Hegel

  • 11.10.1995

    Die Dinge beim Namen nennen, das heißt: einen Stuhl einen Stuhl, ein Elektron ein Elektron, einen Mörder einen Mörder, einen Nazi einen Nazi, einen Juden einen Juden und eine Terroristin eine Terroristin nennen; es heißt, mit dem Namen ein System von Konnotationen zitieren. Die Dinge beim Namen nennen heißt heute, eine gemeinsame Sprache mit anderen sprechen, ein Einverständnis voraussetzen, das in der Klassengesellschaft in den entscheidenden Fragen nicht mehr gegeben ist. Diese Gemeinschaft, dieses Einverständnis oder auch nur eine gemeinsame „Überzeugung“ ist am leichtesten herzustellen durch die Beziehung zu einem gemeinsamen Feind (dem Repräsentanten des Objekts), welche Beziehung übrigens im Begriff der „verschworenen Gemeinschaft“ aufs deutlichste sich ausdrückt. Und die Aufforderung, die Dinge beim Namen zu nennen, heißt dann, sich zu der Gemeinschaft zu bekennen, die die Dinge bei diesem Namen nennt und sich am gemeinsamen Gebrauch dieses Namens erkennt.
    Orthodoxie ist ein Produkt der Anwendung der Orthogonalität auf die Metaphysik. Kern der Metaphysik war die noesis noeseos, das Denken des Denkens, Produkt einer Anwendung des Genitivs (der grammatischen Form der Herrschafts- und Eigentumsbeziehung) auf die Beziehung des Denkens zu sich selbst. Die spekulative Entfaltung der noesis noeseos war die Trinitätslehre, die nicht sowohl in den christlichen Ursprüngen, auf die sie sich berief, gründete, als diese vielmehr als Stichwortgeber für die Konstrukte ihrer eigenen spekulativen Zwangslogik nutzte und verwertete.
    Ähnlich wie an den Begriffen physis und natura, an kosmos und mundus, läßt sich die Beziehung der griechischen zur lateinischen, der prä- zur postdogmatischen Sprache, am Verhältnis von pneuma und spiritus, prosopon und persona demonstrieren. Bei den letzteren ist der Hinweis auf die grammatische Geschlechtsverschiebung nicht unwichtig (beim Geist vom Femininum ins Maskulinum, bei der Person vom Neutrum ins Femininum).
    Prosopon ist das neutralisierte Angesicht, persona dessen Instrumentalisierung zur Maske (durch die hindurch die Stimme tönt): Vorläufer und geschichtslogischer Grund der subjektiven Formen der Anschauung. Sind nicht alle Anschauungen „persönliche Anschauungen“, Konstrukte aus vermittelter Unmittelbarkeit und Subjektivität? Läßt sich aus dem prosopon ein dem des Persönlichen vergleichbares Adjektiv bilden, mit vergleichbaren Konnotationen, und gibt es ein Äquivalent zur Hypostasierung dieses Adjektivs, zur Persönlichkeit?
    Ist der logische Bildungsprozeß, dem der Name der Persönlichkeit sich verdankt, nicht ein Reflex und eine Rekapitulation der Ursprungsgeschichte des Weltbegriffs? Ist die Persönlichkeit nicht ein Produkt der dreifachen Leugnung (mit der Selbstverfluchung am Ende): Produkt der Hypostasierung des neutralisierten und instrumentalisierten Angesichts? Im Kern dieses Bildungsprozesses steckt die Logik der Gemeinheit, die Hegel List der Vernunft genannt hat.
    Auf dem Boden des Herrendenkens, zu dem es heute keine Alternative mehr zu geben scheint, ist die andere Seite die stärkere.
    Die Orthogonalität ist das geometrische Äquivalent der algebraischen Multiplikation. Die Formel 3 x 5 läßt sich durch eine dreifache Fünfergruppe oder durch eine fünffache Dreiergruppe abbilden. Diese Gruppenbildung, deren Elemente gleichnamig sein müssen, aber ist das Äquivalent der Begriffsbildung, Abbild der Subsumtionsbeziehung von Begriff und Objekt. Begriffsmerkmale sind Dimensionen in einem durch Orthogonalität definierten Kontinuum.
    Um Verständnis bitten ist nicht dasselbe wie um Mitleid bitten (ebensowenig wie alles verstehen alles verzeihen heißt).
    Dekonstruktion des Praesens als Voraussetzung der Rekonstruktion der Gegenwart.

  • 9.10.1995

    In der Öffnung des Himmels kündet sich die der Gräber an: das Wunder der Auferstehung (Ez 1 und 37). Die „Versöhnung über den Gräbern“ dagegen, in der das Herrendenken mit sich selbst sich versöhnt, verschließt den Himmel, zu ihren Voraussetzungen gehört die kopernikanische Wende, der als wahr unterstellte Verdacht des unendlichen Raumes, die kosmologische Verkörperung der Infamie.
    Die Antinomien der reinen Vernunft und die Beantwortung der Frage, weshalb die subjektiven Formen der Anschauung gleichwohl objektive Bedeutung haben, gehören zusammen. Ihre Erörterung ist Teil des ersten Versuchs einer Kritik der Logik der Infamie.
    Konstituiert sich das Planetensystem mit dem Gravitationsgesetz, der Fixsternhimmel mit der Objektivation des Lichts (mit der Konstruktion der Erscheinung der Fortpflanzung des Lichts im Raum)? Kann es sein, daß sich die Hubble-Konstante und deren Erklärung durch den Doppler-Effekt gleichsam invers auf das Gravitationsgesetz beziehen?
    Erde, Acker, Land, Welt: In welcher Beziehung stehen diese Namen zu den Stämmen, Sprachen, Völkern und Nationen? Die Erde wurde (mit dem Himmel) erschaffen, der Acker, aus dem Adam genommen wurde, wurde durch ihn verflucht; das Land bezeichnet den Herrschaftsbereich des Königs, der Name des Fremden gehört zu dem des Landes; die Welt ist das Werk und das Korrelat des Imperialismus.
    Wie hängt der Fluch mit dem Begriff des Heiligen, der theologischen Grenze des Eigentumsbegriffs (des Staates, des Weltbegriffs), zusammen? Verflucht sind die Schlange, der Acker und Kain. Korreliert die Geschichte des Fluchs mit der des Eigentums und der Herrschaft? Hegel hat sich als „verdammt, ein Philosoph zu sein“ erfahren.
    Benennen: Benannt wird das Tier. Hervorgebracht wurden die Tiere durch die Erde, benannt durch Adam. War diese Benennung das urzeitliche Unglück, an das die Tiere nach der Dialektik der Aufklärung immer noch erinnern? Wie hängt die Unterscheidung des Tiers aus dem Meere von dem Tier vom Lande (die Unterscheidung von Natur und Welt?) mit der Benennung der Tiere durch Adam zusammen?
    Der Satz „Ihr seid das Licht der Welt“ verweist auf das Werk des ersten Schöpfungstags, des gleichen Tags, der dann als achter Tag zur dies dominica geworden ist. Vgl. Licht und Finsternis bei Jes (457 zusammen mit 520, 2918, 427, 475, 499, 5810, 602). Beziehen sich Licht und Finsternis auf das Verhältnis von strengem Gericht und Barmherzigkeit? Die Finsternis ist das Korrelat der objektlos gemachten Barmherzigkeit. Das Licht ist sinnlich und übersinnlich zugleich.
    Gegen die naturwissenschaftliche Logik ist daran festzuhalten, daß das Licht vor der Sonne, dem Mond und den Sternen erschaffen wurde.

  • 23.9.1995

    Die Personalisierung (zu der es seit der kopernikanischen Wende, seit der Installation der subjektiven Formen der Anschauung, keine Alternative mehr zu geben scheint) greift den Himmel an. Sie verwechselt Wasser und Feuer, Begriff und Namen, das Was und das Wer (vgl. Sohar, Ausgabe Diederichs, S. 70, sowie Lk 1249: Ich bin gekommen, Feuer vom Himmel zu holen, und ich wollte, es brennte schon).
    Gibt es einen logischen Zusammenhang und eine logische Folge der Stellen der Schrift, an denen vom offenen Himmel die Rede ist (von der Merkaba-Vision bei Ezechiel über die Taufe und die Verklärung Jesu bis zum Tod des Stephanus)?
    In welcher Beziehung steht der Kampf Jakobs mit dem Engel zu seinem Traum von der Leiter, die bis an den Himmel reicht?
    In den Eltern sind einem auf verschlüsselte Weise Vergangenheit und Zukunft präsent. Hat der „Generationenkonflikt“ (der
    Abbruch der Kommunikation mit den Eltern), in den auch die raf verstrickt ist, nicht etwas mit der Verdrängung der Vergangenheit durch Verurteilung (durch Vergegenständlichung) zu tun, mit der Vorstellung, man könne den Ballast abwerfen und wäre dann frei, mit dem Problem der Personalisierung? Aber nur wer die Last auf sich nimmt, befreit sich von ihr.
    Die Trinitätslehre ist ein Konstrukt zur Absicherung der Bekenntnislogik: Sie setzt die Verdrängung der Vergangenheit durch Verurteilung (den Antijudaismus) voraus. Mit der Kritik der Bekenntnislogik fällt auch die Trinitätslehre.
    Der Abgrund zwischen der Logik der Schrift und der Erfüllung des Worts wird überbrückt durch das Wunder (die Freiheit ist das Wunder in der Erscheinungswelt).
    Wird schon in der hebräischen Bibel zwischen der Erfüllung der Schrift und der des Worts unterschieden, oder erst im Neuen Testament?
    Das Präsens ist eine ästhetische Kategorie. Es hat die vergegenständlichte Vergangenheit und die verräumlichte Zukunft zur Grundlage: Der Raum verkörpert die Herrschaft der Vergangenheit über die Zukunft. Gegen ihn steht die Erkenntnis (die Heiligung, die Einung) des Gottesnamens.
    In der Sache beginnt die Philosophie mit dem Satz: Alles ist Wasser. Ist die Philosophie nicht der strampelnde Frosch, nur daß, was in diesem Wasser dann fest und greibar wird, keine Butter ist, sondern der Begriff (vgl. Dt 2823: Und der Himmel, der über deinem Haupte, wird Erz sein, und der Boden, der unter dir, Eisen; sh. auch Lev 2618f: … werde den Himmel über euch sein lassen wie Eisen und euern Boden wie Erz)?
    Ist nicht der Unzuchtsbecher in der Apokalypse der Schritt über den letzten Satz des Buches Jona hinaus? Dort wurde auf die 120.000 verwiesen, die Rechts und Links nicht unterscheiden können; der Unzuchtsbecher instrumentalisiert diese fehlende Unterscheidungsfähigkeit: er symbolisiert die neutralisierende Gewalt des Begriffs.
    Die Nicht-Unterscheidung von Rechts und Links trennt das Was vom Wer, den Begriff vom Namen. Die Gemeinheit instrumentalisiert diese Trennung.
    Der Raum und der Gottesname: Steckt im hebräischen Namen des Himmels, schamajim, nicht der Raum; ist das Feuer nicht die Normale auf der Angleichung des Wer an das Was, der Grund der Reversibilität beider?
    Daß – so Thomas von Aquin – Geister „an sich böse“ sind, läßt an einer Theologie sich ablesen, die die Lehre von den Engeln und Dämonen unter dem Oberbegriff Geister abhandelt. Daß Geister an sich böse sind, gilt auch noch für den Hegelschen Weltgeist, den Antipoden des Paraklet.
    Parusieverzögerung: Der Fehler der Trinitätslehre war es, daß sie als Theologie im historischen anstatt im prophetischen Indikativ (in einem Indikativ, der den Imperativ in sich enthält) sich begreift. Die Übersetzung des prophetischen in den historischen Indikativ (mit der Opfertheologie als Zentrum) ist die Sünde wider den Heiligen Geist, die weder in dieser noch in der zukünftigen Welt vergeben werden kann. Nicht die Ontologie, sondern die Ethik ist die prima philosophia (aber diese prima philosophia trägt das Antlitz der Apokalypse).
    Nicht Opfer, sondern Barmherzigkeit: Das war der Grund und die Urfassung des Satzes, daß die Attribute Gottes nicht auf ein Sein, sondern aufs Handeln sich beziehen, daß sie nicht im Indikativ, sondern im Imperativ stehen.
    Der Weltbegriff oder die Ontologie ist Objekt einer Kritik, in deren Kontext der Naturbegriff und die Geschichte seiner Entfaltung (die Geschichte der Naturbeherrschung) als Objekt der Umkehr und als Grund einer apokalyptischen Ethik sich erweisen.

  • 12.9.1995

    Sehen und Hören: Der Kelch symbolisiert das ins Sehen übersetzte Hören (die „subjektiven Formen der Anschauung“), im Hinblick auf einen Text die Logik der Schrift, politisch-ökonomisch wie auch zivilisations- und wissenschaftsgeschichtlich das Herrendenken (Geschichte des Ursprungs der Naturwissenschaften als Teil der Herrschaftsgeschichte: „die Distanz zum Objekt ist vermittelt durch die Distanz, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt“, Dialektik der Aufklärung); mit dem Kelch-Symbol hängt es zusammen, wenn die Idee der Erfüllung der Schrift auf die Passion und den Kreuzestod Jesu sich bezieht (vgl. Getsemane und Emmaus), die der Erfüllung des Wortes hingegen auf die Parusie. Das Christentum hat nach Eingliederung in die Herrschaftsgeschichte mit der Opfertheologie und dem darin gründenen Erlösungsbegriff die Passion mit der Parusie gleichgesetzt: Ursprung der Bekenntnislogik und des Dogmas (Petrus und die Geschichte von den drei Leugnungen; Bekenntnislogik als Äquivalent der subjektiven Formen der Anschauung in der Theologie, Kirche als Kelch). Was bedeutet in diesem Zusammenhang die Erweiterung des Kelch-Symbols – des Taumelkelchs und des Kelch des göttlichen Zorns – zum Unzuchtsbecher in der Johannes-Apokalypse?
    Genitiv und Dativ unterscheiden sich wie Indikativ und Imperativ bei Levinas. Auch der dem Genitiv korrespondierende Indikativ ist ein Imperativ, aber einer, der nicht mehr durch die Sprache, durchs Hören, vermittelt ist, sondern zum puren Vollzug des Gehorsams (zum mechanischen Kadaver-Gehorsam) regrediert: er ist ein instrumentalisierter Imperativ. Der auf Präsens und Zukunft (auf nicht Vergangenes) bezogene Indikativ ist ein Vollstreckungsurteil, er verwandelt das Handeln in ein subjektloses, naturhaftes Geschehen. Die Ontologie hypostasiert diesen Indikativ (und entlastet das Subjekt – ähnlich wie das Gesetz die Verwaltung – von der Last der Verantwortung und des Handelns).
    Wie hängt das symbiotische „wir“ (das ärztliche „wie geht es uns denn heute“, „haben wir gut geschlafen“) hiermit zusammen, in welcher Beziehung steht es zum „naturwissenschaftlichen“ Apriori der Medizin, zur Symptom-Medizin, zur konstitutiven Funktion des Fall-Begriffs in der Medizin?
    Gehört nicht auch dieses symbiotische „wir“ zu den Metastasen (oder auch zu den Ursprungsformen) der Bekenntnislogik, deren „gemeinschafts“-konstituierende Kraft in einer symbiotischen Konstellation gründet (die Bekenntnislogik instrumentalisiert – wie das Plancksche Wirkungsquantum? – den symbiotischen Grund, aus dem sie hervorgeht). Gemeinschaftsbegründend aber wird diese Beziehung von Bekenntnislogik und Symbiose nur in der Gestalt hierarchischer Strukturen (Hegels Philosophie kennt keine hierarchischen Strukturen, weil sie den Begriff hypostasiert; deshalb kann die Natur den Begriff nicht halten: Hat nicht die kopernikanische Wende mit dem astrologischen Verständnis der planetarischen Welt auch den kosmologischen Grund und die kosmologische Legitimation der Hierarchie: die frühmittelalterliche Engellehre, zerstört?).
    Doppelt asymmetrische Reflexion: Wie verhält sich das objektivierende Beobachten zum Begriff des Angesichts? Gibt es einen sprachlogischen Zusammenhang zwischen dem geschichtlichen Ursprung des Beobachtens und ihrer Vorgeschichte im Namen und Amt des episkopos?
    Drückt nicht in dem Psalm-Wort „Dixit Dominus ad Dominum meum: hodie genui te“ auch eine Kritik des Zeugungsbegriffs sich aus? Die beiden Herren sind weder gleichnamig noch gleichen Wesens. Im hebräischen Text stehen an dieser Stelle zwei Namen: JHWH und Adonai, die nicht gleichgesetzt werden dürfen. Die homousia, die in der Gleichsetzung beider Namen gründet, ist ein Produkt der LXX, des griechischen (und dann des lateinischen, deutschen, englischen etc.) Bibeltextes. Das homousios und die Vergöttlichung Jesu haben den Vater zum Objekt gemacht (und das ist in die Gesamtstruktur des christlichen Dogmas und in die kirchliche Erlösunglehre als eine ihrer verschwiegenen Voraussetzungen mit eingegangen).
    In der Geschichte von den drei Leugnungen Petri fällt das Krähen des Hahns mit der Überlieferung Jesu an den weltlichen Richter zusammen (die Verspottung durch die „Diener“ und das Verhör durch den „Hohen Rat“ liegt nur bei Lukas zwischen den Leugnungen und der Überlieferung an Pilatus, bei Johannes zwischen der ersten und zweiten Leugnung).

  • 7.9.1995

    Während der projektive Grundzug der Strafen in der Schrift als Mittel der Verarbeitung des Rachetriebs sich begreifen läßt („Mein ist die Rache, spricht der Herr“), erweist sich die projektive Struktur der Erkenntnis in Geschichte und Natur, die „Konstituierung der Erscheinungen“ durch Erkenntnis, als ein Instrument der Stabilisierung des Rachetriebs (die Form dieser Erkenntnis ist die Rache der Vergangenheit, die sich nicht anders wehren kann, für den Verzicht auf Gotteserkenntnis, die sie sich versagen muß)? Sind beide Formen der Projektion nicht durch Inversion (durch Spiegelung an der Grenze von Hören und Sehen) auf einander bezogen?
    Gotteserkenntnis ist das Gegenteil aller Erkenntnis, die man getrost schwarz auf weiß nach Hause tragen kann.
    Zum Begriff der Aufhebung: Ist der Schmerz des von seinem Vater geprügelten Knaben im Mitleidsschmerz des Vaters „aufgehoben“ (Anwendung auf die Kirche, den Staat)? Gründet der Begriff der Aufhebung nicht in einer Substitution, verletzt er nicht das Bilderverbot? Der Begriff der Aufhebung stammt aus der Logik der Opfertheologie; gegen ihn richtet sich der Satz: Barmherzigkeit, nicht Opfer.
    Der Begriff des Einen ist ambivalent. Das läßt sich an dem platonisch-hegelschen Satz demonstrieren: „Das Eine ist das Andere des Anderen“. Hier bezeichnet das Eine
    – sowohl das in seinem Sein für Andere (in seiner Veranderung) Verdrängte, das, was nicht mehr wahrgenommen, wovon abstrahiert wird,
    – als auch die abstrakte Einheit, die in dem doppelten Abstraktionsprozeß, im Durchgang durch die doppelte Negation, überhaupt erst sich konstituiert: die Einheit der Mathematik.
    Es ist ein Unterschied, ob ich mich in jemanden hineinversetze oder ihn als Person ansehe. In der gleichen doppelten Abstraktion entspringt der Objektbegriff. Diese Ambivalenz macht den Begriff des Monotheismus so problematisch, seine gleichzeitige Anwendung auf die jüdische und die griechische Tradition, die durch diese doppelte Abstraktion getrennt sind (und invers auf einander sich beziehen), unmöglich.
    Die Heiligung des Gottesnamens ist kein ritueller Akt, sie gründet nicht im Opfer, sondern in der Barmherzigkeit.
    Der Personalismus gründet in der dämonischen Seite der Liebe, dem Trieb, geliebt zu werden, der unerfüllbar bleibt, wenn er nicht zur tätigen Liebe sich befreit (der Trieb, geliebt zu werden, in dem das Personbewußtsein gründet, gründet selber in der Unfähigkeit zu lieben). Wer es sich verbieten muß, die real existierende Not, die wirkliche Armut und den Schuldzusammenhang, der Reichtum und Armut aneinander bindet (jeder Reichtum „verzehrt die Häuser der Armen“), auch nur wahrzunehmen, verstrickt sich zwangsläufig in Rechtfertigungszwänge, zerstört die Sensibilität und wird „empfindlich“: Person.
    Der Grund jeder Empfindlichkeit, die Unfähigkeit zu lieben und der unerfüllbare Trieb, geliebt zu werden, waren es, die in kirchlichen Zeiten im Bild des Höllenfeuers sich spiegelten.
    Mit dem Namen JHWH hat Gott sich erstmals dem Moses offenbart (Ex 63). Wenn der Name schon vorher (z.B. in der Paradies- und Sündenfall-Geschichte, bei der Zerstörung Sodoms oder bei der Opferung Isaaks) erscheint, dann kann das doch nur heißen, daß diese Geschichten im Nachhinein im Licht der Moses-Offenbarung sich darbieten (die Offenbarung erhellt auch das Dunkel der Geschichte).
    Das Christentum hat seit seinem paulinischen Ursprung diese Moses-Offenbarung, die die entscheidende war, durch eine andere ersetzt: durch das Konstrukt der Offenbarung der Trinitätslehre in der historischen Erscheinung Jesu.
    Wenn die drei Männer, die zu Abraham kommen (Gen 18), schon die Trinitätslehre symbolisieren, muß man dann nicht auch die Geschichte der Zerstörung Sodoms und die Lot-Geschichte (mit den Geschichten von Lots Weib und den Töchtern Lots) in dieses Symbol mit hereinnehmen?
    Paul Celan zitiert in der Todesfuge (im 3. Band der Gesammelten Werke, S. 63) mit dem Namen Sulamith das Hohelied der Liebe. In welcher Beziehung stehen die Sätze „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ und „Stark wie der Tod ist die Liebe“?
    Ist nicht das Angehörigen-Info ein letzter Beleg dafür, daß die Verräter-Diskussion (die aus Tradition des Häresie-Begriffs stammt und zu den Folgen der Bekenntnislogik gehört) auf den Hintergrund des Rechts (der gerichtlichen Verfolgung) zurückweist, durch den Blick der Ermittlungsbehörden determiniert ist? Und verweist sie nicht auf eine im ganzen passive Beziehung zum Recht, auf die Unfähigkeit, mit dem Instrumentarium des Rechts politisch umzugehen: Ist nicht das Recht im mythischen Sinne zum Schicksal der raf geworden, und sind nicht die Taten der raf weithin daraus zu begreifen, daß auch sie im Angesicht des Rechts zur Opferrolle keine Alternative kennen?

  • 6.9.1995

    „Verurteilen“: Ist das Verurteilen nicht das Werk der subjektiven Formen der Anschauung, steht es nicht unter dem Bann der Anschauung? Das Verurteilte ist das reine, von allen inhaltlichen Bestimmungen abgelöste Objekt, und der Objektivierungsprozeß ist ein unendlicher Verurteilungsprozeß: das Gericht der Welt über die Dinge (ihre Vertreibung aus dem Licht der Sprache). Das Objekt ist das gegenständliche Korrelat der Subjektivität, des Gemeinheitskerns im Subjekt (und die Idee des Absoluten Produkt der Selbstreflexion des Subjekts im Unendlichen oder der Vergegenständlichung Gottes, Objekt einer Theologie hinter dem Rücken Gottes).
    Gibt es eine Untersuchung über den Ursprung und die Geschichte des Neutrum? Kann es sein, daß die Stelle bei Ezechiel (das Zerbrechen des Stabs des Brotes in Jerusalem und das Backen des Brots auf Menschen-/Rinderkot) auf die Bildung des Neutrum sich bezieht: Ist nicht das Neutrum auf Scheiße gebackenes Brot („Steine statt Brot“)?
    Gibt es zu den Strafregelungen der Thora dort oder in anderen Büchern der Schrift „Fälle“, an denen sie exemplifiziert werden? Läßt der Eindruck sich verifizieren, daß alle Strafregelungen symbolisch, und d.h. sprachlogisch zu verstehen sind, als Projektionen eines Strafbedürfnisses, das in Israel keine Chance hatte, sich durch das Mittel der strafrechtlichen Verschiebung zu befriedigen, weil es die dazu notwendige Form des Staates nicht gab? Gefängnisse gab es im pharaonischen Ägypten und in Babylon.
    Wenn man die Bücher der Chronik parallel mit den Genealogien und den Büchern Samuel und Könige liest, wodurch unterscheiden sie sich?
    Es gibt unendlich viel Hoffnung, nur nicht für uns (Kafka): Heißt das nicht auch, daß es nur noch vergangene Hoffnungen gibt, und alles von der Möglichkeit abhängt, sie zu retten?
    Sich in den andern hineinversetzen heißt, seine Lebensbedingungen reflektieren: Damit aber bin ich schon in der gesellschaftlichen Reflexion und nicht mehr auf der Suche nach dem Schuldigen (außerhalb des Bereichs kontrafaktischer Urteile). Dieses Verfahren ist nicht brauchbar zur Selbstentschuldigung (die „Gesellschaft“ ist nicht schuldfähig, auf die Gesellschaft kann ich mich nicht herausreden).
    Die subjektiven Formen der Anschauung sind ein komfortables Werkzeug, weil sie die Möglichkeit des Urteilens eröffnen: durch die Konstruktion und Bereitstellung des Objektbegriffs. Objektiv und feststehend ist nur die Vergangenheit, deren Formgesetz durch die Formen der Anschauung (durchs Inertialsystem) auf die Zeit insgesamt, auch auf die Gegenwart, übertragen wird. Der Begriff des Wissens und die Objektwelt (das kantische Reich der Erscheinungen) konstituieren sich durch den Ausschluß dessen, was nicht unter die Vergangenheit sich subsumieren läßt; so wird das Reich der Erscheinungen zur Totenwelt, zum Schattenreich, zum Staub, aus dem Adam geworden ist und zu dem er wieder werden wird, den die Schlange frißt. Hieraus wäre abzuleiten, weshalb und wie die kirchliche Höllenvorstellung (als Erbe des Hades, des Totenreichs) als Vorstufe zur Konstituierung des Inertialsystems, des Referenzsystems aller naturwissenschaftlichen Erscheinungen und Erkenntnis, dazugehört (das Inertialsystem ist der Schlüssel zum Abgrund).
    Wenn Hegel darauf verweist, daß im Deutschen der Begriff der Geschichte sowohl die Darstellung als auch den Gegenstand der Geschichte bezeichnet, so ist das in der logischen Konstruktion des Objektbegriffs, des Begriffs der Erscheinung, begründet. Die gleiche Konstruktion beherrscht die Beziehung der naturwissenschaftlichen Erscheinungen zu ihrer Erkenntnis.

  • 4.9.1995

    Empfindlichkeit verharrt im Leidensdruck, während Sensibilität die Reflexion auf das Leiden anderer, auf den Imperativ, der von diesem Leiden ausgeht, in sich mit aufnimmt. Diese Sensibilität ist Resultat einer Befreiung, die in der Reflexion von Herrschaft anhebt. Das Bekenntnis gewinnt im Angesicht Gottes (durch Selbstbefreiung von der Bekenntnislogik) eine andere Qualität: Es wird zur Verkörperung des Geistes. Hatte nicht die griechische Kirche recht, als sie darauf beharrte, daß der Geist vom Vater ausgeht? Und war das filioque der lateinischen Kirche, in der Konsequenz der homousia, der zweite Sündenfall der Orthodoxie? Es sei denn, die imago des Sohnes wird als Verkörperung der Wahrnehmung des Leidens anderer: als Inbegriff der Sensibilität, begriffen. Das aber setzt die Auflösung der verdinglichten Gestalt der Wahrnehmung des Leidens anderer im Kruzifix, das die Sensibilität blockiert, von den „geringsten meiner Brüder“ ablenkt und die Leidenswahrnehmung ausblendet, voraus. Das Kruzifix instrumentalisiert diese Blockade, diese Ablenkung, dieses Ausblenden: es ist ein Instrument des Herrendenkens. Gewinnt vor dem Hintergrund dieser Konstellation und im Kontext der Einbindung des Christentums in die Herrschaftsgeschichte nicht 1 Kor 1527f (Denn alles hat er seinen Füßen unterworfen … Wenn ihm aber alles unterworfen sein wird, dann wird auch der Sohn selbst sich dem unterwerfen, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott alles in allem sei) in Verbindung mit Ps 87 (… alles hast du ihm unter die Füße gelegt<: Schafe und Rinder allzumal, dazu auch die Tiere des Feldes, die Vögel des Himmels, die Fische des Meeres, was da die Pfade der Fluten durchzieht>) einen nachvollziehbaren Sinn: dann wird auch die hypostasierte „Trinität“ in eine Welt im Angesicht Gottes sich auflösen. Ist das Planetensystem das Instrument der Stabilisierung des Gewölbes, der Feste des Himmels? In einer Theorie des Feuers wäre zu klären, wie die Feuer im Namen des Himmels mit der Konstruktion der Verdrängungsmechanismen und ihrer Funktion im Kontext der Erkenntnis zusammenhängen. Himmel und Erde: Im Schöpfungsbericht „bringt“ die Erde die Pflanzen und Tiere „hervor“, der Mensch ist aus dem Lehm der Erde gemacht, während die Feste (die dann Himmel genannt wird) die oberen von den unteren Wassern trennt. Dafür gibt es die Sterne des Himmels, die Vögel des Himmels und die Himmelsheere. Gotteserkenntnis ist in seinem Kern politisch: sie schließt die Reflexion von Herrschaft (die der Gotteserkenntnis den Weg versperrt) mit ein. Gotteserkenntnis, wenn sie ihren imperativen Kern begreift, ist der Grund der Autonomie. „Mein Gott“: Die Bekenntnislogik hängt mit dem Geschwätz, und beide hängen mit dem Gottesgejohle zusammen. Das Bekenntnis rückt Gott in eine Possessivbeziehung zum Gläubigen (es ist das Gegenteil, der Widerpart, der Heiligung des Gottesnamens), das Geschwätz („mein Gott, was hast du denn da schon wieder angestellt?“) ist die Einübung dieser Possessivbeziehung und das Gottesgejohle die Drohung gegen jeden, der sich dem nicht anpaßt. Das „mein Gott“ ist das blasphemische Instrument der Vergesellschaftung des Herrendenkens durch Religion. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen (Mt 2746, Ps 222): Ist diese Verlassenheit nicht eine sprachlogische Folge des Possessivpronomens? Das Bekenntnis ist (bis hin zu den Skinheads) ein Ausdruck der Gottverlassenheit. Ist nicht das Bekenntnis der Greuel am heiligen Ort? Das deutsche Wort Besessenheit (griechisch: daimonizomenos, echontos pneumata akatharta) erinnert nicht zufällig an den Besitz. Besitz ist eine Reflexionskategorie: Man ist besessen von dem, was man besitzt. Drückt in der Besessenheit (im Namen der Dämonen, der unreinen Geister) nicht ein objektiver, in die Geschichte des Tauschprinzips fallender Sachverhalt sich aus: der Ursprung und die individuelle Verkörperung der Herrschaft der Reflexionsbegriffe, der Ursprung des Weltbegriffs? Dann aber wäre das Bekenntnis, das den Glauben zu einem Possessivum macht, die genaueste logische Form der Besessenheit. Steckt darin nicht die Lösung des Problems des Dämonenglaubens in den Evangelien (der kein Dämonenglauben war, den hat erst der Islam hervorgebracht) und der Gechichte von den sieben unreinen Geistern? NB: Mt 424 bringt die Besessenen mit Mondsüchtigen (und mit Gelähmten) zusammen. Mt 1715 definiert einen Mondsüchtigen als einen, der „oft ins Feuer und oft ins Wasser“ fällt (nach Mk 917 handelte es sich um einen „stummen Geist“); die Jünger konnten ihn „wegen ihres Kleinglaubens“ nicht heilen (vgl. den „Kleinglauben“ an den anderen Stellen des Matthäus-Evangeliums: 630, 826, 1431, 168, 1720, sowie Lk 1228 – entspr. Mt 630). Besessenheit und Lachen (Jesus hat nicht gelacht, aber die Dämonen ausgetrieben): Das Lachen ist die reinste Form des Hinter dem Rücken, das Auslachen löscht den Geist (das Dogma lacht die Wahrheit aus). Wer in der Gegenwart eines andern über ihn redet, ohne ihn in das Gespräch mit einzubeziehen (so wie die Theologie über Gott „redet“), lacht ihn aus (macht ihn tendentiell autistisch). Orthogonalität und Trägheit (Maria Magdalena wurde von den sieben unreinen Geistern befreit): In der Form des Raumes lacht jede Richtung die Gegenrichtung und jede Dimension die andere aus, in der Vorstellung des Zeitkontinuums lacht die Vergangenheit die Zukunft aus, und im Inertialsystem lacht das System die Dinge aus. Die Ontologie lacht sich selbst aus: Dieses Auslachen begründet das Bewußtsein der Eigentlichkeit (den Schein der Unschuld im Kern der faschistischen Selbstzerstörung der Moral, der im realitätsverleugnenden Bewußtsein der „heilen Welt“ überlebt; war die Eigentlichkeit Produkt einer Entscheidung, ein dezisionistischer Akt, so bedarf das Bild der heilen Welt der ständigen Erneuerung und Reproduktion: hier liegt der seins- und sprachlogische Grund des Fernsehens – gegenständliches Korrelat der heideggerschen Entschlossenheit). Was etwas „eigentlich“ ist, ist das, was es dem Begriffe nach ist, aber der Begriff ist ambivalent: Deshalb gibt es keine Eigentlichkeit ohne die Diffamierung des Uneigentlichen, das eigentlich identisch ist mit dem Eigentlichen, als Schein. Das Eigentliche ist das Wahre und Echte (das Wahre ist nach Hegel „der bacchantische Taumel, in dem kein Glied nicht trunken ist“). Das Eigentliche und Echte ist das Ungeheuchelte, das Nicht-Pharisäische. So hängt der Begriff der Eigentlichkeit mit dem Antijudaismus, der Tradition der Diskriminierung der Pharisäer, zusammen. Eigentlichkeit ist die Narbe an der Stelle der verdrängten Reflexionsfähigkeit, der zerstörten Sensibilität. Eigentlichkeit ist der blinde Fleck der Philosophie. Die Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit ist der Grund des Mythos, der Ästhetik und der Herrschaftslogik. Hierauf (auf die Umkehr-Beziehung von Sehen und Hören) bezieht sich das biblische Bilderverbot. Die Metastasen der Eigentlichkeit leben fort in der Moral der Polizei und des Militärs (Zusammenhang von Uniform und Folter). Nur die Symbole des Staates lassen sich verunglimpfen: Gegenstand der Verunglimpfung ist das Eigentliche. Im Stern der Erlösung kommt das Purim-Fest nicht vor. Ihr seid das Licht der Welt: Die Prophetie ist das Licht im blinden Fleck der Philosophie (des Weltbegriffs). „Kultur für alle“: Wer die Religionen als kulturelles Erbe begreift und sie konservieren möchte, möchte sie ins religionshistorische Museum (dem historischen Pendant des naturwissenschaftlichen Labors) einsperren. Er blendet genau das aus, was die Religionen ihrer Substanz beraubt und zu einem Teil des Kulturerbes gemacht hat: die Gewalt des alles durchdringenden Wertgesetzes. Religionen sind Formen der Besessenheit und zugleich Denkmäler der Geschichte der politischen Kosmologie; die Kritik der politischen Ökonomie ist ein Teil der Kritik dieser Geschichte. Konservierte Religionen sind (wie die konservierte Kultur insgesamt) fürs Bestehende ungefährlich; die Mauern der Museen sind ein sicherer Schutz.

  • 2.9.1995

    Der Satz „verum, unum et bonum convertuntur“ ist der Statthalter des Staates in der Metaphysik. Sind das unum und bonum nicht zwei Vergewaltigungen des verum?
    Negative Trinitätslehre: Ist nicht der Zusammenhang von Sexismus und Antisemitismus (Ruth) ein Beleg für die Logik der doppelt asymmetrischen Spiegelung? Das Christentum hat diesen Zusammenhang ergänzt und zur Bekenntnislogik stabilisiert durch die die Dogmengeschichte begleitende Verurteilung (und Verfolgung) des Verrats, der Häresien, der Ketzer. Bezieht sich hierauf das Symbol vom Unzuchtsbecher (ist die Bekenntnislogik der Unzuchtsbecher)?
    Ziehe deine Schuhe von deinen Füßen, denn der Ort, auf dem du stehst, ist ein heiliger Boden (Ex 35): Wenn das Attribut der Heiligkeit die Eigentumsfähigkeit und die Idee des Ewigen die Vergangenheit einer Sache (ihre Instrumentalisierung, ihre Verfügbarkeit) ausschließt, dann ist der Weltbegriff die Verkörperung des Unheiligen und des Zeitlichen schlechthin. Deshalb sind Säkularisierung und Verweltlichung identisch. Aber war nicht der Dogmatisierungsprozeß der Prozeß der inneren Verweltlichung des Heiligen und des Ewigen? Und umgekehrt: Verweist nicht der Name des Himmels auf die Grenze der Eigentumsfähigkeit und der Vergangenheit in der Schöpfung (eine Grenze, die durch das Theologumenon von der creatio mundi ex nihilo verwischt worden ist)? Instrument der Säkularisierung, der Verweltlichung, ist die transzendentale Ästhetik (Inbegriff der subjektiven Formen der Anschauung) als Grund des „Reichs der Erscheinungen“, der „Welt“. Natur und Welt sind ästhetische Kategorien (Idee einer Geschichtsschreibung, die den Toten und ihrem Verlangen nach Errettung ihre Stimme leiht).
    Die kirchliche Sündenlehre (die sich fälschlich auf Ezechiels Individualisierung der Schuld beruft) hat das elliptisch-kritische Wort „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ durch Übersetzung in den Indikativ ins Affirmative gewendet, es gleichsam zum Grundgesetz der Exkulpation gemacht. Das Wort macht jedoch Sinn nur post festum, im Hinblick auf vergangenes Tun; ante festum, als apriorischer Freispruch aller Unwissenden, ist es unbrauchbar. Einmal ausgesprochen, ändert es die Situation vollständig: Wer es vernommen hat, kann sich nicht mehr darauf berufen. Einmal ausgesprochen, artikuliert es die Pflicht, sich aus dem Zustand dieser Unwissenheit herauszuarbeiten: die Pflicht zur Selbstaufklärung. Seitdem ist Nichtwissen schuldhaft. Auch darauf bezieht sich das Wort von der Sünde wider den Heiligen Geist, die weder in dieser noch in der zukünftigen Welt vergeben werden kann.
    Der Unterschied zwischen Imperativ und Indikativ im Hinblick auf die Attribute Gottes hängt mit dem Unterschied zwischen der zweiten und der dritten Person zusammen. Der versteckte Imperativ des an die zweite Person gerichteten Indikativs verwandelt das Handeln in ein „Geschehen“, transponiert die zweite in die dritte Person, über die verfügt wird, macht sie zum Objekt, während der prophetische Imperativ (der Indikativ der Lehre) in der dritten Person die zweite erweckt, sie zum Subjekt macht.
    Beispiele für den Indikativ der Lehre sind Sätze wie: „Heute fühlen sich alle ungeliebt, weil keiner mehr zu lieben fähig ist“, oder „Nur wer die Last auf sich nimmt, befreit sich von ihr“. Der Imperativ, der in ihnen steckt, öffnet den Weg der Befreiung.
    Der Zustand der Welt läßt sich daran erkennen, daß in dem Augenblick, in dem die Armut allgemein wird, sie nicht mehr erkennbar ist, ein Zustand, der die Wahrnehmung der Armut als Ideologie dem Rechtfertigungszwang (der die Armut leugnet) unterwirft.
    Öffentlichkeit ist heute der Versuch, die Rechtfertigungszwänge der Herrschenden zu Grundprinzipien der Sprachlogik zu machen. Aus sprachlogischen Gründen gibt es keinen „herrschaftsfreien Diskurs“; was nottut, ist allein noch die Reflexion von Herrschaft, die nicht ein für allemal geleistet werden kann, sondern unter dem zeitlichen Gebot der Aktualität steht (das „Licht der Welt“ hat die Dunkelheit der Welt, die in den historischen Prozeß verflochten ist, als Maß). Darin gründet der „Zeitkern der Wahrheit“.
    In diesem Kontext wird erkennbar, was mit dem Durchschlagen des Knotens gemeint war, und weshalb der Knoten, den Alexander durchschlagen hat, heute zu lösen ist.
    Die List der Vernunft ist (auch bei Hegel) der Quellgrund ihrer Dummheit. Gegen sie hilft allein die List der Märchens, die diese Dummheit durchschaut und daraus ihre Handlungskompetenz gewinnt.
    Der Himmel ist Sein Thron, aber zugleich ist Gott der, der auf den Cheruben thront: Was haben die Cherubim mit dem Himmel, und was hat die Merkaba mit dem Wagen im Lied der Lieder zu tun?
    Erscheint das „er sah, er hörte und er gedachte“ nur (oder erstmals) im Lied der Lieder, und hat das „er gedachte“ etwas mit der Schnittstelle zwischen dem Hören und Sehen zu tun (mit dem Licht)?
    Ihr seid das Licht der Welt: Dieser Satz setzt voraus, daß die Welt die Dunkelheit ist und wir das Licht in sie bringen müssen. Das Dunkel wäre anhand der Nazizeit, der Folterstätten der Militärdiktaturen oder der Ereignisse in Bosnien zu demonstrieren. Wäre hier das Licht der Welt nicht eines, das dieses Geschehen so hell und durchsichtig macht, daß es den Mördern die Waffen aus der Hand schlägt (oder das die Mörder auf eine Weise erkennen läßt, was sie tun, daß ihnen die Waffen aus der Hand fallen)?
    Gehört die doppelt asymmetrische Spiegelung nicht zu den Hilfsmitteln, die die Rätsel der Merkaba-Vision einer Lösung näher zu bringen vermöchte?
    Kritik der Grünen: Kann es nicht sein, daß die punktuellen Widerstandsleistungen zwar den poltischen Erfolg der Grünen zu erklären vermögen, während sie zugleich real dazu beitragen, das System zu weitergehenden Modernisierungen anzureizen, deren wirkliche Wurzeln im Dunkeln bleiben und deren Folgen verdrängt und nicht gesehen werden?
    Rückt das „ex nihilo“ in der Vorstellung der creatio mundi nicht die Sache selbst in eine falsche Zeit-Perspektive: Die Welt ist nicht aus Nichts geschaffen, sondern die Welt ist das Instrument der Selbstzerstörung, das Instrument der Erzeugung des Nichts. Das Nichts steht nicht am Anfang, sondern am Ende der Welt (aber aus diesem Nichts ist die Welt erschaffen).
    Die jüdische Mystik ist eine Apokalyptik im Gewande der Schöpfungslehre.
    War nicht der Faschismus der Urknall, in dem der moralische Kosmos explodiert ist? Die Welt, in der wir leben, ist die Welt, die dieser Urknall hinterlassen hat.
    Das Christentum ist in die Opferfalle hineingelaufen, aus der es nicht mehr herauskommt. Diese Opferfalle ist nicht vom Christentum hervorgebracht worden, sie hat sie vorgefunden: in der politisch-ökonomischen Situation des Römischen Reiches, deren logischer Indikator der Weltbegriff war.
    Binden und Lösen: Zum Weltbegriff gehört die ungeheure Dialektik von Opfer und Königtum. Das Christentum hat diese Dialektik theologisiert, nicht aufgelöst.

  • 31.8.1995

    Zwischen dem historischen und dem prophetischen Indikativ liegt die Reflexion des Inertialsystems, die Kritik der Naturwissenschaften.
    An Gott will keiner erinnert werden, weil im Angesicht des Ewigen das Vergangene nicht nur vergangen ist.
    Der Indikativ der Lehre ist vom historischen Indikativ dadurch unterschieden, daß er ein Indikativ im Angesicht Gottes ist. Die Lehre wird nicht durch ein kirchliches Lehramt definiert, sie gewinnt allein Bestand im Angesicht Gottes.
    Der Objektivitätsanspruch der Medien schließt das Fertigmachen mit ein.
    Ist der Name der „Tochter Sion“ nachexilisch (von Ps 915 über Jes, Jer, Klag (6 Stellen), Mich, Zeph bis Sach 214 und 99)?
    Trinitätslehre: Wenn die Attribute Gottes im Imperativ und nicht im Indikativ stehen, dann beweisen Männer ihre Gottähnlichkeit schon durchs Zeugen. War das der Grund, weshalb diese Theologie, die nicht mehr unmittelbar Quellpunkt der Moral war, durch eine Sexualmoral ergänzt werden mußte?
    Ist die Übersetzung des Namens mit „Herr“ nicht die Ursache einer verhängnisvollen Zweideutigkeit? So lassen sich Herr und Herr nicht mehr unterscheiden. Vgl. Ps 1101: Es sprach der Herr zu meinem Herrn, die Buber so übersetzt: Erlauten von IHM zu meinem Herrn. Ist diese Unterscheidung nicht eine ums Ganze? Auf welchen „Herrn“ bezieht sich der Name kyrios in den Evangelien? Steckt in diesem Titel nicht die List der Vernunft Hegels (oder die der politischen Theologie, der Herrschaftstheologie)?
    Zum Problem der asymmetrischen Spiegelung: Steht nicht die gesamte christliche Theologie im Zeichen des noachidischen Bundes, des Bogens (Gen 912f)? Hat dieser Bogen etwas mit dem „Gewölbe“ (der Feste) des zweiten Schöpfungstages zu tun?
    Ist nicht auch das ein Stück asymmetrischer Spiegelung, wenn der Faschismus sich genau dadurch reproduziert, daß er die Vergangenheit eingebunkert, sie durch seine Finsternis verdunkelt hat? Aber ist die Zerstörung der Erinnerungsfähigkeit nicht auch ein objektiver Sachverhalt (der durch den bloßen Entschluß sich nicht ändern läßt), war der Faschismus nicht auch ein Modernisierungsschub, einer, der ihn fast unangreifbar gemacht (die bloße Verurteilung erreicht ihn nicht, dagegen ist er immun). Kritik des Faschismus heute meint den Esel und schlägt den Sack.
    Deutschunterricht: „Was will uns der Autor damit sagen?“ – Taugen am Ende nicht doch nur die Sätze was, die mehr sagen, als der Autor „sagen wollte“? Ist nicht die Germanistik (ist nicht der Deutschunterricht) darin der Theologie verwandt, daß sie anstelle des Herzens eine kontrafaktische Urteile produzierende Automatik hat?
    Das kontrafaktische Urteil ist das Kuckucksei im spekulativen Nest des Absoluten (ist das Absolute der Inhalt dieses Eis?).
    Der historische Indikativ, auf den die christliche Tradition das von ihr so genannte „Alte Testament“ festgelegt hat, ist der Quellpunkt der Idee des Absoluten.
    Wer begreift, weshalb in der Johannes-Apokalypse der Taumelkelch zum Unzuchtsbecher geworden ist, hat das Rätsel der christlichen Theologie gelöst.
    Die Sexualmoral ist das kontrafaktische Urteil der göttlichen Barmherzigkeit.
    Sind nicht moralische Urteile insgesamt kontrafaktische Urteile, und sind nicht kontrafaktische Urteile durch das Interesse an moralischen Urteilen determiniert (eine Konsequenz aus der Transformation des Gebots ins Gesetz, Folge der Verwechslung von Rind und Esel)?
    Evangelische Räte: Ist die Armut auf den Vater, das Hören (der „Gehorsam“) auf den Sohn und die Keuschheit auf den Geist bezogen?
    Wie hängen Kohelet und Jesus Sirach, Ekklesiastes und Ekklesiastikus, mit einander zusammen? Verweisen nicht beide auf den neutestamentlichen Kirchenbegriff (die ekklesia, im Unterschied zur synagoge)? Wie hängt die ekklesia mit der Versammlung im Tor (Ort der Versammlung und des Gerichts, nicht des Gebets!) zusammen?
    Sind nicht die sieben Gemeinden in Asien (in der Johannes-Apokalypse) sieben Kirchen (ekklesiai)? Und wird nicht durch diese sieben Kirchen der Name der una sancta catholica ecclesia widerlegt?
    Paßt nicht zur „Versammlerin“ die Maria Magdalena, die von den sieben unreinen Geistern befreit wurde?
    Mein ist die Rache, spricht der Herr: Liegt nicht das Problem der Beziehung des historischen zum prophetischen Indikativ darin, daß, wer in der Vergangenheit nach Schuldigen sucht, selber in den Bann der Vergangenheit gerät: durch die Exkulpationsstrategien, in denen die Logik der Schuld sich konstituiert, in eben diese Schuldlogik sich verstrickt, aus der er nicht mehr sich zu lösen vermag? Ist nicht das Historismus-Problem wie auch das Welt-Problem allein über die Rekonstruktion der Logik der Schuld zu lösen, über ihre Beziehung zum Angesicht Gottes (im Leuchten seines Angesichts löst die Logik der Schuld sich auf).
    Festzuhalten ist das gleichsam flüssige Wesen der Schuld, daß, wer sie dingfest zu machen versucht, von ihr überschwemmt wird.
    Der Segen ist der Grund der Fruchtbarkeit, das Feigenblatt der der Unfruchtbarkeit.
    Teilt nicht das Buch Kohelet das Schicksal des Hiob-Buches, aus dem in der Regel auch nur die „Freunde Hiobs“ zitiert werden? Die Freunde Hiobs repräsentieren die Schrift, während Hiob darauf besteht zu hören (und sei es das Donnern des Herrn).
    Worauf bezieht sich der Satz im Schlußteil des Kohelet: Des vielen Büchermachens ist kein Ende, und das viele Studieren ermüdet den Leib (1212)?

  • 28.8.1995

    Die Herrschaftsgeschichte löst die Menschen nicht nur aus der Dumpfheit, den Ängsten und der Not der Natur, sie verstrickt sie auch wieder in Natur, als deren Kern Herrschaft sich erweist. Als zweite Natur ist Herrschaft eine neue Quelle der Dumpfheit, der Ängste und der Not.
    Himmel und Sprache: In diesen Kontext gehören Wasser und Feuer, die Feste des Himmels und die Trennung der oberen von den unteren Wassern, der Bogen in den Wolken, der Menschensohn auf den Wolken des Himmels, das sich aufrollende Buch, die Heiligung des Gottesnamens. Ist der Indikativ (seine Beziehung zur Logik der Schrift und zum Wort, zu den beiden Bedeutungen des Perfekts) die Feste des Himmels (ist der Perfekt, die Beziehung von Vergangenheit und Utopie, die Feste des Himmels)? Wie verhält sich die Scham zum Himmel? Ist der Himmel die Schamgrenze, die die beiden Indikative von einander trennt (und verweist das Wort vom „aufgespannten Himmel“ auf die Spannung, die die Beziehung der Logik der Schrift zum Wort – die Beziehung dieser zur zukünftigen Welt – kennzeichnet: auf den prophetischen Erkenntnisbegriff und den Begriff der Lehre)?
    Scham ist die Fähigkeit, sich in den Augen der Andern zu sehen. Nur im Kontext der Scham gibt es die Nackheit (die zum Begriff der Tatsachen gehört). Nur im Kontext der Scham gibt es das Aufdecken der Blöße, das die Aufklärung seit ihrem Ursprung mit der Erkenntnis verwechselt. Der Radikalisierung dieses Erkenntnisbegriffs durch die Medien verdankt sich die endgültige Trennung von Realität und Sprache im Begriff der Information, der Nachricht, der Kommunikation, des Diskurses, und in diesem Kontext die Verschiebung von Genitiv und Dativ.
    Zur politischen Ökonomie der Medien (und der Banken?): Wenn Informationen zur Ware werden, werden sie zu einer paradoxen Ware, deren Produktion ihre Reproduktion, ihre Verwandlung in Masse, voraussetzt, einer ab ovo flüssigen Ware, deren Tauschwert, deren Masse, im Massenkonsum (wie der Kredit in der Kreditschöpfung) erst sich bildet. Wenn sie nach der Logik von Tausch- und Gebrauchswert sich konstruieren lassen, verhält sich diese Logik zu der der materiellen Produktion nicht ähnlich wie das Glaubens- zum Schuldbekenntnis: stehen beide nicht in der gleichen Beziehung der asymmetrischen Spiegelung? Die Extreme der Medien, die Propaganda und die Reklame, sind ein Teil ihrer Definition. Anders als in der materiellen Technologie setzt hier die Anwendung der Gesetze ihre Erkenntnis nicht voraus, sondern ihre Gesetze entspringen erst in ihrer Anwendung. So wie sie die Bedürfnisse, die sie zu befriedigen vorgeben, erst schaffen (aus einem Nichts, das zu bestimmen wäre), rechtfertigen sie sich durch einen „Erfolg“, den sie nicht mehr wahrnehmen dürfen (weil er sich selbst denunziert). Medien gehorchen einer Logik, die ausschließt, daß sie wissen, was sie tun. Die Subsumtion der Information unters Tauschprinzip (durch die sie zur Information überhaupt erst wird) ist kein leichtzunehmender Sachverhalt. Jede Propaganda ist eine propaganda fidei (einer „Philosophie“), und auch die Reklame ist Propaganda. Und jede „seriöse Presse“ ist eine, die weiß, daß sie propaganda fidei ist, die dem Gesetz einer eigenen Orthodoxie gehorcht.
    Stehen nicht die Medien und die Banken (ähnlich wie Glaubens- und Schuldbekenntnis) in einem Spiegelungsverhältnis, das sein asymmetrisches Pendant in der technischen und ökonomischen Naturbeherrschung hat?
    Ist die Sexualmoral der apokalyptische Unzuchtsbecher (Inbegriff der der Bekenntnislogik zugrunde liegenden Formen der Anschauung)? Welchen Stellenwert haben in diesem Zusammenhang der der Sexualmoral zugeordnete Begriff der Unschuld (die Beziehung confessio/virginitas), die kirchengeschichtlichen Phasen der Pornokratie und der Pornographie, die Institution des Zölibats (im Kontext von Ohrenbeichte, Fegfeuer und Ablaßhandel)?
    Dann aber gehört Adornos erstes Gebot der Sexualethik zur Kritik der Naturwissenschaften: Die Sexualmoral war seit je der Schatten der Geschichte der Naturbeherrschung.
    Gründet die Taufe in der Trennung der oberen von den unteren Wassern, und ist die Taufe das Symbol der Aufhebung dieser Trennung? Der Fehler des Christentums war es, daß es anstatt mit den oberen mit den unteren Wassern getauft hat: es hat immer nur bekehrt, nie die Umkehr vollzogen, es hat die Umkehr durch die Bekehrungswut ersetzt.
    Hegels Kritik des Sollens hat ihr fundamentum in re darin, daß das Gebot sich nicht ins Universale transformieren läßt. Hegel aber konnte vom Begriff des Universalen sich nicht befreien; so ist ihm die Menschheit zur massa damnata geworden, zum Kelch, aus dem „ihm seine Unendlichkeit“ schäumt.
    Ist nicht jeder Stern, unter dem einer steht, ein Jüngstes Gericht? Und gehört nicht zum Stern von Bethlehem der bethlehemitische Kindermord? Es käme darauf an, in dieser Geschichte nicht das Glück, entronnen zu sein, zu erkennen, sondern das Entsetzliche dieses Schuldzusammenhangs, in den das Kind von Bethlehem seit seiner Geburt verstrickt ist. Hat dieser Kindermord den Entronnenen nicht auch am Kreuz noch eingeholt?
    Ist nicht das Matthäus-Evangelium eine Rekapitulation oder eine Relektüre der Schrift insgesamt (oder nur eines Teils der Schrift, und wenn, dann welchen Teils)?
    Toledot: Die Trennung des Zeugens vom Schaffen und seine Hereinnahme in die Trinitätslehre („gezeugt, nicht geschaffen“) haben die Theologie insgesamt verhext.
    Zu Gen 24: Handelt es sich bei den „Zeugungen des Himmels und der Erde“ um einen genitivus subjectivus oder objectivus, sind Himmel und Erde die Erzeugenden oder die Erzeugten? In welcher Beziehung stehen die Toledot, die Zeugungen Adams und der ihm Folgenden, zum Erschaffen? Sind sie gleichbedeutend, gehen sie ihm (wie in der christlichen Theologie, in der Trinitätslehre: als ewige Zeugung des Sohnes) voraus oder folgen sie ihm (als zeitliches, selber geschaffenes Bild und Echo des Erschaffens) nach?
    Zu Mt 11ff und Lk 323ff: Zeugungen sind keine Stammbäume (Stammbäume sind umgekehrte Zeugungen).
    Der Objektivationsprozeß als Vergangenheitsproduktion. Wie verhalten sich das Objektivieren und die Objektivität, die Verweltlichung und die Welt?
    Politische Ökonomie der Naturwissenschaften: Verhalten sich die Banken zu Produktion und Zirkulation wie das Inertialsystem zu Physik und Astronomie?

  • 26.8.1995

    Seit wann wird Geschichte als Legitimationshilfe (und d.h. nationalistisch) verwendet, und aus welchen Gründen? Steht nicht das heutige Bibelverständnis unter dem Bann dieses Konstrukts (Bibel als „hebräische“ Nationalgeschichte, Bibel als Sammlung imperativer, vom Heiligen Geist inspirierter, exemplarischer Texte)? Ist dieses Schriftverständnis nicht die Rache des Indikativs? (Und sind die mittelalterlichen Fälschungen, die ihre Vorläufer in der Römischen Geschichtsschreibung haben, nicht im Kontext dieses Legitimationszwangs (dem noch die moralische Verwerfung gehorcht, die im Begriff der Fälschung mitklingt) zu verstehen?
    Es wirft ein bezeichnendes Licht auf die Logik der historischen Erkenntnis, wenn man begreift, daß der Ursprung der kontrafaktischen Urteile in der Theologie liegt. Gehört nicht die Theologie, in der es kontrafaktische Urteile gibt, zum Begründungszusammenhang der Geschichte (der Vorstellung einer abgeschlossenen Vergangenheit)?
    Sind nicht in der Trinitätslehre die beiden antagonistischen Elemente des Geschichtsbegriffs vereinigt: die legitimatorische Funktion der Geschichtsschreibung und die gleichzeitige Unterwerfung der Vergangenheit unter die richtende Gewalt der Gegenwart (asymmetrische Spiegelung: Vater und Sohn)?
    Begriffe sind Brechungen und Reflexionen des Lichts, in dem die erkennende Kraft der Sprache gründet: des Namens. Verweist nicht die Geschichte vom Bogen in den Wolken nach der Sintflut auf diese Brechungen und Reflexionen? Vergleiche hierzu den Text des Basilius (der den Regenbogen als Erkenntnismodell benutzt). Ist nicht die Trinitätslehre das gebrochene und reflektierte Licht des göttlichen Namens (das gebrochene und gespiegelte Leuchten seines Angesichts)? Das Medium dieser Brechungen und Spiegelungen ist aufs genaueste bezeichnet in dem Satz (der die subjektiven Formen der Anschauung, ihre logisch-ästhetische Struktur, in sich abbildet): Das Eine ist das Andere des Anderen. Dieser Satz konstituiert den Weltbegriff und rührt an das Rätsel des Indikativs und der Urteilsform. Die Begriffe Spekulation und Reflexion gründen in diesem Zusammenhang. Der Gottesname ist im System der asymmetrischen Spiegelung gefangen (und zur Idee des Absoluten verandert).
    In der transzendentalen Logik hat Kant das System von Spiegelung und Brechung (mit den Formen der Anschauung als Symmetrieebene) aufs genaueste reflektiert. Hegels Philosophie war die letzte Gestalt des „Bogens in den Wolken“ (ihr Vorläufer war die Trinitätslehre).
    Das Feuer trennt das Licht von der Sprache, durch das Feuer sind beide aufeinander bezogen. Ist das Feuer die Manifestation des redundanten, sich auf sich selbst beziehenden Systems von Spiegelungen und Brechungen? Ist die Hegelsche Logik die genaueste Selbstabbildung des Feuers?
    Die Eucharistie-Verehrung war ein Vorläufer der Exkulpationsautomatik: Die Anbetung des heiligen Dings war die Anbetung des Objekts, auf das man die eigene Schuld abladen, verschieben konnte. Durch den, den dieses Sakrament vergegenwärtigt, war die Welt entsühnt.
    Die Todesfurcht (im Stern der Erlösung) rührt an das Problem der Vergangenheit. Sie rührt damit an den Grund des Problems des Wissens. Wissen können wir nur von Vergangenem, und im Konstrukt des Wissens steckt der Todeskeim der Vergegenständlichung, der seine Wurzeln im Begriff der Vergangenheit hat. Es ist dieser Todeskeim, der in der objektivierenden Erkenntnis und im objektivierenden Handeln (in der Praxis und in den Institutionen der Herrschaft) sich entfaltet. Benjamins Engel der Geschichte ist die Verkörperung der Trauer über das Vergangene.
    Spekulation und Reflexion gehören zur Logik des Begriffs, und die ersten Begriffe waren die Namen, mit denen Adam im Garten die Tiere benannte, während der erste Name der Name war, mit dem Adam sein Weib nach dem Sündenfall benannte: Chawah, Mutter aller Lebenden, der Name einer „Gehilfin gegen ihn“.
    Wenn Adam die Tiere benannte, und in dieser Benennung der Tiere seinen ersten Weltbegriff gewonnen hat, dann ist die Hegelsche Philosophie die Reflexion dieses Namens von innen (der ihm dann nicht zufällig zum Singular zusammenschießt: eigentlich dürfte es nach der Logik des Systems nur eine Art des Tiers geben, unterschiedene Tierarten gibt es Hegel zufolge nur, weil „die Natur den Begriff nicht halten kann“).
    Die Austreibung des Mitleids aus dem Sehen ist das Gegenstück zur Austreibung des dialogischen Elements aus der Sprache (die subjektiven Formen der Anschauung sind ein Produkt der Monologisierung der Sprache, ihrer „Theoretisierung“).
    Prophetie und Geschichte: Die Bücher Josue und Richter, Samuel und Könige gehören zu den prophetischen Büchern wie die transzendentale Ästhetik zur transzendentalen Logik: Sie liefern der Prophetie ihr „apriorisches“ Objekt.
    Im Begriff (und d.h. schon im Benennen der Tiere durch Adam) verliert der Name seine Unschuld, die nur durch Reflexion der Herrschaft im Begriff (durch Reflexion des Weltbegriffs, durch „Übernahme der Sünde der Welt“) wiederzugewinnen ist. Hängt hiermit die geschlechtsspezifische Aufteilung der Heiligen in der Kirche nach der Märtyrerzeit zusammen: die Aufteilung in Confessores und Virgines?
    Wird nicht die Linguistik heute noch vom Rassismus beherrscht, wenn sie nach einer „indogermanischen Ursprache“, die von einem „indogermanischen Urvolk“ gesprochen worden sein muß, fahndet, anstatt durch Reflexion der Sprachlogik, die in der Geschichte der Grammatik, dem Reflex der Herrschaftsgeschichte in der Sprache, sich entfaltet, den historisch-gesellschaftlichen Grund der Trennung und Verwirrung der Sprachen zu bestimmen? Steht nicht diese Reflexion der Sprachlogik, die Idee einer historischen Grammatik, immer noch unter einem Tabu?
    Läßt die Vermutung sich begründen, daß die drei Totalitätsbegriffe der kantischen Philosophie, die Begriffe des Wissens, der Natur und der Welt, ebenso wie auf ein systematisches auch auf ein sprach- und geschichtsphilosophisches Problem verweisen, daß sie in die Logik der Sprachgeschichte mit hereinspielen? Kann es sein, daß das Sanskrit den Ursprung des Wissens, die griechische Grammatik den des Naturbegriffs und die lateinische die Entfaltung und Stabilisierung des Weltbegriffs in sich abbilden und repräsentieren? Und bezeichnen diese Phasen der indogermanischen Sprachlogik (die an den jeweiligen grammatischen Konstruktionen sich müßten ablesen lassen) nicht Phasen der Beherrschbarkeit, der Instrumentalisierung dieser Totalitätsbegriffe (die dadurch erst zu Totalitätsbegriffen werden)? Verweist nicht insbesondere der Weltbegriff auf ein praktisches Moment in seiner Konstituierung: Gibt es die Welt im strengen Sinne nicht erst in der Gestalt der Weltherrschaft, des Imperiums? (Im lateinischen Weltbegriff verankert das Römische Imperium sich in den Köpfen der Beherrschten selber: In diesem Weltbegriff wird die verandernde Gewalt seiner Logik universal.) Und knüpft sich hier nicht die Verbindung zum Christentum, in dessen Gründungstexten der Weltbegriff eine ebenso zentrale wie rätselhafte Rolle zu spielen scheint? Nur im Kontext der römischen Herrschaft (und der Formen seiner Verankerung in den Köpfen der Bürger dieses Reiches) war es möglich, die weltsprengende Kraft der Tradition (durchs konservierende Dogma und durch die Gewalt der Bekenntnislogik) in eine weltkonservierende Macht zu transformieren. Nur so hat diese Tradition zweitausend Jahre Christentum überleben können.

  • 22.8.1995

    Die Bemerkung Wilhelm Salbergs, „das Judentum kenne keine Erbsünde, mithin auch keine individuelle Erlösung (wohl aber eine kosmische)“ („Auschwitz als Herausforderung, Heidelberg 1980, S. 525), verweist auf den gemeinsamen Ursprung des Begriffs der Erbsünde und des Weltbegriffs. Gehört das nicht mit zur Esther-Geschichte, in der der Weltbegriff zusammen mit dem Sexismus und dem ersten manifesten Antisemitismus erscheint. Frauenfeindschaft und Antisemitismus sind Konstituentien des Weltbegriffs, sie gehören mit zu seiner Ursprungsgeschichte, die der Sache nach mit Babylon beginnt. Die babylonische Gefangenschaft und das Exil der Schechina gehören seitdem zu der Vergangenheit, die nicht vergeht.
    Wie verhält sich das Buch Esther zu dem Ereignis, das Heinsohn u.a. die „Venuskatastrophe“ nennen: Ist nicht die astrologische Komponente (Esther = Ischtar, Mardochai = Marduk) ein Hinweis, daß in dieser Konstellation die dann an den Himmel projizierte gesellschaftliche Naturkatastrophe (Ursprung des Staates und des Vorurteils: des Sexismus und des Antisemitismus) zu suchen ist? Gehört das Buch Esther nicht in den Zusammenhang, der Astronomie und Staat an einander bindet? (Haben die drei Weisen aus dem Morgenland, die „seinen Stern gesehen“ haben, etwas mit dieser Geschichte zu tun?)
    Die Lösung des Problems der Apokalypse ist ohne den Hintergrund einer negativen Kosmologie nicht zu gewinnen. (Die Lösung auch der Frage, weshalb diese Texte den Eindruck von Artefakten und Kollagen machen.)
    Messianische Wehen: Liegt nicht das Problem der Apokalypsen darin, daß sie unter dem Bann des gleichen Weltbegriffs stehen, dessen Kritik in ihnen enthalten ist (und heranreift). Steht nicht die Apokalypse (wie auch ihr Säkularisat, die Hysterie, zu der sie in einer durchaus logisch-systematischen Beziehung steht) in der Nachfolge des Mutterschoßes, aus dem Gott zuvor seine Propheten berufen hat (das kostbare Gefäß Seiner Barmherzigkeit)?
    Welche Rolle spielt der Name Israel nach der babylonischen Gefangenschaft? (Die Namen Israel und JHWH kommen in Esther, Kohelet und im Hohenlied nicht vor, im Buch Daniel nur in 13 <Israel> und Kap 9 <Israel und JHWH>. Wird nach der babylonischen Gefangenschaft der Name der Hebräer durch den der Juden ersetzt, und liegt die Differenz im Vorurteil, in der „Judenfeindschaft“?)
    Alle Frauen im Stammbaum Jesu im Matthäus-Evangelium gehören zur Ursprungsgeschichte der „Juden“ (Thamar, Rahab, Ruth und „die Frau des Urias“). Und alle Frauen sind Fremde (Thamar offensichtlich eine Kanaaniterin, Rahab aus Jericho, Ruth eine Moabiterin und Batseba, „die Frau des Urias“, die Frau eines Hethiters).
    Das Problem des Bibel-Verständnisses ist auch auch ein sprachgeschichtliches Problem. Es löst sich auf, wenn es gelingt, den Bann des Indikativ, der auf der Sprache lastet, zu sprengen (Indikativ: „die Form der neutralen, sachlichen Aussage“, vgl. Lexikon der Sprachwissenschaft, S. 330). Vgl. den Begriff der „Wirklichkeit“ und Hegels Entfaltung dieses Begriffs in der Logik. Wirklichkeit ist ein herrschaftsgeschichtlich vermittelter Begriff.
    Das Referenzsystem der Wirklichkeit (der „Realität“) ist das Inertialsystem (Äquivalent des Selbsterhaltungsprinzips), das über die Vorstellung des Zeitkontinuums auch die Geschichte (und zwar von ihrem Ursprung her als Nationalgeschichte) konstituiert.
    Die Beziehung des zweiten zum ersten Teil des Sterns entfaltet die Differenz zwischen dem Begriff des Überzeitlichen und der Idee des Ewigen.
    Wer die Erlösung an die Trinitätslehre bindet, macht sie zu einem Bewußtseinsakt. Er stellt das Licht unter den Scheffel, und er löscht den Funken.
    Der Name, das Angesicht und das Feuer bilden eine Konstellation. Beziehung zur Trinitätslehre: Ist nicht der Sohn die „Erscheinung“, der Heilige Geist das Leuchten Seines Angesichtes (in dem übrigens allein die „Erscheinung“ sichtbar wird)? Zwischen dem Erscheinen und dem Leuchten liegt die Heiligung des Namens (das die Sprache reinigende Feuer). Sind nicht alle Stellen in der Schrift, in denen vom „Bekenntnis des Namens“ die Rede ist, zu übersetzen mit „Heiligung des Namens“?
    Der Begriff des Blutes erinnert nur noch ans Schlachten, ans Töten. Das hat die Opfertheologie in den blasphemischen Zusammenhang gerückt, dem auch die Trinitätslehre angehört. Sie steht in der Tradition des Blutes Abels, das zum Himmel schreit. Die andere, mit dem Tötungsverbot verknüpfte Tradition ist die, die das Blut auf die Seele bezieht (eine Tradition, die eher das Schächten zu begründen vermag als das „humane“ Schlachten im Schlachthaus). Zwischen beiden Traditionen steht die kopernikanische Wende (gleichzeitig mit dem heliozentrischen System wurden der Blutkreislauf entdeckt, durch die Einführung der Lohnarbeit die Zirkulation – und damit die Selbstkonstituierung – des Geldes begründet sowie die Erlösung als Rechtfertigung an das Bekenntnis der Trinitätslehre gebunden). Erst mit der Öffnung des („unendlichen“) Raumes haben die Dinge sich verschlossen, sind sie zu Dingen geworden. Aber diese Öffnung des Raumes steht unter dem Wort: Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren.
    Die Lastschrift, das Verwaltungshandeln und das Schuldverschubsystem (stand nicht am Ursprung der Schrift die Lastschrift?).
    Gog und Magog (Ez 38/39, Off 208): Hat das Ma- in Magog etwas mit dem Ma- in Majim zu tun (Gog/Agag = tectum, Magog = de tecto)? Der Judenfeind Haman, ein Agagiter, im Buch Esther: ein Amalekiter (Amalek = populus lambens)?
    Die Dialektik ist die Verletzung des Verbots, mit Rind und Esel gemeinsam zu pflügen, durch seine Instrumentalisierung: Sie subsumiert den Esel unter die Gattung der Rinder. Ist die Trinitätslehre das Exil der Schechina?

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