Gesellschaft

  • 15.05.90

    Hängen Reliquien-Kult und Hexen-Verfolgung zusammen? Ist die Reliquien-Verehrung nicht Teil eines Totenkults, und markiert die Hexen-Verfolgung etwa auch das Ende des Reliquien-Kults?

    Das Gesicht der Toten bedecken (verhüllen) und der Ursprung der Scham (Wissen um die eigene Sterblichkeit/Beziehung zur Sexualität/Gott gibt Adam und Eva Tierfelle, um die Scham zu bedecken!)

    – Ursprung der Sexualmoral; Wandlungen der Sexualmoral in Abhängigkeit von Änderungen der Beziehung zu den Toten. – Brennpunkt Hexen-Verfolgung (Sexualität und Tod)!

    Ist die persona (Maske) die Totenmaske des Subjekts wie auch (in der Trinitätslehre) Gottes?

  • 12./13.05.90

    „Überzeugen ist unfruchtbar“: und zwar aus sprachlichen Gründen. Zusammenhang mit Rechtfertigung (Ich-Stütze in der vom Schuldzusammenhang bestimmten Gesellschaft, wird vom Adressaten als Angriff, als Schuldvorwurf erfahren) und mit dem Rechtsurteil (das seine Überzeugungskraft aus dem Gewaltmonopol des Staates, das ihm zugrundeliegt, gewinnt; Grund der Remythisierung). Folgen für die Konstruktion einer Lehre, die keine Dogmen und keine Sprechblasen produziert und nicht an den demütigenden Bekenntniszwang gebunden ist: die Lehre einer entkonfessionalisierten Politik und Religion.

    „Nie wieder Deutschland“: Bezeichnend die Medienreaktion; falsche Teilnehmerzahlen, verwischende und falsche Angaben über die „gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei“. Apriorisches Feindbild der Polizei, die offensichtlich (nach entsprechender Vorbereitung in den Medien vor der Demo und Realisierung des eigenen strategischen Konzepts während der Demo) ihren Fernsehauftritt gesucht (und am Ende auf dem Römerberg auch herbeigeführt) hat. Die Politik hat die Bearbeitung ihrer eigenen Widersprüche der Polizei übertragen: Das ist genau der Ursprung des Polizeistaats. der nachträglich das „Nie wieder Deutschland“ begründet und rechtfertigt, wie unangemessen, unausgegoren und unreif die Beiträge der Initiatoren der Demo dann auch immer waren.

    Esther und Judith prophetische Bücher (aber antiimperialistische)? Kritik und Ergänzung der – patriarchalischen – apokalyptischen Tradition (nach dem Einbruch des babylonisch-römischen Imperialismus und dem Ende jüdischer Nationalpolitik, jüdischer Königsgeschichte)? – Bedeutung feministischer Theologie (Magdalena und Messias-Salbung)?

    Die Siebener-Perioden binden die Apokalypse an die Schöpfung? Was würde eine Synopse der 7er-Perioden bringen (Gemeinden, Engel, Posaunen, Plagen, Schalen des Zorns, Siegel)?

    Der moderne Nationalismus (insbesondere der deutsche) ist der demokratisierte alte (römische) Kaiserkult. Der nationalsozialistische Arier-Rassismus (und die Ausländerfeindschaft von heute) bringen das auf den zeitgenössischen Begriff; Grundlage und zwangslogischer Kontext ist das pathologisch gute Gewissen (in dem das falsche Bewußtsein zu sich selbst gebracht, auf seinen eigenen Grund zurückgeführt wird), Reflex der realen Komplizenschaft. Sartre hat die Person des Antisemiten genau gezeichnet. Vgl. auch W.B.: Der Kleinbürger ist Teufel und arme Seele zugleich (d.h. er ist Teufel als arme Seele, durch Selbstmitleid).

    „Die radikale Linke“: Genügt eigentlich noch der Nachweis der Notwendigkeit linker Politik (Rosa Luxemburgs Theorie der Selbstzerstörung des Kapitalismus durch den zwangsläufig, aus seiner eigenen Entwicklungstendenz folgenden Imperialismus), wäre nicht zumindest ebenso wichtig die Reflexion auf die Notwendigkeit des Scheiterns des real existierenden Sozialismus (die nicht nur Folge der Unzulänglichkeit von Personen ist, sondern vor allem der Unvereinbarkeit von Sozialismus und Herrschaftssystem)?

  • 21.04.90

    Der Kosmos und das pathologisch gute Gewissen: Die Instrumentalisierung der Vernunft, die das Gewissen neutralisiert, hat sich endgültig mit der kopernikanischen Wende, mit der Vorstellung eines unendlichen Raumes, in der Realität verankert.

    Hängt das Bilderverbot damit zusammen, daß die Menschen nach Gottes Bild erschaffen wurden?

  • 16.04.90

    Gibt es eine Beziehung zwischen den Stationen der j Urgeschichte (von der Vertreibung aus dem Paradies über den Brudermord und die Sintflut bis zum Turmbau zu Babel) und der Abfolge der Tage der Schöpfungsgeschichte? – Vergleich mit Augustinus „Gottesstaat“?

    Sintflut und Matriarchat (j – Mondjahr; P – Korrektur zum Sonnenjahr), Turmbau zu Babel: Konsolidierung des Patriarchats? (Waren die babylonischen Türme nicht sakrale Bank- und Verwaltungsgebäude? Dienen Hochhäuser – Prototyp Banken – nicht immer noch als Potenzbeweis – als Suche nach der Mitte und dem „tragenden Grund“ der Welt, wie E.D. es zu nennen nicht verschmäht? – Und scheitert die Fundamentalontologie nicht daran, daß sie sich selbst den Blick auf den „tragenden Grund“ verstellt: das Geld und in seinem Innern die drohende Gewalt der Überrüstung – als wahre Deckung des Geldes?)

  • 10.04.90

    Der Einsturz der kommunistischen Welt (der nicht das Produkt einer Revolution, schon gar nicht einer gewaltfreien, sondern Resultat eines Wirtschaftskrieges ist) und die Ausbreitung der verwaltungs- und rechtstechnischen Stützsysteme für ein Wirtschaftssystem, das „gesiegt“ hat, während es zugleich dahinwuchert und siecht; die Phantasmagorie eines Wohlstandes, der mehr in den Schaufenstern (inclusive der Medien „zur höheren Ehre des Wohlstandes“) als real besteht (jeder wird zum Angestellten seines Besitzes, dessen Erhaltung mehr Aufwand erfordert als das einfache Leben, das es nicht mehr gibt, außer in der Dritten Welt, die nach dem Abschluß der Kopernikanischen Wende in unserem Jahrhundert in die kapitalistische Galaxie mit hereingezogen wurde: mit dem Schwarzen Loch Europa als Gravitationszentrum), diese Vorgänge haben zur Grundlage eine Armut, einen Mangel, die nicht an sich, sondern nur als Motor und Grund des Reichtums noch erscheinen und gesehen werden. Der Unterhalt des Autos oder einer Wohnung verschlingt den größten Teil der Arbeitszeit und steht in keiner angemessenen Relation mehr zum Effekt, zur Nutzung, die ohnehin immer mehr und immer deutlicher zum demonstrativen Konsum, zu einem medialen Vorgang, zur blasphemischen Bild-Religion (zur wuchernden Verdrängung der Scham) wird. Dem entspricht die völlige Verkehrung des Lebenszwecks, der dahinter systembedingt (ebenfalls wie in einem Schwarzen Loch) verschwindet. Korrespondenz der Veränderungen im öffentlichen und im privaten Bereich.

  • 30.03.90

    Die Naturwissenschaften gründen in einem Organisationsgesetz, zu dessen Nebeneffekten das Vergessen gehört. Das „auswendige Wissen“, dessen Modell die Naturwissenschaften sind, gehorcht einem Gesetz, dem dann auch andere Wissenschaften, die sich an den Naturwissenschaften orientieren, dessen Objektivitätskriterien übernehmen, unterworfen sind, z.B. die dogmatische Theologie. Kein Zufall, daß auch die Moden, denen die an naturwissenschaftliche Theoreme (z.B. den Kältetod, heute überboten durch das Modell des „schwarzen Lochs“) anschließenden Weltanschauungen unterworfen sind, dem Gesetz der Veralterung unterliegen; sie verdienen nichts anderes, als vergessen zu werden (Zusammenhang von Mode und Vergessen!: Mode als organisiertes Vergessen, als Hilfe bei überlebensnotwendigen Verdrängungsprozessen; Mode als Schmerzmittel, als Narkotikum, als Droge; Mode und Auswendigkeit: wer der Mode gehorcht, gehorcht dem Prinzip des Sich-in-den-Augen-der-Anderen-Sehens, will um keinen Preis mißverstanden, falsch zugeordnet werden; Mode befreit von Schuldgefühlen, unterstützt und promoviert das pathologisch gute Gewissen; Mode resultiert aus der Verweigerung der Empathie; Mode repräsentiert das Grundgesetz der Wertphilosophie).

  • 25.03.90

    Bild und Herrschaft: Das Bild (Abbildbarkeit, Verdoppelung) ist der Grund der Aufspaltung und Polarisierung der Welt in Technik und Reklame; der Grund des Bilderverbots liegt im Verbot der Magie. Die Abbildbarkeit der Welt ist ein Indiz für den projektiven Charakter des Weltbegriffs: Jede Abbildung ist zugleich eine Projektion (Bedeutung des Portraits!); die Welt ist ihr eigenes projektives Abbild (Projektion ins Vergangene, Aufspaltung in Technik und Reklame, Grund der Kantischen Urteile apriori). Und jedes „Gottesbild“ (sogar jedes Menschenbild) ist blasphemisch. Gott und Mensch sind – wie die Sprache (gegen die formale Logik) – nicht abbildbar. Soweit die Sprache abbildbar ist (nämlich in der Form des Urteils), ist sie den Formen der Anschauung unterworfen, hat sie Teil an der Aufspaltung und Verdoppelung, die Gegenständlichkeit und Wissen (Objekt und Begriff) konstituieren und herschaftsbegründend gegenseitig substituierbar machen.

    Nicht nur die Reklame, auch die Technik verschweigt den Tod: beide haben ihn zur gemeinsamen Voraussetzung. Jedes Bild ist eine „nature mort“ (verräterischerweise ins Deutsche übersetzt als „Stilleben“): der Tod der Natur ist der Grund ihrer Abbildbarkeit und somit der Grund sowohl der Technik wie auch des Naturschönen.

  • 18.03.90

    „… das Andenken daran (an das letzte Abendmahl als Vergegenwärtigung des Kreuzestodes) bis zum Ende der Welt festhalten …“ (Trid. Sess. XXII, c.1): also nur „bis zum Ende der Welt“, nach dem Weltuntergang nicht mehr. Die Zeit danach ist die des Abstiegs zur Hölle, der letzten Aufgabe vor der Erlösung der Welt.

    Die Kirche hat keine Aufgabe mehr in der Welt, die ohnehin nach ihrem Untergang (in den Weltkriegen) und nach der realen Wiederholung des Kreuzestodes in Auschwitz („Was ihr den Geringsten meiner Brüder getan habt, …“) in Verwesung übergegangen ist; die Postmoderne (die gegenwärtige Gestalt des Nominalismus) ist der genaueste ästhetisch-philosophische Ausdruck davon.

    Zusammenhang damit: Die Weltkriege haben die „eine Welt“ (die sich dann in zunächst drei, demnächst möglicherweise nur noch zwei Welten aufgespalten hat) erst geschaffen; aber die Schaffung der Welt ist der Vollzug des Urteils über die Welt, denn der Begriff der Welt ist kein Objektbegriff, sondern der Inbegriff des transzendentalen Urteils: die Welt ist das Weltgericht (jedoch nicht das Jüngste Gericht, sondern eher deren Objekt!).

    (Ängste angesichts der Ereignisse in Deutschland: nationalistische Besoffenheit; Fremdenhaß; Wiederholungszwang, Verschiebung und Projektion von Schuld; soziale Marktwirtschaft als Nachfolgeorganisation des mißlungenen politischen Herrschaftstriebs; den letzten Krieg doch noch gewinnen und die Erinnerung an die Schuld endlich aus der Welt schaffen; Entstehung eines exkulpierenden, rechtfertigenden Fundamentalismus: „Marx ist tot, Jesus lebt“)

  • 14.03.90

    Kann es sein, daß die gegenwärtige Gestalt der Gesellschaft so konstruiert ist, daß sie ihre wesentlichen dynamischen Strukturen (ihr selbstdestruktives Potential) in den blinden Fleck rückt, dem Begriff entzieht? Sind die Ängste angesichts der nationalistischen Besoffenheit in Deutschland nur irrational?

  • 26.02.90

    Die Probleme der alten Äthertheorien haben sich in der modernen Atomphysik präzise reproduziert; nur hat es noch niemand bemerkt. Beide sind Ausdruck und Konsequenz der projektiven Struktur der gesamten Physik, des Verdinglichungszwangs (der an das apriori der Kantischen Anschauungsformen bzw. – gegenständlich und selber verdinglicht formuliert – des Inertialsystems gebunden ist: Ableitung des Verdinglichungszwangs, des Objektbegriffs aus der Struktur des dreidimensionalen Raumes, der Form der Äußerlichkeit, die im Ding – wie im Ich – sich auf sich selbst bezieht).

    Das Inertialsystem als selber verdinglichte Gestalt der Kantischen Anschauungsformen: Ohne diese Verdinglichung wäre das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit nicht formulierbar gewesen.

    Die Objektivität der physikalischen Erkenntnis und Theorie ist jedoch ebenso auch nur Schein: Der verdrängte Herrschaftstrieb kehrt notwendig als aggressiver Nationalismus wieder. Modell des pathologisch guten Gewissens: Die Harmonie und Ästhetik der mathematischen Theorie wird gerne beschworen, nachdem man im Konkurrenzkampf die Siegerposition, die Zugehörigkeit zur herrschenden Meinung erobert hat. Wer oben ist, hat das Sagen, erläßt die Sprachregelungen, die die eigene Position dann gegen lästige Newcomer abschirmt.

  • 23.02.90

    Der deutsche Nationalismus heute spielt mit dem Fluch der bösen Tat (die fortzeugend Böses muß gebären).

  • 04.02.90

    „Ihr seid das Salz der Erde“: nicht das Salz der Welt! Ist hier das Salz als würzende Kraft oder als Kristallisationskeim gemeint?

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