Zur Begründung der Lehre vom Fegefeuer gehört es, daß aus dem Satz über die Sünde wider den Heiligen Geist (daß diese Sünde weder in dieser noch in der künftigen Welt vergeben werde) der Schluß gezogen wird: also gibt es eine „Vergebung in der künftigen Welt“. Ist dieser Schluß eigentlich zulässig? Und welche Rückwirkungen hat er auf das Verständnis des Satzes, aus dem er geschlossen wird? Kann es sein, daß der Nebeneffekt, das Wort über die Sünde wider den Heiligen Geist zu verwirren, gar nicht so unerwünscht war? Gehört nicht diese Verwirrung zu den Geschäftsgrundlagen der Kirchen?
Nach Auschwitz scheint der katholische Mythos, dessen Ausgestaltung (von der Ohrenbeichte über die Eucharistie-Verehrung bis hin zum Zölibat) zu den Bedingungen der Geburt des Fegefeuers gehörten, insgesamt obsolet geworden zu sein.
Im Krieg haben die Katholiken in dem Judenmord der Nazis nicht die eigene Verstrickung in diese Tat, sondern nur das empirische Modell dessen, was ihnen selbst nach dem Kriege drohte, wahrgenommen. Nicht das Entsetzen über die Tat, sondern die Angst vor einem vergleichbaren eigenen Schicksal und das Gefühl, noch einmal davongekommen zu sein, bestimmte das katholische Nachkriegs-Bewußtsein in Deutschland.
Und Auschwitz wirkte nach: Die Unfähigkeit, die Toten von Auschwitz in das durch die Lehre vom Fegefeuer (und durch Allerseelen) definierte Verhältnis zu den Verstorbenen mit hereinzunehmen, hat der Lehre vom Fegefeuer den Garaus gemacht; sie hat damit zugleich den gesamten Mythos implodieren lassen: Er ist in einem schwarzen Loch verschwunden. Der verzweifelte Versuch, die letzten Bastionen (das Zölibat und die verfaulenden Reste der kirchlichen Sexualmoral) noch zu halten, scheint nur dann noch gelingen zu können, wenn das, woran der Mythos einmal erinnerte, der Grund, aus dem er hervorgegangen ist, endgültig preisgegeben wird.
Zu Hegels Logik: – In welcher Beziehung steht die Begriffspaare Form und Materie, Form und Inhalt, zum Symbol des Kelchs? Ist nicht die erste Form die kantische „subjektive Form der äußeren Anschauung“, die des Raumes, die alles andere zum „Inhalt“ macht (und für den Raum ist alles, was nicht Raum ist, das Andere des Raumes: sein Inhalt)? – Was ist der Inhalt des Kelches: die Trunkenheit (der Inhalt des Taumelbechers), der göttliche Zorn, der Wein und das Blut (die Todesangst in Getsemane), die Unzucht. – Und in welcher Beziehung stehen sie zur Logik der Schrift? Jedes Buch hat einen Inhalt, ähnlich dem Behälter, dem Krug, dem Kelch, dem Raum (dem Lager, Magazin, aber auch dem Tempel, der sowohl den Tempelschatz, die Vorräte, als auch in seinem Zentrum, im Allerheiligsten, den Namen Gottes oder sein Bild enthielt: im Tempel wurde die Schrift er-/gefunden). Die Logik der Schrift konstituiert sich in einer Konstellation von – Tempelreligion (Opferdienst und Vergegenständlichung Gottes, Ursprung des Geldes und der Schrift), – Ästhetisierung, – Vergegenständlichung (das Objekt gründet im Seitenblick, ebenso die Reversibilität der Richtungen im Raum, die Äquivalenz des Positiven und Negativen, die Vorstellung eines linearen Zeikontinuums, Konstituierung der Geschichte durch Vergegenständlichung des Vergangenen), – Abstraktion (die Unterscheidung von Nomen und Verb, Subjekt und Prädikat), – Neutralisierung der Dinge, Trennung von Natur und Welt (Ursprung des Weltbegriffs), – Privateigentum, Recht und Staat. Der Raum als die Form der Gleichzeitigkeit (der Synchronie) enthält in seinen Richtungen das Bild der Zeit, das (in der Reversibilität der Richtungen im Raum und in der Unendlichkeit ihrer Ausdehnung) die Totalität der Vergangenheit und der Zukunft mathematisch abbildet. Jeder Punkt im Raum ist das Denkmal einer unendlichen Vergangenheit und Zukunft.
Was ist der Unterschied zwischen Tafel, Rolle und Buch?
Hegel
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10.8.1994
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8.8.1994
Zur Logik der Schrift:
– Der Unterscheidung der Namen der Barbaren und der Hebräer gründet in ihrer Beziehung zur Logik der Schrift.
– Die Erfindung des Fegefeuers ist das Produkt der projektiven Verarbeitung einer Erfahrung, die in der Logik der Schrift begründet ist; diese projektive Verarbeitung war der Anfang der Verdrängung dieser Erfahrung (des Abgrunds zwischen dem Wort und seiner Erfüllung).
– Hat der Begriff des Papiertigers (seine Unterscheidung vom realen Tiger) etwas mit der Logik der Schrift zu tun?
Die Jenseits-Vorstellungen des katholischen Mythos (insbesondere die Vorstellungen von Hölle und Fegefeuer) drücken Aspekte der Beziehung von Welt und Natur vor dem Ursprung der modernen Naturwissenschaften aus; sie sind ein Teil ihrer Vorgeschichte.
An der „Geburt des Fegefeuers“ ließe sich sehr präzise die Beziehung der Bekenntnislogik zur Geldwirtschaft und zum Ursprung des Trägheitsbegriffs demonstrieren. – Gehören hierzu nicht die Worte von den „Pforten der Hölle“ und dem „Schlüssel des Himmelreichs“?
Das wirkliche Thema der Fegefeuer-Diskussion ist die Beziehung der Sprache zum Inertialsystem (oder zur Logik des Geldes und zur Bekenntnislogik): Ist nicht das Inertialsystem das Instrument, mit dem wir uns die Sprache vom Leibe halten (durch die pauschale Trennung von Begriff und Objekt, Sprache und Welt; Kritik der Linguistik)?
Nationalsozialismus als Modernisierungsschub: Besteht nicht die sozialdarwinistische Kapitulation vor der Natur weiter, und unterscheidet sie sich von der direkten, brutalen Gestalt des Faschismus nur durch deren Verfeinerung, durch das höhere Maß an zivilisierter Gemeinheit?
Steckt nicht im Schöpfungsbericht, in der bei der Erschaffung des Menschen zwischen „seinem Bild“ und dem „Bilde Gottes“ unterschieden wird, die Rechtfertigung einer Theologie „hinter dem Rücken Gottes“, einer Theologie, die die Vergegenständlichung Gottes mit einschließt. Aber diese Rechtfertigung ist nicht leicht zu nehmen; sie gehört zu den Implikationen des Kelch-Symbols.
Kann es sein, daß der Akkusativ erst im Lateinischen zum Akkusativ geworden ist (mit all den grammatischen Konsequenzen, die das dann im Lateinischen hatte)? Und ist nicht die Trennung von ratio und intellectus ein Produkt der lateinischen Sprache (das im Deutschen in der Unterscheidung von Verstand und Vernunft nachwirkt)? Im Griechischen scheint es hierzu keine unmittelbare Entsprechung zu geben: Die Auflösung scheint in der griechischen archä zu liegen, in einem Begriff der Ursache, der (als Anfang oder Ursprung) von dem des Grundes noch nicht rein sich scheiden läßt, der erst im Lateinischen in causa und ratio auseinandertritt. In der archä klingt das Schuldmoment nach, das in der erst ratio neutralisiert und instrumentalisiert wird (und die Voraussetzung dafür schafft, daß der kosmos zum mundus „gereinigt“: die „Welt“ durch die christliche Erlösungslehre „entsühnt“ worden ist). Hat die ratio nicht etwas mit dem Beweis zu tun: mit der Hereinnahme des gerichtlichen Beweisverfahrens und der rechtlichen Funktion und Bedeutung des Urteils in die Philosophie (die so zur theologischen „Orthodoxie“ geworden ist)? Ist nicht erst in diesem Zusammenhang der griechische logos (mit dem der johanneische von Anbeginn verwechselt worden ist) zum Gegenstand einer theologisch instrumentalisierten Philosophie geworden?
Der Sündenfall der Moderne ist eingetreten, als die Vernunft, der intellectus, von der Sprache aufs Prinzip der Selbsterhaltung umgeleitet wurde (als deren Ursprung die Geldwirtschaft und als deren gegenständliches Korrelat sich dann das Inertialsystem erwies). Das Konstrukt des Fegefeuers enthält die Erinnerung an den „brennenden“ Schmerz dieses historisch-gesellschaftlichen Prozesses; in der Notwendigkeit der „Reinigung durchs Feuer“ drückte die Erfahrung sich aus, daß das Gesetz der Selbsterhaltung nicht das Letzte ist.
Das Inertialsystem (die Bindung des Denkens ans Anschauen) ist der Pfropf im Ohr der Vernunft (Grund der Umwandlung des Hörens in Gehorsam).
Hegels Begriffe sind allesamt hypostasierte (durch Projektion ins Vergangene zu Eigenschaften vergegenständlichte) Tätigkeiten; die Urbegriffe wie Sein und Wesen sind Namen für Verbrechen wie „Mörder“ und „Dieb“; Hegels Logik ist das Gefängnis, in dem sie ihre gerechte Strafe verbößen. Wer die Welt auf ihr vergangenes Tun festnagelt, verrät um der Selbsterhaltung (und des Wissens) willen die Umkehr und schließt das Erbarmen und die Hoffnung aus. -
14.7.1994
Das Bilderverbot gründet in der Scham: es ist gegen das Aufdecken der Blöße gerichtet. Der Aktualitätsbezug prophetischer Erkenntnis schließt die Erinnerung (die Korrespondenz zur Vergangenheit) mit ein. Sind die flektierenden Sprachen nicht allesamt Schriftsprachen, und drückt in ihrer grammatischen Entfaltung nicht die Logik der Schrift sich aus? Hat Paulus, der erste der „neutestamentlichen“ Autoren, das Christentum dadurch zu einer Völker-(Heiden-)Religion gemacht, daß er es zu einer „Schriftreligion“ gemacht (ihm die Logik der Schrift einbeschrieben) hat? Kann es sein, daß die anderen Texte des Neuen Testaments, von den Evangelien bis zur Offenbarung Johannis, aber auch die „katholischen“ Briefe, Versuche waren, zu retten, was noch zu retten war; waren sie nicht schon Korrekturen des paulinischen Konzepts? Gilt auch hier das Gesetz von Katastrophe und Errettung (mit dem Kreuzestod als dem ungeheuerlichsten Erinnerungsmal an das katastrophische Element in der biblischen Tradition)? Ist nicht die (im Kern paulinische, an die versäumte Verarbeitung seines Anteils am Tode des Stephanus erinnernde) Opfertheologie das Mittel der Verdrängung und Neutralisierung des katastrophischen Elements (Grund der Desensibilisierung der Theologie, ihrer Narkotisierung)? Paulus-Kritik: Der gerechtmachende Glaube (Grund der prophetischen Erkenntnis) ist das Gegenteil des rechtfertigenden Glaubens (der Bekenntnislogik). Ruhm ist keine christliche Kategorie (verhalten sich nicht Ruhm und Ehre wie Zeit und Raum, und ist nicht die Materie zu beiden das Geld?). Ohne eine hierarchische Ordnung, ohne Herrschaft von Menschen über Menschen und ohne Gewalt gibt es keinen Ruhm. Heute ist – ebenso wie die Barmherzigkeit in Selbstmitleid – der Ruhm in Reklame, ins Eigenlob, übergegangen. Wird Hegels Satz, daß „der Held für den Kammerdiener kein Held“ ist, nicht durch den Folgesatz dementiert: „nicht, weil der Held kein Held ist, sondern weil der Kammerdiener ein Kammerdiener ist“. Die Idee des Absoluten verknüpft die Aneignung der Welt mit dem Schaden an der eigenen Seele. Die Urteilsform ist die Frucht vom Baum der Erkenntnis (sie öffnet die Augen, deckt die Blöße auf und macht erkennen, daß man nackt ist). Die Geschichte der Dogmenentwicklung ist die Geschichte des verzweifelten Versuchs, die Wahrheit in der Form des Urteils zu fassen: Darin gründet ihre Beziehung zur Geschichte der drei Leugnungen Petri, die mit der Selbstverfluchung (dem Greuel am heiligen Ort: der Idee des Absoluten) endet.
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13.7.1994
Beziehung der subjektiven Form der äußeren Anschauung zur Bekenntnislogik, zur Sexualmoral und zum Keuschheitsgebot: Die Bekenntnislogik, die in der Umkehrung der Schuldreflexion und des Schuldbekenntnisses (in der Ursprungsgeschichte der Verinnerlichung der Scham und der Entstehung der Raumvorstellung) gründet, begründet selber den Schuldzusammenhang und den Rechtfertigungszwang, die das sexualmoralische Urteil vergeblich projektiv abzuarbeiten versucht (Modell des Taumelkelchs und der Trunkenheit).
Die Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre (das Haus verkörpert diese Grenze, während die Urteilsform, die Trennung von Objekt und Begriff, in ihr gründet und sie abbildet) ist eine Schamgrenze („da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“). Die Geschichte der Verinnerlichung der Scham (des Ursprungs der Raumvorstellung) ist die Ursprungsgeschichte der synthetischen Urteile a priori: deshalb gründet die transzendentale Logik in der transzendentalen Ästhetik.
Der Raum ist das Bild der Selbsterhaltung, aber das Licht pflanzt sich im Raume fort. Die Fortpflanzung des Lichts im Raum ist ein Produkt des Seitenblicks, zu unterscheiden von dem Licht, das auf die Finsternis sich bezieht, von ihr sich unterscheidet. Wie hängt der „Seitenblick“ mit der Barmherzigkeit (die auch aus der Seite erschaffen ist) zusammen?
Die aufgedeckte Blöße („sie erkannten, daß sie nackt waren“) hat ihren Grund in der Verwechslung von Realität und Symbol, so wie es bei Freuds Konzept vom „Penisneid“ nicht um den realen Penis, sondern um das Macht- und Sexismussymbol geht (den Turm, das Stethoskop, die Krawatte, den Zeigefinger).
Ist nicht die Hysterie die Symbol-Krankheit schlechthin, eine Krankheit, die den Gesetzen der Symbollogik gehorcht, und wie hängt das mit ihrer Beziehung zur Barmherzigkeit zusammen? – Hysterie ist der Name der Abfolge der symbolischen Gestalten, die die Barmherzigkeit in der Isolationshaft der Gemeinheit annimmt.
Die Theorie des Namens müßte, wie die Kritik des Begriffs, die Logik des Symbols mit enthalten: Das Symbol erlischt in der erkennenden Kraft der Sprache (in der Erkenntnis des göttlichen Namens).
Die Theorie des Feuers ist das Bindeglied zwischen der Namenlehre und der Theorie des Angesichts. – Das Angesicht ist der Gegenstand der sehenden Ohren; im Feuer verbrennt die Schamgrenze, die Sehen und Hören trennt (das Inertialsystem), und der Spiegel, der die Getrennten auf einander bezieht (das Symbol).
Aufklärung und Wut, zur Genesis des Nominalismus: Hilft es nicht weiter, wenn man das Inertialsystem als ein Instrument der Wut (das seine destruktive Gewalt zuerst am Namen beweist) begreift?
Die Kontraktion der Schicksalsidee zum Weltbegriff (Grund der Idee des philosophischen Subjekts) ist ein Wut-Generator, ihr vorbezeichnetes Objekt ist das Objekt der Barmherzigkeit.
Nationalistische Familienbande, oder die Grenze des Hauses: Mit den Rechten kann man sich in der Öffentlichkeit nicht sehen lassen, aber die Linken kommen mir nicht ins Haus (zur Wut reizen nur die Linken).
Ist nicht das Ding das maskuline Gegenstück zur Materie (und Hegels Logik eine Logik des Dings)?
Die Feindesliebe, der Verzicht auf projektive Erkenntnis (die Arglosigkeit), ist die Frucht des Keuschheitsgebots.
Das Labyrinth ist das Symbol der multidimensionalen Verzweigung des Begriffs. Aber führen nicht alle Wege im Labyrinth zum Minotaurus (zum Begriff des Absoluten), während nur der Faden der Ariadne den Ausweg weist?
Die Philosophie hat den Mythos nicht besiegt, sondern durch seine „Überwindung“ vor ihm kapituliert. So war in der christlichen Dogmengeschichte jede überwundene Häresie zugleich das Denkmal einer Kapitulation. Eine Dogmatik, die nur den Abscheu vor den Häresien vermittelt (die immer nur pfui sagt), fällt ihnen eben dadurch zum Opfer (das Dogma im Schuldverschubsystem, die Bekenntnislogik und die Ursprungsgeschichte des steinernen Herzens).
Zitiert Augustinus in seinem Titel „de genesi ad litteram“ mit dem Begriff der littera, des Buchstabens, der Schrift, nicht die Logik der Schrift? Hierauf, auf die Logik der Schrift, scheint sich auch der paulinische Gegensatz von Buchstabe und Geist zu beziehen. Die Frage ist, ob nicht die Elemente (die stoichaiai), die Archonten, die Herrschaften und Mächte der Welt, in der Logik der Schrift ihre Grundlage haben.
Läßt die Beziehung der Elementenlehre zur Logik der Schrift nicht an den Differenzen der griechisch-philosophischen Elementenlehre zu ihrer jüdisch-prophetischen Entsprechung im Anfang des biblischen Schöpfungsberichts sich ablesen (Erde, Wasser, Feuer, Luft, zu Erde, Himmel (dessen Name aus den Namen von Feuer und Wasser gebildet ist), dem Geist (ruach, pneuma) über den Wassern; warum sind das Licht und die Finsternis, auf die es sich bezieht, keine Elemente)?
– Jeremias 306: Fragt doch und seht, ob ein Mannsbild gebiert! und
– 3122: Denn der Herr schafft Neues im Lande: das Weib wird den Mann umgeben.
– 3134: Da wird keiner mehr den andern, keiner mehr seinen Bruder belehren und sprechen: „Erkennet den Herrn!“ sondern sie werden mich alle erkennen, klein und groß, spricht der Herr; denn ich werde ihre Schuld verzeihen und ihrer Sünden nimmermehr gedenken. – Hierzu Walter Benjamin: Überzeugen ist unfruchtbar. -
11.7.1994
Beklemmende Komik der altorientalischen Geschichtsschreibung: Hier ersetzt die martialisch-nationalistische Phantasie, an deren Sprachgestalt sich ablesen läßt, daß es so nicht gewesen sein kann, die kritische Arbeit. Der Stil, der den Schein erweckt, der Historiker beschreibe eine lebendige Gegenwart, gleicht nicht zufällig dem von Theologen, die ihre eigenen Vorurteile als Gottes geheime Pläne ausgeben. Sowas macht man (auch in der atheistischen Theologie, die an die Gegenwart Gottes nicht mehr glaubt) nur mit Toten. Paulus und die „Heidenmission“: die Korrumpierung des Christentums durch den Erfolg. Es würde der Sache sehr nahe kommen, wenn man die Geschichte der Theologie als Geschichte ihrer Abtreibung begreifen würde. Hängt die Tatsache, daß im Hebräischen auch die zweite Person (das Du) geschlechtsbezogen ist, damit zusammen, daß es in ihr kein Neutrum gibt? Ist die zweite Person durch Neutralisierung zur Person (durch ihre Fähigkeit, Eigentum zu haben) geschlechtsneutral geworden; und ist diese Fähigkeit in der Subsumtion des Grund und Bodens (des Ackers) unters Tauschprinzip begründet? Das Arier-Problem läßt sich auf die Grundfrage zurückführen: Wer hat den Vorrang, der Phallus oder die Zunge (das Volk oder die Sprache)? Haben Feuer und Wasser etwas mit Sem und Japhet, mit Hören und Sehen, zu tun? Der Staat ist eine Kapitalmaschine; für ihn ist das Arbeitslosenproblem eine ökonomie-technische Frage: Vorrang hat die Frage der „Konjunktur“, von der die Staatseinkommen abhängen; das Arbeitslosenproblem ist nur ein Mittel der Rationalisierung der Steigerung des Sozialprodukts, von der die Arbeitslosen nichts haben. Aber wird nicht in der Tat das Steuersystem immer mehr zu einem Steuerungssystem, das die Erträge in die richtigen Taschen leiten soll? Und ist nicht dieses Steuersystem im Hinblick auf den Staatsertrag ein Beschleunigungs-, im Hinblick auf die Vollbeschäftigung (auf das „Recht auf Arbeit“) hingegen ein Bremssystem? Dadurch nämlich, daß sie (über die Lohn- und Einkommensteuer) die Arbeitskosten zusätzlich belastet. Wäre eine Infrastruktursteuer denkbar, die die Nutznießer der gesellschaftlichen Vorleistungen direkt an ihren Kosten beteiligt, und wäre sie nicht im Hinblick auf die wirtschaftliche Gesamtrechnung ehrlicher? Ist nicht die Erfindung der Tiefenzeit auch ein Ausbeutungsphänomen, das an der Kapitalstruktur und -funktion des nachfaschistischen Staates, des Staates nach dem faschistischen Modernisierungsschub, nachzuweisen wäre (hat Hegel mit der Kritik der kantischen Dinge an sich nicht die Ursachen der Erscheinungen aus dem Blickfeld gerückt)? Hegels Satz, daß die bürgerliche Gesellschaft bei all ihrem Reichtum nicht reich genug ist, der Armut und der Erzeugung des Pöbels zu steuern, wäre endlich zu verifizieren durch den Versuch der Bestimmung der Struktur des Reichtums (durch Analyse seines mathematischen und seines dynamischen Teils sowie wie der Beziehung beider). Die Eigentumsseite ist seine mathematische, seine ruhende Seite, während die Frage der Entstehung und der Erhaltung des Reichtums, seine dynamische Seite, eine merkwürdige Eigenschaft aufweist: sie ist Teil eines fortschreitend sich beschleunigenden Prozesses der Selbsterhaltung durch Selbstvernichtung: der Erneuerung durch Selbstaufopferung; sie ist ein Teil der fortschreitend sich beschleunigenden Umlaufzeiten des Kapitals (hier liegt das derzeit explosiv sich ausbreitende Tätigkeitsfeld der Banken). Wäre bei der Analyse der inneren Struktur des Reichtums nicht die alte Astrologie (die selber schon eine durch Projektion in den Kosmos sich selbst entfremdete Analyse des Reichtums war) eine wichtige Hilfe (durch die Beziehungen Venus/Reklame, Merkur/Zirkulation, Mars/Konkurrenz, Jupiter/Recht)? Die Propheten haben vom „Tag des Herrn“ gesprochen, Jesus sagte bei seinem ersten Auftreten in Kana: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen“. Einer der Quellpunkte der Gemeinheit: Unwissenheit schützt nicht vor Strafe. Wäre Gemeinheit ein strafrechtlicher Tatbestand, würde es die List, die Übervorteilung der Dummen nicht geben. Im Kontext der Bekenntnislogik ist die politisch-gesellschaftliche Analyse weniger wichtig als das Feindbild, ohne das es die projektive Schuldverarbeitung, die dem Herrendenken zugrundeliegt, nicht gibt. Im Bann der Bekenntnislogik ist der dialektische Materialismus zur Ideologie geworden; der Antisemitismus ist die selbstreferentiell gewordenene Bekenntnislogik. Die Bekenntnislogik ist das logische Äquivalent des prophetischen Symbols des „Taumelbechers“, der Trunkenheit (und das Herrendenken das logische Äquivalent der Trunkenheit)?
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10.7.1994
Kann es sein, daß der Melchisedek der Abraham-Geschichte (der König von Salem) schon den David meinte, und daß die biblischen Genealogien keine Ahnentafeln, sondern symbollogische Konstruktionen sind, die sich aufschlüsseln lassen, wenn man aufhört, die Alters- und Jahreszahlen chronologisch zu addieren? – Vgl. hierzu das „hodie genui te“ und das „Ehe Abraham ward, bin ich“. Das deiktische Element im bestimmten Artikel bindet die Sprache an das Gesetz der richtenden Erkenntnis; deshalb sind Griechisch und Deutsch die Sprachen der Philosophie. Kann es sein, daß das Präfix ha- im Hebräischen, dem dieses deiktische Moment fehlt, ein Namenspartikel ist, jedenfalls die substantivbildende Kraft, die dem bestimmten Artikel in den indogermanischen Sprachen zukommt, noch nicht hat. Aber erinnert dieses ha- nicht ans Lachen (an die Affinität des Namens zum Lachen, auch an die Benennung der Tiere durch Adam, der dann keine Hilfe in ihnen fand)?
Ist nicht die Pflegeversicherung ein Ersatz für die nicht gelungene Aufarbeitung der privaten und öffentlichen Vergangenheit, für die nicht geleistete Erinnerungsarbeit?
Das Für-sich-Sein entwickelt sich aus dem, was eine Sache für uns ist: aus ihrer Zuhandenheit, aus der Instrumentalisierung der Sache. Das Für-sich-Sein ist der Knoten der Selbstinstrumentalisierung. Ist nicht das Für die Dativ-Präposition (die Umkehr des Genitivs: der Besitzer des Hauses, ihm gehört das Haus)? Stehen nicht Nominativ und Akkusativ, und Genitiv und Dativ in einer Umkehrbeziehung, wobei im Neutrum Nominativ und Akkusativ, im Femininum Genitiv und Dativ als reversibel sich erweisen? (Im Hebräischen gibt es kein Neutrum und keinen Dativ. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Neutrumsbildung, dem Dativ, der Bildung impersonaler Sätze und dem Ursprung des Passiv?) Verschwindet nicht schon bei Heidegger der Dativ, und bleiben dann nicht Genitiv und Akkusativ, Zu- und Vorhandenheit, zurück (Grund der Ontologie: Sie ersetzt das „gehören“ und den Dativ durch das „ist“ und den Genitiv, durch das „es gibt“ und durch das Possessivpronomen)? Deshalb hat die Unterscheidung des Genitivus subjektivus und objektivus für Heidegger eine so große Bedeutung (nachdem er den Dativ verschluckt hat). Raum und Deklination: Nominativ und Akkusativ (Ursprung des Neutrums) beziehen sich auf das Verhältnis von vorn und hinten (im Angesicht und hinter dem Rücken), Genitiv und Dativ auf das Verhältnis von Rechts und Links (Gericht und Gnade). Ist die Unterscheidung von vorn und hinten nicht auch der Grund des Weltbegriffs, und die von rechts und links der des Naturbegriffs? Deshalb gehört zur Definition des Naturbegriffs das „von allen Seiten hinter dem Rücken“ (die dritte Leugnung, oder die Mathematisierung der Sprache). Von allen Seiten hinter dem Rücken: das bezeichnet aufs genaueste den Grund der Scham. Die Unterscheidung von oben und unten (dem die von Objekt und Begriff, Natur und Welt, die „vier Himmelsrichtungen“, zugrunde liegen) ist der Grund des Wissens, das durch den Naturbegriff (von allen Seiten hinter dem Rücken, „Schrecken um und um“) „allseitig“ geworden ist. Der Funktion der Tragödie (der Schicksalsidee) für den Ursprung der alten Philosophie entspricht die des Inertialsystems (das Versinken in der Scham) für die neue: Das ist in der kantischen Philosophie, in der transzendentalen Ästhetik, im Konzept der subjektiven Formen der Anschauung, zum erstenmal erkannt (dann aber sogleich wieder vergessen, jedenfalls nicht begriffen) worden. Ist die Frau deshalb aus der Seite Adams genommen, weil sie ihm zur Seite stehen sollte (es fand sich keine Hilfe: alle Tiere waren Verkörperungen des Gerichts)? Entspricht nicht das Männliche der Trennung von vorn und hinten (Grund des Ursprungs des Neutrums), das Weibliche der Trennung von Rechts und Links (Ursprung des Messianischen)? Gibt es ein sprachliches Äquivalent der Feindschaft zwischen der Schlange und dem Weibe (dem Samen der Schlange und ihrem Samen: dem Menschensohn)? Im Buch Jona kommen keine Frauen vor; erst im Buch Tobit wird Sara von der Herrschaft des Dämonen Asmodai befreit (aber zuvor der Fisch gefangen und getötet, und dann Ninive zerstört). Auch die säkularisierte Welt ist ein Derivat des Christentums, wenn man will, eine christliche Konfession: Auch sie wäre zu entkonfessionalisieren. Der letzte Satz im Mt-Evangelium (1820): Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt (heos täs synteleias tou aionos). -
9.7.1994
Rühren die Probleme des Konjunktiv und des Dativ daher, daß die Logik des Grundes und die der Modalität nicht mathematisierbar sind? Wie verhält sich das Urteil (die Kopula) zur mathematischen Gleichung?
Was hat die Hysterie mit dem Heiligen Geist zu tun? (Sie ist nicht die Sünde wider Heiligen Geist, wohl aber eine ihrer projektiven Folgen im Objekt.)
Die Kirche verdankt sich der blasphemischen Tathandlung der Vergegenständlichung und Instrumentalisierung des Kreuzestodes. (Hat nicht in der Tat Paulus „zwei Hörner wie ein Lamm, und redet wie ein Drache“?)
Sind Leviatan und Behemoth Symbole des Gerichts und der Barmherzigkeit?
Ethik als prima philosophia: sie wäre zu begründen mit Adornos Satz, wonach heute alle sich ungeliebt fühlen, weil keiner mehr zu lieben vermag. Das Tor für die Fähigkeit zu lieben ist in Joh 129 bezeichnet. Es ist gerade die „Sünde der Welt“, daß alle sich ungeliebt fühlen (die Welt wäre zu konstruieren als das projektive Korrelat des Sich-ungeliebt-Fühlens: welche Attribute wären Gott zuzuschreiben, wenn er „die Welt“ erschaffen hätte und nicht den Himmel und die Erde). Rechtfertigungsbedürftig (und Gegenstand der Apologetik) ist nur, wer nicht liebt; und der verdinglichte Glaube ist zum Inhalt der lieblos gewordenen Wahrheit geworden.
Die Negative Dialektik: Adornos Gericht der Barmherzigkeit über das gnadenloses Weltgericht Hegels.
In seiner Antwort auf die Frage des Täufers, ob er es sei, der da kommen soll, hat Jesus nicht gesagt: Ich bin der Sohn Gottes, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch mich ist alles geschaffen, und nichts, was geschaffen ist, ist ohne mich geschaffen. Sondern: Die Blinden sehen, die Lahmen gehen, … den Armen wird die frohe Botschaft verkündet.
Hat nicht Paulus die Kirche auf die linke Seite Gottes geführt, und Jesus an der Rechten allein gelassen? Hat nicht er das Christentum opfertheologisch reformuliert (Begründung des Begriffs der Bekehrung ohne Umkehr), und es so welt- und anpassungsfähig gemacht?
Stephanus sah den Himmel offen, aber Paulus war in den dritten Himmel entrückt (und wußte hierbei nicht, ob im Leibe oder außer dem Leib).
Gehört nicht der hakeldama, der Blutacker, (als deren Ende) in die Geschichte des Landkaufs (Abraham, Jakob, David), und ist er nicht eine Potenzierung des Fluchs über den Acker (im Blut wird der Fluch beim Namen genannt)? In diese Tradition gehört der faschistische Slogan von „Blut und Boden“ (das Blut, das vom Acker schreit: ist nicht der Grund und Boden der kapitalisierte Acker?).
Ist die Tenne des Arauna der Berg Moriah, die Stelle der Bindung Isaaks?
Ist der Staub, zu dem Adam wird und den die Schlange frißt, der dem Tauschprinzip (der unendlichen Teilbarkeit des Geldes) unterworfene Acker? Erinnert daran nicht das Realsymbol der Wüste (der Ort der Essener, der Eremiten und Mönche)? -
7.7.1994
Als die Morgengabe des Schöpfers an die Schöpfung ist die Sprache zugleich die Verheißung der Auferstehung.
Als zentrales Moment der Konstituierung des Objekts gehört die Scham zur Urteilsform. „Sie waren nackt, aber sie schämten sich nicht“: Diese Freiheit von Scham ist der genaueste Ausdruck des seligen Sprachgeistes im Paradies. „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“: Mit der Einbeziehung des Blicks des andern in die eigene Wahrnehmung entspringt die urteilende Erkenntnis. Die Scham – und mit ihr die Urteilsform – entspringt im Sündenfall: Sie ist wie der Sündenfall ein sprachliches Phänomen. Deshalb ist auch das Keuschheitsgebot ein Sprachgebot, vielleicht das wichtigste. Zentraler Einwand gegen Hegel: Die Scham beherrscht seine Logik, wird jedoch selbst nicht reflektiert.
Keuschheit, Armut und das Hören (nicht der „Gehorsam“) sind die Konstituentien der Arglosigkeit.
Man sollte die Sprache nicht mit der „Rede“ verwechseln: Es gibt keine „Rede von Gott“ (das ist eine Professoren- und Predigerübersetzung von Theologie, schamloses Geschwätz: ihr Modell ist die monologisierende Vorlesung oder Predigt, die die Schamgrenze zum Andern nicht mehr kennt).
Nur Gott sieht ins Herz der Menschen. Wer über andere urteilt, verflucht Gott, fällt ihm in den Arm.
Weltuntergang: Der Weltbegriff gründet im Exkulpationstrieb, er wird mit dem Exkulpationstrieb untergehen.
Das Schuldverschubsystem ist die Grundlage und der Reflex eines paranoiden Verschwörungskonzepts, das im Kern des Weltbegriffs steckt. Was bedeutet der Schwur im Begriff der Verschwörung (und damit im Weltbegriff)? Eine verschworene Gemeinschaft ist eine Bekenntnisgemeinschaft (deshalb hat die SS sich als Orden verstanden). Auf diesen Zusammenhang bezieht sich der Satz: Du sollst nicht schwören.
Der Schwur ist der Dampf in der Empörung (kein besserer Gemeinschaftskitt als die gemeinsame Empörung über einen gemeinsamen Feind).
Beerscheba: Was hat die Sieben mit dem Schwur zu tun?
Zu den Prämissen der Konstruktion des Raumes gehörte die Erfindung der Null (die über den Islam aus Indien nach Europa gekommen ist). Ist der Raum ein Schamkonstrukt (das Medium der Konstruktion des Objektbegriffs und der Verinnerlichung der Scham)?
Die Apologetik oder der Rechtfertigungszwang ist der steinerne Grund, aus dem das steinerne Herz erwächst.
Bezeichnet nicht der Begriff der concupiscentia das Selbsterhaltungsprinzip, das dann, weil es sich selbst im blinden Fleck stand, auf die sexuelle Begierde verschoben wurde? Mit dieser Verschiebung auf die Sexualität, ein entscheidender Schritt auf dem Weg der Begründung und Konsolidierung des Schuldverschubsystems, wurden die Schleusen geöffnet für die Überschwemmung der Erkenntnis insgesamt durchs Selbsterhaltungsprinzip: zur Durchsetzung des Weltbegriffs, zur Materialisierung der Welt. Hier wurde der Schöpfer zum Demiurgen, wovor ihn auch das ex nihilo nicht mehr hat retten können.
Die Ontologie ist die hypostasierte Killerphrase.
Zum Gürtel des Petrus (Joh 2118): Hat das etwas mit dem Gürtel des Jeremias in der Felsspalte am Euphrat (Jer 13) zu tun, und hat das wieder etwas mit Off 914 und 1612 zu tun?
Bei den Kirchenvätern war das Bild vom Kreuz als Teufelsfalle beliebt: Ist das Kreuz (als Bekehrungs- und zugleich Umkehrverhinderungs-Mittel) nicht zur Heidenfalle geworden? -
6.7.1994
Sind die „Wolken des Himmels“, auf denen der Menschensohn kommen wird, der Beginn der Trennung von Wasser und Feuer, und ist das Bild von dem wie eine Buchrolle sich aufrollenden Himmel ein anderes Bild für diese Trennung?
Das „es werde“ und das „es ward“ des ersten Schöpfungstages wird im Text durch das gleiche Wort (und die gleiche grammatische Form dieses Wortes) bezeichnet. Es kann demnach auch heißen: Gott sprach: es ward Licht, und: es werde Licht. Während die übliche Übersetzung mit der (auch zeitlichen) Abfolge von Befehl und Vollzug, Ausdruck absoluter Souveränität ist, bleibt die Möglichkeit offen, ob der Schöpfungsbericht (nicht nur in seinem Anfang: wüst und leer, Finsternis über dem Abgrund, der Geist Gottes über den Wassern) genauer als eine Abfolge von Katastrophe und Rettung zu begreifen wäre.
Die Lehre von der Auferstehung ist in der Schöpfung im Namen des Himmels symbolisiert.
Hat nicht die Kollektivscham Auschwitz in die Vergangenheit verbannt, an die Stelle der Gegenwart von Auschwitz die Gegenwart der „Welt“ (der Siegermächte), vor denen die Deutschen sich zu schämen haben, gerückt? Ist Kohls „Versöhnung über Gräbern“ nicht eine Konsequenz aus der Logik der Kollektivscham?
Jede Scham bezieht sich auf ein vergangenes Ereignis und verhindert (im Gegensatz zur Schuld) geradezu seine Erinnerung und produktive Verarbeitung. Sie unterliegt darüber hinaus sogar der Gefahr der Instrumentalisierung im Schuldverschubsystem: der Erpressung des Täters, auf dessen „Vergebung“ der sich Schämende Ansprüche geltend zu machen sich ermächtigt glaubt: er hat mit der Scham doch seine Vorleistung erbracht. Die Scham ist einerseits peinlich, andererseits aber auch wieder nützlich: Man will gar nicht mehr über die Scham hinaus, da sie als Mittel der Stabilisierung der exkulpierenden Logik des Weltbegriffs (der endgültigen Säkularisierung des theologischen Erbes im Säkularisationsprozeß) sich erweist.
Sie waren nackt, aber sie schämten sich nicht. Das heißt: sie waren frei.
Takt ist die Fähigkeit, dem andern die Wahrheit zu sagen, ohne ihn zu beschämen. Insofern ist die gesamte Dogmengeschichte zwar nicht scham-, wohl aber taktlos: Sie verletzt das Keuschheitsgebot.
Hat Taktik etwas mit Takt zu tun (als die List der Instrumentalisierung des Takts, durch die er zur Gemeinheit wird)? Und ist nicht die Gemeinheit die idealistisch (oder zum Selbstzweck, zum Absoluten) gewordene Taktik?
Es gibt ein Besehen, Betasten, Befühlen, aber es gibt kein Behören (wohl eine Behörde). Was hat das Sich verhören mit dem Verhör (jemanden verhören) zu tun?
Hegel, oder der falsche Prophet: Die Prophetie ist ihre Zeit in Gedanken gefaßt, aber im Gegensatz zur Philosophie ist dieser Gedanke bis heute uneingelöst.
Fußball ist ein Zuschauerspiel: Der Zuschauer braucht (aufgrund seiner konstitutionellen Ohnmacht und Nichtexistenz) die Realimagination des Sieges. Etwas von der Qualität des Siegers geht (durch den magischen Mechanismus des Schuldverschubsystems) vom Spiel auf den Zuschauer über. Wer nicht zu den Gewinnern gehört, ist „weg vom Fenster“: Dieses Fenster ist das Schaufenster oder die Mattscheibe des Fernsehers, jedenfalls die absolute Trennwand, die den Zuschauenden vom Handelnden, oder – ihrem eigenen Bewußtsein nach – heute alle vom „wirklichen Leben“ (das im Fernsehen wie in den unzugänglichen und unerreichbaren Bereichen der Gesellschaft stattfindet) trennt. Dieses Fenster entscheidet darüber, auf welcher Seite einer steht. Sport als Liturgie: Steht der Zuschauersport nicht in der Tradition des Meßopfers und der öffentlichen Hinrichtungen, den traditionellen Herrschaftsliturgien? -
5.7.1994
Die negative Dialektik ist der Versuch, das Unrecht das ich einer Sache mit ihrer Vergegenständlichung antue, wiedergutzumachen; deshalb gehört die Idee der Versöhnung zum Begriff der Wahrheit. Die negative Dialektik ist wie die Barmherzigkeit der Erbe des Opfers.
Die „entsühnende“ Kraft des Opfers hat sich heute, in einer Welt, in der die Barmherzigkeit gegenstandslos geworden ist, auf die reine Anpassung an die Welt, den Konformismus, reduziert.
Mit dem Urschisma ist das Christentum genau in die Tradition eingetreten, die es an den Juden kritisiert, verurteilt und dann auch schon sehr früh verfolgt hat. Hier, in der theologischen Verarbeitung des Urschismas, ist das projektive Moment mit Händen zu greifen (seine Wurzeln liegen in der Rezeption der Philosophie, des „Hellenismus“).
War die Gnosis die erste Häresie, oder sind auch die Ebioniten schon als Häretiker verurteilt worden?
In der Einheitübersetzung wird in Off 1318 die Wendung „die Zahl eines Menschen“ mit „Zahl eines Menschennamens“ und in Off 1113 „siebentausend Namen von Menschen“ mit „siebentausend Menschen“ übersetzt. Wird nicht an beiden Stellen (zur Absicherung eines Theologieverständnisses, das auf die Schrift nicht mehr sich einläßt) der Sinn verfälscht: die Bedeutung des Namens im Kern mißverstanden?
Die Kritik (und Rettung) des Dogmas wird erst möglich sein im Kontext einer Kritik der Naturwissenschaft.
Die Hegelsche Dialektik von Herr und Knecht bezieht sich auf die Geschichte des Ursprungs der bürgerlichen Gesellschaft, den Kampf gegen den Feudalismus. Sie läßt sich nicht auf den Klassenkampf, auf den Begriff einer proletarischen Revolution, übertragen.
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4.7.1994
„Und Gott sprach: es sollen Lichter werden an der Feste des Himmels, Tag und Nacht zu scheiden, und sie sollen als Zeichen dienen und zur Bestimmung von Zeiten, Tagen und Jahren, und sie seinen Lichter an der Feste des Himmels, daß sie auf die Erde leuchten. …“ (Gen 114f) In letzter Instanz liegen jeder Zeitmessung natürliche Zeitmaße zugrunde: natürliche periodische Bewegungen wie der Tag, das Jahr, die Mondphasen, die Sternbewegungen. Natürliche Zeitmaße: Das heißt jedoch, daß auch die konventionellen „bürgerlichen“ Zeitmaße, zuerst die Woche, dann aber auch die Stunden, Minuten und Sekunden, die dann gegen die natürliche Zeitmessung sich verselbständigen, letztlich auf diese sich zurückführen lassen müssen. Wie hat sich daraus die Vorstellung eines Zeitkontinuums gebildet, das als subjektive Form der Anschauung gegen die Erscheinungen sich verselbständigt und allen Erscheinungen sich zugrundelegt (im Zusammenhang mit der Vorstellung eines ins Unendliche sich ausdehnenden Raumes und einer Materie, die „von außen“ – und welches „Außen“ gibt es außerhalb von Raum und Zeit – in den an sich leeren Raum und die an sich leere Zeit hereinkommen)?
„Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Gibt es heute überhaupt noch jemanden, der weiß, was er tut? Ist nicht bereits ein Zustand erreicht, in dem erstmals niemand mehr wissen will, was er tut, weil niemand mehr dieses Wissen (das Bewußtsein seiner Handlungen und ihrer Folgen) ertragen würde? Und ist nicht die Religion zu einer Institution geworden, die, anstatt Licht in die Welt zu bringen, nur noch über diesen Zustand hinwegtrösten soll, die die Erkenntnis dieses Zustands verhindert, indem sie nur noch Rechtfertigungsangebote liefert und so diese Verhinderung zugleich legitimiert? Aber hat das nicht seine christlichen Wurzeln (im Konzept der „Entsühnung der Welt“, der Opfertheologie und der dogmatisch verdinglichten Trinitätslehre)? Kann man eigentlich noch wissen, was man tut, nachdem Joh 129 vom Nachfolgegebot getrennt, die Gottesfurcht zur Herrenfurcht neutralisiert und Jesus vergöttlicht worden ist?
Im Kontext des Schuldverschubsystems (dessen Logik eins ist mit der des Weltbegriffs) weiß niemand mehr, was er tut. Die darin gründenden Rechtfertigungszwänge verstärken die Blindheit gegenüber dem eigenen Tun.
Bilden nicht die Trunkenheit, die aufgedeckte Blöße und die Unzucht ein transzendentallogisches Kontinuum?
Entsühnung der Welt: Die Wendung, die die christliche Tradition dem Motiv der Sündenvergebung gegeben hat, ist heute in die Automatik des Weltbegriffs mit eingegangen: Mit dem „Glauben“, der bisher die „Rechtfertigung“ des Sünders begründete, wurde auch das Christentum überflüssig, aber die Welt zugleich zu einem Feld der Barbarei (zum Greuel der Verwüstung). Vexierfrage: Wo ist der Glaube geblieben (Zusatzfrage: wodurch fühlen die Menschen sich heute gerechfertigt)? In dem gleichen Maße, in dem der Zustand der Welt der Katastrophe sich nähert, wächst die exkulpierende Kraft der Welt, mit der sie die Wurzeln der Katastrophe und damit die Katastrophe selbst unsichtbar macht. Mit der Welt, mag sie auch zum Teufel gehen, werden alle, die der Welt sich anpassen, auf die Anmaßung des eigenen Denkens (auf die Anmaßung, wissen zu wollen, was sie tun) verzichten, entsühnt. Gleicht der gegenwärtige Bewußtseinsstand nicht der Euphorie unmittelbar vor Eintritt des Todes? Deshalb gucken alle nur noch dumm.
Beschreibt Hegel im Begriff des Scheins und der Reflexion nicht das projektive Moment in der Erkenntnis (und gab es für ihn nach dem Begriff des Für-sich-Seins dazu überhaupt eine Alternative)?
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3.7.1994
Das Gebet ist die Antwort auf die Einsicht, daß nur Gott ins Herz der Menschen sieht.
Die jüdische-christliche Tradition unterscheidet sich vom gegenwärtigen Utopiebegriff dadurch, daß sie die Vergangenheit (die Natur) in die Utopie mit hereinnimmt.
Wenn das Jüngste Gericht das Gericht der Barmherzigkeit über das gnadenlose Weltgericht ist, heißt das nicht auch: Hegels Geschichtsphilosophie gegen den Strich bürsten?
– Der evangelische Rat des Hörens ist der Ausgangspunkt einer Kritik der Logik der Schrift,
– die Armutsforderung liegt der Kritik des Geldes (des Kapitalismus) zugrunde,
– das Keuschheitsgebot der Herrschaftskritik.
Der dem Begriff der Keuschheit korrespondierende Begriff der Unschuld ist immer als natürliche Unschuld, als Unschuld vor der Sünde, verstanden worden. Aber diese Unschuld hat es nie gegeben. Muß dann nicht auch die Keuschheitsforderung auf das Werk der Versöhnung bezogen werden?
Unschuld und Glück sind korrespondierende Begriffe. Beide sind nicht am Anfang, sie sind nicht etwas zu Bewahrendes; sie sind Ziel, nicht Ursprung (Unschuld ist zu gewinnen durch Sündenvergebung).
Ist nicht die Opferfalle eine Unschuldsfalle: Wer reines Opfer ist, für den ist der Täter, der Schuldige, erkennbar.
Das Wahrnehmungsorgan der Sensibilität ist die Sprache (das Hören).
Der Satz: Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand, beweist schlagend die Asymmetrie von Ethik und Recht. Er ist insofern der Beginn einer Gottesbeweises, als er gegen die Hypostasierung des Rechts die Ethik als prima philosophia zu begründen vermag (die Ontologie schützt die Gemeinheit).
Die Universität ist die Tathandlung, die Fichtes Wissenschaftslehre begründet.
Die Sprache konstituiert die Welt; weshalb sprengt dann die Todesangst das All? Ist das Neutrum (und sind die ihm korrespondierenden grammatischen Strukturen) das Produkt der Verdrängung der Todesangst?
Was bedeutet es eigentlich, daß in den semitischen Sprachen auch die zweite Person schon (oder noch) geschlechtsbezogen (männlich oder weiblich) ist? Hinweis: Ein Neutrum wäre in der zweiten Person nicht denkbar; und die Verschiebung der Geschlechtsabhängigkeit in die dritte Person verändert die Beziehung zur Sexualität insgesamt.
Während es die Aufgabe der Geschichtsschreibung zu sein scheint, die Vergangenheit stillzustellen (so daß sie die Gegenwart nicht mehr beunruhigt oder belastet), hatte die jüdische Geschichtserinnerung die irritierende Eigenschaft, die vergangenen Sünden zu erinnern (bis hin zur Sünde Adams, zur „Sünde der Welt“). Hier gründet die verhängnisvolle Wirkung, die der christlichen Erlösungslehre sich verdankt: Durch eine geringfügige Verschiebung (durch Herausnahme der Übernahme der Sünde der Welt aus dem Nachfolgegebot, mit der Konsequenz der Opfertheologie und der Vergöttlichung Jesu) hat sie der Erinnerung, dem Eingedenken, den Weg verstellt.
Nicht zufällig hat die Aufklärung (bis hin zu Hegel) den Sündenfall als Akt der Befreiung verstanden.
Der Hinweis im neuen Weltkatechismus, daß „Himmel und Erde“ ein mythischer Ausdruck für alles, was ist, sei, leugnet den Sündenfall und bringt in die Theologie einen Widerspruch hinein, der in ihr nicht mehr zu lösen ist: der die Wahrheit, und mit ihr die Menschen, aus der Theologie heraustreibt (abtreibt). Hier gründet das projektive Moment in der kirchlichen Stellung zur Abtreibungsdebatte. Aber wird mit den Frauen nicht die einzige in der Schrift bezeichnete Instanz, die die Feindschaft gegen die Schlange repräsentiert, aus der Kirche herausgetrieben?
Paulus hat nicht „die Gemeinde“ (die Kirche) verfolgt, sondern er war verantwortlich für einen Mord: die Steinigung des Stephanus. Bei seinem ersten Besuch in Jerusalem waren es die „Hellenisten“ (nicht die Juden), deren Angriffen er ausgesetzt war, und während er nach dem Galaterbrief nur Kephas (und den Herrenbruder Jakobus) getroffen hat, ist er nach der Apostelgeschichte „bei den Jüngern“ aus- und eingegangen. Salus/Paulus hat den Zebedäussohn Jakobus offensichtlich nicht mehr getroffen (die Hinrichtung des Jakobus war später als die Verfolgungen des Saulus, aber vor dem ersten Besuch des Saulus in Jerusalem).
Der erste „Bischof“ in Jerusalem war der „Herrenbruder“ Jakobus (der zum „Apostel“ als nachträglicher „Zeuge“ der Auferstehung geworden ist, vgl. 1 Kor 157).
Verfolgungen in Jerusalem:
– durch Hohepriester/Sadduzäer: die Apostel (Apg 517ff),
– durch „einige aus der Synagoge, welche die der Libertiner und Cyrenäer und Alexandriner genannt wird“ und Saulus: Stephanus und die „Gemeinde“, die „Hellenisten“ (Apg 69ff),
– Herodes: Hinrichtigung des Johannes-Bruders Jakobus (einer der Zebedäus-Söhne) und Gefangennahme des Petrus (Apg 121ff).
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