Gesellschaft

  • 12.10.90

    Der Bekenntniszwang unterstellt die Identität von Denken und Handeln. Geäußerte Anschauungen sind aber nur noch als Vorurteile direkt handlungsbestimmend. Ihr Stellenwert ist mehr durch Rechtfertigungszwänge als durch ihren objektiven Wahrheitsanspruch bestimmt. Die Konstruktion der Gesellschaft verlegt das Selbstwertgefühl immer mehr in irrationale Bereiche. Das Verhältnis zur Wahrheit ist vollständig verwirrt. Sprachregelungen ersetzen Informationen und verhindern sie. Die bekenntnisorientierte Ketzerjagd trifft deshalb fast grundsätzlich schon die Falschen: die letzten Wahrheitssucher. (Genauer: Warum gibt es kein „wahres Bekenntnis“ mehr?) Geschichtsphilosophische Änderungen der Struktur und des Stellenwerts von Bekenntnissen. Öffentliche Bekenntnisforderungen haben mit der Wahrheit nichts mehr, umso mehr dagegen mit Unterwerfungsgesten zu tun. Geschichte des Bekenntnisses von der Homousia bis zum Radikalenerlaß.) Bezeichnend, daß Argumente nicht mehr widerlegt zu werden brauchen, sondern einfach verschwiegen, unterdrückt werden. Probleme sind allemal dezisionistisch zu lösen; Argumente haben nur noch Alibifunktion.

    Das Bekenntnis ist notwendig in einer Welt, in der es fürs verdinglichte Bewußtsein einen anderen Halt oder Schutz außer dem, den die Gemeinschaft bietet: die Kirche, das Volk, der Staat, nicht mehr gibt. Das Bekenntnis ist Ausdruck der Kälte und der Hoffnungslosigkeit, zu deren Inbegriff die Welt geworden ist. Das Bekenntnis, daß Jesus Gottes Sohn und selber Gott ist, hatte vielleicht einmal Bedeutung, als es noch Ausdruck des substantiellen Glaubens und der realen, auf den Zustand der Welt bezogenen Hoffnung war, daß seine Lehre und sein Leben den Ausblick auf ein Leben in Gerechtigkeit eröffnen. Von seiner Realitätsbezogenheit getrennt ist dieser Glaube zu einem abstrakten Zeichen geworden, das nur noch ein ebenso abstraktes wie verhängnisvoll wirksames Gemeinschaftsgefühl vermittelt (Bindung durch scheinhafte Exkulpation; Regression auf eine magische Stufe unter den Bedingungen von Zivilisation, durch Erzeugung der Ängste, die sie aufzuheben vorgibt; Wiederholungszwang, der durch Selbstverstärkung, durch Eigenbeschleunigung in einen gleichsam chaotischen Wirbel, eine panikauslösende und -verstärkende Situation hineinführt; eine Situation, die nur scheinbar durch das Bewußtsein, von einer „höheren Macht“ getragen zu sein, zu ertragen ist).

  • 11.10.90

    Ein Situation beenden, in der die Menschen nur Zuschauer oder Opfer der Welt und ihrer eigenen Geschichte sind (die Opfer sind das Gericht über die Zuschauenden).

    Die Forderung, daß Denken, Handeln und Fühlen mit einander übereinstimmen müssen, daß glaubwürdig nur ist, wer selbst so handelt, wie er es als allgemeinverbindlich in Diskussionen und Gesprächen vertritt, ist nicht zu halten.

    Das Argument Max Schelers, daß auch der Wegweiser den Weg nicht geht, den er weist, greift sicher zu kurz und ist zynisch. Umgekehrt ist’s richtig: Die absolute Forderung ist zumindest im Bewußtsein zu halten. Wenn man sie nicht erfüllt und sogar in wesentlichen Punkten nicht erfüllen kann, so ist das selbstverständlich Grund des schlechten Gewissens, und das darf man nicht verdrängen; mit diesem schlechten Gewissen, mit dieser Schuld muß man leben; das Unvermögen, das Nicht-Können ist keine Entschuldigung: Das ist der Realgrund dessen, was in der Bibel Gottesfurcht heißt.

    Die andere Möglichkeit, die absolute Forderung zu ermäßigen, da man sie doch nicht erfüllen und mit dem daraus folgenden schlechten Gewissen nicht leben kann, führt mit Sicherheit in die Katastrophe. Sie ist keine. Wer das Bewußtsein von Schuld nicht erträgt, dem bleibt nur das des pathologisch gute Gewissen.

    Kosmologie, Angelologie und Eschatologie (Apokalyptik) sind Teile eines Ganzen, aus dem man kein Stück herausbrechen kann, ohne das Ganze zu zerstören; nach der kopernikanischen Wende wäre schon aus diesem Grunde eine Überarbeitung und Revision der christlichen Theologie notwendig gewesen. So tun, als ob man alles übrige beibehalten könnte, wenn die Elemente des eschatologisch-apokalyptischen Konstrukts nicht mehr zu halten sind, verrät nur, wie wenig ernst man die eigene Tradition, von der man zu leben vorgibt, nimmt. Die Kirchen verdanken ihr Überleben nur der von den Oberen geschickt genutzten Massenträgheit ihrer Anhänger, deren Bremsweg länger ist als die Bremskraft der Kritik, der Gewissensprüfung, der theologischen Selbstverständigung.

    Das Bekenntnis der andern fordert der, der den Bekenntnisinhalt selbst nicht glaubt, aber zur eigenen Absicherung (um es selbst glauben zu können) die Zustimmung möglichst aller fordert. Der Nichtzustimmende gilt als Ketzer, ihn trifft die volle Wut, die eigentlich dem eigenen Verrat an der Wahrheit, der Selbstvergewaltigung dessen gilt, der zur Absicherung des eigenen Unglaubens das Bekenntnis fordert.

    Der Rosenkranz als Bekenntnis-Gebet; nur in rein katholischen Gegenden (nur hier funktioniert der kollektive Zwang); Wiederholung notwendig; Meditation als kollektiver Kitt, politischer Rosenkranz; Rosenkranz und Ontologie (Om Om, Gebetsmühle: Hegels Logik!); Fundamentalontologie und die Rosenkranz-Geheimnisse; Rosenkranz als Medium des Tauschs (Gelübde, Wallfahrten, Wunder). Rückführung auf Dominikus (Ketzer-Abgrenzung, Inquisition, Hexenverfolgung, Marienverehrung), realer Ursprung im 14. Jhdt., Zusammenhang mit Monstranz und Fronleichnam (Ursprung der Demonstration).

  • 10.10.90

    In seiner Predigt vor der Herbstvollversammlung der deutschen Bischofskonferenz in Fulda vermißte Karl Lehmann die „dankbare Freude“, statt dessen werde „Trübsinn, Vergangenheitsbeschwörung und gottferne Skepsis gepflegt“ (FR vom 26.09.90). Karl Lehmann auf J. Ebachs Interpretation der Geschichte von Lots Weib hinweisen? Der Begriff „Vergangenheitsbeschwörung“ zusammen mit dem Hinweis auf „Trübsinn“ und „gottesferne Skepsis“ macht die Verwirrung, die den deutschen Katholizismus heute beherrscht, (den Verdrängungsprozeß und die Verblendung, unter denen die Kirche heute leidet) mit einem Schlage sichtbar.

    Die Verwendung des Begriffs „Vergangenheitsbeschwörung“ läßt sich nur durch einen vollständigen Mangel an Gottesfurcht erklären.

    Die Todesstrafe wurde abgeschafft, als die Menschen nicht mehr an die Hölle glaubten. Dafür wurde dann die lebenslängliche Haftstrafe eingeführt und entsprechend ausgestaltet. Die Abschaffung der Todesstrafe war außerdem überdeterminiert, da nach Auschwitz zu viele das Risiko zu fürchten hatten.

    Das Gefängnis ist heute der Ort, an dem Menschen zu qualitätsloser Materie fertiggemacht werden. Es mußte einfach in der Industriegesellschaft einen Ort geben, der noch schlimmer war als die Fabrik. Das wirft ein Licht auf die Argumente der allgemeinen Niedertracht: „Denen geht’s ja viel zu gut“.

    Zu dem Prinzip „man darf alles tun, sich nur nicht erwischen lassen“: Das Prinzip ist erweiterungsfähig: Jede Gemeinheit ist zulässig, solange sie nicht ausdrücklich rechtlich untersagt ist; und Gemeinheit ist nicht justiziabel. Nach diesem Prinzip verfährt heute ein nicht unerheblicher Teil sowohl der Medien (von BILD bis FAZ) als auch unserer Justiz (von den Ermittlungsbehörden über unsere Gerichte bis zu den Aufsichtsorganen in den Strafanstalten).

    Das Gewaltmonopol des Staates drückt sich mittlerweile in den Folgen der Komplizenschaft einer Gemeinheit aus, die bewirkt, daß fast alles erlaubt ist, weil nichts mehr nachweisbar ist. Darin überlebt auf eine perfektionierte und gewitzte Weise Auschwitz.

    Im übrigen wurde Auschwitz vorbereitet in den kirchlichen Höllenpredigten (der Schule der Gemeinheit).

    Zum Problem des Selbstmitleids: Nach Walter Benjamin ist der Kleinbürger Teufel und arme Seele zugleich, arme Seele für sich und Teufel für die andern. Heute gibt es hierzu keine Ausnahme mehr, heute sind alle Kleinbürger. Genau darin liegt die ungeheure Gefahr und die Gewalt des Selbstmitleids. Vgl. hierzu Edgar Morins Antwort auf die Frage, warum die Menschen im Kino weinen.

    Im Übrigen ließe sich die Hölle sehr gut als Kino vorstellen, nur daß in der Hölle die Verdrängung entfällt, das reale Bewußtsein der Situation hinzukommt. Diese Situation ist heute durch das Fernsehen individualisiert und privatisiert worden.

    Naturkonstanten wie z.B. Masse und Ladung des Elektrons verweisen allesamt auf strukturelle Gegebenheiten, nicht auf Dingeigenschaften. Wer das verwechselt, ist potentieller Antisemit.

    Mir scheint, in der Auseinandersetzung mit der Postmoderne in Frankreich wird die mißlungene Auseinandersetzung mit dem Positivismus wie unter einem Wiederholungszwang nochmals mißlingend wiederholt. Die Leute wollen sich einfach die „Dinge“ nicht aus dem Kopf und aus der Hand schlagen lassen, weil sie fürchten, dabei sich selbst zu verlieren.

    Wären Menschen, die vor zweieinhalb Tausend Jahren Propheten wurden, heute vielleicht schizophren? Und säße Ezechiel heute in der Anstalt eines Landeswohlfahrtsverbandes?

    Zum Problem „Insektenforscher“: Der Begriff erweckt den Eindruck, als sollten Probleme der Kirche und der Hierarchie ohne Emotionen untersucht werden. Das ist nicht ganz korrekt: Affekte sind sehr wohl angemessen und notwendig; ich würde sagen: wenn es sein muß mit Zorn, aber ohne Empörung (beide unterscheiden sich durch ihre Richtung: der Zorn geht zur Sache, die Empörung gegen Personen).

    Zum Bruch zwischen der Vätertheologie und der Scholastik: Vätertheologie und Dogmenentwicklung als Anpassung der Theologie an die Welt, als der Versuch, sich als Kirche in der Welt einzurichten; war möglich, weil ihm ein philosophischer Weltbegriff (Begriff des Kosmos) entgegenkam. Dieser Weltbegriff, den Spengler mit dem Begriff der arabischen Kultur zu fassen versucht hat, mußte untergehen, ehe die dann weitergehenden Konsequenzen daraus gezogen werden konnten. Theologie mußte mit einem neuen Weltbegriff verbunden werden, der aus der Theologie zu entwickeln war: Das ist die Leistung der wissenschaftlichen Diskussion seit den Anfängen der Scholastik (Entwicklung des instrumentalisierten Begriffs).

    Theologie als Geschichte der Auseinandersetzung mit der Philosophie (mit dem Herrendenken, dem die Theologie mit der Rezeption der Philosophie dann selbst verfallen ist).

    Karl Thieme hat einmal die Geschichte des Schiffsbruchs vor Malta eschatologisch interpretiert: als Typos der Rettung der Völkerwelt (mit Ausnahme des einen Volkes, dessen Rettung nicht Sache der Kirche ist) bei gleichzeitigem Untergang des Schiffes (der Kirche). Er hat einen Punkt dabei übersehen: das Schiff ist infolge eines Sturms untergegangen (durch den Geist). – Vgl. auch die Geschichte mit der Natter (Paulus wird von der Natter gebissen, stirbt aber nicht, sondern überlebt, nachdem er sie ins Feuer geworfen hat: verniedlichter Höllensturz des Drachen).

    Heidegger war der Sache ganz nahe: Sein „Gestell“ ist in Wirklichkeit das Gericht.

    Die „Summa contra gentiles“ war der Weg, über den der Islam in das Christentum eingedrungen ist. Nach der Hellenisierung und Islamisierung wäre heute die Judaisierung des Christentums an der Reihe.

    Drückt in der kirchlichen Kampagne gegen die Abtreibung vielleicht doch ein Stück Projektion sich aus. Wird hier nicht etwas angegriffen, dessen man sich selbst schuldig fühlt: der Abtreibung der Wahrheit (durch deren Instrumentalisierung im Interesse des Herrendenkens).

    Eine Philosophie des Namens müßte die ganze Spannbreite des Sprachgebrauchs abdecken: vom „das ist in unserem Namen geschehen“ bis zum „die Dinge beim Namen nennen“.

    – Im Bereich des Namens gibt es keine Subsumtionsbeziehungen.

    – Im Namen ist die Trennung von Begriff und Objekt aufgehoben.

    – Das Sein ist der Annihilationspunkt des Namens, der Punkt, an dem der Name in den Begriff umschlägt, die Subsumtionslogik, das Herrendenken beginnt (Quellpunkt des Begriffs).

    – Rührt das emphatische, das gleichsam theologische Verständnis der Ontologie her vom ontologischen Gottesbeweis?

    – Nicht das Eine oder die Einheit, sondern der Eine ist ein Gottesname.

    Adams Namengebung der Tiere verweist auf den Zusammenhang von Benennung, gegenständlicher Erkenntnis, die „katastrophische“ Genesis der Tiere (DdA) und den Zusammenhang mit den apokalyptischen Tieren (den singulären Chaosmächten: den falschen Umschlag des „Begriffs“ als absoluter Begriff in den Namen). – Hiob nochmal lesen: Behemoth und Leviathan; welche Bedeutung der Hinweis auf diese Tiere an dieser Stelle hat: Begründung der Gottesfurcht? – Zusammenhang mit der Erschaffung Evas (Namengebung der Tiere vorher), der Geschlechtertrennung und dem Auftrag zur Naturbeherrschung, sowie mit dem Baum der Erkenntnis (Erkenntnis des Guten und Bösen).

    Merkwürdige grammatische Beziehung: Die Erhebung in die Allgemeinheit verwandelt ein Maskulinum in ein Femininum. Jede -heit und -keit ist feminin, jeder -ismus ist maskulin. Oder auch: der Logos, aber die Ontologie, Theologie, Geologie etc. – Gattung und Art sind feminin (im Deutschen, aber genus und species?), das Individuum ist neutrum.

    Die Raumkontraktion und die Zeitdilatation beschreiben genau den Punkt, an dem die die sinnliche Welt in die physikalische umkippt: die Grenze zum Objekt. Man muß den prozessualen Vorgang nur rückwärts lesen.

    Das Ätherproblem ist mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit gelöst worden: Es ist das Problem der inneren Grenze des Inertialsystems.

    Die Tatsachenwelt ist in der Tat eine: Die Welt ist ein Produkt des Tuns; in der Konstruktion der Welt steckt das Tun der Menschen, der Gesellschaft: der Staat. Durch dieses Tun sind die Menschen, ist die Gesellschaft mit in den Schuldzusammenhang verflochten. Und auf dieses Tun müßte sich heute die Gewissenserforschung richten, deren Resultat eine neu begründete Theologie wäre. Der Inbegriff dieses Gewissens ist die jüdisch-christliche Tradition, die der Antisemitismus (im Auftrag der Welt) aus der Welt schaffen wollte. Wenn die Beichte heute den wirklichen Problemen in Deutschland (nach Auschwitz) überhaupt nicht mehr angemessen ist, dann hängt das damit zusammen. Der eigentliche Gegenstand der Beichte wäre das Erbe der Philosophie.

    Ist der (kultische) Opferbegriff dem Kreuzestod Jesu angemessen? Wo und von wem wurde zum erstenmal der Opferbegriff hierauf angewandt? Und wie war hier der Opferbegriff gemeint, real oder symbolisch (als Teil der Aufhebung des Opfers)?

    Was bedeutet die „Erhöhung des Herrn“, und zusammen damit das „Sitzen zur Rechten Gottes“: Die Rechte ist die Seite der Gnade, des Erbarmens (aber von hinten ist sie die Linke, die Seite der Strenge, des Gerichts – Bedeutung der Umkehr!). Wie verhält es sich mit dem Wort: „…, der ißt und trinkt sich das Gericht“? Hat nicht die Mysterientheologie durch den Zusammenhang, in den sie die sakramentale, mystische Teilhabe der Gläubigen an der Erhöhung des Herrn rückt, diese Erhöhung zur Hypostase des Gerichts gemacht?

    „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Dieses Wort Jesu verweist darauf, daß die Wahrheit nicht nur gegenständlich ist, sondern auch subjekthaft (wer das Subjekt in der Wahrheit durchstreicht, streicht die Wahrheit durch.)

    Vielleicht stimmt es, daß die Beziehung der Juden zu Gott unmittelbar ist (F. Rosenzweig), die der Christen ist es nicht. Hier bedarf es – auch im Sinne der Mysterientheologie – des Durchgangs durch den Tod. Heideggers „Vorlaufen in den Tod“ hält davon die letzte und allerabstrakteste Erinnerung fest, oder auch die letzte Erinnerung des islamischen Verständnisses des Martyriums als Tod im Heiligen Krieg. Auch bei Heidegger ist ja das „Vorlaufen in den Tod“ Teil des heroischen Gestus seiner Philosophie. (Anzumerken ist: Der Islam hat den Heiligen Krieg gepredigt, das Abendland hat ihn – zuletzt im sogenannten „Weltanschauungskrieg“, der ein Vernichtungskrieg war – aufs fürchterlichste praktiziert.)

    Der Zusanmmenhang von Objektivation und Instrumentalisierung (Vorhandenheit und Zuhandenheit bei Heidegger) verweist auf einen absoluten Vorrang des dreidimensionalen Raumes.

    Hegels Offenbarungsbegriff bezieht sich auf die Konstantinische Wende (das Ergebnis des Dogmatisierungsprozesses: das Christentum als Staatsreligion), nicht auf das Leben und die Taten und Leiden Jesu. Nicht zuletzt deshalb erscheinen auch bei Hegel die antijüdischen Vorurteile, die zu den Voraussetzungen und Folgen der Konstantinischen Wende gehören.

    Die Wirkung des Bekenntnissyndroms auf den Bekenntnisinhalt kann man daran erkennen, daß das Symbolum das Leben und die Lehre Jesu nicht erwähnt. Jesus ist nur geboren, gestorben und auferstanden; was dazwischen liegt, wird verschwiegen und ist auch im Rahmen des Bekenntnisses wohl nicht faßbar. Die Hegelsche Philosophie hingegen bezieht ihre ganze Stringenz aus diesem Bekenntnissystem; das Bekenntnis ist sozusagen die nicht mehr reflektierte Grundlage der Hegelschen Philosophie. Und die Bekenntnis-Theologie ist zum Inbegriff eines verworfenen, hoffnungslosen Glaubens geworden.

    Zu Dezisionismus und Bekenntnis: Die Ontologie ist nicht nur dezisionistisch, sondern auch Bekenntnis-Ontologie. Durch das Bekenntnis ist mit der Philosophie das dezisionistische Moment in die Theologie hereingekommen, und das war die Grundlage der Trinitätslehre und der Lehre von der Göttlichkeit Jesu im Sinne einer (nicht ewigen, sondern) überzeitlichen Göttlichkeit. Dieser Dezisionismus oder das Bekenntnis haben die Verwechslung des Ewigen mit dem Überzeitlichen ermöglicht. (Zum Begriff des Ewigen vgl. auch Rosenzweigs Aufsatz.) Überzeitlich ist der Staat (der Begriff), ewig ist der Gegenstand der Theologie (der Name).

    Wer sich mit dem Staat befaßt, wird den Staatsanwalt nicht vermeiden können.

    Jede Architektur ist ontologische und Bekenntnisarchitektur.

    Die Terroristen sind der Nachfolge Christi näher als die elitären Mysterientheologen.

    Zum Eckstein, den die Bauleute verworfen haben: Heute geht es nicht mehr nur um den Eckstein; sondern die Materialien, aus denen die Theologie zu erbauen wäre, bestehen nur noch aus den verworfenen Materialien, aus Ruinen. Zuerst ist die Betondecke zu zertrümmern, die die Ruinen der Geschichte zudeckt.

    Zu den Ursprungsbedingungen des pathologisch guten Gewissens gehören auch die historischen Verdrängungsprozesse, insbesondere jene die mit der Ursprungsgeschichte der modernen Aufklärung, vor allem der modernen Naturwissenschaften zusammenhängen. Erst wenn es gelingt, die Tathandlung, die die Naturwissenschaften ins Leben gerufen hat, und deren Folgen in der Welt selbst zu begreifen, erst dann gelingt es auch, jene Verdrängungsblockade aufzuheben.

    Modell für die Neutralisierung durch Erkenntnis ist das „pecunia non olet“. Deshalb wird man nicht umhin können, in der Vergangenheit „herumzuschnüffeln“.

    Es gibt zwei Formen der Entstehung von Vergangenheit. Die eine ist die historische: Mit jedem Tag vermehrt sich die Vergangenheit (die dann hinter uns liegt). Die zweite ist die natürliche (die auf uns lastet): sie ist gegenläufig zur historischen.

    Gefühl des Schwindels, wenn der Boden des Herrendenkens unter den Füßen weggezogen wird (Adorno): Die Kritik des Dings trifft auch das Subjekt zentral (in seinem blinden Fleck).

    Die Wahrheit ist antisystematisch, systemkritisch. Wenn sie trotzdem selbst systematische Züge trägt, rührt das her aus der Kritik des Herrschaftssystems, dessen Strukturen sich verkehrt in der Wahrheit abbilden. Darin liegt die unermeßliche Bedeutung der Hegelschen Philosophie.

  • 08.09.90

    Leserbrief von Jürgen Schubach in der FR vom 08.09.90: „… und bleibe ich der Meinung, daß sich alle Konflikte durch das Recht lösen lassen.“

    * Der im Titel zitierte Satz verrät eine wahrhaft hybride Rechtsauffassung:

    . ausgeschlossen werden Lösungen, die unter zivilen Verhältnissen die ersten sein sollten, nämlich Lösungen durch Verständigung und Übereinkunft;

    . zugleich wird geleugnet, daß es Konflikte gibt, die sich rechtlich nicht lösen lassen; die Verdrängung dieses Problems führt zwangsläufig zur Gewalt, die er dann prophylaktisch auf jene projiziert, die sich seit je haben fügen müssen (nicht zufällig reizt ihn der Feminismus).

    . so schafft er das Gewaltpotential, dessen Auflösung die Justiz heute vor nicht mehr lösbare Aufgaben stellt: erst wenn diese Gesellschaft bereit ist, ihre (nicht immer justifiziable, in jedem Falle aber moralische) Mitschuld an der Gewalt, die sie dann so rigoros zu bekämpfen sich gezwungen fühlt, anzuerkennen, werden die ersten Schritte zum Rechtsfrieden auch in den Dauerkonflikten getan werden können;

    * Verräterisch das „bis ihm staatlicherseits nachgewiesen wird“:

    . Schuldig macht nicht die Tat, sondern erst der „staatliche Nachweis“; banal gesprochen: das Erwischtwerden (übrigens ein bei Demonstrationen heute auf beiden Seiten, bei der Polizei wie bei den Demonstranten, angewandtes Prinzip, das dann allerdings in der Öffentlichkeit nur auf eine Diskriminierung der letzteren hinausläuft);

    . wer Unrecht erlitten hat, es aber nicht nachweisen kann (wer m.a.W. nicht justifiziables Unrecht erlitten hat), muß halt damit fertig werden, daß nicht nachgewiesenes Unrecht rechtlich keines ist, der eigenen Erfahrung somit keine öffentlich verwertbaren Tatsachen entsprechen, sie also irreal sind (rechtliche wie wissenschaftliche Tatsachen sind an die Bedingung der Nachweisbarkeit gebunden; andernfalls können sie nicht als Tatsachen gelten); er läuft in die double-bind-Falle.

    . so halten Juristen sich für den Staat (diese Identifikation war der Preis für die Entlastung von dem Gewissensdruck, urteilen zu müssen: für das – dann allerdings pathologische – gute Gewissen), und jede Kritik ist „possenhaft, giftig und abwegig“, eigentlich ein staatsfeindlicher Akt.

    . Justiz als Träger/Inhaber des staatlichen Gewaltmonopols? Hier verwechselt er offensichtlich Rechtsfindung und Exekution des Urteils; nur auf dieses darf sich das staatliche Gewaltmonopol beziehen, während die Rechtsfindung (u.a. die Schuldfeststellung) Sache unabhängiger Gerichte ist, und nicht Sache des Staates. Auch bei der Rechtsfindung ist der Staat (in Gestalt des „Staatsanwalts“, der übrigens in zivilisierteren Staaten öffentlicher Ankläger heißt) nur Partei und nicht feststellende Instanz. Daß es heute – insbesondere im sogenannten Staatsschutzbereich – Fälle gibt, in denen Verdacht besteht, daß politischer Druck und vorauseilender Gehorsam (in Verbindung mit einem weder rechtlich noch moralisch begründbaren Staatsbegriff) die Urteilsfindung mit bestimmen, greift die Idee des Rechtsstaats in der Wurzel an. Manches wäre nicht mehr möglich, wenn die moralische und rechtliche Selbstreinigung der Justiz nach dem Kriege gelungen wäre.

    + Eines der wichtigsten Ämter bei den staatlichen Ermittlungs-und Verfolgungsbehörden ist heute der Pressesprecher;

    + Daß der Ankläger hierzulande „Anwalt des Staates“ ist, ist Teil einer blasphemischen Staatsmystik: Symptom der Staatsvergötzung, die zu den Quellen des deutschen Sündenfalls in diesem Jahrhundert gehörten.

    + Isolationshaft, Einschränkung der Verteidigerrechte, Ausschaltung der Öffentlichkeit

    + Hier verbinden sich sexistische Vorurteile mit einem Rechtsdenken, das in der letzten Konsequenz Unschuldsvermutung und Vorverurteilung fein säuberlich nach Macht-, Geschlechts- oder Gesinnungsgrenzen (und vielleicht auch mal wieder nach Konfessions- oder Rassengrenzen) verteilt.

    + Der Identitätszwang, die fehlende Kraft zur Distanz zur eigenen Tätigkeit, der heute die berufliche Existenz immer mehr durchdringt und beherrscht (und die geistige Existenz, die nur in Distanz zur beruflichen zu begründen ist, nicht mehr kennt, nur noch Freizeit, Hobby und Unterhaltung), zerstört die menschliche Würde in der Wurzel, er ist barbarisch und fürdert die Barbarei in gleichem Maße wie er eingreifende Besinnung verhindert.

    + Das Maß, mit dem Gerechtigkeit in einem Gemeinwesen allein sich messen läßt, ist sein Umgang mit den Armen und mit den Fremden (das müßte jedenfalls ein Christ von den Propheten gelernt haben).

    – Bezeichnend auch die Argumentationsfigur: Der Hinweis auf andere, die auch Dreck am Stecken haben, soll von den eigenen Schuldgefühlen befreien; noch so festgestellter Unschuld kann er die Schuld auf die Ankläger verschieben (nachdem er seine Kritiker als possenhaft, giftig und abwegig abqualifiziert hat, kann er selbst ungestört possenhaft, giftig und abwegig werden).

    – Das IN DUBIO PRO REO als Scheunentor oder Waschanlage.

    – bleibt im Bann des pathologisch guten Gewissens, das – nach der mißlungenen Aufarbeitung der eigenen Geschichte und unter dem Wiederholungszwang der zweiten Schuld – zur chronischen Berufskrankheit im deutschen Rechtswesen zu werden droht.

    – Beispiel dafür, wie blinde Wut verfolgende Unschuld produziert.

    – „Selbst von Rechtslaien darf erwartet werden, …“: Unerträglich der justizübliche belehrende Ton (Korrelat der eigenen Kritik-Empfindlichkeit und Zeichen der immer wieder wahrzunehmenden fehlenden Souveränität)

    – J.S. scheint jede Urteilskritik als Angriff zu empfinden -offensichtlich an der schwächsten Stelle getroffen reagiert er mit wütenden Projektionen;

    – Man muß nur seinen Gegner in die Ecke treiben; dann wird er schon so reagieren, daß man ihn als Schuldigen präsentieren und sich selbst mittels der dann üblichen Empörung freisprechen kann; ein alter Herrentrick.

    – Ich hoffe nur, daß J.Sch. kein Richter ist.

    Wie es scheint, ist die Kritik überfällig, jedenfalls sollte sie erfolgen, bevor der Bekenntnisstrick uns die Luft endgültig abschnürt. Bei uns ist immer noch (frei nach Carl Schmitt) nur der Staat souverän, nicht der Richter.

  • 06.09.90

    Das Volk ist der Inbegriff der kollektiven Selbstverachtung (ein reiner Objekt-, kein Subjektbegriff; ohne die Kraft der Selbstbezeichnung): Urteile werden nicht selten deshalb „im Namen des Volkes“ gesprochen, weil damit die Verantwortung für das Urteil zum Verschwinden gebracht wird (Verantwortungslosigkeit als conditio sine qua non des Richtens).

    Das Volk ist eine Schicksalsgemeinschaft, deren Exponent ist der Held. Das Volk ist eine Masse von Helden.

    Das Volk ist die konkrete Erscheinungsform der Masse, da es das im Begriff der Masse enthaltene und zugleich verdrängte Konstitutionselement mit benennt: das Moment der Erhebung (Empörung) über die Masse, durch das sie zur Masse erst wird; das Volk ist Masse mit dem Bewußtsein der „Eigentlichkeit“, ohne das es Masse nicht gibt (die Eigentlichkeit ist eine Kategorie des verdinglichten Daseins, und die Philosophie der Eigentlichkeit ist aus inneren Gründen „völkisch“).

    Die Unterscheidung von laos und ethne, populus und gens gibt es im Deutschen nicht: Im Deutschen ist das Volk ein reiner Allgemeinbegriff, der eine davon unterschiedene Selbstbenennung nicht kennt, der sich selbst gleichsam immer schon von außen, als fremdes Volk begreift; deshalb ist im Deutschen die Wendung „Wir Deutschen“ nicht unüblich.

  • 05.09.90

    Die Differenz zwischen Benjamin und Adorno läßt sich anhand ihrer Beziehung zur Kunst aufzeigen: Benjamin sucht Philosophie und auch Theologie durch Kritik der Kunst zu konstituieren, während Adorno die ästhetische Erfahrung, die Sensibilität des produzierenden Künstlers in die Philosophie mit hereinnehmen, durch Reflexion zur Philosophie erheben möchte. Die Grenze wird bestimmt durch das Verhältnis zum Mythos: Benjamin will die Philosophie aus der Kritik des Mythos, zu dem er auch die Kunst zählt, gewinnen, während Adorno die Kunst selber als antimythisch begreift, sozusagen als auf dem Wege zur Erkenntnis, und er diesen Weg in der Philosophie nachvollziehen will.

    Bedeutung der Philosophie des Islam für die Neubegründung der Philosophie in Europa: Eine Reihe von Themen und Motiven, die in der europäischen Scholastik unmotiviert und wie aus heiterem Himmel erscheinen, sind in der islamischen Philosophie noch sehr deutlich im Zusammenhang und in ihrem historischen Ursprung zu erkennen. Eine Arbeit, die noch zu leisten wäre. Insbesondere die Engel- und Dämonenlehre, die im Islam noch direkte Beziehungen zum Mythos und zur Naturphilosophie (speziell zur Astrologie) aufweisen, wären zu untersuchen. Hinzu kommt: der Islam läßt sich wahrscheinlich als die konsequente Remythisiserung der Offenbarungsreligion beschreiben. Eine ganze Reihe von Kompromißbildungen, die hierbei notwendig waren, sind in die Scholastik bei gleichzeitiger Verdrängung ihres historischen Ursprungs mit übernommen, hierbei aber nicht wirklich aufgearbeitet worden. Ist das Problem des Islam vielleicht überhaupt erst dann lösbar – und ist insofern auch die Summa contra gentiles neu zu schreiben -, wenn die christliche Theologie durch das Purgatorium der Mythoskritik hindurchgegangen ist.

    Die merkwürdige Stellung der Rechtsgelehrten im Islam, die ja doch wohl eine gleichrangige Bedeutung neben den Theologen haben: Ist die hierdurch bestimmte Form der Objektivität der theologischen Wahrheit, die dann von der Scholastik rezipiert wurde, das verhängnisvollste islamische Erbe des Christentums (Produkt der islamischen Aufarbeitung der griechischen Philosophie)? Der Islam ist sozusagen vor der Verinnerlichung und Vergegenständlichung des Daimon und des Schicksals zurückgeschreckt und hat sie wieder nach außen versetzt. Das ist in die Konstruktion der islamischen Naturphilosophie, die insoweit mythisches Erbe übernimmt und den Schritt in die gesellschaftliche Naturbeherrschung durch Instrumentalisierung nicht mitvollzieht. Diese merkwürdige Vorstellung: Allah ist nur der Höchste der Götter; die Engel sind gottähnliche Wesen, Repräsentanten der alten mythischen (Sternen-)Götter; die sublunarischen Dämonen sind offensichtlich Repräsentanten der alten Stammesgötter, von denen nach islamischer Auffassung einige sich zum Islam bekehrt haben.

    Zur Konstruktion des göttlichen Zorns: Hat er kein Objekt mehr oder hat er noch kein Objekt?

    Der Staat, wenn er selbst sich getroffen fühlt, wie im Falle der Terroristen-Verfahren, vergißt alle rechtlichen Selbstbeschränkungen und fällt in die finsterste Vergangenheit der Blutrache zurück.

    Nicht Zwangsbekenntnis, sondern: Säkularisation des Bekenntnisses, Unterwerfung des Bekenntnisses unter Weltbedingungen, die zwangsläufig zur Umkehrung und Vernichtung seiner ursprünglichen Intention führt.

    Die nationale Besoffenheit soll den Heiligenschein liefern für den Reibach, den die BRD-Wirtschaft in der DDR machen will (wie schon einmal die deutsche Wirtschaft in den Arisierungs-Verfahren vor einem halben Jahrhundert: auch damals gab es eine Treuhandstelle).

    Rüstungsindustrie, Entwicklungshilfe, Agrar-Marktordnungen, Energie-Forschung, überhaupt die Großprojekte der naturwissenschaftlichen Forschung (Grundlagen-Forschung), nicht zu vergessen: der Gesundheitsbereich und die Chemische Industrie: Schwerpunkte der westlichen Ökonomie sind längst zu mehr oder weniger verdeckten Subventionsbereichen geworden, wobei die Namensgebung und die nach draußen vertretenen Ziele mittlerweile fast durchgehend Orwellschen Sprechregelungen unterliegen (Beispiel; Kriegs-/ Verteidigungsminister). Die Umkehrung der Beweislast für den, der versucht, die Dinge beim Namen zu nennen, ruht auf öffentlichen (gesamtgesellschaftlich induzierten) Verdrängungsleistungen, die nur an den dafür notwendigen paranoiden Projektionen zu erkennen ist – Modell der Kohlschen Sprachstrategie.

    Der Logos, der an die Stelle des ursprünglich Messianischen trat, als die Naherwartung enttäuscht wurde, war das Indiz für die Veränderungen, die dann im religiösen (und später politischen) Bekenntnisbegriff sich entfaltet haben. Das spekulative Verhältnis Gottes zur Schöpfung, für das der Logos seit Philo und dem Evangelisten Johannes einsteht, hat sein gesellschaftlich-politisches Pendant in der Verwaltung. Nicht zufällig waren die Logos-Spekulationen verbunden mit den Spekulationen über die Engel-Hierarchien, die die Organisation des Kosmos repräsentierten; nach ursprünglicher Auffassung war der Logos selber ein Engel (vgl. Werner: EdChD).

  • 03.09.90

    Auswirkung des Bekenntnissyndroms auf die Sprache; Zusammenhang mit der subjektiven Etablierung des Staats, seiner Verankerung im Subjekt, und dem Ursprung des Tausch- und des Trägheitsprinzips (mit der Geschichte der Naturbeherrschung).

    Der Islam, die Lichtmetaphysik, die Erfindung der 0, die Lokalisierung der aktiven Vernunft in der Mondsphäre und die Furcht vor der Emanzipation (Furcht vor der Aufklärung – Bedeutung der Entdeckung des Infinitesimalprinzips: Ursprung des Ursprungsbegriffs).

    Konstruktion des Staates; Aufbau auf dem Gewaltmonopol, dem Verbot der Selbstjustiz; Auswirkung auf die Struktur des Subjekts, Zwang zur Verarbeitung der Ohnmachts- und Angsterfahrung; Zusammenhang mit dem Bekenntnissyndrom.

  • 02.09.90

    Die Abschaffung der Todesstrafe rührt an die Grundlagen des traditionellen Christentums: Die Opfertheologie als Instrumentalisierung des Kreuzestodes, die notwendig war zur Begründung und Rechtfertigung des Staates (mit dem Erfolg, oder auch um den Preis, daß sie die Gläubigen von der Nachfolge-, Märtyrer- und Opferseite auf die „Glaubens-„, „Bekenner-“ oder Täterseite transportierte), war seit je verbunden mit der Rechtfertigung der Todesstrafe, die nicht zufällig besonders exzessiv in der Juden-, Ketzer- und Hexenverfolgung angewandt wurde. – Aber heute gibt es bereits schlimmere Strafen als die Todesstrafe, mit der Tendenz der Verlagerung der Strafe vom Ende (vom Urteil) an den Anfang des Rechtsverfahrens (in den Ermittlungsbereich): Anwendung von Folter, Isolationshaft, Einschränkung der Verteidigung. – Theologische Konsequenzen daraus? Kafkas Grunderfahrung des „Angeklagten“ verschärft sich zur Erfahrung, nicht mehr nur angeklagt, sondern schon vor jeder Ermittlung verurteilt zu sein (Präzisierung des Begriff des Vorurteils). Was die Nazis an den Juden erprobt haben, wird heute fast in aller Welt an den „Staatsfeinden“ mit der gleichen paranoiden Rationalität exekutiert.

  • 01.09.90

    Einbruch der Welt in den zentralen Bereich der Theologie: Das säkularisierte Bekenntnis fordert nur, wer selbst verdrängen muß; und das geforderte Bekenntnis soll gerade (durch Projektion) mithelfen, die Verdrängung zu stabilisieren. Der empörten Selbsterhöhung des Fordernden entspricht die Unterwerfungsforderung, die an den Adressaten des Bekenntniszwangs ergeht. Deshalb die Wut, die eine Weigerung, dem geforderten Bekenntnis zuzustimmen, regelmäßig auslöst. Die Psychodynamik des säkularisierten Bekenntnisses (des Bekenntniszwangs) weist auf dessen Ursprung zurück: die Etablierung des Staats, die Anerkennung des (göttlichen) Herrschers, im Subjekt die Organisation des (männlichen) Ödipuskomplexes, die Verinnerlichung des Zwangs und des Opfers, mit einem Wort: den römischen Kaiserkult. Etwas von der Drohung, die Verweigerung eines geforderten Bekenntnisses werde als Majestätsbeleidigung geahndet, steckt in jedem Bekenntniszwang.

    Titelvorschlag: (Theologie und) Herrendenken.

    Projektion

    oder

    Modell unserer Beziehung zur dritten Welt?

    „Ja wol, sie halten uns Christen in unserem eigenen Land gefangen, Sie lassen uns erbeiten im nasen schweis, gelt und gut gewinnen, Sitzen sie die weil hinter dem Ofen, faulentzen, pompen und braten birn, fressen, sauffen, leben sanfft und wol von unserem ererbeiteten gut, Haben uns und unser güter gefangen durch jren verfluchten Wucher, spotten dazu und speien uns an, das wir erbeiten und sie faule juncker lassen sein, von dem unsern und in dem unserm, Sind also unsere HErrn, wir jre Knechte mit unserm eigen gut, schweis und erbeit, fluchen danach unserm HErrn uns zu lohn und zu danck. Solt der Teufel hie nicht lachen und tantzen …“ Luther: Von den Juden und ihren Lügen. Zit. nach R. Hilberg, S. 23.

    Modell der Terrorismus-Gesetzgebung:

    „Wenn ein Jude einen Christen angreift oder tötet, steht ihm keine Gegenrede zu, sondern er muß stillschweigend Recht über sich ergehen lassen, da er als Verfolger Gottes und Mörder am Christentum keinen Anspruch auf christliches Entgegenkommen hat.“ Salzwedeler Stadtrecht im 15. Jhdt., zit. ebd.

  • 30.08.90

    Öffentlichkeit und Schuld: Das säkularisierte Bekenntnis, die Logik der Öffentlichkeit (Schuld = Erwischtwerden, abhängig von der Beweisbarkeit, vom rechtlichen Nachweis) und der Ursprung der Wissenschaft (des Objektivationsprozesses): das säkularisierte Bekenntnis (als Zwangsbekenntnis) will dem Glauben die Form der Gegenständlichkeit und des Wissens aufzwingen (Klima, das ein wirkliches Bekenntnis: nämlich sowohl das Schuld- als auch das Liebesbekenntnis ausschließt; Bekenntnis nur möglich, wenn man geliebt wird): Projektion ins Vergangene; Zwangsbekenntnis schafft double-bind-Situation, macht verrückt; „Realität“ heute psychotisch; Verhältnis zur Schuld: Blasphemie.

  • 24.08.90

    Zusammenhang zwischen dem unsteten (wurzellosen) Leben Kains, dem „wurzellossen Dornstrauch“ (der zum König der Bäume gewählt wird) in der Jotam-Fabel und der nt Dornenkrone (Ebach, UuZ, S. 59, Anm. 193)?

    „Wo aber das Produkt sich gegenüber dem Produzenten verselbständigt, wo es ihn beherrscht, da wird nach alttestamentlicher Auffassung Arbeit nichtig, da machen Menschen Götzen.“ (ebd., S.99) Nur muß dazu darauf hingewiesen werden, daß Arbeit nicht nur das einzelne Produkt, sondern hinterm Rücken der Arbeitenden auch die zugehörigen gesellschaftlichen Institutionen: den Staat, das Recht, das Geld, die Polarisierung von Armut und Reichtum (die Gewalt der Vergangenheit) produziert. Die Absicherung dieser Instutionen war Aufgabe der Götzen (die an den Opfern der Menschen sich erfreuten), unterm Vorzeichen des Christentums das Bekenntnis (das Malzeichen des Tieres).

    Aufklärung als Kolonialisierung der Natur und der Vergangenheit. Wenn die Distanz zum Objekt durch Herrschaft vermittelt ist (die Distanz ist, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt), dann müßte das auch für die historische Erkenntnis gelten (für die Konstituierung der Geschichte als Herrschafts-, Erfolgs-, Siegesgeschichte). Hier ist der Zusammenhang zwischen der Vorstellung, daß auch die Toten (die Besiegten) einen Anspruch an uns haben, und der Kritik der Naturwissenschaften (als Kritik der Todesgrenze) negativ begründet. Die Gnade der späten Geburt ist die „Gnade“ der Erhebung über die Vergangenheit, der Verführung zur unkenntlich gemachten „Empörung“.

  • 13.08.90

    Islam als Schicksalsreligion: Mischung von Nomaden- und Händlerreligion (kein Ackerbau, keine Industrie): Erfahrungsgrundlage Natur und Handelsmarkt als Schicksalsmächte. Was fehlt, ist insbesondere die Instrumentalisierung der Arbeit: ihre Subsumtion unters Tauschprinzip, das Grundelement des Kapitalismus (die arabische Mathematik scheint das auszudrücken: es geht bis zur Äquivalenz negativer und positiver Zahlen, bleibt aber vor der Infinitesimalrechnung stehen – vgl. hierzu Spengler). Das Problem der neuen politischen Blüte durch Erdöl (Reichtum ohne Arbeit, ohne kapitalistische Organisation von Arbeit) bietet als Lösungen nur die Privatakkumulation des Reichtums und seine konsumtive Verwertung durch die Scheichs oder den demagogischen Pseudo-Sozialismus (die konsumtive Vergesellschaftung des Reichtums, nicht die produktive der Arbeit; der illusionäre Wechsel auf die Zukunft, nicht die Einlösung der vergangene Hoffnung). Der Heilige Krieg ersetzt die innere wirtschaftliche Entwicklung. (Vorödipale Strukturen; andere Schamgrenze: Verhältnis von privater und öffentlicher Sphäre; Verhältnis von Produktion, Distribution und Konsum. – Islam Produkt einer vorödipalen Offenbarungsreligion?)

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