Gesellschaft

  • 13.10.91

    „Ihnen ist jedes Mittel Recht?“ oder „Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand“: Die Tendenz, mit der in den sogenannten Terroristen-Prozessen Verteidiger zu „Organen der Strafrechtspflege“ gemacht wurden, gehorcht der gleichen Bekenntnislogik, mit der der Bundeswehr ein „Verteidigungsminister“ vorsteht: Sie zielt – ebenso wie die übrigen begleitenden Maßnahmen von der Isolationshaft bis zur Kronzeugenregelung, und von der Kollektivhaftung aller Mitglieder für die Taten einer „terroristischen Vereinigung“ bis zur schlichten Leugnung und Verdrängung des politischen Hintergrunds – darauf ab, Verteidigung abzuschaffen, weil hier der absolute Feind gesehen wird. Insoweit gleicht der gesamte Komplex der Tradition des Antisemitismus; nur daß hier geschickter, als es die Nazis konnten, die nicht mit einer Niederlage gerechnet hatten, die „Wahrheit“, die sich aus dem vermeintlichen Staatsinteresse definiert, das selber nur noch aus einer zugrunde liegenden Paranoia sich erklären läßt, durch rigorose Beherrschung der Beweismittel im ganzen Verfahrensbereich, insbesondere auch schon im Vorfeld, unwiderlegbar gemacht werden soll. Das Verfahren weckt Bedenken gegen Meldungen wie denen,
    – daß nach den Aussagen von Susanne Albrecht (die ein begründetes Interesse daran hatte, der Bundesanwaltschaft genehme Aussagen zu machen) Zweifel an der Selbstmordthese hinsichtlich der Stammheimer Häftlinge endgültig ausgeräumt werden konnten, oder
    – daß der Barschel-Brief an Stoltenberg sich jetzt als Stasi-Fälschung herausgestellt habe.
    Diese Bedenken mögen unbegründet sein; aber was man hier (und bei Bakker-Schut) erfährt, untergräbt die Glaubwürdigkeit der politischen und staatlichen Institutionen in diesem Lande (den Begriff und die Idee des Rechtsstaats) und damit ihre Legitimation in den Köpfen der Bürger, die bereits soweit sind, anzunehmen, das sei halt so, und damit müsse man rechnen und sich abfinden, weit mehr als es die terroristischen Taten selber je vermochten (verhängnisvollstes Erbteil der Kirchen). Sind nicht die wahren Staatsfeinde jene, die den Staat und seine Institutionen so mißbrauchen?
    Gemeinheit, Bekenntnis, Selbstgetthoisierung: Thesen sind dann keiner sachlichen Bestätigung oder Widerlegung mehr bedürftig, wenn sie entweder „offenkundig“ sind (d.h. dem eigenen Bekenntnis konform sind) oder vor jeder Prüfung sich einem Feindbekenntnis zuordnen lassen (dann ist die Wahrheit oder Unwahrheit nicht zu ermitteln, da davon auszugehen ist, daß sie nur der Selbstbestätigung des Fremdbekenntnisses dient, dieses aber aus übergeordneten Gründen als falsch, gefährlich o.ä. anzusehen ist). Grund ist – insbesondere im Rechtsstreit – eine im positivistischen Rechtsverständnis begründeter instrumentalisierter (und deshalb dezisionistischer) Wahrheitsbegriff (wie in der Physik ist der Objektivismus vom Instrumentalismus nicht zu trennen). Aus dem gleichen Grunde bedarf die rechtlich festgestellte Wahrheit schon aufgrund ihrer Urteilsform der Sanktion. Das Gewaltmonopol des Staates bezieht sich primär auf das Recht zu strafen, und d.h. auf das Recht, die Wahrheit von Urteilen mit Gewalt durchzusetzen. Die Logik des Rechts ist die Bekenntnislogik; ihr Ziel ist der Rechtsfrieden, der erst mit der allgemeinen Anerkennung des Gewaltmonopols des Staates hergestellt ist; und die Vorstellung, daß die Rechtslogik (als Urteils- und Straflogik) auch auf die Handlungen derer angewandt werden könne, die selber Herren des Rechts sind, ist illusionär. Deshalb bedarf eine an der Idee der Gerechtigkeit orientierte Rechtspraxis vor allem
    – der Sicherung der Verteidigerrechte,
    – der Fähigkeit des Richters zur Identifikation mit dem Angeklagten,
    – der Kritik der herrschenden Staatsmetaphysik (der Ankläger ist kein Staatsanwalt).
    Gemeinheit und Staatsmetaphysik:
    – Gewalt wird anders definiert je nachdem, ob es sich um Vergewaltigung oder um „Nötigung“ bei gewaltfreien Sitzblockaden handelt;
    – Staatsanwalt (Staat als Prinzip der Anklage, als institutionalisierte List der Vernunft), computerlesbarer Personalausweise und Ausweitung der Fahndungs- und Ermittlungstechniken, die darauf basieren, daß jeder Bürger ein potentiell Verdächtiger ist, als Bürger aus dem Bann der Anklage nicht mehr herauskommt;
    – Staatsmetaphysik als Technik-Metaphysik: Grund ist die Personalisierung (der Rechtsbegriff der Person), die im Weltbegriff in der Materialisierung sich ausdrückt (im Rahmen der Staatsmetaphysik vertritt die Natur den Bereich des Angeklagten, die Welt den des richtenden Urteil).
    Gemeinheit ist eine Überzeugungstat. Sie ist eine zwangsläufige Konsequenz des Staatshandelns.
    Gemeinheit und die Kohlsche Dementipraxis: Kohls Satz, daß dieser Staat nicht ausländerfeindlich ist, ist genau der Grund der Ausländerfeindlichkeit. Er verhindert nicht die Aktionen, auf die sie als Dementi sich bezieht, sondern er verhindert nur das Aussprechen der realen Erfahrung von Ausländerfeindlichkeit, stigmatisiert den, der nicht verdrängen kann, als pathologisch oder bösartig (staatsfeindlich). Und das ist genau der Zweck dieses und vergleichbarer Dementis, deren Technik Kohl am besten beherrscht; und alle fallen darauf seit Jahren herein.
    Gemeinheit und die Struktur des Vorurteils, Gemeinheit und Mechanik (Funktion der Hegelschen List und der Reflexionsbegriffe: die Hegelsche Vernunft ist eine, die selber das Opfer der Vernunft fordert, es in sich enthält und aufgehoben hat; dieses Opfer der Vernunft – oder die Zerstörung des Antlitzes – ist der Grund für die Trunkenheit des Hegelschen Absoluten).
    Wenn den Armen das Bewußtsein der Armut und sein öffentlicher Ausdruck genommen wird, weil heute die Herrschenden (nach dem Vorbild der Kirchen) ihrer Schuld nicht anders als durch Selbstmitleid (durch Leugnung) glauben Herr werden zu können, das ist gemein (Grund in der Konstruktion der Welt). Was heute nicht selten tragisch (ein Prädikat, das immer schon eine Selbsterfahrung der Herrschenden bezeichnete) genannt wird, ist imgrunde gemein.
    Die Anwendung mythischer Begriffe auf gegenwärtige Erfahrungen scheitert daran, daß an die Stelle des unaufgeklärten Schicksal heute die imgrunde nur noch pathologische Gemeinheitsstruktur getreten ist, die sich gerne in mythische Gewänder kleidet. So glaubt sie, der Kritik sich entziehen zu können.
    BKA (oder GBA?): die „objektivste Behörde der Welt“: das schließt Gemeinheit nicht nur nicht aus, sondern bezeichnet genau ihren Grund.
    Staatsmetaphysik (und die ihr korrespondierende Idee des Rechtsstaats) ist der Grund für die Struktur und die Tendenz politischer Prozesse: Der Staat kann nur aufgrund einer abgrundtiefen Bosheit angegriffen werden, und er kann nur von links angegriffen werden (Angriffe von rechts beeinträchtigen nur „das Ansehen unseres Rechtsstaates im Ausland“). Der politische Charakter der Prozesse gegen Linke kann nur (reflektiert und) anerkannt werden, wenn man bereit ist, auf die Staatsmetaphysik zu verzichten, die aber erforderlich ist, um das „Weltbild“ (bis hinein in die Naturwissenschaften) zu begründen und zu stabilisieren. Die Totalitätsbegriffe Natur und Welt sind nur im Rahmen der Staatsmetaphysik zu halten; und wer sie akzeptiert, akzeptiert zugleich (wie links er sich auch verstehen mag) diese Staatsmetaphysik, die dann im Gewaltkonzept (und im stalinistischen Rechtsverständnis) sich ausdrückt (Ausdruck der Sünde wider den Heiligen Geist).
    Gibt es einen Zusammenhang des erweiterten noachidischen Nahrungsgebot (das nicht mehr vegetarisch ist wie das paradiesische) mit den Kerubim und dem kreisenden Flammenschwert nach der Vertreibung aus dem Paradies und der Bedeutung des Regenbogens nach der Sintflut?

  • 11.10.91

    Kann es sein, daß in dem gleichen Prozeß, in dem die Natur für uns zur Rückseite ihrer selbst geworden ist, dahinter Gottes Angesicht sich bildet, Er sich mit sanftester, aber zunehmender Gewalt manifestiert und nur deshalb nicht wahrgenommen wird, weil die Umkehr, die uns sein Antlitz enthüllen würde, unerträglich scheint; „Du kannst mein Angesicht nicht sehen, denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben“ (Ex 3320).
    Jakob/Israel hat „Elohim von Angesicht zu Angesicht gesehen“ (Gen 3231), während Moses die Herrlichkeit Jahwes nur von hinten sehen durfte (Ex 3218ff).
    Ich habe einmal vor der Entscheidung gestanden, zum Judentum überzutreten, habe es dann aber nicht getan, weil ich den Versuch für unzulässig hielt, dem objektiven Schuldzusammenhang, unter dem ich als Deutscher und Christ stand, dadurch zu entgehen, daß ich von der Täter- auf die Opferseite wechselte. Aus diesem Grunde bin ich in der Kirche geblieben.
    Das Gravitationsgesetz bezeichnet ein Gesetz im Inertialsystem. die Lichtgeschwindigkeit bezieht sich auf eine Erscheinung im Inertialsystem. Der leere Raum ist nicht nur der von Materie, sondern auch der gegen die Fallkraft und gegen das Licht leere Raum (weder dunkel noch hell).
    Das Inertialsysatem ist das Bezugssystem, das Referenzsystem, in dem sich
    – die physikalischen Begriffe definieren,
    – die physikalischen Erscheinungen auskristallisieren und
    – in dem die physikalischen Gesetze herrschen.
    Wenn man es an irgendetwas merkt, daß wir die Täter von Auschwitz sind, dann an der verhängnisvollen, alles vergiftenden Gewalt der Exkulpierungssucht: Alle suchen eine Art natürliche Unschuld wiederzugewinnen, die es im Kontext von Staat, Welt und Natur nie gegeben hat.
    Das pfingstliche Sprachwunder bezieht sich eindeutig auf die Verwirrung der Sprachen beim Turmbau zu Babel; und wenn diese mit der Trennung von Herren- und Sklavensprache zu tun hat, so müßte jenes eigentlich die reale Versöhnung beider vorwegnehmen.
    Der parvus error in principio ist sowohl der Grund, aus dem die Häresien erwachsen sind, als auch der Grund der Selbstverblendung der Kirche.
    Theologie ohne Ansehen der Person treiben, heißt die Trinitätslehre kritisieren.
    Wenn Marx, Freud und Einstein die drei Patriarchen der neuen Theologie sind, wer sind dann die zwölf Söhne Israels?
    Über das, was Hegel selber die List der Vernunft nennt, wird der Schein erzeugt, aus dem dann das Wesen und der Begriff hervorgehen. Diese List, dieser Schein, dieses Wesen sind die Grundlagen der Philosophie des Begriffs. Zentral sind die Reflexionsbegriffe; zu erläutern wäre deren Zusammenhang mit dem Inertialsystem (über die Kantischen Formen der Anschauung und die Antinomien der Vernunft). Nicht zufällig begreift Hegel diese List (und das darin versteckte Moment der Gewalt) als ein wesentliches Moment der Technik, der Maschine. Diese List ist eine objektive List (und die Gemeinheit eine objektive Gemeinheit); Kant hat sie, ohne es zu bemerken, mit den subjektiven Formen der Anschauung in die Philosophie eingeführt (oder aus ihrem begrifflichen Wesen, aus der Trennung von Begriff und Objekt, herausgelesen: ihre Folgen hat er in den Antinomien der Vernunft bezeichnet). Das Resultat war das Reich der Erscheinungen (des gesetzmäßigen Zusammenhangs des Scheins), durch das der Weg zu den Dingen an sich zugleich versperrt war. Grund dafür, daß dieser Zusammenhang bis heute nicht durchschaut werden konnte, war
    – die theologische Besetzung des Bekenntnisbegriffs (deren gegenständlicher Ausdruck die Trinitätslehre und die Opfertheologie ist) und
    – die bis heute unbegriffene Bedeutung des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit.
    Die Sonne, die die Dinge bescheint, erzeugt sie nicht.
    Auch der kirchliche Antijudaismus rührt an den Augapfel Gottes (deshalb benötigte die Kirche die trinitarische Maskerade, den Personbegriff in der Trinitätslehre).
    Der Begriff des Scheins, substantiell geworden im kantischen Begriff der Erscheinung, läßt auch die kopernikanische Wende und die newtonsche Gravitationstheorie nicht unberührt. Auf einen einfachen Nenner gebracht: Hier wird die Nachtansicht der Welt auf den Tag übertragen (kann es sein, daß sich Nacht und Tag unterscheiden wie Jahwe und Elohim, und wie die Hebräer und die Israeliten?).
    Der Unterschied zwischen CDU- und SPD-Politikern ist der zwischen Profis und Laien-Darstellern, wobei man einfach sehen muß, daß ein Kohl das Instrumentarium der Gemeinheit besser beherrscht als ein Vogel, Lafontaine oder Engholm (Engholm hatte nur das zweifelhafte Glück, Opfer eines CDU-Laienschauspielers zu werden; aber das macht ihn noch nicht zum Profi).
    Wodurch unterscheidet sich die Luft vom Wasser (das Gasförmige vom Flüssigen: Beziehung zum Raum: Volumen beim Flüssigen unabhängig, bei der Luft abhängig vom Druck)? Gibt es eine mikrophysikalische Theorie des Flüssigen (in Analogie zur thermodynamischen Gastheorie und zur Festkörperphysik)?
    Wasser und Schuldzusammenhang: Wasser nicht geschaffen; Medium des Chaos (des Chaos-Drachens); Trennung durchs Firmament (Drachen oben und unten); Sintflut; Schöpfung des Himmels und der Erde/ Sch. d. H., d. E. und des Meeres; am Ende wird das Meer nicht mehr sein. – Thales: Ursprung von allem ist das Wasser; Schuldzusammenhang flüssig (Verschiebung, Projektion).

  • 8.10.91

    Unterscheidet sich die neue Welt von der alten dadurch, daß wir uns (wie nach Newton der Kosmos insgesamt) dem Fallgesetz unterordnen, während die Alten ihm nur unterlegen sind (der Zerfall der Sprache hängt damit zusammen)? Die Abfolge der Reiche im Danielschen Bilde geht von oben nach unten, und nicht, wie wir unbewußt erwarten, von unten nach oben. Gibt es nicht einen Hinweis, daß auch die Musik anders erfahren wurde (Melodie in der tiefen Stimme, Begleitung in der Oberstimme)? Hängt hiermit die u.a. auch die (nach unserem Geschmack barbarische) Bemalung der Statuen zusammen, während wir auf die „Harmonie“ von Form und (nach Möglichkeit „edlem“) Material abstellen, auf das, was heute Echtheit und Authentizität heißt? Die moderne Welt hat im Kampf gegen die Idolatrie schlicht kapituliert. Deshalb erscheint sie wie in einen Sturz, in einen Strudel hereingerissen, in dem nur noch eine Niedertracht die andere zu übertrumpfen scheint und am Ende die Gemeinheit siegt. So bleibt als Alternative in der Tat nur noch die Umkehr.
    In der alten Welt suchten die Menschen (auch die Herrschenden) in der Stadt, im Staat, Zuflucht; Entlastung, Exkulpation brachten die Götter, die Opfer, der Kult. Religion und säkulare Welt waren nicht zu trennen, Religion ein Stück Herrschaftstechnik. In der neuen Welt ist das alles, ist der gesamte Herrschaftsapparat verinnerlicht worden; Herrschaft liefert ihre eigene Exkulpation (jedenfalls nach außen) gleich mit, wird – nach Absicherung durch den transzendentalen Apparat, durch die „Gemeinheitsautomatik“ – unangreifbar: das ist das Wesen der westlichen Zivilisation. Katalysator dieses historischen Prozesses war das zur Herrschaftsreligion verkommene („Bekenntnis“-)Christentum.
    Die Darstellung der Nacktheit in der Geschichte der Kunst (nach der Vergesellschaftung des Herrendenkens ist nur noch die Vermarktung der nackten Frau möglich) scheint damit zusammenzuhängen. Der nackte Mann in der griechischen Kunst (und bei den alten Olympischen Spielen): Welches Selbst- und Fremdverständnis (welches „Körpergefühl“) liegt dem zugrunde, wie hängt das mit dem Kosmosbegriff, mit dem Mythos, dem Begriff des Helden und der Schicksalsidee zusammen? (Grund des jüdischen Bilderverbots: Verbot der Selbst- und Fremdobjektivierung; sie verletzen das Recht des Angesichts.)
    „Und sie erkannten, daß sie nackt waren“: Nach der Erkenntnis des Guten und des Bösen sahen sie sich zum erstenmal „von außen“, gegenständlich (auch von vorn hinter dem Rücken). Die Scham und der Schutz durch die Kleidung (Schutz der Privatsphäre ist Schutz der Scham, die heute vom Tratsch, von den Medien bis hin zu den staatlichen Ermittlungsbehörden und Nachrichtendiensten, die insgesamt obszön sind, so unwiderruflich verletzt wird; im Islam schützt die Frau auch ihr Antlitz): vor diesem Hintergrund wird der Zusammenhang von Zeugung und Erkennen (Kain und Set; Bedeutung der toledot: der Genealogien und des Sechstagewerks; Trinitätslehre) vielleicht ein wenig verständlicher. Obszön ist auch das Inertialsystem: es bringt das Antlitz zum Verschwinden (Zusammenhang von Porträt und Perspektive; Naturwissenschaft, Hexenverfolgung und Auschwitz).
    Wie verhält sich das „Vom Kopf zu den Füßen“ zum „Von der Sohle bis zum Scheitel“ (vgl. Silvia Schroer, auch Marx, der Hegel vom Kopf auf die Füße stellen wollte, und Büchners Lenz, der auf dem Kopf gehen möchte).
    Drei Voraussetzungen des Inertialsystems:
    – das Relativitätsprinzip,
    – die Neutralisierung der Schwerkraft,
    – die Trennung des Raumes vom Licht und von der Materie, die Vorstellung des leeren Raumes, in den das Licht und die Materie „von außen“ hereinkommt (ambivalent: der Raum ist sich selbst äußerlich).
    Ist das Firmament der Sternenhimmel (der Nachthimmel) oder der azurne Tageshimmel (der die Sterne verdeckt)? Am Tageshimmel gibt es außer der Sonne den zu- oder abnehmenden Mond und den Morgen- oder Abendstern.
    Wieviel Könige gibt es von Saul bis zum Ende des Königtums in Israel: 3 + 17; Juda: 3 + 20? Und in welcher Beziehung stehen Saul, David, Salomon zu Abraham, Isaak, Jakob? Ist die Geschichte der Könige eine „Umkehrung“ der Genealogie?
    Ist Stalin nicht der Hammer, und heißt er nicht Josef?

  • 25.09.91

    Umkehr heißt bei Adorno „bestimmte Negation“, und die negative Dialektik ist nichts anderes als der Versuch, das bis zu dem Punkt, den er im letzten Stück der „Minima Moralia“ bezeichnet hat, zu vollziehen.
    Der staatskapitalistische Totenkult bei den Ägyptern und in der Sowjet-Union ist der verzweifelte Versuch, die sterblichen Retter (die Wohltäter des Vaterlands) zu verewigen (Vergleich mit der christlichen Vergöttlichung Jesu). Rettung aber kann nur das gemeinsame Werk aller sein.
    Adonai: mein Herr, wird zum „Herrn über Personen“ durch Vergegenständlichung (oder durch den Vergleich mit Baal, der als „Herr über Sachen“ verstanden wird: deshalb Prinzip der Idolatrie: Verdinglichung des Herrn durch Verdinglichung der Sachen, wechselseitige Instrumentalisierung).
    Ist Sarai (meine Herrin, Sara: Herrin) eine Parallelbildung zu Adonai? Und ist Sarai deshalb unfruchtbar, weil in der matriarchalischen Sarai noch die Erinnerung ans Paradies wach ist, in der es noch keine Zeugungen und keine Schmerzen der Geburt gab?
    Wenn die Planetenbahnen Ellipsenbahnen sind, welche Konstellation ergibt sich dann aus der Zusammenstellung der zweiten Brennpunkte (die nicht in der Sonne liegen)?
    Die Geschichte der Astronomie fällt mit der Geschichte der Struktur der Herrschaft zusammen. Das Rätsel beider ist nur gemeinsam zu lösen. Ist dieses gemeinsame Rätsel das Rätsel Simsons:
    „Vom Fresser kommt Speise, vom Starken kommt Süßes“ (Ri 1414)?
    Hat der „Triumph der Ironie“ hier seine logischen Ort (Zusammenhang mit dem Namen Isaak)?
    Was für eine Bewandtnis hat es damit, daß auf das Buch Josua das Buch der Richter folgt und darauf die Königsgeschichte (die beiden Bücher Samuel: Saul, David, Salomo; die Bücher Könige und Chronik)? Handelt es sich nur um eine chronologische Folge, oder sind die Beziehungen anderer, kompositorischer Art?
    Zum Konzept: Beginnen mit dem Begriff einer objektiven Verdrängung, mit seiner objektiven gnoseologischen Bedeutung? Anzuwenden auf den transzendentallogischen Erkenntnisbegriff (Naturwissenschaft; Objektivation und Instrumentalisierung; Bekenntnislogik und Realitätsprinzip). Der Fortschritt der naturwissenschaftlichen Aufklärung ist die Kehrseite eines gesellschaftlichen Verdrängungsprozesses. Es gibt Gründe dafür, anzunehmen, daß der heute herrschende Objektivitätsbegriff psychose-ähnliche Strukturen aufweist (Rückfall hinter den Ödipus-Komplex), mit eindeutig selbstzerstörerischen Tendenzen. Grund der Notwendigkeit von Erinnerungsarbeit, die auf vorzivilisatorische Phasen der Subjektbildung zurückgreift.

  • 24.09.91

    Die Unterscheidung zwischen primären und sekundären Sinnesqualitäten ist Ausdruck des Klassengesellschaft: Das, was nicht in den Herrschaftsbereich des Tauschprinzip hineingezogen worden ist, ist nichts.
    Der Ursprung des Begriffs der Barbaren gehorcht dem gleichen Sprachgesetz wie der der Materie. Und beides hängt damit zusammen, daß
    a. die Vorstellung eines namenlosen Objekts (im Zusammenhang mit dem Realitätsprinzip und dem der Selbsterhaltung) sich bildet und
    b. die Sprache ihre benennende Kraft tendentiell verliert (Verwirrung der Sprache).
    Kann es sein, daß die Pluralbildung Himmel zu Elohim und die Singularbildung zu Jahwe gehört. Oder kann es sein, daß in der Stammesvorstellung des Gottes wie im Selbstbewußtsein des Stammes selbst die Kollektiv- und die Individualvorstellung noch ungeschieden ineinander sind, beim Götzendienst in die reine Pluralität auseinanderfällt und nur im Monotheismus zum Individuationsprinzip sich fortentwickelt. Ist der Plural majestatis ein letztes Echo der Elohim und des Stammesbewußtseins?
    Die Grenze zwischen der Stammesgeschichte und der beginnenden Staatenbildung verläuft über das Institut des Privateigentums. In der Religionsgeschichte scheint sich das darin auszudrücken, daß der (gleichsam zur Privatperson) individualisierte Gott auch sein Eigentum braucht: das Volk. dessen Gott er ist.
    Das Inertialsystem, Grundlage der Mechanik, setzt die Abstraktion von der „Schwerkraft“ voraus; aber diese Abstraktion ist ein Definitionselement des Systems, in dem sie dann überhaupt erst sich bestimmen läßt. Das Inertialsystem ist das Referenzsystem des Gravitationsgesetzes und setzt seine Bestimmung zugleich voraus. Hier ist der erste Fall, in dem eine Erscheinung im System zu den Konstitutionsbedingungen des Systems selbst gehört (selbstreferentielle Beziehung oder wechselseitige Konstitution der Erscheinung und des Systems). Das Abstraktion vom Fall, die mit der Formulierung des Gravitationsgesetzes gelingt, gehört mit zu den Konstituentien des reinen Inertialsystems. Hier ist der erste selbstreferentielle Bezug, in dem sich das Inertialsystem durch Relativierung absolut setzt. (Fällt Newtons Entdeckung des Gravitationsgesetzes in die Phase der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals?)
    So, wie die Abspaltung des Gravitationsgesetzes zur Konstitution des Inertialsystems, gehört im Ursprung die Abspaltung der Mathematik zur Konstituierung der Sprachlogik der Herrensprache, des Herrendenkens.
    Ist der Gott, der beim Turmbau zu Babel erscheint und eingreift, nicht doch selber der Gott, der sein will wie Gott und es nicht erträgt, wenn andere es auch sein wollen?
    Die wirliche tote Sprache ist die Mathematik (deshalb ist sie eine rein prädikative Sprache; eine prädikative Sprache, in der der temporale Sinn des Verbums zerstört wurde und untergegangen ist in der reinen Vergangenheitsform: deshalb gibt es in der Mathematik kein Subjekt im grammatischen Sinne; an seine Stelle ist das namenlose Objekt getreten).
    Gibt es einen Zusammenhang zwischen der ersten Staatenbildung, Idolatrie und Opfer, Tempelwirtschaft, Schuldknechtschaft und Ursprung des Geldes, Astronomie und Sternendienst, Hieros gamos und Tempelprostitution.
    „… der zieht sich das Gericht zu, indem es ißt und trinkt“ (1 Kor 1129): die Eucharistie als Droge? Der Eindruck verstärkt sich immer mehr, daß im Katholizismus die Geborgenheitssucht fast unheilbar zu werden droht. Hilflos der völligen Unkenntnis und dem völligen Unverständnis der theologischen Tradition ausgeliefert, scheint nur noch das Opfer der Vernunft, das rettungslose Gefühl des Ungeliebtseins zu bleiben. So scheint das Verhältnis zur Eucharistie sich der postpubertären Freßsucht anzugleichen, die immer mehr zum Suchtverstärker wird.
    Beim Drewermann ist mir zu vieles zu trübe mit Ego-Interessen vermischt (Ego-Interessen sind Exkulpationsinteressen).

  • 23.09.91

    Kann es sein, daß der Nachweis der Abhängigkeit der Strukturen der Mikrophysik vom Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit erst erbracht werden kann, wenn Hegels Satz, daß die bürgerliche Gesellschaft bei all ihrem Reichtum nicht reich genug ist, der Armut zu steuern, konkret entfaltet werden kann. (Schuldenproblem: die antiken Banken haben verliehen, was sie hatten, die Banken heute verleihen, was sie nicht haben.)
    Warum ist im Deutschen die Sonne weiblich und der Mond männlich (Zusammenhang mit der Frage Selbst- / Fremdbezeichnugn in dem Volksbegriff „die Deutschen“)?
    Hängt die weibliche Sonne und der männliche Mond im Deutschen mit dem Prinzip Verantwortungslosigkeit zusammen: Man darf alles tun, sich nur nicht erwischen lassen (Zusammenhang mit dem, was in der deutschen Tradition Romantik heißt?). Dem entspricht die organisierte Verantwortungslosigkeit, die vom Ressortdenken bis zum Rechtspositivismus reicht und in Institutionen wie dem „Staatsanwalt“ und dem BKA (in der Tat die „objektivste“ Behörde der Welt) Gestalt gewinnt, und deren öffentlicher Reflex die folgenlosen Skandale (Prinzip Spiegel: „Kritik“ als Unterhaltung) dieser Republik sind. Das Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten ist das Land der organisierten Verantwortungslosigkeit, das Land des Herrendenkens und der Knechtsgesinnung und das Land, in dem das Antlitz ein Neutrum ist. (In Deutschland ist ein Gesicht etwas, das man „sich merken“ muß.)
    Die Selbstwahrnehmung im Blick (und Urteil) der anderen (des Auslands, der Welt) ist der Grund der Ausländerfeindschaft: der lästige Ankläger muß weg (der Türke, der Neger ist der lebende Beweis dafür, daß das Gewissen eine pure Anmaßung ist): Ambivalenz des Weltbegriffs.
    Hängt der Gebrauch der Majuskel im Deutschen, die Großschreibung der Substantiva und der Personennamen, mit der Verweiblichung der Sonne und der Vermännlichung des Mondes und mit dem Selbstverständnis der Deutschen über die Selbstbezeichnung als Deutsche zusammen?
    Hat Gemeinheit etwas mit „mein“ zu tun (auch mit der „Meinung“), und ist das eine Folge des unbegrenzten Rechts auf Eigentum? Hängen Gemeinheit und „Eigentlichkeit“ sprachlich zusammen? Und sind die weibliche Sonne und der männliche Mond nicht Sprachgründe für das deutsche Inertialsystem?
    Die Physik reißt uns aus der sinnlichen Gegenwart der Welt heraus, betrachtet uns und die Welt von außen und sieht zu, was dann dabei herauskommt (an den Vorgang dieses Herausreißens erinnert das Relativitätsprinzip; die Narbe wird am Ende der Operation sichtbar: das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit). Die sinnliche Welt wird aufgespalten in die physikalische Welt und in die chaotischen Menge der Empfindungen; diese wird subjektiviert, verdrängt und bleibt ohne Begriff.
    Wir haben den „Schweiß des Angesichts“ im Rahmen der kapitalistisch-technischen Produktionsweise zur entfremdeten Arbeit vergesellschaftet; was diese „Welt“ zusammenhält, sind die diesen Kosmos begründenden Institutionen des Staates und der Verwaltung, ist letztlich das Gewaltmonopol des Staates (und die Bekenntnislogik, die dieses Gewaltmonopol des Staates und die Gemeinheit vor dem Begriff und vor der Kritik schützt).
    Objektivation, Vergesellschaftung und Instrumentalisierung gehören zusammen wie Erscheinung, Begriff und Gesetz im Inertialsystem (Verblendungs-, Schuld- und Herrschaftszusammenhang). Zusammenhang mit der Bekenntnislogik: dem Feinddenken, dem paranoiden Verdacht gegen Verrat und der Verdrängung der Empathie (der Feind, der Fremde und der Arme sind die drei Dimensionen der B.-Logik).

  • 15.09.91

    Wir sind pleite und täuschen uns darüber nur dadurch hinweg, daß wir zu Lasten der Dritten Welt und der Zukunft weiterwurschteln. Geschichte und Theorie der Banken?
    Zur Komposition der Schöpfungsgeschichte (vgl. C. Westermann zu Gen 1 – 3):
    a. Ohne das Wort wurden Himmel und Erde „erschaffen“: „die Erde aber war wüst und leer, Finsternis lag über der Urflut, und Gottes Geist schwebte über dem Wasser“.
    b. Nur durchs Wort (ohne ein ausführendes Machen) wurden
    – das Licht (Scheidung von Licht und Finsternis, Gott nannte Licht Tag und Finsternis Nacht – 1. Tag),
    – die Sammlung der Wasser und das Sichtbarwerden des Trockenen (Gott nannte das Trockene Land und das Wasser Meer);
    – das Land lasse wachsen: das Grün, die Pflanzen und die Bäume (3. Tag)
    – das Land bringe hervor: das Vieh, die Kriechtiere und die Tiere des Feldes
    – mit dem ersten Segen („Seid fruchtbar und mehret euch“) (6. Tag)
    erschaffen (Einheit von Sprechen und Tun), während
    c. – das Gewölbe mitten im Wasser (Scheidung des Wassers unterhalb und oberhalb, Gott nannte das Gewölbe Himmel – 2. Tag),
    – die Lichter am Himmelsgewölbe – mit dem ersten Herrschaftsauftrag (4. Tag),
    durchs Wort vorausgesagt, dann „gemacht“ wurden (Planung und Ausführung) und
    d. – die großen Seetiere und andere Lebewesen im Wasser und die Vögel ebenfalls mit dem Segen („Seid fruchtbar …“) (5. Tag),
    – die Menschen – mit dem Segen und dem Herrschaftsauftrag (6. Tag)
    durchs Wort vorausgesagt und dann wie Himmel und Erde (gleichsam mit gleichem Rang) „erschaffen“ wurden.
    Die Elohim haben die Welt (Himmel und Erde) erschaffen, Jahwe die Menschen (Erde und Himmel)?
    Zusammenhang Elohim/Jahwe mit Hebräern/Israeliten – Israel: „Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen …“ (Gen 3231)?
    Repräsentieren der Elohist und die Hebräer den naturalen (verräumlichten) Aspekt und der Jahwist und Israel den historischen (zeitlichen) Aspekt der Schöpfung/Offenbarung/Erlösung (des theologischen Erkenntnisprozesses), während die Priesterquelle die Bewahrung dieser Tradition unter mythischen, rituellen, kultischen Bedingungen darstellt?
    Gegenüber dem Pharao und gegenüber den Philistern waren die Israeliten Hebräer, und wenn Abraham ein Hebräer war (und erst Jakob Israel), dann hängt das damit zusammen, daß er als Fremder im Lande lebte. Im Buch der Richter wird dieses „als Fremder im Lande“ leben
    – sowohl ironisiert: in der Gestalt des Leviten, der überall als „Fremder im Lande“ lebt (177,8,9),
    – als auch bestätigt: als die dreitausend Männer aus Juda zu Simson sagten „Weißt du nicht, daß die Philister unsere Herren sind?“ (1511).

  • 08.09.91

    Woher kommt die Differenz zwischen dem Abraham- und Ödipus-Mythos (Hinkelammert)? Was drückt sich in dem mythischen Kinder-(Sohnes-)Opfer aus? Woher kommt der Zwang, die Söhne/Töchter „durchs Feuer zu führen“? Ist es nur die Begründung eines Erfolgszwangs (das Opfer muß wahr sein, deshalb muß das damit angestrebte Ziel auch erreicht werden). Wer ist der „Sohn“, die „Tochter“? Hängt das mit der Bedeutung, die die „Tochterstädte“ im Rahmen des antiken Kolonialismus hatten, zusammen (in diesen Tochterstädten ist im übrigen die Philosophie entstanden, die dann erst in die Metropole zurücktransportiert wurde)?
    Zur Vorgeschichte Jerusalems: Melchisedek war der „König von Salem“; die Opferung Isaaks fand auf dem Berge Morija statt (dem späteren Tempelberg).
    Führt Gorbatschow sein Land (und führen die neuen Regierungen in den anderen ehemaligen Ostblockländern ihre Länder) bewußtlos in die gleiche Schuldenautomatik hinein, in der jetzt die lateinamerikanischen Länder zugrundegehen? Rächt sich hier ein zweites Mal das herrschaftssoziologisch (und bekenntnislogisch) bedingte Unvermögen, den Marxismus als Analyse-Instrument zu nutzen (anstatt als Herrschaftsinstrument, als welches er zu Recht gescheitert ist). Kann es darüber hinaus sein, daß die Nutzung als Analyse-Instrument nach dem bis heute rätselhaften Diktum Benjamins ohne die Hilfe der Theologie (die so zur Befreiungstheologie wird) nicht möglich ist?
    Entkonfessionalisierung der Kirchen heißt, daß die Kirchen auf das Instrument des Bekenntniszwangs verzichten, d.h. daß sie darauf verzichten, ihre Gläubigen in die Bekenntnis-(Verblendungs-)falle hineinzuführen, in der sie glauben, von dem „Bekenntnis zu“ (zur Gottessohnschaft Jesu, zur Trinitätslehre, zur Jungfrauengeburt, woraus dann die Bekenntnisse zur Nation, zur FDGO, zur Familie, zur Partei, zum Verein: generell zu irgendeiner Gemeinschaft, sich herleiten) hinge überhaupt irgend etwas ab. Diese Bekenntnisfalle wirkt inhaltsunabhängig, d.h. sie ist marxistisch, in jedem Falle antisemitisch (dem strukturellen Kern jeder Bekenntnisfalle), nationalistisch, sowie in jeder „Fan“-Automatik (bis hin zu den Hooligans) nutzbar: sie ist die genaueste Gestalt dessen, was heute Idolatrie heißen müßte. Ihre Verführungskraft liegt darin, daß sie durch eine der Komplizenschaft vergleichbare projektive Feindbild-Automatik vom Tötungsverbot dispensiert, ohne Schuldgefühle wachzurufen (die verdrängte Schuld verstärkt die gemeinschaftsbildende Bindungskraft des Bekenntnisses zusammen mit der Aggressivität nach außen: Ursprung des historischen Objektivationsprozesses).

  • 03.09.91

    Das Bekenntnis (und der dazugehörige Personbegriff) sind an die Ausbildung des formalen Rechts (an die staatliche Organisation der Gesellschaft) gebunden, das jene Objektivität (Welt als Distanz zur Welt; die Dinge als potentielles Eigentum von Personen) begründet, in der dann die Dogmenentwicklung, insbesondere die Entfaltung ihrer lateinischen Version, überhaupt erst möglich war. (Zusammenhang mit der Aufgabe des „Rechtsstaats“, alle in den Anklagezustand zu versetzen, aus dem man sich nur durchs Bekenntnis lösen kann; deshalb gibt es Staatsanwälte, und deshalb gilt das erste Bekenntnis dem Rechtsstaat, dem alle Bekenntnisgemeinschaften nachgebildet sind.) In diesem Zusammenhang gewinnt der Bekenntnisbegriff (zusammen mit seiner technisch-instrumentellen Qualität, seiner Handhabbarkeit für Herrschaftszwecke) den gleichen changierenden Bedeutungshorizont wie die Begriffe Person, Sache, Schuld. Das ist die Folge davon, daß er die Funktion und Bedeutung einer Anschauungsform im Sinne der kantischen Erkenntniskritik, der Transzendentalphilosophie, annimmt (wobei das Bekenntnis den reinen Anschauungsformen, die Person dem transzendentalen Subjekt, die Sache dem Objekt, die Schuld dem Kausalitätsbegriff entspricht: hier wird die Beziehung des synthetischen Urteils apriori zum Schuldurteil, zum richtenden Denken, hergestellt; Verdrängung der verteidigenden Instanz). Jedes Bekenntnis ist in der Tat ein (Schuld-)Geständnis. Und der Konfessionalismus begründet nicht eine Gemeinschaft von Erlösten (die „Freiheit der Kinder Gottes“), sondern einen fast ausweglosen Schuldzusammenhang.
    Person und Subjekt: Während sich das Subjekt in Beziehung zum Objekt definiert, drückt der Personbegriff die Beziehung zu anderen Personen und zum Eigentum aus. Das christliche Dogma hat den Begriff des Erlösten durch den Personbegriff ersetzt (und säkularisiert: auf den Kopf gestellt). – Vgl. auch die konstitutive Bedeutung des Eigentumsbegriffs für die Distanz zum Objekt („durch die Distanz vermittelt, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt“: Der Eigentumsbegriff schließt das Eigentum über den Beherrschten mit ein: über die Geschichte des Sklaventums; diese Geschichte hat sich in der des Geldes – und in der des Raumes, des Inbegriffs der Distanz zum Objekt – vergegenständlicht).
    Die Idolatrie dehnt das Eigentumsverhältnis auf die Religion aus.
    Bekenntnis und Recht: Auch das Bekenntnis (das dieses Eigentumsverhältnis endgültig stabiliert) ist kein Schutz gegen Gemeinheit, im Gegenteil: es ist heute zu einem zentralen Teil der Gemeinheitsautomatik geworden (dessen Genese und Wirkungsweise sich nirgend eindringlicher als an der Kirchengeschichte studieren läßt). Der Ursprung dieser Gemeinheitsautomatik liegt in der Geschichte der Sklaverei als der Urgeschichte des Eigentums (und der „Welt“, die insgesamt als potentielles Eigentum definiert ist, während der Naturbegriff an dem daraus abgeleiteten Objektbegriff sich orientiert).
    Bekenntnis und Jungfräulichkeit: Instrumentalisierung des Widerstands gegen die Instrumentalisierung.
    Wie heißt und was bedeutet der hebräische Ausdruck für die „Dornen und Disteln“: kann es sein, daß in den Dornen eine Beziehung zur Orthogonalität, zur Struktur des Raumes mit anklingt? (Sind Dornen die Hörner von Pflanzen? – Vgl. „Horn“ in der Schrift: Dan 77, Off 2215 und die Jotam-Fabel.)
    Gibt es einen Zusammenhang zwischen Rache, Recht und Orthogonalität, Orthodoxie? Kann es eine Orthodoxie ohne Opfer geben?
    „Der Opfertisch werde für sie zur Falle, das Opfermahl zum Fangnetz.“ (Ps. 6923) Gilt das Gleichnis vom Unkraut und vom Weizen auch für die Opfertheologie?

  • 30.08.91

    Das Verständnis der speziellen Relativitätstheorie, ihrer Beziehung zum Objekt, dürfte nicht schwieriger sein als das des Bankengeschäfts und seiner Beziehung zur Wirtschaftsstruktur (vgl. Baecker: Womit handeln die Banken? Ffm 1991).
    Der Verdinglichungsmechanismus besteht darin, daß ich etwas zu einem Ding mit festen Eigenschaften mache: z.B. jemanden, der gemordet hat, zu einem Mörder. Ich mache so eine Tat zu einer festen Eigenschaft, die sich nicht mehr ändern läßt; das Prädikat zu einer begrifflichen Bestimmung des Subjekts: zum Begriff. Auch der Adelstitel ist ein „Prädikat“, und jedes Prädikat eine Bewertung. Genau diesem Konzept gehorcht auch der Antisemitismus und der ist ohne den Rassismus ebenso wenig zu haben wie die Nobilitierung eines ganzen Volkes durch den gleichen Arier-Rassismus. Dieser Antisemitismus hat seine nur scheinbar harmlosen Vorläufer in der nationalistischen Geschichtsschreibung, zu deren Folgen unter anderem neben der antisemitischen Interpretation der ebenfalls national verstandenen Propheten und der Schrift insgesamt auch die Erfindung der Sumerer gehört. Modell dieses Verdinglichungskonzepts sind die Naturwissenschaften, die ein System aus lauter Prädikaten sind. Hier liegt der Ursprung der Mathematik, deren Vorgeschichte unter diesem Gesichtspunkt zu prüfen wäre (Sprache der Sumerer, „Turmbau zu Babel“, Ursprung der Idolatrie).
    Die Ontologie entspringt mit dem Staat und mit dem Weltbegriff und stabilisiert beide; sie ist Erbe der Idolatrie und des Opfers; ihr genetisches Zentrum ist die Schicksalsidee.
    Bei der Benennung der Tiere hat Adam nur die Arten benannt; die sind aber keine „Gefährten“ des Menschen.
    Warum wendet Luhmann seine Systemtheorie nicht auf die Physik an?
    Rechtfertigt Baecker („Womit handeln die Banken?“, Ffm. 1991) durch sein Konzept nicht die Funktion der Banken in diesem Wirtschaftssystem auf eine Weise, die eigentlich Anlaß zu begründetster Sorge wäre? Die Risiken, die die Banken verwalten und gegen die sie sich durch ihr Mangement absichern müssen, um die Stabilität des Wirtschaftsprozesses zu sichern: die Konsequenzen sind deutlich geworden in der „Wende“ in der deutschen Nachkriegspolitik, als alle Leute begriffen haben, was passiert, wenn diese Grundfakten nicht beachtet werden. Diese Risiken sind nur die offen zutage liegende Kehrseite der Verhältnisse, die die Existenz der Mehrheit der Bevölkerung bedroht.
    Was würde eigentlich dabei herauskommen, wenn heute jemand Rosa Luxemburgs „Akkumulation des Kapitals“ und Rudolf Hilferdings „Finanzkapital“ auf den heutigen Stand der Dinge fortschreiben würde?
    Die Katastrophen dieses Jahrhunderts, aus denen wir soviel gelernt haben, daß wir sie zur Zeit in die Dritte Welt exportieren, waren ja keine bloß ideologischen, sondern reale ökonomische Katastrophen.
    Die Kreditschöpfung: eine creation ex nihilo. Beim deutschen Schöpfungsbegriff schwingt die Assoziation mit, daß jemand mit einer Schöpfkelle aus einer Flüssigkeit (einer Ursuppe gleichsam) „schöpft“. Das Flüssige, das Wasser (der erste Begriff der Philosophie übrigens), hat in biblischem Zusammenhang die Nebenbedeutung sowohl der Schuld, des Schuldzusammenhangs, als auch der Völker. Der Chaosdrache und das Tier aus dem Wasser gehören hier her. Aus einem solchen Medium (der Schuld und ihres kollektiven Ursprungs) „schöpft“ auch die „Kreditschöpfung“. -Ist das Geld, das eine Bank im Falle eines Kredits verleiht, real oder spekulativ; oder: ist diese Alternative real?
    Die Frage „Womit handeln die Banken?“ ist präziser zu beantworten, wenn man den Baecker aus dem Verblendungsbann der Systemtheorie herauslöst. Die Banken handeln mit dem Tod, dessen Nichts so real wird.
    Der real existierende Sozialismus ist u.a. daran gescheitert, daß er das Problem der Beziehung von Theorie und Praxis nicht ernst genug genommen hat. Die Vorstellung, die auf der unreflektierten Tauschprinzip-Theorie basiert, daß der Marxismus ein gleichsam technisches Konzept zur Beherrschung der wirtschaftlichen Prozesse biete, die die kapitalistischen Folgen vermeidet, war falsch. Dieser Instrumentalismus war ohne einen dann allerdings nur dilettantisch gehandhabten (Staats-)Kapitalismus nicht möglich. Der hatte dann weit schlimmere Folgen als der reale Kapitalismus. Lukacz hat das in „Geschichte und Klassenbewußtsein“ noch gewußt, dann aber schnell (und verzweifelt) verdrängt. Daß in diesem System dann so abenteuerliche Existenzen gedeihen konnten wie Schalck-Golodkowski, auch Mielke und Honegger, war kein Zufall. Zugrunde lag das durch die christliche Tradition abgesegnete Bekenntnis-Syndrom: die Vorstellung, daß das Bekenntnis zur Wahrheit hinreiche, um diese Wahrheit real werden zu lassen; sie hat wie im Christentum nur die schlaue Heuchelei und die Gemeinheit befördert und honoriert. Dadurch unterscheidet sich der Zusammenbruch des Sozialismus von der Niederlage des Faschismus, daß er die (durch Mißbrauch als Bekenntnis-Ideologie diskreditierten) Mittel, die eigene Situation zu begreifen, den Opfern aus der Hand geschlagen hat, und daß jetzt das Land Sündenböcke braucht. Deshalb glaubt man, die Probleme auf dem gleichen Bekenntniswege lösen zu können, der in die Katastrophe hineingeführt hat, während gleichzeitig diejenigen, die wirklich an den Hebeln der Macht sitzen, es besser wissen und sich ins Fäustchen lachen.
    Die Wahrheit opponiert nicht der Lüge, sondern dem „Falsch-Zeugnis-Geben“. Die Lüge gehört bereits in den Kontext der verdinglichten, entmächtigten Wahrheit; Grundlage ist der Weltbegriff. Franz Rosenzweigs Begriff der „Bewährung“ macht das praktische (in letzter Konsequenz das herrschaftskritische) Moment an der Wahrheit kenntlich. Dieses Moment haben Juden unter der Idee der Heiligung des Gottesnamens verstanden (und die Christen – wie ihre eigene Theologie insgesamt – nicht verstanden).
    Der Ödipus-Konflikt ist ein welthistorischer Konflikt, und zwar sowohl individuell wie auch gesamtgesellschaftlich. Die Möglichkeit der objektiven Anwendung des Verdrängungsbegriffs gründet in seinem Verhältnis zur Zeit. Verdrängt wird etwas Zukünftiges und Vergangenes zugleich, oder mit der verdrängten Vergangenheit wird zugleich ein Stück Zukunft verdrängt. Dieser Verdrängungsmechanismus konstituiert seit den Anfängen der griechischen Philosophie bis hin zu den modernen Naturwissenschaften den Begriff. (Dazu ein direktes Bespiel: Zwei Sechsjährige, ein Junge und ein Mädchen, fahren mit ihren Fahrrädern daher; ein anderer Sechsjähriger ruft den beiden mit offenkundig hämischem Ton nach: „Na, ihr beiden Verliebten.“)
    Zur Konstruktion der Häme: Hier vermischt sich aufs trübste der Gestus der moralischen Überlegenheit, des moralischen Urteils, mit dem des schlecht verhohlenen Neids gegen den, über den man sich erhaben dünkt, indem man sich mit dem moralischen Urteil gemein macht.
    Die Erkenntnis des Guten und Bösen ist die Klugheit der Schlange („Seid klug wie die Schlangen …“); sie ist die Erkenntnis auf die sich der Begriff der Umkehr bezieht.
    Ist die Schöpfung die Umkehr des Chaos, und der Geist über den Wassern das Prinzip dieser Umkehr?
    Sind Jahwist und Elohist nicht nur nebeneinander existierende (aus „verschiedenen Quellen“ stammende) Teile der Schrift, sondern durch eine Umkehrähnliche Relation aufeinander bezogen, und steckt in dieser Unterscheidung so etwas wie ein innertheologischer Reflex der babylonischen Sprachverwirrung?
    Welche Sprachen wurden in Babylon gesprochen außer der sumerischen? Gibt es einen Sprachatlas der Antike?
    Nur für die zerstreuten Leser (und die nationale Geschichtsschreibung, die sich an zerstreute Leser wendet) ist der eigentliche Gehalt der Schrift nicht sichtbar. Aber die heutige Schriftauslegung und der heutige Schriftgebrauch aller Kirchen hat die Zerstreutheit zur Grundlage (theologischer Grund ist offensichtlich). Die wesentlichsten Einsichten ergeben sich erst aus dem konzentriertesten Studium der Details.
    Die Josephs-Geschichte: oder die Geschichte der Getreide-Versorgung als Teil der Geschichte der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals (des Zusammenhangs von Privileg und Diskriminierung, Askese und Ausbeutung). Er holt die eigene Familie ins Land und liefert sie dem Schicksal derer aus, deren Schicksal er selber durch die Behandlung der Hungerkrise bestimmt hat.
    Wie kommen die Philister und Amalek in die Abraham-Geschichte?
    Fundamentalisten sind Religions-Hooligans.
    Der Dogmatisierungsprozeß, die Entwicklung des Dogmas, vertritt den Ödipus-Konflikt in der Kirchengeschichte.
    Konzept:
    – Im Angesicht/hinter dem Rücken,
    – Objektivation und Instrumentalisierung,
    – Raum und Zeit, Geld, Bekenntnis,
    – Ödipus-Konflikt: Ursprung des Weltbegriffs, des Säkularisationsprozesses; Philosophie und Ursprung der Weltreiche („Babylon“),
    – Begriff und Namenlehre; Herrschaft und Erkenntnis (Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang),
    – Herrschaftskritik, Übernahme der Schuld der Welt, Auflösung des Verblendungszusammenhangs, Idee des Heiligen Geistes,
    – Anklage, Gericht, Verteidigung, Sprachphilosophie,
    – Natur und Welt, oder Bemerkungen zur feministischen Theologie
    Rosenzweigs Erinnerung an den Tod: Umwandlung in ein Gedenken der Toten. Der Tod als das Sterben der anderen scheint in Rosenzweigs Konzept zu kurz zu kommen. Darauf bezieht sich die Lehre von der Auferstehung der Toten.
    Im Angesicht Gottes leben, schließt die wahnwitzige Hoffnung auf die Auferstehung der Toten mit ein; ist diese Hoffnung als nicht nur kontemplative, sondern als aktive Hoffnung denkbar? Ist eine Praxis denkbar, die dieser Hoffnung entspricht, aus ihr sich nährt?
    Zu Reinhold Schneiders Satz „Allein den Betern kann es noch gelingen, das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten …“: Welches Schwert hat er hier gemeint? Das der direkten Bedrohung durch den Faschismus, die Gefahr des Terrors, die Möglichkeit des Martyriums, oder das Schwert, das den bedroht, der durch Komplizenschaft mit dem Faschismus, durch die Mittäterschaft an Auschwitz, mitschuldig geworden ist?
    „… und diese Welt den richtenden Gewalten durch ein geheiligt Leben abzuringen“: das scheint schon wieder eindeutig zu sein.
    Das „Ehe Abraham war, bin ich“ drückt eine Zukunft aus, die in die Vergangenheit Abrahams hineinscheint und jetzt präsent ist.
    Das „hinter dem Rücken“ ist der Verdinglichung äquivalent. Wenn ich eine Sache hinter ihrem Rücken betrachte, nagele ich sie fest auf ihre Eigenschaften, mache ich das Prädikat zum Herrn über das Subjekt, fälle ich ein Urteil (Urteile werden gefällt!), setze ich es als vergangen, als nicht mehr zu ändern.

  • 19.08.91

    Das Geld ist insgesamt nur der Ausdruck einer Schuld- und Herrschaftsbeziehung; es gibt keinen Reichtum ohne Armut, die ihm zugrundeliegt und über die er sich reproduziert und erhält, und ohne die Herrschaft über die Arbeit der Armen. Die Theorie vom Ursprung des Geldes in der Schuldknechtschaft ist plausibel und begründet; sie drückt mehr vom Wesen des Geldes aus als das Tauschprinzip (dem die scheinhafte Vorstellung sich verdankt, eine gerechte Gesellschaft ließe sich durch bloße Umverteilung des Reichtums errichten).
    Daß im Zeitalter des Antichrist die Söhne gegen die Väter sich wenden, hängt mit der Änderung der materiellen Lebensbedingungen zusammen: deren Konstruktion hat zur Folge, daß das Realitätsprinzip selber: die Selbsterhaltung und die Wahrnehmung der eigenen Interessen die Lebensgrundlagen der nachfolgenden Generationen zerstört. Der Generationenkonflikt hat seine sehr präzise bestimmbaren materiellen Ursachen.
    Seht, ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe: Aber heute sind auch die Wölfe domestiziert; und wer ist der Herr, der sie domestiziert?
    Die kirchliche Verurteilung der Abtreibung (die letzte Gestalt des kirchlichen instrumentellen Gebrauchs des moralischen Urteils) übersieht, daß wir in einer Gesellschaft leben, in der es fast schon ein Verbrechen ist, überhaupt noch Kinder in die Welt zu setzen.
    Die Kirche scheint heute (aus Verzweiflung) ihre Aufgabe nicht mehr im Hüten der Schafe, sondern in der Domestikation der Wölfe zu sehen (etwas ähnliches scheint Heideggers Begriff vom Hirten des Seins zu bedeuten). Aber so wird sie selber hündisch (Mt 76, 1526; Phl 32; Off 2215).
    Adornos Bemerkung „Heute ist schon jeder Katholik so schlau wie früher nur ein Kardinal“ trifft den Sachverhalt von der verkehrten Seite: Nicht daß sie so schlau sind, ist ihnen anzukreiden, sondern daß sie die Arglosigkeit verdrängen, verleugnen, diskriminieren: daß sie das Nachfolge-Gebot nicht mehr kennen. Oder anders ausgedrückt: Heute hat die Leugnung auch den einfachen Gläubigen schon ergriffen (Beginn der Selbstverfluchung). Die Kirche selbst erzwingt erstmals diese Leugnung, weil sie die Schuld alleine nicht mehr erträgt. Das ist die Stunde der Laien-Theologie.
    Das Objekt des „et ne nos inducas in tentationem“ ist die Privatisierung der Religion, die verkennt, daß die Privatsphäre nur noch ein Anhängsel der Maschinerie ist, die aufgrund der Privatisierung der Religion nicht mehr wahrgenommen werden kann: hinter dem Vorhang verschwindet; und daß diese Privatsphäre mit dem durch die Gewalt der Maschinerie unwiderstehlich fortschreitenden Objektivationsprozeß selber verändert wird.
    Lenins gelegentlicher Hinweis auf die Bedeutung von Elektrizität und Sozialismus verweist genau auf den kritischen Punkt: Die Elektrizität ist das Instrument, mit dem die Ausbeutung ins Unsichtbare verschoben wird; sie erweist sich so als das technische Korrelat des Kolonialismus. (Läuft die Entdeckung und technische Nutzung der Elektrizität parallel mit der Einführung der Girokonten?)
    Die biblische „Hurerei“ verweist auf den (politisch-gesellschaftlichen) Zusammenhang von Empörungs- und Unterwerfungslust (von Hoffart und Niedertracht). Die befreite Lust ist etwas anderes.
    Wer sind die Vögel des Himmels: gehören auch die Tauben dazu? oder sind es nur die Raubvögel? Wie steht es mit den Singvögeln?
    Der Fehler der Gnosis liegt darin, daß sie das konstitutive Moment der Subjektivität im Demiurgen leugnet, den in der Subjektivität gründenden Schuldzusammenhang auf den Demiurgen (und im Subjekt auf den Leib und die Sexualität) verschiebt, damit die Gnosis zu einer Exkulpationstheorie macht (Demiurg als Sündenbock: Entsühnung durch Gnosis). Die Gegenposition zur Lehre vom Demiurgen ist in der Tat die christliche Lehre von der Übernahme der Schuld der Welt, das Nachfolge-Gebot. Die Gnosis ist der Inbegriff der Leugnung der Nachfolge, nur daß die Lösung, die die christliche Tradition dann im Dogmatisierungsprozeß glaubte gefunden zu haben, eine Kompromißbildung war, die auf andere Weise dann am Ende zu einem fürchterlichen Instrument der Exkulpierung, der Gnosis, geworden ist.
    Es gibt eine erpresserische Ohnmacht, genauer: eine selbstinduzierte erpresserische Ohnmacht. Eine Ohnmacht, die der Liebe des anderen nicht glaubt, weil sie sich ungeliebt fühlt; die aber glaubt, diese fehlende Liebe durch den demonstrativen Ohnmachtsgestus erzwingen zu können.

  • 09.08.91

    Geldwirtschaft gründet in Schuldknechtschaft. Der Aspekt der Herrschaft des Tauschprinzips ist insoweit irreführend, als er das Unaufhebbare am Kapitalismus verdeckt, verdrängt. Die Vorstellung, daß gleichberechtigte Warenbesitzer mit einander tauschen und dafür irgendwann ein allgemeines Tauschmittel, das Geld, einführen, erweckt den Eindruck, als sei der Reichtum schlicht vorhanden, bloß gegeben, und bräuchte im Bedarfsfall nur umverteilt zu werden. Es gibt aber keinen Reichtum, der nicht die Armut zur Grundlage hat, die er selbst produziert. Daß die bürgerliche Gesellschaft bei all ihrem Reichtum nicht reich genug ist, der Armut zu steuern, hängt mit dem Ursprung und dem Begriff des Reichtums zusammen. Die Geschichte vom reichen Jüngling drückt genau diesen Sachverhalt aus.
    Es gibt heute – draußen und drinnen – eine Armut, die nicht mehr mit dem Argument zu rechtfertigen ist, die Armen seien selbst schuld, daß sie arm sind.
    Gibt es – neben dem Confessor und der Virgo, zu deren letzten Auswirkungen die Penner und die Huren gehören – auch die Heiligengestalt des Gerechten? Diese Gestalt des Gerechten, die kenntlich gemacht hätte, worauf das Ganze hinausläuft, scheint es im Christentum nicht gegeben zu haben. Mit dem Ursprung der Welt ist die Gerechtigkeit zu einer transzendenten, unerfüllbaren Idee geworden, das Recht als seine säkularisierte Gestalt in der verweltlichten Welt ist ein konstitutiver Teil des Schuldzusammenhangs. Erlösung war immer eine Erlösung von der Schuld, aber nicht Befreiung zu einem gerechten Leben. Das drückt sich dann aus in der Idee der Rechtfertigung, dem Kristallisationskern des mythischen Denkens in der Theologie.
    Die kantischen synthetischen Urteile apriori und die Kategorientafel sind die Konstituentien des namenlosen Objekts.
    Kann es sein, daß der Objektstatus heute nur noch zu ertragen ist, wenn er durch das, was sich heute Musik nennt, übertäubt wird. Beachte die Gesichter von Joggern: ohne Walkman verzerrt, wütend, aggressiv, mit Walkman selig lächelnd.
    Heute nagelt das Christentum die Gläubigen an das Kreuz ihres Selbstmitleids, macht sie unsensibel sowie arrogant, böse und stumm.
    Die Welt definiert sich gegen die Vorwelt durch die Vergesellschaftung der Gewalt, durch die Installation des Gewaltmonopols des Staates (durch das Recht); oder durch die damit begründete Vergesellschaftung und Internalisierung der Naturbeherrschung. Bevor sie ihren Siegeszug nach außen antreten konnte, mußte sie sich in der Gesellschaft, in den Subjekten konstituieren.
    Die staatliche Instrumentalisierung der Gewalt ist die Voraussetzung des Objektivationsprozesses, Grundlage des Weltbegriffs.
    Die Bäume in der Bibel:
    – „Von allen Bäumen dürft ihr essen“: Vorausgesetzt war das Nahrungsgebot, das die Früchte des Feldes und die der Bäume den Menschen zuwies (und den Tieren das Kraut).
    – „Nur nicht von dem Baum in der Mitte des Gartens“ (dem Baum der Erkenntnis, des Lebens?): Vom Baum der Erkenntnis haben sie dann gegessen, mit den bekannten Folgen.
    – Die Jotam-Fabel (auch der Dornbusch ist demnach ein Baum), die Zedern des Libanon, der Weinstock, der Feigenbaum, der Ölbaum, das Kreuz.
    – Gibt es zu Stammbaum eine biblische Entsprechung? Stammbaum = toledot; Stamm (Baum) und Stamm (Sippe): Jesus kommt aus dem Stamme Davids? Gibt es eine Beziehung zu den Türmen?
    Nachdem die häresienbildende Kraft mit der Reformation verbraucht war, hat es neben den Konfessionen (den säkularisierten Gestalten der Kirche) nur noch Sekten gegeben.
    Dummheit gründet im allgemeinen in mangelnder Idenfikationsfähigkeit (Aufmerksamkeit), in der Unfähigkeit, sich auf die Erfahrung des anderen einzulassen.
    Früher haben Propheten eine Situation durch Symbolhandlungen aufgeschlüsselt, heute sind Symbolhandlungen (aufgrund des Wiederholungszwangs, dem sie unterworfen sind) Formen der Selbstverurteilung.
    Opfertheologie und Instrumentalisierung gehören zusammen. Die gemeinsame Wurzel beider ist die Idolatrie.
    Der Konkretismus der Heinsohn et al. rührt her von der Unfähigkeit, das, was sie durch Naturkatastrophen hervorgerufen verstehen, aus der genetischen Struktur der Erfahrung und der Geschichte der Sprache abzuleiten.
    Fundamentalisten sind Religions-Hooligans (Bindeglied ist das Bekenntnis).
    Das Prinzip der Delegation (im postmodernen Management) scheint daraus sich herzuleiten, daß insbesondere das Unangenehme, das, was moralische Skrupel verursachen könnte, an andere delegiert werden soll. Daher kommt es, daß die Bedenkenlosesten im allgemeinen als die besten Mitarbeiter angesehen sind
    Warum gibt es keine objektive Moral, oder: warum schließt der Begriff einer moralisch begründeten Erkenntnis den Verzicht auf moralisches Urteil mit ein (Zusammenhang von Erkenntnis und Schuld: Grund des Nachfolge-Gebots)?
    Heideggers „In-der-Welt-Sein“ ist das notwendige Korrelat der begrifflichen Aufteilung des Seienden in Vorhandenes und Zuhandenes. Der reflektorische Begriff des Zuhandenen verleiht dem Dasein den Charakter des In-der-Welt-Seins. Als Zuhandenes ist das Dasein uneigentlich, als Vorhandenes eigentlich? Der Trick zieht nicht: Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit sind wie Vorhandenes und Zuhandenes untrennbare Reflexionsbegriffe.
    Inertialsystem und Gravitationsgesetz gehören zusammen: sie sind zwei Aspekte der Gleichnamigmachung des Ungleichnamigen.
    Hat die Geschichte von Romulus und Remus etwas mit der von Kain und Abel zu tun? Auch Romulus erschlägt seinen Bruder Remus und gründet dann die Stadt Rom.
    Sind die Astralreligionen als Herrschaftsreligionen schon in der Schöpfungsordnung (Herrschaftsauftrag an die Leuchten des Himmels) verankert?
    Der Personbegriff ist die Stecknadel, mit der der Name getötet und wie ein Schmetterling aufgespießt wird; er nimmt dem Namen das Wesen: das Angesprochen- und Gehört-Werden. Sind Frauen Personen, und sind nur Personen bekenntnisfähig? Auch Gott ist nur ein Personbegriff.
    Das Inertialsystem ist das Refenzsystem, auf das alle naturwissenschaftlichen Begriffe, Gesetze und Erscheinungen sich beziehen, und diese drei Begriffe bezeichnen nur drei Aspekte einer Sache (Grund der negativen Trinitätslehre).
    Die Welt ist das entstellte Antlitz der Erde, auf das sich der Satz bezieht: emitte spiritum tuum, et renovabis faciem terrae.
    Adornos Eingedenken der Natur im Subjekt gehorcht dem Nachfolge-Gebot.
    Die Parole Rousseaus „Zurück zur Natur“, die zusammenhängt mit der romantischen Vorstellung von den edlen Wilden, fällt herein auf die christologisch begründete Hypostasierung der Natur (der Vergöttlichung des Opfers) und ist wider Willen einer der Auslöser der Barbarei. Vielleicht müßte man hierzu den zweiten Teil von Derridas „Grammatologie“ lesen.
    Die Psychoanalyse und die Psychomatische Medizin sind keine Hilfen bei der Wiedergewinnung des Subjekts, sondern verlängern den Instrumentalismus ins Subjekt hinein. Nicht zufällig sitzt der Psychotherapeut bei der Anamnese hinterm Rücken des Patienten.

Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie