Gesellschaft

  • 11.08.90

    Die Konstituierung des bürgerlichen Subjekts (Paradigma: Ödipuskomplex; Trinitätslehre antiödipal?) hat eine Gestalt des Bewußtseins zur Voraussetzung, in der die Trennung von den Eltern und vom Familien-/Stammeskollektiv noch nicht vollzogen ist (die Ablösung ist monarchisch, durch die Institution des Königtums, das in Europa in der Regel mit der Einführung des Christentums verbunden war, vermittelt – der Messias, der „Gesalbte“, ist der König oder symbolisiert ihn; Versuch im Vorfaschismus, diese mythische „Geborgenheit“ durch „Gemeinschaft“ wieder heraufzubeschwören). Diese Vorgeschichte ist bloß verdrängt, nicht aufgearbeitet.

    Ist zum Verständnis der messianischen Tradition des Judentums nicht auch der prophetische Vorbehalt gegen das Königtum mit zu berücksichtigen? Ist die Messiasidee nur positiv? (Vergleichbar: Ist der christliche Vatergott nicht eine Einschränkung des Jahwe?)

    Leo d.Gr.: Denunziation als „Werk der Treue“ – Zusammenhang von Bekenntnis und Denunziation! (KuS, S. 99)

    Ambrosius/Augustinus: Antisemitismus („Antijudaismus“) als Instrument der Anpassung (Augustinus zählt den Anblick der Qualen in der Hölle zu den Freuden des Himmels!).

  • 26.07.90

    Das Geld abstrahiert von der Arbeit, die im Produkt steckt: eigentlich von der ganzen Vorgeschichte. Heute ergreift der Abstraktionsprozeß seine eigene Grundlage und erzwingt hinter dem Rücken des einfachen „Funktionierens“ und unsichtbar für die Beteiligten die Formbewegung (Gesteinsverschiebungen) des gesamten Systems. So veralten die Theorien, während gleichzeitig unterirdische Beziehungen zur gesamten Vergangenheit sich herstellen, modisch Veraltetes unvorhersehbare Aktualität gewinnt. – Anwendung auf Geschichte und Gegenstand der Naturwissenschaften!

    Zu revidieren ist nicht der Marxismus, sondern sein naives Verhältnis zur Praxis, dessen unreflektierter Begriff, der so, wie er im real existierenden Sozialismus verstanden wurde, nämlich als Funktion von Herrschaft, nicht zu halten ist. Befreiend ist erst eine Praxis, die nicht mehr nur gegen Herrschaft sich definiert, sondern aus deren Bannkreis heraustritt.

    Die private Existenz, die eigentlich ganz ephemer geworden ist, bestimmt immer noch das Bewußtsein (über die mythische Instanz der Familie), und macht die Menschen blind und wehrlos gegen die Welt.

  • 17.07.90

    Ebenso wie das durch die Ohrenbeichte definierte Schuldbekenntnis ist auch das Glaubensbekenntnis geschichtlich nicht mehr möglich.

    Verzweigungen:

    – Bekenntnis setzt Selbstmitleid voraus, ist Ausdruck des Geliebt-werden-Wollens (Verdrängung des Bewußtseins, schuldig zu sein; Ursprung des pathologisch guten Gewissens);

    – Bekenntnis und Wissenschaft (der Professor als Bekenner): Ontologie als kleinster gemeinsamer Bekenntnisnenner (Bekenntnis als uneigentliche Eigentlichkeit – oder eigentliche Uneigentlichkeit);

    – Bekenntnis als Leidensvermeidung (Verdrängung), Vermeidung der Nachfolge (Selbstdementi des Christentums), als Komfort des Bewußtseins, der Innerlichkeit (Religion als Innerlichkeits-Schmuck): als Sünde wider den Heiligen Geist;

    – Bekenntnis als Wut: antisemitisch (fremden- und frauenfeindlich); abzusichern nur durch Empörung, die Quelle und Prototyp des Bekenntnisses ist (Empörung Ursprung des Bekenntnissyndroms); Bekenntnis/Empörung/Herrendenken/Geschwätz;

    – Bekenntnis = Erbe von Totem und Tabu; magisches Relikt (Vorstellung einer individuellen oder kollektiven religiösen Wirkung des Bekenntnisses magisch; begleitende Gottesvorstellung blasphemisch).

    – Begründung der Naturphilosophie durch Selbstreflektion des Bekenntnisses?

  • 15.07.90

    Das Zwangsbekenntnis ist immer ein Bekenntnis zu Werten. Das Bekenntnis und die Werte entstammen dem gleichen Abstraktionsprozeß; sie gehören dem gleichen Schuldzusammenhang an. Die Wertphilosophie ist insoweit christlich und mythisch zugleich: Produkt des mythisierten Christentums vor seinem Sturz in den Faschismus. Das Bekenntnis und die Wert(urteil)e verurteilen zur Schuld, sie gehören zu einem System, in dem es einen Ausweg aus dem Bann des richtenden Denkens nicht mehr gibt: sie sind verurteilt, gerichtet.

  • 27.06.90

    Die Theologie ist der Einspruch gegen die Zwänge, als welche die gesellschaftlichen Strukturen des Realitätsprinzips heute erfahren werden; sie wird blasphemisch, wenn sie mit schwindender Kraft der Reflexion selber diesen Zwängen unterliegt (ihnen einen religiösen Anstrich verleiht: zweite Religiosität; Anbetung der „theologischen Mucken“ der Warenform).

    FR: „Vatikan droht kritischen Theologen“ – Hier fordert die Kirche, die selbst kein Mitleid kennt, in paranoider Verkehrung der Verhältnisse Mitleid mit sich selbst, mit den „Hirten der Kirche“, wenn sie von den Theologen fordert, daß sie bei Konflikten mit der Kirche keinen „Druck auf die öffentliche Meinung ausüben“ sollen. Übernahme des „Nestbeschmutzer“-Syndroms? (Ähnlich schon im Hirtenwort der deutschen Bischöfe zum 50. Jahrestag der „Reichskristallnacht“). – „Triebkräfte der Untreue gegen den Heiligen Geist“? Es gibt die Sünde wider den Heiligen Geist, aber keine Untreue gegen den Heiligen Geist (die Nibelungentreue sollte man dem nationalen Wahn überlassen); und bei den „Triebkräften“ kann es sich nur um die allzu bekannten subversiven Kräfte handeln (projektive Nebeneffekte der krichlichen Sexualmoral).

    D.’s Interpretation des „Richtet nicht, damit ihr nicht von Gott (E.D.) gerichtet werdet“ entstellt den Sinn des Gebotes.

    Mit der Kritik der politischen Theologie und der Rechtfertigung des Bürgers blendet D. das Herrendenken und seine Folgen für den Prozeß der Verweltlichung aus. Wer die Kritik der Welt aus der Theologie eliminiert, kastriert die Theologie. Da trifft sich D. mit Habermas, mit dessen Kritik an der Frankfurter Schule: an den Weltbegriff wird nicht mehr gerührt. D.’s Diffamierung des „Retter-Syndroms“, eigentlich der Erlösung, ist der genaue Ausdruck davon. Hier adaptiert er, was er zugleich kritisiert (und das macht den D. so anstrengend): die Kirche als Gnaden-Verwaltungsanstalt. Zusammenhang mit der von D. sowohl kritisierten als auch dann doch akzeptierten Opfertheologie.

    Ist nicht D.’s Verständnis der j Urgeschichte neokolonialistisch (Vergangenheit als Rohstofflieferant). So wird die j Urgeschichte wieder einmal von oben her erledigt, anstatt sich wirklich darauf einzulassen.

    Die Schöpfungsgeschichte wörtlich nehmen: das ist auch einer anderen Interpretation fähig als einer fundamentalistischen.

    Religion ist heute entweder Blasphemie oder eine offene Wunde, deren Sinnesorgan z.B Adorno, Jean Amery, Primo Levi oder Nelly Sachs heißt. Es ließe sich leicht ein Kanon verbindlicher Schriften zusammenstellen, deren Kenntnis bei einer Neubegründung der Theologie vorauszusetzen wäre: Drewermann scheint keine dieser Schriften zu kennen. Zu beachten ist freilich, daß diese Literatur Literatur von realen oder potentiellen Opfern ist und von den (realen und potentiellen) Tätern nicht unverwandelt rezipiert werden kann. Dazwischen steht die Vernichtungswut, die Opfer und Täter trennt. Unsere Kraft reicht nur soweit, wie wir bereit sind, uns durch diese Literatur aufstören zu lassen.

    Das angstfreie Leben, das D. wohl als Utopie, als Bild eines Lebens, das mit sich versöhnt ist, vorschwebt, ist in der D’schen Version nur auf der Grundlage neuer Verdrängungen und Rationalisierungen möglich, das aber heißt: nur als Quellgrund neuer Angstregionen. Angst ist ein Indikator für Unaufgearbeitetes: freilich für ein nicht nur im Subjekt, sondern zugleich draußen, in der Objektivität Unaufgearbeitetes.

    Zu Kant: Die Moral ist der Schopf, an dem sich die Philosophie aus dem zuvor selbst produzierten Sumpf ziehen muß.

    Das Prophetenwort „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ rückt den Kreuzestod Christi überhaupt erst in die richtige Perspektive. Es ist die schärfste Kritik an seiner Instrumentalisierung zur Opfertheologie. Die Vorstellung, daß die KZ-Schergen nach getaner Arbeit auch 1944 noch zu Hause mit Frau und Kindern unterm Weihnachtsbaum Weihnacht gefeiert haben, sollte eine Schutzimpfung gegen den sentimentalen Sog des Weihnachtsfestes sein, der ohnehin nur dem Weihnachtsgeschäft zugute kommt, in dem sich Auschwitz fortsetzt.

    Die Opfertheologie verhält sich zur Befreiungstheologie wie die Familie zur Ehe (oder wie die Eucharistie zum Kannibalismus?). Die Ehe ist ein Sakrament, nicht die Familie; die ist eines der Zentren des bürgerlichen Schuldzusammenhangs, ein Mythos-Generator.

    Gibt es für die Idee der seligen Anschauung Gottes eine biblische Grundlage, oder handelt es sich hier um ein philosophisches (aristotelisches) Erbe? Zusammenhang mit dem aristotelischen Theorie-Begriff, abgegolten und erledigt durch die kantische Philosophie (Zusammenhang der Formen der Anschauung mit der transzendentalen Logik).

    Der Rosenzweigsche Weltbegriff scheint mir den Punkt zu bezeichnen, von dem aus der „Stern“ aufzuarbeiten wäre. Das „All“, gegen das er seine Philosophie setzt, ist ja der Gegenstand des Weltbegriffs, gegen den seine Philosophie andenkt. Der Weltbegriff ist selber an die Geschichte der Auseinandersetzung mit der Natur gebunden, ein Nebenprodukt des Objektivationsprozesses, der Vergegenständlichung der Natur, hinter deren Rücken gleichsam der Weltbegriff sich konstituiert. Herrschaft verstrickt sich in Welt.

    Wenn das Verhältnis des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit zur Planckschen Strahlungsformel begriffen ist (Ursprung und Bedeutung des Korpuskel-Welle-Dualismus), ist der Einstieg in eine neue Naturphilosophie geschafft (Zusammenhang mit dem -vierdimensionalen – Raumzeitkontinuum, mit der Minkowskischen Raumzeit: Stellenwert des die Lichtgeschwindigkeit repräsentierenden imaginären Raumteils: Grund für die Begrenzung auf den mikrophysikalischen Bereich?).

    Dem Naturschönen wohnt ein utopisches Element inne, während die weltliche Schönheit nur regressive Züge trägt (Zusammenhang von Natur- und Weltbegriff).

    Der eigentliche Gegenstand des Inzest-Verbots ist der Ursprungs-Mythos, in letzter Instanz die Fundamentalontologie. Parvus error in principio magnus est in fine. Aktualität von Kafkas Parabel vom Schauspieldirektor, der zur Vorbereitung einer neuen Inszenierung die Windeln des künftigen Hauptdarsteller wechselt.

    Zusammenhang von Öffentlichkeit und Krieg (unter Einbeziehung der Lehre vom Heiligen Geist).

    Das Gefühl ist das Gegenteil von Glück; das Glück ist kein Gefühl.

    D. überantwortet die Theologie einem Abfall-Vernichter.

    „Zeit ist’s zu handeln für den Herrn“.

    Gilt das Kreuzeswort Jesu „Vater, vergib ihnen, …“ auch für die Kirche, die sich mit der Opfertheologie auf die Seite der Täter gestellt hat?

    F.R. hat nach W.B. die Tradition auf dem eigenen Rücken weiterbefördert statt sie seßhaft zu verwalten, D. wirft die Tradition wie einen Ballast ab, um die Verwaltungspraxis zu erleichtern. Dabei ist er sich nicht zu schade für die denunziatorische Nutzung einer instrumentalisierten Psa. z.B. im Falle des Franz von Assissi.

    Wenn Jesus die Schuld der Welt auf sich genommen hat, dann war das kein stellvertretendes Opfer, sondern ein durchaus realer Versuch, verdrängungslos zu leben.

  • 26.06.90

    Der naturwissenschaftliche Erkenntnisprozeß (auf den D.’s Begriff der „Verstandeseinseitigkeit“ primär zu beziehen wäre) ist erkauft mit einer Abstraktionsleistung, die als gesellschaftlicher Prozeß zu dechiffrieren wäre. Die Abstraktion ist ein paralleler Verdrängungsvorgang in Subjekt und Objekt; oder der Abstraktionsleistung am Objekt entspricht eine Verdrängungsleistung im Subjekt. Beide stehen in direkter Abhängigkeit von den Erfordernissen der Selbsterhaltung (des Realitätsprinzips), von der Geschichte der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Natur. Das heißt aber, daß der direkte Rekurs auf die verdrängten Emotionen und Gefühle, auf das Irrationale, nicht weiterhilft, da dieser Bereich selber unter dem Bann des Abstraktionsprozesses steht: er ist entstellt und trägt die Narben seiner Geschichte an sich, der Geschichte der Herrschaft. Benjamins Forderung, die Geschichte aus der Sicht der Unterlegenen (und nicht der Sieger) zu schreiben, gilt auch für die Geschichte und die Resultate der Naturwissenschaften. Auch hier (vielleicht sogar zuletzt und vor allem hier?) bereitet parakletisches, verteidigendes Denken die rettende Erkenntnis vor.

    Es kommt heute zunächst einmal darauf an, eine Schneise in das Dickicht zu schlagen; die Kultivierung wäre der nächste Schritt.

    „Die Kirche ist nicht demokratisch“ – die römische Kongregation für die Glaubenslehre heute, in einer „Instruktion über die kirchliche Berufung des Theologen“ (wobei die Grenzen hinsichtlich der Sexualmoral offensichtlich wieder einmal die wichtigsten sind). So übt sich die Kirche in selffulfilling prophecie.

    Die Institution des Klerikers ist bereits Produkt der Verweltlichung der Kirche. Und ihre Kritik ist nur dann sinnvoll, wenn sie die Kritik der Welt mit einschließt. Alles andere greift zu kurz. Kleriker, Hierarchie, Priestertum sind Kristallisationskerne der Instrumentalisierung der Kirche und insofern ihrer Verweltlichung (der Zusammenhang insbesondere von Hierarchie und Instrumentalisierung läßt sich auch an ihrer Beziehung zur alten Planeten- und Engellehre nachweisen: jede Stufe der Hierarchie ist sozusagen ein eigenes Inertialsystem und somit Kristallisationskern der Instrumentalisierung). Die gleiche Kritik, die D. am Kleriker übt, ließe sich mit gleichem Recht auch an anderen Institutionen üben (Politiker, Professoren, Militärs, die unter vergleichbaren objektiven Zwängen ähnlich sich verhalten).

    D. hat insoweit recht: Unter den Bedingungen der Geldwirtschaft ist die (Existenz-)Angst unvermeidlich. Eigentum, das im Ernst die Existenz sichert, gibt es eigentlich nicht mehr; und wenn es das noch gibt, so ist sein Bestand nicht mehr von Naturabläufen (wie eine gute Ernte von der geregelten Folge der Jahreszeiten, von Klima und Witterung) abhängig, sondern von den politisch-ökonomischen Bedingungen (Konjunktur, technische Entwicklung, Verschiebungen im gesamtgesellschaftlichen Produktionsprozeß, den niemand mehr durchschaut). Hier liegt der Realgrund der Angst, der insoweit mit der der j Urgeschichte überhaupt nicht mehr vergleichbar ist. Und es ist die Frage, ob gegen diese Angst die (individuelle) Einheit mit Gott, Geborgenheit in Gott o.ä. noch etwas ausrichtet. Hier werden für falsche Probleme falsche Lösungen angeboten. Wenn es noch eine begründbare Theologie gibt, so wird sie die Gesellschaft und den gesellschaftlichen Vermittlungsprozeß in ihre Reflexionen mit aufnehmen müssen. Es gibt die Unmittelbarkeit zur Natur nicht mehr, die einmal Grundlage der theologischen Erkenntnis war.

  • 24.06.90

    Die Probleme der drei Offenbarungsreligionen (Juden, Christen, Islam)? – Auschwitz, Staat Israel, politischer Fundamentalismus? (Hat das Christentum im Judentum die eigene Vergangenheit, der Islam die eigene Zukunft vor Augen? Antizipation der Erlösung / Rückfall hinter die Offenbarung? – Islam ist über Stammesreligion nicht hinausgekommen; mißlungener Versuch, ohne Zwischenstufe der Urbanisierung ein Imperium zu begründen; islamisches Recht, Grenze der arabischen Mathematik und Ökonomie?). Gegenüber der mittelalterlichen Theologie galt der Islam als „Heidentum“, als Vorwelt, als (äußerer) Repräsentant des Vergangenen (- und das Judentum als innerer?).

  • 22.06.90

    Die Herstellung von Komplizenschaft (der Grundlage für das pathologisch gute Gewissen) ist ein Teil des Initiationsritus der Anpassung an die kapitalistische Gesellschaft (Einübung des Realitätsprinzips, des Konkurrenzverhaltens; Verdrängung der Neigung zur Empathie, zum Mitleid). Der Ausschlag nach Rechts, der in der DDR zu beobachten ist (insbesondere an der Einigkeit im Ausländerhaß), ist eine natürliche Reaktion darauf, daß hier der Anpassungsprozeß chokhaft, ohne die Möglichkeit der Verarbeitung sich vollzieht.

  • 12.06.90

    Das Rätsel D. scheint sich zu lösen in „Krieg und Christentum“, schon im Vorwort: Es ist sein Begriff des Politischen, der selbst neurotische Züge aufweist (depressive Kritik-Unfähigkeit). Genau gegen diesen Politikbegriff, nicht neben ihm, als gleichsam unpolitische Religion, ist Freiheit überhaupt erst zu begründen, die sich jedoch dann bei D. in dem gleichen Schuldzusammenhang wieder verstrickt, aus dem sie herausführen soll, und deshalb des göttlichen Trostes bedarf.

    D.’s „Politik“ ist eine, an der man sich nur die Hände schmutzig machen kann, die notwendig die Folgen nach sich zieht, die dann niemand mehr verantworten kann. Aber da hilft dann D.’s Therapie. D’s Politikverständnis schließt eigentlich jeden politischen Widerstand aus (und schändet so nachträglich den historischen: er war ja nutzlos), es entmündigt und infantilisiert den Gläubigen (nicht zufällig gibt es – zumal in Deutschland -diesen auffälligen physiognomischen Trend zum Baby-Face in der Politik; es gibt bereits viele Menschen, die offensichtlich nicht mehr alt werden, nur noch irgendwann plötzlich vergreisen).

    Nach der Realisierung der Einen Welt (in der es keine unberührten Enklaven, keine Schlupfwinkel mehr gibt, in der alles mit allem zusammenhängt) ist die Haltung des Zuschauers (der Verzicht aufs Eingreifen) insgesamt unmoralisch geworden; in dieser Welt gibt es zur Nachfolge (zur Übernahme der Schuld der Welt, zum Prinzip Verantwortung) keine Alternative mehr.

    Vgl. Christina von Brauns „Mutter Staat“ (Die schamlose Schönheit des Vergangenen, S. 73f)

    D.’s Religion: sublimierter Inzest? Das Angenommen-Werden eine Erlösung unter dem Vorbehalt des Fortbestehens der schuldbehafteten Beziehung? (Vgl. das „Rauschen des Blutes“, überhaupt die Affinität von Kitsch und Wiederholungszwang).

  • 11.06.90

    Hängt die Gereiztheit D.s gegenüber Rahner und vor allem Metz vielleicht mit dem Konzept der „ubiquitären“ Struktur der j Urgeschichte zusammen, mit der Tilgung ihres historischen Charakters, der Anpassung an den naturwissenschaftlichen Objektivitätsbegriff (letztlich mit der Verdrängung der Schöpfungslehre)?

    „Selten nur wurden Menschen in größerer Zahl in Deutschland …“ (III, S. XVI) – Auschwitz lag nicht in Deutschland. – Diese Selbstmitleidsblockade war der Grund für die unsäglichen Verdrängungsleistungen in den vierziger Jahren.

    „(Die Psa) versteht die Angst nur (?) als einen Reflex äußerer Gefahrensituationen, nicht als etwas, das vom Bewußtsein der Menschen selbst ausgeht.“ (III, S. XX)

    „Nicht was andere aus einem gemacht haben, ist das Entscheidende, sondern zu wem man sich selbst bestimmt hat und wozu man sich in jedem Augenblick auch heute noch weiter bestimmt.“ (III, S. XXIII) – Konkreter: Für das, was andere aus einem gemacht haben (d.h. für sich selbst, für den eigenen Charakter), die Verantwortung übernehmen. Der Sartresche Existenzialismus, auf den D. sich hier offensichtlich bezieht, abstrahiert von der Geschichte und von der versöhnenden Kraft der Erinnerung, wenn er den Vorrang der Existenz vor dem Wesen und die Fähigkeit, das eigene Wesen selbst zu setzen, vertritt.

    „So wird die Objektivität des Erkennens, die den Aufstieg der Wissenschaft ermöglichte, von der ständigen Ichbezogenheit der Angst blockiert.“ (III, S. XXXV) – Nicht nur blockiert, sondern gleichzeitig und ebensosehr blind weitergetrieben (vgl. die DdA).

    „Was ein Neurotiker an seinem Therapeuten lernt, das hat die Menschheit lernen müssen in dem Glauben an den Gott des Volkes Israel, mit dem einen wesentlichen Unterschied …“ (III, S. XXXVI) – Ist das das D.sche Konzept?

    Die Anwendung des Bildes vom brennenden Dornbusch (III, S. XXXVII) liegt nur knapp daneben: Nicht die Menschen, sondern das Werk ihrer Hände (was ihre Bearbeitung des Ackers für sie hervorbringt: die gegenständliche Welt als Substrat der Geschichte und als Gericht) ist das mit dem Bild Gemeinte.

    „Im Umkreis der Mythen wie der Neurosen gibt es keine Geschichtlichkeit (er meint: keine wirkliche Geschichte, H.H.); alles erstarrt darin vielmehr zu einer angsterfüllten Gegenwart (zur Ubiquität, H.H.), die von dem Schrecken und den Mächten der Vergangenheit (vom Mythos, vom Schicksal, H.H.) vollkommen überlagert wird.“ (III, S. XXXIX) Der Umkreis der Mythen wie der Neurosen ist demnach exakt der durch das Erkenntnisgesetz der Wissenschaft (in den Naturwissenschaften durchs Inertialprinzip) bestimmte, und er umfaßt nachweisbar auch das D.sche Konzept (das Inertialsystem stellt jene Zweideutigkeit, jene Ununterscheidbarkeit von Objektivität und Projektion, Paranoia und Selbstmitleid, her, die Medium sowie Grund und Folge der Instrumentalisierung ist und nur durch Schuldreflexion sich auflösen läßt).

    D.’s Versuch, eine theistische Theologie ohne Sündenfall und Auferstehung der Toten zu begründen, führt zwangsläufig in den Mythos zurück. Die Existenz Gottes läßt sich nicht daraus ableiten, daß andernfalls nur Verzweiflung, „das Böse“ und der Wahnsinn bleiben. Auch die therapeutische Instrumentalisierung ist blasphemisch. – Im übrigen würde seine Theologie anders aussehen, wenn er wirklich glauben (und den Glauben wörtlich nehmen) würde anstatt an den Wunsch sich zu klammern, daß es (für wen?) gut wäre, wenn es einen Gott gäbe.

    Gibt es einen trinitarischen Bezug von Angst, Schuld und Scham (Projektionen: Macht, Gericht, Sexismus; Opfer: Juden, Ketzer, Frauen)?

  • 27.05.90

    Vom Ansatz, von der Begründung und von der Durchführung her ist Schopenhauer („Die Welt als Wille und Vorstellung“) der Konsequenz der kantischen Kritik und dem kritischen Weltbegriff am nächsten gekommen. Seine Hegel-Kritik ist von hier aus durchsichtig.

    Sind die immensen, ständig wachsenden Forschungsmittel, die seit dem Ende des letzten Krieges in die Atomphysik im weitesten Sinne, in die Weltraumforschung und in den Rüstungshaushalt abgezweigt wurden, noch wirklich rational zu erklären; erinnert der Vorgang nicht doch ein wenig an den mythischen hieros gamos (oder auch an den Turmbau zu Babel, der möglicherweise näher am hieros gamos liegt, als bisher angenommen)? – Der Grund mag banaler, darum allerdings nicht weniger harmlos sein: Welcher Ministerialbeamter will sich schon vor dem geballten Sachverstand des Experten, der zudem auf die Referenzen der Großindustrie (als Abnehmer der Forschungsergebnisse wie als Zulieferer der preisexplosiven Forschungsmaschinerie) sich berufen kann, blamieren? Gibt es eigentlich industrielle Großprojekte, die nicht in Beziehung zum Rüstungsbedarf des Kapitalismus stehen?

    Zusammenhang von:

    – Entdeckung, Hereinnahme und Ausbildung der Perspektive in der Malerei;

    – Ende der konstruktiven und Beginn der dekorativen Architektur (Gotik; Renaissance, Barock);

    – Beginn der absoluten Musik;

    – Beginn der naturwissenschaftlichen Aufklärung, Konzeption des Inertialsystems;

    – Trennung von Objekt und Empfindung, Objektivation von Gefühlen, Projektion in Gegenstände, in Natur (Ursprung der Naturästhetik unter der Herrschaft der Melancholie, Entstehung des Genie-Konzepts);

    – Portraits.

    Die Konstruktion der Neuzeit (der Übergang vom geschlossenen zum unendlichen Universum) wird verständlich vor dem Hintergrund des Ökonomischen und wissenschaftlichen Objektivationsprozesses, der Säkularisation (Verweltlichung der Welt).

  • 16.05.90

    Walter Benjamin in einem Brief an Scholem vom 05.08.37: er wolle der Jungschen Archetypenlehre, die er für „echtes und rechtes Teufelswerk“ hielt, „mit weißer Magie zu Leibe rücken“. (Briefwechsel S. 247; vgl. Carlo Ginzburg: Hexensabbat, S. 244 und Anm. Nr. 112 dazu) – Nochmal die Geschichte von der Hexe von En Dor lesen.

    Ist das Sexualtabu ein Teil des Tabus über den Totenkult? (Genesis/Sündenfall, Ursprungsgeschichte der Sexualmoral, Zusammenhang mit politischer Theologie)

    Ginzburgs Hexensabbat: Gibt das Buch nicht auch Hinweise und Kriterien zur Beurteilung des Gesamtkomplexes der Terroristenverfolgung? Gibt es nicht gemeinsame oder auch nur vergleichbare Vorurteile (begründet in der Absicht der Stabilisierung von Herrschaftsstrukturen)? Insbesondere: Ist die Paranoia, die in beide hereinspielt, ein Nebeneffekt der Verdrängung des eigenen Schuldanteils an dem Konflikt, Blockade der Analyse dessen, was sich wirklich abspielt?

    Die merkwürdige Haßbindung der Rechten an die Toten (Grabschändungen, Schmierereien auf Friedhöfen, an Grabsteinen u.ä.): Die Gefahr der Linken ist die Instrumentalisierung des Todes, die der Rechten seine Magisierung. Man wird es sich nach Art einer Mutprobe (als Teil eines Initiationsritus) vorstellen müssen: die, die die Gräber schänden, scheinen auch von der Erwartung motiviert zu sein, daß nicht auszuschließen ist, daß die Gräber sich öffnen und die Toten hervorkommen (um sich an den Überlebenden zu rächen). Nicht zufällig ist der Werwolf (überhaupt der Wolf) eine faschistische Identifikationsfigur. Zum Werwolf wird, wer den „inneren Schweinehund“ in sich besiegt hat; den inneren Schweinehund besiegt man mit Mutproben, die die moralische Identität untergraben sollen (die Toten kommen nicht heraus, der liebe Gott greift nicht ein). Die erwünschte Befreiung ist eine Befreiung von den Tabus der Moral, vom Über-Ich. Ein weiterer Nebeneffekt: diese Mutproben haben eine gewaltige Bindungskraft: die der Komplizenschaft. Elemente davon sind nicht zufällig bei Polizeieinsätzen anläßlich linker Demonstrationen zu erkennen, die dann regelmäßig das Lob der Politiker nach sich ziehen. Der rein technische Aspekt dieses Verfahrens, durch projektive Kriminalisierung den politischen Grund der Sache zu verdrängen, sich die politische Auseinandersetzung zu ersparen, hat die Vorurteilsstrukturen, die er zugleich produziert und ausbeutet, zur Voraussetzung.

    Drewermann: „Es ist der in unserem Zusammenhang vielleicht wichtigste Satz der ganzen Angsttheorie der Psa, wenn Freud sagt: „Leben ist … für das Ich (Hervorhebung H.H.) gleichbedeutend mit Geliebtwerden, vom Über-Ich geliebt werden …“ (Drewermann II, S. 155; vgl Freud: Das Ich und das Es, XIII 288) – Anstatt dieses Zitat kritisch zu begreifen (Struktur und Genese des Idealismus anhand der Struktur des Ich) rezipiert er es affirmativ: als Beweis für den (zutreffenden, aber theologisch irrelevanten) Konnex von Ich und Geliebtwerden. Die Position Drewermanns bezeichnet genau den Punkt, den sie dann auch beschreibt: den Abfall von Gott (er beschreibt, ohne es zu wissen, seine eigene Position). – Drewermanns Begriff des Bösen ist ein infantiler Begriff: So verstehen Kinder sich selbst als böse (das Ich, das sich als Nein konstituiert, als apriori schuldig, das ebendeshalb des Geliebtwerdens bedarf, weil es selbst der Liebe nicht fähig ist), nachdem es die Eltern, aus deren Bannkreis sie nicht herauskommen, ihnen einsuggeriert haben. Das Schlimme ist, daß dieser infantile Begriff des Bösen der in der Gesellschaft immer noch herrschende ist; er ist der Nährboden insbesondere für die neue Welle des Nationalismus, für die Weigerung, den gesellschaftlichen Schuldzusammenhang (und das Ich als Moment darin) zur Kenntnis zu nehmen. Es steckt die Weigerung mit drin, erwachsen zu werden, die Verantwortung für sich und für die Welt, in der man lebt, zu übernehmen (Grund sind die Angst und die Panik, die Kritik an den Eltern immer noch auslöst; Deutschland: das sind die Toten – die toten Helden – der Vergangenheit, von denen man nicht loskommt – vgl. Bitburg und Kohls „Versöhnung über Gräbern“).

    Drewermanns Haltung erinnert an die um Umkreis der Psychoanalyse nicht seltene Geste der Heilung durch Abwehr von Schuldgefühlen, der Unfähigkeit zu realer Schuldbearbeitung (Trauer- und Erinnerungsarbeit), die nach Auschwitz das erste Erfordernis einer theologischen Rezeption der Psychoanalyse sein sollte.

    Verantwortung übernehmen ist etwas anderes, als zur Verantwortung gezogen zu werden, d.h. sich schon im vorhinein gegen eine apriorische Anklage, einen apriorischen Verdacht rechtfertigen zu müssen und dadurch in das Gravitationsfeld der Autorität hereingezogen zu werden (in den Bannkreis der Eltern).

    Gott ist nicht beleidigungsfähig; jede andere Vorstellung ist (subjektiv wie objektiv) pathologisch und blasphemisch.

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