Es gibt eine Beziehung der sinnlichen zur sprachlichen Welt, die an der Beziehung des Lichts zu den Dingen sich demonstrieren läßt. Mit dem Licht, mit seiner verborgenen dialogischen Struktur (seiner Beziehung zum Angesicht), ist auch die Sprache erschaffen. Das Angesicht ist die sinnliche Manifestation der Sprache, es schließt nicht nur das „Du sollst nicht töten“ mit ein, sondern das „Liebet eure Feinde“.
Ist nicht die Scheidung von Freund und Feind ein Werk des Weltbegriffs (ein Grund jeder Kosmologie), und entspringt nicht genau an dieser Stelle der Name des Teufels? Hier gründet die Unterscheidung des Teufels vom Satan, als dessen „Sohn“ er sich fassen läßt: Der Ankläger vor Gott (der Satan) ist für den Angeklagten der Versucher (der Teufel).
Gott erweist sich daran, daß er nicht die Welt, wohl aber Himmel und Erde erschaffen hat.
Hat die Wüste (und die Zahl vierzig) beim Exodus und bei der Versuchung Jesu etwas mit dem tohuwabohu im Schöpfungsbericht zu tun?
Gibt es zur Verinnerlichung des Schicksals, der der Ursprung des Christentums folgt, und zur Verinnerlichung der Scham, die aus der Islamisierung des Christentums hervorgeht, eine dritte Stufe, auf die das Wort vom „Greuel am heiligen Ort“ sich bezieht (und die den Fundamentalismus begründet)?
Adornos „erstes Gebot der Sexualmoral“ trifft den Fundamentalismus in der Wurzel. Die Sexualmoral ist die durchs Schuldverschubsystem (durch den Weltbegriff) neutralisierte Gestalt der Herrschaftskritik. Deshalb ist jeder Fundamentalismus sexistisch. Ist nicht die Abtreibungsdebatte der letzte (und vergebliche) Versuch, die Sexualmoral als Instrument der Neutralisierung von Herrschaftskritik zu erhalten, und kehren nicht die Elemente der Neutralisierung in der Abtreibungsdebatte wieder? Sie verschiebt die Schuld auf ein Objekt, durch das die Herren, die dieses Instruments sich bedienen, vor der Gefahr sicher sind, sich selbst damit identifizieren zu müssen, die Frauen.
Das innerkirchliche Produkt der Neutralisierung der Herrschaftskritik war die Bekenntnislogik, mit der Opfertheologie im Kern. Zu den „Nebenwirkungen“ der Bekenntnislogik gehört die Sexualmoral.
Mit der „Entsühnung der Welt“ wurde Herrschaft freigesprochen. Der kantische Versuch einer Definition der Totalitätsbegriffe Natur und Welt (in der Antinomie der reinen Vernunft) ist in sofern interessant, als Kant hierbei beiden Begriffen bescheinigt, daß sie „gelegentlich ineinanderfließen“, und zugleich die Differenz beider mit den Begriffen des Dynamischen und Mathematischen definiert, deren Ursprung und Anwendung in die transzendentale Logik fällt und hier zu den Konstituentien des Wissens (der Kategorien) gehört.
Die Schwachstellen der Hegelschen Philosophie:
– die „List der Vernunft“,
– der Begriff des Scheins und
– das Verhältnis der Natur zur Idee (derzufolge die Idee die Natur „frei aus sich entläßt“, wobei diese Natur dann „den Begriff nicht halten kann“: nach Hegel dürfte es – und das rückt seine Philosophie in einen apokalyptischen Zusammenhang – zur Gattung Tier nur eine und nicht verschiedene Arten geben).
Diabolik: Die Bekenntnislogik hat erste und zweite Natur getrennt: sie hat die erste zu einer Funktion der zweiten gemacht und zugleich die zweite in den Schatten der ersten gestellt. Das war der Grund des Ursprungs des Nominalismus.
Schall und Rauch: Die Ausbildung der Fähigkeit, mit den Ohren zu denken (das mit dem „Bekenntnis des Namens“ Gemeinte), hätte Hitler seiner Wirkungsmöglichkeit beraubt.
Binden und Lösen: Ist nicht Odysseus die Imago der Kirche, die den Gläubigen die Ohren verstopft und sich selbst, um dem gehörten Wort nicht folgen zu müssen, an den Mast des Schiffes binden läßt?
Montevideo liegt auf der anderen Seite der Welt: Ist der Winter die Rückseite des Sommers und der Herbst die Rückseite des Frühlings?
Mit der Steinigung des Stephanus geht eine Epoche zu Ende: Er war der Letzte, der den Himmel offen sah. Und die neue Epoche beginnt mit Saulus, der später Paulus hieß.
Hat nicht die raf, als sie glaubte, die strafende Gewalt des Rechts sich aneignen zu können, deren eigene mythische Gewalt, die Gewalt der Institution und deren Macht über die Köpfe der Menschen, unterschätzt (und deshalb verstärkt)?
Hegel
-
3.4.1995
-
26.3.1995
Der Name der Erbsünde ist sehr wörtlich zu nehmen: Die Menschen verhalten sich in der Tat so, als hätten sie eine Sünde geerbt, zu der niemand sich zu bekennen wagt. Anders sind die Paranoia und der Rachetrieb, die in Institutionen wie Zucht- und Irrenhäusern (die heute zwar nicht mehr so heißen, es der Funktion nach aber immer noch sind) und Kasernen sich manifestieren, nicht zu erklären. Aber auch der Ursprung der „romantischen“ Liebe, des im Begriff des Subjekt selber verankerten Triebs geliebt zu werden (die Erwartung, durch den Andern erlöst, von der Erbsünde freigesprochen zu werden: eines der Signa der Moderne, struktureller Kern des modernen Dramas), verweist auf diesen Sachverhalt. Die unmittelbaren Repräsentanten dieser Erbsünde sind die subjektiven Formen der Anschauung, die der Barmherzigkeit den Weg zum Objekt versperren: Grund der „kommunikativen“ Selbstbeschränkung (und Selbstzerstörung) der Sprache in der folgenlosen Rede (der folgenlosen „Rede von Gott“). Die Welt ist das Medium, in dem diese Erbsünde sich fortpflanzt (der „Unzuchtsbecher“). Die „Sünde der Welt“ ist nicht „hinweggenommen“, und nur wer sie auf sich nimmt, befreit sich von dieser Last.
Ist das Wissen der Taumelbecher, die Natur der Kelch des göttlichen Zorns und die Welt der Unzuchtsbecher (und alle drei zusammengehalten durch die „subjektiven Formen der Anschauung“, den Kelch)?
Hat sich die Frage Rosenzweigs, ob Künstler selig werden können, angesichts einer völlig durchästhetisierten Welt nicht schlicht auf alle ausgedehnt? Aber hat Rosenzweig mit seiner Kritik des All nicht bereits den Grund der Lösung dieser Problems bezeichnet?
Waldspaziergang (Kritik der deutschen Ideologie): Wenn einer „vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht“, wäre zu fragen, ob es nicht in der Tat wichtiger ist, die Bäume anstatt den Wald zu sehen.
Gott ist auf keine Weise gegenständlich zu machen. Das drückt sich aus in der Idee des Ewigen, die den Grund der Gegenständlichkeit, die Vergangenheit, von sich ausschließt. Die Objektivation Gottes gehört zu den Ursachen des Kreuzestodes, sie macht die Objektivierenden nachträglich noch zu Tätern. (Der Preis für die Göttlichkeit Jesu war die Vorstellung vom Gottesmord, der dann projektiv auf die Juden verschoben wurde.)
Wenn die Idee des Absoluten der Schatten ist, den das Subjekt auf Gott wirft, dann hat die Theologie seit den Kirchenvätern in diesem Schatten gestanden. Dieser Schatten wird in den Fundamentalismen heute handgreiflich.
Verhält sich nicht der Name der Hebräer zu der Logik, zu der der Name der Barbaren gehört, wie das verteidigende zum apologetischen Denken?
Auch für die Opfertheologie gilt: Barmherzigkeit, nicht Opfer, oder auch: verteidigendes, nicht apologetisches Denken. Die Resultate des apologetisches Denkens gelten ein für allemal (sie gehören zur Logik der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit), die des verteidigenden Denkens sind immer neu (sie eröffnen die Zukunft, die jeden Tag neu beginnt).
Das katastrophische Moment in der Apokalypse ist als Realsymbol der Kritik des Scheins selber Schein, es ist ein Produkt der Logik der Schrift, die in ihm zugleich sich auflöst (nachzuweisen an der Funktion des Traums und des Engels in der Apokalypse).
Warum kommt am Ende des Ezechiel nur der Osten und der Norden vor (und zwar beide als Orte des Erscheinens der göttlichen Herrlichkeit)? Und worauf beziehen sich hier der Thron und der Schemel (verbinden sie den Osten mit dem Himmel und den Norden mit der Erde)?
Die „Buße“ Ninives beginnt beim Volk, geht von da zum König, der dann das Vieh mit einbezieht. Aber im Buch Tobias (das die katholische Kirche in den Kanon mit aufgenommen hat) wird Ninive am Ende doch zerstört. – Ist es nicht der gleiche Fisch, der den Jonas verschlingt und wieder ausspeit, der dann im Buch Tobias gefangen und geschlachtet wird, und aus dem die Mittel gewonnen werden, mit denen Sara vom Dämon Asmodei befreit und Tobias von seiner Blindheit geheilt wird? Zugleich wird das Symbolum eingelöst, und zwar durch den Engel Raphael (nicht Gabriel, der nach islamischer Tradition – und nach der Verkündigungsgeschichte – den Heiligen Geist repräsentiert). War das Vermögen des Tobias nicht in Susa deponiert, dem Ort der Esther-Geschichte? – Kann es sein, daß der apokryphe Teil des Buches Daniel (mit der Susanna-Geschichte) dem gleichen symbollogischen Zusammenhang angehört?
Haben Sara und Asmodei etwas mit der Maria Magdalena und ihrer Befreiung von den sieben unreinen Geistern zu tun?
Welche Anspielungen und Bezüge stecken in den Namen der Apostel? Gibt es ebenso wie den hellenistischen (Andreas und Philippus) auch einen makkabäischen Bezug (Simon, Judas)? Worauf verweisen Jakobus und Johannes? Welche Väter werden genannt (Simon Barjona, Bartholomäus, Jakobus und Levi, Söhne des Alphäus), welche Mütter (die Mutter der Zebedäussöhne) und welche Schwiegermütter (die des Simon Petrus)?
War Johannes Scottus Eriugena ein Laie (trägt seine Theologie nicht die Züge einer Laientheologie)?
Die Theologie hinter dem Rücken Gottes ist durch die Apokalypse auf die Theologie im Angesicht Gottes bezogen.
„Als Mann und Weib schuf er sie“: Ist das nicht die Besiegelung des vorhergehenden „Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn“? Hat die Geschlechtertrennung etwas mit der Beziehung des Nomen zum Personalpronomen zu tun?
„Im Schweiße deines Angesichts“: Bezieht sich das auf Gethsemane? Und haben die Dornen und Disteln etwas mit dem brennenden Dornbusch zu tun?
Unterm Bann der indoeuropäischen Sprachlogik, die das Inertialsystem antizipiert, ist das Symbolum zum Bekenntnis geworden, hat die Bekenntnislogik sich gebildet.
In welcher Beziehung stehen die Sünde Adams, die Sünde der Welt und die Sünde wider den Heiligen Geist?
Die Figur des Kleinbürgers, in der nach Walter Benjamin Teufel und arme Seele konvergieren, ist nicht vergangen, sondern mit dem Faschismus universal geworden. Das war der Modernisierungsschub, der ökonomisch abzuleiten wäre. Wäre nicht aus der Logik des Kapitals, aus der gegenwärtigen Entwicklung ihrer Strukturen, sowohl die gegenwärtige Renaissance der Bekenntniskriege (der Weltanschauungs- und Vernichtungskriege) wie auch die eklatante Unfähigkeit der politischen Institutionen, das was hier vor sich geht, zu begreifen und konstruktiv zu bearbeiten, abzuleiten? Hinweis: Ist nicht alle Ökonomie (aufgrund der Währungshoheit der Staaten) Nationalökonomie, die im Außernationalen ihre „Natur“ vor sich hat, die Hegel zufolge den Begriff nicht halten kann, d.h. der staatlichen Herrschaftslogik sich entzieht? Dringen über die Internationalisierung des Marktes Naturverhältnisse in die Ökonomie ein, die zur Machtanarchie keine Alternative mehr zuläßt? (Paradigma: Hat sich nicht das Militär im Golfkrieg und jetzt in der Jugoslawienkrise als ohnmächtig und hilflos erwiesen, und zwar aus strukturellen, mit institutionellen Mitteln nicht zu behebenden Ursachen?)
In einer Welt, die ohne Rest von den Marktmechanismen, vom Wertgesetz, so durchdrungen wird, daß sie auch die Politik (und ihre Grundlage: eine funktionierende Öffentlichkeit), wie das schwarze Loch jegliche Strahlung, in sich aufsaugen, wird auch die Sprache in den Strudel mit hereingerissen, die allein fähig wäre, das, was hier sich zuträgt, zu begreifen.
Privatfernsehen: Wenn Information zur Unterhaltung wird, übernimmt Unterhaltung die Rolle der Information (Politiker wissen das; die Konsequenz, die sie daraus ziehen, heißt Imagepflege).
Kritik der Wissenschaft ist Kritik der Verwaltungswissenschaft, der Versuch, Erkenntnis hinter dem Rücken in eine im Angesicht zu transformieren.
Unsterblichkeitslehre: Das Präsens ist die Gegenwart unterm Primat der Selbsterhaltung.
Gerechter Preis/gerechter Lohn: Woher kommt es, daß Europäer die festgelegten Preise in Schaufenstern, Warenlisten, auf Werbeprospekten nicht nur als vorgegeben und feststehend, sondern auch als „gerecht“ anzusehen geneigt sind, während sie in „orientalischen“ Bazaren, in den gehandelt und gefeilscht wird, das Gefühl nicht loswerden, belogen und betrogen zu werden? Liegt nicht in der kapitalistischen Preisgestaltung (entgegen der Theorie, die außer denen, die sie anwenden, niemand ernst zu nehmen scheint, und deren katastrophische Folgen, nämlich im Falle des Konkurses, genau die trifft, denen man sie permanent ausredet: daß der Preis auf dem Markt, durch Angebot und Nachfrage, sich bestimmt) die Suggestion, die Preise seien kalkulatorisch begründbar: Ausdruck der Erstellungskosten? Darin steckt das Bewußtsein, daß erst mit der Subsumtion der Arbeit unters Tauschprinzip (der differentia specifica des Kapitalismus) für den Preis ein Maß gefunden worden ist, das einer objektiven Überprüfung offensteht. Der Preis entspricht dem „Wert“, und der ist gleiche Weise „objektiv“ wie das Gewicht eines materiellen Dings (dessen Logik in ihm sich reproduziert: Liegt hier, in der Beziehung des Wertgesetzes zur Gravitation, der Grund der logischen Affinität des Staates zur Astronomie?). -
23.3.1995
Prima philosophia: Auch die Ontologie gründet in der Ethik, nur ist diese eine Ethik der in der Ohnmacht gründenden Passivität, eine Ethik der Nicht-Handelnden, der Herren und der Zuschauer.
Auf das homologein, das die Theologie mit Bekennen übersetzt, bezieht sich das Gleichnis von den Talenten: Das kirchliche Glaubensbekenntnis ist das vergrabene Talent. Dieses Vergraben ist ein anderer Ausdruck für eine Theologie hinter dem Rücken Gottes.
Mizrajim ist ein Bruder Kanaans, beide sind Söhne des Ham.
Die Distanz zum Objekt ist vermittelt durch die Distanz, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt: Ein Beispiel hierfür ist der Film, die logische Konstellation Regisseur, Schauspieler, Zuschauer, die auf seinen genetischen Zusammenhang mit der Logik der Schrift zurückweist. Gehört nicht zum „Star“ die diesen Zusammenhang konstituierende kopernikanische Konstellation? Der Film gehört in jene „Sphäre“, die Hegel von der des Lichts noch unterscheidet: die seiner „Fortpflanzung im Raum“, die durch die kopernikanische Wende begründet wird.
„Es gibt einen Stamm, dessen Angehörige sich für unsichtbar halten: Die Ethnographischen Filmer: Wenn sie, mit Maschinen beladen, Kabel hinter sich herschleifend, einen Raum betreten, in dem ein Fest gefeiert wird, in dem Kranke geheilt oder Tote betrauert werden, dann bilden sie sich ein, sie würden nicht bemerkt …“ (Eliot Weinberger: Die Kamera-Menschen, Lettre Heft 28, I. Vj, 95, S. 62): Gehört nicht die ganze zivilisierte Welt zu diesem Stamm; sind nicht Film und Fernsehen ihre Initiationsrituale? Was hier offenkundig wird, die endgültige Trennung der optischen von der sprachlichen Kommunikation, hat mit der kopernikanischen Wende, dem astronomischen Ursprung des Inertialsystems, begonnen. Die Monologisierung der Kommunikation, die mit der Schrift begonnen hat, wird im Fernsehen vollendet. Die Entwicklung vom Leser, der den Dialog mit dem Autor verinnerlichte, zum Zuschauer, der dieses Dialogs nicht mehr mächtig, dem Bild ohnmächtig und hilflos preisgegeben ist, ist ein Beleg für das Hegelsche Theorem vom Umschlag von Quantität in Qualität. Fernsehen ist atheistisch; das „Wort zum Sonntag“ liefert den allwöchentlichen Beweis.
Das Fernsehen ist ein Instrument der Vergesellschaftung jener Situation, die Edgar Morin einmal so beschrieben (und dann u.a. im Bilde des entwaffneten SS-Manns erläutert) hat: „Die Passivität des Zuschauers, seine Ohnmacht, versetzen ihn in eine verhältnismäßig regressive Situation: …, wir alle werden sentimental, empfindsam, wehleidig, wenn wir unserer Aktionsmöglichkeiten beraubt werden.“ (Der Mensch und das Kino, Stuttgart 1958, S. 109). Zum Film als gesellschaftliches Reflexionsmedium vgl. auch Eliot Weinberger: „Die Kamera-Menschen“ (Lettre Nr. 28) und Christina von Braun „Nicht-Ich“.
Der Raum exiliert die Dinge aus der Gegenwart, er ist der Feuerofen, in dem das sinnlich Gegenwärtige zur Asche verbrennt.
Das Freund-Feind-Denken schafft klare Fronten, aber es verwirrt die Urteilskraft. Wer kann noch sicher sein, daß die Freunde wirklich Freunde sind? Das Freund-Feind-Denken ist der Infektionsherd der Paranoia.
War nicht der Streit um die homousia ein Streit um die Möglichkeit des Selbstbewußtseins in einer imperialen Gesellschaft? Die symbiotische Teilhabe am Caesarismus war der Ursprungspunkt der Geschichte der Vergesellschaftung von Herrschaft. In diesem Kontext ist die Theologie zu einer Phase in der Geschichte der Aufklärung geworden.
Nicht Gott ist empfindlich, sondern die Gläubigen sind es. Der zweckrationale Kern des Glaubens ist die Idee des Absoluten, das Medium der Hybris in der Theologie.
Die Kritik der Religion und ihrer Grundlagen ist so weit in die Religion hineinzutreiben, bis sie sich in einer vom Angesicht Gottes erleuchteten Welt wiederfindet. Das wäre zugleich die Lösung des Rätsels der Apokalypse.
Findet der Blochsche Satz über die Guten und die Bösen am Ende des Geistes der Utopie nicht seine Auflösung in dem Satz vom Binden und Lösen?
Wenn das Subjekt der Welt das Tier ist, was hat es dann zu bedeuten, wenn die Schlange das klügste aller Tiere ist?
Die Welt brennt: Sie hat sich an den steinernen Herzen entzündet.
Memoria passionis: Das heißt unfähig werden, das wahrgenommene Leiden anderer zu verdrängen. Das aber ist der Ursprungspunkt der Sensibilität, nicht der Empfindlichkeit.
Das Prinzip des Wissens gründet in der Konvertibilität des vergangenen Sehens mit dem Sehen der Anderen. Bezieht sich hierauf nicht der Satz: „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“?
Durch welche logische Konstruktion wurde das hebräische Perfekt in das griechische Perfekt umgeformt?
„Denn während Juden Zeichen fordern und Griechen nach Weisheit fragen, predigen wir Christus den Gekreuzigten, für Juden ein Ärgernis, für Heiden aber eine Torheit, für die Berufenen selbst aber, sowohl Juden als Griechen, Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.“ (1 Kor 122ff) Hat dieses „Ärgernis“ etwas mit den Ärgernissen in Mt 187 u. Lk 171f zu tun? Stehen die Sätze nicht in einer inversen Beziehung zueinander: gilt das Wehe in den Evangelien-Texten dem Wir im Paulusbrief?
Wodurch unterscheiden sich die Präfixe von den Suffixen? Kann es sein, daß, während die Präfixe auf räumliche Beziehungen sich erstrecken (und mit der Entfaltung der Raumvorstellung sich differenzieren), im Ursprung und in der Funktion der Suffixe die fortschreitende Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit sich ausdrückt? So werden die indogermanischen Formen der Flexion durch Suffixe ausgedrückt (die in den modernen Sprachen dann weithin durch Hilfsverben ersetzt werden), während die semitischen Flexionsformen in der Vokalisierung sich manifestieren.
Sein und Haben beziehen sich auf Perfektbildungen (auf die Vollendung der Vergangenheitsform), und zwar das Sein auf die reflexive, das Haben auf die objektbezogene Pefektbildung: Ich bin geworden, und Ich bin gewesen, aber Ich habe getan (und Ich habe gehört und Ich habe gesehen). Vgl. die Sequenz: Ich habe getan, ich bin schuldig geworden und ich schäme mich.
Die Scham führt in die Isolationshaft des Gesehenwerdens: man erfährt sich als Objekt des Wissens anderer; der Schutz der Privatsphäre ist der Schutz vor diesem Zum-Objekt-des-Wissens-anderer-Werden. Die Materie ist die aufgedeckte Scham der Dinge (sie gehört zu den nackten Tatsachen).
Ohne Ansehen der Person: Schließt das nicht die Kritik der Person als des Repräsentanten der Welt im Subjekt (dem Äquivalent des Dingbegriffs) mit ein, eine Kritik, die den Vorrang des Angesichts wiederherzustellen sucht.
Die Entsühnung der Welt, das Hinwegnehmen der Sünden der Welt, steht in der Tradition des Alexander, der den Knoten nur durchschlagen, nicht gelöst hat.
Die Beziehung der Sprache zum Objekt ist nicht nur eine äußerliche; diese Äußerlichkeit ist vielmehr in sich selber sprachlich vermittelt. Während es in der Philosophie die subjektiven Formen der Anschauung sind, ist es in der Theologie die Bekenntnislogik (und in ihr insbesondere deren opfertheologischer Grund), denen die Trennung beider sich verdankt. (Legitimation des Bestehenden, Theologie hinter dem Rücken Gottes, Konstitution des Weltbegriffs durchs Konzept der „Entsühnung der Welt“, Vorrang der Anschauung, Name und Begriff) -
19.3.1995
Der Turm von Babel wurde gebaut, um „sich einen Namen zu machen“, der Tempel in Jerusalem hingegen, um dem Namen Gottes ein Haus zu bauen. Ist es nicht der Begriff, mit dem die Menschen „sich einen Namen machen“?
Welche Abstraktionsschritte sind nötig zur Bildung des Zahlbegriffs?
Erbaulichkeit und Trost: Der Trost, den das Erbauliche spendet, ist ein exkulpierender Trost. Er bedient sich des Schuldverschubsystems, um von „Schuldgefühlen“ zu befreien. Damit hängt es zusammen, wenn die erbauliche Schriftinterpretation ohne Antisemitismus nicht zu haben ist.
War nicht die Fixierung des „Kenntnisstandes“ des Gerichts am Anfang des Hogefeld-Prozesses die Selbstlegitimation einer massiven Vorverurteilung, eine Verurteilung ohne die Notwendigkeit, das Urteil durch sorgfältige Beweisführung begründen und absichern zu müssen. Hier wurden die synthetischen Urteile apriori festgezurrt, unter die die Angeklagte vor jeder Beweisführung, nur aufgrund der transzendentalen Logik des gerichtlichen Vorurteils, zu subsumieren war. Das Ansinnen, sich mit der Sache selbst noch einmal auseinanderzusetzen, war damit vom Tisch gewischt; jedes Argument der Verteidigung, das in diese Richtung ging, galt danach als Versuch einer Prozeßverzögerung. Dazu paßt der Eindruck, den das Verfahren selber im Beobachter hervorruft: Durch Mimik, Gestus und Ton geben Gericht und Staatsanwalt zu erkennen, wie lästig ihnen die Verteidigung ist, so als beruhe deren Anwesenheit (wie auch die der Prozeßbesucher, die man dann auch durch entwürdigende Eingangskontrollen abzuschrecken versucht) auf eigentlich nicht mehr recht einsichtigen formalen Verfahrensvorschriften, an die man sich leider halten muß.
Haben früher einmal die Taten der raf dazu beigetragen, ihre eigenen Ziele und Motive, und damit auch deren öffentliche Diskussion, zu diskriminieren, so scheint sich heute das Blatt zu wenden: Das rigide Vorgehen gegen Mitglieder der raf in Verfahren, mit denen man nur noch zu testen scheint, was der Öffentlichkeit heute alles zugemutet werden kann, erzwingt geradezu die Reflexion auf die so massiv verdrängten Intentionen der raf, indem sie beginnt, die Weigerung, diesen Diskurs aufzunehmen, unter einen moralischen Rechtfertigungsdruck zu setzen.
Was Auschwitz und den Nationalsozialismus von allem Vergleichbaren bis in die Gegenwart hinein unterscheidet, scheint darin zu liegen, daß hier erstmals die nationale Paranoia die Mordlust zur vorgeschriebenen Staatsgesinnung gemacht hat. Was bei anderen totalitären Systemen (im Stalinismus wie in den Militärdiktaturen) als ein nicht intendierter Nebeneffekt erscheint, ist im Nationalsozialismus (und in den nachfolgenden rechtsradikalen Gruppierungen) zum Kern der Sache geworden: Ausdruck dessen sind der Antisemitismus und allgemein die Xenophobie (die eigentlich Manifestationen einer Gewissensphobie sind: Vorstufe dieser Gewissensphobie ist die merkwürdige Beziehung der Deutschen zum „Ausland“, das heute im seelischen Haushalt der Deutschen die Stelle einzunehmen scheint, an der in Zeiten, in denen das Moralische das Sich-von-selbst-Verstehende war, das Gewissen seinen Platz hatte).
Beitrag zur Logik der Schrift: Ist nicht das Verfahren der Pseudepigraphie eines der Delegation: Man möchte für das, was man schreibt, nicht selbst die Verantwortung übernehmen? Und waren nicht die Fälschungen im Mittelalter schon ein Werk der List der Vernunft, Reflex des gleichen Problems, das am Ende im Problem des kontrafaktischen Urteils sich manifestiert?
Kosmologie, Erkenntnis- und Gesellschaftskritik: Die Verinnerlichung des Schicksals (Ursprung des Begriffs) und die Verinnerlichung der Scham (Ursprung des Inertialsystems) waren ebensosehr objektive wie subjektive Prozesse. Bezeichnen nicht Sem, Japhet und Ham auch welthistorische Knotenpunkte? Und sind nicht die apokalyptischen Tiere Gestalten des Weltgeistes (und der Weltgeist selber die Schlange, die „das klügste aller Tiere“ war)?
Apokalypse: die Ermittlung und Deutung der Träume der Herrschenden (Nebukadnezars). Nebukadnezar hatte einen Traum, den er aber vergessen hatte, und den Daniel, um ihn deuten zu können, erst finden muß: Die Hegelsche Logik ist dieser Traum; sie ist die Wahrheit, die Hegel verborgen geblieben ist, als Traum. Wäre nicht das Freudsche Verfahren der Traumdeutung dahin zu korrigieren, daß nicht Träume ihre eigene Logik haben, sondern daß die Logik das Material bildet, aus dem die Träume sind? Ohne Logik gäbe es keine Träume: Die Logik ist der Schlaf der Sprache und insofern der Ursprungsort der Träume. Und war nicht die mathematische Logik das Vergessen dieses Traums (Modell des traumlos gewordenen Schlafs)? Verweisen nicht gerade die Elemente der Logik, von denen die mathematische Logik abstrahiert, auf ihre Beziehung zum Traum: das Subjekt und der Grund?
Die Orthodoxie ist das Mahnmal der heute in sich selber zur Unkenntlichkeit entstellten Erinnerung an das, was die Mathematik, als sie die Orthogonalität entdeckte, verdrängen mußte.
Wie hängen die sieben Sakramente, die sieben Planeten, die sieben Schöpfungstage und die sieben Siegel miteinander zusammen? Verweist nicht das Siegel auf den Namen: Es war einmal Unterschrift und Signum der Person zugleich. So war mit dem Siebentage-Werk die Welt auf den Namen Gottes versiegelt. Im Namen Beerscheba ist beides enthalten: die Sieben und der Schwur (vgl. hierzu die Siebener-Gruppen in der Johannes-Offenbarung). -
16.3.1995
Abgeschlossen und vollendet („perfekt“) ist im Indogermanischen nur die Vergangenheit. Das ist der Grund des Neutrum, der indogermanischen Formen der Konjugation, die an den Zeitablauf sich anlehnen, und nur so, nicht mehr unmittelbar, aufs Handeln sich beziehen, und der Steigerungsformen der Adjektive. Hier entspringt das Verdinglichungsgesetz, das dann als Inertialsystem von der Sprache sich ablöst, sie als „leeres, gereinigtes und geschmücktes Haus“ (als Ort der sieben unreinen Geister) zurückläßt.
Die Wirkung dieses Verdinglichungsgesetzes hängt mit der Funktion und Bedeutung des Begriffs Sühne zusammen. Die Bemerkung eines (amerikanischen) Zeugen im Prozeß gegen Birgit Hogefeld (am 14.03.95), er habe mit seiner (offensichtlich falschen) Aussage „der Regierung und dem Recht“ einen Dienst erweisen wollen, verweist auf eine Logik, in deren Kern ein Begriff der Sühne steht, der fürs Strafrecht insgesamt grundlegend ist (und das Strafrecht mit der Logik des Objektivationsprozesses, mit der er durch den Begriff des Urteils verknüpft ist, verbindet). Dieser Logik liegt die Vorstellung einer gleichsam reinigenden Kraft der Sühne zugrunde. Hiernach hat die Sühne (und auf ihrem Grunde das Strafrecht) eine hygienische Funktion für den Gesellschaftskörper (Element einer Logik, zu deren wahnhaften Konsequenzen der Antisemitismus gehört, der u.a. dazu diente, die Sühne-Logik des Strafrechts gegen jede Anfechtung durch Empathie, durch Identifikation mit dem Angeklagten, abzuschirmen und zu stützen).
Die Sühne-Logik konstituiert das Kausalprinzip in der sittlichen Welt (im Rahmen dieser Logik ist der Antisemitismus die Atomphysik des zugehörigen Welt- und Gesellschaftsbildes, zu dem u.a. auch der Begriff des Volkes gehört, der die Gesellschaft als Schicksalsgemeinschaft definiert, deren mythischer Kern in der Sühne-Logik gründet). Die Sühne-Logik ist eine völkische Logik.
Das „Entsühnungs“-Konzept (die Entsühnung der Welt durch den Kreuzestod Jesu, Grund der Opfertheologie) hat den historischen Säkularisationsprozeß in der Theologie eröffnet; es ist u.a. eine Voraussetzung des Begriffs der Materie. Und es ist dieses Konzept, das dem Schein eine wesenskonstituierende Funktion gibt, und zu dessen eigenen Konstituentien die Hegelsche „List der Vernunft“ gehört (vg. Hegels Logik). Aber dieses Konzept zerstört zugleich – zwar schon in ihrer theologischen Fassung, in der mit ihr verbundenen Gottesvorstellung – die Idee der Barmherzigkeit in der Wurzel.
Die Sühnelogik ist die Logik des Schuldverschubsystems, die auch die Bekenntnislogik mit ihren speziellen (Feigenblatt-)Effekten begründet. -
12.3.1995
Welche Anlässe für die Verfolgung Jesu werden in den Evangelien berichtet, und wer verfolgt in wessen Namen oder Auftrag wen in der Apostelgeschichte?
Wer über andere redet, ist zu feige, mit anderen zu reden.
Hegels Bemerkung über den Namen der Geschichte verweist darauf, daß es Geschichte nur als objektivierte Geschichte gibt.
Gehören zu den Visionen die Engel, die sie erläutern?
Der Ursprung des Inertialsystems liegt im Andern, in mir nur insoweit, als ich für Andere ein Anderer bin. Und in den subjektiven Formen der Anschauung, seiner Repräsentanz im Subjekt, ist die ganze Herrschaftsgeschichte enthalten. Im Kontext der Anschauung wird alles zur Erscheinung (zum Objekt und zur Grundlage von Herrschaft).
Die synthetischen Urteile apriori sind Urteile der Andern, die keines Beweises mehr bedürfen, weil ich selbst für Andere ein Anderer bin (weil ich sie selbst vor mir bezeuge). Modell der synthetischen Urteile apriori ist die aristotelische noesis noeseos.
Der Idealismus in jeder Gestalt (der seine Wurzeln in der Mathematik hat) ist der Versuch, den Rechtsbegriff einer Wahrheit zu definieren, die keines Zeugen mehr bedarf.
Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand: Das Ideal jedes Anklägers ist der Apriori-Beweis (der Indizienbeweis aus reiner Vernunft), dessen transzendentales Subjekt der Staat ist (systemlogischer Grund des Titels Staatsanwalt). Anklageschriften und Plädoyers in Staatsschutzprozessen kommen dem nahe. Wie hängt dieser Apriori-Beweis mit dem Stellenwert und der Logik der Gemeinheit im Recht zusammen?
Ist nicht der Apriori-Beweis der idealistische Erzeugungsbeweis? Der Begriff der Erzeugung ist der Erbe der neuplatonischen Emanation; zwischen beiden liegen der Ursprung und die Geschichte der Naturwissenschaften und die transzendentale Logik.
Unzuchtsbecher der Hure Babylon: War nicht der Hexenwahn eine projektiv verdinglichte Gestalt der Erkenntniskritik, und insoweit ein Vorläufer des modernen Fundamentalismus?
Zielt das „et ne nos inducas in tentationem“ nicht auch auf den Historismus und die Naturwissenschaften (auf den historischen Objektivationsprozeß)?
Bezogen auf die Totalität der mathematischen Naturwissenschaften gibt es nur drei empirische Tatbestände:
– die Dreidimensionalität des Raumes,
– das Gravitationsgesetz und die Gravitationskonstante und
– die Lichtgeschwindigkeit und das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit.
Liegen nicht die Wurzeln dieser drei empirischen Totalitätsbestimmungen in der ersten: in der Dreidimensionalität des Raumes, in seiner Beziehung zur Zeit? Bezeichnen sie nicht Abstraktionsstufen, die in der Struktur des Raumes vorgezeichnet sind? Insgesamt weisen alle drei zurück auf den „ursprünglichen“ Abstraktionsschritt: auf die Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit.
Zum Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit: Niemand kann über seinen eigenen Schatten springen, niemand kann sich selbst überholen, und niemand kann hinter seinen eigenen Rücken gelangen.
Gehört dieser erste Abstraktionsschritt zum siebten Siegel, mit dessen Lösung die der sechs anderen, die auf die Richtungen des Raumes sich beziehen, beginnt; liegt hier der Knoten, den Alexander nur durchschlagen hat (Joch und Last: ihre Identifikation gehört zu den Wurzeln des Staates, während die Erkenntnis ihrer Asymmetrie die Prophetie freisetzt)?
Die Objektivation des Vergangenen, und damit die Konstitution des Objektbegriffs überhaupt, gelingt nur im Kontext der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit. So stützen der Historismus und die Objektivation der Natur sich gegenseitig. Genau an dieser Stelle wird die Gotteserkenntnis storniert. Erst mit der Umkehr dieser Logik: mit der Erinnerung des Unabgegoltenen in der Vergangenheit (des nicht aufgehobenen Unrechts, des unabgegoltenen Leidens und der unerfüllten Verheißungen), mit dem Blick der Barmherzigkeit, löst sich der Bann. Hier liegt das von der Orthodoxie bisher nur vergrabene Talent.
Der Begriff der Sünde der Welt bezeichnet genau diesen Zusammenhang der Objektivation des Vergangenen mit der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit. Die Sünde der Welt auf sich nehmen (nicht hinwegnehmen), das ist die Voraussetzung der Lösung der sieben Siegel; hierauf bezieht sich das Wort vom Binden und Lösen. Auf dieses Konzept der Rettung der vergangenen Zukunft beziehen sich die drei evangelischen Räte.
Erinnerungsarbeit: Das Gottsuchen befreit Kräfte, die in die Vergangenheit wirken, sie in die Gegenwart holen.
Paulus hat die sieben Siegel zu Archonten, zu Elementargeistern gemacht. Das Werk Jesu endete mit dem Kreuzestod, das des Paulus begann mit dem Mord des Stephanus. Paulus mag ein Instrument der Vorsehung gewesen sein, aber das Nachfolgegebot bezieht sich nicht auf ihn, sondern auf Jesus den Nazoräer.
Die Geschichte der Aufklärung, an der die Theologiegeschichte seit den Kirchenvätern ihren Anteil hat, war ein Instrument der Instrumentalisierung, der Verdinglichung, die sie durch den Objektivationsprozeß bewußtlos weitergetrieben hat (und noch weitertreibt). Auf diesen Prozeß antwortet die gottsuchende Theologie mit dem verteidigenden, dem parakletischen Denken. Bezieht sich nicht hierauf das Wort von der Sünde wider den Heiligen Geist, die weder in dieser noch in der zukünftigen Welt vergeben werden kann? Verteidigendes Denken sprengt den Bann des instrumentalisierenden Denkens: begründet die Geistesgegenwart der Prophetie. -
9.3.1995
Umkehr: Die Frage ist nicht, ob man nach Auschwitz noch beten kann, sondern was es heißt, nach Auschwitz zu beten. In der heutigen Morgenpredigt, in der der Theologe die Frage von J.B. Metz zitierte, wurde die Frage nach Versöhnung an das Opfer statt an die Täter gerichtet. Und den Opfern, nicht den Täter wurde Verhärtung, die Versteinerung der Herzen unterstellt. Vgl. aber Mk 1125 und Mt 524. Steht unsere Theologie sich hier nicht selber im blinden Fleck?
Nicht eine narrative Theologie – die Zeit des Erzählens ist vorbei -, sondern begreifen, daß in der Haggada die Prophetie sich verbirgt.
Verhalten sich nicht die Naturwissenschaften zur Wahrheit wie das Recht zur Gerechtigkeit? Darin ist die Notwendigkeit einer Kritik der Naturwissenschaft begründet.
Anmerkung zu Heinsohn: Gibt es nicht auch einen islamischen Antisemitismus, mit gleichem Effekt, aber ohne Menschenopfertradition?
Was bedeutet es eigentlich,
– wenn die Hure Rahab die Kundschafter des Jesus (wie Flavius Josephus den Josue nennt) vor der xenophoben Verfolgung durch den König von Jericho schützt,
– wenn die Tamar durch den Verkehr mit dem Schwiegervater den Stammbaum Davids und Jesu begründet,
– wenn Jericho gegen das Verbot, es wieder aufzubauen, nur wieder aufgebaut werden kann durch das Opfer des Erstgeborenen und des Jüngsten?
Die Sekten sind die letzte Gestalt der Häresie. Sie erinnert die Kirche daran, daß sie endlich die Apokalypse begreift und sie denen entreißt, die sie als Angstgenerator benutzen, um die Schäflein in ihre eigenen profitablen Hürden zu treiben. Es gibt fatale Ähnlichkeiten (bis hin zur Identität) heute zwischen den Methoden, mit denen Sekten neue Mitglieder werben, und der Kundenwerbung unseriöser Wirtschaftsunternehmen.
Sind nicht die theologischen Mucken der Waren die Geschäftsgrundlage der Sekten; und sind sie nicht solange wirksam, wie sie nicht in die theologische Reflexion mit aufgenommen werden?
Ebenso wie das Selbsterhaltungsprinzip und das Eigeninteresse ist auch das Inertialsystem ein Vorurteilsgenerator und eine Verdrängungsmaschine. Der naturwissenschaftliche Blick auf die Dinge gründet in einer Tradition, die in den Naturwissenschaften sich vollendet: in der Tradition der Anschauung. Fällt dieser Blick nicht unter das Ezechiel-Wort: „Mein Auge soll nicht gütig blicken, und ich will mich nicht erbarmen“ (Ez 818 u.a.).
Ist nicht durch die kleine Differenz, die das Anschauen vom Schauen, von der Vision, unterscheidet, indem sie das Schauen von seinem sprachlichen Grund trennt, der Quellpunkt der Unbarmherzigkeit? Ist nicht das Anschauen der mitleidlose, nur dem Eigeninteresse gehorchende Blick? Die Anschauung Gottes macht Ihn verstummen; sie macht den Anschauenden blind und lähmt ihn.
Das Anschauen ruft, mit der Objektivation des Angeschauten, hinter seinem Rücken die „Form der Anschauung“: den Kelch (den Taumelbecher, den Kelch des göttlichen Zorns und den Unzuchtbecher) hervor. Die durch die Form der Anschauung veränderte Sprache ist der Inhalt des Kelchs. Während nur fürs Schauen der „Himmel sich öffnet“, ist es das Anschauen, das ihn verschließt. Die „Wörtlichkeit“ des Fundamentalismus steht (seit dem „ad litteram“ des augustinischen Genesis-Kommentars) unter dem Bann (den Gesetz) dieses Anschauens (des Kelchs). Paulus, der nicht den Himmel offen sah, sondern „in den dritten Himmel entrückt“ war, steht am Anfang, an der Wasserscheide dieser Geschichte. War nicht Stephanus, an dessen Mord Saulus beteiligt war, der Letzte, der den Himmel offen (und „den Sohn des Menschen zur Rechten Gottes“) sah (Apg 755)? War der Mord an Stephanus (dessen am zweiten Weihnachtstag gedacht wird) das Zwischenglied zwischen dem Kreuzestod und der Opfertheologie?
Hat das Präfix Er- in Begriffen wie „Erscheinung“ etwas mit dem Personalpronomen der dritten Person m. sing. zu tun? Im Begriff der Erscheinung steckt die Reflexionsbeziehung zu den Formen der Anschauung mit drin.
Bezeichnet nicht der Begriff der Weltanschauung den Unzuchtsbecher? Gegenstand der Anschauung ist das Naturobjekt; so macht die Weltanschauung die Welt zu einem Naturobjekt, damit aber zu einem Herrschaftsobjekt. Jede Weltanschauung ist ihrer eigenen Logik nach ein Instrument der Weltherrschaft (mit ebenso destruktiven wie nekrophilen Konsequenzen: nicht zufällig war der erste „Weltanschauungskrieg“, der gegen „den Bolschewismus“, ein Vernichtungskrieg).
Karl Kraus hat einmal auf die Beziehungen zwischen der Phrase und ihren blutigen Folgen hingewiesen. Die schlimmsten Dinge künden sich in der Sprache an, und wer die nötige Sensibilität besitzt, nimmt sie wahr, bevor sie eintreten (Beispiel: die „Dritte Walpurgisnacht“ von Karl Kraus). Wäre nicht endlich das homologein aus seiner verdinglichten Bindung ans „Bekenntnis“ herauszulösen und als Sprachsensibilität zu begreifen? Das „Bekenntnis des Namens“ wird so zum Inbegriff der Nachfolge. Im Namen wird der Indikativ zum Imperativ, das Sein zum Handeln, die Ontologie zur Ethik. Im Namen gründet die eingreifende Qualität der Erkenntnis, durch die sie über das Wissen hinausweist. Diese Erkenntnis begnügt sich nicht mehr mit „überzeitlichen Wahrheiten“, sie sucht in den Zeitkern der Wahrheit einzudringen, in dem sie Anteil an der Prophetie gewinnt. Das ist in der Schrift mit Gotteserkenntnis gemeint, die so mit der Erfüllung des Worts konvergiert. Ihr Organ wäre eine Theologie, die frei im Angesicht Gottes statt unter den von der Welt aufgezwungenen Rechtfertigungszwängen hinter seinem Rücken sich bewegt. Hierauf bezieht sich das Wort vom Binden und Lösen (Mt 1619 und 1818).
Die Söhne Leas (der Kuh) waren Ruben, Simon, Levi, Juda, Issachar und Sebulon, die Söhne Rahels (des Mutterschafs): Josef und Benjamin.
Jericho: Welcher König hat Jericho wieder aufgebaut, und kommt in den Evangelien, außer in der Geschichte vom barmherzigen Samariter, Jericho noch einmal vor?
Zwei Stellen aus Büchners „Lenz“:
– „Aber ich, wär ich allmächtig, sehen Sie, wenn ich so wäre, ich könnte das Leiden nicht ertragen, ich würde retten, retten“ (S. 106) und
– „… und mit dem Lachen griff der Atheismus in ihn und faßte ihn ganz sicher und ruhig und fest“ (S. 100).
Was Hegel so gelassen niederschreibt: Das Eine ist das Andere des Anderen, ohne die Gewalt dieses Andersseins zu reflektieren, führt genau in den leeren Kern des Weltbegriffs (in das darin sich reflektierende Verhältnis von Lachen und Schrecken). Die Dialektik von Lachen und Schrecken läßt sich an der Ästhetik des modernen Kirchenbaus demonstrieren, wenn im Innern die Ornamente und die Fresken verschwinden und die Außenwand nach innen gekehrt wird, so als wäre die Differenz der kirchlichen Innenwelt gegen die Außenwelt (gegen Ökonomie und gegen die durch Naturbeherrschung definierte Natur) aufgehoben, die Außenwelt zur alles beherrschenden Macht geworden.
Die Geschichte der Barmherzigkeit hat die zivilisationsbegleitende Phase, ihre Metamorphose in der Hysterie, mit Freud beendet, aber so, daß sie zu einer strukturellen Bestimmung der Objektivität selber geworden ist: Die Geschichte ist in ihre faschistischen Phase eingetreten. Nachdem die Hysterie in der Gestalt psychosomatischer Erkrankungen den Frauenkörper durchwandert hat, hat sie als Lüge die Dingwelt ergriffen. -
7.3.1995
Apologetik gibt es nur im Kontext der Bekenntnislogik, die von Grund auf dogmatisch strukturiert ist. Deshalb gibt es keine Apologetik ohne projektives Moment. Genau das ist der Knoten, der zu lösen wäre.
Fällt der theologische Gebrauch des Begriffs der Stellvertretung nicht auch unter den Satz von Rind und Esel (beruht er nicht auf der Verwechslung von Joch und Last)? Ich trage Mitschuld an den Sünden der andern, kann aber meine Sünden nicht andern anlasten. Bezieht sich darauf nicht der Begriff der Geiselhaft bei Levinas? Die Übersetzung von Joh 129, wonach das Lamm die „Sünden“ der Welt „hinweggenommen“ hat, beruht auf dieser Verwechslung: Das Lamm hat die Sünde der Welt auf sich genommen. Mit der kirchenüblichen Übersetzung ist ein Anfang gesetzt, dessen bitteres Ende Hitler war.
Die Kirchen sollten im Ernst ihren Erlösungsbegriff überprüfen. Wenn Luther die Söldner für rechtfertigungsfähig hält, wenn sie das, was sie tun, nur ohne egoistisches Interesse tun (sondern nur im Interesse der Wahrung der staatlichen Ordnung), wäre dann nicht auch Hitler der Rechtfertigung würdig?
Die kirchliche Erlösungslehre, das Konstrukt der „Entsühnung der Welt“ durch den Opfertod Jesu, hat dadurch, daß sie zur Entzauberung der Welt beigetragen hat, zugleich den Menschen aus der Welt, die unabhängig von ihm vorhanden ist, herauskomplimentiert, ihn eben dadurch aber auch an die Welt gebunden. Mit der kopernikanischen Wende wurde diese Logik auch auf die Natur ausgedehnt; an dieser Stelle entspringt der Dingbegriff (der apriorische Objektbegriff und der transzendentale Apparat). Heute, in der nachhegelschen Ära des Positivismus, wird das Subjekt aus dem Wissen herauskomplimentiert: verliert es seinen objektiven Grund. Alle drei Formen der Befreiung waren zugleich Formen der Bindung. Die ersten beiden Formen der Befreiung und Bindung konnten durch Vätertheologie und Scholastik theologisch aufgefangen werden, die dritte kann es nicht mehr. Zur dritten gehört die ergänzende Bemerkung, daß mit dem wachsenden Rechtfertigungsbedarf und -zwang auch das destruktive Potential der Bekenntnislogik wächst.
Ist nicht die Rechtfertigungslehre eine Emanation der apologetischen Logik (unter den veränderten weltgeschichtlichen Bedingungen der beginnenden Aufklärung)?
Heute morgen eine Notiz in der FR: Einige Prähistoriker beschweren sich darüber, daß die in den Schulen genutzten Lehrbücher nicht auf dem gegenwärtigen wissenschaftlichen Stand seien; so werde z.B. in einem Lehrbuch das Alter der Neandertaler mit 800 000 statt 600 000 Jahren angegeben. Sollten nicht, anstatt die „Ergebnisse“ zu dogmatisieren, die Methoden, die zu diesen Ergebnissen geführt haben, und die Kriterien, die der Ermittlung zugrundegelegt wurden, offengelegt und diskussionsfähig gehalten werden? Und gilt dieser Hinweis nicht auch für naturwissenschaftliche Theorien wie die über den Urknall, das Alter des Universums oder die „schwarzen Löcher“, ja eigentlich schon das Gravitationsgesetz, die Optik, die gesamte Atomistik?
Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand: Hört sie damit nicht auch auf, Gegenstand der Diskriminierung zu sein? und Läßt sich daraus nicht heute schon fast eine Rechtfertigung der Gemeinheit herleiten (insbesondere im Bereich der Strafrechtspflege: und hier vor allem in den Knästen und im Bereich der Staatsschutz-Rechtsprechung)? In welcher Beziehung steht dieser Tatbestand (und mit ihm das Recht insgesamt) zum Satz über Rind und Esel?
Gibt es nicht im Staatsschutzbereich bereits offenkundige Fälle der Komplizenschaft, der rechtlich nicht mehr überprüfbaren Zusammenarbeit von Staatsschutzsenaten, Bundesanwaltschaft, Bundeskriminalamt und den anderen Staatsschutzbehörden wie BND und Verfassungsschutz?
Führt nicht heute der Versuch, den Rechtsstaat mit Hilfe der Idee der Gerechtigkeit zu begründen, in unauflösbare Probleme?
Wäre es nicht aufschlußreich, wenn man einmal alle Geschichte, in denen Petrus, Jakobus und Johannes zusammen auftreten, sich anschauen würde (dazu gehören insbesondere die Verklärungsgeschichte und Getsemane)?
Unterscheidung des Ewigen vom Überzeitlichen: Wäre es nicht an der Zeit, den Schelerschen Titel („Die Idee des Ewigen“) daraufhin zu überprüfen?
Waren nicht die Tempel seit je realsymbolische Bilder des Himmels und zugleich Grabstätten des toten Gottes (hat die Eucharistie etwas mit den Pyramiden und den Pharaonen zu tun)?
Wenn heute die Neigung besteht, vorgeschichtliche Grabstätten und Begräbnisriten (bis hin zu den Pyramiden) als frühe Dokumente der Unsterblichkeitslehre anzusehen, wäre es dann nicht notwendig, auch den prähistorischen Kontext dieser Dokumente mit hereinzunehmen?
Tatsachenwissen ist fallbezogenes Wissen. Heute – und eigentlich gilt das schon für die Situation, in der Wittgenstein seinen logisch-philosophischen Traktat schrieb – ist der Fall nicht mehr ein Problem der Welt, sondern eines des Wissens.
Der Antijudaismus leugnet den Dank (den Namen Judas), der Antisemitismus die Kraft des Namens (den Namen Sems). Sind nicht beide Formen der Halsstarrigkeit, die die Schrift im Symbol des Esels sieht?
Ochs und Esel hat erst das Mittelalter der Krippe hinzugefügt; bei Matthäus sind es nur die Hirten, die zur Krippe eilen.
Erst mit der Trennung des Gebots von seiner Innenseite, von den göttlichen Verheißungen, wird die Last des Gebots zum Joch des Gesetzes. Es ist das gleiche Verhältnis, das die sinnliche Welt von der Welt der durchs Inertialsystem (durchs System der Naturgesetze) vermittelten „Erscheinungen“ trennt.
Eine sanfte Kritik an Emanuel Levinas: Die Attribute Gottes stehen sehr wohl im Indikativ, nur: dieser Indikativ ist ein Imperativ. -
5.3.1995
Keine Wand ohne Rückseite, oder: Bemerkung zur Bekenntnislogik (zu Jer 3134 und Kafkas Erzählung „Vor dem Gesetz“): Hat nicht jeder nur seinen eigenen Zugang zum Gesetz (zur Gotteserkenntnis)? Wer glaubt, einen allgemeinen Zugang gefunden zu haben und ihn allen anderen vorschreiben will, steht nicht nur selbst vor einer verschlossenen Tür, sondern versperrt sie auch für andere.
Von der Pflicht zur Gotteserkenntnis kann sich niemand freisprechen. Aber wer nach Gotteserkenntnis strebt, hat es auch mit der Wand zu tun, die die andern vorm Gesetz aufrichten, mit der sie allen den Zugang versperren. Unterscheidet sich nicht die philosophische von der mystischen Schöpfungslehre dadurch, daß, während diese mit dem vierten Tag endet, jene mit dem fünften beginnt? Die Welt, die Gott aus dem Nichts erschaffen hat, ist das große Seeungeheuer, das Tier aus dem Wasser (das Korrelat des hegelschen Absoluten). Und die Kirche in der Welt: das ist der Bauch des großen Fisches, der Jonas verschlungen hat. Die Gottesfurcht, die der Anfang der Weisheit ist, ist das Ende der Dummheit, die aus der Herrenfurcht stammt.
Der Rechtfertigungszwang, unter dem heute alle stehen, ist der Schatten von Auschwitz. Die Frage „Warum Auschwitz?“ setzt den historisierenden Blick voraus. Wichtiger wäre, den Schatten, den Auschwitz auf uns wirft, und der in diesem historisierenden Blick sich reproduziert, zu durchdringen. Der Schatten, den Auschwitz auf uns wirft, ist die Reflexion des Schattens, den das Subjekt in der Idee des Absoluten auf Gott wirft. Gehört nicht die Geschichte der Fälschungen zu den Ursprüngen (zur Selbstbegründung) und das kontrafaktische Urteil zum Ende (zur Selbstwiderlegung) des historisierenden Blicks, der objektivierenden Geschichtsschreibung (der Verdrängung des Bewußtseins, daß die Toten unsere Richter sein werden)? Steht das kontrafaktische Urteil in der Logik der Geschichtsschreibung an der Stelle, an der das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit – oder das der Identität von träger und schwerer Masse? – in der Logik der Naturwissenschaften steht? Sind die Geschichtsfälschungen säkularisierte Formen der Mystik (vgl. die Apokryphen, den Pseudodionysius und den Sohar)?
Die Idee des Ewigen schließt die Vergangenheit von sich aus; dadurch unterscheidet sie sich vom Begriff des Überzeitlichen, der unterm Primat der Vergangenheit steht. Die Idee des Ewigen hält die Vergangenheit offen, der Begriff des Überzeitlichen verschließt die Zukunft. Der Unterschied läßt sich sinnfällig machen am Verhältnis zur Prophetie: Im Licht des Ewigen ist die Prophetie nicht vergangen, sondern immer gegenwärtig: das Wort, das Gott durch die Propheten spricht und das auf seine Erfüllung (daß wir es hören und tun) wartet, während der Begriff des Überzeitlichen (der auf andere Inhalte, auf einen anderen Wahrheitsbegriff sich bezieht) an die Vorstellung anknüpft, daß die Prophetie in der Menschwerdung des Gottessohns sich erfüllt hat und daß sie für uns vergangen ist (als Unheilsprophetie nur noch auf die Juden sich bezieht, so als bestünde die Erlösung darin, daß Jesus uns gegen den Fluch des Gesetzes gleichsam abschirmt).
So konnte der Eindruck entstehen, daß die Prophetie als vergangene ohne Rest der historischen Forschung freigegeben sei, bis hin zum bibelwissenschaftlichen Mißbrauch des Gottesnamens, der zu einem unter vielen toten Götternamen geworden ist, die mit den Völkern, an die sie erinnern, der Vergangenheit angehören. So ist auch Israel am Ende zu einem toten Volk geworden, das noch nicht gemerkt hat, daß es sich selbst überlebt hat (und Hitler hat nur versucht, dieses „Urteil der Geschichte“ an den Juden vollstrecken). In diesen Zusammenhang gehört es, wenn in christlichen Texten der Name Israel von der Kirche usurpiert wird, während die Israeliten (wie für den Pharao und die Philister) für christliche Autoren wieder zu Hebräern geworden ist. Äquivalenzen: – Die Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit hat das Ungleichnamige gleichnamig gemacht:
– Stoß: vorn und hinten (Zerstörung des Angesichts),
– Gravitation: oben und unten (Aufhebung der Unterscheidung von Herrschaft und Religion, Zerstörung der Sprache, ihrer dialogischen Struktur durch die Schrift, Zerstörung des Namens),
– Lichtgeschwindigkeit: rechts und links (Trennung des richtenden Prinzips von der Barmherzigkeit, Ursprung des Feuers).
– Inertialsystem als Produkt der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit: Zerstörung des Lichts, des Namens, der Barmherzigkeit, insgesamt der sinnlichen Welt; Konstruktion des Totenreichs (Schattenreich, Scheol).
– Naturwissenschaft als Instrument der Legitimation des Bestehenden (Naturwissenschaft und Kapitalismuskritik).
– Das Gravitationsgesetz und die Vergesellschaftung von Herrschaft,
– die Elektrodynamik und der Zivilisationsbruch (Bedeutung des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit).
Der Name des Himmels:
– schamajim, Wasser und Feuer (Was und Wer), – die Feste (die Einheit des Was und Wer) und die Trennung der Wasser (oberhalb und unterhalb),
– Tierkreis und Planetensystem,
– Spiegelung des Himmels im Inertialsystem: die Todesgrenze im Namen des Himmels,
– Himmel als Buch, das Buch des Lebens (die nicht vergangene Vergangenheit), Jüngstes Gericht, „Weltuntergang“ als Entmächtigung des Begriffs und Befreiung der Namen (der verdrängten vergangenen Zukunft).
– Der neue Himmel und die neue Erde, die Auferstehung der Toten. Die Welt als System von Instrumentalisierungen (Selbsterhaltung im Kern des Weltbegriffs): Welt und Tier. Differenzierung im Begriff der Instrumentalisierung: Das Tier aus dem Meer und das Tier vom Lande. -
27.2.1995
Die Vision des Ezechiel hängt zweifellos nicht nur inhaltlich, sondern auch strukturell mit der Situation in der babylonischen Gefangenschaft zusammen, mit einer bestimmten Phase in der Geschichte der Prophetie. Mit dieser Vision gründet (und entspringt) auch die Apokalypse in der durch Babylon bezeichneten neuen Geschichtssituation, im Zeitalter der Weltreiche als Teil der Ursprungsgeschichte des Staats (und der Astronomie).
Die Sünde der Welt auf sich nehmen, heißt: den Staat und die Welt reflexionsfähig halten.
Das Inertialsystem ist die Materie, aus der das kreisende Flammenschwert geschmiedet ist. Es ist Produkt der Neutralisierung des Feuers, des Namens und des Angesichts.
Haben die „Gleichnisse“ Jesu mit dem „Bild und Gleichnis Gottes“ in der Schöpfungsgeschichte zu tun?
Sind nicht die Armut am brennenden Dornbusch (Ziehe deine Schuhe aus, …), der Gehorsam (das Hören) am Sinai und nur das Keuschheitsgebot apokalyptisch: in der Hure Babylon vorbezeichnet?
Haben Armut, Gehorsam und Keuschheit etwas mit Gottesfurcht, Umkehr und Nachfolge zu tun? Und ist nicht Nachfolge die Wahrheit des Bekenntnisses (von dem es nur durch die Umkehr getrennt ist), und insofern das Neue, das als Antwort auf den Ursprung des Weltbegriffs mit dem Christentum in die Welt gekommen ist? Und hängen nicht die drei Gestalten des Kelches: Zornesbecher, Taumelbecher und Unzuchtsbecher hiermit zusammen? Wie das Keuschheitsgebot auf den Unzuchtsbecher, so bezieht sich das Armutsgebot auf den Kelch des göttlichen Zorns und der Gehorsam auf den Taumelbecher.
Die Stämme, Völker, Nationen und Sprachen, sind das nicht die vier Formen der kollektiven Vergangenheit, die uns beherrschen?
Auch die entzauberte Welt steht noch unter einem Bann, aber es gibt keinen Weg zurück. Zu ergänzen ist: Mit der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit ist auch das Nach-vorne-Denken zur Regression geworden. Deshalb erinnert Hegels Idee des Absoluten an den Swinegel, an das „Ich bün all do“.
In Rosenzweigs „deus fortior me“ ist das me sehr wörtlich zu nehmen: als Ich, mit Vor- und Zuname.
Das Christentum hat aus Angst vor dem Feuer den Namen und das Angesicht geleugnet, sie durch den Begriff und die Person ersetzt. Wenn die Person zum Träger des Namens geworden ist, so ist darin das Vergessen des Namens schon mit eingebaut.
Das mystische Nu ist die Erinnerungspur des Zeitkerns der Wahrheit, des Mediums der Prophetie. Im kirchlichen Gebet erinnert nur noch das per saecula saeculorum an diesen Zeitkern der Wahrheit.
Aus dem Gefängnis der apologetischen Selbstbezogenheit und des theologischen Autismus ausbrechen (nach Rosenzweig hat Gott nicht die Religion, sondern die Welt erschaffen): Das geht nur unter dem Signum des Parakleten, des verteidigenden Denkens.
Im letzten Wahlkampf wurde man insbesondere aus Kreisen der christlichen Partei mit dem unverschämten Ansinnen behelligt, daß man von einer bestimmten Einkommenshöhe an eigentlich nur noch diese „christliche“ Partei wählen dürfe. Dieser Appell ans unmittelbare Eigeninteresse (an die Solidarität des Klassenkampfs von oben), der im übrigen im deutschen Recht seine Stütze findet, ist er nicht die reale Verführung zur Sünde wider den heiligen Geist: Das verteidigende Denken wird als Verrat an den Zielen dieser Partei erfahren?
Droht nicht die Apologetik zum Greuel am heiligen Ort zu werden? Unterm Rechtfertigungszwang wird das Verteidigen vom Objekt aufs Subjekt (und auf die Gemeinschaft, durch die das Subjekt sich definiert) umgelenkt.
No pity for the poor: So heißt ein Kapitel in Adornos Untersuchung über die autoritäre Persönlichkeit. Gewinnt dieser Satz im Zeitalter der Schuldenkrise in der Dritten Welt nicht kosmischen Dimensionen?
Die mathematischen Naturwissenschaften sind die Erben des Dogmas geworden. Ihre legitimatorische Funktion für das Bestehende hat ihre Wurzeln im Dogmatisierungsprozeß, mit dem die Säkularisation in der Theologie begonnen hat (mit der opfertheologischen Objektivation und Instrumentalisierung des Kreuzestodes). Steht nicht dagegen das Wort: Ich bin gekommen, Feuer vom Himmel zu holen, und ich wollte, es brennte schon?
Wie hängt die Kritik der Naturwissenschaften, der politischen Ökonomie und der Bekenntnislogik mit den drei evangelischen Räten zusammen? Ist nicht die Abstraktionsgeschichte, der die Raumvorstellung sich verdankt, die Wurzel von allem; die Raumvorstellung als Verletzung des von Jesaia übermittelten Gebots zu Rind und Esel?
Schwachsinnige Frage, ob die Tiere in den Himmel kommen (so der Titel einer Sendung im Fernsehen gestern): Sie sind schon im Tierkreis und in den Sternbildern am Himmel.
Kann es sein, daß die Arche, mit der auch die Tiere vor der Sintflut gerettet wurden, etwas mit dem Tierkreis zu tun hat? Ist die Arche Noahs der symbolische Inbegriff der „Häuser“ des Tierkreises?
Welche Sternzeichennamen gibt es, und welche Tiere sind darunter enthalten (Stier und Widder, die Schlange, die Fische, der Löwe, der große und der kleine Bär)? Gibt es nicht eine Beziehung zwischen den Heroen des Mythos (die an den Sternenhimmel versetzt wurden) und den Tieren der Sternzeichen? Hat das heroische Zeitalter nicht etwas mit dem apokalyptischen (und geschichtsphilosophischen) Tierbegriff zu tun? „Das steinerne Herz des Unendlichen erweichen“: Bezieht sich darauf nicht das Wort vom Lösen (vom Orion über den gordischen Knoten bis zum Wort an Petrus und die Kirche)?
Ist das Verhältnis des Autors zum Leser, dieses asymmetrische Verhältnis von Nähe und Fremdheit (ein Strukturelement der Logik der Schrift), nicht ein realsymbolischer Hinweis auf die Astronomie? -
25.2.1995
Das indoeuropäische Präsens bezeichnet nicht die Gegenwart, sondern die Gleichzeitigkeit, so wie die Tempora der indoeuropäischen Konjugationsformen insgesamt relative Tempora sind, auf Vergleichszeiten bezogen. Hiermit hängt es zusammen, daß im sprachlogischen Kontext dieser Sprachen das Angesicht nur als Maske: als Person erscheint. Hier ist die List und die Verstellung (Ursprung des „Bewußtseins“) schon eingebaut. Auch die kantische Erscheinung hat hier ihren sprachlogischen Grund: Die Erscheinung ist die Reflexion der Sache (die selbst ins Unfaßbare zurücksinkt) in ihrem Anderssein. Diese Sprachlogik ist der Grund des Weltbegriffs, des Korrelats des kantischen Begriffs der Erscheinung. Die Begriffe Erscheinung, Welt, Natur, Person bilden (zusammen mit den Begriffen der Hegelschen Logik) ein System, in dem sie sich wechselseitig definieren und jeder Begriff nur innerhalb dieses Systems wechselseitiger Definition Bedeutung gewinnt. Die Philosophie, ihr Ursprung, ihr Erkenntnisbegriff und ihre Geschichte, ist auch ein sprachlogisches und sprachgeschichtliches Problem, das seinen Grund in der indoeuropäischen Grammatik findet.
Das Hegelsche Absolute ist der Swinegel: „Ick bün all do“.
Die Liebe unterscheidet sich von der Barmherzigkeit durch ihre Instrumentalisierbarkeit. Ein paradigmatisches Beispiel hierfür ist die Nutzung des Liebesentzugs als Erziehungsmittel. Das Unverständliche der kirchlichen Gnadenlehre hängt mit dieser Instrumentalisierung (der Liebe und der Gnade) zusammen (Folge der Konstituierung der Theologie als priesterliche Verwaltungswissenschaft).
Die Instrumentalisierung der Liebe, der Liebesentzug und die damit verbundenen pathologischen Formen der Verletzlichkeit, des Beleidigtseins, der Empfindlichkeit (nicht Sensibilität, die durch Empfindlichkeit neutralisiert wird), gründen im Selbstmitleid.
Die Person ist das neutralisierte und idolatrisierte Angesicht, wie das Neutrum (als grammatisch instrumentalisierte Verletzung des Bilderverbots) gründet es in der Herrschaftslogik.
War nicht das Bilderverbot ein Schutz vor dem Neutrum?
Das realsymbolische Objekt der Sintflut sind die indeoeuropäischen Sprachen.
Der ungeheure Sinn des Satzes: „Hodie, sie vocem eius audieritis“. Sein Hintergrund ist die Erschaffung der Welt durchs Wort: Das erlösende Wort ist die Erfüllung des schaffenden Wortes, das, wenn es endlich gehört wird, erlöst.
Aqua: Hängt das quaerere mit dem qua zusammen?
Ist nicht die Identität von träger und schwerer Masse, die Einstein seiner Allgemeinen Relativitätstheorie zugrunde gelegt hat, eine logische Konsequenz aus den Erhaltungssätzen (der Masse und der Energie)? Hat diese Identität nicht einen ähnlichen logischen Stellenwert wie die Äquivalenz von Masse und Energie in der speziellen Relativitätstheorie, im Kontext des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit? Gibt es hier nicht eine Stufenfolge der dreifachen Reflexion, von der trägen Masse über die schwere Masse zur Äquivalenz von Masse und Energie?
Der Raum als subjektive Form der äußeren Anschauung ist der durchschlagene Knoten, den es zu lösen gilt.
Zum Begriff der Unzucht: Der Dingbegriff ist das Telos des Gattungsbegriffs.
Wenn im Namen des Himmels auch das Wer enthalten ist (der verborgene Name Gottes), ist dann nicht der Antisemitismus eine Folge der Himmelsverfinsterung.
Ursprung des Positivismus: Der kritische Impuls in der Geschichte der modernen Erkenntniskritik ist auf eine merkwürdige Weise punktuell und folgenlos geblieben. Auf die reale Wissenschaftsentwicklung hat er keinen nachhaltigen Einfluß genommen. Bezeichnend, daß die kantische Vernunftkritik ihre Wirkung eher als Begründung und Legitimierung des naturwissenschaftlichen Erkenntnisanspruchs denn als dessen Kritik gehabt hat. Auch die Hegelsche Kritik der kantischen Antinomien (ihre Transformierung aus der transzendentalen Ästhetik in die transzendentale Logik, die so zur dialektischen Logik geworden ist) hat legitimierend gewirkt.
Die Ontologie (die Hegel gegen Kant wieder rehabilitiert hat) bindet das Erkenntnisinteresse ans Wissen; das ist der Grund, weshalb sie in Heideggers Fundamentalontologie im Harakiri geendet hat. -
21.2.1995
Das Elend der Kommunikationstheorie (und der Linguistik) ist ihre Unfähigkeit, die erkennende und benennende Kraft der Sprache zu reflektieren. Das Nomen ist zum Substantiv geworden, und die Kommunikationstheorie zur Rache des Begriffs an der Sprache. Aber ist das nicht die logische Konsequenz daraus, daß in beiden die sprachlogische Struktur und Funktion der Grammatik vergessen wurde? Beide sind durchs Neutrum geblendet. Man könnte auch sagen: Die Kommunikationstheorie steht unter dem Bann der (Mono-)Logik der Schrift: Sie verwechselt die Welt im Kopf des Theoretikers mit der Welt.
Auschwitz ist ebenso unvergleichbar wie in der Sprache der Name unvergleichbar ist. Das schließt nicht aus, daß es andere Namen und daß es Metastasen von Auschwitz gibt.
Dem Ausdruck „gequälte Natur“, mit dem Habermas das Adornosche „Eingedenken der Natur im Subjekt“ glaubte berichtigen zu müssen, ist die Neutralisierung der Natur im Habermasschen Philosophiekonzept vorausgegangen.
Und sie erkannten, daß sie nackt waren: Wodurch unterscheidet sich der Rock aus Fellen von den Feigenblättern? Ist das Feigenblatt nicht der Anfang der verandernden Kraft, aus der der Weltbegriff erwachsen ist?
Die phonetische Aufschlüsselung der Buchstabenschrift im Hebräischen scheint auf die griechische und lateinische und auf die nachfolgenden europäischen Sprachen nicht anwendbar zu sein. Kann es sein, daß es prophylaktische Gründe sind, die die Anwendung verhindern, weil die Ergebnisse erschreckend wären? Hat das Neutrum die Sprache ihrem phonetischen Ursprung entfremdet hat? Und hat die Spiegelung am Neutrum auch die Etymologie tangiert und verfremdet? Die Logik der Schrift hat ihre verandernde, neutralisierende Kraft bis in diese Sprachschicht entfaltet (mit dem Ich als Statthalter des Neutrum im Subjekt)?
Sind die Differenzen zwischen den verschiedenen Gestalten der Mystik in den drei „Welt“-Religionen (Kabbala, christliche Mystik, Sufismus) sprachgeschichtlicher Natur? Das hic et nunc (grammatisch das Präsens) ist der (dem Neutrum und dem Ich korrespondierende) Reflexions- und Spiegelungspunkt, an dem Prophetie und Philosophie sowohl sich scheiden als auch auf einander sich beziehen. Diese Scheidung vollendet sich in den „subjektiven Formen der Anschauung“, den Reflexionsformen und Stabilisatoren des „intentionalen Akts“, der umkehrlosen Erkenntnis (des Wissens).
Die indoeuropäischen Sprachen haben das hic et nunc zum überzeitlichen Präsens gemacht.
Wie hängt die mittelalterliche Eucharistie-Verehrung (und die „Monstranz“) mit dem Stellenwert und der Konstruktion der bestimmten Artikel im Deutschen, mit der Verknüpfung des vom Nomen abgelösten Demonstrativum mit den Formen der Deklination, zusammen? Ist nicht in der Konstruktion des bestimmten Artikels im Deutschen, in dem „der da“, die Selektion, die Hybris der Säkularisation des Jüngsten Gerichts (des Hegelschen „Weltgerichts“) in Auschwitz, vorgebildet?
Der Faschismus war eine Knechtsrevolte: der Aufstand Kanaans.
Schuldgefühle nach Auschwitz hatten die Überlebenden aus dem Volk der Opfer, nicht die Täter; zur Infamie dieses Ereignisses gehörte es, daß es den Tätern und ihren Angehörigen die Möglichkeit offenhielt, durch Flucht in die Rolle des Zuschauers sich vor sich selbst freizusprechen, in die Opfern aber den Stachel des Bewußtseins einpflanzte, Komplizen des Verbrechens geworden zu sein.
Die Gottesfurcht ist die Furcht vor einem Gericht, in dem die Opfer unseres Handelns und unserer Versäumnisse gegen uns als Richter sich erweisen werden. So hängt die Gottesfurcht mit der Idee des Jüngsten Gerichts zusammen.
Mein Joch ist sanft und meine Last leicht: Würde auch nur einer noch diesem Satz glauben, würde er die ganze Theologie verändern.
Zum Problem des Gebets (zur Theologie als Gebet) vgl. Mk 1125.
Läßt sich das Problem der Dialektik an dem Satz „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ demonstrieren? Dieser Satz ist nicht objektivierbar, er läßt sich nicht verallgemeinern. Nur das Opfer kann ihn sprechen; kein Täter darf ihn von seinem Opfer fordern. Was im Munde des Opfers das Humanste wäre, wird im Mund des Täters zur Waffe, die ihn ein zweites Mal erschlägt. Darauf bezieht sich das Prophetenwort vom Rind und Esel. Gründet nicht der Bann, der auf der christlichen Theologie lastet, darin, daß sie Last und Joch identifiziert?
Das Lamm, das die Sünde der Welt auf sich nimmt, ist das Lamm, das für die Auslösung der Erstgeburt des Esels eintritt.
Das göttliche Gebot ist eine (befreiende) Last für mich, kein (verknechtendes) Joch für andere. Dazu wird es im Kontext des Urteils, dessen Kritik in dieser Konstellation gründet.
Hängt nicht die Urteilsform mit der Ursprungsgeschichte der indoeuropäischen Sprachen, mit dem Ursprung des Neutrum, der Struktur des Wissens, der Philosophie und des Natur- und Weltbegriffs, zusammen? Die Urteilsform. die über die subjektiven Formen der Anschauung (und in Wechselwirkung damit über die Geldwirtschaft und die Bekenntnislogik) in der Objektivität sich verankert, macht das befreiende Gebot zum verknechtenden Gesetz.
Die Bekenntnislogik, die die Neutralisierung der erkennenden Kraft der Sprache, ihre kommunikationstheoretische Denaturierung, voraussetzt, ist die geschichtliche Gestalt der dritten Leugnung.
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie