Hegel

  • 31.1.1995

    Zum Stern der Erlösung: Kritik des Systems heißt nicht Leugnung des Systems. Sie setzt vielmehr voraus, daß die Wirklichkeit kein Ensemble isolierter Fakten ist, sondern in sich selber systemisch strukturiert ist. Wer Kritik an Hegel übt, erledigt ihn nicht, so als ob es danach sich erübrige, mit Hegel noch sich zu befassen, sondern setzt voraus, daß die Hegelsche Philosophie Anteil an der Wahrheit hat, die allerdings nur durch Kritik zu gewinnen ist, und die ohne die Hegelsche Philosophie, an der sie sich abarbeitet, nicht zu gewinnen wäre.
    Ist nicht die Rosenzweigsche Vorwelt eine nachkantische und nachhegelsche Vorwelt?
    Nicht das Ja und nicht das Nein, sondern das Und ist bei Rosenzweig der Statthalter der Apokalypse. Zeugt nicht auch die Gelassenheit des Tons bei Rosenzweig noch von einer Verdrängung und von der Anspannung, das Verdrängte unten zu halten? Dieser „Ton“ verschweigt die jüdische Welterfahrung, die eine den Juden durch Christen zugefügte apokalyptische Welterfahrung ist.
    Rosenzweig unterscheidet ein östliches, ein nördliches und ein südliches Christentum: die Orthodoxie, den Protestantismus und den Katholizismus. Was er nicht sieht – und das hängt damit zusammen, daß er die Apokalypse im Und verschweigt -, ist das „westliche“ Christentum: das okzidentale, „abendländische“ Christentum, das politische Christentum: seine politische Instrumentalisierung, das gleiche Christentum, daß in einer Folge von Eruptionen, von den Kreuzzügen bis Auschwitz, geschichtsnotorisch geworden ist.
    Theologie im Angesicht Gottes: Hat nicht das Feuer dieser Sonne (das Leuchten des göttlichen Angesichts) die Sulamit des Hoheliedes schwarz gebrannt?
    Anmerkung zum Trinitätsdogma (und zur Opfertheologie): Ham hat die Blöße seines Vaters offenbar gemacht; dafür wurde Kanaan, sein Sohn, verflucht.
    Der Fluch über Kanaan, der ihn zum Knecht Sems und Japhets gemacht hat, ist mit der „Marktwirtschaft“ über die ganze Welt gekommen. Folgt nicht heute auf eine semitische und dann japhetitische Phase der Offenbarungsgeschichte eine hamitische? Ist nicht auch heute das gelobte Land nur im Kampf gegen ein Kanaan, das wir selbst sind, zu gewinnen (Rücknahme der projektiven Schriftauslegung, die sieben Völker Kanaans und die sieben Siegel)?

  • 25.1.1995

    Der Dingbegriff ist ein Reflex des Präsens.
    Symbolisiert das Herniederfahren Gottes beim Turmbau zu Babel den Ursprung der indoeuropäischen Sprachen? Und hat dieses Herniederfahren etwas mit der Inkarnation des Logos zu tun?
    Zu Liebe und Barmherzigkeit: Zwar ist die Liebe stark wie der Tod, aber sie erreicht die Toten nicht mehr. Diese Grenze überschreitet nur die Barmherzigkeit.
    Die Sünde der Welt auf sich nehmen heißt anerkennen, daß die Vergangenheit nicht nur vergangen ist, während die „Entsühnung der Welt“ gleichbedeutend ist mit Verurteilung der Vergangenheit: Sie macht sich das Todesurteil, das über die Vergangenheit ergangen ist, zueigen. Die Entsühnung der Welt ist das Werk der unbarmherzigen „Arbeit des Begriffs“ (oder auch des gnadenlosen Weltgerichts). Die Kurzformel dafür heißt Rechtfertigung. Und die Vergegenständlichung der Geschichte (die sie gegen die Erinnerungsarbeit immunisiert) ist die Vorausssetzung des Objektbegriffs, der Verdinglichung der Gegenwart (ihrer Immunisierung gegen die prophetische Erkenntnis). Sprachlicher Ausdruck dessen sind das Neutrum und das Präsens. Das Präsens ist der Riegel vor der Prophetie. Das Neutrum entzieht die Vergangenheit der Erinnerung und der Reflexion und begründet die Macht des Vergangenen über die Gegenwart. Hegels List der Vernunft gehört zu den Konstituentien des Neutrums, das in der Idee des Absoluten sich erfüllt. Erst im Kontext des Neutrum gibt es so etwas wie das hinterhältige Denken, die reservatio mentalis, den Betrug, die Verstellung.
    Hurerei und Unzucht sind keine sexualmoralischen, sondern herrschaftskritische Kategorien, und nur als solche sind sie auch sexualmoralische. Man kann, ohne dem Fundamentalismus zu verfallen, die sexualmoralische Bedeutung von der herrschaftskritischen nicht trennen. Deshalb hat jeder Fundamentalismus sein Zentrum in der Sexualmoral.
    Adornos Satz: „Erstes Gebot der Sexualmoral: Der Ankläger hat immer Unrecht“, ist eine Übersetzung des jesuanischen Satzes: „Wer von euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein“. Sind nicht alle Fundamentalisten Steinewerfer?
    Ist nicht die Umkehr durch die Privatisierung der Buße in der Ohrenbeichte zum Herrschaftsmittel geworden (Zusammenhang mit der Ausbildung der Raumvorstellung)?
    Die kritische Theorie der Frankfurter Schule war ein Dualis.
    Die Geschichte der dreifachen Leugnung Petri ist ein Gleichnis, das sich auf die Beziehung der Erfüllung des Worts zur Logik der Schrift bezieht. (Sind nicht die Leugnungen Petri immer mit dem Verrat des Judas verwechselt worden?)

  • 22.1.1995

    Was ergibt sich, wenn man im NT die Gehorsam-Stellen mit Hören übersetzt (gehorsam bis zum Tod am Kreuz)?
    Zu Rosenzweigs Begriff der „historischen Aufklärung“ (sh. Stern der Erlösung, S. 108) – für ihn der Ausgangspunkt seiner Abkehr vom Relativismus – vgl. Hegels Bemerkung über den Begriff der Geschichte.
    Die Objektivation des Vergangenen durch die historische Aufklärung zerstört die Erinnerung; sie neutralisiert die Vergangenheit, indem sie sie zu einem Objekt des Wissens macht. (Zusammenhang von Objektivierung, Instrumentalisierung und Vergesellschaftung: die historische Aufklärung ist eine politische, welt- und staatsbegründende Wissenschaft; sie hat gleichsam kosmogonische Bedeutung, verdrängt aber zugleich das Bewußtsein davon. Mit der Objektivierung der Vergangenheit beweist sich der Staat seine weltbegründende Macht.)
    Zum Begriff des Eigentums: Jeder Staat hat seine Geschichte.
    Kohls Berufung auf die Geschichte hatte vor einigen Jahren sein komisches Echo in einem Statement Boris Beckers, der in der Anfangsphase seiner Karriere nach einem gewonnenen Match einmal erklärte, die Bedeutung dieses Sieges werde man erst nach zwanzig Jahren ermessen können.
    Die Schuld haftet wie eine Eigenschaft an der vergangenen Tat; ich kann nicht aufgrund einer noch nicht begangenen Handlung schuldig werden. Aber ich kann sehr wohl aufgrund der vergangenen Tat anderer schuldig werden: Auschwitz und Adam.
    Hegels Kritik des heiligen Dings (des katholischen Eucharistie-Verständnisses) schlägt auf ihn selbst zurück. Das heilige Ding ist der Kern seiner Logik: die Quelle des Begriffs des Absoluten.
    Der Atheismus, der im übrigen bis in die Kirche und in die Theologie hineinreicht, ist heute der Schlaf, aus dem man nicht geweckt werden will, der den Traum von der Religion nicht mehr ausschließt. Deshalb bedarf es des Hahns.
    Der Fortschritt, dem die Konstruktion und die Ausstattung des Komfortzugs „Industriegesellschaft“ sich verdanken, ist zum Maß der Beschleunigung geworden, mit dem er dem Abgrund zurast.

  • 21.1.1995

    Zum projektiven Denken: Der Grund der Finsternis liegt in der Vergangenheit; die Verfinsterung der Dinge gründet in ihrer Subsumtion unter die Vergangenheit. Das Licht, das die Vergangenheit wirklich erhellen würde, wäre das im Buch des Lebens noch verschlossene Licht. Dieses Buch wird lesbar, wenn „der Himmel wie eine Buchrolle sich aufrollt“.
    Zur Logik der Schrift: Das Buch ist das Grab des Autors. Gründet die Idee der Auferstehung nicht darin, daß auch die der Logik der Schrift unterworfene Sprache nicht endgültig tot ist, daß sie wieder zum Leben erweckt werden kann?
    Verweisen die Totenerweckungen in der Schrift nicht alle auf die Beziehung der Logik der Schrift zur Erfüllung des Wortes? (Welche Erweckungsgeschichten gibt es: die vom Jüngling zu Nain, von der Tochter des Jairus und vom Lazarus?) Kann es sein, daß die Schrift (oder das Dogma?) am Ende als das leere Grab sich erweist (es war das Grab des Joseph von Arimathaea, „der ein Jünger Jesu war – freilich im geheimen, aus Furcht vor den Juden“ – Joh 1938)? Wird nicht erst in diesem Zusammenhang deutlich, was es mit dem Logos auf sich hat?
    Wie verhalten sich Ereignis und Geschehen zueinander? Das eine ist reflexiv, das andere objektiv (es ereignete sich, es geschah). Gibt es eine sprachliche Beziehung des Ereignisses zum Eigenen, zum Eigentum, zur Eigentlichkeit?
    Adornos Bemerkung, daß das Selbst in theologischem Zusammenhang gründet, wäre zu korrigieren: Wie der Begriff des Absoluten, zu dem es gehört, fällt es in die Ursprungsgeschichte des Staates (zusammen mit dem Eigentumsbegriff). Es gründet im Kontext der Ästhetik (vgl. Rosenzweigs Bemerkung über die Beziehung des Selbst zum Kunstwerk). Das Selbst ist ein Reflex der subjektiven Formen der Anschauung; deshalb scheinen sich diese der Reflexion zu entziehen (und deshalb mußte Hegel die Antinomien der reinen Vernunft, die Kant auf die transzendentale Ästhetik bezogen hatte, aus dieser herausnehmen und in Logik transponieren, was nur mit Hilfe des Konzepts der List der Vernunft möglich war; so wurde das Gesetz der Erscheinungen zum Begriff des Scheins).
    Konstruktion der Ästhetik: Das Selbst ist der Reflex einer Erfahrung, in der einer sich als anderer für andere erfährt: Es gehört in den Kontext der Geschichte der Scham.
    In der Jotam-Fabel kommen neben dem Dornenstrauch, der zum König wird, der Feigenbaum, der Weinstock und der Ölbaum vor.
    Sind nicht die Bäume und Sträucher, unter denen Adam, als er erkannte, daß er nackt war, sich verbarg, die Ahnen der Bäume der Jotam-Fabel? – Nathanael stand unterm Feigenbaum, als Jesus ihn als „wahren Israeliten, ohne Falsch und Tadel“ erkannte.
    Ist nicht das Inertialsystem der Dornenstrauch, und das durchs Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit korrigierte Inertialsystem der „brennende Dornbusch“?
    Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein: Löst dieser Satz nicht das Rätsel des Absoluten? Ist das Absolute (der Schatten, den das Selbst auf Gott wirft) nicht die Grube, die wir andern graben, und in die wir dann selber hineinfallen? Hier erweist es sich, daß das Absolute die Reflexionsgestalt des Raumes ist. Hat die Grube nicht etwas mit dem Kelch und mit dem Richten zu tun? Nur das Gebot der Feindesliebe schützt vor dieser „Grube“.
    Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein: Diesen Effekt der List der Vernunft hat Hegel nicht begriffen.
    Ist nicht die Natur die Grube, in die wir die Schöpfung gestürzt haben? Und ist der Satz von der Grube nicht auch auf die Kirche zu beziehen, wogegen allein das Wort steht, daß die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen werden (die Grube, die die Kirche den andern gegraben hat, war die Höllenvorstellung: das Äquivalent der Gottesfurcht im Schuldverschubsystem des Weltbegriffs, des Herrendenkens; sie ist ohne die Transformation der Sexualmoral in eine Urteilsmoral, durch die sie dann nur noch auf andere sich bezieht – und auf den Urteilenden selbst nur insoweit, als er selbst als anderer für andere sich erfährt -, nicht zu denken: Unzucht ist der apokalyptische Name für den richtenden Gebrauch der Sexualmoral).
    Die subjektiven Formen der Anschauung (die transzendentale Ästhetik) sind der Inbegriff der Grube, die wir andern graben, und in die wir selber hineinfallen.
    Die Logik der Schrift abstrahiert von der dialogischen Struktur der Sprache (vom Hören), das Inertialsystem (das in den subjektiven Formen der Anschauung gründet) vom Licht, vom Gesehenwerden, vom Angesicht. Zur Logik der Schrift gehört als Projektionsfolie der Begriff des Barbaren, zum Inertialsystem der des Wilden (das Antlitz des Hundes).

  • 20.1.1995

    Werden die Rekonstruktionen von Gott Mensch Welt im ersten Teil des Stern der Erlösung durchsichtig, wenn man sie auf den Raum, das Geld und das Bekenntnis bezieht? Es gibt nicht die Welt, sondern die Welt ist ein plurale tantum. Und es gibt auch nicht „die beste aller Welten“, sondern hier gilt: Was dem eenen sin Uhl, ist dem annern sin Nachtigall. Der Singular Welt (das Universum) ist Produkt einer Dezision. Und der Dezisionismus, den Christian Graf Krockow an Heidegger, Schmitt und Jünger wahrgenommen hat, hängt damit zusammen. Dieser Dezisionismus ist ebensowenig durch den Hinweis auf den Satz des Widerspruchs aufzulösen wie der Schmittsche Souveränitätsbegriff durch den Hinweis auf seine Folgen: die Begründung der Diktatur. Im Kern des Weltbegriffs steckt die Hegelsche List der Vernunft, ein Stück Betrug. Die Entfaltung dieses Betrugs zur Totalität: das wäre der Greuel am heiligen Ort. Ist nicht die Existenz unterschiedlicher Tiergattungen (nach Hegel Hinweis darauf, daß „die Natur den Begriff nicht halten kann“) der Beweis dafür, daß es die eine Welt nicht gibt? Was Rosenzweig im Stern der Erlösung so gelassen beschreibt, ist in Wahrheit ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch. Zu Illigs Fälschungstheorie: Ist die Phase, die dieses Bild der Vergangenheit produziert hat, sie zur Selbstlegitimation erfunden hat, nicht die gleiche Phase, die in die Kirchengeschichte als die pornokratische Phase eingegangen ist, und hängt nicht beides mit einander zusammen, ähnlich wie die pornographische Phase der kirchlichen Moraltheologie mit dem Ursprung des politischen Absolutismus (und mit dem Barock) zusammenhängt? Liegt nicht der Fehler Illigs – wie überhaupt der Heinsohn-Gruppe – darin, daß sie glauben, post festum feststellen zu können, es hätte auch anders laufen können? Sie unterschätzen die Gewalt der Schuldängste und der Rechtfertigungszwänge, denen auch der historische Erkenntnisprozeß unterworfen ist. Liefern Heinsohn und Illig nicht Reflexionsmaterial zum Problem des kontrafaktischen Urteils? Kommt Karl der Große eigentlich bei Thomas von Aquin vor? Theologie im Angesicht Gottes, das heißt: Aus dem Bann der Logik der Schrift heraustreten.

  • 16.1.1995

    Ist die Sprengung des All bei Rosenzweig nicht die Sprengung der Orthogonalität (ähnlich wie das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit die Reversibilität der Richtungen im Raum sprengt)?
    Orthogonalität und Reversibilität gehören zusammen; sie destruieren gemeinsam die Gottesfurcht und die Umkehr. Wären Orthogonalität und Reversibilität die Wahrheit, so wären die Pforten der Hölle unüberwindbar: es gäbe keine Gottesfurcht und keine Umkehr.
    Wenn bei Rosenzweig das All in die drei Stücke Gott Mensch Welt zerspringt, zerspringt dann nicht die neutralisierende Gewalt des Raumes (sind die drei „Stücke“ nicht die mit der Sprengung der drei Dimensionen hervorstretenden Elemente Gott <oben/unten>, Mensch <vorn/hinten> Welt <rechts/links>)?
    Die restlos verweltlichte Welt: das wäre Ninive, die große Stadt und die 120000, die rechts und links nicht unterscheiden können, deren Gott am Ende sich erbarmt.
    Zu Hegels List der Vernunft und ihrer Beziehung zur Naturbeherrschung: Rächt sich nicht die Natur für die Überlistung, indem sie den Menschen ein Bild ihrer selbst vor Augen stellt, das sie überleben soll? Diese Überlebensgewalt der Natur ist ein Reflex (und die Selbstrechtfertigung) des Gewaltmonopols des Staates, sie begründet sich rückwärts in der Vorstellung der „Tiefenzeit“.
    Leugnung und Bekenntnis gehören zusammen wie Leugnung und Schuld. Erst wenn das Glaubensbekenntnis zum Bekenntnis des Namens sich umkehrt, wird die Wahrheit sich enthüllen.
    Zu den Volksnamen Israeliten und Hebräer vgl. die beide Patriarchen, von denen diese Namen sich herleiten: Jakob/Israel und Heber. (Hat der Hebräerbrief etwas mit Flavius Josephus, der den Namen Israel verschweigt und nur von „Hebräern“ spricht, zu tun?)
    Ist der Hebräerbrief nicht ein Brief „von außen“, ähnlich wie die Schriften des Flavius Josephus (der wie Paulus einen römischen Namen angenommen hat)? Beide sind aus der Solidarität Israels herausgetreten.

  • 13.1.1995

    Die subjektiven Formen der Anschauung sind die Voraussetzung des Objektivationsprozesses und zugleich die Formen der Vergesellschaftung des Subjekts: der Vergesellschaftung durch Isolation. Diese Isolation des Subjekts, Folge der Verinnerlichung des Opfers, war der Boden, auf dem das Christentum sich entfaltet hat. Die subjektiven Formen der Anschauung waren der Kelch, von dem Jesus im Garten von Gethsemane wünschte, er möge an ihm vorübergehen.
    Hegels Reich Gottes ist das Totenreich, das Absolute der Herr der Toten.
    Die Namenskraft der Sprache ist noch zu unterscheiden von ihrer benennenden Kraft: diese ist der Grund der Schuldverstrickung. (Beachte das Präfix be- im Benennen.)
    Die Husserlsche Phänomenologie war der Versuch, in die Sprache hineinzuhorchen, die objektive Bedeutung der Worte herauszuhören. Die Phänomenologie wurde verhext durch Heidegger, der die Bedeutungsanalyse mit der Frage nach dem Sinn trübe vermischt hat. Dieser Kurzschluß, die Verwechslung dessen, was die Worte von sich aus meinen, mit dem, was die Sache, die in den Worten sich ausdrückt, für mich bedeutet, war tendentiell faschistisch.
    Die Frage nach dem Sinn ist keine theoretische, sondern eine praktische Frage; sie ist keine Frage der Ontologie, sondern der Ethik.
    Habermas hat den Kafkaschen Satz: „Es gibt unendlich viel Hoffnung, nur nicht für uns“, nie begriffen, so wie das Christentum den Satz: „Wer sein Leben gewinnen will, wird es verlieren“, auch nie begriffen, im Gegenteil: das „sein Leben gewinnen“ zum Kern seiner Theologie gemacht hat.
    Bezeichnet nicht die Tat in den „Tatsachen“ präzise und genau die Sünde der Welt?

  • 11.1.1995

    Das Wort, daß die Pforten der Hölle sie (die Kirche) nicht überwältigen werden, hat eine besondere Beziehung zur deutschen Sprache: Es ist nur wahr, wenn das Substantiv (das Gravitationszentrum der deutschen Grammatik) reflektierbar ist (der Schlüssel liegt in der Hegelschen Logik).
    Zu Rosenzweigs Konstruktion der chinesischen und indischen Welt: Kann es sein, daß diese beiden Gestalten des Mythos Natur und Welt, die im griechischen Mythos sich trennen, noch ungetrennt zu erhalten versuchen, daß die chinesische Welt die Objektseite, die indische die Begriffsseite der Urteilsform, der beide verfallen sind, repräsentiert, während die griechische Welt den Konflikt in Mythos, Tragödie und Philosophie auszutragen verurteilt ist?

  • 8.1.1995

    Zur Definition des Eigentums gehört der Staat als Organisationsform einer Gesellschaft von Privateigentümern und die Unterscheidung von Eigentum und Besitz (Verfügungsrecht, Nutzung und Haftung).
    Der Staat begründet und neutralisiert die Unterscheidung von Vorn und Hinten, Rechts und Links und Oben und Unten und konstituiert so die subjektiven Formen der Anschauung (und deren Basis: die Form des Raumes).
    Begriff und Name sind zwei inverse Formen der Reflexion des Fremden in der Sprache.
    Die Idee des Absoluten ist das Produkt einer von der Anschauung beherrschten (durch die Anschauung neutralisierten) Erkenntnis. Die Anschauung gründet in der Leugnung des Angesichts und begründet zugleich die Objektvorstellung und die Urteilsform.
    Die Hegelsche List der Vernunft ist ein Sinnesimplikat der Logik der Schrift: Die Logik der Schrift und die List der Vernunft begründen sich wechselseitig.

  • 3.1.1995

    Ist nicht die „Bruderschaft“, als Form der Allgemeinheit, die in der gemeinsamen Beziehung zum „Vater“ gründet, das Medium, in dem die Logik der Schrift (und mit ihr der Begriff des Wissens) sich entfaltet: das Medium der Vergesellschaftung, des Objektivierungsprozesses und der Verweltlichung (Ursprung des Neutrum, Bekenntnislogik)?
    Fantastisch die Ableitung des Begriffs „frei“ (und der „Liebe“) aus dem Selbstmitleid, dem Bedürfnis geliebt zu werden (Benveniste, S. 257ff): Folge des Opfers der Vernunft, das die Bedingung der Aufnahme in die Brüderhorde ist: deren späterer Repräsentant ist das Bekenntnis, dessen Logik hier entspringt.
    Der Begriff des Tieres und der der Selbsterhaltung sind korrelative Begriffe; deshalb gehört der Weltbegriff, der Inbegriff der gegenständlichen Korrelate der Selbsterhaltung, zu dem des Tieres. Die Menschwerdung beginnt mit der Fähigkeit, das Selbsterhaltungsprinzip zu reflektieren.
    Ist nicht mit der „affektiven Beziehung zum Selbst“, die dem indoeuropäischen Begriff der Freiheit zugrundeliegt, der Grund dafür gelegt worden, daß im Deutschen das Sein sowohl das allgemeine Possessivpronomen als auch den Infinitiv des Hilfsverbs „Sein“ bezeichnet (vgl. S. 257 und S. 260)? Diese affektive Beziehung zum Selbst ist Teil eines Schuldzusammenhangs, den das Christentum theologisch verankert hat: Sie konstituiert sich in einer Gestalt der Selbst-Exkulpierung (der „Sündenvergebung“), die über das theologische Konstrukt der „Entsühnung der Welt“ (der Opfertheologie und ihrer theologischen Konnotationen) vermittelt ist (und dem Verweltlichungsprozeß seine Schubkraft verleiht).
    Raub der Sabinerinnen: Der Funktion der „angeheirateten Verwandschaft“ im Kontext der indoeuropäischen Institutionen liegt eine im Eigentumsprinzip gründende Rechtsbeziehung zugrunde. Ihr Ursprungsmodell ist der Frauenraub, der der ersten Gestalt der Ehe in der Männerhorde ähnlich zugrunde liegt wie der Diebstahl dem Handel. Gründet das Institut des Privateigentums (sowie der Ehe und des Staates) nicht doch generell in der gewaltsamen Aneignung der Beute durch nomadisierende Männerhorden (das erste rechtsfähige Eigentum waren Sklaven und Frauen)?
    Benveniste hat nur bedingt recht, wenn er versucht, den Begriff des philein, des Liebens, aus der Possessivbeziehung herauszulösen. Selbstverständlich ist er nicht auf die positive, dingliche Eigentumsbeziehung eingeschränkt; aber konstituiert er sich nicht in einer Eigentumsordnung, die auch das Subjekt, den Eigentümer, in ihren Bann zieht und verändert (im Kontext des Ursprungs des Staates, dessen Vorläufer die Brüderhorde ist, und der die Eigentumsordnung, in der es dann Eigentum als Privateigentum überhaupt erst gibt, konstituiert). Wer die Idee des richtigen Handelns, und wer Schuld und Verantwortung an den König und die durch ihn gesetzte Rechtsordnung delegiert, wer sie von der Barmherzigkeit trennt, bleibt unversöhnt, anfällig fürs Selbstmitleid, süchtig danach geliebt zu werden.
    Das Geliebt-werden-Wollen ist ein apriorischer Tatbestand im Herrschaftsbereich der Ontologie und diese eine Emanation des Staates.
    Das Christentum ist dem Liebessyndrom verfallen, als es die Prophetie vor dem Hintergrund des Theologumenons seiner Erfüllung im Christentum als erledigt und abgetan, wie in der vorchristlichen Vergangenheit, so auch heute nur für die Juden zuständig, definierte. Dieses Konstrukt gehört in die Ursprungsgeschichte des Antisemitismus. Der Antisemitismus war immer schon ein Rädchen im Exkulpationsmechanismus.
    Die logischen Strukturen, in die (Glaubens-)Bekenntnis und Sündenvergebung heute geraten sind, werden durchsichtig in der Reklame (die Adorno zufolge den Tod verschweigt).
    Der Fundamentalismus ist der Greuel am heiligen Ort: Er ist nicht mehr durch bloße Verurteilung zu bekämpfen, sondern allein durch Reflexion und Auflösung des Schuldzusamenhangs, zu dessen Konstituentien die Verurteilung und zu dessen Folgen der Fundamentalismus gehören.
    Die Schlange, die das klügste aller Tiere war, hat das Wissen erfunden. Welche Beziehung besteht zwischen der Schlange (dem saraph) und den Seraphim? Nicht die Seraphim, sondern die Cherubim mit dem „kreisenden Flammenschwert“ stehen vor dem Eingang des Paradieses.
    Wut ist ein unkeuscher Zorn. Die Empörung hat ihn zur kleinen Münze gemacht, für den täglichen Gebrauch (im Tratsch) umgeformt. Wessen Bild trägt diese Münze?
    In welcher Beziehung stehen die kantischen Antinomien der reinen Vernunft zur Logik des Beweises, was bedeuten sie für die Logik des Beweises? Im Zusammenhang des Rechts gibt es drei Beweisverfahren: den Zeugenbeweis (hierzu gehören das Martyrium und die Folter), den Indizienbeweis (ausgebildet in der Geschichte der Hexenvefolgung) und das Geständnis (das Judesein war einmal das absolute, vom Juden nicht mehr widerrufbare Geständnis). Als „sicherstes“ Verfahren gilt das Geständnis, in dem der Angeklagte die Schuld auf sich nimmt („gesteht“): Dieses Verfahren spricht den Richter frei, während der Zeugen- und der Indizienbeweis der Würdigung durch den Richter unterliegen, ihn in die Verantwortung mit hereinnehmen. – Im Recht führt das Bekenntnis der Schuld, die Übernahme der Verantwortung, nicht zur Befreiung, sondern zum Urteil und zu der als Strafe neutralisierten Rache; der Zeugenbeweis unterliegt dem Verdacht des falschen Zeugnisses, während der Indizienbeweis die Möglichkeit des Fehlurteils (der Täuschung oder des Irrtums) nicht ausschließt.
    Verweist nicht das Phänomen der Fälschungen in der Geschichte auf ein herrschaftsgeschichtliches Problem? Die Fälschung gehört ebenso zur Herrschaftsgeschichte wie Mord und Raub; sie gehört zur Herrschaftsgeschichte als Geschichte des Ursprungs und der Entfaltung der projektiven Erkenntnis: als Schatten des dem Erkenntnistriebs innewohnenden Exkulpationstriebs. Hegels List der Vernunft gehört in diesen Zusammenhang. Die Geschichte der Fälschung vollendet sich in der Vorstellung des unendlichen Raumes und der unendlichen Zeit: in der Konstituierung der subjektiven Formen der Anschauung (der Objekte der kantischen Antinomien).
    Das hängt zusammen mit der eigentumsbegründenden Kraft und Funktion des Staates, dem Nationalismus als Manifestation der Gewalt gegen die konkurrierenden Eigentumsansprüche anderer Nationen.
    Es wäre zu untersuchen, ob und wie die anwachsenden Einbruchs- und Diebstahlsphantasien in den Medien und in der Gesellschaft logisch mit der anwachsenden Xenophobie zusammenhängen.
    Sind nicht die Stämme und Völker, Sprachen und Nationen Denkmäler der Geschichte der Konstituierung der Raumvorstellung?

  • 26.12.1994

    Mit der Objektivation und Instrumentalisierung der Welt wird auch die Sprache instrumentalisiert, verliert sie ihre benennende Kraft, ihre Beziehung zur Wahrheit.
    Mit der creatio mundi ex nihilo hat die Hybris Einzug gehalten in die Theologie. Sie war Caesarentheologie wie die homousia. Das nihil war das Denkmal der Abstraktion, des Verdrängten: Voraussetzung der Neutralisierung von Himmel und Erde. Mit der creatio ex nihilo ist die Schöpfung in eine Herrschafts- und Eigentumsbeziehung umgeformt, die Offenbarung zur Befehlsgewalt des Absoluten gemacht und die Erlösung spiritualisiert worden.
    Heute enthüllt sich der Antisemitismus als theologischer Selbsthaß. Unter den Nazis gab es noch das Bewußtsein: Nach den Juden sind wir (die Christen) an der Reihe. Dem folgte die Identifikation mit dem Aggressor.
    Der Satz, daß heute jeder Katholik so schlau ist wie früher bloß ein Kardinal, wäre zu ergänzen: und jeder so dumm wie früher die Herrschergestalten des Absolutismus.
    Wer Hegel nicht versteht, versteht sich selbst nicht.
    Die Schrift setzt an die Stelle des Hörens das Sehen; beim Übergang von der hebräischen zur griechischen Schrift hat sie Rechts und Links vertauscht.
    Wenn die Bibel außer zwischen Stämmen und Völkern („Heiden“) auch noch zwischen Sprachen und Nationen unterscheidet, verweist diese Differenzierung dann nicht auf den Unterschied der politisch-gesellschaftlichen Bedeutung von Schrift und Geld? Definiert sich die Nation durch die Einheit der Währung (und ist das den modernen Antisemitismus beunruhigende Problem einer „jüdischen Nation“ nicht im Hinblick auf die Propheten anachronistisch, ein reales Problem dagegen erst mit den Makkabäern – nach dem Ende der Prophetie)?
    Zur Geschichte der drei Leugnungen: War nicht die Geschichte der christlichen Theologie eine Geschichte der Erinnerung und Verdrängung zugleich; und verweist nicht die Geschichte von den drei Leugnungen auf den „Fortschritt“ in der Geschichte der Verdrängung?
    Der Bann, der auf den Tieren liegt, gründet in dem Namen, mit dem Adam sie benannt hat.
    Weihnachten erzeugt „Stimmung“, indem es den Boden des Selbstmitleids kultiviert; zu Silvester werden Stimmungskanonen benötigt, um eine Bombenstimmung zu erzeugen.

  • 23.12.1994

    Die Vorstellung des unendlichen Raumes ist ein Instrument der Vergesellschaftung von Herrschaft.
    Die Form des Raumes ist die Selbstbegründung der Homogenität der Zeit, der Vorstellung des Zeitkontinuums. Der Preis dieser Logik ist der Begriff der Materie.
    Das Inertialsystem hat, indem es das Objekt zum Begriff gemacht hat, den Begriff zum Objekt gemacht: es hat die Sprache neutralisiert. Darauf bezieht sich das „gelegentlich ineinander laufen“, von dem Kant im Zusammenhang mit seiner Definition der Begriffe Natur und Welt spricht, und das war zugleich die Grundlage für Hegels Prämisse, daß die Identität von Objekt und Begriff schon geleistet ist. In dieser Prämisse ist die Hegelsche List der Vernunft begründet.
    Blochs Bemerkung, daß die Schöpfung nicht am Anfang war, sondern erst am Ende sein wird, wäre noch zu berichtigen: der Anfang selber (der nicht vergangen sein kann, sondern an dem Zukunftsmoment in der Idee des Ewigen teilhat) wird erst am Ende sein. Die ganze Vergangenheit hat ein noch unabgegoltenes Moment in sich.
    Hat der erste Teil des Stern der Erlösung, der mit der Todesfurcht anhebt, mit Gethsemane und mit dem Kelchsymbol zu tun?
    Die Bemerkung in der Dialektik der Aufklärung, daß die Geschichte der Zivilisation die Geschichte der Verinnerlichung des Opfers ist, verweist auf die Beziehung des Weltbegriffs, des Schwellenbegriffs der Zivilisation, zum Opfer: auf eine Beziehung, die die Funktion der Opfertheologie für die Konstitution des Weltbegriffs ins Bewußtsein hebt. Der Mythos hat der Verinnerlichung des Opfers vorgearbeitet, die Geschichte des Opfers in eine Engführung gebracht, die die Verinnerlichung des Opfers erzwungen hat.
    In jeder Empörung steckt etwas von der Lust an dem, worüber man sich empört. Deshalb sagt das Bild, das die Antisemiten von den Juden haben, mehr über die Antisemiten als über die Juden. Sind nicht die Naturwissenschaften ein Produkt der Empörung über die Natur (die in dieser Empörung überhaupt erst als Natur sich konstituiert)? Speist sich nicht die Urteilslust aus der Empörungslust, und bezieht sich darauf nicht das Keuschheitsgebot und das Symbol des Unzuchtsbechers?
    Die philosophische Kritik am Anthropomorphismus war seit je das Instrument der Verdrängung der Barmherzigkeit. Ist nicht die Geschichte der Hysterie die Geschichte des Schicksals dieser Verdrängung (und zugleich ein Hinweis auf den Ursprung der Frauenfeindschaft im historischen Prozeß der Aufklärung)?
    Die Selbstlegitimation des Bestehenden leistet der Naturbegriff; deshalb ist die Kritik der Naturwissenschaften so schwer und so notwendig.

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