Die Diskussion der Ereignisse in der DDR hat etwas Gespenstisches. Unterschlagen werden generell die äußeren Bedingungen (Glasnost und Perestroika, die Entwicklung in Polen und Ungarn, die Verstärkerwirkung der westlichen Medien-Berichterstattung auf die ansteigende Republikflucht in den letzten Wochen, nicht zuletzt die – wenn auch bisher im einzelnen nicht nachweisbare, so doch zu vermutende – direkte Einflußnahme aus der BRD: BND, nationalistisch gestimmte Jugendverbände von JU bis Wikingerjugend, offenkundige Absprachen zwischen Oppositionsgruppen in der DDR und westdeutschen Fernsehteams über Demonstrationen …). Das alles schließt die Anerkennung der Emanzipationsleistung der DDR-Bevölkerung nicht aus, rückt sie nur in eine realistischere Perspektive, macht aber vor allem die propagandistische Verwertung der Ereignisse im Sinne des hier epidemisch sich ausbreitenden Nationalismus schwerer, wenn nicht unmöglich. Die Angst ist nicht unbegründet, daß dieser Nationalismus von der Erwartung lebt, eine „Wiedervereinigung“ könne, indem sie die offene Wunde der Spaltung schließt, den Zwang zu Erinnerung an die unerträgliche Schuld auflösen. Die Gefahr der Auflösung der VVN gewinnt unmittelbaren Symbolwert: daß mit der SED und ihrem Markenzeichen Antifaschismus die Aufarbeitung der Vergangenheit insgesamt diskriminiert wird. Der Untergang des Kommunismus in Osteuropa scheint der Nazi-Invasion in Rußland, dem Weltanschauungs- und Vernichtungskrieg im Osten nachträglich recht zu geben und so den Faschismus freizusprechen. Das alles könnte das ohnehin wahnhafte Klima der zweiten Schuld in Deutschland stabilisieren und der Angst einen endgültigen Grund geben.
Gesellschaft
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19.11.89
Nach dem Weltuntergang: In Deutschland kann man die Menschen bereits physiognomisch danach unterscheiden, ob sie die Erfahrung des Weltuntergangs verdrängt haben oder nicht. Das allgemeine „pathologisch gute Gewissen“ und seine Derivate und Folgen sind der genaueste Ausdruck dieser Verdrängung, der „zweiten Schuld“. Heideggers „In-der-Welt-Sein“ ist einer der Gründe für diesen Zwang zur Verdrängung: Mit der Welt wäre dann nämlich auch das Dasein erinnerungslos untergegangen. Die Verleugnung des Judenmords bei Heidegger folgt genau hieraus. Dem Schwarzen Loch Auschwitz entspricht das Schwarze Loch der Physiognomien jener, die aus dem letzten Krieg nichts mehr lernen können: Diese Gesichter strahlen nichts mehr aus, sie saugen die letzten Lebenskräfte aus einer Welt, die nur noch verwest.
Der übermächtige Zwang zur Rechtfertigung, der auch Kritik noch instrumentalisiert, in seinen Dienst stellt, ist eine Funktion des verwesenden Weltbegriffs, des Zustands der Welt nach ihrem Untergang. Das transzendentale Subjekt ist nicht mehr zu halten. Der ökologische Konkretismus heute ist das zugleich hilflose und projektive Bewußtsein davon.
Die falsche Symbolik des „Volkstrauertags“: Die Trauer um die Toten darf die Unterschiede nicht neutralisieren, darf das große Wort von der Versöhnung nicht, ohne es selbst zu schänden, unterschiedslos auf alle Toten (auf Opfer und Täter) anwenden. Die fünf Kreuze im Hintergrund machen – abgesehen von der sonst nicht mehr nachvollziehbaren christlichen Symbolik – wohl nur Sinn, wenn man die Zahl der „Schächer“ erhöht (worauf weisen die beiden Kreuze im Hintergrund des Hintergrunds hin)?
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15.11.89
Das Verhältnis von Natur und Gesellschaft ist bisher nur unter dem Aspekt des Darwinismus gesehen worden (Kampf aller gegen alle unter dem Gesetz der Selbsterhaltung). Das Trägheitsgesetz und das Tauschprinzip bezeichnen aber nur das Formgesetz, das zwar mit seinem „Inhalt“ (dem Leben in Natur und Gesellschaft) unlösbar verbunden, nicht aber damit identisch und nicht daraus abzuleiten ist (die Hegelsche Form-Inhalt-Dialektik geht nicht ganz auf, außer im ästhetischen Bereich; es bleibt ein unauflösbarer Rest). Das Trägheitsgesetz reicht ebensoweit wie die Gravitation, nämlich bis in die Elektrodynamik und deren Derivate; ausgenommen bleibt das Licht und mit ihm die ganze sinnliche Welt.
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05.11.89
Der Antisemitismus hatte für die, die ihn für ihre Zwecke nutzten, zwei „Vorteile“:
– Durch die Ernennung des „Judentums“ zum (biologisch, rassisch begründeten) absolut Bösen, war auch die Tradition, für die das Judentum einstand, diskriminiert, tabuisiert: Das Gewissen als individualisierende Instanz, als Grundlage des Selbstbewußtseins, als Realgrund der Verführung zum Selberdenken, war außer Kraft gesetzt (der Jude draußen wurde als Repräsentant des eigenen Gewissens erschlagen, das eigene Gewissen zum „inneren Schweinehund“ ernannt).
– Umgekehrt war der „Arier“ der Bessere, Gesunde, von der Natur (der „Vorsehung“) zur Herrschaft Berufene; was auch immer er tat, es war dadurch entschuldigt, daß es sein Bessersein im Sinne einer (rassischen) Naturqualität nicht berührte. Dieses Begründungsschema liegt immer noch dem „pathologisch guten Gewissen“ derer zugrunde, die sich an nichts erinnern (durch selbstkompromittierende Komplizenschaft das Erinnern verlernt haben).
Erschreckend der Trend in allen Parteien, Wähler durch Orientierung nach Rechts zu gewinnen (CDU -> Republikaner, SPD -> CDU, Grüne -> SPD); das Ergebnis ist vorprogrammiert: die jeweils rechten Parteien werden aufgewertet, die Wähler ihnen zugetrieben. Es mangelt an „linkem“ Selbstbewußtsein; politische Moral „lockt keinen Hund hinterm Ofen hervor“; aber wer die Wähler als Hunde einschätzt, darf sich nicht wundern, wenn sie die wirklich hündischen Parteien wählen. Hoffentlich gewinnen der Nationalismus und die Vaterländerei nicht hierdurch eine Schubkraft, die dann durch Moral nicht mehr gebremst werden kann.
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29.10.89
„Umkehr“ ist ein Grundbegriff der (jüdisch-)christlichen Tradition. Ein Grundbegriff nicht nur mit moralisch-praktischer Bedeutung, sondern auch (ja, heute in wachsendem Maße) mit theoretisch-erkenntnistheoretischer Bedeutung. Umkehr ist – das hat Franz Rosenzweig als erster begriffen und dargestellt – der Grundbegriff einer erneuerten Theologie. Die christliche Theologie – vor allem in ihrer dogmatischen (ketzerfeindlichen, inquisitorischen) Tradition – war und ist für Herrschaftszwecke nur deshalb tauglich, weil sie mit der Umkehr ein für jede theologische Erkenntnis konstitutives (und jedes theologische „Wissen“, den theologischen Physikalismus und Objektivismus auflösendes) Moment im theologischen Erkenntnisprozeß unterschlägt, tabuisiert. So wurde Theologie selbst zu einer Verhinderung der Gotteserkenntnis, mehr noch: zu einer in letzter Instanz blasphemischen Institution.
Heute wird es deutlich: Das Gravitationszentrum, dem eine Theologie zustrebt, die glaubt, von der Umkehr absehen, davon abstrahieren zu können, ist, wie jeder Fundamentalismus beweist, der Faschismus als instrumentalisierte Religion. Übrig bleibt, da Umkehr aus dem Religionsbegriff nicht herausgenommen werden kann, die Umkehr für andere (Produkt der Anwendung der Hegelschen Reflexionsbegriffe auf die Religion, ihrer Selbstentfremdung; Verwandlung von Religion in Geschwätz), d.h. Religion als Unterdrückungsmaschine (die Analyse dieser Unterdrückungsmaschine, gewissermaßen ihrer physikalisch-technischen Grundlagen und Elemente, wäre ein Teil der heute notwendigen theologischen Selbstverständigung).
Wissen (Wissenschaft) ist Erkenntnis für andere, seine (ihre) Grundlage jene Kategorien und Begriffe, die Kant in der transzendentalen Logik und Hegel unter dem Titel Reflexionsbegriffe beschreibt. Die gesamte Geschichte der Erkenntnis steht unter dem Gesetz des Widerspruchs von Erkenntnis und Wissen, der nach Hegel den Erkenntnis“prozeß“ auslöst und vorantreibt; dieser Widerspruch (als Widerspruch zwischen An sich und Für uns) ist im Bereich der Reflexionsbegriffe notwendig und unvermeidbar. (Vgl. Walter Benjamins Hinweise zum Begriff des Wissens.)
Das immanente Telos der Wissenschaft, ihr Gravitationszentrum, ist die Naturwissenschaft. Das hier produzierte Wissen ist nur noch Wissen für andere, dem Erkenntnis im ursprünglichen Sinne nicht mehr entspricht. Der Positivismus ist Konsequenz und Ausdruck dieses Sachverhalts. Begründet ist dieser Sachverhalt in der Funktion der von Kant erstmals ins Bewußtsein gehobenen (aber dann bis heute unaufgearbeiteten) Formen der Anschauung. (Interessant ist die auf Kant folgende Raumdiskussion, die offensichtlich die Irritation der Kantischen Transzendentalphilosophie verdrängen sollte; wobei jedoch die sogenannten nichteuklidischen Geometrien nur mit Verallgemeinerungen von Grundstrukturen, die nur innerhalb der euklidischen Geometrie sich definieren lassen, arbeiten, während die zentrale Irritation – die Dreidimensionalität des Raumes und ihr Zusammenhang mit der irreversiblen Zeit – unerörtert geblieben ist. Genau hier aber, im Kontext des mathematischen Korrelats der Formen der Anschauung, des Inertialsystems, liegt der Konstitutionsgrund für das Ordnungsprinzip und den besonderen Wissenschaftscharakter der Naturwissenschaften: das Wissen für andere und seine Identität mit dem Herrschaftswissen, den Zusammenhang von Objektivation und Instrumentalisierung sowie seine Zeitform: die Einheit der Vergangenheitsform, die dem Wissen den Charakter der Unveränderlichkeit verleiht, es im strengen Sinne aus dem gleichen Grunde überhaupt erst zum Wissen macht, aus dem eine Anwendung des Wissensbegriffs auf die Theologie als blasphemisch zu verwerfen ist: Gott läßt sich in keinem Sinne als vergangen denken, und theologisch ist alle Geschichte nur Vorgeschichte.)
Das Anwachsen der Verwaltung und deren zunehmend kontraproduktive Tätigkeit hängt mit der Struktur der Verwaltung (hierarchische Organisation, Kompetenzverteilung, Zuständigkeitsregelung, Mitzeichnungsverfahren) zusammen. Hier entsteht und stabilisiert sich eine Mentalität, ein Weltbegriff, deren Endzweck die Selbstentlastung, die präjudizierende Selbstrechtfertigung, letztlich eine Art institutionalisierter Ideologie zu sein scheint. Ob die Entscheidung das Problem löst, ist zweitrangig, vor allem muß sie unangreifbar sein (so unangreifbar wie das methodisch abgesicherte Wissen der Wissenschaft). Hinzu kommt, daß die Probleme selbst, die durch Verwaltung gelöst werden sollen (z.B. im Agrarbereich), aus objektiven Gründen fast nur noch exkulpatorische Maßnahmen zulassen. Zusammenhang von Verwaltung und Wissenschaft? – Auswirkungen der zunehmenden Rationalisierung, Anwendung elektronischer Informations- und Kommunikationstechniken.
Woher kommt es, daß EDV-Spezialisten so große Probleme mit der Sprache, mit der Fähigkeit, die eigenen Produkte verständlich zu erklären, haben (vgl. die Hard- und Software-Handbücher). Das Problem gleicht dem, das Physiker auch zu haben scheinen bei dem Versuch, ihr Objekt anderen verständlich zu machen.
Das Recht und die Verwaltung, oder allgemeiner die Institutionen begründen das Inertialsystem, in dem gesellschaftliches Handeln sich definiert. -
22.10.89
(Spaziergang, Diktiergerät) Der Name bezeugt den Vorrang des Objekts, er ist zugleich das entscheidende Argument gegen das Grundprinzip der Hegelschen Logik, insbesondere gegen die Funktion der Reflexionsbegriffe. Im Zusammenhang der Reflexionsbegriffe ist der Name tatsächlich „Schall und Rauch“ (mit welcher Bezeichnung der Schuldzusammenhang zugleich verdrängt und stabilisiert wird), ist das Selbst ein leerer, gegenstandsloser Begriff. Oder anders: Die Hegelsche Logik ist die Logik des Andersseins, der Entfremdung; sie ist präzise das System der Entfremdung als Totalität. Bewußtlos vorgearbeitet – darin hat Hegel Recht, und daraus kann er schöpfen – hat ihr die christliche Theologie.
„Das Eine ist das Andere des Anderen“: Genau hierin drückt sich die – nach Rosenzweig – „verandernde Kraft des Seins“ aus. Und genau hier ist der Geburtsfehler der europäischen Philosophie. Aber hier ist zugleich auch die Geburtsstunde von Herrschaft als Mimesis ans Anderssein, als Mimesis an subjektlose Natur, als Geburtsstunde der zweiten Natur.
Heidegger hat aus der Philosophie eine Zelle für die Isolationshaft gemacht. Die Welt, auf die das „In-der-Welt-Sein“ bezogen ist, ist eine Zelle, ist ein Einzelghetto, sozusagen der letzte Zufluchtsort der Kontemplation oder auch der Theorie (im aristotelischen Sinne). Ich glaube, der Hinweis auf die Einzelhaft, die Isolationshaft reicht weiter als es auf den ersten Blick scheint. Man denke an die Vertreter der Ermittlungsbehörden und der Anklage im Rücken, die jedes Wort protokollieren (Modell der szientifischen Erkenntnis).
Auch in der Vorstellung der Isolationshaft berühren sich die Extreme. Es hat den Anschein, als müßten die Herrschenden prädestinierten Opfern das antun, was ihnen selbst widerfährt: die eigene Isolation, die sie allein befähigt, Herrschaft auszuüben, allerdings um einen Preis, den sie kaum in der Lage sind zu zahlen, es sei denn zu Lasten, auf dem Rücken anderer: Herrschaft braucht Opfer.
In „Sein und Zeit“ beschreibt Heidegger eine Erfahrung, die deshalb für den Faschismus brauchbar ist, weil sie die der Oberen und der Unteren zugleich war. Hierzu ist es vielleicht von Interesse, dem nachzugehen, was Carl-Friedrich von Weizsäcker meinte, als er bemerkte, daß „Sein und Zeit“ vielleicht etwas von den Erfahrungen wiedergeben könnte, die auch die eines Physikers angesichts der neueren Physik sind.
Hat der „Alltag“, auf den die Grunderfahrungen der Heideggerschen Philosophie nicht selten bezogen werden (auf die er selbst auch sie bezieht), etwas mit dem zu tun, was Franz Rosenzweig „das All“ nennt? Und ist „das All“ vielleicht tatsächlich auf diese ganz schmale Basis und Dimension zusammengeschrumpft?
Vielleicht ist es doch notwendig, den Vortrag aus 1952 „Wert und Bedeutung der Prinzipien“ Satz für Satz zu korrigieren; vielleicht komme ich dadurch sowohl auf die Hemmungen, die mir damals im Wege gestanden haben, wie auch auf die ursprüngliche Vision, die eigentlich dahinter steckte und hier, in diesem Vortrag, nur vollständig ihren Gegenstand verfehlt hat. Frage: Hatte ich damals den Aufsatz von Franz Rosenzweig „Zeit ist’s“ schon gelesen?
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19.10.89
Die Oberen waren seit je Newcomer; eben deshalb brauchten sie immer schon eine historisch-genealogische Legitimation. Die ersten Reichen waren Neureiche, und die Kultur ist erst ein späterer legitimatorischer Luxus (den übrigens die Deutschen nach ihrer allgemeinen Nobilitierung durch die Nazis erneut benötigten; deshalb der Selbstbestätigungszwang durch die Projektionsfolie der „kulturlosen Untermenschen“).
Herrendenken ist nicht nur Herrendenken: Eher die Übertragung der schlechten Erfahrungen, die die Unteren seit je mit den Oberen gemacht haben, auf die neue Position, wenn sie nach oben kamen. Herrendenken will, was einem selbst als Unterlegener widerfahren ist, partout an andere, die unter einem sind, weitergeben. Herrendenken ist Hoffart und Niedertracht in einem.
Die ersten Herren sind es durch Mimesis an die Natur, deren Herrschaft sie durch List an sich gebracht haben, geworden. Und die Barbarei ist eigentlich Mimesis an die (herrschende) subjektlose Natur, an den finsteren Naturgrund von Herrschaft. Die Geschichte der Herrschaft bildet dementsprechend nicht nur aufgrund ihrer („transzendentalen“) Bindung ans beherrschte Naturobjekt, sondern zugleich durch diese Mimesis hindurch die gleiche Natur ab, in der sie sich hoffnungslos verfängt – bis hin zu dem Punkt, an dem Natur (vielleicht?) einmal sich selbst durchsichtig wird. Herrschaft und Naturerkenntnis sind Teil des naturgeschichtlichen Prozesses, aus dem sie bis heute nicht herausführen. Und der heutige Atheismus ist eine Funktion des Standes der von Politik und Wissenschaft determinierten Identität von Herrendenken und Naturerkenntnis. Immanenz und Transzendenz (Transzendenz nicht nur im Sinne von Überschreiten, sondern in erster Linie als Umkehr und Auflösung) beziehen sich auf dieses praktisch-theoretische Kontinuum.
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18.10.89
Noch mal zum Begriff der Welt: Die Einheit der Welt wurde erstmals – zumindest der Idee nach – im Römischen Reich realisiert. Vgl. Michel Clevenot. – Urbi et Orbi: Der Katholizismus als Erbe dieser „katholischen“, universalen „Einheit“, als Verkörperung des einen Weltbegriffs (der dann die trinitarische Gottesvorstellung zwangsläufig nach sich zieht).
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28.09.89
Der Schock ist ins Zentrum der Konstruktion des heutigen Bewußtseins gerückt (vgl. Lyotard: „Heidegger und ‚die Juden’“; S. 44); Ursprung und Resultat ist insbesondere am Verhältnis zur Natur, an der Industrie und an den modernen Naturwissenschaften abzulesen. Die Physik hat das konstitutive Vermögen des Geistes, die Fähigkeit, das Mannigfaltige begrifflich aufzuschlüsseln und zu verbinden, zersprengt; sie zeigt die Welt im Zustand dieses Schocks. Die Blindheit, die Verblendung, die geblieben ist, zieht alle ihre Kraft daraus, daß sie den Geist durch eine Zone der Angst und des Schreckens vom Bewußtsein trennt; die Folge ist eine Anästhesie, die heute selbst auf die Träume zurückwirkt, sie vom Bewußtsein fernhält, ins Unbewußte verdrängt. -Rs. setzt diesen Schock (den er allerdings zugleich so präpariert, daß er auf eine Weise verständlich zu werden scheint, die seine Wirkung aufhebt, d.h. ihn unverständlich macht) an den Anfang seiner Philosophie: als Gegenstände des Nichtwissens.
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13.09.89
Theorie und Praxis oder der „faustische Mensch“: Goethes Hinweis auf den Teufelspakt war als Beunruhigung gedacht, nicht als Rechtfertigung; diese führt direkt in den Faschismus. Die Probleme der Deutschen mit ihrem Faust haben ihren Grund in den gleichen Verdrängungs- und Verleugnungsmechanismen, die seit den Ursprüngen des Faschismus bis hin zur „zweiten Schuld“ das deutsche Gemüt beherrschen. (Naturwissenschaft und Kapitalismus repräsentieren den „Sündenfall“, sind Produkte des Teufelspakts.)
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03.09.88
Zusammenhang von Sexualangst, Frauenfeindschaft und Naherwartung: Könnte es nicht sein, daß der Ursprung darin zu suchen wäre, daß die Erwartung des nahen Gottesreiches, der endgültigen Erfüllung, die alle Seligkeit für Menschheit und Welt in sich schließt, in der (sexuellen) Lust eine Konkurrenz, eine falsche Vorwegnahme und damit die Gefahr einer Verzögerung, wenn nicht Verhinderung der Parusie sah? Sowohl die gnostische Verachtung der Materie als auch die Prävalenz der mönchischen Lebensform scheinen Reaktionen auf die Enttäuschung darüber, daß die Parusie auf sich warten ließ, zu sein (übrigens noch heute: deshalb erscheint es notwendig, diesen Gesichtspunkt mit einzubeziehen, damit die konkretistische Verfälschung der Apokalypse, die die Zeichen der wirklichen verdrängt, nicht alleine übrig bleibt).
Die Verinnerlichung des Christentums, die Sexualangst und der Verzicht auf Kritik an der Welt (Politik und Gesellschaft) gehören zusammen.
Luthers Rechtfertigungslehre ist nur verständlich vor dem Hintergrund seiner augustinischen Sexualitäts-/Lust-/Erbsündenlehre. Die concupiscentia und die „sündige Lust“ sind in der Tat nicht aufhebbar und nur durch Nichtansehung zu rechtfertigen.
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie