Menschen streben nach dem Wissen“, weil sie die Ungewißheit des Nichtwißbaren (und der potentiellen Schuld), der Zukunft, nicht ertragen können. Das deutsche Versicherungswesen ist gerade keine „Solidarhaftung“, sondern einerseits ein Netz, durch das zu viele hindurchfallen, und anderseits ein Abwälzen der Last auf die Nachfahren, die Zukunft, die gleichsam apriori in Schuldhaft genommen wird: ein Exkulpationssystem.
Wer Wahrheit an die Kommunikation bindet, bindet sie an die Beweislogik, mit all den Folgen, die sich daraus ergeben (Freispruch der Gemeinheit).
Im Zusammenhang der Hegelschen Beziehung von Volksgeist und Weltgeist müssen die Volksgeister (die Nationen) sterblich sein: deshalb ist der Idealismus antisemitisch.
Das „die Erde bringe hervor“ bedeutet, daß die Pflanzen und die Tiere nicht unmittelbar von Gott geschaffen wurden (ausgenommen die großen Seetiere).
Ist der Ort der erschaffenen „großen Seetiere“ das Wasser über oder das unter dem Firmament?
Das Schicksal ist das gesichtslose Anlitz der Natur.
Grundlage des liberum arbitrium (der Wahlfreiheit) sind das Geld und der Raum (und ihre „Freiheitsgrade“), wobei das Geld die Beschränkung auf drei Dimensionen aufhebt (das Geld korrespondiert dem „Wert“, dem Gewicht der Einzeldinge; Zusammenhang des Wertgesetzes mit dem Gravitationsgesetz: was ist hier die Sonne?).
Die Entstehung der Schrift (Säkularisation des Bildes), der Ursprung des Geldes (des Wertgesetzes) und die Entstehung des Weltbegriffs (der Raumvorstellung) sind Teile eines Prozesses.
Derrida: Grammatologie, S. 173: Rousseau, der Christologe des modernen Naturbegriffs. Oder: Rousseau, die Krise der Schrift und der Rückfall in die Barbarei. (In Derrida explodiert die Rousseausche Revolte der Natur – vgl. hierzu Horkheimer.)
Die Stimme bewegt nicht die Natur, wohl aber die Ökonomie.
Seit dem Ende des letzten Krieges herrscht in Deutschland ein geradezu wütender Rechtfertigungszwang.
Zum Begriff der Offenbarung: Der brennende Dornbusch ist der Inbegriff (das Außenbild) der Apokalypse. Im Prozeß der Weltbildung wird die Offenbarung apokalyptisch.
Liegt die Schuldknechtschaft (der Ursprung der hpr) vor dem Ursprung der Kriege (dem Ursprung des Handels und der Schrift)? Wann und wo ist erstmals von Kriegen die Rede? (Alle Kriege zielen auf Eroberungen: gibt es auch Erunterungen?)
Ist die nordafrikanische Vätertheologie (der Ursprung der lateinischen Theologie in Nordafrika) punisch, hängt sie mit der Geschichte der Phönizier, mit der Erfindung der alphabetischen Schrift zusammen? -
28.11.91
Das Relativitätsprinzip stellt genau den abschließenden Abstraktionsprozeß vor Augen: Hier wird – ähnlich wie durchs Tauschprinzip die Stadt (der Markt) – die Mechanik mit all den Folgewirkungen begründet. Zu den ersten Folgewirkungen gehört die Neubegründung der Astronomie durchs Gravitationsgesetz (auf der früheren Stufe des Sternendienstes und des Opfers). Die Ablösung und Konstituierung des mechanischen Objektivitätsbegriffes, dessen Grundlage der Bewegungsbegriff ist (mit der Äquivalenz von Raum und Objekt) verhält sich zum agrarischen (magischen) Objektivitätsbegriff wie das (gegen die Erde sich verselbständigende) Tier zur (ortsfesten) Pflanze. Gelenkfunktion hat das Relativitätsprinzip (auf der früheren Stufe das Tauschprinzip). „Hode hä sophia estin. Ho echon noun …“ (Off 1318)
Tiere sind nominalistische Wesen (sie wurden von Adam benannt). Und es ist kein Zufall, daß in der Apokalypse (beim Fall Babylons) die Könige, die Kaufleute und die Spediteure genannt werden (auch Noah und die Kirche sind Spediteure).
In der Religion übernimmt der Bekenntnisbegriff diese Funktion der (vergegenständlichenden) „Ablösung“: daher die zentrale Funktion des Bekenntnisbegriffs im Kontext der Konstituierung des Weltbegriffs (in der Sexualität – generell in der Sinnlichkeit -wird die letzte Bindung an die vorzivilisierte Welt gesehen; deshalb der Kampf gegen die Sexualität: die Sexualmoral, und die Vergeblichkeit dieses Kampfes: der Wiederholungszwang; aufzulösen nur durch Reflexion).
Die Subjektivierung der Sinnlichkeit ist ein Teil der Selbstverdinglichung des Subjekts (durchs Tauschprinzip, durchs Inertialsystem und durchs Bekenntnis).
Natur und Welt sind Totalitätsbegriffe, deren Funktion u.a. darin zu liegen scheint, uns durch ein quasi abkürzendes Verfahren die Last der Reflexion abzunehmen (die gleiche Leistung hat vor der Konsolidierung des Weltbegriffs die Idolatrie erbracht).
Kriegszeiten sind Bekenntniszeiten, und Bekenntniskriege sind die brutalsten Kriege.
Das hat die Linke nie begriffen, obwohl sie es von Marx hätte lernen können: daß der Materialismus keine Ideologie ist, sondern eine Anweisung, den Vorrang des Objekts anzuerkennen und nicht den Rechtfertigungszwängen zu verfallen, die seit Ursache des Idealismus gewesen sind (auch der Materialismus ist als Rechtfertigungslehre Idealismus).
Die apostolische Nachfolge ist die vergeistigte Form der Genealogie und bezieht sich auf eine Form des Lebens, das sich über die Sakramente reproduziert.
Rock: das Schreien der Steine.
Wer ist eigentlich der Pharao: das „große Haus“? In der Schrift kommt die Bezeichnung mit und ohne Eigennamen vor. Drückt sich in dieser Unterscheidung etwas aus? Sonst ist von Königen die Rede, nur im Hinblick auf Ägypten vom Pharao. Haben die Bezeichnungen König und Pharao den gleichen Stellenwert, die gleiche Bedeutung, drücken sich in den unterschiedlichen Bezeichnungen andere Gestalten von Herrschaft aus (ist der Heideggersche Begriff „Haus des Seins“ pharaonisch)? Hängt es zusammen mit dem Unterschied zwischen dem „Turmbau von Babel“ und dem Sklavenhaus (mit den Fleischtöpfen), in dem die Israeliten (als hebräische Sklaven) beim Pyramidenbau (bei der Erstellung der Todesarchitektur) helfen mußten?
Die babylonische Gefangenschaft ist etwas anderes als das Sklavenhaus Ägyptens; davon ist dann das jüdische Exil wiederum zu unterscheiden (wie ist die Entwicklung von Hebräern zu Israeliten und dann zu Juden: Jesus war zu den „verlorenen Kindern Israels“ gesandt).
Durch das nationalistische Vorurteil, unter dem unsere Geschichtsschreibung leidet, und das wir in die Bibel hineintragen, wird diese entstellt und unkenntlich gemacht; so wird sie automatisch antisemitisch erfahren.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Ursprung des Inertialsystems und der Entwicklung des Bank- und Kreditwesens (Ursprung und Entwicklung der doppelten Buchführung)? Nach dem Relativitätsprinzip ist die Bewegung eines materiellen Objekts der entgegengesetzten Bewegung des Inertialsystems äquivalent (Äquivalenz von Objekt und System; entspricht der Äquivalenz von Masse und Energie in der speziellen Relativitätstheorie Einsteins). Die Erfindung der doppelten Buchführung (Erfolgsrechnung: Gegenüberstellung von Einnahmen und Ausgaben) war die Grundlage des modernen Kreditwesens; sie hat das Anschauungsmaterial (das fundamentum in re) geliefert für den theologischen Begriff der creatio ex nihilo.
Gibt es eine Statistik über die Entwicklung des Geldumlaufs in den Industrieländern, und kann man unterscheiden zwischen Geldmenge und Zirkulationsgeschwindigkeit? Die vollendete Dynamisierung zeigt sich daran, daß der Wert des Geldes heute nur noch in Ausnahmefällen (imgrunde nur in rückständigen Ländern) von den Goldreserven der Zentralbank abhängt; die reale Abhängigkeit bezieht sich auf die Außenhandelsbilanz (zu deren Stabilisierung, wie im Falle der früheren Getreideeinkäufe der Sowjetunion, u.a. die Goldreserven eingesetzt werden können). – Der Fehlschluß der staatskapitalistischen Länder liegt darin, daß sie glauben, die Regeln des Tauschprinzips (der Geldwirtschaft) beibehalten und zugleich die Gesetze der Geldwirtschaft beherrschen zu können. Hier geraten sie zwangsläufig in die Rolle des Zauberlehrlings (sie lösen Entwicklungen aus, deren Folgen sie nicht überblicken können).
Der Annihilierungsprozeß, der jeder Kapitalschöpfung zugrunde liegt (und im Kreditwesen instrumentalisiert wird), gewinnt gegenständliche Bedeutung in jeder Form der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals (bis hin zu den imperialistischen Raub- und Vernichtungskriegen). Deshalb war der Weltanschauungskrieg (und seitdem jeder Religionskrieg) ein Vernichtungskrieg (und aus dem Antisemitismus ableitbar).
Am Abend in einer Talk-Show Ernst Fuchs, der darauf hinweist, daß es eine unmittelbare Erfahrung des eigenen Ursprungs und des eigenen Todes nicht gibt: Beides, die Zeit vor meiner Geburt und mein Tod, ist mir eigentlich nur durch Mitteilung von außen und durch Rückschlüsse aus meiner Erfahrung mit anderen, bewußt. Ich für mich bin ewig, das Bewußtsein meiner zeitliche Endlichkeit (meines Anfangs und meines Endes in der Zeit) ist nur ein Reflex meiner Welterfahrung. Vergleich mit der sinnlichen Erfahrung (der Wahrnehmung der sinnlichen: der erleuchteten und farbigen, der warmen und kalten und der rauschenden, tönenden und klingenden Welt), die ebenfalls in ihrer Unmittelbarkeit nicht mitteilbar ist, außer über die Sprache nicht mit der Erfahrung der anderen kommuniziert. Dieses Ewige wird durch Objektivierung aufgehoben, vernichtet, bleibt unerinnert. An ihre Stelle tritt das Ich, das selber in den Weltzusammenhang verflochten (und somit wie die Welt sterblich) ist. Es wird wiedergewonnen nur als die Erfahrung und das Bewußtsein der Ewigkeit des anderen.
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie