Gesellschaft

  • 11.05.89

    Was mir Angst macht:

    – Ich habe den Krieg erlebt; und ich bin Zeitgenosse der schlimmsten Barbarei, des maschinellen Judenmords, der auch in meinem Namen begangen wurde. Spuren, mehr noch, die direkte Erbschaft dieser Barbarei sind zweifellos heute präsent. Den Schwur „das darf nie wieder sein“ habe ich wörtlich geleistet, als die Bundesrepublik sich der „westlichen Verteidigungsgemeinschaft“ anschloß: als die verfluchten Waffen und das zugehörige geistige und organisatorische Instrumentarium wieder rehabilitiert wurden. – Ich habe Angst, daß das, was heute als Revolution auftritt, die Voraussetzungen und die Folgen der Barbarei nicht begriffen hat, und deshalb ungewollt, aus Unkenntnis selber zum Wiedererstehen der Barbarei beiträgt; und die ist alles andere als harmlos.

    – „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“. Dieser Satz wird bestätigt durch das, was Horkheimer und Adorno die „Dialektik der Aufklärung“ nannten (und in diesem Werk präzisieren, thematisch durchführen). Die Geschichte der Naturerkenntnis (und ihr Resultat, das Bild der Welt, zu dem wir keine Alternative haben), ist die Geschichte eines Prozesses (auch im juristischen Sinne) gegen die Natur. Der naturwissenschaftliche Erkenntnisbegriff gleicht nicht zufällig dem staatsanwaltlichen und juristischen: er versetzt die Natur in den Anklagezustand und läßt sie als gerichtete zurück. Nur daß in diesen Prozeß die Geschichte der Gesellschaft verflochten ist: Die Geschichte der fortschreitenden Naturbeherrschung ist ein Teil der Geschichte der fortschreitenden Etablierung von Herrschaftsmechanismen und -institutionen in der Gesellschaft, die dann wiederum zu ihrer Absicherung der Eskalierung der Gewalt und der Institutionen, die sie repräsentieren (Militär, Polizei, Justiz), bedürfen. Das Gericht über die Natur schlägt auf die Menschheit zurück. – Ich habe Angst, daß unreflektierte Gewalt gegen Repräsentanten des Systems nur die Gewalt des Systems stärkt, aber nichts ändert.

    – Die Fixierung auf ein Feindbild (und ihre Folge: die Identifikation mit dem Aggressor).

  • 30.04.89

    Politische Reden geben das (negative) Maß dafür ab, was noch gesagt werden kann und was nicht. Sie sind im wörtlichen Sinne unsäglich. Die eingeschliffene „Logik“, die nur noch die eigenen Anhänger überzeugt, ist imgrunde terroristisch; sie braucht Sündenböcke; sie gehört zu den Ritualen der kollektiven Exkulpierung; sie erzeugt den kollektiven blinden Fleck, indem sie von Reflexion apriori dispensiert; sie gibt zu erkennen, daß sie zuschlagen wird, wenn einer nicht zustimmt. Philosophie ist der Versuch der Wiederaneignung der durch die Politik geraubten Sprache.

    Das einfachste Mittel der Abwehr ist seit jeher die Personalisierung in Verbindung mit der Kriminalisierung einer Wahrheit (X ist ein Irrer, Terrorist, Mörder; er ist unbelehrbar, nicht ansprechbar, mit ihm kann man nicht reden; wer mit ihm redet, ihn zu begreifen versucht, ist selbst ein Terrorist, zumindest ein Sympathisant …). Wenn es dann noch notwendig wird, diesen Abwehrmechanismus mit strafrechtlichen Mitteln abzusichern, so ist das fast schon der Wahrheitsbeweis für das Abgewehrte. – Der Terrorismus verweist im übrigen seit je auf den sehr viel härteren gleichen Sachverhalt auf der Seite dessen, der die Macht hat, das Verdikt des Terrorismus gegen seinen Gegner durchzusetzen.

    In der bisherigen Geschichte der Naturbeherrschung war Konkurrenz ein Merkmal gleichzeitiger (gleichsam räumlicher) Beziehungen (und insoweit auch ein Motor der Aufklärung); läßt die „Postmoderne“, der Bruch mit der Aufklärung, der im übrigen schon im Begriff der „Nichtidentität“ bei Adorno anklingt, sich dadurch definieren und begreifen, daß dieses Konkurrenzprinzip auch auf die zeitlichen Beziehungen übergreift: Nicht mehr nur Aufklärung als Sieg über die Vergangenheit (ein Sieg, der ohnehin schon problematisch genug war, und zu dem Walter Benjamin in den „Geschichtsphilosophischen Thesen“ erstmals das Nötige gesagt hat), sondern eine Aufklärung, die in Konkurrenz zur Zukunft tritt, Naturbeherrschung selbstzerstörerisch auf die Zukunft auszudehnen versucht, damit ihr eigenes Lebensprinzip angreift. Hier tritt – entgegen der letzten Hoffnung Walter Benjamins – erstmals auch eine Art Neid auf die Nachkommen auf.

    (01.05.89) Aber kann es sein, daß diese Absperrung, Ausblendung der Zukunft die Voraussetzung dafür ist, daß sie, „ins Angesicht geleugnet“, ihr Antlitz zeigt? („Deus fortior me“.)

  • 19.04.89

    Das „Wachstum“ der Wirtschaft ist eigentlich der zwanghafte und nicht immer gelingende Versuch, mit dem Wachstum des „Schwarzen Lochs“ der Bedürfnisse Schritt zu halten; es ist zugleich Ursache der Beschleunigung des Anwachsens des Schwarzen Lochs, der Beschleunigung der Vergängnis. Im schlechten Sinne utopisch ist (jedenfalls bis heute) die Vorstellung einer Organisation des Produktionsprozesses, der Bedürfnisbefriedigung der Menschheit, die einhergeht mit einer Befriedung der Welt (Menschheit und Natur).

    „Umgekehrt bestünde das ‚perfekte Verbrechen‘ nicht in der Beseitigung des Opfers oder der Zeugen (das hieße weitere Verbrechen hinzufügen und die Schwierigkeit erhöhen, alle Spuren zu tilgen), sondern darin, die Zeugen zum Schweigen zu bringen, die Richter taub zu machen und die Zeugenaussage für unhaltbar (unsinnig) erklären zu lassen.“ (Lyotard: Der Widerstreit, S. 25) Lyotard beschreibt hier genau den Punkt, an dem die positivistische Rechtsauffassung umschlägt in postmoderne Justiz. Wie überhaupt der (kritische) Begriff der Postmoderne erst angesichts der Verfahren gegen Naziverbrecher (im Vergleich z.B. mit sogenannten Terroristenverfahren) durchsichtig und deutlich wird. – Ist in diesem Zusammenhang, der aufs engste mit der Unfähigkeit, sich ernsthaft in Deutschland mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen, das vollständige Unverständnis der Habermas und anderer (vgl. Christa Bürger) gegenüber Lyotard begründet? – Wurde die Todesstrafe (Lyotard, S. 26) etwa abgeschafft, als sie (für den Staat) nutzlos, ja hinderlich wurde, als sie den Zwecken der Selbsterhaltung des Staates nicht mehr entsprach?

    „(Der Arbeiter) befindet sich in der Lage eines Beschuldigten mit der Beweislast hinsichtlich eines Nicht-Seienden oder wenigstens eines Nicht-Attributs.“ (S. 28)

  • 15.04.89

    Frau Berghofer-Weichner im Spiegel: „Der Dümmere gibt nach“. Zugleich äußert sie Ängste, daß der Staat seine „Glaubwürdigkeit“ verliere, wenn er in der Frage der RAF-Gefangenen nachgebe. Der Staat dürfe nicht erpreßbar werden.

    1. Was bedeutet es für den Begriff des „Glaubens“, wenn er in dieser Form an das Identitätsprinzip gebunden wird?

    2. Wer erpreßt hier wen?

    3. Sind das nicht ausgesprochen durch die katholische Tradition geprägte Reaktionen, durch den deutschen Katholizismus vorgegebene Denk- und Verhaltenszwänge?

    Insbesondere: Wäre es nicht an der Zeit, endlich einen gleichsam experimentellen Glaubensbegriff zu erproben? Einen Glaubensbegriff, der die Möglichkeit einschließt, als Anwalt der Kleinen, Bedrängten, Verfolgten, Ausgebeuteten und Armen gleichsam tastend sein Objektgebiet zu erkunden und zu erforschen; einen Glaubensbegriff, der an der Idee des Gottsuchens sich orientiert.

  • 12.04.89

    Destruktive Aggressionen, das Vernichtungspotential, das jeglicher Folterpraxis zugrundeliegt, sind die Folge massiver Verletzungen des Selbstwertgefühls. Sie sind eigentlich nach außen gewendete Selbstverachtungsgefühle: Diese Projektion funktioniert nur bei pathologisch „gutem Gewissen“, bei der Unfähigkeit, das Schuldmoment hieran überhaupt wahrzunehmen. Der Schmerz, den der Folterer anderen antut, ist für ihn selbst (stellvertretende) Strafe und Sühne zugleich (Christentum und Folter); die absolute Schuld ist zugleich die absolute Entsühnung (von einer anderen, irrationalen Schuld, für die der Folterer sich verachtet). Die Folter „reinigt“ den, der sie ausübt; allerdings nur in der Erwartung, als Vorlust gleichsam, die dann zwangsläufig süchtig macht, dem Wiederholungszwang unterliegt; das „omne animal post coitum triste“ bezieht sich genau auf diesen Sachverhalt. Der Wiederholungszwang rührt her von der zwangsläufig enttäuschten Erwartung.

    Selbst das Opfer der Folter ist durch diesen Mechanismus vorgegeben; geeignet ist nur, wer das repräsentiert, wofür der Folterer sich selbst verachtet: Opfer kann nur werden, wer das repräsentiert, was die Nazis den „inneren Schweinehund“ nannten: das Gewissen, die Regung der Humanität, die Empathie.

  • 09.04.89

    Der Konflikt Habermas/Lyotard scheint mit den unterschiedlichen Beziehungen zur „Studentenbewegung“ zusammenzuhängen (Paris: Mai 68 / „Deutscher Herbst 77“), insbesondere mit der Unfähigkeit in Deutschland, bis heute den „Terrorismus“-Komplex aufzuarbeiten und aufzulösen. Diese Auflösung müßte politisch, nicht nur theoretisch sein. Und dazu greift halt die Idee eines „herrschaftsfreien Diskurses“ zu kurz.

    Ist das Verhältnis der Ästhetik zur Ethik (der Kritik der Urteilskraft zu der der praktischen Vernunft) dem des Mythos zur Offenbarung vergleichbar?

    Das „postmoderne Babel“ (J.-F. Lyotard: Der Enthusiasmus, S.113): Die Sprache beginnt, ihre benennende Kraft zu verlieren. Aus der materiellen Struktur der (natürlichen/gesellschaftlichen) Welt, die eigentlich ein System von durch Abgründe getrennten Welten (Objekte als Monaden) ist; Welten, die sich gegenseitig sowohl durchdringen als auch vertreten; aus dieser Struktur der Realität rühren die objektiven Widerstände gegen ihre Erkenntnis her. Die Welt ist gleichsam selbst nur noch Objekt von double-bind-Strukturen, die, wie man sie auch benennt, immer falsch sind. Diesen Zustand versucht der Begriff „Postmoderne“ beschreiben. Hier gibt es „Verteidigungs“-Einrichtungen, bei denen man nicht weiß, wer oder was wen oder was gegen wen oder was denn noch verteidigt (die Staaten ein Prinzip gegen die Welt?). Daß jegliche Verteidigung auf einen kollektiven Selbstmord der Menschheit hinausläuft.

  • 08.04.89

    Die Kriege dieses Jahrhunderts stellen sich in Europa in den Erfahrungen der anderen Nationen (Franzosen, Belgier, Polen, eigentlich aller anderen Völker) anders dar als in der der Deutschen. Trotz der Umkehrung am Ende haben die späteren Sieger den Krieg als Opfer (und ihren militärischen und anderen Widerstand als notwendig, sinnvoll und begründet) erfahren, während die Deutschen – als am Ende bestrafte Täter – entweder uneinsichtig verstockt oder reuig abschwörend ein durchaus verworfenes Kriegsbild in sich tragen, das eine Relativierung nicht mehr zuläßt. Dieses Kriegsbild aber wird zugleich „verharmlost“ (durch Verdrängung seiner Ursachen), weil anders der Schrecken unerträglich wäre. Daß die Existenzgrundlagen der Menschen in Europa, die Anhäufung des Reichtums hier, zu ihrer Erhaltung des Gewaltpotentials, das heute die Welt verdüstert, bedarf, daß andererseits eine Änderung, die die Notwendigkeit der Gewaltdrohung aufhebt, nicht mehr erkennbar ist, diese widersinnige Konstellation macht ihre Erkenntnis fast unmöglich (da sie mit einer unerträglichen und absolut lähmenden Ohnmachtserfahrung verbunden ist). Es aber ebenso unmöglich, diesen Zustand unbegriffen und verdrängt zu halten, da anders die Gefahr unabwendbar erscheint, daß in den Menschen, in der Gesellschaft ein explosives Potential (aus Verdrängung und Projektion) heranwächst, dessen Folgen Auschwitz und Vietnam zu Generalproben herabsetzen werden.

    „Gott offenbart sich nicht in der Welt“ (Wittgenstein „Tractatus“, zit. nach Jean-Francois Lyotard „Grabmal des Intellektuellen“, S. 71). Heideggers Philosophie ist atheistisch durch den Begriff des „In-der-Welt-Seins“ und seinen Stellenwert in der Fundamentalontologie: Der Begriff der Welt, obgleich er ein Unendliches bezeichnet, ist endlich gegen das, was „außerhalb“ ist, wobei dieses „außerhalb“ durch die logische Struktur des Kontinuums, das der Weltbegriff bezeichnet, vorgegeben ist (durch die bestimmte Form der Beziehung von Allgemeinem und Besonderem, insbesondere durch die Vorherrschaft des Allgemeinen = Vorherrschaft des Vergangenen); in jedem Falle ist aber Gott „außerhalb“ (da in keinem Sinne „vergangen“). Die Idee vom „Tod Gottes“ ist ein paradoxer Versuch der Rettung der Gottesidee.

    Empörung, Verwaltung, Herrendenken, Verblendung und Paranoia.

    Kirche und Entkonfessionalisierung der Religion. Konfession (als „Bekenntnis“ wie als Gemeinschaftsbegriff) ist das Gegenteil, die Negation von Kirche. Entkonfessionalisierung stellt den Objekt- und Wahrheitsbezug der Theologie, der Religion wieder her.

    Das Wissen konstituiert sich im Verhältnis zur Gesellschaft; Erkenntnisse haben immer auch politische/gesellschaftliche Bedeutung. Die Gründung der Universitäten im Mittelalter hatte nicht nur praktische sondern vor allem Legitimationsgründe. Und der Zerfall der Universitäten heute ist eine Folge des gesellschaftlich-politischen Paradigmenwechsels, der Verlagerung der Zentren der Macht.

    Die deutsche Reichstradition hat das Christentum in Deutschland entscheidend geprägt. Während in den übrigen europäischen Ländern (vgl. vor allem England oder Ungarn) das Christentum mit der Institution des Königtums (Erhaltung und Stabilisierung der bürgerlichen Institutionen und Verteidigung der Armen) verknüpft war, hat es diese Tradition in Deutschland nicht gegeben. Die Kaiser- und Reichsideologie hat den Imperialismus ins Christentum eingeführt (Unterschied der David- und Caesar-Tradition).

  • 21.03.89

    Intersubjektivität ist nicht Objektivität, sondern nur das Gemeinsame der subjektiven, instrumentalen Vernunft. Diese hat sich – über die Naturwissenschaften, die die Natur diesem Instrumentalisierungs-(Herrschafts-)prozeß unterworfen hat – so tief in der Objektivität selber verankert, daß die Differenz fast unbestimmbar geworden ist. Es gibt keinen anderen Begriff der Vernunft mehr, seit es keinen anderen Begriff der Natur mehr gibt. Der entscheidende Schritt war die kopernikanische Wende.

    Der Katholizismus war einmal eine mehr oder weniger glückliche – jedenfalls funktionierende – Symbiose von Herrschaft und Religion. Diese Symbiose ist heute nicht mehr haltbar; sie ist – infolge des historischen Prozesses (in Wissenschaft und Gesellschaft) – Spannungen ausgesetzt, die das System zu sprengen drohen. Helfen kann allein eine historische Selbstverständigung, die durch Erinnerung die selbstzerstörerischen Kräfte, die heute freigesetzt werden, benennt und auflöst: Notwendig ist Erinnerung als therapeutischer Prozeß, der sicherlich schmerzhaft ist, aber allein noch aus der Krise herausführt. Gegenstand der therapeutischen Aufarbeitung sind Dogma, Ritus und Frömmigkeit als Einheit von kollektivem und individuellem Traum, Ziel ist das Aufwachen.

    Der Auferstehung geht nach alter katholischer Tradition (die auf die Petrusbriefe zurückgeht) der Abstieg zur Hölle voraus: die heute notwendige Erinnerungsarbeit, Trauerarbeit, die die ganze Geschichte des Antisemitismus, der Ketzer- und Hexenverfolgung mit einschließt, die Christianisierung der Welt, die keine Bekehrung – eher das Gegenteil – war, diese Erinnerungsarbeit hat ihren theologischen Vorbegriff im apostolischen Glaubensbekenntnis: abgestiegen zur Hölle. Nur daß diese Hölle keine vorgegebene, sondern eine von der Christenheit selbst angerichtete war (und weiterhin sein wird, wenn der anders unabweisbare Wiederholungszwang nicht durch Erinnerung aufgelöst wird).

    Diese Erinnerungsarbeit ist sowohl eine zwingende Konsequenz aus der Theologie (die Verweigerung ist Atheismus) als auch selber nur in theologischem Kontext möglich. Habermas‘ Abgrenzung von den theologischen, überschießenden naturphilosophisch-messianischen Motiven bei Benjamin wie bei den Frankfurtern ist seine Abgrenzung von der Realität.

    Sofern es noch eine Revolution gibt, wird sie in jedem Falle diese Erinnerungsarbeit in sich enthalten müssen. Das Subjekt der Revolution ist nicht mehr so dingfest zu machen, wie Marx es anhand seiner Kapitalismuskritik logisch stringent getan hat, nämlich am Proletariat; die Revolution, wenn sie ihre vergangenen Fehler vermeiden will, wird die Erinnerung an die Unterdrückten, Geschändeten, Ausgebeuteten und Ermordeten der Vergangenheit, die Erinnerung an die Toten mit einschließen müssen; nur so ist es vielleicht möglich, Herrschaft an ihren Wurzeln (an ihrem Naturgrund) zu entschärfen.

    Heideggers Vergewaltigung der Sprache (sein Antichristentum) ist auch eine Strategie des Vergessens, der Entlastung von den Beschwernissen der Vergangenheit. Der Begriff „Seinsvergessenheit“, den er allen entgegenschleudert, die nicht vergessen wollen oder können, drückt das genau aus.

  • 11.02.89

    Trauer, Zorn, Verzweiflung: Umkehr = Glaube, Liebe, Hoffnung. Die Legitimation zu strafen ist durch die zweite Schuld, durch die Exkulpation der Urheber des absoluten Grauens, zerstört; Strafe ist wieder zur Rache, zur Rechtfertigung des geregelten Auslebens von Gemeinheit geworden, und das Recht selbst zu einem Instrument der Rebarbarisierung. Vor allem in D., wo das Recht die Empathie untersagt, wo gegen „Sympathisanten“ ermittelt wird, wo die Forderung nach humanen Haftbedingungen Ermittlungen nach § 129a nach sich ziehen, wird Recht zu einem Mittel der Zersetzung von Humanität. Hintergrund, Ursache scheint – wie vor allem die Gewaltdiskussion nahelegt – der Stand der gesellschaftlichen Naturbeherrschung zu sein, die Gewalt, die hier institutionalisiert ist und durchs Recht abgesichert werden soll: Das Recht begründet das Äquivalent des naturwissenschaftlichen Trägheitsgesetzes in der Gesellschaft, ist der eigentliche Ursprung dessen, was in gesellschaftlichem Kontext der Natur „Masse“ heißt.

    „Allein den Betern kann es noch gelingen, …“ – Der Weg zum Handeln ist heute versperrt durch die Struktur der verwalteten Welt, die Praxis nur als instrumentalisierte Praxis innerhalb des Systems zuläßt; diese Praxis ändert nichts mehr.

  • 04.02.89

    Konkretismus heute: Vermischung von symbolischem Denken und Realismus; in die reale Umwelt-/Friedensbedrohung mischt sich trübe die undurchschaute gesellschaftlich-politische Bedrohung; undurchschaut, weil die Reflexion eine über den Stand des Fortlebens der unaufgearbeiteten faschistischen Vergangenheit wäre, die verhindert wird durch die Mechanismen der „zweiten Schuld“; das Schuldverschubsystem funktioniert hier so, daß die Selbstentlastung als Hysterie, als panikerzeugende Bedrohung durchs Objekt, die freilich nicht bloß irreal ist, wiederkehrt.

    Erkennbar wird dieses System daran, daß es wirksamen Widerstand gegen die zentralen Gefahren (z.B. der allgemeinen Demoralisierung, des folgenlosen Protests, des schnellen Vergessens) nicht gibt. Die BRD bleibt ein „Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten“, die Situation hat sich – trotz wachsenden Unbehagens an der Situation, das allerdings mehr an die Symptome als an die Ursachen sich anschließt – eher verschärft und zugespitzt.

    Die Vergangenheit ist in die Grundlagen unserer Existenz, in das Ich eines jeden verflochten und nicht mehr daraus zu entfernen. D.h. aber: Selbstverständigung ist – auch für die Nachgeborenen – ohne Erinnerung nicht möglich, wobei in dieser Erinnerung auch die Verdrängungen unserer Eltern und Großeltern mit aufzuarbeiten sind. Anders kann niemand mit sich selbst ins Reine kommen. Nicht Kollektivschuld, wohl aber – im genauesten Sinne – Erbschuld, die ohne Umkehr weiterwirkt, demoralisiert, den Zynismus und die Verblendung bewirkt, die heute auch noch die Aufgeklärtesten nicht mehr abschütteln können.

  • 29.01.89

    Zur Bedeutung von Strafe: Wer ist strafwürdig? Wer ist nur therapiefähig? Gestraft wurden nach dem Kriege nur die, die eigentlich zu therapieren gewesen wären, während die anderen, wirklich Strafwürdigen, z.B. die Nazirichter, ausnahmslos der Strafe sich entziehen konnten, formal exkulpiert wurden. Kein Tatbestand bezeichnet genauer die Perversion, Gemeinheit und Heuchelei dessen, was man heute Rechtsstaat nennt; und kein Tatbestand führt näher an den Punkt heran, den – in der jüdisch-christlichen Tradition – der Begriff der Umkehr bezeichnet.

    Die bloße Abschaffung der Strafe allein – und ihre Ersetzung durch Sozialtherapie – wird der Realität des Bösen in der Gesellschaft nicht gerecht; wichtiger ist die „Lokalisierung“ des Bösen, die der Idee und dem Begriff der Strafe allein angemessen ist: Nicht die Sexualität, sondern die Politik (bzw. die obszöne und zugleich mythische Vermischung beider) ist der reale Ort von Schuld und Strafe.

  • 13.11.88

    Die gesetzlichen und institutionellen Sicherheitsvorkehrungen des Staates nehmen immer mehr paranoide Züge an: Offensichtlich fühlt sich der Staat (fühlen sich seine Repräsentanten) immer mehr von den Bürgern (vom Volk), die (das) sie vertreten, verfolgt. Vorsorglich wird das Volk zunächst einmal unter einen generellen Verdacht, in einen permanenten Anklagezustand gesetzt, zugleich werden die Verteidigungsmöglichkeiten immer weiter eingeschränkt. Ausweg ist nur noch ein Nationalismus, der sich außer Verdacht dadurch bringt, daß er sich mit dem Aggressor identifiziert. Ausdruck dieser Paranoia ist die Amtsbezeichnung „Staatsanwalt“.

Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie