Gesellschaft

  • 11.12.90

    Natur ist ein Weltbegriff (ein Begriff, der vollständig abhängt von den transzendentalen Konstitutionsbedingungen der Welt) und in theologischem Zusammenhang nicht zu gebrauchen. Natur usurpiert den Schöpfungsbegriff, ist mit der Vorstellung eines zweckmäßig (als Vorsehung) handelnden innerweltlichen Subjekts verbunden. Anders wäre Leben (als Teil der Natur – nicht nur unter Bedingungen der Natur) nicht zu begreifen. Dagegen die Vorstellung Horkheimers (in der DdA), daß die Tiere an ein Unglück in der Vorzeit erinnern. – Es ist in der Tat ein Unterschied, ob das Leben als „von der Natur“ hervorgebracht oder unter Naturbedingungen sich entwickelnd vorgestellt und begriffen wird. Die Anwendung des Naturbegriffs auf theologische Gegenstände und Zusammenhänge ist (nach der epochalen Entdeckung Franz Rosenzweigs) nur im Kontext der Umkehr (im besonderen Verhältnis des Mythos zur Offenbarung) möglich.

    Mit dem Radikalenerlaß und mit der späteren Sympathisanten-Hatz begann die mehr oder weniger sanfte faschistische Umkehrung der öffentlichen Meinung in der BRD; seitdem hat dieses moralische Klima (die Kohlsche ingeniöse Konsequenz daraus: das Aussitzen moralischer und politischer Probleme) wirtschaftlich und politisch nur noch Erfolge gebracht und ist dadurch fast unangreifbar geworden. Unangreifbar vor allem auch deshalb, weil es unmittelbar an kirchliche Traditionen (insbesondere der Ketzer-und Hexenverfolgung) anknüpfen konnte.

    Tentari non patitur Deus suos supra id quod possunt. 1 Kor. 1013, 2 Petr. 29, Offb. 210.

    Was bedeutet im NT das Bekennen (homologein) des Namens Jesu? Hat das Bekennen etwas mit der Nennung des Namens im Sinne des Ansprechens, des Aufrufens zu tun?

  • 09.12.90

    Die Reflexion des Bekenntnisses ist das Zentrum der kritischen Selbstverständigung (und Selbstbegründung) des Christentums; sie ist sowohl Inbegriff des Neuen, Befreienden, als auch Ansatzpunkt für die Selbstinstrumentalisierung: Verwandlung in ein Herrschaftsinstrument; Ursprung der Instrumentalisierung der Natur; Zusammenhang mit dem Weltbegriff. – Gegenstand des Bekenntnisses ist das Bekannte? Säkularisation des Bekenntnisses durch die Formen der Anschauung, durch die Mathematik, die in der historischen Auseinandersetzung mit der Natur diese Natur ähnlich repräsentieren wie das Bekenntnis die Kirche. Oder: Das Zwangsbekenntnis leistet am Subjekt die gleiche Entrealisierung und Entsinnlichung wie die Formen der Anschauung (das Inertialsystem) und die daraus abgeleiteten Strukturen der Mathematik an der Natur. Die Person als Träger des Namens ist das Produkt der Zurichtung zum Objekt des Urteils (vom Tratsch übers Recht bis hin zur Theologie), der Instrumentalisierung, der Verwaltung.

    Ebenso wie die Person den individuellen Menschen neutralisiert das Bekenntnis (der vom Wissen getrennte anstatt sein Verhältnis zum Wissen reflektierende Glaube) seinen Gegenstand, seinen Inhalt. Die Person (als Gegenstand hoffnungslosen Wissens) muß sich ihre Taten als feste Eigenschaften zurechnen lassen: wer gestohlen hat, ist ein Dieb, wer gemordet hat, ein Mörder. Nur durch ihr vergangenes Handeln und ihr Leiden kommt die Person zu Eigenschaften, Qualitäten; diese sind Urteile über ihre Vergangenheit. In der Theologie ist es denn auch das Handeln und Leiden, das die Unterscheidung der Personen in der Trinität begründet: der Zeugende und der Schöpfer der Welt ist der Vater, der Gezeugte und in die Welt Ausgesandte (und zur Hölle, zum Ziel des Sündenfalls, Abgestiegene) der Sohn, der von beiden Ausgehende und der das Antlitz der Welt Erneuernde der Hl. Geist (Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft; Glaube, Liebe, Hoffnung?). Und am Ende, wenn der Sohn sein Rettungswerk vollendet hat, wird Gott alles in allem sein: werden mit der „Welt“ auch die Personen in Gott untergegangen sein. (Die Trinitätslehre besteht ebenso wie ihr Tradent, das „Welt-„Priestertum und die Hierarchie: die organisierte Kirche, solange, wie die Welt besteht.)

    (Die Welt der Kinder ist die private Welt der Familie. Und für die Kinder ist es auch der Vater, der durch seine außerweltliche Tätigkeit diese Privatwelt gleichsam ex nihilo erschafft, jedenfalls ihr absoluter Herr ist. Nur die Mutter ist in der Privatsphäre physisch anwesend, der Vater ist ihr transzendent. – Das orthodoxe Urteil über die Häresie als Abweichung orientiert sich an diesem Modell.)

  • 08.12.90

    Zusammenhang von Essen („Gericht“), Inertialsystem (orthogonales, gerichtetes System: Bedeutung der „Orthodoxie“), Herrschaft des Tauschprinzips: diese Welt (als Produkt) ist das Gericht. Das Gericht ist, bezogen auf die Dingwelt, der Inbegriff der Vergängnis, der Vernichtung. Arbeit als Befreiung (durch Tod und Auferstehung der rohen Natur) und Exkulpation (Befreiung von Schuld, Selbstverteidigung: Folge des Sündenfalls).

  • 05.12.90

    Materialismus als Errettung des Vergangenen.

    Die Virulenz der Gemeinheit gründet in der ebenso realen wie paranoiden Vorstellung, daß, wer überleben will, mit den Wölfen heulen muß: die projektive Vorstellung, daß die Schlechtigkeit in der Welt überwiegt, wird als Rechtfertigung der eigenen Schlechtigkeit verwandt. Gemeinheit ist ein Selbstläufer: Modell des perpetuum mobile (allerdings mit eigenem Entropiegesetz). Das Bessere zieht die Wut auf sich, weil es die Selbstrechtfertigung (das pathologische gute Gewissen) untergräbt. Nicht zufällig sind die Einrichtungen des staatlichen Gewaltmonopols: der Justiz, der Verbrechens- und Kriminalitätsbekämpfung (einschließlich des Staatsschutzes), der Strafermittlung, des Strafrechts und des Strafvollzugs besonders anfällig für dieses paranoide Syndrom (die paranoide Staatsmetaphysik, die beispielsweise in dem Amtstitel des Staatsanwalts sich ausdrückt); hier ist eine besonders virulente Quelle der Gemeinheit (der verfolgenden Unschuld).

    Der Rechtsbegriff in Begriffen wie Menschen- oder Christenrechte verhält sich zu dem des staatlichen und auch des kirchlichen Rechtsinstituts wie der der Offenbarung zu dem des Mythos, wie Befreiung zu entfremdeter Herrschaft. Die Bekehrung des Rechts steht – wie auch die der Christen – noch aus.

    Vgl. Elaine Pagels Ausführungen über die Ausbildung autoritärer Strukturen in der Kirche in der Geschichte der Auseinandersetzung mit der Gnosis (Versuchung durch Erkenntnis). Das proton pseudos war, daß dem gnostischen Versuch einer experimentellen Theologie dogmatische und bekenntnishafte Strukturen und Bedeutung (Anspruch auf gegenständliche, gleichsam physikalische Wahrheit) unterstellt wurden. Die Kirche hat seit Beginn an einem Wahrheitsbegriff festgehalten, der automatisch in den Dogmatismus (und in seiner Folge in die naturwissenschaftliche Aufklärung, in den Prozeß der Naturbeherrschung durch Vergegenständlichung und Instrumentalisierung der Natur): m.a.W. ins Herrendenken, in paranoide Zwänge (Kriterien: Antijudaismus, Ausgrenzung und Verfolgung der Häresien, Sexismus) hineinführte.

    Gilt das Abendmahl nur für die autoritär und hierarchisch organisierte Männerkirche (für eine Kirche, die mit Antijudaismus, Ketzerverfolgung und Sexismus leben muß)? – Zusammenhang mit dem Nahrungsgebot nach dem Sündenfall?

    – Brot und Wein

    . Brot, Gen. 319, Joh. 622-66, Lev. 2626, Ps. 10516, Ez. 416, Ex. 121-1316, Joh. 1914, Ps. 7825

    . Brotbitte Mt. 61,

    . Brotbrechen Lk. 2435, Apg. 242,

    . Brotvermehrung, Mt. 1413-21

    . Kana

    – Dornen und Disteln: Gen. 318, Ex. 31ff

    – Abendmahl: Mt. 2617, Mk. 1412, Lk. 227, Joh. 622-66, 657, 131, 151, 1934, Apg. 242, 1 Kor. 1021

    – Melchisedech: Gen. 1418, 2 Sam. 59, Hebr. 71-3

    – Abraham/Isaak: Gen. 221ff

    – Passah/Exodus: Ex. 12

    – Propheten

    – Tempelopfer.

  • 03.12.90

    Ist es gnostisches Erbe, wenn nach dem Ende der Märtyrerzeit das Bekenntnis und die Jungfräulichkeit zu Symbolen der Erlösung (der männlichen und weiblichen Heiligkeit, der Tilgung der Sünde Adams und Evas) werden? – Gehören das Bekenntnis und der Ursprung der christlichen Sexualmoral zusammen? Lassen sie sich (zusammen mit der Dogmenentwicklung) aus der Enttäuschung der Parusieerwartung ableiten? Sind beide notwendige Momente der Vergegenständlichung und Instrumentalisierung der (seitdem, ohne es zu wissen, imperialistisch instrumentierten) Theologie? Ist der Grund der (in Philosophie und Politik) undurchschaute Zusammenhang von Subjektivität und Konstitution der Welt (Ursprung der instrumentellen Vernunft; Bekenntnis und Sexualmoral als Bedingungen der gesellschaftlichen Naturbeherrschung: Zusammenhang mit Magie-Verbot)? Vorstufe der Verflechtung von Mythos und Aufklärung (Beginn der „Neuzeit“) ist die von Magie und Aufklärung („Mittelalter“; Bedeutung der Hexenverfolgung). Das Sakrament (die Geschichte des Sakraments) als Erbe und Rationalisierung der Magie und mimetische Vorstufe der technischen Naturbeherrschung.

    Zur Konstruktion der Gemeinheit: Daß die Erlösung auch die Vergangenheit (und die Natur) befreit, kann heute nicht mehr vernünftig unterstellt werden; aber handeln, ohne gemein zu werden, kann man nur, wenn man so handelt, als ob von unserm Handeln auch das Schicksal des Vergangenen und der Natur abhinge. „Auch die Toten haben Anspruch …“ (Walter Benjamin)

    Theologie im Angesicht Gottes („Wahrheit als Gebet“ – „Allein den Betern kann es noch gelingen …“): kann Geschichte der Theologie „hinter SEINEM Rücken“ nicht ungeschehen machen, muß sie mit aufarbeiten (eine der Bedingungen einer Theologie nach Auschwitz).

    Adornos Satz „Erstes Gebot der Sexualmoral: der Ankläger hat immer Unrecht“ anwenden als Grundsatz einer Erkenntnistheorie; Konsequenz aus Rosenzweigs spekulativem Gebrauch des Begriffs der Umkehr. Besonderer Charakter moralischer Grundsätze: sie sind Grundsätze nur fürs Handeln, nie fürs Urteilen („Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“). Zusammenhang mit den Begriffen Versöhnung und Schuld und deren erkenntniskritischen Konsequenzen. Das rhetorische „Ich würde sagen …“ drückt diesen besonderen Takt aus (die Anerkennung und Berücksichtigung des Zusammenhangs von Urteil, Schuldprojektion und Vergegenständlichung), daß man dem anderen nicht vorschreiben kann, was er sagen (als wahr anerkennen) muß, daß man nur – unter Beachtung des eigenen derzeitigen Erkenntnisstandes – sagen (als wahr anerkennen) würde, wenn man an seiner Stelle wäre.

    Wer einem Betroffenen Tratsch zuträgt, löst Streit aus. Anwendung auf eine Theorie des Ursprungs der Gemeinheit (Öffentlichkeit hinter dem Rücken des Betroffenen ist auch Öffentlichkeit für den Betroffenen). Das Hinter-dem-Rücken-Reden ist nie harmlos, wenn es nicht so geschieht, als wäre der Betroffene anwesend.

  • 30.11.90

    Zusammenhang der Begriffe Welt, Gnosis, Person mit der Konstituierung des Privaten: Die Begründung einer besonderen Privatsphäre und deren Abschirmung gegen das Schicksal der Welt, die Einschränkung der Moral auf diese Privatsphäre sind genaue Reflexe eines Weltbegriffs, der nach aristotelischem Modell die Ewigkeit der Welt voraussetzt, d.h. den Begriff einer Welt, die nicht erschaffen ist. Die Lehre von der Schöpfung aus dem Nichts bleibt irrational und eigentlich gegenstandslos, eine reine Willkürsetzung, wenn sie nicht mit einer Kritik des Privaten verbunden ist, mit dem Bewußtsein einer Verflochtenheit des Privaten in den gesamtgesellschaftlichen Prozeß, in den Weltprozeß (das Weltgericht).

    Die Rezeption der Stoa scheint bei der Begründung der Privatsphäre, der Privatisierung der Vernunft, eine nicht unerhebliche Rolle zu spielen. Die stoische Ataraxie ist offensichtlich ein Versuch, das Subjekt vor den übermächtig werdenden Problemen eines moralischen Politikbegriffs zu retten, es dagegen abzuschirmen und zu erhalten.

    Es gibt nicht nur die Dialektik von Herr und Knecht, sondern auch eine unterirdische Verbindung der Herren mit den Asozialen (eben das macht den Anblick der Asozialen fürs Herrendenken so unerträglich). Der Herr ist (heute) sozusagen der asoziale Knecht; nur so kann er Herr werden. Die Rezeption des Asozialen ins Herrendenken erfolgte beim Übergang von der Sklaverei zur Lohnarbeit, als die Welt Macht über die Herrschaft gewinnt, zu deren Subjekt wird. Nicht daß die vorhergehenden patriarchalischen Verhältnisse moralischer gewesen wären: sie mußten jedoch zumindest den Schein des Moralischen wahren. So galten die Könige als die Verteidiger der Armen; diesen Anspruch haben die neuen Herren nie erhoben; vielmehr gehört die Bestrafung der Armut zur kapitalistischen Tradition.

    Ist es ein Zufall, oder hat es systematische Gründe, wenn im NT (und im Talmud) die ersten Beispiele von Lohnarbeit vorkommen? Sind die Christen nicht eigentlich von Anfang an moralische Lohnarbeiter Gottes gewesen (tugendhaft nur aufgrund der Erwartung des himmlischen Lohns)? Und hatte der liebe Gott nicht immer schon etwas von einem welthistorischen Arbeitgeber, der dann allerdings in einer bestimmten Phase der Vergesellschaftung überflüssig, nicht mehr benötigt wurde?

    Die Übermacht der Welt, die heute über den Kirchen zusammenschlägt, ist von den Kirchen selber mit begründet worden: mit der Übernahme des philosophischen und politischen Weltbegriffs. Genau an dieser Stelle gewinnt der Bekenntniszwang seine merkwürdige zweideutige Funktion und Bedeutung, verschwindet das Bewußtsein davon, was einmal Symbolum hieß.

    Adams Namengebung der Tiere war der Beginn des Austritts aus der tierischen Tradition, aus dem animalischen Bann. Es war der Fehler der Aufklärung (und des deutschen Idealismus), daß sie die Befreiung, die Menschwerdung mit dem Sündenfall identifizierte (den sie dann auch bewußtlos beförderte, indem sie die letzten Widerstände aus dem Weg räumte). Die (paradiesische) Vorstufe der Befreiung war die Namengebung der Tiere: War diese Namengebung ein Akt der Aggression, der Anklage, des Gerichts (Beginn der Naturbeherrschung), oder war sie ein Akt des Erbarmens, der mimetischen Selbsterkenntnis, der Identifikation? Wie haben die Tiere diese Namengebung (das Erkanntwerden durch den Menschen) erfahren? Und wäre das der Punkt, der wiederzugewinnen wäre, um auch die Tiere aus dem Bann zu befreien? Und sind nicht Kafkas Einsichten (Vor der Akademie, Gregor Samsa, der Bau) ein Hinweis darauf, daß der letzte befreiende Akt nur auf dem Grunde einer Tier und Mensch gemeinsamen Erfahrung erfolgen kann?

    Vom Tier trennt den Menschen die Vergeistigung der Scham. Beim Tier ist die Scham physisch: kein Tier ist nackt. – Aber Gott gibt den Menschen (nach dem Sündenfall) ein Fell zur Bedeckung ihrer Scham (Zusammenhang von Sündenfall, Naturbeherrschung, Vergesellschaftung und Scham).

    Der Nationalsozialismus hat die Kirche vor eine scheinbar unlösbare, jedenfalls bis heute ungelöste Aufgabe gestellt: Die Kirche war immer „staatsfromm“ (notwendige Folge ihres Weltbegriffs; nicht zufällig hat sie den Staat als Teil der Schöpfungsordnung angesehen); der Nationalsozialismus jedoch hätte sie dazu bringen können und müssen, daß der Staat nur als ein Teil der durch den Sündenfall im Grunde verstörten Welt angesehen werden kann. Die Schöpfungsordnungstheorie hängt zusammen mit dem ungeklärten Weltbegriff; sie ist in Grenzen vertretbar für die vorkapitalistische (noch nicht restlos durchs Tauschprinzip definierte) Welt; mit dem Eintritt des Kapitalismus war sie nicht mehr haltbar.

  • 26.11.90

    Zur Einsteinschen Wende:
    Einsteins Relativitätstheorie hat durch die Verknüpfung des Trägheitsgesetzes mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit
    . die innere Grenze des Inertialsystems und damit die innere Grenze der naturwissenschaftlichen Erkenntnis (der Instrumentalisierungs-Logik, des Weltbegriffs)
    sowie
    . durch den selbstreferentiellen Bezug der Lichtgeschwindigkeit aufs Inertialsystem den Quellpunkt der Elektrodynamik, der Mikrophysik und der Chemie und damit deren Stellung und Bedeutung im Kontext der gesellschaftlichen Naturbeherrschung bestimmt. Das verleiht der speziellen Relativitätstheorie eine einzigartige Stellung im System der naturwissenschaftlichen Erkenntnis: im historischen Erkenntnisprozeß überhaupt.
    Die Quantenphysik, die die Instrumentalisierung in die Mikrophysik vortreibt (zweite Instrumentalisierung), steht in einer ähnlichen Beziehung zur Mechanik wie die Intim- und Privatsphäre zur Gesellschaft. Der Einbeziehung der Mikrophysik in das System der Instrumentalisierung und Naturbeherrschung entspricht die Vergesellschaftung der Privatsphäre, ihre Einbeziehung in den gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß: die neue Stufe der Ausbeutung als Selbstausbeutung (Staatliche Ehegesetzgebung, Schulpflicht; Privateigentum als Quelle, Reklame als Motor der Selbstausbeutung: Instrumentalisierung der Bedürfnisse; chemisch-therapeutische und institutionalisierte Krankheitsbekämpfung, Entwicklung der klinischen Medizin; Vergesellschaftung der Zeugung, der Geburt und des Todes; Energie- und Wasserversorgung, Elektrizität, Hygiene, Radio, Fernsehen: Vergesellschaftung der Privatsphäre, in der am Ende alle nur noch Gäste sind und niemand mehr zu Hause ist). Die Arbeit dient nicht mehr der Selbsterhaltung, sondern der Erhaltung der fremdbestimmten Privatexistenz, die durch Vergegenständlichung, Selbstentfremdung zur öffentlichen Angelegenheit, zum Objekt von Naturbeherrschung geworden ist: zur Sphäre des Medientratsches und des demonstrativen Konsums (der Preis für Selbstausbeutung durch Herrendenken: Vergegenständlichung der traszendentalen Logik im Inertialsystem). – Die Vergesellschaftung des Intimen als Quelle der Gemeinheit (Ursprung und Geschichte der Scham; Schuld und Intimbereich).
    Die Einmaligkeit, Unwiederholbarkeit und Unmitteilbarkeit des Individuellen manifestiert sich u.a. in der Nichtkommunizierbarkeit der Empfindungen, der Sinnesqualitäten, die nicht an sich, sondern – wie die Vergangenheit – nur über ihre Namen (rot, warm, hell u.ä.) sich mitteilen. Zusammenhang mit Sexualität (Lust), Scham und Schuld.

  • 18.11.90

    Die Geschichte der Naturwissenschaften durch die Geschichte der Klinik, der Gefängnisse und des Militärs erklären.

    Es gibt kein Subjekt der Natur; was so zu benennen wäre, ließe sich vielleicht als Subjekt im Exil fassen: als Himmel, der mit der Erde erschaffen ist (das kantische Ding an sich ist die Utopie).

    Hoffnung ist in der Tat kein Prinzip; das Prinzip Hoffnung ist vielmehr nur eine Ersatzbildung für den „Geist der Utopie“, den Bloch zu früh verworfen hat: für den Parakleten, das verteidigende Denken.

    Die „von Descartes ihren Ausgang nehmende krude Subjekt-Objekt-Trennung“ (TM-TN, S. 35) bezeichnet den error in principio an der falschen Stelle: Die Vergegenständlichung, der historische Objektivationsprozeß (das Herrendenken) beginnt nach der DdA mit dem Mythos und setzt sich fort in der Aufklärung. Entscheidend scheint zu sein, daß der Geburtsfehler der Philosophie (den Heidegger zu ihrem einzigen Inhalt macht) mit der Instrumentalisierung (und damit Remythisierung) der Theologie: mit der Ausbildung der Orthodoxie und der Definition des Dogmas, des Symbolums, des „Bekenntnisses“ sich fest im Gesellschafts- und Naturkörper installiert. Indizien sind die Begriffe „Welt“ und „Natur“, die den blinden Fleck als Konstruktionselement in die naturbeherrschende Vernunft mit hereinnehmen und bewußtlos anzeigen.

    „… einen Sinn beziehungsweise eine ihr selbst zugehörende Zweckmäßigkeit in dem zu entdecken, was sie (die Natur, H.H.) ohne den eingreifenden Verstand aus sich heraus produziert“ (ebd.): Es gibt kein Natursubjekt und keine Naturteleologie; jedenfalls keine, die auf welchem Wege auch immer theoretisch zu ermitteln wäre. Die Vorsehung hat keinen Naturgrund. Der Schuld-und Passionszusammenhang der Natur, die reines Opfer ist, zieht den selber bloß passiv Zuschauenden ausweglos in diesen Schuldzusammenhang herein. Freiheit ist nach Kant das „Wunder in der Erscheinungswelt“, im Naturzusammenhang nicht darstellbar. Ihn, den Naturzusammenhang als Schuldzusammenhang, – und keine der Natur selber immanente Alternative der Befreiung – gilt es aufs genaueste zu studieren (das ist übrigens eine der Konsequenzen aus Auschwitz). Jede Konstruktion eines Natursubjekts entlastet die realen Subjekte von ihrer Verantwortung (von dem, was einmal „Gottesfurcht“ hieß), deren „Geisel“ das ethische Subjekt nach Levinas ist; sie verrät die Idee der Erlösung (indem sie den menschlichen Anteil an ihr unterschlägt).

    Levinas‘ Philosophie ist die reinste Selbstdarstellung der Gottesfurcht.

    Außer im Mythos gibt es keine natura dei/deorum.

    Den Kasselern die Naivität austreiben: Es gibt keine naturphilosophische Lösung der gesellschaftlichen Probleme, eher umgekehrt. In der Natur liegt das gegenständliche Korrelat des gesellschaftlichen Schuldzusammenhangs vor Augen. Und die Auflösung dieser Probleme löst auch den Naturzusammenhang – nicht die Natur – auf. Die dann „rein hervortretende Natur“ (wenn es denn so etwas gibt, aber unter diesem Niveau gibt es nichts) ist weder antizipierbar noch theoretisch darzustellen („Die ganze Schöpfung seufzt in der Erwartung der Freiheit der Kinder Gottes“).

    Trotzdem gibt es einen Einstieg in eine Naturphilosophie: die gegenseitige Erhellung und Aufklärung von Natur und Geschichte. Die naturwissenschaftliche Aufklärung, der historische Objektivationsprozeß, arbeitet einem Zustand entgegen, in dem beide -Natur und Gesellschaft – im verdrängungsfrei sich selbst begreifenden Subjekt gemeinsam durchsichtig werden. Im naturwissenschaftlichen Fortschritt spiegeln sich die gesellschaftlichen Gesteinsverschiebungen; am Stand der naturwissenschaftlichen Aufklärung läßt sich der Stand der gesellschaftlichen Entwicklung ablesen. Ebenso verstärken sich die ideologisierenden Wirkungen der Naturwissenschaften und der Ökonomie, die sich beide über die Köpfe der Menschen hinweg vollziehen, gegenseitig. „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht“: Folge des Gebots: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werden“. Durch die Subjekt-Objekt-Spaltung (durch die Gestalt des richtenden Urteils) hindurch verschränken sich die Wirkungen des Objektivationsprozesses auf Objekt und Subjekt. Daß nach der DdA die Distanz zum Objekt durch die Distanz der Herrschenden zu den Beherrschten vermittelt ist, daß Naturbeherrschung und Herrschaft in der Gesellschaft sich nicht trennen lassen, drückt genau den gleichen Sachverhalt aus. Einsteins spezielle Relativitätstheorie hat in diesem Zusammenhang die ungeheure Bedeutung, den Anspruch des Begriffskerns der Naturwissenschaften (des Inertialsystems, auf das alle naturwissenschaftlichen Begriffe und alle mathematischen Konstrukte sich beziehen), er sei unvermittelt gegeben, nicht hinterfragbar, widerlegt: Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit bezeichnet gleichsam die innere Grenze der Geltung der Naturwissenschaften, ihre Distanz zum Objekt. Dagegen hat die Quantenphysik den Erkenntnisprozeß wieder in die Linie der Instrumentalisierung zurückgebogen (diesen Zusammenhang habe ich erstmals bei der Lektüre von Adornos „Philosophie der neuen Musik“ im Grundsatz begriffen).

  • 17.11.90

    Die Theologie leidet seit ihren Anfängen darunter, daß sie die Welt mit der Schöpfung verwechselt (parvus error in principio …). Die Trinitätslehre, das trinitarische Dogma, ist der genaueste Ausdruck davon. Nur in Beziehung zur Welt gewinnt die Zeugung theologischen Rang (wird sie zu einem geschlechtsfreien Personen-Verhältnis), ist die patriarchalische Struktur der Trinitätslehre unvermeidbar.

    In Bannkreis des Weltbegriffs wird die Wahrheit zur Weltanschauung (deren Modell ist das sog. kopernikanische Weltbild), werden Weltanschauungskriege zu Vernichtungskriegen. Nicht zufällig wird zu Beginn der Ära der Weltkriege das Weltanschauungs- (und Vernichtungs-)bedürfnis übermächtig. Weltanschauungen sind einseitige Sichten der Realität aus der Eigentums- und Herrschaftsperspektive, und diese ist der eigentliche Ursprung des Wut- und Vernichtungspotentials.

  • 11.11.90

    Staat und Gesellschaft verhalten sich wie Welt und Natur. Das Bekenntnis begründet die Welt über ihre Beziehung zum Staat (die Polis, den Kaiserkult, die Trinitätslehre).

    Komitee für Grundrechte und Demokratie: Wider die lebenslange Freiheitsstrafe. – Was richtet diese Gesetzesregelung bei denen an, die sie anwenden müssen (bei Staatsanwälten, Richtern und Vollzugsbediensteten, nicht zuletzt aber bei dem Volk, in dessen Namen die Anwendung erfolgt)? Welche Verdrängungsleistungen müssen erbracht und abgesichert werden, um die Folgen des eigenen Handelns vor sich selbst zu verbergen; welche Entsühnungsrituale sind notwendig, um mit der Schuld im Angesicht des Schicksals der Strafgefangenen überhaupt leben zu können?

    Gemeinheit ist strafrechtlich nicht faßbar, und deshalb nicht strafbar: wird sie nicht zwangsläufig produziert, wenn es keine kritische Distanz zum strafrechtlichen Schuldbegriff mehr gibt (Ableitung der juristischen Niedertracht aus der Logik der Strafkompetenz; das letzte Argument des Rechts ist das staatliche Gewaltmonopol, die Polizei)? Sind wir, das Volk, nicht mitschuldig an dem, was den Opfern und den Tätern im Bereich der Strafverfolgung und des Strafrechts heute „im Namen des Volks“ angetan wird?

    Politik als straflose Einübung der Gemeinheit, der Häme; Wahlkämpfe sind zu Konkurrenzkämpfen der Gemeinheit geworden – im gleichen Maße, in dem sie scheinbar harmlos, unpolitisch geworden sind; Gemeinheit als Erfolgsgarantie; Stellenwert und Funktion der Öffentlichkeit – BILD, Regenbogen-Presse, FAZ nützen die Straflosigkeit der Gemeinheit bis an die Grenze des rechtlich Möglichen aus.

  • 01.11.90

    Wichtiger Hinweis (Christina von Braun: Nicht-Ich), daß zum Patriarchat die Vergeistigung der Vaterschaft und die Leugnung der biologischen Vaterschaft gehört. Nur bleibt es leider bei einer gleichsam geistesgeschichtlichen Darstellung (patriarchales Erbe), die Verflochtenheit in den historischen Prozeß wird ausgespart.

    „Es handelt sich nicht um eine Verschmelzung mit der Natur, sondern um ein Bekenntnis zur Natur.“ (Definition des Matriarchats, CvB, S. 90) – Frage: Gab es vor Beginn des Patriarchats eine „Natur“? Ist nicht der Naturbegriff der Strick, der das Konzept ins Patriarchat wieder einbindet (gibt es den Naturbegriff außerhalb des Zusammenhangs der Naturbeherrschung)?

    Ist nicht der Gegensatz von „spiegelbildlicher“ und „projektiver“ Vorstellungswelt ein Gegensatz im Patriarchat, unter den Bedingungen des Patriarchats, und nicht gleich dem Gegensatz zwischen P. und M.? – „Die Utopie ist der ’spiegelbildlichen‘ Vorstellungswelt konträr“ (S.91ff): sie ist zugleich deren Voraussetzung (das Vorhandene ist das Zuhandene). Der Gegensatz bleibt innerhalb des gleichen (patriarchalischen) Bezugsrahmens. Konsequenz ist ein dezisionistischer Wahrheitsbegriff („Weltanschauung“, „Weltbild“).

    Die Kritik der Theologie (2. Kap.) ist im schlechten Sinne spekulativ (Folge des dezisionistischen Wahrheitsbegriffs).

  • 27.10.90

    Gewalt hat einen Adressanten und einen Adressaten (Waldenfels): sie hat m.a.W. sprachliche Struktur. Das Entscheidende an der Gewalt ist nicht die Verletzung von Eigentums- und Rechtsverhältnisses, sondern ihr Verhältnis zur Sprache, letztlich zur Theologie. Auch das Gewaltmonopol des Staates (und die Idee eines Rechtsstaats, der allein auf das Gewaltmonopol des Staates sich gründet) ist ein Eingriff in göttliches Recht, ist blasphemisch.

    Jede Strafe ist zutiefst fragwürdig geworden. In den Gefängnissen sitzen ohnehin nur noch die, die keine Alternative mehr hatten; und sie sitzen deshalb, weil die, die sie verurteilen, es nicht wahrhaben können, daß es Menschen in dieser Gesellschaft gibt, die keine Alternative mehr haben. Ebenso wie die Schuld unterliegt auch das Verbrechen einem Vergesellschaftungsprozeß; das Subjekt von Schuld und Verbrechen verlagert sich immer mehr von den Einzelnen weg in die gesellschaftlichen Institutionen, letztlich in den Staat; nur durch Projektion (aus Gründen der Selbstentlastung, der Freisprechung der Herrschenden) wird diese Schuld auf die Opfer abgeleitet (die Armen sind selber schuld; sie sind die Schuldigen). Die KZs der Nazis waren ebenso entsetzlich real wie symbolisch: für die anderen war die Tatsache, daß einer ins KZ kam, ein ausreichender Beweis, daß er schuldig war. Jede andere Beurteilung hätte Ängste ausgelöst, die keiner mehr ertragen hätte. (Ursprung und Auswirkung des pathologisch guten Gewissens, des Bewußtseins, nichts gewußt zu haben.)

    Paradoxe Situation: Schuldig (nicht im strafrechtlichen, wohl aber in theologischem Sinne) sind die Strafenden, die Bestraften hingegen (zwar nicht unschuldig, wohl aber:) Opfer. Und die theologisch allein noch bestimmbare Schuld (die nicht mehr beichtfähig ist) fällt nicht mehr unters Strafrecht, sondern definiert nur noch die Bedingungen und den Rahmen der Gottesfurcht. Strafe als Rationalisierung und Vergesellschaftung von Rache, als Mittel des Rechts, ist auf Teilhaber am Gewaltmonopol, an den mit Strafbefugnissen ausgestatteten Institutionen (auf Politiker und auf Richter) eigentlich nicht mehr anwendbar. Die Probleme der rechtlichen Aufarbeitung der Naziverbrechen rühren daher. (Diese Probleme scheinen sich bei der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit nicht zu stellen: der Untergang der DDR, der Zusammenbruch der staatlichen Institutionen, ist der Beweis, daß die Macht- und Rechtsausübung illegitim war. Diese Leute waren nicht befugt: Das Gewaltmonopol dieses Staates hatte keine reale Grundlage: keine ausreichende Wirtschaftsmacht; keine ausreichende Macht zur Definition und Stabilisierung des heiligen Tauschprinzips).

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