Gesellschaft

  • 08.08.91

    Sind Idolatrie und Opferrituale die Schatten der beginnenden Geldwirtschaft (und Teil der gesellschaftlichen Institutionen, die die Geldwirtschaft und mit ihr die Konstitution der Welt begründen und absichern)?

  • 01.08.91

    Das „tu es Petrus“, die Schlüsselgewalt und die Verheißung, daß die Pforten den Hölle die Kirche nicht überwältigen werden, gehören zusammen. – Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen, aber die dritte Leugnung geht bis zu Selbstverfluchung (präzise Beschreibung dieser Selbstverfluchung im Kontext der Eucharistie: wer dieses Brot und diesen Wein unwürdig genießt, der ist und trinkt sich das Gericht?). – Die Pforten der Hölle: Sind das nicht Physik, Ökonomie und das Bekenntnis? Und hängt nicht insbesondere das Bekenntnis mit der Eucharistie zusammen?
    Ist das Bekenntnis-Problem erst dem durch Faschismus und Auschwitz geschärften Blick sichtbar geworden?
    Das Unverständnis dessen, was der Name in der jüdischen Tradition bedeutet, des Kontextes, in dem dann auch im NT der Begriff des Bekenntnisses des Namens steht, war der Preis, der für das Urschisma, für die Trennung des Christentums von seiner jüdischen Vergangenheit, gezahlt worden ist. War dieser Preis nicht zu hoch?
    Der Begriff spricht das Objekt nicht an, sondern spricht über das Objekt, d.h. er entspricht präzise der Situation bei der zweiten Leugnung des Petrus.
    Ist es von Bedeutung, daß die Geburt Jesu zusammenfällt mit einer Volkszählung, zu der Maria und Josef in ihre Heimatstadt Bethlehem gehen mußten?
    Lukas: „Denkt an Lots Weib“.
    Was ist der Unterschied zwischen Gewalt, Macht und Herrschaft? Gibt der Spruch: „Anarchie ist Macht ohne Herrschaft“ Sinn?
    Die Erkenntnis des Guten und Bösen ist das Prinzip der urteilenden Erkenntnis. Darauf ist das „Richtet nicht …“ eine späte Antwort.
    Was heißt conjugare und declinare? Haben Konjugation und Deklination etwas mit der Dreidimensionalität des Raumes (mit Orthogonalität und Irreversibilität) zu tun? Ist der Begriff der Umkehr nicht präzise definiert durch das Verhältnis von „im Angesicht“ und „im Rücken“ (statt Rechtfertigung: die Verteidigung des andern)?
    Ist die Definition der Geraden im Raum nicht selbstreferentiell: die Gerade wird durch die Bahn des Lichtstrahls definiert; danach kann man erst sagen, daß das Licht geradlinig sich ausbreitet?
    Die Stelle mit Assur, Ägypten und Israel: wer war das Werk seiner Hände? Gibt es hier eine Beziehung zur Trinitätslehre und zum dreidimensionalen Raum?
    Es gibt nur zwei legitime Positionen zur Prophetie: Entweder man ist selbst ein Prophet, oder man ist Adressat der Prophetie. Die Position des objektiven, unbeteiligten Zuschauers gibt es nicht (es sei denn um den Preis des Antisemitismus). Kann es sein, daß im Christentum diese beiden legitimen Positionen zu Prophetie zusammenfallen, Jesus sowohl Prophet als auch Adressat der Prophetie ist, und diese Verbindung im Nachfolgegebot an die Christen weitergegeben wird? Repräsentieren Islam und Christentum diese beiden Momente getrennt (das Christentum den vergöttlichten Adressaten, der Islam einen der Propheten)? Der Islam macht halt, schrickt zurück vor der Vereinigung des Propheten mit dem Adressaten der Prophetie; für ihn ist Jesus nur einer der Propheten und Mohammed dann der letzte. Aber da ist kein Messias, kein Erlöser: keine Umkehr. Der Islam ist gleichsam die positivistische Religion.
    Die Revolution der verlorenen Generation (insbesondere in der BRD) ist eine Folge der unaufgearbeiteten Vergangenheit: eine Revolution aus dem Blickwinkel frustierter Konsumenten (die an der Vorstellung festhalten, der Staat sei der Ernährer der Menschen); für das, was ihnen entgeht, halten sie sich schadlos an der Realität. Der Marxsche Revolutionsbegriff, der sich auf das Proletariat bezieht, bezieht sich damit auf die gesellschaftliche Schicht der Produzenten, erwartet damit, daß in der Revolution dieses produktive Element zu sich selber kommt und die Alternative zur bestehenden Gesellschaft dann auch realisiert, während bei der lost generation die Alternative nicht einmal im Ansatz sichtbar ist. Das Anarchie-Konzept trägt nicht. – Das Wahrheitsmomment in der verlorenen Revolution heute liegt in der Wahrnehmung, in der Einsicht, daß das, was heute Produktion heißt, die Lebensgrundlage derer, die hier in den Metropolen leben, die Zerstörung der der Lebensgrundlagen der überwiegenden Mehrheit der Menschen in der Dritten Welt mit einschließt, d.h. in einem alle Vorstellung übersteigenden Maße kontraporduktiv geworden ist.
    Dieses schlimme christliche Harmonie-Bedürfnis: wir tun so, als brauchten wir nur ergriffen sein, und wenn wir spüren, daß wir in Gottes Hand sind, wären wir es auch schon. Dieses Harmonie-Bedürfnis (insbesondere in Deutschland) ist eine der Folgen der unbewältigten Vergangenheit. Wir können diese Vergangenheit nicht mehr abwerfen, wir haben nur diese eine. Wir können keine Vergangenheit mehr abwerfen; der einzige Weg führt durch die Erinnerungsarbeit hindurch.
    Idolatrie: Entlastung, Exkulpierung durch Projektion der eigenen Schuld nach draußen, durch Delegation der Verantwortung: Schuldig sind die Götter; Freiheit gibt es nur durch Komplizenschaft. Dieses Konzept hat das Christentum durch die Opfetheologie in seine Theologie mit hereingenommen. Das jedoch war nur möglich unter gleichzeitiger massiver Verletzung des Nachfolge-Gebots.
    Franz Rosenzweig ist wirklich der Mann, der unter die Räuber fiel. Vor allem eines macht die erkenntnistheoretische Rezeption des Begriffs der Umkehr so wichtig. Franz Rosenzweig gebraucht hier das Bild mit dem Koffer: was zuerst hineingetan wurde, wird nachher in umgekehrter Reihenfolge wieder entnommen. D.h. es geht nichts verloren (und es wird nichts überwunden)! – Die „Überwindung“ von Vergangenem ist der Einlaß des Heidnischen, des Vergangenen, ins Christentum; er bezeichnet die genaue Gegenposition zur Umkehr. Hier ist Umkehr vonnöten.
    Das Hegelsche Absolute ist in der Jotam-Fabel beschrieben worden.
    Es gibt eine Schuld, die nicht mehr beichtfähig ist. Diese Schuld („die Schuld der Welt“) ist der genaue Gegenstand des Nachfolgegebots (und der Schlüsselgewalt der Kirche). Die Welt ist der Inbegriff der unaufgelösten Last der Vergangenheit. Sie trifft alles, was in ihren Bannkreis hineingerät, von hinten. Der Kristallisationskern, an den sich der Weltbegriff, die Struktur und die Ausgestaltung der Philosophie und auch die Institution des Staates anschließt, ist das Prinzip der Selbsterhaltung; in der aus der Philosophie stammenden Lehre von der Unsterblichkeit der Seele wird dieses Prinzip der Selbsterhaltung über das zeitliche Ende des Lebens, den Tod, hinaus verlängert: verankert sich die Welt im Jenseits (und vergiftet es).
    Früher haben die Philosophen die Schrift allegorisch gelesen. Heute sollten die Theologen die Philosophie allegorisch lesen.
    Die Abtreibungsdebatte: der moralische Aufhänger, an dem man so schön die eigene Gemeinheit wieder ausleben kann. Wo steckt der Grund, die Ursache für den Projektionszwang; was motiviert diese Debatte und heizt sie an? Auf welche Abtreibung bezieht sich die Kampagne objektiv?
    Woran hängt die Logik der kantischen Antinomien der reinen Vernunft; wird sie getroffen durch die Kritik des Objektivierungsprozesses (Zusammenhang mit den Hegelschen Reflexionsbegriffen, mit dem Beginn der Hegelschen Logik; nur hier sind die Dinge mit dem Begriff des Seins schon gelaufen, ist die Philosophie schon der ontologischen Sucht verfallen)?
    Im Säkularisationsprozeß verlängert sich mit der Konstituierung der Welt das Gedächtnis, während die Erinnerung verschwindet (auch ein Problem der Zeitdilatation?).

  • 19.07.91

    Ist nicht der Begriff einer Kultur- (oder Bewußtseins-) Industrie gegenüber dem, was wirklich passiert, noch insofern zu harmlos, als er unterstellt, daß hier mit Bewußtsein und Plan etwas produziert wird, während in Wahrheit nur etwas abläuft (geschieht), worüber keiner mehr Macht oder auch nur ein Bewußtsein noch hat?

  • 18.07.91

    Der Urknall: So lösen Techniker das Problem der Schöpfung.
    Bilderverbot und Nachfolgegebot: Ödipus als Grenzscheide?
    Hat die Stabilisierung der Venusbahn zur Stabilisierung der Zeit (Ursprung des Plusquamperfekt; Regenbogen) geführt?
    Heute genügen gesellschaftliche Naturkatastrophen (Änderungen nach Weltkrieg II?): Der bloß verdrängte Antisemitismus macht die Gesellschaft handlungsunfähig, geborgenheitssüchtig; Zusammenhang mit der Potenzierung der Bedürfnisse (Bedürfnisse der Objekte).
    Das Eine ist das Andere des Anderen: Mit dieser Logik (Grund der Reflexionsbegriffe, der positiven Dialektik) rechtfertigt man die eigenen Untaten („die anderen sind auch nicht besser“; entscheidend ist nicht, nicht gemein zu werden, sondern sich nicht erwischen zu lassen; vgl. Ez 2227, Jer 526).
    Die Wertphilosophie (der Personalismus) als entfremdete Wissenschaft vom „Antlitz“ (Parallelität zum Ursprung des Films, Organ der Selbstverfluchung).
    Kants „Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung“: Die Einführung des Intersubjektivitäts-Prinzips in die Moral leugnet das Angesicht und vergißt, daß es keine Gesetzgebung gibt, die gegen Gemeinheit schützt.
    Falsch an der Opfertheologie ist die Vorstellung, daß Gott das Leiden, die Unterwerfung, will. Die Opfertheologie gilt nur im Bereich des aus dem Tauschprinzip sich herleitenden Herrendenkens (und fürs entfremdete Bekenntnis, für die Konstitution der Materie – den Staub -, der das Zwangsbekenntnis – die Selbstlosigkeit, der „reine Altruismus“ – sich gleichmacht).
    Nachdem die Aufklärung die richtende Gewalt endgültig als Inbegriff der Welt (als Weltgericht) etabliert hat, bleibt dem Jüngsten Gericht nur noch das Erbarmen, das Gericht der Barmherzigkeit über die gnadenlose Welt: Bleibt allerdings da noch ein Rest, der gerettet werden kann?
    Nicht der Materialismus, sondern der Idealismus ist materialistisch.
    Es gibt kein Bekenntnis ohne Härte. (Verdinglichung und Paranoia; Objektivation und Opfertheologie)
    Wie hängt die Frage nach dem „Sinn“ (nach dem „Sinn von Sein“ z.B.), überhaupt der im Deutschen so belastete Sinnbegriff (auch die seit Heidegger so beliebten „Fragen“, wie die Seinsfrage, die Judenfrage, die deutsche Frage u.ä.) mit dem Zerfall der benennenden Kraft der Sprache, mit dem Stand der Geschichte des Begriffs, zusammen?

  • 28.06.91

    Nach der Katastrophe hat in Deutschland der Katholizismus und auch die Theologie, wie es scheint, endgültig das Nachfolge-Gebot verworfen, mit unermeßlich katastrophalen Folgen. Unter dem Druck der zugleich verdrängten Konfrontation mit Auschwitz ist Religion, anstatt sich auf die allein befreiende Erinnerungsarbeit einzulassen, der zweiten Schuld verfallen und blasphemisch geworden. Eingedrungen ist die Blasphemie als „Greuel der Verwüstung“ am „heiligen Ort“: in die Opfertheologie, zentral ins Verständnis der Eucharistie. Die Kirchenarchitektur und die kirchliche Ästhetik nach dem Krieg legen eindrucksvoll Zeugnis ab davon. Ablesen läßt sich das an dem projektiven Anteil in den kirchlichen Verurteilungskampagnen, zuletzt im Kampf gegen die Abtreibung: Abgetrieben wurde das Nachfolge-Gebot. Und die eigene Schuld, mit der die mater ecclesia nicht mehr leben kann, zur eigenen Entlastung auf die projiziert, die, nachdem sie keine Alternative mehr haben, dann wehrlos der Diskriminierungskampagne ausgeliefert sind.
    Zugleich hat sich unter dem Druck der Katastrophe der Objektivitätsbegriff so verändert, daß er eine Alternative zur Opfertheologie nicht mehr zuzulassen scheint. Die Kritik der Opfertheologie ist nur noch möglich, wenn zugleich der natur- und weltkonstituierende Panzer des Objektivitätbegriffs selbst gesprengt wird: wenn die Schulddiskussion (die Reflexion des historisch-gesellschaftlichen Schuldzusammenhangs angesichts der Folgen des historischen Zusammenbruchs der Moral) endlich auf das theologisch allein angemessene Niveau des Nachfolge-Gebots gehoben wird.
    Erkennbar sind die Folgen – außer in der politischen und ästhetischen Selbstmanifastation der Kirchen – in der Verwirrung der Nachkriegs-Theologie (es gibt bis heute keine christliche Theologie nach Auschwitz), in der Verfassung derer, die frustiert sind, aber von der Droge Kirche nicht lassen können, insbesondere an den die Kirchentage bevölkernden Jugendlichen (ihrer unaufgearbeiteten Belastung durch die Erwachsenen, die ihnen keine Hilfe waren, vielmehr gegen sie die Welt vertraten, aus der sie sich ausgeschlossen wußten). Auch hier scheint die merkwürdig ambivalente Bindung an die Liturgie (eine der ambivalenten Folgen der Liturgie-Reform), insbesondere in den Jugendlichen, bei denen, die (in der katholischen Kirche) nach dem Krieg zur Erstkommunion gegangen sind, nur die Alternative Verhärtung (Säkularisation und Externalisierung des Opfers durch Anpassung an die Welt) oder Sucht (Verinnerlichung des Opfers: Wiederholungszwang im Wunsch nach einer heilen Natur, nach Geborgenheit, Bindung ans Selbstmitleid) zuzulassen; beschädigt sind beide, oder: sind nicht doch beide nur zwei Seiten der gleichen Medaille?
    Mit der Trennung der Opfertheologie und der Eucharistie-Praxis vom Nachfolge-Gebot wird die Gemeinheitsautomatik (für die in der Öffentlichkeit nicht zufällig mit hoher Repräsentanz die CDU einsteht, oder die Maxime: Du darfst alles, dich nur nicht erwischen lassen) kirchlich sanktioniert, das Zwangsbekenntnis (dessen kirchliche und politische Anwendung die Heuchelei, die Lüge toleriert, aber die moralisch begründete Abweichung diskriminiert) zu einer Waffe, der die, die unten sind, wehrlos ausgeliefert sind: insgesamt wird mit der objektiv gewordenen Heuchelei der Zusammenbruch der Moral (und der Religion, der Idee des seligen Lebens, die dem Denkverbot unterworfen wird) so kaschiert, daß eine blasphemisch gemachte Religion als Basis der Gesellschaft und des Zusammenlebens der Menschen weiterhin nutzbar ist.

  • 27.06.91

    Heinsohns „Schuldknechtschaft“ ist der zentrale Begriff der Systemlogik des mythischen Zeitalters, Grundlage des Schicksalsbegriffs.
    Die Verinnerlichung des Schicksals, Voraussetzung der Philosophie und des politischen Selbst- und Weltverständnisses im Römischen Imperium, schließlich Grundlage des bürgerlichen Bewußtseins insgesamt, ist die reale Zeitenwende, auf die das Nachfolge-Gebot die der jüdischen Tradition angemessene Antwort gibt. Das Nachfolge-Gebot hat im Christentum den gleichen Stellenwert wie das Bilderverbot in der jüdischen Tradition (und schließt dieses mit ein).
    Zur Dialektik der christlichen Dogmenentwicklung gehört es, daß sie dem Bann, den sie gegen die Häretiker verhängt, selber dann verfallen ist. Das „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ ist das Urteil über diese Dogmengeschichte. Das Dogma ist dann in der Geschichte zu einer Waffe geworden, an der Blut klebt, die Millionen Opfer gefordert hat. Die Aufforderung „Schwerter zu Pflugscharen“ greift tief in den Glaubensbegriff und in die Bekenntnislogik ein.
    Wer kann heute noch im Ernst an die Möglichkeit des seligen Lebens glauben, ohne in diese Hoffnung die Opfer von Auschwitz und die Opfer der Kirchengeschichte mit hereinzunehmen.
    Die Vergesellschaftung von Herrschaft und die Vergesellschaftung der Natur sind miteinander verbundene und nicht voneinander zu trennende Prozesse; sie haben den gleichen Verdrängungshintergrund: sie schließen den Gedanken an die Idee des seligen Lebens aus. Und beide zusammen ergeben den Säkularisationsprozeß. Die vergegenständlichte Natur ist ein Stabilisator von Herrschaft.
    Nenne mir einen, der an die Auferstehung der Toten glaubt: dann müßte er auch an die Auferstehung der in Auschwitz Gemordeten glauben, deren Gericht er dann zu erwarten hat. Ist er auf die Fragen, die ihm dann gestellt werden, vorbereitet?
    Wir leben heute in einer Zeit, in der die individuelle Gewissenserforschung sich auf die gesamte Menschheitsgeschichte erstrecken muß (dem theologischen Eiertanz ein Ende bereiten).
    Heute haben alle Angst, die realen Verheißungen des Christentums könnten wahr sein, deshalb basteln sich die einen ihre Privatversion des Christentums, während die anderen alles daran setzen, die Tradition unter Kontrolle zu halten, damit das nicht hochkommt, was das entfremdete Selbstverständnis, zu dem man keine Alternative sieht, erschüttern könnte. Der Zustand ist daran erkennbar, daß die Eucharistie, seit sie unter den magischen Bann geraten ist, zu einem Mittel der Entsensibilisierung geworden ist (wie weit sind Drogenabhängige Eucharistiegeschädigte?), und die Kirche zu einem Ort der toten Seelen. – Erst die Gottesfurcht vermag die Sinne wieder zu öffnen. Nach dem Krieg hat sich die Kirche nur noch als Exkulpierungsanstalt, als Hilfe bei der Gewissensentlastung angeboten (statt bei der Gewissensverschärfung: beim Erlernen des angstfreien Gewissensgebrauchs). Sie war nicht nur kontraproduktiv, sie ist so zur Droge geworden, und die Gläubigen süchtig.
    Die Boulevard-Presse übersetzt die Politik ins Private, schirmt die private Existenz gegen die störende Politik ab, macht das, was dann von Politik noch hereindringt, vollends irrational, verwandelt das Private in ein voyeurhaft entfremdetes und vergegenständlichtes Medium. Das verstärkt den Gemeinheitstrend.
    Das Nachfolge-Gebot, die Übernahme der Schuld der Welt und die benennende Kraft der Sprache sind miteinander verbunden.
    Zum Zeitalter der nationalistischen, chauvinistischen Geschichtsschreibung und ihrer Auswirkung auf das Prophetieverständnis: Es gibt auch einen kirchlichen Chauvinismus. Und mit wenigen Ausnahmen beherrscht sie die Kirchengeschichtsschreibung.
    Moralische Urteile („Werturteile“) sind Verdammungsurteile, sind Verurteilungen; sie schließen, wie das Recht, den Verurteilten von der Gemeinschaft der anständigen Menschen, zu denen man sich selber zählt, aus. Diese Anständigen sind – das hat Himmler in seiner berüchtigen Rede begriffen – zu Herren des Totenreichs geworden. Jede Empörung – und Empörung ist im Kern moralische Empörung – ist der Versuch, dieser Objektzone, diesem Totenreich, zu entrinnen; daher rührt die (seit je manipulierbare) Emphase der Empörung. Aber eben durch die Empörung verfällt man dieser Objektzone. Auch die Arroganz der Macht ist, wie es die „Ossis“ dann am eigenen Leibe erfahren haben (und an andere marginale Gruppen weitergeben), längst sozialisiert.
    Bedeutet Arroganz ein Verhalten, das durch Unansprechbarkeit, Unbelehrbarkeit, generelle Abweisung von Bitten, Fragen, Ersuchen gekennzeichnet ist? Gibt es einen Zusammenhang mit den zuerst wohl von Heidegger entdeckten „Fragen“ (Seinsfrage, Judenfrage, deutsche Frage)? Hängt auch Marquards „diskussionslose Unterwerfung“ (mit dem schiefen Vergleich der Unterwerfung unters Dogma mit der jüdischen Treue zur Tora) damit zusammen?
    Kann es sein, daß die Begründung der Mathematik nur astrologisch möglich ist?
    Zu Reinhold Schneider: „Allein den Betern …“
    – Geht es nur um „das Schwert ob unsern Häuptern“? Genau das hat nach dem Krieg in die „zweite Schuld“ hineingetrieben. Und zu der Zeit, als Reinhold Schneider das schrieb, war es über die andern längst niedergegangen.
    – „… und diese Welt den richtenden Gewalten durch ein geheiligt Leben abzuringen“? Käme es nicht allein darauf an, die Opfer dieser Welt von den richtenden Gewalten, deren Inbegriff diese Welt ist, zu befreien? Denn:
    a. Diese Welt ist der Inbegriff der richtenden Gewalten, und
    b. die diese Welt richtenden Gewalten sind die Anwälte der Opfer.
    Bezieht sich im Anfang der Genesis das „wüst und leer“ auf den „Himmel und die Erde“? – Und der Geist Gottes schwebte über den Wassern: Der Chaos-Drache kommt nicht vor, an seiner Stelle sein Gegenbild, der Geist.
    Das Märchen-Motiv „Er ging hinaus in die weite, weite Welt“ hat heute seine Erfahrungsgrundlage verloren: Die Welt ist eng geworden.
    Heinsohns Hinweis auf den genetischen Zusammenhang der Geldwirtschaft mit der Schuldknechtschaft verweist auf die Verschmelzung von Schuld und Armut, das Objekt der prophetischen Kritik.
    Wie verhält sich die Urteilslust, die Lust am moralischen Urteil, zum Glück der Erkenntnis? Wenn man weiß, daß die Intention des Vergewaltigers nicht auf die sinnliche Lust, sondern auf die Lust an der Erniedrigung des Objekts abzielt, begreift man vielleicht etwas genauer den rationalen Kern der kirchlichen Sexualmoral (den die Kirche allerdings längst verraten hat).
    Das Selbsterhaltungsprinzip ist der Kristallisationskern für den Aggregatzustand der weltlichen Erkenntnis; die Transzendentalphilosophie Kants hat die Bedingungen dieses Aggregatzustands erstmals präzise beschrieben. Hier liegt der Ursprung des Objektivationsprozesses, der Trennung von Begriff und Objekt, der Ablösung des Objekts von sich selbst, seine Hereinnahme in die apriorische Struktur des Urteils. Vom Ursprung der Philosophie bis in die Ausbildung und Entfaltung der modernen Naturwissenschaften beweist dieser Objektivationsprozeß seine abstraktive Gewalt. Die ungeheure Bedeutung des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit liegt darin, daß es erstmals die Distanz des Systems zum Objekt im System selbst kenntlich macht und bestimmt.
    Aufgabe einer Philosophie, die aus Auschwitz die Konsequenzen zieht, wäre es, das Interesse der Erkenntnis auf das zu richten, was im Windschatten dieses Systems liegt, durchs System unterdrückt, verdrängt wird. Das haben Levinas und die französische Philosophie im Rahmen der anderen Rezeption Heideggers durch den Begriff des Anderen, der Differenz zu bestimmen versucht.

  • 18.06.91

    Wann und nach welchen Prämissen wurde die Chronologie der Erdgeschichte festgelegt? (Trifft es zu, daß die geologischen Formationen in anderen Regionen – in Südamerika? – in anderer, umgekehrter Folge sich vorfinden?)
    Natura non facit saltum: Dieses Prinzip scheint die gleiche Funktion zu haben wie das Prinzip der Erhaltung der Energie: es konstituiert und stabilisiert das System und den Begriff der Natur, hat aber darüber hinaus keine Bedeutung.
    Liegt der Unterschied zwischen Sklaven und Leibeigenen darin, daß Sklaven dazu gemacht worden sind (durch Unterwerfung), während Leibeigene dazu geworden sind (aufgrund wirtschaftlicher Zwänge, die eine funktionierende Geldwirtschaft schon voraussetzen: vor allem durch Schulden oder schuldenähnliche Bindungen). Gunnar Heinsohn hat den Vorgang unter dem Begriff „Schuldknechtschaft“ beschrieben; nur: hat er ihn nicht doch historisch falsch lokalisiert, ist er nicht erst anwendbar auf die Geschichte des Zusammenbruchs des römischen Latifundiensystems, am Ende der Antike?
    Die Kirche hat mit der Opfertheologie Jesus zum vergöttlichten Ein-Mann-Proletariat und zum Symbol und Inbegriff der gesamten Vergangenheit gemacht (den Kreuzestod zum Inbegriff der Arbeit, die die Menschheit seit dem Sündenfall geleistet hat – „im Schweiße ihres Angesichts“), zum einzigen Produzenten der Gnaden, die die Kirche verwaltet und den Gläubigen zum Genuß gibt.
    Bekenntnis und Masse: Durch den Zwang der Bekenntnislogik werden an dem, der sich dem Bekenntnis unterwirft, die gleichen Strukturen und Eigenschaften evoziert, die das Inertialsystem an der Materie bewirkt. Durchs Bekenntnis werden die Gläubigen zu der trägen und schweren Masse, die sich dann beherrschen und manipulieren läßt.
    Kann es sein, daß die gesamte Mikrophysik, von der Elektrodynamik, über die Thermodynamik und Quantenphysik bis hin zur Chemie als Resultat einer Spiegelung des Gravitationsgesetzes am Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit sich begreifen läßt?
    Die Nachkriegsdiskussion um die Kollektivschuld hätte ein Anlaß sein können, das Nachfolge-Gebot neu zu reflektieren und zu begreifen. Nur im Sinne des Nachfolge-Gebotes ist es nicht nur sinnvoll, sondern zwingend geboten, diesen Aspekt der Kollektivschuld (als Übernahme der Schuld der Welt) als ein zentrales christliches Motiv wieder in die Erinnerung zurückzurufen, allerdings mit der Folge der Relativierung der „persönlichen“, zurechenbaren (und deshalb beichtfähigen) Schuld.
    Die Welt ist alles, was der Fall ist: Der Fall ist das, was das Subjekt von hinten: sein physis oder das Subjekt als Person, überfällt (der Blinddarm, der Diebstahl, die Onanie, der Mord, der Sozialfall; die Krankheit, das Verbrechen, die Sexualität, die Not), seine „Erscheinung“ im Wahrnehmungsfeld der Verwaltung, der Medizin, der Justiz, des moralischen Urteils, des Geredes.

  • 16.06.91

    IKvu in Gernsheim (14.-16.06.):
    – Wie tief steckt doch die Droge Kirche auch in denen, die eine Alternative suchen, weil sie in der Kirche nicht mehr leben können. Nach Verinnerlichung der Opfertheologie suchen sie immer noch Geborgenheit, Heimat, Harmonie, die sie in der Kirche nicht mehr finden, und verdrängen lustig weiter.
    – Könnte (und müßte) das „von unten“ nicht auch heißen: Aufarbeitung der verdrängten Vergangenheit? Gibt es, wenn man die Katastrophe des kirchlichen Traums von der Religion noch vermeiden will, zum Aufwachen überhaupt eine Alternative?
    – Die befreiende Kraft der Nachfolge, oder Entmündigung durch die Opfertheologie (Opfertheologie als kirchliche Droge; Zerstörung der göttlichen Barmherzigkeit durch Instrumentalisierung; was bindet die Gläubigen an diese gnadenlose Kirche?).
    – Jedes „Bekenntnis zu …“ ist ein entfremdetes Schuldbekenntnis: Sein Objekt ist das Gravitationszentrum eines Schuldzusammenhangs. Insofern gehört zum Bekenntnis zwangsläufig, aus Gründen der Systemlogik, das Opfer. Ohne die Opfertheologie wäre das christliche Dogma nicht möglich gewesen.
    – Origenes, Tertullian und Augustinus: über den Zusammenhang der Confessio mit dem Sexismus (welche Bedeutung hatten Alexandria und Nordafrika für die Geschichte der christlichen Theologie?).
    – Schließt der Glaube an die Eucharistie eine vegetarische Lebensweise aus (no pity for the animals and the trees)?
    – Schwerter in Pflugscharen: Nachdem das Bekenntnis, das Dogma und in seinem Zentrum die Opfertheologie, zu lange schon als Waffe mißbraucht wurden, an der das Blut von Millionen klebt, kommt es endlich darauf an, die Ursachen zu begreifen und den Schuldzusammenhang durch Reflexion aufzulösen.
    – Die Wahrheit, daß Jesus die Schuld der Welt auf sich genommen hat, ist nicht generalisierbar; sie gilt so nur für ihn (für den „Gottesknecht“). Der Schluß, den wir (die Kirche: in der Opfertheologie, in der Lehre vom Sühneleiden) daraus ziehen, daß er unsere Schuld auf sich genommen hat und wir den Profit der Erlösung aus seiner einmaligen Leidens-Investition ziehen, ist falsch, mehr noch: er ist der Grund der christlichen Heuchelei, der Lüge, er ist schlicht blasphemisch. Wahr ist der Satz nur im Kontext des Nachfolgegebots (Konsequenzen für eine theologische Erkenntnistheorie).

  • 13.06.91

    Wie hängen die subjektiven Formen der Anschauung, das Geld und das Bekenntnis zusammen? Wie verhalten sie sich zum Gesamtkonstrukt des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs (des Feinddenkens, des Sexismus und der paranoiden Verräterfurcht)? Lassen sich aus der historischen Analyse und Kritik der Geldwirtschaft und des entfremdeten und instrumentalisierten Christentums Hinweise für die Entschlüsselung des Banns gewinnen, unter dem die Natur steht? Bezeichnet der dem Bekenntnisbegriff zugrundeliegende Begriff der Orthodoxie mehr als nur ein zufällig und willkürlich zusammengestelltes Dogmenkonstrukt, ohne daß allerdings die darin verborgene natur- und herrschaftsgeschichtliche Logik zu ihrer Erklärung des Rückgriffs auf das Wirken des Heiligen Geistes oder auf eine göttliche Vorsehung bedürfte.
    Wie es scheint, nutzt die katholische Kirche die Abtreibungsdebatte
    . einerseits als Mittel, endlich wieder einen archimedischen Punkt zur moralischen Weltbeurteilung zu gewinnen, als Medium der Urteilslust, der sie rettungslos verfallen ist, weil an sie im Verblendungszusammenhang die Erhaltung des Selbstgefühls gebunden zu sein scheint,
    . zum andern aber als Alibi, um ihre Schuld und ihr vollständiges Versagen angesichts des realen apokalyptischen Weltzustands zu verbergen (das Alibi ist aber nur noch ein Alibi vor sich selbst; alle anderen sehen es zwar nicht, sind aber als Häretiker abgeschrieben).
    Dahinter steht die paranoide Theologie, die die Katastrophen aus der Sittenverderbnis der Völker herleitet anstatt aus den Tendenzen ihrer realen Lebensbedingungen. Wenn darüber hinaus die These stimmt, daß in jedem Feindbild ein Stück Projektion steckt, müßte die Abtreibungsdebatte eigentlich
    . Aufschluß über den Zustand der Kirche geben: So wütend reagiert nur, wer sich selbst getroffen fühlt.

  • 10.06.91

    Wertsetzung und Sinngebung setzen voraus, daß die Sache an sich wert- und sinnlos ist. Insoweit sind auch die positiven Werte Ausdruck von Verzweiflung.
    Die Häresie wurde als Verrat empfunden, weil sie das Geheimnis der Orthodoxie ausplauderte. Durch die Mobilisierung der apologetischen Kräfte ist die Orthodoxie dann immer tiefer in die Verstrickung hineingeraten (Zusammenhang von Orthodoxie, Vergegenständlichung, Apologetik/Theodizee und Opfertheologie; Grund und Kontext der Häresienbildung).
    Im Faschismus erfüllt sich die Geschichte der Häresien, aber so, daß gegen ihn Apologie nicht mehr greift, nicht mehr möglich ist, sondern nur noch das Bekenntnis, die Erfüllung des Nachfolgegebots: die Übernahme der Schuld der Welt, an deren Grund der Faschismus (durch den bedenkenlosen Gebrauch der Gemeinheitsautomatik) rührt.
    Geschichte und Opfer: Die Nachgeborenen glauben, Herr der Vergangenheit zu sein, über die sie als Wissende und Urteilende (wenn sie das Erbe der Vergangenheit antreten, ohne die darin kapitalisierte Schuld zu reflektieren) sich erheben; sie können aber über die Vergangenheit nur deshalb sich erheben (und die Früchte der geopferten Vergangenheit ohne das Bewußtsein von Schuld genießen), weil sie mit der Vergegenständlichung des Vergangenen zugleich sich von der vergangenen Schuld glauben exkulpieren zu können, ihr damit aber gerade rettungslos verfallen. – Der Antisemitismus wollte mit den Juden die Vergangenheit, für die sie einstehen, loswerden. Und nicht zufällig ist jeder Historismus chauvinistisch: der Staat repräsentiert diese Herrschaft über die Vergangenheit; deshalb muß er seine Bürger, von denen er die Verdrängungsleistung fordert, generell unter Anklage setzen und braucht einen Staatsanwalt. Wehe denen, die sich erinnern.
    Kontrafaktische Urteile in der Geschichte haben genau diese Exkulpationsfunktion. Als Urteilender distanziert man sich von der vergangenen Schuld, anstatt sie aufzuarbeiten. Kontrafaktische Urteile sind insoweit falsch, wie sie der gleichen Faktizitätslogik gehorchen wie die Tatsachenurteile. Auch der kontrafaktisch Urteilende steht als der moralisch Überlegene auf diesem Riesenleichenberg. Oder auf der Vergangenheitskolonie, der Vergangenheits-Dritte-Welt, dem Vergangenheits-Proletariat (das durch den Tod enteignet ist und dessen Arbeitsfrüchte wir genießen: dem ganzen Heer der toten Erniedrigten, Ausgebeuteten und Vergessenen).
    Die Vergegenständlichung vollzieht am Objekt die Taufe der Vergangenheit. Genau das leistet die kantische Vorstellung der Zeit als subjektive Form der Anschauung.
    Confessor und virgo: Der Mann nimmt die Schuld auf sich und kann sich davon nur befreien durchs Bekenntnis, er kann heilig werden nur als Bekenner; die Frau ist davon dispensiert, sie wird nur schuldig, wenn sie ihre Unschuld verliert: ist die Unschuld bei der Frau eine biologische, keine moralische Qualität?
    Im Anfang war das Wort, aber was ist der Anfang anderes als der erste Ursprung der Vergangenheit? Genau in diesem Punkt entspringt die Sprache. So hat die Sprache eine ursprüngliche Beziehung zu den Toten – als Ausdruck der Trauer über das Vergehen. Darauf bezieht sich die Lehre von der Auferstehung von den Toten.
    Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Aber woher kam die Urflut, die dann übrigens noch geschieden wird in die Wasser diesseits und jenseits des Firmaments?
    Theologisch begründete Herrschaftskritik kann sich nicht einschränken auf den gesellschaftlichen Aspekt von Herrschaft, sie muß auch den naturalen Aspekt mit einbeziehen. Die gesellschaftliche Herrschaft enthält über ihr Verhältnis zur Naturbeherrschung auch ein naturales Moment, das im Rahmen einer theologischen Herrschaftskritik offengelegt werden muß (das ist der letzte Sinn einer Naturphilosophie). Es gibt einen Naturgrund von Herrschaft, den wir besetzt halten, der aber mit den Strukturen der gesellschaftlichen Herrschaft über die Natur nicht identisch ist, sondern zugleich davon getrennt untersucht und dargestellt werden muß.

  • 21.05.91

    Zur Systemlogik des Bekenntnisses gehört die Heuchelei: daß die, die das Bekenntnis fordern, selber nicht bereit sind, sich daran zu halten. Bekenntnisse sind Bekenntnisse für andere. Der Bekenntniszwang nimmt zu mit der Ohnmacht: deshalb ist er innerhalb der Linken stärker als bei den Rechten. Die CDU ist eine Bekenntnis-Partei, weil sie eigentlich kein Bekenntnis mehr braucht. Die Verflechtung von politischer und wirtschaftlicher Macht enthebt jene, die diese Macht in Händen halten, von jeder Verpflichtung (vgl. die Papstgeschichte des frühen Mittelalters). Der Bekenntniszwang wird nur in Gefahrensituationen aktuell (in Situationen, in denen der instrumentelle Gebrauch geboten ist): hier wird das Bekenntnis wieder zur Waffe, zum Mittel der Diskriminierung, der taktischen oder strategischen Nutzung des Feindbildes.
    Gott gründete die Erde und spannte den Himmel auf: hat er den Himmel mit den Sternen am Firmament befestigt? Und Paulus war ein Zeltmacher. – Gegründet werden Städte, Staaten, Unternehmungen, Firmen, Institutionen; Grund sind teleologische Vorstellungen, Zwecke, Ziele, Ideen als Ursachen. Gründen ist eine technische Organisation von Mitteln zu bestimmten, vorgegebenen Zwecken: Zusammenhang mit der Selbsterhaltung, dem Realitätsprinzip.
    Prophetisches Bilder-Lexikon: die Erde gründen, den Himmel aufspannen, Dornen und Disteln, den Geist ausgießen, Tiere, Völker, Bäume etc.
    Bezieht sich das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit auf den ganzen Raum oder (als Maß einer Bewegung im Raum) jeweils nur auf eine bestimmte Richtung des Raumes: sind die Längenkontraktion und die Zeitdilatation richtungsabhängig (auf den Bewegungssinn bezogen)? Bedeutet das, daß die Beziehung der Zeit zum Raum nicht mehr diesen Totalitätscharakter hat, sondern gleichsam individualisierend vorgestellt werden muß? Was ist hiernach noch gleichzeitig? Ist nur noch der „Lichtstrahl von innen“ das Moment der Gegenwart im Raum, und die Gleichzeitigkeit (als subjektiver, mit dem Inertialsystem als objektiv gesetzter Schein) hiervon zu unterscheiden? Die Lichtgeschwindigkeit gehört zu einem Vorstellungssystem, in dem der Lichtstrahl gleichsam von außen gesehen, vergegenständlicht wird, und erst in diesem Zusammenhang als eine zeitlich bestimmte Bewegung erscheint. (Falsche Interpretation der Zeitdilatation: sie kann nie auf ein ganzes Objekt bezogen werden. Man altert nicht langsamer, wenn man mit einer Geschwindigkeit nahe der Lichtgeschwindigkeit durchs Weltall fliegt.)
    Die Lichtgeschwindigkeit ist nicht das Maß einer Objektbewegung im Raum, sondern das einer Raumbewegung im Objekt.
    Verletzen die „Schwarzen Löcher“ nicht das Gesetz der Energie-Erhaltung?
    Schlaf: das Untertauchen ins Gegenständliche, Subjektlose; deshalb: Wachet und betet. Die Physik ist der Traum des Verstandes, die Theologie das Aufwachen.
    Paulus heißt auch Saul; kam nicht David nach Saul?
    Heinsohn weist auf den astronomischen Ursprung des Pentagramm hin: auf den Zusammenhang mit der Planetenbahn der Venus, die in genau acht Jahren fünfmal die Sonne umkreist, bezogen auf die Erde demnach ein Pentagramm beschreibt. Das Pentagramm ist der Drudenfuß: gibt es dazu eine keltische Erklärung?
    Gemeinheit ist kein psychologischer, sondern ein objektiver Begriff; oder genauer: ein Begriff für einen objektivitätsbegründenden Sachverhalt. Die Erfahrung der Gemeinheit läßt drei Reaktionen zu:
    – man wird selber gemein;
    – man wird depressiv;
    – man weigert sich, auch gemein zu werden.
    In der dritten Verleugnung wird die Kirche selber zur Schule der Gemeinheit. Es ist die Phase der Selbstverfluchung.
    Aufklärung beruht auf der Verinnerlichung des Opfers und der Vergeistigung der Idololatrie.
    Abraham (seine Nachkommenschaft ist so groß wie die Zahl der Sterne am Firmament), Isaak und Jakob und die zwölf Stämme Israels: der „Schrecken Isaaks“ („Er lacht“), das Lachen Abrahams und Saras, Jakob: „Gott schützt“ und „Er betrügt“.
    Zu Jakobs Kampf mit dem Engel: Gibt es eine andere Stelle, an der die Hüfte vorkommt? Hat die Hüfte etwas mit der Lende oder mit der Rippe zu tun?
    In welcher Beziehung stehen die zwölf Apostel zu den zwölf Stämmen Israels, den zwölf Söhnen Jakobs (den zwölf Tierkreiszeichen)? An welcher Stelle stehen respektive Petrus, Johannes, Judas?
    Die Sonne herrscht über den Tag, der Mond über die Nacht.
    Zu den frühgeschichtlichen „Naturkatastrophen“ vgl. die Geschichte von den Urkönigen (Könige von Edom) in der Kabbalah?
    Zu den Königen von Edom: Hatte jeder eine Stadt gegründet? Wieviel Städte waren es?
    Woher stammen die Galiläer; gibt es einen Zusammenhang mit dem Stamme Dan?
    Steiner, S. 262; Kunst als Gegenschöpfung, S. 265; S. 268
    Das objektbezogene Lachen ist anders als das befreiende Lachen (ebenso das feindbildbezogene Zwangs-Bekenntnis anders als das befreiende Bekenntnis).
    Zwischen dem An-sich und dem Für-uns ist ein Bruch, der sich dialektisch nicht auflösen läßt. Das An-sich wird in Dialektik hereingezogen durch das entfremdete Subjekt-Objekt: als ein Für-uns.
    Durch das „es gibt“ wird die Frage „Gibt es Gott“ blasphemisch. Für dieses Es gibt es keinen Gott. Dieses Es ist Statthalter der Totalitätsbegriff Welt und Natur, die sich dem historischen Prozeß verdanken, die Subjektivität zum Ursprung haben, deshalb atheistisch sind.
    Zur Genesis des Objektbegriffs: Die Billardkugel, die Erde, die Sterne, die Sonne, das Opfer, das Objekt des Lachens, das Schicksal, das Urteil, das Richten, der Begriff/das Urteil/der Schluß, der Säkularisationsprozeß, die Profangeschichte: Herrschaftsgeschichte und Geschichte der Auseinandersetzung mit der Natur, Subjekt und Empörung, Objekt und Instrumentalisierung, Mittel und Zweck, Grund und Begründetes.
    Es ist der zugleich festgehaltene und geopferte Objektbegriff, der die Hegelsche Logik begründet. Die Verinnerlichung des Opfers hat ihr gegenständliches Korrelat im Opfer des Objekts: im Antisemitismus und in der Frauenfeindschaft. Geopfert wird die Klage (Rahel weint um ihre Kinder) und die Barmherzigkeit.
    Jeder Mensch ist Ursprung eines Inertialsystems: Zusammmenhang mit den Fixsternen?
    Spr 1519: Der Weg der Faulen (der Trägen?) ist wie ein Dornengestrüpp, …: Kritik des Inertialsystems.
    Zur Mechanik, zur Realitätserfahrung am Widerstand des Objekts: der Boden ist der Widerstand gegen den Fall (Blut und Boden).
    Zur Dialektik der Scham: Wer selber vor Scham sich verstecken (in den Boden versinken) möchte, respektiert nicht mehr die Scham der anderen (nimmt sie nicht mehr wahr?). Zusammenhang mit der Dialektik der Schuld.

  • 27.04.91

    Jes 22f und Mi 41f auf das Bekenntnis und das verdinglichte Dogma anwenden. Beide sind in der Geschichte des Christentums zur Waffe geworden; an ihnen klebt Blut.
    „Schwerter zu Pflugscharen“: d.h. Objektivierung durch Nachfolge ersetzen (Entkonfessionalisierung). „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot verdienen (den Acker bebauen).“ -Damit hängt auch Benjamins Wort über Rosenzweig zusammen, daß er es vermocht hat, die Tradition auf dem eigenen Rücken weiterzubefördern, anstatt sie seßhaft zu verwalten. Die Verwaltung ist das gegenständlich-politisch-gesellschaftliche Korrelat des Bekenntnisses. Es gibt keine Verwaltung ohne Bekenntnis, und kein Bekenntnis ohne Verwaltung (so wie keine Verwaltung ohne Hierarchie und keine Hierarchie ohne Verwaltung). Das erste kirchliche Verwaltungsamt ist das des Bischofs, des Aufsehers (des Hüters des Bekenntnisses: Heideggers Hirt des Seins ist ein spätes Echo davon).
    Über den geschichtsphilosophischen Zusammenhang von Bekenntnis und Empörung, oder Empörung als Versuchung.
    Woher stammt die Legende (und welche Bewandnis hat es mit ihr), daß Petrus mit dem Kopf nach unten gekreuzigt worden sein soll?
    Die Diakonie wäre das Wesen des Christentums, wenn die Interpretation von Elisabeth Moltmann-Wendel (unter Bezugnahme u.a. auf Schüssler-Fiorenza) zutreffen würde. Dann wäre das Dienen ein nicht mehr vom Herrendenken entstelltes und verhextes Dienen.
    Gibt es eine Beziehung zwischen unserer Beziehung zur präzivilisatorischen Vergangenheit und unserer Beziehung zur Natur (ist die Grenze zur Vorgeschichte auch die zur Natur: der Ödipuskomplex)?
    Der Schlüssel zum Lösen liegt nicht in der Zukunft, sondern in der Vergangenheit und erscheint deshalb als unzugänglich; unterschätzt wird die Kraft der Erinnerungsarbeit, des Eingedenkens. Vgl. hierzu Ezechiel (Auferstehung). Kann es sein, daß die Lösung des Rätsels der Gnosis ein Teil der Lösung im Sinne von Mt 1618 (?) wäre. Hier, in der Auseinandersetzung mit der Gnosis hat die Kirche erstmals gebunden und nicht gelöst. Und diese erste Bindung hatte möglicherweise etwas von dem parvus error in principio (hat die Kirche nicht den gnostischen Demiurgen dann in der Tat zum Gott der Christen gemacht; oder hat die Gnosis nicht nur offen ausgesprochen, was unter den Händen der Kirche aus Gott geworden ist).
    Nicht das Ergebnis des Säkularisationsprozesses ist falsch, sondern seine Interpretation. Hier wird die Humesche Tradition, die durch Kant nicht widerlegt, nur lokalisiert worden ist, wichtig.
    Der säkularisierte Staat ist es erst wirklich, wenn er die Rechtfertigungszwänge abbaut, die insbesondere in den schuldbezogenen Institutionen wie die Justiz fortleben. In welcher Beziehung zum Bekenntnissyndrom steht die Institution des Bundespräsidenten (des säkularisierten Königs)?
    Modell für die Verdoppelung ist das Sich-Verstecken Adams. Wo versteckt sich Adam? Haben die Bäume, unter denen er sich versteckt, etwas mit den Dornen und Disteln zu tun? Adam redet sich dann auf Eva heraus, Eva auf die Schlange; und was sagt die Schlange?
    Geliebt wirst du einzig, wo du ohne Furcht dich schwach zeigen darfst (Adorno: Minima Moralia). Das hängt zusammen mit der Utopie eines Lebens ohne Rechtfertigungszwang. Deshalb: Seid klug wie die Schlangen … Ohne Rechtfertigungszwang kann man nur leben, wenn man den Schein durchschaut, der anklagendem, richtenden Denken zugrundeliegt. Das Durchschauen dieses Scheins wäre das Ziel einer Kritik der Säkularisation, aber eine Kritik dieses Scheins ist nur in theologischem Zusammenhang möglich. Beweis: Eine Kapitalismus-Kritik, die die Prämissen des Kapitalismus, die Herrschaft des Tauschprinzips, nicht antastet, führt in schlimmere Dinge hinein als der Kapitalismus. – Die Gottesfurcht ist nichts anderes als der Grund der Freiheit vom Rechtfertigungszwang, und der Rechtfertigungszwang hat keine theologischen, sondern nur gesellschaftliche Gründe. Der Schein ist nur aufzulösen durch Auflösung des Schuldzusammenhangs, oder durch Auflösung des Schuldverschubsystems, der den Schuldzusammenhang konstituiert. D.h. er ist nur aufzulösen in Befolgung des Nachfolgegebots, des Gebots, die Schuld der Welt auf sich zu nehmen, der Arglosigkeit oder des Verzichts darauf, Selbstentlastung durch Projektion der Schuld zu erreichen.
    Die Gnadenlosigkeit des Christentums ist eine Folge der Gnadenlehre.
    Eindruck beim Lesen des Interviews mit Jehoshua Leibowitz: er scheint gelegentlich so zu antworten, daß er nur die Frage ad absurdum führt; das hängt dann mit der Qualität der Fragen zusammen. – Es scheint eine Beziehung zu geben zwischen seiner Kritik der Psychoanalyse und der Ablehnung des Christentums; unklar, ob ihm diese Beziehung selber bewußt ist. – Der Interviewer fragt gelegentlich wie ein beflissener Schüler; gibt es eigentlich einen Lehrer, der nicht darauf hereinfällt? Genau hierin drückt sich etwas vom prekären Verhältnis des Professors zur Öffentlichkeit aus, das mit einer gleichsam existentiellen Verunsicherung verbunden ist, die durch die Bestätigung durch Schüler gemildert wird (der Professor ist auch eine öffentliche Person, wie Schauspieler, Politiker, Huren, Journalisten: alle müssen über eine Schamgrenze sich hinwegsetzen).
    Es scheint eine Querbeziehung zu geben zwischen der Konstitution von Wissenschaft, der Prostitution und der Hexenverfolgung. Die Hexenverfolgung scheint ein erster Ausdruck dessen zu sein, was Ralph Giordano die zweite Schuld genannt hat. An diesen (nicht ungefährlichen) Punkt rührt die Kritik des Bekenntnisses; sie könnte zum Auslöser der „verfolgenden Unschuld“ werden, die in der Konstruktion und Dynamik des instrumentalisierten Bekenntnisses, die heute fast nicht mehr zu umgehen ist, gründet. Der Hinweis auf die christlichen Ursprünge von Auschwitz – ein Komplex, zu dem J. Leibowitz auch den Marquardt zitiert – scheint hiermit zusammenzuhängen. An die gleiche Frage rührt der Satz, den Georg Büchner Danton in den Mund legt: „Was ist das, was in uns hurt, mordet, lügt, stiehlt …“
    Galileis Blick durchs Fernrohr und der Habitus des Zuschauers: Es ist der Habitus des Zuschauers, der den ganzen Apparat von Schuld, Verdrängung und Projektion mit einschließt, absichert und stabilisiert. Hiermit hängt es zusammen, wenn Auschwitz nicht vergangen ist, sondern gegenwärtig in seinen Metastasen in der Dritten Welt fortlebt, wo in unserem Auftrag gehungert und gefoltert wird. Frage: Wann greift der Mechanismus wieder aufs Zentrum über?
    Gibt es eine Beziehung zwischen den Mizwot und den evangelischen Räten?
    Wie verhält es sich mit Bileam? (Bileams Esel, der Engel mit dem feurigen Schwert und dazu in der Apokalypse die Warnung davor, Bileams Lehre zu folgen – bezieht sich auf das der Bileam-Geschichte folgende Kapitel).
    Der Feminismus (z.B. Christa Mulack) gibt gelegentlich zu sehr der Versuchung nach, historische Sachverhalte wie auch biblische Lehren moralisch anstatt strukturell zu interpretieren. Hier reproduziert er den Fehler, den er kritisiert. Hier tritt er patriarchales Erbe an. Der biblische Gottesname gilt für die erste Person, er liegt vor der Scheidung in männlich und weiblich. Er ist nicht in die dritte Person (in der es erst die Geschlechtertrennung gibt) übersetzbar. Und hier – so scheint mir – übersetzt auch Martin Buber falsch.

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