Gesellschaft

  • 02.09.89

    Ebenso wie Ketzerverfolgung und Frauenfeindschaft ist auch der Antisemitismus nicht wirklich überwunden, sondern nur teilweise neutralisiert; er lebt fort auf eine weit gefährlichere Weise: als selbst- und weltzerstörerisches Potential. Der Schatten des Absoluten ist das einzige, was von der Religion geblieben ist.

    Was not tut, ist nicht die Religion, wohl aber ihr einziger Inhalt: das Gott-Suchen und das Verlangen nach Gerechtigkeit. Das aber ist ohne ein Zerbrechen der Institutionen, ohne radikale Entkonfessionalisierung des Christentums, ohne einen Kirchenbegriff, der durch Umkehr begründet wird und den Antisemitismus, die Ketzerausgrenzung und die Frauenfeindschaft (den Sexismus) ausschließt, nicht mehr möglich.

  • 01.09.89

    Antisemitismus, Ketzerverfolgung und Frauenfeindschaft: die Kehrseite der Trinitätslehre und der Inbegriff der Sünde wider den Heiligen Geist zugleich?

    – Antisemitismus: der Haß gegen die Vaterimago, gegen das Gewissen, oder die falsche Autonomie (der Schatten des Absoluten? – vgl. Lyotard: Heidegger und die Juden);

    – Ketzerverfolgung (Dogma, Bekenntnis, Inquisition; Jesus selbst ein Ketzer?: er erscheint nur als Objekt im Credo – „geboren, gekreuzigt, gestorben und begraben“): die kirchliche Usurpation des Gerichts, Entäußerung als Selbstentfremdung (Vernichtung des Inhalts), Religion als Blasphemie (Selbstzerstörung durchs richtende Urteil, Rezeption der Philosophie als „Empörung“, Rückfall in den Mythos aus Angst vor dem Mythos);

    – Frauenfeindschaft (Sexismus), Hexenverfolgung: Diskriminierung des Trostes, der Hilfe, der Empathie, des verteidigenden, Parakletischen Denkens (Rückfall in Magie aus Angst vor der Magie). – Besondere Affinität (Parallelität) der Geschichte des Dogmas zur Stabilisierung des Patriarchats und zur Diskriminierung der Frauen im Christentum?

    Trinitätslehre: an der Welt gespiegelte Theologie, solange gültig wie die Weltgeschichte (= Herrschaftsgeschichte), oder solange gültig wie die episkopale (= weltliche) Verfassung der Kirche? – Christus nur bis zum „Ende der Welt“ bei der Kirche (vgl. Rosenzweig, Briefe S. 73f). Trinitätslehre als notwendige Konsequenz der Subsumtion der Theologie unter die Vergangenheit, Vergangenheitsform der theologischen Wahrheit (Instrumentalisierung wie Naturwissenschaft; Christentum als Ausbildung einer Theologie des futurum perfectum).

    „Macht Euch die Erde untertan“: Es heißt nicht: macht Euch den Himmel untertan (das entscheidende Argument gegen das Dogma!) – Aber die unterworfene Erde ist zur Welt, zum Universum geworden und hat den Himmel zum Verschwinden gebracht (das Dogma als Reliquie des Himmels?).

    David-König (Messias)/Cäsar-Kaiser (Imperialismus): Ursprung der politischen Theologie. Seit wann ist Kyrios ein Gottesname?

    Disteln und Dornen/Dornbusch/Dornenkrone: vgl. den Dornbusch in der Jotam-Fabel (Königsfabel, Ri 9,8) und bei Deutero-Isaias: „Zypressen wachsen statt des Dornengestrüpps“ (Is 55,13).

    Ursprung der Schrift: Zusammenhang mit dem Ursprung der Städte (vgl. die Kainsgeschichte), der Geldwirtschaft, des Königtums? (Weltlich wird die Welt durch die Stadt als logisches und transzendentales Zentrum – als Inertialsystem.)

    Trier, Liebfrauenkirche: der Heilige Geist als Stuka (Ähnlichkeit mit der ästhetischen Form der unsäglichen Raketen-Madonna).

    „Mühselig“ (selig der Mühe: Entschuldung, Versöhnung durch Arbeit als zentrale Denkfigur der Herren-/Opfer-Theologie, vorauseilende Anpassung an Lohnarbeit und Kapitalismus? Arbeit und Erbschuld – vgl. armselig), „Misericordia“ (Barmherzigkeit, ein Herz für die Armen?):

  • 06.08.88

    Heute leben die meisten in ihren Wohnungen so, als seien sie nur bei sich selbst zu Gast. In den Wohnungen wird nicht mehr gelebt, es herrscht nur noch Ordnung; und diese Ordnung ist nicht die der Bewohner. Das entspricht der Entrechtung, die das Eigentums- und insbesondere das Mietrecht denen, die darunter fallen (über die es „gefällt“ wird), antut; es verweist auf die Struktur und Bedeutung des Rechts überhaupt, das eigentlich nur noch Eigentums- und Machtpositionen begründet und zementiert, zugleich aber selber nur funktioniert aufgrund und mit Hilfe des Gewaltmonopols des Staates; und wieviel Gewalt nötig ist, um den Zustand aufrechtzuerhalten, ist an dem Gewaltpotential zu ermessen, das zumindest die „hochentwickelten“ Staaten heute (nach innen wie nach außen) real brauchen. Zu den Baumaterialien der Wohnungen heute gehört – neben den altbekannten wie Holz und Steine – auch das Atomwaffenpotential der die Welt beherrschenden Mächte. Wenn es keine ästhetisch überzeugende Architektur mehr gibt, dann nicht zuletzt deshalb.

    Wenn heute die Einrichtung einer Wohnung nicht mehr von Dauer ist, ein periodischer Wechsel, eine Neugestaltung unabweisbar zu sein scheint, so ist das ein Hinweis darauf, daß es ein Wohnen eigentlich nicht mehr gibt (Zusammenhang mit der Heideggerschen „Seinsvergessenheit“).

    Der Begriff des Rechts ist zweideutig. „Menschenrechte“ gehören einem anderen Kontext an als z.B. der Begriff des „Rechtsstaats“, der nicht zufällig im allgemeinen ein Instrumentarium zur Einschränkung und Aufhebung von Grundrechten bezeichnet. Der Rechtsstaat meint die Rechte des Staates (und ist insofern mythisch); in letzter Konsequenz duldet er keine besonderen Menschenrechte neben sich.

    Das private Dasein ist zu einem Appendix der Maschinerie geworden, von der es nicht nur materiell abhängig ist, die es vielmehr in seiner Struktur bestimmt (Sonnemann: Zusammenhang von Traum und Betrieb oder proletarischer Komfort).

  • 04.08.89

    Der Feminismus bleibt solange ambivalent, wie die (grundsätzlich und unaufhebbar patriarchalische) „Welt“ besteht; die tiefste Gefahr des Feminismus ist, sich mit der Welt (dem ersten Produkt, der ersten Schöpfung des Patriarchats; der Gott der Philosophen ist nicht Schöpfer, aber Erzeuger der Welt: Zusammenhang mit der Logos-Spekulation? – Anfang des Joh.-Evangelium) gemein zu machen: so wird sie zu einem möglicherweise entscheidenden Teil der Selbstzerstörung des Patriarchats (die mit der Welt mitgesetzt ist).

    Der gegenwärtige Generationenkonflikt ist unaufhebbar: die Welt, die die junge Generation vorfindet, ist die von der älteren Generation (den Vätern) geschaffene (erzeugte?); sie wird zugleich immer starrer, härter, feindlicher; diese Welt ist das notwendige Medium und die Ursache des Generationenkonflikts. Die Auflösungsängste der älteren Generation (die Ängste vor dem Zerfall der Welt) sind die Überlebensängste der jungen Generation (die Ängste angesichts der Starrheit, Unveränderbarkeit der Welt). Beide Ängste sind korrelativ, aber fast nicht kommunizierbar. Jede Welt ist ein Ghetto.

    „Niemand kann über seinen eigenen Schatten springen.“ Der Satz stimmt physikalisch (er bezeichnet den Erfahrungsgrund für das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit); er stimmt jedoch nicht in seiner moralischen Anwendung: Jede Versöhnung ist ein Sprung über den Schatten, den die eigene Schuld auf eine Beziehung zwischen Menschen wirft; und diese Schuld ist das moralische Äquivalent der physikalischen Äquivalenz von Masse und Energie (E = m.c2).

    Der Abgrund, der die Welten trennt, erscheint in der verhexten Welt als ihr innerster Zusammenhalt: der ganze Inhalt der Physik. Durch ihr immanentes Prinzip, die Instrumentalisierung unterwirft sich die Welt heterogenen Zwecken und wird dadurch multivalent.

  • 26.07.89

    Tauschprinzip und Trägheitsgesetz polarisieren ihre Objekte nach Herrschaftsgesetzen; die „anorganische Materie“ (träge Masse) ist das Modell für Herrschaftsobjekte in der Gesellschaft (Objektivation, Verdinglichung, Verwandlung in bloße Mittel); diese Herrschaftsstrukturen ergreifen auch das „Leben“, das keineswegs davon ausgenommen, geschweige denn etwas „Höheres“ ist; auch hier – durch Subsumtion der Zwecke unter die Mittel (der Arbeit unters Tauschprinzip) – die generelle Verdinglichung; der „organische“ Charakter kapitalistischer Systeme sollte vor der Hypostasierung des Organischen warnen.

    Die „Welt“ ist die Sünde wider den Heiligen Geist (vgl. den Weltbegriff bei Johannes, auch in der christlichen Mönchsbewegung).

    Nicht: Wer sich geliebt weiß, liebt, sondern umgekehrt: Wer liebt, weiß sich geliebt. – Kann es sein, daß in jedem das Bedürfnis, geliebt zu werden, nur die Oberfläche, die Außenseite des tieferen Bedürfnisses zu lieben ist, das heute alle sich versagen müssen; nur wer liebt, wer Gebrauch von diesem außerordentlichen Privileg machen kann, erreicht jenen Punkt, an dem das Bedürfnis, geliebt zu werden, sich auflöst, verschwindet. Aber wer liebt: Kann er dem Anblick dessen, was er sieht, noch standhalten? Verzehrt (verbrennt) die Liebe nicht den Liebenden? (Beziehung zum Symbol des brennenden Dornbuschs?) Sind das unermeßliche Unglück und Leid, die Last der Verantwortung und Schuld, der er sich nicht entziehen kann, ohne die Liebe zu verraten, überhaupt zu ertragen? Eine Welt, in der es Gefängnisse, Obdachlose, Huren gibt, macht es der Liebe nicht leicht. Und eine Welt, in der es Auschwitz gibt, macht Liebe unmöglich. Wer diese Welt für richtig befindet, kann das nur zusammen mit dem Bedürfnis, geliebt zu werden (Grund des Selbstmitleids).

    Glücklich ist man nicht für sich, sondern nur mit anderen (zwei Begriffe des Allgemeinen: der eine, substantielle, leitet sich aus der Idee des Glücks her, der andere aus dem grundsätzlich uneinlösbaren Anspruch des Begriffs – der Macht).

  • 21.07.89

    „Abgestiegen zur Hölle“: Diese Welt, nach dem Weltuntergang, ist die Hölle; und die Metropole ihr Zentrum. Das ist in der Apokalypse so präzise beschrieben, daß kein Zweifel möglich ist. Eine Theologie, die diesem Zustand standhält, müßte sich als Theologie in der Hölle begreifen (Heideggers „In-der-Welt-Sein“ ist der verzweifelt affirmative Ausdruck davon, und die offizielle Kirchengeschichte die authentische Beschreibung des Weges zu diesem Ziel); der Weltkrieg war der Zusammenbruch, der Einsturz einer Welt, die unwiederbringlich dahin ist: Die Theologie wird es erst wieder, wenn sie das begreift:

    – insbesondere ihre eigene Geschichte als Geschichte der Komplizenschaft mit dieser Welt, deren Einsturz wir ausgelöst (und mitgemacht) haben,

    – und den „Abstieg zur Hölle“ als ihre einzige Möglichkeit (als die heute einzig verbliebene Form der Nachfolge).

    Die Befreiungstheologie kann nicht unreflektiert in die Metropole übertragen werden (problematisch ist auch der Versuch der Übertragung des Konzepts der Basisgemeinde: sie müßte hier – übrigens nicht zufällig trinitarisch? – als Knastgemeinde, als Pennergemeinde, als Hurengemeinde sich konstituieren). Es gibt ernsthafte und begründete Zweifel daran, ob diese Welt bekehrbar ist. Trotzdem ist Zynismus die falsche Konsequenz. Die einzige Chance liegt darin, daß im Herrschaftszentrum deren selbstzerstörerisches Wesen (ihre blasphemisch-theologische Ideologie) sich begreift.

  • 16.07.89

    Gott-Suchen:

    – erstes Gebot: Richtet nicht …;

    – erster Grundsatz: bist Du sicher, daß Du, wenn Du Dich in Deinen Feind (in seine Herkunft, seine Entwicklung, in seine konkrete Situation) hineindenkst, anders handeln würdest (gehandelt hättest)?

    Diese herzzerreißende Spannung zwischen dem sachlichen und dem moralischen Sinn von Verstehen (Verstehen heißt nicht Verzeihen) schärft den Sinn für jenen Bereich, in dem theologische Erkenntnis allein möglich ist. (Herzzerreißend ist diese Spannung nur innerhalb des autoritären Systems.) Erst wenn die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit auf dieses Niveau gehoben ist, ist Theologie wieder möglich.

  • 07.07.89

    Das Bild des „entwurzelten“ Intellektuellen ist die projektive Umkehrung des eigenen (verdrängten) Selbstverständnisses: der Entwurzelung des eigenen Denkens aus dem Boden der Humanität. – Das 3-dimensionale Geld (Begründung des Kapitalismus durch das Institut der Lohnarbeit) und das Schuld- und Macht-begründende Recht (zu J. Habermas: Eine Art Schadensabwicklung, S. 68). Die Lohnarbeit hat der theologischen Vergeltungslehre (der individuellen Eschatologie) den Boden entzogen (oder umgekehrt: die Lehre von der individuellen Eschatologie, von der Unsterblichkeit der Seele, die darin begründet ist, hat dem Kapitalismus vorgearbeitet). – Die Lohnarbeit als Ware und die Identität von schwerer und träger Masse, oder der kapitalistische Materiebegriff (die Nacht, in der alle Katzen grau sind, oder die Schattenwelt der Physik; kann wirklich niemand über diesen Schatten springen?).

    Der 7. Tag ist der Tag der – nach geglückter Umkehr – vollendeten Naturerkenntnis.

  • 01.07.89

    Das „Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten“ ist es – seit dem Erscheinen der Reflexionen Ulrich Sonnemanns – nicht nur geblieben; das pathologische Syndrom war und ist offensichtlich noch steigerungsfähig. Die Gewöhnung an den Zustand enthielt immer schon Elemente des Einverständnisses, wenn auch zunächst mit schlechtem Gewissen und dem entsprechenden Zwang zur Verdrängung. Heute scheint dieses Einverständnis wieder offen auftreten zu wollen; verdrängt wird nicht mehr der Inhalt des schlechten Gewissens, sondern seine Qualität: man hat kein schlechtes Gewissen mehr, sondern umgekehrt das Gefühl, endlich wieder sich zu der Gemeinheit bekennen zu dürfen. Die Verdrängungsleistung selbst nimmt eine neue Qualität an, sie ist gründlicher und differenzierter zugleich. Es breitet sich ein Zynismus aus, der wieder auf dem Sprung zur Tat ist, sie eines bösen Tages wieder für gerechtfertigt, notwendig, zuletzt einfach für natürlich hält. Es ist, als sei alles, was an Aufklärungs- und Aufarbeitungsleistung inzwischen erbracht worden ist, nichts als der flatus vocis, als den der Nominalismus seit je begriffliche Arbeit denunziert hat. Das Buch über die „furchtbaren Juristen“ von Ingo Müller raubt nicht den Nachtschlaf; die Verhältnisse, die es darstellt, sind zum Kotzen.

  • 27.05.89

    Das Bekenntnissyndrom scheint zusammenzuhängen mit den Notwendigkeiten beim Übergang vom magischen zum rationalen Staats- und Politikverständnis, von der magischen zur rationalen Form von Herrschaft (= Herrschaft über die Zukunft). Gleichzeitig scheint die Lehre von der Vorsehung als politische Kategorie (d.h. nur als Mittel des technischen Gebrauchs, nicht – wie es notwendig gewesen wäre – als Kritik des Schicksalsglaubens) ausgebildet worden zu sein. (Magie – Prophetie/Schicksalsglaube – Vorsehung/ Bekenntniszwang – Ursprung des Königtums? – Individuelle/allgemeine Vorsehung: Vorsehung ist keine Prognose, kein Vorauswissen der Zukunft, sondern essentiell bezogen auf die Realisierung des „Guten“, des Gottesreichs; sie ist vom Schicksal dadurch unterschieden, daß Unglück und Schuld zwar Basis, Grundlage – nämlich für die „Umkehr“ -, in keinem Falle aber Telos der Vorsehung sein können.)

    Das Bekenntnis ist sinnvoll nur als (nicht zwingender) Grund der Versöhnung; es kann nicht – ohne im Zentrum verletzt, pathologisiert zu werden – gefordert oder gar erzwungen werden. Bekenntnis und Freiheit sind untrennbar.

    Der Bekenntniszwang verleiht Macht über die Gesinnung der Beherrschten; an die Stelle der unmittelbaren Naturängste treten die gesellschaftlich, d.h. durch Herrschaft vermittelten; die Befreiung von den Naturängsten war erkauft mit dem Tabu über die politische Kritik: und hierzu erwies sich das Christentum als zweckmäßig. Der Bekenntniszwang begründet den Schuldzusammenhang, aus dem er zu befreien vorgibt.

    Der Bekenntniszwang ist hoffnungslos (und seit seinem Ursprung Ausdruck von Verzweiflung).

  • 14.05.89

    Der Dogmatisierungsprozeß und sein Resultat (Trinitätslehre und Christologie) sind offensichtlich Teil der Herrschaftsgeschichte: nicht nur die Einwirkung Konstantins, sein Anteil an der Ausbildung des trinitarischen Dogmas, sondern mehr noch die merkwürdige und wirklich historisch einmalige (zumindest erstmalige) Situation, daß falsche „Formeln“ mit dem Makel der Sünde, der Lästerung behaftet werden; daß der Erkenntnisprozeß sich nur noch in militärischen Kategorien beschreiben läßt. Exkulpieren kann man sich nur durch das Bekenntnis der richtigen Formel; jedes Abweichen davon gilt als Feindschaft oder Verrat, ist zu verurteilen, zu bekämpfen, auszumerzen. Die Situation, in der exkulpierende Bekenntnisse notwendig werden (wie heute in der Politik die Forderung, sich zur FDGO zu bekennen und von Gewalt zu distanzieren), ist die typische Herrschaftssituation, in der die Beherrschten apriori Angeklagte sind, der Staat gleichsam das Prinzip und das Gesetz der allgemeinen Anklage repräsentiert (vgl. den deutschen „Staatsanwalt“: er ist „Anwalt“ des Staates, Ankläger ist der Staat). – Untersuchungen wie die von Arnold Gilg: Weg und Bedeutung der altkirchlichen Christologie, halten genau an dieser Konstruktion des christlichen Dogmas fest, sie sind eigentlich staatstreue Theologie. Sie leugnen – wie die gesamte Herschaftstheologie – den Parakleten und verweigern die Erinnerungs- und Trauerarbeit.

  • 13.05.89

    Die Diskussion um die Kollektivschuld war nahe an des Rätsels Lösung herangekommen; diese Lösung ist jedoch versperrt worden dadurch, daß die Kollektivschuld einfach nur verworfen wurde anstatt genauer bestimmt und entschlüsselt zu werden. Entscheidend ist, daß der gesellschaftliche Schuldzusammenhang, die Konstellationen und Bedingungen, die zur Katastrophe geführt haben, in die eigene Verantwortung mit aufgenommen werden, daß die Trauer- und Erinnerungsarbeit geleistet und nicht dadurch verweigert wird, daß man sich auf individuelle Schuld zurückzieht (falscher Sündenbegriff, der die theologische Schuld der juristischen angleicht). Wie unfähig das Recht ist, dieses Problem überhaupt wahrzunehmen und zu begreifen, erweist sich daran, daß das Recht nur die individuelle Schuld (nur die Tat, die Unterlassung nur soweit, wie sie konkret als schuldhafte Tat sich dingfest machen läßt) kennt. Es ist kein Zufall, daß es im juristischen Bereich eine wirksame Aufarbeitung der Vergangenheit nicht gegeben hat. Umgekehrt: die juristische Aufarbeitung der Vergangenheit hat das Problem eher verschärft, fast unlösbar gemacht. Die eigentliche Schuld ist die, die rechtlich nicht mehr greifbar ist; und die rechtliche Verarbeitung der Schuld ist in weitem Maße eine Alibiveranstaltung, die wesentlich dazu beiträgt, daß die wirkliche Schuld nicht mehr sichtbar, fast nicht mehr bestimmbar ist. Nicht zufällig taucht hier, zusammen mit den „fürchterlichen Juristen“, das Phänomen des „pathologisch guten Gewissens“ auf. Das Recht selber wird durch die Erzeugung und Absicherung dieses „pathologisch guten Gewissens“ zu einer zentralen Ursache der jederzeit möglichen neuen Katastrophe. Zugleich schafft sich der Rechtsstaat seine eigenen Sündenböcke, ohne die die Reinheit des gute Gewissens nicht herzustellen und durchzuhalten ist. Mehr noch: Er läßt die schuldig werden, die aus Sensibilität an dieser Gesellschaft verzweifeln: Der Schuldvorwurf, der letztlich gegen diese Verzweiflung sich richtet, muß aufgelöst werden.

    Sichert der Rechtsstaat auch die Wissenschaften mit ab? Beide sind durch den Begriff der Tatsache mit einander verbunden und auf einander verwiesen. Tatsachen sind „Beweis-„grundlagen sowohl im Rechtsverfahren wie im „Prozeß“ der wissenschaftlichen Erkenntnis. Der Begriff der „Tat-„sache verweist aber darauf, daß diese Beweisgrundlagen nicht einfach nur gegeben sind. Tatsachen sind grundsätzlich Tatsachen für andere, sie müssen von anderen nachvollziehbar, verifizierbar sein, die sind gegeben nur unter Bedingungen, in denen menschliches Handeln, m.a.W. die Gesellschaft mit drinsteckt. Und bewiesen wird in beiden Bereichen Schuld.

    Wie hängt der juristische Schuldbegriff mit dem wissenschaftlichen (Ursache, Grund: Herrschaft des Kausalitätsprinzips) zusammen? Am Anfang der europäischen Aufklärung, im Ursprung der Wissenschaften steht die Suche nach dem Grund, dem Anfang, der Ursache: nach der Schuld. Der Grund, die Ursache, das Erste, der Anfang sind Ersatzbegriffe für Schuld; und die vom Kausalitätsbegriff beherrschte Wissenschaft ist ein Reflex des gesellschaftlichen Schuldzusammenhangs. Am Anfang steht die Schuld; die „Unschuld“ steht nicht am Anfang, sondern am Ende; sie ist nicht Ausgangspunkt, sondern Produkt von Versöhnung. (Seit wann gibt es Gefängnisse? Und welchen Stellenwert haben sie im gesellschaftlich-naturgeschichtlichen Prozeß? Präsentieren sie die Hölle, die die Welt an sich ist?)

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