Nicht nur, daß das Auge sonnenhaft ist, die Farben sind augenhaft.
Verschwindet im Herbst der Unterschied zwischen Blüte und Blatt, wird der ganze Wald zu einer blühenden Landschaft, die dann aber abstirbt (oder einschläft)? Oder sind die Herbstfarben die Farben des Feuers (gelb, rot und braun), während die Farben der Blüten die des Himmels oder des Lichts sind (blau, rot, gelb und weiß). Goethe konstruiert die Farben aus der Beziehung von Dunkel und Hell (Finsternis und Licht), die Differenzen kommen daher, was als Inneres oder als Äußeres gesetzt wird: Hell über Dunkel (Morgen) oder Dunkel über Hell (Abend).
schamajim ist der Himmel, majim das Wasser. Gibt es zwischen beiden Worten einen Zusammenhang (vgl. den Schöpfungsbericht: das Wasser gleichsam als Nebenprodukt des Himmels, mit der Finsternis und dem Geist Gottes über den Wassern).
Die Beziehung von außen und innen ist ein vielfältig sich durchdringendes System. Die Grenze zwischen Außen und Innen ist die Haut, die Oberfläche der Dinge, wobei das Innere der Dinge von dem Äußeren nicht zu unterscheiden ist. Die Undurchsichtigkeit und Undurchdringlichkeit der materiellen Dinge: Ist beim Wasser das ganze Innere Oberfläche, nur Grenze zwischen Außen und Innen, weder reines Außen noch reines Innen. Das Wasser leistet Widerstand gegen die Bewegung eines in ihm sich bewegenden Objekts, und das Licht wird im Wasser gebrochen (ist hier die Beziehung zum Himmel, der vielleicht die „ganze Erde“ wie ein Brechungsmedium umgibt, das keine Rückschlüsse zuläßt darauf, was „in“ oder „hinter“ dieser Brechung sich tut?. Und ist das Problem der Seeungeheuer, der Fische, darin begründet, daß das Wasser nur Außenseite, ohne ein Inneres, ist?).
Beziehung des Wassers zum Geld: Wie das Wasser ist das Geld (der Tauschwert) flüssig und unelastisch zugleich; mit der Erfindung des Geldes (der Gesetze, des Gewaltmonopols des Staates) wird das Schöpfungschaos (der vorgeschichtliche Schuldzusammenhang) in der geschichtlichen Welt evoziert, heraufbeschworen, zusammen mit den Herrschaftsinstitutionen (dem Schöpfungsdrachen als Endzeitdrachen). Der Ursprung des Geldes im Kontext der Schuldknechtschaft (Sklaven, outlaws, Kleinviehnomaden, Söldner) hat sein spätes Echo in Hegels Satz, daß „die bürgerliche Gesellschaft in all ihrem Reichtum nicht reich genug (sei), der Armut zu steuern“ (Philosophie des Rechts).
schamir sind die Dornen. Und wie heißen die Disteln, der Dornbusch?
Ist das Wasser mit dem Bekenntnis vergleichbar, in dem auch das Außen und das Innen ununterscheidbar sind (die ins Innere durchgedrungene Oberfläche)?
Das Innere eines Baumstamms ist die verstockte Erinnerung an seine Lebensdauer (und an die äußeren Bedingungen seines vergangenen Lebens).
Das Innere einer Wohnung, die sich abschirmt gegen die Außenwelt, heute aber durch ein Versorgungssystem damit verbunden ist: Wasser, Strom, Abfluß, Wärme, Telefon, Radio, Fernsehen, bis hin zu den (irrsinnigen) Möglichkeiten, die Arbeit, die Bankverbindungen, die Einkaufmöglichkeiten ins Innere zu verlegen, die Bindungen an die Außenwelt so zu gestalten, daß das Innere in eine gleichsam embryonalen Zustand zurückversetzt wird. So ernähren wir den Fisch, der uns ernährt. Der Glaube, daß wir uns durch dieses System vor dem Chaos retten können, ist purer Schein (wie heute jedes Bekenntnis): wir exportieren das Chaos nur nach außen; in eine „Außenwelt“, deren Existenz wir mit Hilfe des Bekenntnisses der Wahrnehmung entziehen und leugnen. Dieses System funktioniert nur noch auf der Grundlage der Opfer, die in den Schlacht- und Zuchthäusern, vor allem aber in der sogenannten Dritten Welt, in den „Schuldnerländern“, aus unserem Blickfeld entfernen.
(Der Mülleimer hat ein Inneres und das Schloß hat ein Inneres, ebenso sind der Himmel und die Hölle Innenräume). Außen und Innen sind unzureichende Deckbegriffe für Im Angesicht und Hinter dem Rücken: Diese bezeichnen den Sachverhalt präziser. Außen und Innen unterliegen der Zweideutigkeit des Raumes: Im Raum ist Rechts und Links nicht zu unterscheiden (Jonas: Ninive, die große Stadt); das Schicksal ist der Inbegriff der Außenwelt als Innenwelt.
Sind nicht alle Siege (zuletzt auch der über den „Kommunismus“) Pyrrhus-Siege, nur daß wir es noch nicht erkennen? Stößt das, was wir auszustoßen meinen, nicht in Wirklichkeit uns aus? Und produzieren wir nicht selber die Hölle, der wir so verfallen?
Die genaueste Definition des „Volkes“ ist der Begriff der Schicksalsgemeinschaft. Im Kern des Schicksals steckt jedoch heute die Bekenntnislogik. „Im Namen des Volkes“ (gibt es diese Wendung eigentlich auch in anderen Rechtssystemen?): das hat eine besondere Beziehung zum „deutschen“ Volk, wenn man daran denkt, daß der Name der Deutschen selbst „das Volk“ bezeichnet (was heißt eigentlich „Amalek/Amalekiter“? – „populus lambens“, das „leckende Volk“: das staubleckende Volk – Ps 729, Jes 4923; das hündische Volk – 1 Kön 2119, 2238; Lk 1621). So wird der Rechtsspruch zum Schicksalsspruch; im Namen des Schicksals (und des Rechts) kehrt sich der Objektivierungsprozeß (der Säkularisationsprozeß) gegen seinen eigenen Ursprung.
Ist die Theologie das Schicksal Gottes (Leugung des Gottesnamens, Theologie als Geschichte der Leugnung des Gottesnamens; was bedeutet der Name „Gott“?): damit der Kern und das Medium der Selbstverfluchung?
„Die Welt ist alles, was der Fall ist“: Das reicht bis in das Spiegelungssystem des Massenbegriffs, der Materie, hinein. Die gesamte Bewegung des Kosmos ist eine Bewegung des permanenten Fallens. Das Kreisen des Mondes und der Planeten ist (wie der Reproduktionsprozeß der Gesellschaft) resultierend aus Trägheit und Fall.
Gesellschaft
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10.11.91
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08.11.91
Ja sagen zu etwas heißt sich zu etwas bekennen. Das reflexive Sich im „sich (zu etwas) bekennen“ kann Ausdruck der Befreiung sein (es endlich aussprechen können, die Last der Verdrängung loszuwerden), ist aber heute immer mehr Ausdruck der Unterwerfung unters Kollektiv, der Identifikation mit dem Aggressor (das Sich geborgen Fühlen in der Gemeinschaft mit der Lust, ohne Skrupel hassen, sich der Wut überlassen zu dürfen: Genesis der „Mordlust“). Modell dessen ist der Raum, die „subjektive Form der Anschauung“ Kants: die Ablenkung der Wut auf die außermenschliche Natur.
Die Logik der Welt ist herzzerreißend und entsensibilierend: mörderisch. So hat sie vielleicht tatsächlich mit dem Kreuz zu tun.
Nicht der Begriff des Gestells, sondern der des sich selbst verurteilenden Gerichts bezeichnet die Signatur des technischen Zeitalters.
Der Raum ist der letzte Niederschlag der Erkenntnis des Guten und Bösen (er entzieht der Unterscheidung zwischen links und rechts, zwischen Barmherzigkeit und Gericht, den Boden). Das kopernikanische Weltbild ist in der Tat ein Bild: eine mathematische Vereinfachung, aber um den Preis der Zerstörung der Sprache und der Theologie (Verletzung des Bilderverbots). Mußte die Sprache durch diesen Tod hindurch?
Verhältnis von Begründung und „Aufspannen“ (Erde und Himmel) zum Raum: entspricht dem Verhältnis von Orthogonalität und „unendlicher Ausdehnung“ des Raumes (Trennung von Raum, Zeit und Materie und Konstituierung der spannungslosen trägen Masse, die dann ohne Vermittlung identisch ist mit der schweren Masse, dem Bezugspunkt des Gravitationsgesetzes), wird so zugleich neutralisiert, nach innen verlagert und erinnerungslos erhalten. Im neutralisierten Raum (und in der formalisierten Logik) entfällt mit der Logik der Begründung die Kraft, der Atomisierung der „Empfindungen“ (und der Erkenntnis) zu widerstehen. Begründung wird durch Gesetz und Kausalität, Entsprechungen werden durch Wechselwirkungen ersetzt. – Bedeutung der Orientierungsmetaphern: vorn und hinten (im Angesicht und hinter dem Rücken), rechts und links (Gnade und Strenge), oben und unten (Großmut und Niedertracht, Erlösung und Verdammnis, Segen und Fluch).
Spr 316: „Langes Leben birgt sie (die Weisheit) in ihrer Rechten, in ihrer Linken Reichtum und Ehre.“
Den Tod kennen wir nur als den Tod der anderen (und vermeiden heute den Schluß, daß auch wir sterblich sind; wir ziehen uns zurück auf den Punkt, schon dem Totenreich anzugehören, und das ist unsterblich). Ebenso kennen wir die gesamte Physik nur als ein Weltsystem, in das als Subjekt der andere mit eingeht (Intersubjektivität, konstituiert durch den Tod des Individuums, das ja ohnehin nur der andere ist, dessen dann nicht mehr gedacht zu werden braucht: so konstituiert sich die „reine Objektivität“ der Physik). In der gleichen Konstellation entspringt der Begriff des Bekenntnisses, und wenn nach der logischen Struktur dieses Konstrukts Frauen nicht bekenntnisfähig sind, so ist das nicht nur als Mangel anzusehen (vgl. Gen 315 i.V.m. Gen 314u.19).
Wenn Kant die Welt gegen die Schule vertritt, so übersieht er, daß der Weltbegriff auch ein Schulbegriff ist (vgl. die Schöpfungslehre bei Augustinus und Thomas).
Die sieben Gemeinden, die sieben Siegel, die sieben Engel mit den Posaunen und die sieben Engel mit den Schalen (sieben Plagen).
Es ist entsetzlich, wie der Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus zur Exkulpierung des Westens mißbraucht wird. Hier setzt sich das hegelsche Weltgericht in einer Weise durch, die nachträglich die „List der Vernunft“ als dezisionistisch enthüllt. Gleichgültig, ob man als letzte Instanz die Geschichte, das Ausland oder die Welt bemüht, in jedem Falle wird das Gewissen namen- und gegenstandslos gemacht. Auf dieser Grundlage blüht
– in der Verwaltung ein Ressortdenken, bei dem es nicht mehr darauf ankommt, das Richtige zu tun, sondern, was man auch tut, es so zu tun, daß man später nicht haftbar gemacht werden kann,
– während auf der Ebene der Justiz, wie im Kontext der rechtlichen Aufarbeitung der Vergangenheit und im gesamten Verfahren der rechtlichen Bearbeitung des sogenannten Terrorismus leicht zu erkennen ist, die Idee der Gerechtigkeit selber angegriffen wird, in Zynismus sich auflöst.
Die Kantische subjektive Form der Anschauung ist Produkt der Identifikation mit dem Aggressor. In ihr setzt sich die Welt gegen das Subjekt durch. Schiffsbruch mit Zuschauer: steht das nicht in der Tradition dieser subjektiven Form der Anschauung, die diese kontemplative Distanz erst ermöglicht. Das transzendentale Subjekt ist das Subjekt als Zuschauer der Welt. Und was der Zuschauer in dieser Welt sieht, steht unter dem (heute von der Kulturindistrie manipulierten und ausgebeuteten) Gesetz des Apriori, ist Produkt der Synthesis.
Das Schema Jisrael klärt das Verhältnis der hebräischen Sprache zu den Israeliten.
Nur Abraham, Isaak und Ijob starben „alt und lebenssatt“:
– Abraham: „starb in hohem Alter, betagt und lebenssatt, und wurde mit seinen Vorfahren vereint“ (Gen 258);
„… starb in gutem Greisentum, alt und satt, und wurde zu seinen Volksleuten eingeholt“ (Buber)
– Isaak: „starb und wurde mit seinen Vorfahren vereint, betagt und satt an Jahren“ (Gen 3529);
„Er starb und wurde zu seinen Volksleuten eingeholt, alt, an Tagen satt“ (Buber)
– Jakob: „Dann verschied er und wurde mit seinen Vorfahren vereint“ (Gen 4933);
„… verschied un wurde zu seinen Volksleuten eingeholt“ (Buber)
– Ijob: „Dann starb Ijob, hochbetagt und satt an Lebenstagen“ (Ij 4217).
„Ijob starb, alt, an Tagen satt“ (Buber) -
07.11.91
Das Prädix „be-“ drückt Herrschaft aus: das Bekenntnis ist Herrschaft übers Erkennen (vgl. lehren/belehren, deuten/bedeuten u.a.). Vermittelt ist die Herrschaft über den Personenbezug: das „be-“ zieht einen Adressaten nach sich (im Dativ ist der Adressat der Herrschende, im Akkusativ der Adressierende: hier, in der Umkehrbeziehung Dativ/Akkusativ, läuft die Herrschaftsbeziehung über eine vermittelnde Tätigkeit, in der genitivischen Umkehrbeziehung – gen. objektivus/subjektivus – geht es um eine direkte, unvermittelte Herrschaftsbeziehung). Dieser Zusammenhang ist der Grund dafür, daß es ein Bekenntnis ohne Opfertheologie und ohne Trinitätslehre nicht gibt. Ist das Produkt des Bekenntnisses das Bekannte (das Tote, Vergangene, auch dann wenn es die Wahrheit selber ist, die als Dogma gekreuzigt, gestorben und begraben ist und auf ihre Auferstehung wartet)?
Rosenzweigs Trennung von „Ja“, „Nein“ und „Und“ gemahnt daran, daß die Sprache mit der Subsumtion unters Identitätsprinzip zerstört wird. Aber diese Zerstörungskraft ist in der Sprache selbst durch den Seinsbegriff (die „verandernde Kraft des Seins“) präsent (nach K. Heinrich ist das Sein der „wortlose Rest“ der Sprache).
Das Sein ist nicht nur der Generator des transzendentalen Subjekts (des idealistischen Scheins), es bezeichnet genau den blinden Fleck in der Sprache, der sie (wie die kantische Form der äußeren Anschauung die Wahrnehmung) von sich selbst ausschließt und gegen sich selbst abschirmt, und der auch dann nicht zu reden beginnt, wenn man – wie Heidegger – ihn beschwörend anstarrt und seinen Mangel – den fehlenden Gegenstands- und Inhaltsbezug – als besonderen Vorzug anpreist (das Sein ist der Geburtsfehler der Philosophie; es gehört zu einer Sprache, die die Barbaren ausschließt, während die reflexive Hereinnahme der Fremden – der „Hebräer“: der „Fremden im Lande“ – das Sein ausschließt: wodurch unterscheidet sich die hebräische Sprache von der kanaanäischen? Vermutung: durch die Kraft der Identifikation mit den Fremden?).
Das Problem der Terrorismus-Bekämpfung (insbesondere der Verfahren gegen die raf, gegen Mitglieder einer „terroristischen Vereinigung“) liegt darin, daß das Objekt einerseits als Feind deklariert wird, andererseits aber die Verfahren im Rahmen des Rechts (durch Urteil und Strafe) abgewickelt werden sollen. Die Feinddefinition müßte eigentlich (wie im Weltanschauungskrieg gegen das „bolschewistische Russland“ oder in der „Endlösung der Judenfrage“) auf Krieg und Vernichtung hinauslaufen; dieser Weg ist aber durch die Systematik und Logik des Rechts versperrt. So stehen die damit befaßten Institutionen – von GBA und BKA bis zu zuständigen Strafsenaten und den Vollzugseinrichtungen („Hochsicherheitstrakt“) vor der unlösbaren Aufgabe, ihre Ziele mit Mitteln zu erreichen, die eigentlich nicht dafür gedacht und geeignet sind. Zugrunde liegt die heute immer deutlicher hervortretende Problematik der Bekenntnislogik: dazu gehören u.a. der Feind und der Verräter; und nur für letztere (z.B. für Sympathisanten) ist das Instrument des Strafrechts geeignet, nicht jedoch für den „inneren“ oder „äußeren Feind“. So war denn auch die Anpassung des Strafrechts an diese Problemlage nicht ohne substantielle Eingriffe in die Grundsätze eines fairen Verfahrens und in die Rechte der angeklagten und verfolgten „Feinde“ möglich. Es gehört zur Signatur des Zeitalters, daß beide nicht mehr sich trennen lassen (der in Rußland bekämpfte äußere Feind war zugleich Repräsentant des inneren: des Kommunismus und der Juden; und der im Inneren bekämpfte Terrorismus ist Repräsentant der Außenwelt (der Dritten Welt in jeder Version), von der man sich in der Substanz bedroht weiß aufgrund der nicht mehr zu verdrängenden Schuldbeziehungen (Zusammenhang mit der Gemeinheitsautomatik?).
Der Gebrauch des Feindbegriffs im Rechtsverfahren ist der klassische Befangenheitsfall; dagegen sollten die Unschuldsvermutung und das Verbot der Vorverurteilung schützen, die hier (wie im alten Inquisitionsverfahren, aus dem die Instrumentarien stammen) generell außer Kraft gesetzt sind.
Der Feind ist das apriorische Objekt der Wut, ohne die es die Komplizenschaft des Bekenntnisses nicht gibt: die Furcht vor dem Verrat des Betrugs, der List, die in jenem Bekenntnis steckt. Deshalb gibt es das Gebot der Feindesliebe: als Chance, dieses Dunkle im eigenen Innern aufzuarbeiten.
Der Himmel, der sich wie eine Buchrolle aufrollt: ist das nicht ein Hinweis sowohl auf den Ursprung der Schrift, als auch auf ein Konstruktionselement der Astronomie (den Zusammenhang von Schrift und Astronomie)? -
05.11.91
Gemeinschaft und Gemeinheit (sowie Meinung, das Allgemeine und sonstige mit „mein“ gebildete Wörter) gehören nicht nur sprachlich zusammen, sondern auch logisch: über den Begriff des Bekenntnisses.
Die Tiefe der Wunde, die das Verschwinden des sprachlichen „Angesichts“ hinterlassen hat, ist zu ermessen an der Rolle, die die Musik im Leben der Jugendlichen heute spielt. Die Kulturindustrie beutet durch Substitution ein Bedürfnis aus, das eigentlich nur noch eschatologisch zu befriedigen wäre. Vgl. Jürgen Ebach: Kassandra und Jona, S. 43.
Kulturindustrie ist Sternendienst, und der ist seit je ein Substitut, ein „Ersatz“ des Angesichts.
Die Hegelsche Diskussion des Hier und Jetzt ist einem sehr sprachlichen Sinne diabolisch; hierbei handelt es sich um einen alten, seit Aristoteles thematisierten, philosophischen Topos. Vor diesem Hintergrund kann man feststellen, daß die Hegelsche Philosophie zwar klug ist wie die Schlangen, aber nicht arglos wie die Tauben.
Das Eingedenken, die Erinnerung, ist der Verzicht darauf, die Zeit zu instrumentalisieren, der Verzicht auf die Vergegenständlichung der Zeit, wie sie dann selber institutionalisiert wurde im Inertialsystem.
Das Hebräische kennt kein Futur II und kein Präsens, sondern nur Imperfekt und Perfekt: das Perfekt ist der Kreuzestod, das Imperfekt die Übernahme der Schuld der Welt. Die Opfertheologie hat das Imperfekt in ein Perfekt umgelogen (zusammen mit der Konstituierung des Futur II).
Ursprung des Futur II in der Tempelwirtschaft, der Geldwirtschaft, dem Opfer- und Sternendienst und der Idolatrie; Ursprung der Ontologie im Futur II (Heideggers „Vorlaufen in den Tod“: Anpassung des Daseins an die Ontologie der Mechanik; bei Heidegger kommt die List der Vernunft an ihr selbstgesetztes Ziel).
Zum Turmbau von Babel: Er verwirrte ihre Sprache und zerstreute sie über die ganze Erde. Ist die Verwirrung der Sprache und die Zerstreuung der Völker ein Reflex des Begriffs der „ganzen Erde“, des hier entspringenden Weltbegriffs, des ersten Totalitätsbegriffs, auf den die Übernahme der Schuld der Welt dann konkret sich bezieht?
Ist das Zungenreden (das späte Echo auf die babylonische Sprachverwirrung) nicht das im Griechischen denunzierte Stammeln der „Barbaren“? Und hat nicht die Bezeichnung Barbaren etwas mit den Hebräern/Hapiru zu tun (Umkehrung des Sinnes: der Hellene steht auf der anderen Seite; Ironisierung durch Verdoppelung des ‚br: Hinweis auf den Zusammenhang von Lachen, Objektivierung und Begriffsbildung; Realbedeutung des Objektbegriffs)?
Verständnis für den Umgang der Apokalyptiker mit der Tradition, für das experimentelle Verfahren der Kollage.
Zum Buch der Richter (vielleicht auch zum Buch Jona): Die Dinge mit einer ironischen Distanz wahrnehmen, ist in bestimmten Situationen die einzige Möglichkeit, sie überhaupt noch wahrzunehmen. Und zwar dort, wo man wie Abraham, der Hebräer, der als Fremder im Lande lebte, von dem Schrecken ergriffen wird, als den Isaak ihn dann erfahren hat, bei dessen Ankündigung Abraham und Sara lachten. – Bezieht sich nicht hierauf das Jesus-Wort „Ehe Abraham ward, bin ich“? Hat Jesus das in Abraham, in den „Hebräern“ Verfestigte, Verstockte durch seine neue Beziehung zur Welt (Übernahme der Schuld der Welt) wieder verflüssigt, um den Preis des Kreuzestodes?
Ein blödsinniger Wandspruch: Völkerfreundschaft ja, Vielvölkerstaat nein!
Katastrophen im Fernsehen (bei denen nicht zufällig immer erwähnt wird, ob und wieviele Deutsche betroffen waren) vermitteln jedesmal auch das empörend „wohlige“ Gefühl, selber noch davongekommen zu sein (in Israel wurde während des Golfkrieges jede Nacht die Skyline von Tel Aviv gezeigt, die den Bewohnern die Möglichkeit bot, Augenzeuge ihrer eigenen Vernichtung zu werden). -
04.11.91
„… widerrät, noch den Leviatan von Hi 40f dualistisch-moralisierend eindeutig dem Bösen zuzurechnen.“ (Ebach: Leviatan und Behemoth, S. 74) Bemerkungen:
– Das „dualistisch-moralisierend“ steht in der Sündenfall-Tradition (Erkenntnis des Guten und Bösen: Zusammenhang von Instrumentalisierung und moralischem Urteil) und ist das Element, in dem sich die „Erbschuld“ fortpflanzt.
– Schon die Grundelemente des Christentums:
. Nachfolge-Gebot, Übernahme (nicht Hinwegnahme) der Schuld der Welt (Gott hat nicht die Welt, sondern Himmel und Erde erschaffen; Welt als Medium und Resultat des Säkularisationsprozesses, als Medium der Geschichtsphilosophie; Begriff der Welt, Beziehung zum Naturbegriff: Totalitätsbegriffe), Feindesliebe, Richtet nicht …, Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben (Kontext: Kritik des Bekenntnisbegriffs, der Trinitätslehre – insbesondere der Christologie -und der Opfertheologie; Begreifen des Ursprungs des Antijudaismus, der Häresien und ihrer Geschichte, der Frauenfeindschaft und der Hexenverfolgung); widerraten der Zurechnung und eröffnen darüber hinaus ein theologisches Konzept, das erst noch zurückzugewinnen wäre (Theologie im Angesicht, nicht hinter dem Rücken Gottes), und in dem vielleicht dann auch der Leviatan seine Stelle finden wird.
Mary Dalys Titel „Gott Vater, Sohn und Co“ enthält eine sehr tief begründete Kritik an der Trinitätslehre: am theologischen Gebrauch des Personbegriffs. Dieser Begriff ist in der Tat nur als Teil einer politischen Theologie zu begreifen, die – auf der Grundlage des Bekenntnisbegriffs – unaufhebbar patriarchalische Züge trägt. Zur Widerlegung mag der Hinweis dienen, daß die Vorstellung der Unsterblichkeit der Person schon an der Bindung dieses Begriffs an seinen politisch-ökonomischen Kontext (Person und Eigentum, Zurechenbarkeit der Schuld als Grundlage des Rechts, Institut der juristischen Person) und an seiner damit verknüpften Beziehung zum Namen scheitert (der Name, dessen Träger die Person ist, ist Schall und Rauch: das Rosenzweigsche „Ich, mit Vor- und Zunamen“ ist nicht der Inhaber eines Personalausweises).
Es gibt keinen direkten Weg vom Bekenntnisbegriff (Theologie hinter dem Rücken Gottes) zum Inertialsystem (Subsumtion des Himmels unter die Erde): dazwischen liegt die unreine Vermischung von Strenge und Milde (richtendem Urteil und Barmherzigkeit: Fegefeuer und Ohrenbeichte), dazwischen liegt das Gravitationsgesetz und die Vergegenständlichung des Lichts. Heute nimmt eine in den Mythos zurückgefallene Aufklärung die Offenbarung nur noch als Mythos wahr.
Der Staat begründet sein Existenzrecht durch die Notwendigkeit des Kampfes gegen den Mord und gegen die Verletzung des Eigentums (Gewaltmonopol), die Kirche durch die Notwendigkeit des Kampfes gegen die Unmoral (Sexualmoral). Gibt es hier einen Zusammenhang mit Behemot und Leviatan?
Den Bemerkungen Jürgen Ebachs zu Jon 411: „… mehr als 120.000 Menschen, die nicht rechts und links unterscheiden können, und viel Vieh“ (Kassandra und Jona, S. 116f) bleibt der Hinweis anzufügen, daß nach biblischer Metaphorik rechts und links auch mit der Unterscheidung von Milde und Strenge, Barmherzigkeit und Gericht (richtendem Urteil) zusammenhängt: Diese Menschen wissen – wie auch die Christen heute – nicht mehr, was es heißt, wenn der Auferstandene zur Rechten des Vaters (der Seite der Barmherzigkeit) sitzt. Beschreibt nicht die Verwechslung von Barmherzigkeit und richtendem Urteil mit gut und böse (dem Primat des Gerichts) genau das autoritäre Syndrom wie auch den Tatbestand des Sündenfalls, der Erbschuld?
Auch ist mir bei dem Ausdruck „hebräische Metaphorik“ (S. 117) insoweit etwas unwohl, als ich glaube, im Begriff des Hebräischen (für jüdische Ohren die von Ägyptern und Philistern verwandte Fremdbezeichnung als Selbstbezeichnung) einen Ton mitzuhören, dessen Gebrauch uns – insbesondere nach Auschwitz – nicht mehr erlaubt sein sollte. Allein als Bezeichnung der uns fremden Sprache ist der Gebrauch erlaubt, aber dann mit dem Bewußtsein, daß Juden in dieser Sprache mehr als nur eine Sprache gegeben ist: der Inbegriff des Fremden, des Antlitzes, das sowohl das Antlitz Gottes als auch das des Feindes sein kann (welche Folgen ergeben sich hieraus für den Staat Israel und die dort gesprochene Sprache?). Das glaubte Paulus den Christen ersparen zu können; ebenso wie es keine Schrift des „Neuen Testamentes“ in hebräischer Sprache gibt, ist der christlichen Theologie die Idee des Angesichts Gottes fremd; an deren Stelle sind der Vaterbegriff und die Trinitätslehre getreten.
Ist Jona wegen seiner Warnung an Ninive (für Ninive, „die große Stadt“, ähnlich Babel der Urfeind Israels) ein „Hebräer“ (vgl. nochmal die „Hebräer“-Stellen bei Loretz)? Werden die Juden nur von ihren Feinden Hebräer genannt (vgl. den Jerusalemer Kommentar – die „hebräische“ Sprache ist den Juden als Sprache, die sie ins Angesicht Gottes stellt, fremd – Abraham war ein Hebräer, und er war ein Fremder im Land; „im Angesicht“ ist – wie der durch schlichte Umkehrung konstruierbare Begriff der „Barbaren“, derer, die bloß stammeln, kein Griechisch sprechen – ein sprachlicher Sachverhalt, er gilt wie für Gott nur noch für den Feind)?
Läßt sich nicht anhand des Begriffs des Hebräischen (des Hebräers und der hebräischen Sprache) die Idee der Übernahme der Schuld der Welt, die ebenfalls einen sprachlichen Sachverhalt bezeichnet, genauer bestimmen?
Der Raum verwischt die Differenz zwischen vorn und hinten, rechts und links, oben und unten. Und Büchners Lenz wollte auf dem Kopf laufen.
– Die erste Verwechslung ist die von Im Angesicht und Hinter dem Rücken,
– die zweite die von Strenge und Milde, von richtendem Urteil und verteidigendem Denken,
– die dritte die von Himmel und Erde.
Alle drei Verwechslungen gehen zu Lasten des Humanen; es triumphiert das Hinter dem Rücken, das Gericht und die totalisierte Erde (das Universum): Es triumphiert die Welt (oder auch die Gemeinheit).
Wer Sicherheit will, will eine Zukunft ohne Überraschungen (daher die große Bedeutung der Versicherungswirtschaft heute).
– In der Physik wird diese Sicherheit durchs Inertialsystem begründet,
– in der Gesellschaft durchs (kalkulierbare, das Eigentum und die Währung garantierende) Recht, in beiden Fällen durch Gesetze, unter die man alle möglichen Fälle subsumieren kann.
– In der Theologie soll das Dogma (das Bekenntnis und seine Logik) das gleiche leisten. Mit den Juden sollte nicht nur das eigene Gewissen, sondern auch die Idee einer zukünftigen Welt, die anders ist, vernichtet werden.
Begriffe wie Begegnung und Partnerschaft neutralisieren die kritische Potenz dessen, was Buber einmal die Ich-Du-Beziehung genannt hat. Zwei Bemerkungen dazu:
– die Ich-Du-Beziehung ist (nach Levinas) asymmetrisch; Ich und Du sind nicht gleichwertig;
– diese Asymmetrie gründet im Schuldverhältnis beider: das Ich konstituiert sich in der Übernahme der Schuld der Welt, in der Freisprechung des anderen, im Verzicht auf die falsche, durchs moralische Urteil: durchs Richten vermittelten Autonomie. Wenn Reaktionäre der Soziologie und Psychologie vorwerfen, daß sie zu Exkulpationszwecken genutzt werden, daß jeder sich darauf hinausreden könne, nicht er, sondern die Gesellschaft, die anderen seien schuld, so gründet das in der Umkehrung der Levinasschen Asymmetrie, zu der es keine Alternative mehr gibt; sie verwischen den Unterschied zwischen dem, was einer für sich selbst und was er für andere ist. Sie kennen kein anderes Sein als das Sein für andere.
Gegen Marx und Freud ist festzuhalten: Die Theorie und ihre aufklärerische Potenz ist nicht zu bestreiten; unwahr ist die Vorstellung, sie ließe sich – als Instrument der Revolution oder als Therapie – unreflektiert in Praxis überführen.
Der diabolos ist das Subjekt der Hegelschen List der Vernunft (der Mephisto Fausts). Er wirbelt die Richtungen durcheinander.
Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand: Wer das Moment der Verzweiflung in den Taten der raf begreift und insoweit Verständnis dafür aufbringt, setzt sich dem Vorwurf der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung aus. Hier wird das Verständnis für eine vergangene Tat mit der Aufforderung zu einer zukünftigen Tat verwechselt. Das rührt an den Grund der Gemeinheit.
Der Begriff „Straftäter“ paßt zum „Staatsanwalt“: Wo der Staat zum Prinzip der Anklage wird, wird die Tat zum Wesen des Täters und zum Subjekt der Strafe (in welchen Fällen definiert das deutsche Strafrecht Taten, und in welchen Täter? Iäter nur, wenn Tätermerkmale – z.B. die Gesinnung – eine Rolle spielen? In welchen Fällen spielen Tätermerkmale eine Rolle? Vgl. „Mörder ist, wer …“ – ? §§ 211 (2) StGB; ein Mord verletzt das Gewaltmonopol des Staates; das scheint vor allem den „Abscheu“ zu begründen, nicht der Tod des Opfers, dieser nur als instrumentalisiertes Mittel der Emotionalisierung).
Adam, der den Acker (den Schrecken) bearbeiten soll, wird in Tiefschlaf versetzt; aus seiner Seite wird Eva genommen (aus der rechten Seite? – Sitzt Jesus wirklich schon zur Rechten des Vaters, oder bedarf es dazu noch unserer Hilfe: der Nachfolge?).
Luthers Rechtfertigungslehre ist falsch, insoweit sie die Gottesfurcht leugnet (den Glauben von seiner Beziehung zu den Werken trennt). Damit hat er die Melancholie ins Christentum eingebracht, das saturnische Wesen. Folge ist die Ersetzung der Gottesfurcht durch die Herrenfurcht (und die Furcht vor der Welt; die Furcht des Herrn ist von der paranoiden Furcht vor der Welt nicht zu trennen: Ursprung der Idolatrie). -
02.11.91
„Kritik der toten Natur“: Hier wurde ein zentrales Thema der heute möglichen Naturphilosophie mehrfach verfehlt.
– Nicht „die tote Natur“, sondern ihr Begriff wäre der Kritik zu unterziehen (nicht das Proletariat, sondern das System, das es dazu macht).
– Die „tote Natur“, oder die Natur im Zustand der vollendeten Naturbeherrschung, ist ein Deckbild der toten Gesellschaft; und die notwendige Kritik beider schließt die Kritik ihrer Genesis: die der Herrschaftsgeschichte mit ein. Es gibt keine „tote Natur“ außerhalb der Naturbeherrschung und keine Naturbeherrschung ohne Herrschaft in der Gesellschaft.
– Wer die Erfahrungen der Opfer zum Sprechen bringen will, muß die stumme Erfahrungsschicht mit zum Sprechen bringen, die uns in der „äußeren Natur“ vor Augen steht. Ist die Natur stumm, weil sie tot ist, oder erscheint sie uns (zwangsläufig und ohne daß eine Alternative sich konstruieren oder benennen ließe) als tot, weil sie stumm ist?
– Man kann keine Herrschaftskritik betreiben, ohne die Geschichte der Naturbeherrschung und deren Objekt mit einzubeziehen.
– Begriffliche Schneisen schlagen: Gibt es eine Definition des Naturbegriffs? Die einfachste, auf die sich das Problem heute zu reduzieren scheint, ist die, die die Definition des Weltbegriffs mit einschließt: Der Begriff der Welt bezeichnet das Resultat des Säkularisationsprozesses, den Inbegriff der Herrschaftsgeschichte, dessen (in der hegelschen Philosophie sich begreifende) begriffliche Seite, der Naturbegriff im gleichen Prozeß die Objektseite (daher rühren die hegelschen Schwierigkeiten, die Natur als „Entäußerung der Idee“ zu fassen, die ihn dann zwingen zuzugeben, daß sie „den Begriff nicht halten kann“; die Natur kann ihn aufgrund der Logik ihres Begriffs nicht halten: das Objekt ist als apriorischer Gegenstand des Begriffs dazu verurteilt, den Begriff nicht halten zu können). Die Begriffe Welt und Natur sind außerhalb der Herrschaftsgeschichte ohne Bedeutung, sie bezeichnen in ihr die begriffliche (die Subjekt-) und die Objekt-Seite als getrennte Wesenheiten. Sie sind Totalitätsbegriffe, die den Herrschaftszusammenhang stabilisieren.
– Liegt es nicht in der Konsequenz der Dialektik der Aufklärung, die Beziehung zwischen der Geschichte der Naturbeherrschung und den geschichtlichen Katastrophen endlich wahrzunehmen (die moderne naturwissenschaftliche Aufklärung beginnt mit der Hexenverfolgung und endet mit Auschwitz)?
Das Urteil, die Ontologie (Natur und Welt) und der Turmbau zu Babel.
Der Übergang vom uneigentlichen zum eigentlichen Dasein bedarf in der Tat nur der Entschlossenheit, in der Sache sind beide nicht zu unterscheiden. Und damit scheint es zusammenzuhängen, daß der Begriff des Asozialen heute die Extreme der Gesellschaft trifft, nämlich sowohl die, die ganz unten, wie die, die ganz oben sind. Seit Kopernikus und Newton sind die ganz oben von denen ganz unten nicht mehr zu unterscheiden.
Heute traut sich niemand mehr, das Wort vom „beschränkten Untertanenverstand“ auszusprechen; dafür läuft die gesamte Politik sprachlich auf zwei Ebenen: es gibt den esoterischen Innenraum, in den niemand hineinblickt, der der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist, während der Bereich der Darstellung nach außen, der Öffentlichkeit, auf die von der Bekenntnislogik beherrschten Mechanismen der Massenkommunikation abgestellt ist.
Es hätten eigentlich alle erschrecken müssen, als in einem sozialdemokratischen Parteiprogramm der Begriff „Vertrauensbildende Maßnahmen“ auftauchte (und das in der gleichen Phase, in der von den Notstandsgesetzen und dem Radikalenerlaß über den Nachrüstungsbeschluß bis zur Terrorismusbekämpfung der Graben zwischen realer Politik und Öffentlichkeit vertieft, ausgebaut und befestigt wurde).
Es ist ein allgemein bekannter Grundsatz: Wer in der Politik mitmacht, macht sich die Finger schmutzig, und den Luxus, unschuldig zu bleiben, kann sich niemand mehr erlauben.
Das Gebot „Du sollst nicht lügen“ ist nur dort sinnvoll, wo die Sprache noch fähig ist, die Wahrheit auszudrücken. (Die Menschen wollen glauben, daß die Politiker die Wahrheit sagen, lieber verdrängen sie die Realität).
Die Physik schirmt die Natur ab gegen die Sprache.
Hat die Abfolge der drei Leugnungen eine Beziehung zur Trinität: erinnert die Selbstverfluchung nicht an die Sünde wider den Heiligen Geist? Entscheidend ist, daß das Hinter dem Rücken steigerungsfähig ist (bis hin zur Selbstverfluchung). -
24.10.91
Der Tag ist die Zeit des Wachseins, des Bewußtseins, die Nacht die Zeit des Schlafs, des Traums, des Unbewußtseins. Die Gesetze der Nacht sind die Gesetze der Physis.
Der GBA ist die objektivste – und deshalb die gemeinste -Behörde der Welt. Er ist Opfer jenes Sachverhalts, den Adorno so beschrieben hat: Die Welt gleicht sich immer mehr der Paranoia an, die sie zugleich falsch abbildet.
Ist den Tieren das Fell gewachsen, als sie von Adam benannt wurden, oder als den ersten Menschen die Augen aufgingen, „und sie erkannten, daß sie nackt waren“? Und hat mit der Erkenntnis der eigenen Nacktheit sich zugleich die Welt verdunkelt? Herrschaft rührt in der Welt an einen Punkt und an Strukturen, denen im Subjekt die Sexualität entspricht. Sexualaufklärung bleibt abstrakt, wenn sie nicht mit der Aufklärung dieses dunklen Punktes im Weltbegriff zusammengeht.
Die Dunkelheit draußen steht in Beziehung zur Dunkelheit drinnen. Und die Anatomie beginnt zusammen mit der Begründung der Astronomie (wie in der alten Welt die Leberschau mit der Astronomie bzw. Astrologie).
Hat Amalekiter etwas mit Melek zu tun? Woher kommen Gog und Magog, und was bedeuten die Agagiter?
Auschwitz ist nicht vergangen; die Vorstellung, Auschwitz sei vergangen, ist bekenntnislogisch begründet: sie gründet in der Vorstellung, daß die Taten von Auschwitz sich auf Gesinnungen, auf „Weltanschauungen“ zurückführen lassen (anstatt auf den aufgrund der Herrschaft der Bekenntnislogik unbegriffenen gesellschaftlichen Prozeß).
Wie ist die Geschichte vom Rotkäppchen und dem bösen Wolf und vom Wolf und den sieben Geißlein (Sternendienst)? Ist der Hund ein domestizierter Wolf oder der Wolf ein verwilderter Hund?
Die Widerspiegelungstheorie bezeichnet genau den Punkt, an dem der Marxismus in Mythologie umschlägt (das Bilderverbot verletzt).
Jesus hat schon das Hegel-Studium empfohlen: Seid klug wie die Schlangen.
Zur Neuen Jerusalemer Bibel (generell zur heutigen Theologie): Es ist eine schlechte Angewohnheit unserer Theologen, daß sie immer dann vorgeben zu wissen, was ein biblischer Autor mit einem Satz hat sagen wollen, wenn sie glauben, das reale, wörtliche Verständnis eines Satzes nicht akzeptieren zu können. Diese Wendung wird gerne gebraucht, wenn es darum geht, Schwierigkeiten wegzudiskutieren. Das Verfahren gleicht nicht zufällig dem in raf-Prozessen bei der Begründung unhaltbarer Urteile üblichen (wenn Richter vorgeben zu wissen, aus welchen Gründen Taten nur begangen worden sein können, wenn die wahren, nämlich die politischen Gründe nicht laut werden dürfen), auch dem in der Erziehung gerne angewandten Methode, mit der man Kindern Kritik abgewöhnt. Diesen Hintergrund hat die Theologie hinter dem Rücken des lieben Gottes.
Das Inertialsystem und die kantischen Formen der subjektiven Anschauung sind der Grund und der Stabilisator der Bekenntnislogik (und seiner Derivate, von der Wertphilosophie bis zur Weltanschauung).
Die Geschichte des Christentums ist vorbezeichnet in dem „et descendit ad inferos“. Und es hilft überhaupt nichts zu versuchen, sich diese Hölle zur heilen Welt zuzurichten.
Nochmal Sylvia Schröer: Das hebräische Wort für Machen, für den Begriff, der auch in der Schöpfungsgeschichte vorkommt, bezeichnet auch das Kränken, Beleidigen?
In welcher Beziehung steht die Geschichte des Militärs (der Produktion von Zerstörung) zu der der Banken (Parallelität der explosiven Vermehrung beider im 20. Jhdt.). -
23.10.91
Nach dem Herrschaftsauftrag an Sonne und Mond sollen diese „herrschen über die Zeiten“: damit aber auch über die Menschen, soweit sie den Zeiten unterworfen sind. Bedeutung der Astronomie und des Sternenkults!
Die Brüder von Braunmühl fragen nach dem Grund, der die „Terroristen“ zum Mord veranlaßt: Liegt er nicht in dieser (durchs Feind- und Frontdenken vermittelten und durch den realen, erfahrenen Feind: durch das Handeln des „Staates“ und seiner Repräsentanten verifizierten) Mechanik, die glaubt, ein Recht zu haben, dem Feind – und sei es prophylaktisch – das anzutun, was einem selbst angetan wurde oder was man erwartet, daß einem angetan werden wird (Real-Paranoia). Wahrnehmung durch die Brille des Kriegszustands (des „Ausnahmenzustands“, nach Carl Schmitt Bedingung der souveränen Entscheidung, des „Politischen“; Äquivalent bei Heidegger: die „Eigentlichkeit“) Konsequenz aus einem historischen Wiederholungszwang.
Richten sich das Bilderverbot und der Kampf gegen die Idolatrie generell gegen die Hypostasierung von Prädikaten (gegen die Ontologie, die genau das leistet und absichert, damit aber das „Verandern“, die Konstituierung des Objekts und die Vernichtung des Namens: und somit den Ursprung und Grund der Gemeinheit, unkritisierbar macht)? -
20.10.91
Die Reversibilität der Richtungen im Raum (Raum als Form der Gleichzeitigkeit, nicht der Gegenwart; Form der Vergangenheit) verdankt sich der Trennung von Raum und Zeit und hat die Abspaltung der Materie zur Folge (Systemcharakter: Inertialsystem); und die drei Bestimmungen Raum, Zeit und Materie reflektieren sich Raum als drei Dimensionen: Korrektur nach dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit?
Gibt es Völker, Nationen im modernen Sinne (die Konstitutierung der Welt durch Verankerung des Rechts im Subjekt, die Fähigkeit zum moralischen Urteil), vor der Verinnerlichung des Schicksals, der Einführung der Bekenntnislogik, der Etablierung des Inertialsystems (Geldwirtschaft, Astronomie, Monotheismus): vor dem Ursprung des Herrendenkens (Staat, Welt und Natur)?
Gemeinheit: Hegels „List der Vernunft“ oder die Nutzung des Falls als Falle (von der Struktur des Raumes über das Heucheleisyndrom der Bekenntnislogik als Grundlage der Juden-, Ketzer-und Hexenverfolgung und des Inquisitionsverfahrens bis zum „Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand“).
Wäre Gemeinheit ein strafrechtlicher Tatbestand, müßte die Lohnarbeit verboten werden.
Im Kronzeugenverfahren enthüllt sich das Wesen des Staates: er will den Komplizen und den Verrat. Schon im Inquisitionsverfahren (das in der Beichte – gleichzeitig mit dem Zölibat und der Durchsetzung des Fegefeuers – sozialisiert wurde) wurde tätige Reue als Unterdrückung des Gewissens, als Komplizenschaft und als Verrat verstanden: blasphemischste Gewalt war die Grundlage der sakramentalen, exkulpierenden Kraft (Zusammenhang mit der Individualisierung der Schuld und dem Personbegriff, Grund der verwalteten Welt). Referenzsystem wurde eine Moral, die an die Stelle der politischen Kritik (die ihr Maß am prophetischen Votum für die Armen und die Fremden, an der Idee der Gerechtigkeit und des Friedens hat) die Sexualmoral (die Ängste des erschreckten Subjekts, Produkt der Verinnerlichung und Vergeistigung des Terrors) ins Zentrum rückte. -
18.10.91
Die ersten Gefangen waren Gefangene aus Kriegen oder Gefangene im Rahmen der Schuldknechtschaft.
Sind die himmlischen Heerscharen die Wasser oberhalb des Firmaments?
Der cäsarische Weltbegriff im Rahmen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation unterscheidet sich vom davidischen, der in den Königstraditionen, insbesondere in England, erhalten geblieben ist. Der davidische Weltbegriff enthält das reflektorische Moment in der Selbstbezeichnung der Hebräer, während der cäsarische Weltbegriff das projektive Moment in der Fremdbezeichnung der Barbaren enthält (zusammengefaßt in der Selbst- und Fremdbezeichnung der Deutschen, die sich nur noch als Barbaren verstehen: die Zivilisation wird durchs Ausland vertreten, deshalb die Ausländerfeindschaft – um die Last der Zivilisation endlich abwerfen zu können).
Das Römische Reich ist sowohl von innen, durch die Krise des Latifundiensystems, als auch von außen, durch den Barbareneinfall, zugrunde gegangen.
Aufarbeitung von Wut in Zorn, oder Rückgewinnung der prophetischen Kraft (die prophetische Kritik der Idolatrie war Staatskritik: seitdem gehören Staatskritik und Kunstkritik zusammen: der Begriff des Schöpferischen in der Kunst ist ein Reflex der Weltschöpfung durch den Staat).
Die Bäume sind der manifeste Ausdruck des Kampfs gegen die Schwerkraft und des Strebens zum Licht. Was bedeuten vor diesem Hintergrund der Baum der Erkenntnis und der des Lebens? Der Kampf gegen die Schwerkraft ist der Grund für die Verstockung der Bäume, während das Streben zum Licht ihr alljährliches neues Leben begründet.
Es gibt kein Bekenntnis ohne Totenkult: das ist der Grund für die Pyramiden wie für die Mausoleen im staatskapitalischen Sozialismus und nicht zuletzt für die christliche Trinitätslehre (die Vergöttlichung Jesu und deren säkularisierte Gestalt im modernen Naturbegriff) wie für den Zusammenhang von Heiligenverehrung und Reliquienkult.
Die Verfluchung nach dem Sündenfall ergeht direkt nur an Adam, während sie an Eva zusammen mit der messianischen Verheißung ergeht (um aus Adam etwas Brauchbares zu machen, muß man ihn in Tiefschlaf versetzen und ihm ein Stück aus seiner Seite herausnehmen).
Die Bedeutung der Hegelschen Philosophie liegt darin, daß sie das Moment der Vergegenständlichung am Begriff (Vergegenständlichung des Begriffs und des Objekts) herausgearbeitet (und zur Grundlage der Dialektik gemacht) hat. Nur daß Hegel dann am Ende die Partei des Begriffs (der Vergegenständlichung als Voraussetzung und Sinnesimplikat der „Wissenschaftlichkeit“ seiner Philosophie gegen die Unmittelbarkeit: die Partei der Entfremdung) ergreift. Die „Trunkenheit“ des Absoluten ist die notwendige Folge daraus.
In einem Zug, der auf den Abgrund zubraust, hilft es wenig, sich über einen Schaffner zu beschweren, der einen wegen Fahrens ohne gültigen Ausweis belangen will. Die Gemeinheit reizt zweifellos und nicht unbegründet zur Empörung. Aber angesichts der Gesamtsituation wäre diese Empörung völlig unangemessen; insbesondere würde sie an der Situation nichts ändern: Der Zugführer ist besoffen; Frage, ob es nicht möglich ist, gemeinsam mit dem Schaffner den Zugführer aus dem Verkehr zu ziehen und den Zug mit Mitteln, die Aussicht auf Erfolg haben, jedenfalls die Katastrophe nicht beschleunigen, zum Halten zu bringen. Es gibt Situationen, in denen es auf die Wirkung und nicht aufs Rechthaben ankommt.
Das Christentum studieren, weil nur so die Verführungsmechanismen sich bestimmen lassen (Bekenntnislogik; Empörung und moralisches Urteil; Feinddenken und Ausgrenzung von Verrätern; Christologie und die Vergöttlichung des Opfers: Natur- und Staatsmetaphysik; Materialismus als Ideologie und Totenkult; Trinitätslehre, Dialektik und Gemeinheit: Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang; Religion als Blasphemie: Atheismus und das Fortleben von Auschwitz).
Die sogenannten Terrristenprozesse sind genau an jener empfindlichen Stelle installiert, an der das offizielle Christentum und das Rechtssystem (die beide über den Bekenntnis- und den Personbegriff verbunden sind) sich gegen ihre kritische Selbstaufklärung abschirmen. Die Grundlage, daß Schuld sich individuell muß festmachen lassen, die den Vorteil hat, daß sie Kirche und Recht exkulpiert, kann sich gegen den Schuldvorwurf nur wehren, wenn sie ihn qua Kollektivität (über die „gerichtskundigen“ eigenen Vorurteile) in den Gegner hinein(zurück-)projiziert. Auch wenn Mord kein Mittel der Aufklärung ist: Gemeinheit ist ungeeignet, zur Herstellung des Rechtsfriedens beizutragen. Beide Seiten unterliegen der gleichen Verblendung. -
17.10.91
Nach Lapide sind die Schweine im NT die Römer (Jesus, das Geld und der Weltfrieden, S. 55ff).
Die Terrorismus-Prozesse ab Abbild des Verhältnisses Staat, Welt, Natur (Ankläger, Urteil, Angeklagter): Ausschluß der Verteidigung, Unkenntlichmachen der Gemeinheit (kein strafrechtlicher Tatbestand: diese Welt ist gemein, und wer in ihr überleben will, muß sich gemein und andere „fertig“ machen; Inkorporation der Sünde wider den Heiligen Geist). – Karl-Heinz Dellwo, Knut Folkerts und Lutz Taufer zitieren in ihrer Erklärung vom 04.10.91 Primo Levi: „Genie der Zerstörung“, groß in der „Antischöpfung“, nannte Primo Levi dieses deutsche Wesen. (Angehörigen Info 77 vom 11.10.91)
Jeder Mord ist ein Brudermord: Im verhaßten Bruder hassen und morden wir uns selbst. -
14.10.91
Terror von rechts, der nur die zufällig davon betroffenen Opfer bedroht, wird als Naturkatastrophe wahrgenommen, Terror von links als Angriff auf Staat, der alle bedroht.
War die Venus-Katastrophe selbst nur der mythologische Ausdruck einer gesellschaftliche Naturkatastrophe, oder war sie eine reale Naturkatastrophe, für die die gesellschaftliche den Resonanzboden geliefert und bereitgestellt hat?
Bemerkung zum Begriff Kaufkraft (welches Firmament trennt welches Wasser von welchem Wasser?): bezeichnet Verfügungsgewalt über die Arbeit anderer (des Produzenten und des Verkäufers: der Kunde ist König), Teilhabe am Gewaltmonopol des Staates. Kauforgien sind Rituale der Einübung und Selbstvergewisserung des Herrendenkens (Kopernikus‘ Geldtheorie prüfen). Test der Grenzen der Zumutbarkeit: Funktion der Metropolen (Herstellung der Unbewohnbarkeit). Einkaufszentren und Bank-Hochhäuser: jene liegen außerhalb der Wohnviertel, diese zerstören Wohnviertel.
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie