Gesellschaft

  • 04.02.90

    Einer der wichtigsten Gründe für Vorurteil und Ideologie ist das Bewußtsein, im Anblick der Wahrheit und mit dem massiven Schuldgefühl, das damit verbunden ist, nicht leben zu können. Die Folgen sind jedesmal selbstzerstörerisch, gleichgültig, ob sie über den Zynismus oder das pathologisch gute Gewissen vermittelt sind.

    Die Gewalt, die Geld über andere (die die Leistungen erbringen müssen, die man dann für Geld „kaufen“ kann) verleiht, das Gewaltpotential, das im Geld drinsteckt, bedarf des äußeren Daseins: Die Rüstung der Staaten war immer auch ein Maßstab für die Gewalt und die Macht, die das vom Staat herausgegebene und garantierte Geld repräsentiert, die wirtschaftliche Ordnung und der Wert und die Konvertierbarkeit der jeweiligen Währung. Auf diesem Felde werden heute die Kriege ausgefochten und die Siege errungen, hat jetzt „der Kapitalismus über den Kommunismus gesiegt“. Die Verlierer sind immer auch die Verurteilten (das System ist selbst der kurze Prozeß, d.h. Ankläger und Richter in einem); ein Einspruch, eine Revision, ist nicht mehr zugelassen. In dem traditionellen theologischen Sinne ist dieses System obszön, „unzüchtig“ und pornographisch.

    Aber die „Natur“ vor oder nach der gesellschaftlichen Naturbeherrschung (außerhalb des Kontextes der Naturbeherrschung gibt es keine Natur) ist keine heile Schöpfung, sie ist nicht das Werk des siebten Tages. Und es gibt keinen positiven Sinn für irgend eine Form einer „Rückkehr zu Natur“.

    Ist es ein Zufall, daß blütentragende Pflanzen im naturhistorischen Entwicklungsprozeß zusammen mit den Säugetieren (und Vögeln) auftreten, und die Laubbäume zusammen mit den Prähominiden?

    „Der Geist Gottes schwebte über den Wassern“?

  • 21.01.90

    Gibt es Erkenntnis ohne den projektiven Anteil (Zusammenhang von Reflexion und Projektion, erkennbar an ihrem Verhältnis zur Schuld – Ursprung des pathologisch guten Gewissens – 2. Stufe der Ideologie)? Die Erfahrung, diskriminiert, verletzt, unterdrückt zu sein, ist sicher eine der Quellen des kritischen, verteidigenden Denkens; aber als Grund für die Identifikation mit der eigenen Opferrolle verhindert sie es zugleich (gerät sie bewußtlos in den Schuld- und Verblendungszusammenhang hinein).
    Das ist das Fatale am Antifaschismus, daß der Faschismus nur mit Mitteln bekämpft werden kann, die in den gleichen Schuld- und Verblendungszusammenhang hineinführen, in dem der Faschismus gleichsam Hausrecht hat.
    Die Bedeutung der Beichte für die Genese des modernen Selbstbewußtseins (Spengler, Goff) wird präludiert durch die Geschichte des Mönchtums (Funktion der evangelischen Räte; Konstitution der Welt durch Vergegenständlichung, Entfremdung).

  • 18.01.90

    Langeweile, Unzufriedenheit und Empörung sind ausgesprochen moderne (atheistische) Verhaltensweisen, die ihren strukturellen Grund in der gesellschaftlichen Form der modernen Subjektivität haben (sie sind zugleich Indikatoren des pathologisch guten Gewissens: das wirklich gute Gewissen – das es nicht gibt – hätte kein Langeweile, wäre nicht unzufrieden, bedürfte nicht der Empörung). Zu ihren Konstituentien gehören insbesondere die Bedingungen der Verweltlichung, die säkularisierten Formen der Intersubjektivität (der „Apparat“ des transzendentalen Apriori, in dem das Subjekt gefangen ist – Zusammenhang mit dem modernen Naturbegriff). „Gottesfinsternis“ war einmal der falsche Begriff (Martin Bubers) für einen richtigen, heute erst sich ausbreitenden, nicht ganz harmlosen Sachverhalt. Das Bedürfnis nach Unterhaltung (Ablenkung); die Unfähigkeit, mit sich allein zu sein; das Verlangen nach Trost (oder die Verkehrung des Heiligen Geistes; der Heilige Geist als Alleinunterhalter). Spenglers Hinweis, daß zum Ursprung des „faustischen Menschen“ die Institution der Beichte (die Biographie, das Portrait) gehört, ist insoweit wahr, als moderne Subjektivität (als ihre berühmte „Mitte“) einen unauflösbaren Schuldkern hat (einen blinden Fleck, eigentlich ein schwarzes Loch: es saugt alles Licht in sich auf, strahlt aber nicht mehr nach außen); die Flucht vor der Wahrnehmung dieser Schuld bezeichnet die Bahn des Fortschritts der Aufklärung, die immer tiefer in die Verstrickung hineinführt.

    Spengler: „Das mütterliche Weib ist die Zeit, ist das Schicksal.“ „Die Sorge ist das Urgefühl der Zukunft, und alle Sorge ist mütterlich. Sie spricht sich in den Bildungen und Ideen von Familie und Staat aus und in dem Prinzip der Erblichkeit, das beiden zugrunde liegt.“ (UdA, S. 341f)

  • 15.01.90

    Die Subjekte als Verblendungszentren: Jeder hat seine Privat-Empörungsmechanismen, auf denen sein Selbstbewußtsein aufruht (und mit denen es seine Verdrängungen unter Kontrolle hält): Urteile über andere sind nicht selten Projektionen zur Selbstentlastung („Der Ankläger hat immer Unrecht“), Es-Strategien, um peinliche, der Verdrängung unterliegende Fakten der Wahrnehmung und der Diskussion zu entziehen. Der Schuldzusammenhang ist eigentlich ein Schuldverschubsystem; darin gründet der Verblendungszusammenhang.

    Ästhetisierung: Das Fernsehen übt in die Rolle des Zuschauers ein. Der Preis dafür, daß der Zuschauer dem Schuldzusammenhang der vor ihm ablaufenden Handlung enthoben ist, nicht real teilhat an dem Geschehen, außer als Voyeur (gleichsam in einer universalen kleinbürgerlichen Nachbarschaftsbeziehung), ist seine Ohnmacht: Er kann in die Handlung nicht eingreifen, er kann nichts ändern. Als Voyeur weiß er alles, mehr noch: er weiß alles besser. Es ist die gleiche (quis ut deus- oder Teufel-/arme Seele-)Rolle, die der Forscher bei einem Experiment einnimmt, die ebenfalls darauf hinausläuft, daß alle Schuld in die Materie projiziert wird, darin sich vergegenständlicht, den zuschauenden Forscher dagegen freispricht: Einübung in und Stabilisierung, Habitualisierung von „Empörung“, die den Schuldzusammenhang konstituiert und in ihn hineinführt (Theorie der Empörung als Teil der Erkenntnistheorie und Teil einer Theorie der Materie; Zusammenhang mit allem, was der Fall ist; Genese des „pathologisch guten Gewissens“?).

  • 06.01.90

    Der Faschismus hat sich aus dem Zentrum der Macht in die Peripherie, in die Individuen und in die abhängigen Länder der Dritten Welt, verlagert. Grund ist nicht zuletzt die Entwicklung der Rüstung, deren abschreckende Wirkung den unmittelbaren Terror überflüssig macht. Politik wird zureichend erst begriffen, wenn dieser verinnerlichte (und zugleich externalisierte) Faschismus begriffen wird: die Gemeinheit, das pathologische gute Gewissen und die Techniken der Exkulpation, das Selbstmitleid, die projektive zweite Schuld (insgesamt das Äquivalent des übermächtigen Gewalt- und Zerstörungspotentials in den Seelen der Menschen), insgesamt das System der Selbstausbeutung.

  • 05.01.90

    Modell der Herrschaft das Planetensystem? (Eine Sonne, ein Gott, ein König?): Hierarchische Ordnung fortgesetzt in Verwaltung; sub- und translunearer Bereich entspricht Klassentrennung; Galileis Entdeckung, daß astronomische Erscheinungen der gleichen Vergänglichkeit unterliegen wie die irdischen; Konstruktion der planetarischen Kreisläufe aus irdischen Kräfteverhältnissen; Universalisierung der Gravitation.

    Das Tauschprinzip und das Trägheitsgesetz ebnen Widersprüche ein, subsumieren Unvereinbares unter einheitliche Begriffe (Lohnarbeit, Arbeit als Ware; Geld als Einheit von Herrschaft und Unterdrückung, Materie als Substrat von Arbeit), sind aktive Agentien der Verblendung, des Banns. Es gibt keinen Weltbegriff ohne den Begriff der Materie; es gibt umgekehrt keinen Schöpfungsbegriff, der den Materiebegriff mit einschließt (die Vorstellung, daß die Menschen Waren herstellen, Gott die dazu notwendige Materie liefert, ist absurd: die Menschen verwandeln im Prozeß ihrer Auseinandersetzung mit der „Natur“ diese in Materie; die Schöpfung bezeichnet einen Bereich, der „vor“ diesem Prozeß liegt).

  • 03.01.90

    Ursprung und Modell der Reflexionsbegriffe beschreibt Hegel in der Phänomenologie des Geistes anhand der deiktischen Begriffe „hier“ und „jetzt“. „Das Eine ist das Andere des Anderen“: Dieser Satz ist nach dem Modell gebildet: „Das Übermorgen von gestern ist das Morgen von Heute“; entfaltet wird dieser Zusammenhang in der Mathematik; seine Grundlage hat er im futurum perfectum, in der zukünftigen Vergangenheit.

    Das Klima in deutschen Straßenbahnen, das von Unansprechbarkeit bis Aggressivität reicht, mit einer signifikanten Tendenz zu faschistischen Sprüchen, rührt her von der Verfassung der Menschen in den Straßenbahnen, von ihrer Zukunftslosigkeit und – als subjektiver Reflex davon – von ihren Sorgen (Verhältnis zum Selbstmitleid?). Hier kommen subjektive und objektive Gründe zusammen: Straßenbahnfahrer nutzen ein Verkehrsmittel, auf dessen Ziel und Geschwindigkeit sie keinen Einfluß haben; sie haben kein Gaspedal, das ihnen das Gefühl der Eigentätigkeit und Selbstbestimmung vermittelt. Die Straßenbahn verhält sich zum Auto wie die Mietwohnung zum Eigenheim. Straßenbahnfahrer sind Berufstätige, Frauen und Kinder, d.h. im allgemeinen Abhängige, Fremdbestimmte. Für sie ist die Zukunft eine Zukunft für andere, nicht für sie; was sie vor Augen sehen, allem voran die Reklame, ist der Lobpreis einer Welt, von der sie ausgeschlossen sind; ihr „In-der-Welt-Sein“ ist reines Objektsein, entbehrt jeglicher Spontaneität, die sie sich nicht leisten können. Heideggers Fundamentalontologie sperrt die Menschen in diesen Zustand ein und betrügt sie zugleich um das Recht des Bewußtseins davon.

  • 31.12.88

    Wenn der öffentliche Ankläger in der BRD „Staatsanwalt“, d.h. Anwalt des Staates, ist, so ist der Staat das Prinzip der Anklage; darin gründet das mythische, schicksalhafte Wesen des Staates und des Rechts. Der Heilige Geist – als Paraklet – ist die staatszersetzende und -auflösende Gewalt, und die Beschneidung der Rechte der Angeklagten und der Verteidigung die Sünde wider den Heiligen Geist.

    Vgl. Ingo Müller „Furchtbare Juristen“, S. 15: „… eine Institution …, von der sich die Liberalen zunächst sogar eine unabhängigere Rechtsprechung erhofft hatten, weil mit ihr der absolutistische Inquisitionsprozeß abgelöst wurde: die 1849 nach französischem Vorbild eingeführte Staatsanwaltschaft. Sie erwies sich jedoch schon bald als ‚eine der schneidigsten Waffen der bürokratischen Reaktion‘ (H. Hefter: Die deutsche Selbstverwaltung im 19. Jahrhundert, 1950).“

  • 29.12.89

    Die „deutsche Frage“ gleicht auch darin der „Seinsfrage“, daß sie als Teil des Mechanismus zur Produktion des pathologisch guten Gewissens sich verwenden läßt. In der „Lösung“ der „deutschen Frage“ (die bezeichnenderweise keine Antwort, sondern – wie die Judenfrage – nur eine Lösung kennt; Verwechslung von Frage und Problem: die Lösung eines Problems beantwortet nicht die Frage – vgl. hierzu Wittgensteins Bemerkungen, daß die Formulierung eines Problems die Kenntnis der Lösung voraussetzt) ist das exkulpatorische Element, die Befreiung von der Last der historischen Schuld, offensichtlich die Hauptsache. Aber diese (scheinhafte) Befreiung ist das genaue Gegenteil: die endgültige, nicht mehr auflösbare Verstrickung in den Schuldzusammenhang (das Schicksal belohnt die Guten, bestraft die Bösen; d.h. – im Umkehrschluß – die Belohnten, die Sieger, sind die Guten, die Bestraften, die Verlierer, die Bösen).

    Verwechslung von Frage und Problem: Zu Problemen gibt es Lösungen, zu Fragen Antworten (Antworten sind keine Urteile?). In der Physik (Mathematik) gibt es keine Antworten, nur Lösungen. Lösungen sind Lösungen von Gleichungen oder „praktische“ Lösungen (wenn es sein muß, Endlösungen), jedenfalls das Gegenteil von Antworten. Gibt es eine „Lösung“ der „Seinsfrage“ (außer dem Frageverbot, da keine konkrete Frage dem Rang der Seinsfrage angemessen ist – Zusammenhang mit dem Antisemitismus)?

  • 28.12.89

    Ist es so zufällig, daß die Springer-Zeitungen schon vom Namen her antitheologisch festgelegt sind? „Bild“ und „Welt“ verweisen zwingend sowohl aufs Bilderverbot als auch auf den biblischen Gegenbegriff zum Heiligen Geist; beide Zeitungsnamen sind ihrer objektiven Intention nach ebenso blasphemisch wie die heute so beliebten pseudotheologischen Gottes- und Menschenbilder und Weltanschauungen.

    Jeder Bekenntniszwang verweist auf ein Schuldverschubsystem, verbindet Verdrängungsmechanismen mit Exkulpationszwängen und – gleichzeitig nach außen und innen gewendeten – Aggressionen. Er gehorcht einem Formgesetz, das zugleich seinen Inhalt determiniert (Ableitung des Dogmas? – vgl. die weiterführenden Hinweise bei Sonnemanns: Das Unheilige am Bekenner …).

  • 27.12.89

    Wenn Psychosen von Neurosen durch ihre Genese sich unterscheiden (Ursprung vor/nach der Oedipus-Phase), ist es vielleicht nicht ganz unnütz, diesen genetischen Zusammenhang in gesamtgesellschaftlichem Kontext zu untersuchen: Kann es sein, daß Verschiebungen im gesellschaftlichen Schuldzusammenhang (die anderwärts den Staats-Terrorismus als Stabilisierungsfaktor notwendig machen) hier die Grenze zur Psychose überschreiten (mit der Folge, daß Normalität heute – nach dem „Weltuntergang“ – anfängt, psychotische Züge anzunehmen)? – Deuten nicht die heute unter Jugendlichen verbreiteten Verstärkerbegriffe wie „irre“, „unheimlich“, „wahnsinnig“ in diese Richtung, oder auch das Bedürfnis nach Authentizität, Identität, Echtheit und Eigentlichkeit?

  • 13.12.89

    Heute geht ist nicht mehr um die Verantwortung der Macht, sondern um die der Ohnmacht. Nicht das Ändern, sondern das (im Entscheidenden) Nicht-Ändern-Können ist der belastendste Inhalt der Verantwortung, die Schuld, die nicht verdrängt werden darf.

    Zur Verstärkung des Nationalismus gehört heute auch der Zwang zur Identifikation mit dem Beruf, den man ohnehin hat (Herrhausen: „Sagen, was man denkt, tun, was man sagt, sein, was man tut“); dabei käme es gerade darauf an, diese Identifikation zu unterlaufen, das Fachidiotentum (und seine verhängnisvollen subjektiven und objektiven, insbesondere auch politischen Folgen) durch Distanz und Reflexionsfähigkeit zu verhindern.

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