Hegel

  • 23.06.93

    Das (moderne) Substantiv unterscheidet sich vom (alten) Nomen durch seine Beziehung zum bestimmten Artikel, zu dem darin enthaltenen deiktischen Moment. Hier ist in die Sprache ein selbstreferentielles Moment, eine automatische Objektbindung, hereingekommen. In welchen anderen Sprachen gibt es eine Entsprechung zum deutschen Substantiv?
    Der englische Artikel (the), in dem jede Erinnerung an das genus oder an die Deklination getilgt ist, ist auf die reine deiktische Funktion eingeschränkt, und damit hängt die sprachliche Gestalt des englischen Infinitivs von Sein, das „to be“, aber auch der englische Empirismus zusammen. Aber ist das Deiktische nicht generell ein Moment im Präfix „be-„? Hängen die Prä- und Suffixe nicht überhaupt mit dem deiktischen Element in der Sprache (mit ihrem „sumerischen“ Ursprung) zusammen, und zwar die Präfixe mit der deiktischen Intention der Sprache (mit dem Nominalismus), die Suffixe mit der gegenläufigen „deiktischen Intention“ des Objekts (mit dem Verstummen des Objekts, mit seiner Verräumlichung: sind die Sprachen des Altertums, insbesondere die griechische, nicht reine Objektsprachen – Ausnahme: die hebräische Sprache, die eine Sprache „im Angesicht“ ist)? Besiegelt der Begriff des Substantivs (der gleichsam das schwarze Loch der Sprache bezeichnet) die Zerstörung der Kraft des Namens, die Zerstörung der benennenden Kraft der Sprache?
    Läßt sich der deutsche Idealismus aus der grammatischen Funktion des bestimmten Artikels herleiten (der deutsche Idealismus hat selbst „das Ich“ noch zu einem Substantiv gemacht).
    Bei Kluge wird das Substantiv unter dem Stichwort Substanz als „Wort mit Inhalt“ erläutert (warum unter Substanz, und was heißt „Wort mit Inhalt“: daß in das Nomen als Substantiv die Objektbindung mit hereingenommen wird; gründet darin die Großschreibung des Substantivs im Deutschen?). Der Begriff Substantiv ist wie der der Persönlichkeit ein Weltbegriff.
    Zur Bildung des Wortes Substantiv: Was ist der Unterschied zwischen dem Gerundium und dem Gerundivum? Kann es sein, daß im Begriff Substantiv der Objektbezug als Konsequenz einer Tat des Subjekts begriffen wird. Die Substanz ist noch eine Eigenschaft des Objekts, aber das Substantiv ist Produkt einer projektiven Substantialisierung des Objekts durchs Subjekt (das Substantiv ist eigentlich eine adjektivische Bildung: die Hypostasierung eines Adjektivs). Wie Welt und Natur ist das Substantiv ein die Sprache und ihr Gesetz bestimmender transzendentallogischer Begriff.
    Das Hegelsche System-Programm: die Substanz als Subjekt zu begreifen, wird im Begriff des Substantivs falsch erfüllt. Deshalb wird es großgeschrieben.
    Es spricht einiges für die Vermutung, daß der Begriff Substantiv aus Wilhelminischen Zeiten stammt; das würde bedeuten, daß er im Grimmschen Wörterbuch noch nicht enthalten wäre.
    Zu den Prämissen des Begriffs Substantiv gehört die Unterscheidung von Sache und Ding (auch von Wut und Zorn; im Lateinischen wurden weder Sache und Ding (res) noch Wut und Zorn (ira) unterschieden), sowie der Begriff der Tatsache. (Sind das englische matter und thing wirklich Entsprechungen der deutschen Begriffe Sache und Ding?) Die emphatische Bedeutung der kantischen „Dinge an sich“ (einer contradictio in adjecto) hängt hiermit zusammen.
    Zur jahwistischen Urgeschichte, insbesondere zu der Geschichte vom Turmbau zu Babel, wäre anzumerken, daß hier vor allem gilt: Nichts Vergangenes ist wirklich vergangen. Muß man nicht in die Geschichte vom Turmbau zu Babel die Vorgeschichte mit hereinnehmen: die Geschichte der Sintflut (die genaueste Beschreibung des Ursprungs des Weltbegriffs)?
    Ist nicht die kantische Philosophie, insbesondere die Kritik der reinen Vernunft, der Beginn eines Versuchs, den Turmbau von Babel von innen zu beschreiben? Und gehören nicht die Petrus/Fels-Geschichten in diesen Kontext mit herein, das „Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen“ und das Gleichnis von der Standfestigkeit des auf den Felsen (statt auf Sand) gebauten Hauses, aber auch das Gleichnis vom Weizen, der auf felsigen Grund fiel?
    Die Opfertheologie ist die auf den Kopf gestellte Wahrheit der Erlösung. An die Wahrheit dessen, was die Texte von sich aus meinen, kommen wir nicht mehr heran; im Wege steht uns der affirmative Gebrauch des Weltbegriffs, die Verfälschung der Erlösung durch den Begriff der Entsühnung der Welt (die nichts ändert, aber alle um den Preis der Katastrophe entlastet).
    Goethes Lied vom „Röslein auf der Heiden“ ist ein Vergewaltigungslied. Aber ist nicht diese Vergewaltigung in der Struktur der Welt vorgebildet, und ist nicht Goethe auch in diesem Sinne ein „Weltbürger“? Bezieht sich nicht hierauf das den Sachverhalt allein auflösende Wort von der Übernahme der Sünden der Welt? Mit der Anpassung an die Welt ist das affirmative Verhältnis zur Vergewaltigung mitgesetzt. Vgl. hierzu das Paulus-Wort von der ganzen Kreatur, die seufzt und in Wehen liegt.
    Gibt es eine Geschichte der Prophetinnen, von Mirjam über Hulda (auch Debora und Judith) bis hin zu den vier Töchtern des Philippus, und unter Einbeziehung des Prophetenworts, daß am Ende auch die Töchter und Mägde teilhaben an der Prophetie? Welche Bewandnis hat es mit der Salbung Jesu im Hause Simons des Aussätzigen in Betanien durch die namenlose Frau, von der es heißt, daß man „überall auf der Welt, wo das Evangelium verkündet wird, … sich an sie erinnern und erzählen (wird), was sie getan hat“? (Mk 143-9, Mt 266-13; Johannes – 121-9 – verlegt die Geschichte nach „Betanien, wo Lazarus war, den er von den Toten auferweckt hatte“; und hier ist es Maria, die ihn salbt; bei Lukas – 737ff – ereignet sich der Vorfall im Haus eines Pharisäers, den Jesus dann mit Simon anspricht, und bei der Frau handelt es sich um eine „große Sünderin“.)
    Zur Geschichte der Könige:
    – welche Könige tun nicht, „was Gott mißfällt“?
    – wo werden die Könige begraben (die judäischen in Jerusalem, aber welche im Hause oder Garten des Uzza(?)?
    – welche Arten des Götzendienstes werden genannt?
    – welcher König hat Jericho wieder aufgebaut (und dafür den Erstgeborenen und den Jüngsten geopfert)?
    – die Rolle der Propheten?
    Mathematik: die selbstreferentielle Gedankenlosigkeit.
    Sind nicht die Trinitätslehre und das christliche Verständnis des Keuschheitsbegriffs Versuche, die Gegenwart zu retten, der Zeit ein Ende zu machen, den Prozeß zum Stillstand zu bringen? Aber dieser Versuch wurde mit der Rezeption des Weltbegriffs zu teuer bezahlt. Hier liegt der Schlüssel für das Verständnis des Zusammenhangs der Dogmententwicklung mit der Enttäuschung der Parusie-Erwartung.
    Gründet nicht die kirchliche Sexualmoral im Neutrum, im ne-utrum?
    Das Wort vom Binden und Lösen hat sein konkretes Objekt im Weltbegriff, in der darin wurzelnden Logik des Begriffs.
    Sintflut und Fels: Aber am Ende wird der Stein ins Meer geworfen (und das Schiff scheitert vor Malta).
    Mein Schreiben ist von meiner Biographie nicht zu trennen. Was kommt heraus: Bekenntnisse oder ein neuer Gottesstaat (auf der Grundlage einer negativen Trinitätslehre)?
    Ist nicht Adorno die Antwort auf die Frage, ob Künstler selig werden können?
    Hebr 131: Muß es hier nicht „Fremdenfreundschaft“ (philoxenias) heißen statt „Gastfreundschaft“?

  • 21.06.93

    Gründet
    – der Raum in der Beziehung von Rechts und Links (Gericht und Barmherzigkeit),
    – das Bekenntnis in der von Vorn und Hinten (im Angesicht und hinter dem Rücken, berith und Schwur) und
    – das Geld in der von Oben und Unten (Gewalt und Herrschaft und Knechtschaft, diatheke und Tod)?
    Und alle drei hängen mit Trägheit, Licht und Schwere (auch mit den drei Aspekten des Bösen: dem Satan, dem Teufel und dem Dämon) zusammen?
    Haben Gottesfurcht, Umkehr und Nachfolge etwas mit den drei Abmessungen des Raumes, mit Raum, Geld und Bekenntnis (Bekenntnis des „Namens“!), und mit den drei evangelischen Räten zu tun (entspricht das „Bekenntnis des Namens“ der Keuschheit, das verdinglichte hingegen der Unzucht? – „Lehrzuchtverfahren“).
    Die Bekenntnislogik ist wie die des Geldes ein Aspekt der Logik des Inertialsystems.
    Die vergangene Zukunft ist die durchs Dogma neutralisierte Parusie-Erwartung.
    Das Blutsymbol ist durch die Bekenntnislogik und durch das verdinglichte Dogma nicht nur unkenntlich gemacht worden: es ist in sein Gegenteil verkehrt worden. Es wird durchsichtig, wenn die verdinglichende Gewalt im Dogma getilgt wird, wenn in ihm die Gottesfurcht, die Umkehr und die Nachfolge wiedererkannt werden. Insofern ist die Opfertheologie in der Tat das zentrale Objekt der Weltkritik. Das Dogma ist der Greuel am heiligen Ort.
    Die Hegelsche List der Vernunft heißt bei Kant noch schlicht und einfach Betrug (Kr.d.r.V., S. 395).
    Im Futur II, im „Es wird gewesen sein“, klingt das „was wird schon gewesen sein“: die enttäuschte Erwartung, nach. Hier wird die Wurzel des Herrendenkens sichtbar: es gründet in der Verzweiflung (die die Wurzel des Neutrums ist, des Objektbegriffs: des Staubs, aus dem Adam ward, und zu dem er wieder werden wird, und von dem die Schlange sich nährt).
    Der Vertrag bedarf des Schwures und der damit verbundenen Einrichtungen: des Tempels, der Religion, des Opfers und des Priestertums, während das Testament an den Tod anknüpft.
    Trotz des Satzes „Niemand hat eine größere Liebe, als wer sein Leben hingibt für seine Freunde“ war der Kreuzestod kein Heldentod. Obwohl der Heldentod, der die Greuel des Krieges, die den Heldentod begründen, hinter sich verbirgt, sie unsichtbar macht, in der Tradition der christlichen Kreuzestheologie begründet ist (was ein bezeichnendes Licht auf die zentrale Bedeutung des Kreuzestodes in der deutschen Nachkriegstheologie wirft). Hier liegt zweifellos einer der Gründe, weshalb innerkirchlich die Aufarbeitung der Vergangenheit so schwer fällt: die Lösung liegt zu nah. Voraussetzung einer solchen Aufarbeitung wäre in der Tat der Bruch des Tabus, das über dem Heldentod liegt, seine Lösung vom Kreuzesparadigma: die Kritik seiner christlichen Prämissen. Ist nicht der Kreuzestod Jesu die offene Wunde der Geschichte, und die Opfertheologie – als Versuch, die offene Wunde durch Verdinglichung und Instrumentalisierung zu schließen – der blasphemische Kern der christlichen Tradition, nicht mehr nur Produkt der enttäuschten Parusieerwartung, sondern deren Hintertreibung?
    Weltkrieg (dessen Name die transzendentallogische Einheit von Welt und Krieg aufs genaueste bezeichnet), Heldentod und Auschwitz bezeichnen den Kulminationspunkt einer bis heute nicht aufgearbeiteten Theologie.
    Volk als Schicksalsgemeinschaft ist die Gemeinschaft einer Mordgesinnung, die glaubt, sie könne nicht haftbar gemacht werden. (Dieser Satz löst das Rätsel des Begriffs der „Volkspartei“.) Gilt das gleiche auch für „Bekenntnisgemeinschaften“? Sind nicht Bekenntnisgemeinschaften ebenfalls Schicksalsgemeinschaften? Aber die Differenz zwischen Volks- und Bekenntnisgemeinschaften ist ablesbar an der Differenz zwischen Antisemitismus und Antijudaismus: Das Schicksalhafte des Volks gründet im Biologischen, das des Bekenntnisses in einem Akt, der die Zustimmung per definitionem mit einschließt. Das Volk ist durch Gründung der Gemeinschaft im Blutprinzip antisemitisch; durchs Blutprinzip tritt das Volk in wütende Konkurrenz zum auserwählten Volk.
    Müßte der Satz „Ich bin das A und das O (das Alpha und das Omega), der Erste und der Letzte“ (Apk 18, 216, 2213) wegen seines Ursprungs im Hebräischen nicht auf das Aleph und das Taw bezogen werden? Und hängt das mit dem et (dem Akkusativ-Partikel und dem mit) und dem at (dem femininen Du), in dem beide Buchstaben vereinigt sind (die nach kabbalistischer Auffassung das ganze Alphabet, die ganze Schrift, in sich befassen) zusammen? Haben die Griechen das thet und taw durch das Omikron und das Omega (beiden entspricht das hebräische waw) ersetzt: die beiden Verschlußlaute als Grenzbuchstaben durch zwei Vokale? Hängt das damit zusammen, daß die hebräische Sprache eine Sprache im Angesicht, die griechische eine Objektsprache ist (was die christliche Theologie nicht von der Gottesfurcht, der Umkehr und der Nachfolge suspendiert)?

  • 20.06.93

    Die Vorstellung einer homogenen Zeit unterliegt in der Tat der Form der inneren Anschauung: Sie ist das Produkt der Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit. In ihre Vorgeschichte gehören die Auguren, die Vogelschau, die Orakel: die Mechanismen der Minimierung des Entscheidungsdrucks und der Schuldvermeidung, die dann in der Form des Inertialsystems sich verselbständigen und die Objektivität insgesamt verhexen (Zusammenhang mit Geld und Bekenntnis). In der Zeit gibt es eigentlich nur Zukunft und Vergangenheit, keine Gegenwart; der Raum, die Form der Gleichzeitigkeit, in dessen Richtungen Zukunft und Vergangenheit als neutralisierte Momente übergangslos aufeinander sich beziehen, ist das erinnerungslose Denkmal der verdrängten, zerstörten Gegenwart. Die Verräumlichung der Zeit (die Vorstellung der homogenen Zeit) verzeitlicht den Raum und verinnerlicht (vergesellschaftet) die Objektwelt. Aber Zukunft und Vergangenheit lassen sich nicht gänzlich neutralisieren: Ein Stück Erinnerung ist aufbewahrt im metaphorischen Gebrauch der räumlichen Beziehungen: in den Beziehungen von vorn und hinten, rechts und links sowie oben und unten. Der Anfang der Neutralisierung liegt in der Beziehung von rechts und links (Gericht und Gnade).
    Kohl und der Empörungsgenuß: Der Exkulpationsbedarf, den der Zustand der Welt heute erzeugt, scheint nur noch mit Hilfe des Instruments der projektiven Empörung befriedigt werden zu können.
    Zum Fall Vücking: Was wäre, wenn
    – hinter Barschel nicht nur Stoltenberg, sondern auch Kohl gestanden hätte, der „Selbstmord“ Barschels demnach auch in Kohls Interesse gewesen wäre;
    – war nicht der Mauss, an den keine polizeiliche oder staatsanwaltliche Ermittlung herankommt, am gleichen Tag in einem Hotel abgestiegen neben dem, in dem Barschel zu Tode gekommen ist;
    – gibt es nicht strukturelle Ähnlichkeiten zwischen den Selbstmorden in Stammheim und dem Barschels?
    Lyotard hat einmal anhand von Auschwitz auf das Problem des vollkommenen Verbrechens hingewiesen: eines Verbrechens, das nicht mehr nachweisbar ist, weil auch die Zeugen beseitigt worden sind. Und ist nicht seit den Nazis das Ungeheuerliche eines Verbrechens ein wirksamer Schutz gegen seine Aufdeckung: Von einer bestimmten Grenze an an kann man eine Untat gefahrlos als Greuelpropaganda, als Produkt einer krankhaft paranoiden Phantasie, leugnen. Taten, die so schlimm sind, daß man jeden Verdacht mit Empörung zurückweisen kann, sind per se unsichtbar: so als wären sie nicht geschehen. Aus welchem Grund ist Kohl fürs politische Kabarett nicht mehr greifbar? Ist es ein Zufall, daß man der Umgebung Kohls (seinem Kabinett, aber auch der Spitze der CDU, und jetzt auch der F.D.P.) mittlerweile „alles zutraut“; und ist das nicht sogar eines ihrer unangreifbaren Qualitätsmerkmale: so sind die Wähler überzeugt, daß sie von Leuten regiert werden, die der Schlechtigkeit der Welt gewachsen sind; sie sind skrupellos, aber sie vermitteln den Regierten zugleich den Eindruck der Unschuld (wer sich erwischen läßt, macht denen, die er vertritt, unerträgliche Schuldgefühle und muß als Sündenbock geopfert werden).
    Zur SPD: War nicht Brand ein Beispiel für das politische Spiel der CDU, ihre Skurpellosigkeit, die dann von seinen innerparteilichen Konkurrenten nur zu gern mit genutzt worden ist: Kontinuität der Selbstkorrumpierung der SPD seit Ebert, Noske, Scheidemann. Passen nicht Engholm und Scharping (diese Verkörperungen der Unschuld, die, in die Pflicht genommen, dann auch bereit sind, die Dreckarbeit derer zu machen, die sie genau dafür verachten) aufs genaueste in diese Tradtion?
    Ist nicht schlimmer noch als die Opferfalle die Unschuldsfalle? Gehört nicht die dogmatisch-sakramentale Verdinglichung des Christentums zu den Konstituentien der Unschuldsfalle? – War nicht der christliche Himmel die Verkörperung der vergangenen Zukunft; einer Zukunft, die nicht restlos vergangen war, sondern eines Tages, zusammen mit der Auferstehung aller Toten, triumphal sich enthüllen würde?
    Ist nicht der Objektbegriff selber diese Unschuldsfalle, und ist nicht Kohl das reine Objekt (ein Genie nur in der Handhabung des Schuldverschubsystems)?
    Kohl: das schwarze Loch, das diese Republik einmal erinnerungslos aufsaugen wird (die Rache für Auschwitz).
    Zur Funktion des Verfassungsgerichts heute: Wenn das Bundes-Verfassungsgericht heute selber nicht mehr den nötigen Takt aufbringt, die Grenze zu den anderen Verfassungsorganen aufs genaueste zu beachten, wenn es der Verführung nicht widerstehen kann und bereit ist, Ersatz-Regierung und Ersatz-Legislative zu werden, so trägt dieser Mißbrauch der eigenen Kompetenzen entschieden mit dazu bei, die politischen Institutionen dieses Landes insgesamt unglaubwürdig zu machen. Dieses Gericht ist selber die Verfassungskrise, deren Vermeidung seine erste Aufgabe wäre. Und das Schlimmste ist: gegen diese Krise gibt es kein rechtsstaatliches Mittel mehr.
    Die genaue Bestimmung des Hegelschen Begriffs der List der Vernunft würde nicht nur fürs Verständnis der Hegelschen Philosophie, sondern für das der Aktualität heute eine der wichtigsten Hilfen sein. Insbesondere Hegels Hinweis auf das Moment der List in jeglicher Technik (im Begriff der „Maschine“) könnte Günter Anders‘ Technik-Kritik in eine andere Perspektive rücken: Anders‘ These, daß, was machbar ist, auch die Tendenz in sich trägt, gemacht werden zu müssen, gilt dann nicht nur für den technischen Fortschritt der Naturbeherrschung, sondern auch für den der Herrschaft und der Macht in der Gesellschaft: für den Gesamtbereich der Ökonomie und der Politik, wo diese Tendenzen sehr viel direkter und sehr viel zwanghafter wirksam sind.
    Sind nicht in der deutschen Sprache die Prä- und Suffixe aus dem Kontext der grammatischen Struktur der Sprache, aus dem Kontext der Flexionen, herausgenommen und übertragen worden in den Bereich der Anpassung der Sprache an räumlich-technische Funktionen: ans Inertialsystem? In diesem Zusammenhang wird die Ausbildung der bestimmten Artikel (in die die Deklinationen sich verlagert haben) der Großschreibung, zusammen mit der Ausbildung der Hilfszeitverben (in die das System der Konjugationen verlagert wurde) verständlich. Die sehr viel flexiblere Funktion der Nebensätze wäre ohne diese Änderungen nicht möglich gewesen. Was im Griechischen und im Lateinischen noch durch hierarchische Begriffskonstruktionen repräsentiert wird, erscheint im Deutschen in einem hierarchischen System von Nebensätzen. Mit der Anschmiegung ans Inertialsystem hat die deutsche Sprache auch die Mittel hervorgebracht, es zu reflektieren.
    Von den sieben Diakonen in der Apostelgeschichte werden nur Stephanus (der Erzmärtyrer) und Philippus (der den Eunuchen der äthiopischen Königin bekehrt, später als Vater der vier jungfräulichen Töchter, die Prophetinnen waren, genannt) weiterhin erwähnt. Beim Nikolaus ist unklar, ob er mit den Nikolaiten der Apokalypse etwas zu tun hat. Gibt es nicht sowohl für die Apostel als auch für die Diakone eine feminine Wurzel?
    Hängt der Taumelbecher, das Trinken aus dem Kelch des göttlichen Zorns, mit der projektiven Empörung, der Ablenkung des göttlichen Zorns auf andere, zusammen? Er ist ein Teil des Schuldverschubsystems, das in die Philosophie durch den Welt- und Naturbegriff, durch den Begriff der Materie, schließlich durch die Form des begrifflichen Denkens selber, als ein konstitutives Moment mit eingeht. Der Taumelbecher ist ein Symbol des Herrendenkens, weil es dieses ohne das projektive Element (das nur durch Reflexion aufzulösen ist) nicht gibt. Aber was hat es dann mit dem Kelch, den Jesus trinken muß, auf sich?

  • 18.06.93

    Kann es sein, daß, wenn auch die Gottesfurcht, die Umkehr und das Nachfolgegebot beim Paulus nicht vorkommen, sie aber dennoch die Grundlage seiner Theologie sind und diese anders nur mißverstanden werden kann? Aber ist dann dieses Mißverständnis nicht die Grundlage der kirchlichen, dogmatischen Bekenntnis-Theologie?
    Hat die augustinische Vorstellung, daß zum Glück der Seligen im Himmel der Anblick des Leidens der Verdammten dazugehört, etwas mit dem Hegelschen Satz, daß die bürgerliche Gesellschaft bei all ihrem Reichtum nicht reich genug ist, der Armut und der Erzeugung des Pöbels zu steuern, zu tun? Und weist das nicht darauf hin, daß die Rezeption der paulinischen Theologie von Anfang an durchs Tauschprinzip verhext war? Ist nicht das entsetzliche Mißverständnis der paulinischen Theologie noch eine Schicht tiefer anzusetzen, als Hans-Joachim Schoeps es tut, nämlich als die Verfälschung eines völlig unverständlich gewordenen symbolischen Konstrukts durch den Tauschprinzip-Realismus. Das wäre insbesondere anhand der Christologie und der Opfertheologie zu demonstrieren. Es käme vor allem darauf an, endlich die Kelch- und Blut-Symbolik genauer herauszupräparieren, sie aus der „Metzger-Theologie“ herauszulösen, und endlich von den kannibalischen Aspekten der Eucharistie-Lehre loszukommen.
    Zu dem Satz „Ein Fluch Gottes ist der Gepfählte“ gehört auch das Wort vom Zornesbecher und Taumelkelch. Beides hängt mit dem Problem der Scham (der Schande), dem „Hinter dem Rücken“ und der Übernahme der Sünden der Welt zusammen.
    Die wirklich gefährlichen Sätze, wonach Sühne nur durch das Blut geleistet werden kann, und daß Erlösung die Reinwaschung durch das Blut einschließt, daß Erlösung (nur?) auf die Vergebung der Sünden abziele (anstatt auf die Rettung der Welt), begründen die ungeheuerlichen Mißverständnisse, von denen die Kirche und ihre Lehre seitdem nicht mehr losgekommen ist.
    Durch den Tauschprinzip-Realismus ist das Erlösungskonzept, das etwas ganz anderes meinte: nicht die Erlösung von der „entsühnten“ Welt, sondern die Rettung der Menschen mit der Welt, in ein Herrschaftsinstrument umgewandelt worden.
    Der von Schoeps zitierte Satz aus der rabbinischen Tradition, wonach „die Tore der Umkehr … niemals geschlossen“ sein werden (S. 313), ist die jüdische Entsprechung zum dem christlichen „Die Pforten der Hölle werden sie nie überwältigen“.
    Die Mathematik erinnert an die Geschichte von Hase und Igel: Die Mathematik ist der Igel, der, wo der Hase auch hinrennt, rufen kann: Ick bün all do. Und der Hase rennt sich die Seele aus dem Leibe. Aber sollten wir nicht doch endlich die Partei des Hasen und nicht die des Igels ergreifen?
    Nach Wahlen gab es immer die „Elefanten-Runden“, welche Bezeichnung den Sachverhalt sehr genau traf: Sind nicht Elefanten dickfellig, empfindlich und nachtragend? Aber verstärkt sich heute nicht der zusätzliche Eindruck, daß Kohl immer mehr dazu neigt, sich mit Elefanten-Babys zu umgeben? Eine physiognomische Beurteilung des männlichen Teils des Kabinetts Kohl (die FDP-Minister eingeschlossen) wäre zweifellos vernichtend. Man weiß eigentlich nicht mehr, mit welchen Organen diese Politiker hören (genau so, wie es immer unerfindlicher wird, weshalb Bundestagsdebatten in den Medien übertragen werden).
    Der Fehler des Julian Jaynes („Ursprung des Bewußtseins“) liegt darin, daß er das Produkt des entfremdeten Bewußtseins, das Unbewußte, in den Ursprung des Bewußtseins hineinprojiziert, eine Rückkoppelung vornimmt, die so nicht zulässig ist.
    Ist nicht das apokalyptische Tier, sind nicht die verschiedenen Gestalten des apokalyptischen Tieres aus sprachlichen Sachverhalten zu rekonstruieren, und zwar genauer aus den Mechanismen der Vergesellschaftung und Instrumentalisierung der Sprache, mit der Mathematik im Kern? Ihr Platzhalter im Subjekt sind die kantischen subjektiven Formen der Anschauung. Die subjektiven Formen der Anschauung gewinnen diese Funktion erst durch die Trennung des Anschauens vom Licht, nach dem Herauspräparieren des Angeschautwerdens aus dem Anschauen, nach dem Herauspräparieren der Scham und der Schuld und deren gegenständliche Neutralisierung im Begriff der Materie: durch die Zerstörung des Angesichts; bezieht sich hierauf nicht das biblische Symbol des Blutes? Das Verbot des Blutvergießens und das des Genießens von Blut meint eigentlich das Verbot, sich jener Paranoia zu überantworten, aus der der Materiebegriff entspringt (Zusammenhang mit dem Naturbegriff und mit dem Gebrauch des Namens der Barbaren). Wer Blut genießt, trinkt vom Taumelbecher des göttlichen Zorns. Hier liegt die Lösung des Rätsels der Genesis der Mordlust. Was der neue Katechismus „bedauerliche Vorkommnisse“ nennt, sind die Folgen davon, daß die Kirche den Kelch getrunken hat.
    Der Tauschprinzip-Realismus ist transzendentallogisch in den subjektiven Formen der Anschauung begründet, verstärkt durch die These, daß diese der kritischen Reflexion sich entziehen. Er läuft auf die dann ebenfalls nicht mehr reflektierbare Konsequenz hinaus, daß Umkehr nicht möglich sei, und auf die Leugnung des Satzes, daß die Pforten der Hölle sie (die Kirche) nicht überwältigen werden. Unter dem Gesetz dieses Tauschprinzip-Realismus steht schon das augustinische „ad litteram“. Es steht schon unter dem Gesetz des Nominalismus, der Zerstörung der benennenden Kraft der Sprache.
    Wer vor der Gottesfurcht flieht, kann sich aus der Unschuldsfalle nicht mehr retten. Zu Paulus und zur dogmatischen Tradition der Christologie und Opfertheologie: Zu klären wären ihre Beziehungen zur Gottesfurcht, zur Umkehr und zum Nachfolge-Gebot.

  • 06.06.93

    Ursprung der Flexionen in der sumerischen Sprache: Sind nicht die Prä- und Suffixe insgesamt Determinaten? Hängt nicht die Bildung der Flexionen, die ja auch Kombinationen von Prä- und Suffixen sind, mit diesem Ursprung in den sumerischen Determinanten zusammen?
    Drogen und Alkoholismus: Kann es sein, daß der Drogenkonsum im Sinne der Bikameralitätstheorie die linke Hemisphäre des Gehirns außer Funktion setzt, der Alkohol (als reine Zivilisationsdroge) die rechte? Der Drogenkonsum führt hinter die Zivilisationsschwelle zurück, der Alkoholkonsum macht sie erträglich und stabilisiert sie (Taumelbecher). Aber wie steht es dann mit dem Rauchen: Leugnet es die Gebete der Heiligen?
    Nur dort, wo die Sprache nicht mehr hinreicht, bedarf es der Gewalt; aber was mit Gewalt (mit Hilfe des Rechts) durchzusetzen ist, ist nicht die Moral, sondern ihr Schein.
    Die Bekehrung ersetzt nicht die Umkehr.
    Der Raum als subjektive Form der Anschauung ist die höhnische Kälte, mit der wir heute die Welt ansehen; und die kantische Philosophie (die Kritik der reinen Vernunft) war der Anfang des Bewußtseins, und damit der Heilung davon.
    Taub, blind und besessen: Hat das etwas mit leer, gereinigt und geschmückt, und haben beide mit den drei evangelischen Räten, Armut, Gehorsam und Keuschheit zu tun? Heilt nicht der Gehorsam die Taubheit, die Armut die Blindheit, und befreit die Keuschheit von der Besessenheit (und diese Besessenheit ist eine siebenfache)?
    Zu den Grundproblemen der Europäischen Gemeinschaft gehört das Währungsproblem. Aber um dieses Problem zu begreifen, wäre es notwendig zu ermitteln:
    – Welche Sparten der Wirtschaft profitieren von der Währungsstabilität und welche werden benachteiligt und müssen den Preis zahlen;
    – oder umgekehrt: welche Sparten profitieren von einer inflationären Geldpolitik und welche werden davon benachteiligt. Hieran ließe sich das Problem des Ex- und Imports der Armut demonstrieren, oder die Wahrheit des Hegelschen Satzes, daß die bürgerliche Gesellschaft bei all ihrem Reichtum nicht reich genug ist, der Armut und der Erzeugung des Pöbels zu steuern. Jede Geldpolitik ist eine Marktorganisationspolitik und wie diese interessengebunden.
    Der Gedanke, daß mit der Wissenschaftsorganisation und mit dem Kanon der Wissenschaften auch ein gesamtgesellschaftlicher Verdrängungsapparat produziert und tradiert wird.
    Jesus und der Tempel:
    – Nach seiner Geburt wurde er im Tempel „dargebracht“,
    – der zwölfjährige Jesus „lehrt“ im Tempel,
    – und der erwachsene Jesus „reinigt“ den Tempel von Händlern und Geldwechslern, und bei seinem Tod reißt der Vorhang vorm Allerheiligsten entzwei.
    „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren“: Sie erkannten, daß sie Objekt für andere waren, und darauf reagiert die Scham, sie ist eine Objektreaktion.
    – In der Rosenzweigschen Konstruktion des Sterns der Erlösung vertritt der Mensch die Stelle des Objekts (die Welt die Stelle des Begriffs und Gott die der Indifferenz beider).
    – Scham, Materie, Feigenblatt und Tierfell: So, nämlich über den Begriff der Scham und über die Geschichte seiner naturgeschichtlichen und politischen Konnotationen, hängen der „Materialismus“ und das Keuschheitsgebot zusammen.
    Nochmal zur Scham: Sind die seit Heuß begeistert sich schämenden Deutschen der Nährboden für den heute ausbrechenden Fremdenhaß? Wurde nicht mit der „Kollektivscham“ die Selbstwahrnehmung im Blick der Anderen (aus dem die Rechtsradikalen heute ausbrechen möchten) kanonisiert. Der Schambegriff hat die produktive Verarbeitung der Schuld unmöglich gemacht. Nur vor diesem Hintergrund wird verständlich, wenn kein Mitglied der Regierung Kohl bis heute den Mord zur Kenntnis genommen hat, sondern nur die Schande für den deutschen Namen und das Urteil des Auslands.

  • 26.05.93

    Es gibt keinen Naturbegriff ohne die Vergegenständlichung der Vergangenheit. Beide, Natur und Vergangenheit, haben das gemeinsam, daß sie sind, wie sie sind, und sich nicht ändern lassen. Die Gesetze der Natur entziehen sich wie die Vergangenheit dem ändernden Eingriff.
    Im Sohar, S. 182, heißt es: „Im Zeichen Jot erschuf er die künftige Welt.“ – „Aber eher werden Himmel und Erde vergehen, als daß auch nur der kleinste Buchstabe im Gesetz wegfällt.“ (Lk 1617)
    Grundlage einer Kritik des Organismus ist dessen Beziehung zum Prozeß der Objektivierung und Instrumentalisierung, der zusammengehalten wird durchs Prinzip der Selbsterhaltung (dem Äquivalent des Inertialsystems).
    Muß nicht der Hegelsche Satz, wonach die bürgerliche Gesellschaft bei all ihrem Reichtum nicht reich genug ist, der Armut und der Erzeugung des Pöbels zu steuern, ein wenig korrigiert werden: Sind nicht die Erzeugung der Armut und des Pöbels bereits die Grundlagen des bürgerlichen Reichtums?
    Hängen die Träume des Mundschenks und des Bäckers und ihre Folgen in der Josefs-Geschichte mit den Träumen des Pharao und deren Folgen zusammen? Wird die Josefs-Geschichte nicht ohnehin mißverstanden, wenn man sie nur unter dem Karriere-Gesichtspunkt (dem Staunen darüber, was aus Josef doch geworden ist) sieht?
    Die wichtigsten Jünger waren Fischer: Ist die Opfertheologie der Köder, mit dem die Völker aus dem Meer geangelt wurden?
    Ist nicht die Form der äußeren Anschauung eine Emanation der inneren Anschauung (und zusammen mit den darunter befaßten Begriffen, Gesetzen und Erscheinungen ein Kopfprodukt), steht sie nicht unter dem Gesetz der Form der inneren Anschauung (des verschlossenen rechten Auges, das dann auch das linke erblinden läßt)?
    Die Gehorsamsforderung der Kirche treibt aus dem Hören das Denken aus: macht die Gläubigen taub.
    Mit der Definition der Wahrheit als Übereinstimmung von Begriff und Gegenstand wurde die Wahrheit ans Urteil gebunden. Daraus ist der Schein entsprungen, sie sei dekretierbar. Damit aber wurden zugleich die Abwehrmechanismen als Mittel der Desensibilisierung ins Wahrheitsverständnis mit eingebaut, mit den fürchterlichen Nebenwirkungen der Dogmengeschichte, deren letzte die Definition der Unfehlbarkeit des Papstes war, eine notwendige Konsequenz aus dem dezisionistischen Wahrheitsverständnis. Mit der Bindung ans Urteil wurde die Wahrheit zu einem Teil des (durch den Weltbegriff abgesicherten) Herrendenkens: Prophetie als Herrschaftskritik wurde neutralisiert (und als vergangenes Herrendenken auf die Juden bezogen: und so zu einem Teil des kirchlichen Antijudaismus).
    Urteile werden gefällt: Objekte fallen unter den Begriff. Ist der Objektbegriff der Abgrund der Philosophie?
    Wurde nicht mit dem Unfehlbarkeitsdogma der kirchliche Autismus besiegelt, dessen jüngstes Produkt der neue „Welt“-Katechismus ist?
    Beginnt nicht die Fähigkeit zu sehen und zu hören überhaupt erst mit der Übernahme der Sünden der Welt? Die Übernahme der Sünden der Welt befreit vom Zwang der Projektion.
    Ist die mittelalterliche Dämonenlehre (z.B. die zum Hexensyndrom gehörenden Vorstellungen von den incubi und succubi) eine durch Spiritualisierung und Personalisierung entstellte Form der Kritik der politischen Ökonomie?
    Das Wiederanknüpfen an die prophetische Tradition ist nur möglich durch die Selbstreflexion der philosophischen Tradition hindurch. Darauf verweist das Wort: Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben (enthalten die Symbole der Schlange und der Taube nicht auch die Konnotationen des Männlichen und Weiblichen?).
    Das jesuanische „Wer von euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein“ ergibt sich zwanglos aus der Verknüpfung der deuteronomischen Steinigungsregelung mit dem achten Gebot (Dt 520 und 175ff : den ersten Stein werfen die anklagenden Zeugen; vgl. hierzu auch die Steinigung des Stephanus in der Apostelgeschichte 758).
    Die Kirche hat seit je versucht, dem Glauben durch die Bindung ans autoritäre Urteil die Form des Wissens zu geben (bis hin zur „Offenbarung der Trinitätslehre“ im neuen Katechismus). Den Nebeneffekt, daß er so in ein Herrschaftsmittel verwandelt wurde, hat sie aufgrund ihrer Verblendung durch Herrschaft zwar gerne genutzt, aber nicht wahrgenommen. In dieser Verblendung gründet die Beziehung der Theologie zum historischen Objektivationsprozeß, aber auch ihre Hilflosigkeit dagegen: ihre zutiefst zweideutige Beziehung zur Geschichte der europäischen Aufklärung.
    Der Weltbegriff ist ein Instrument der Sprachregelung und der Abschirmung der Sprache gegen Reflexion. Hier liegt die Bedeutung des Wittgensteinschen Satzes „Die Welt ist alles, was der Fall ist“. Es wäre sicher nicht uninteressant, die Wittgensteinschen Reflexionen auf den Katechismus anzuwenden, insbesondere den Satz „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen“. (Kommt eigentlich im Tractatus logico-philosophicus Wittgensteins der Naturbegriff vor?)
    Wenn man von der Erwähnung der Naturwissenschaften absieht, kommt der Begriff der Natur in Ludwig Wittgensteins „Tractatus logico-philosophicus“ nur in der Zusammensetzung „Natur des Gegenstandes“ (in einer erläuternden Klammer zu Tz. 2.0123) vor. Der Traktat führt den strengen Nachweis, daß eine reine Weltphilosophie (als reine Selbstzerstörung des Namens) auf eine reine Tautologie hinausläuft.
    Ist nicht das Präfix ge- ein Instrument der Perfektbildung; aber was bedeutet das für Begriffe wie Gemeinschaft (Gemeinheit), Gesellschaft (Geselle, gesellig)? Und wie hängen die Präfixe ge-und be- zusammen (gekannt, bekannt; gelehrt, belehrt)? Entspricht nicht die Beziehung der Präfixe ge- und be- der quasiorthogonalen Beziehung von Innen und Außen, der inneren und äußeren Anschauung (s. den Begriff des Begriffs: wenn ich in einem Gegebenen ein Gewußtes wiedererkenne, begreife ich es; keine Begriffe ohne Erinnerung, kein be- ohne ge-)?
    Die Naturwissenschaft geht von der Homogenität des Raumes, die Geschichtswissenschaft von der der Zeit aus: Beide sind durchs Gesetz der Orthogonalität (durch wechselseitige Verdrängung) mit einander verbunden.
    Das letzte Dezennium vor der Ersten Weltkrieg: die heroische Phase der Moderne.

  • 25.05.93

    Welche Bedeutung hat es (welches Zeitverständnis drückt sich darin aus), wenn in den Genealogien der Genesis das Zeugen („er zeugte“, wobei Frauen nicht genannt werden) unterschieden wird vom Erkennen („er erkannte sein Weib, sie ward schwanger und gebar“). Die reinen Zeugungsreihen erscheinen erst in der zweiten Generation nach Adam.
    Klingt nicht in der Unterscheidung von Zeugen und Erkennen (mit nachfolgendem Geborenwerden) die Differenz zwischen dem griechischen und lateinischen Naturbegriff an, und spielt diese Differenz in die Trinitätslehre mit herein?
    War nicht die christliche Sexualmoral, ihre Trennung von der Welt und Politik, die erst möglich war, nachdem der metaphorische Grund der Sprache diskriminiert und verworfen wurde (im Kontext einer Schriftauslegung „ad litteram“), ein Mittel zur Ausbildung und Entfaltung des Neutrum, ein Instrument zur Verweltlichung der Welt, Auslöser des historischen Objektivationsprozesses? Die Verteufelung der Sexualität und die Objektivierung der Natur sind untrennbar mit einander verknüpft (Zusammenhang mit dem gordischen Knoten: dem Knoten, der das Joch des Ochsen mit der Deichsel des Ochsenkarren verband?). Ist das Neutrum ein Produkt von Herrschaft und die Unterdrückung und Verdrängung seiner Kritik ein Mittel der Unterdrückung und Verdrängung von Herrschaftskritik: ein Mittel der Entpolitisierung, und die Sexualmoral ein Ersatz und eine Ablenkung?
    Sohar, S. 165: „Wer am Pessach Gesäuertes ißt, ist wie einer, der den Gestirnen dient.“ Und: „Als Israel aus Ägypten zog, zog es heraus aus … jenem Machtbereich, der „Sauerteig“, schlechtes Brot genannt ist.. Und dieses ist das Geheimnis des „bösen Triebs“, des „fremden Dienstes“.“
    „Nackt kam ich aus dem Leib meiner Mutter und nackt kehre ich dorthin zurück.“ (Hiob 121) Wie hängt das mit dem „Sie waren nackt und sie schämten sich nicht“ zusammen?
    Stufen der Erkenntnis:
    – Der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.
    – Sie erkannten, daß sie nackt waren. Und
    – Adam erkannte Eva, und sie ward schwanger und gebar.
    Jesus hat die Sünden der Welt (in der prophetischen Tradition) auf sich, und nicht hinweg genommen (das würde ihn in die philosophische Tradition stellen); und er hat der Kirche die Kraft zu binden und zu lösen verheißen, aber die Kirche hat bis heute nur gebunden, nicht gelöst. Erweist sich nicht am Ende das Binden als das, was in der Schrift die Sünde wider den Heiligen Geist genannt wird?
    Die Welt ist das, was im Sohar einmal „der Geist, der „draußen“ ist“ genannt wird. (S. 179)
    Der Begriff einer resurrectio naturae enthält den gleichen Widerspruch wie der der creatio mundi (und ist sein spätes Echo).
    Im katholischen Versuch, Natur und Offenbarung zu harmonisieren, ist der Sieg der Natur über die Offenbarung vorprogrammiert.
    Es war die Urentscheidung der modernen Aufklärung, die übrigens in Heideggers „Entschlossenheit“ dumpf nachhallt, daß die subjektiven Formen der Anschauung nicht mehr durch Reflexion aufzulösen seien. Dabei sind die Folgen dieser Dezision spätestens seit Newton bestimmbar. Das Gravitationsgesetz ist der Prototyp des abgehobenen theoretischen Konstrukts (sein historisch vielleicht entscheidender Erfolg war es, daß es der Engellehre den Garaus gemacht hat). Ebenfalls bei Newton tritt dann auch die andere Konsequenz erstmals hervor: die Zerstörung des Lichts durch Vergegenständlichung, das so zu einer materiellen Erscheinung im Raume überhaupt erst geworden ist. Und darin waren schon die widersprüchlichen Konzepte der Wellen- und Äthertheorien und der Korpuskulartheorien mitgesetzt.
    Besteht ein Zusammenhang zwischen dem kreisenden Flammenschwert des Kerubs am Eingang des Paradieses und den Rädern der Merkaba bei Ezechiel?
    Der Begriff der Tat, der im Begriff der Tatsachen steckt, drückt aufs genaueste die Sünden der Welt aus. Als Hegel die Idee der Substanz als Subjekt zur Grundlage seiner Philosophie machte, hat er die Welt als Inbegriff der Sünde mit eingebauter Exkulpations-Automatik begriffen.
    Die Vorstellung, daß es einmal des Ich nicht mehr bedarf, bezeichnet einen Stand der Dinge, in dem es auch des Weltbegriffs nicht mehr bedarf.
    Das Auf-sich-Laden, mit dem der Katechismus die Übernahme der Sünden der Welt ironisiert (um die Gläubigen von dieser „unmöglichen“ Idee abzuschrecken), stellt die Dinge polemisch auf den Kopf: das Aufladen (einer Schuld) ist von außen verursacht und so Teil eines Schuldverschubsystems, während die Übernahme (der Sünden der Welt) ein autonomer Akt ist: den Schuldzusammenhang sprengt.
    Der Schuldzusammenhang konstituiert sich im Kontext und als Grundlage des verdinglichenden Denkens: des Weltbegriffs; Schuld ist in der Tat eine „Natureigenschaft“ des Dings, aber sie konstituiert sich als „Eigenschaft“ erst in der Abstraktion vom Schuldzusammenhang, in dem der Naturbegriff gründet. Der Schuldzusammenhang konstituiert sich als Natur in der Abstraktion vom Schuldzusammenhang. Daher die „christologische“ Logik des Naturbegriffs
    – als Inbegriff des Opfers (des Objekts von Herrschaft),
    – Grund seiner Vergöttlichung (Natur als der Grund, aus dem alles hervorgeht) und
    – Grund des Scheins der Freiheit von Schuld (Natur als ein Jenseits des gesellschaftlichen Schuldzusammenhangs).
    „Sitzet zur Rechten des Vaters“:
    – Dt 332: „Ihm zur Rechten flammte vor ihnen das Feuer des Gesetzes“.
    – Ps 177: „Wunderbar erweise deine Huld! Du rettest alle, die sich an deiner Rechten vor den Feinden bergen.“
    – Ps 7411: „Warum ziehst du die Hand von uns ab, hältst deine Rechte im Gewand verborgen?“ (Buber: Warum ziehst du zurück deine Hand? Deine Rechte, hervor aus deinem Busen! beends!)
    – Ps 1101: „Setze dich zu meiner Rechten, und ich lege dir deine Feinde als Schemel unter die Füße.“ (Buber: Sitze zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde lege als Schemel zu deinen Füßen.)
    – Jes 4813: Meine Hand hat die Fundamente der Erde gelegt, meine Rechte hat den Himmel aufgespannt; ich rief ihnen zu, und schon standen sie alle da.“
    – Mt 2664: „Von nun an werdet ihr den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen.“ (vgl. Mk 1462, Lk 2269)
    – Mk 1619: „Nachdem Jesus, der Herr, dies zu ihnen gesagt hatte, wurde er in den Himmel aufgenommen und setzte sich zur Rechten Gottes.“
    – Apg 755f: Stephanus „aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen …“
    Mit ausgerecktem Arm hat Gott den Himmel aufgespannt. Der erhöhte Jesus sitzt zur Rechten des Vaters; am Ende aber wird sich der Himmel wie eine Buchrolle zusammenrollen.

  • 18.05.93

    Die Schuldbeziehung auf eine vergangene Sünde: auf eine vergangene Tat oder Unterlassung, ist der Grund des Begriffs und der Herrschaft (und der Grund des Weltbegriffs).
    Katechismus, Ziffer 762: „Schon die Propheten klagen Israel an, es habe den Bund gebrochen und sich wie eine Dirne benommen.“ -Suggeriert dieser Satz nicht die Konsequenz: Wieviel mehr Grund haben wir, die wir als Christen die Erfüllung der Prophetie repräsentieren, Israel anzuklagen (mit dem komfortablen Nebeneffekt, daß wir die „Unheils“-Prophetie nicht mehr auf uns zu beziehen brauchen, der prophetischen Kritik entzogen sind)?
    – So wird die Reflexion aus der Theologie ausgetrieben und der Antijudaismus zurückgeholt (Juden gehören, wie Andersgläubige und Frauen, zu denen, „über die man heute nicht mehr offen sprechen darf“).
    – Gleichzeitig wird die politische Bedeutung des biblischen Begriffs der Unzucht neutralisiert und die Moral sexualisiert.
    Dazu paßt der Satz: „Gemäß dem Plane Gottes (den die Autoren des Katechismus hier schlicht zu kennen vorgeben, H.H.) steht das Exil bereits im Schatten des Kreuzes, und der heilige Rest, der zurückkehrt, ist eines der deutlichsten Bilder der Kirche“ (Z. 710).
    Die kasuistische Moral zerbricht sich den Kopf der Leute, weil sie davon ausgeht, daß sie keinen haben.
    Der Sündenfall bezieht sich präzise auf das durch den Weltbegriff abgedeckte Verdinglichungskonzept.
    Das Verbot, das Unkraut vor der Zeit auszureißen, heißt nicht, daß man es vorher nicht einmal sehen darf: dann nämlich sieht man es, wenn die Zeit da ist, auch nicht mehr.
    Der unsägliche Satz, „die Kirche (sei) gesandt, das Mysterium der Gemeinschaft der heiligsten Dreifaltigkeit zu verkünden“ (Ziffer 738), verdrängt, daß am Ende „Gott alles in allem“ sein wird.
    Wenn die „erste Wirkung der Liebe die Vergebung unserer Sünden“ (Ziffer 734) ist, wie steht es dann mit den Werken der Barmherzigkeit und mit dem „was ihr dem Geringsten … getan habt“? Muß man auch ihnen erst „ihre Sünden vergeben“? Aber hierzu paßt die die Identifizierung der Armen mit den „demütigen und sanften Menschen“ (Z. 716).
    „An den Heiligen Geist glauben heißt also bekennen, daß der Heilige Geist eine der Personen der heiligsten Dreifaltigkeit ist“ (Z. 685): Was ist dann die Sünde wider den Heiligen Geist? Und ist es dieser Geist, von der es heißt, daß er uns beistehen wird, wenn die Welt uns haßt? (Aber um den Satz zu begreifen, muß man begriffen haben, was es mit der Welt auf sich hat.)
    „Kein Mensch, selbst nicht der größte Heilige, wäre imstande, die Sünden aller Menschen auf sich zu laden …“ (Z. 616) Das mag stimmen, aber
    – es geht nicht um die „Sünden aller Menschen“, sondern um die „Sünden der Welt“, und
    – es heißt nicht „auf sich laden“ (vgl. die Sprache der Schlange in der Geschichte vom Sündenfall), sondern „auf sich nehmen“ (nicht „hinwegnehmen“); hier (in Joh 129) steht das gleiche Verb wie im Nachfolgegebot („wer mein Jünger sein will, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“), und
    – auch wenn es „kein Mensch“ kann, drückt sich nicht in diesem Nicht-Können genau die Gottesfurcht aus, die der Anfang der Weisheit ist, jedoch im Katechismus nicht vorkommt.
    Wird hier nicht zugleich das Nachfolgegebot (das, wie es scheint, auch im Katechismus nicht vorkommt) geleugnet?
    Was soll es eigentlich bedeuten, wenn Maria zum „brennenden Dornbusch der endgültigen Theophanie“ ernannt wird? Franz Rosenzweig hat sowas einmal die Vermanschung der Symbole genannt.
    Die Kirchengeschichte enthält nicht u.a. auch „bedauerliche Vorkommnisse“, von denen man besser „absehen“ sollte (Z. 2298), sondern sie ist insgesamt die Geschichte der Ärgernisse, von denen es heißt, sie müssen kommen, aber wehe denen, durch die sie kommen. Würden die Autoren des Katechismus die Kirchengeschichte kennen und wären sie wirklich an der Sache der Theologie interessiert, müßten sie wissen, daß ein durch Rechtfertigungszwänge determiniertes Kirchenbild den Erinnerungsweg der Erkenntnis blockiert und nur noch verworfen ist.
    Innerhalb der Rachelogik, die der Bekenntnislogik zugrundliegt, hat das Blut einen anderen Stellenwert als innerhalb der messianischen und parakletischen Logik. Wäre die Welt und wären die Menschen in dem Sinne „durch Sein Blut erlöst“, den die kirchliche Vorstellungskraft sich heute ausmalt, so wäre Gott wie nur der schlimmste Götze dem Blutrausch verfallen. Aber Jesus sitzt nach der Schrift zur Rechten, nicht zur Linken des Vaters (vgl. hierzu die Bücher Jona und Tobit: das Geschlecht, das Rechts und Links nicht mehr unterscheiden kann, bleibt zwar verschont, aber am Ende wird Ninive doch zerstört).
    Das falsche Zeugnis ist das für andere Zwecke instrumentalisierte Zeugnis. Das Kriterium ist nicht allein das der „objektiven Wahrheit“, sondern ebenso das der Reflexion von Mittel und Zwecken. Das Verbot des falschen Zeugnisses richtet sich gegen die Instrumentalisierung der Sprache. Aber genau ihr ist die kirchliche Tradition zum Opfer gefallen.
    Der wissenschaftliche Wahrheitsbegriff, der auf die Instrumentalisierung der Welt hinausläuft, gibt die Welt frei für die Zwecke der Herrschenden, macht diese Zwecke unkritisierbar. Das drückt sich in dem Tabu, das auf dem teleologischen Denken liegt, aus.
    Drückt nicht in allen Wörtern mit -ng- Angst sich aus? Ist Angst nicht einfach nur der Superlativ des -ng-, die Steigerung des Dings? (Enge, bange, Strang, Schlinge, Zange, hängen, fangen, wringen, singen, Gesang; auch in den Verbalsubstantiven auf -ung drückt sich, ähnlich wie in Ding, Ring, das Abschnürende, die Subsumtion der Tat unter die Vergangenheit aus; aber was bedeuten Junge, Lunge, Zunge?)
    Hängt das Suffix -heit mit dem Heiteren, der Heiterkeit, mit Aufheitern zusammen?
    Ist nicht dieser Katechismus Produkt einer ebenso umfangreichen wie nachhaltigen Anstrengung, die Nachfolge aus dem Blickfeld zu rücken? Kein Katechismus für Jünger?
    Vom Lamm ist nur das Schaf geblieben, das zur Schlachtbank geführt wird. Die andere Konnotation: das „Auf-sich-Nehmen“ der Sünden der Welt, ist durch Vergöttlichung verdrängt worden.
    Steht etwas im Katechismus über die Bergpredigt oder über die Lehre Jesu (außer im Kontext der sakramentalistischen Verdrängung)? (Die Vorstellung, Ziel der Schriften des NT sei die Offenbarung der Lehre von der heiligsten Dreifaltigkeit, ist Hegelianismus.)
    Die Gottesfurcht ist nicht identisch mit der Ehrfurcht; heute, nachdem der Kelch, von dem Jesus wünschte, er möge vorübergehen, endgültig getrunken worden ist, ist die Beziehung beider durch den historischen Prozeß zu der eines nicht mehr überbrückbaren Gegensatzes geworden.
    Gegen die Opfertheologie steht auch das Schriftwort „Ein Gottesfluch ist der Gepfählte“. Diesen Fluch hat die Kirche versucht, als Akt der Gnade zu begreifen; sie hat damit die Gnade selber instrumentalisiert: zum Objekt des Fluchs gemacht.
    War die Oper die Antwort der Musik auf die Ästhetisierung der Welt durch den Absolutismus, und in ihr der Gesang ein Versuch, die Zeit anzuhalten.

  • 13.05.93

    Ist nicht das „Wachet und betet“ in Getsemane auf die beiden Augen (den Unterschied des rechten und linken Auges) bezogen (vgl. Sohar, S. 77)?
    „Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch.“ (Ez 3626)
    Zur Theologie Jes 287: Priester und Propheten schwanken vom Bier, sind überwältigt vom Wein.
    Zur Politik Jes 2814ff: Darum hört das Wort des Herrn, ihr Spötter, ihr Sprüchemacher bei diesem Volk in Jerusalem. Ihr habt gesagt: Wir haben mit dem Tod ein Bündnis geschlossen, wir haben mit der Unterwelt einen Vertrag gemacht. Wenn die Flut heranbraust, erreicht sie uns nicht; denn wir haben unsere Zuflucht zur Lüge genommen und uns hinter der Täuschung versteckt. …
    Den Anfang des Stern der Erlösung (die Todesfurcht) anstatt auf die Erfahrung des ersten Weltkriegs auf Getsemane beziehen.
    Warum hat eigentlich niemand aus der Nazi-Parole Blut und Boden das hakeldama, den Blutacker, herausgehört?
    Ist nicht der Begriff der Rasse ein Versuch, die in der Schrift noch unterschiedenen Begriffe Stämme, Völker, Sprachen und Nationen gleichnamig zu machen, in einem Objekt zusammenzuziehen? Und bietet sich da nicht das Deutsche als gleichsam natürlicher Bezugsrahmen an?
    Vaterland und Muttersprache, oder die Schuld der Väter und die Sünden der Mütter.
    Ist nicht die Biologisierung der Sprachgeschichte durch den Rassebegriff eine Verschiebung: Verdrängt sie nicht die Erinnerung an den Sprachleib?
    War das peri physeos der Vorsokratiker nicht eine Abwehrwaffe gegen die Schrecken der Mächte der Vergangenheit?
    … Hier gilt: Wer sein Leben erhalten will, wird es verlieren.
    Ist nicht das Inertialsystem ein Spinnennetz; und gibt es nicht Spinnen, bei denen das Weibchen das Männchen nach der Begattung frißt?
    Die Bemerkung im Sohar, „daß es das Ich ist, welches die Flut bringt“ (S. 119) wird durch den Satz des Tales: „Alles ist Wasser“ bestätigt: Die Hegelsche Philosophie ist die Sintflut (die vom Ich überschwemmte Welt).
    Idee einer Gestalt der Erkenntnis, die dadurch frei ist, daß sie den Rechtfertigungszwängen (der normativen Gewalt des Begriffs des Wissens) entronnen ist: Sie konvergiert mit dem Begriff einer Erkenntnis, die sich die Idee des seligen Lebens nicht ausreden läßt. Bangemachen gilt nicht.
    Als Walter Benjamin (und nach ihm auch Ernst Bloch) einmal den „berühmten Rabbi“ zitierten, als welcher sich dann später Gerschom Scholem bekannt hat, haben sie da nicht den Hahn und den Messias verwechselt. Die geringfügige Änderung, die alles zurechtrückt, betrifft den Gebrauch des Weltbegriffs.
    Das Dogma ist die versteinerte Wahrheit, und durch das Dogma zum steinernen Herzen der Welt geworden. Bezieht sich darauf nicht die Geschichte vom Hahn?
    Zum Hinter dem Rücken gehört Benjamins Wort über Franz Rosenzweig, er habe es vermocht, die Tradition auf dem eigenen Rücken weiterzubefördern, und die Übernahme der Last: der Sünden der Welt. Nicht nur stellvertretend die Schuld der Welt auf sich nehmen, sondern real, durch das Bekenntnis „ich war’s“: die Sünden der Welt. Aber das ist schwierig, fast unmöglich, in einer Welt, die vom Schuldverschubsystem lebt, sich vom Drachenfutter nährt.
    Das Problem der Beziehung von Philosophie und Prophetie ist das Problem der Beziehung von Name und Begriff, von Im Angesicht und Hinter dem Rücken und von Sünde und Umkehr.
    Im Symbolum wurde das Bekenntnis noch als ein Metaphorikum begriffen.
    Ist die feministische Theologie heute nicht in der Situation der Martha (oder war es Maria?), die angesichts des toten Lazarus zu Jesus sagte: Herr, er riecht schon? Über das tote Mädchen sagte Jesus: Sie ist nicht tot, sie schläft nur.
    In Büchners „Lenz“ gibt es die Szene, in der der verwirrte Lenz ein verstorbenes Kind ins Leben zurückzurufen versucht („Sehen Sie, Herr Pfarrer, wenn ich Gott wäre, ich würde retten, retten“). Dem folgt die Stelle, an der Lenz real begreift, daß der Mond nur eine Steinwüste ist, und „in diesem Moment griff mit einem entsetzlichen Lachen der Atheismus in ihm Platz“. Dieses Lachen begreift mehr von der Physik und vom „naturwissenschaftlichen Weltbild“ als alle theologischen Harmonisierungsversuche. Und nach diesem Lachen (als Mimesis ans Subjektlose), meine ich, reicht die Wahrnehmung, daß Jesus in den Evangelien nie lacht, wohl aber die Dämonen austreibt, sehr nahe an den Wahrheitsgehalt der Evangelien heran.
    Im autoritären Denken (im Konkretismus und in der Personalisierung) präokkupiert der Herr die Stelle der Armen und Fremden. Hier liegt der Grund des Gebrauchs der projektiven Begriffe Barbaren, Natur und Materie, von dem das autoritäre Syndrom (Zusammenhang mit der Struktur der „indogermanischen“ Sprachen?) nicht abzulösen ist.

  • 12.05.93

    „Alle, die Deine Weisung lieben, empfangen Heil in Fülle.“ (Ps 119165, Einheitsübersetzung) Die gleiche Stelle wird im Sohar (Diederichs gelbe Reihe, S. 35) so übersetzt: „Friede viel denen, die Deine Thora lieben.“ Ist überall da, wo christlich vom Heil die Rede ist, der Friede gemeint? In der deutschen Übersetzung von Lukas und Johannes wird soteria (Rettung, wahrscheinlich über lateinisch salus) mit Heil übersetzt.
    Welt und Natur verhalten sich nicht wie Familien- und Vorname, sondern wie die heute so beliebten Doppelnamen.
    Das Problem der Metaphorik hängt mit dem der Vermittlung, und d.h. mit dem der Genesis des Nominalismus zusammen.
    In Ps 119.126 wird, was Franz Rosenzweig mit „zernichten“ übersetzt, im Sohar mit „gebrochen haben“ übersetzt (S. 27). Steht dieses Zerbrechen für das Problem der Vermittlung und der Metaphorik? Und ist die Bruchstelle die Welt? Hegel hat den Anfang gemacht mit der Reflexion dieses Bruchs (als Reflexion des Urteils), nur daß Hegel, anstatt das Zerbrochene zusammenzufügen, den Bruch totalisiert.
    Sind die drei evangelischen Räte nicht eine genauere Bestimmung dessen, was bei Johannes dem Täufer Umkehr, Buße heißt (vgl. auch die Buße im Buch Jonas)?
    Ist nicht die Kirche als apostolische Bekenntnisgemeinschaft die auf der Basis des Weltbegriffs reflektierte Stammesgemeinschaft? Und ist nicht unsere Blindheit, Taubheit und Lahmheit durch die Kirche versiegelt: Wie hängen die Blinden, die Tauben und die Lahmen in den Evangelien mit den drei evangelischen Räten zusammen?
    – Die Taubheit gehört offenkundig zum „Gehorsam“ (zum Herschaftssyndrom), aber wie lassen sich Blindheit und Lähmung der Armut und der Keuschheit zuordnen?
    – Heilt die Keuschheit von der Blindheit (Verblendung), und die Armut von der Lähmung (inertia, Trägheit)?
    Durch die Vergöttlichung Jesu wurde der Logos von der Schuldreflexion entlastet, damit aber auch die Sprache ihrer benennenden Kraft beraubt. So wurde der Logos zur Hypostase des Begriffs.
    Im Gefängnis gibt es drei Ausbruchswege: das Durchsägen der Gitter, die Überwältigung des Wärters und der Tunnel durch den Boden. Auf jeden Fall ist es falsch, mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen.
    Der Weltbegriff enthält in sich ein dezisionistisches Moment: Quellpunkt des Gewaltmonopols des Staates. Das Ordnungsprinzip, das der Weltbegriff repräsentiert, wirkt durch Gesetze; diese aber sind durch Strafen in der Realität zu verankern. Das Strafbedürfnis in der Gesellschaft ist ein Gradmesser des historischen Stands der Geschichte des Weltbegriffs: der „Verweltlichung der Welt“.
    Der Verlust der Fähigkeit, die subjektiven Formen der Anschauung zu reflektieren, ist Produkt einer Entscheidung: Darin steckt das dezisionistische Moment. Der Begriff des Wissens verdankt sich der Abstraktion von der Schuldreflektion: Deshalb ist dieses Abstraktiosngesetz in die Grundlagen des Wissenschaftsbetriebs mit eingebaut.
    Bezeichnet nicht die Zwei-Naturen-Lehre in der Christologie aufs genaueste die Vergöttlichungsfalle, in die das Christentum hineingeraten ist? Um den Kreuzestod instrumentalisieren zu können, mußte Jesus nachträglich noch zweimal totgeschlagen werden: als Gott und als Mensch.
    Die gesamte Geschichte der Verweltlichung läuft über den Naturbegriff.
    Die Übersetzung von Nachfolge mit „imitatio“, ein Wort, das wiederum mit Nachahmung und nicht mit Nachfolge übersetzt werden müßte, liegt genau in der blasphemischen Tradition der dogmatischen Theologie. Hier wird die in Selbstmitleid gründende und Selbstmitleid produzierende Leidensmystik initiiert, die das reale Leiden in der Welt dem Blick und der Reflexion entzieht, die Reinheit der Sensibilität in die unreinen Gefilde der Empfindlichkeit transponiert und so das Gefühl (den Statthalter der inertia, der Trägheit im Subjekt) begründet, indem sie es demoralisiert. Die Empfindlichkeit ist Grund und Produkt der Sprachverwirrung (wäre an Kohl und der Kopenhagener Schule zu demonstrieren: beide stehen in der nominalistischen Tradition, sind Produkt der Unfähigkeit, sie durch Reflexion wieder sprachfähig zu machen).
    Steht nicht die politische Nutzung von Sprachregelungen in einer Tradition, die ebenfalls theologischen Ursprungs ist, nämlich in der der Apologetik? Es gibt heute einen katholischen Positivismus (eine „Wissenschaftsgläubigkeit“), der die Autorität, den letzten, verwesenden Rest des Dogmas, mit Mitteln rechtfertigt, die die Fähigkeit zur Sprachreflexion im Grunde destruiert, die verhindert, daß das Wort nicht leer zu ihm zurückkehrt.
    Kohl steht in der katholischen Tradition, die soweit ist, daß sie auch des Prinzips der Rechtfertigung entbehren kann. Das „Aussitzen“ Kohls ist ein Teil seiner Fähigkeit, mit der Methode des „Haltet den Dieb“ schon im vorhinein alle die Stellen zu besetzen, von denen der Angriff kommen könnte (von denen die Rechtfertigungszwänge ausgehen können). Es ist diese Herrschaft über die Definition der Mittel der politischen Auseinandersetzung, die ihm die Vorteile des Igels verschafft, der immer sagen kann „Ick bün all do“, während der Hase SPD sich die Seele aus dem Leibe läuft. Kohl braucht nur sitzen zu bleiben, um immer da zu sein, wo andere hinwollen.
    Hat es eigentlich nicht immer schon diese Korrespondenzen in der Politik gegeben, die an Figuren wie
    – Stalin und Hitler,
    – Adenauer, Pius XII,
    – Kennedy, Chruschtschow, Johannes XXIII, Brandt,
    – heute an Kohl, Johannes Paul II, Gorbatschow und Jelzin, Reagan und Bush
    sich festmachen läßt?

  • 09.05.93

    Die mikrologische Arbeit ist der Versuch, den Bann, unter dem der Begriff steht, durch Reflexion aufzulösen: die Sache selbst zum Sprechen zu bringen.
    Ableitung des Konstrukts, wonach es heute nicht mehr auf die Tat, sondern aufs Nicht-erwischt-Werden ankommt, aus der Logik des Begriffs, die darin übereinstimmt mit der Logik der politischen Sprache. Kohl bleibt solange unwiderlegbar, und das Verhängnis ist nicht aufzuhalten, wie es nicht gelingt, die Logik des Begriffs (das darin enthaltene Moment der „List der Vernunft“) zu entschlüsseln. Diese Logik ist ein Ausfluß des trinitarischen Konzepts, die das Konzept der Opfertheologie und das der Schöpfung und Entsühnung der Welt mit einschließt.
    Die vollständige Säkularisation aller theologischen Gehalte setzt die Kritik der falschen Säkularisation, der die christliche Tradition verfallen ist, voraus.
    Das Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten hat Wurzeln, die durchs Christentum begossen und zum Wachsen angeregt, zum Blühen und Fruchttragen gebracht worden sind, und deren Früchte wir heute genießen. An diesen Früchten wird man es erkennen (vgl. das Gleichnis vom Feigenbaum).
    Der Hund und die subjektiven Formen der Anschauung, oder die Trennung von Sehen und Gesehenwerden: Das Zeitalter des Antichrist wird das Antlitz des Hundes tragen. Die subjektiven Formen der Anschauung als Formen des Angeschautwerdens begreifen: das ist der Schlüssel zum Verständnis der kantischen Philosophie.
    Das Nichts in der Lehre von der creatio mundi ex nihilo wird als ein nihil absolutum vorgestellt, aber das ist nicht denkbar. Dieses Nichts, dieses nihil absolutum war ein Konstrukt zur Begründung einer göttlichen Autorität, die mit Seinem Namen Mißbrauch treibt. Durch dieses nihil absolutum ist die den Herrschenden seit je gefährliche Lehre von den göttlichen Namen destruiert worden. (Liegen nicht überhaupt die Wurzeln des Derridaschen Dekonstruktionskonzepts in der Geschichte der dogmatischen Theologie und in der Konsequenz ihrer blasphemischen Logik?)
    Das Wort vom Binden und Lösen geht nicht nur an Petrus, sondern zugleich auch an die Jünger, an die Gemeinde.
    Eine Leiche im Keller, an der alle ihren Schuldanteil haben, paralysiert heute die Politik.
    Ist nicht der „Wissenschaftsbetrieb“ ein Betrieb im Sonnemannschen Sinne, und der Positivismus eine Berufskrankheit, gegen die sich die Schutzimpfung durch die kritische Theorie nur bedingt als wirksam erwiesen hat?
    Das Hinter dem Rücken und der Weltbegriff als Grund und Inbegriff des leeren Objekts, oder „auf dem Bauche sollst du kriechen, und Staub sollst du fressen“, oder die dritte Leugnung, oder über den Ursprung des Autismus in Kirche, Wissenschaft und Staat (die Privatisierung von Religion, Wissenschaft und Politik).
    Ist der Autismus nicht ein Produkt der verandernden Kraft des Seins, kommt in ihm nicht die sprachzerstörerische Kraft des Nominalismus auf seinen Begriff?
    Ist die Schlange nicht deshalb das klügste aller Tiere, weil sie das Bewußtsein, von einem Unerkennbaren erkannt zu sein, verinnerlicht hat? Der Preis hierfür war es, (wie an der astronomischen Begründung der modernen Naturwissenschaften nachzuweisen wäre) auf dem Bauche zu kriechen und Staub zu fressen.
    Wissenschaft lebt von der Verinnerlichung der gesellschaftlichen Produktions- und Kontrollmechanismen und der Leugnung der Spontaneität der Erfahrung.
    Der Samen der Schlange ist der Objektbegriff (das leere Weltenei).
    Die Geschichte der drei Leugnungen ist die Geschichte des historischen Objektivationsprozesses: die Geschichte von Herrschaft, Schuld und Verblendung, die Herstellung jenes Zustandes, den Jeremias als „Schrecken um und um“ beschreibt.
    Zustand der Theologie: die offizielle. lehramtliche Theologie ist die der dritten Leugnung; alle Ausbruchsversuche aber sind bis heute auf Identifikationen mit dem Aggressor hinausgelaufen (bei Metz direkt nachweisbar im ersten Teil seiner Theologie der Welt).
    Wie hängt das Votum für die Armen und die Fremden mit den sieben Werken der Barmherzigkeit zusammen?
    Die Geschichte der Kirche und der Theologie hat Teil am Abstieg zur Hölle (deren „Pforten“ sie nicht überwältigen werden).
    War Kohl nur im Katholizismus möglich?
    Nicht nur das Überzeugen, auch das Widerlegen ist unfruchtbar: Beide gehorchen dem Bekenntnisprinzip und der Bekenntnislogik (ist nicht das Ideologieproblem ein Problem der Bekenntnislogik? Wie verhalten sich Weltanschauung und Ideologie?).
    Im Autismus kommt der Objektbegriff zu sich selber, der Autismus ist eine Form der Isolationshaft (wie die deutsche Staatsmetaphysik). Wie verhält sich der Autismus zur Paranoia und zur Schizophrenie, ist er nicht die Systemeinheit beider (und darin Modell und Produkt des Objektbegriffs)? Rührt daher die besondere Art des autistischen Sprachverlusts (moderne Version der Stummheit des Helden)? Das Kaninchen vor der Schlange, der Anblick der Medusa oder der Schrecken Isaaks.
    Laufen nicht alle, die heute auf Identitätssuche sind, in die Autismusfalle?
    Die transzendentale Logik ist eine Fernsehlogik: Man sieht, aber wird nicht gesehen.
    Drückt nicht die Schlottsche Hypothese (in Adelheid Schlott: Schrift und Schreiber im Alten Ägypten, München 1989, S. 21f), die die Buchstabenschrift aus der Rezeption der Fremdsprachenschrift anderer (im Falle der Phönizier: Handels-) Völker herleitet, sich aufs genaueste im Namen der „hebräischen“ Schrift aus? (Woher kommen die Namen Griechisch und Latein? Haben die Griechen sich selbst Griechen genannt?)
    Die hebräische Sprache ist eine Objektsprache in dem Sinne, daß sie davon lebt, die Dinge selber zum Sprechen zu bringen.
    Ist nicht die Identität von Sprache und Volk (auf dem Grunde der Idee der Schicksalsgemeinschaft) ein Produkt der modernen Welt (die englische, französische, deutsche Sprache)? Wie drückt sich das in den modernen Sprachen aus? Sind nicht die hebräische, die griechische und die lateinische Sprachen im Kern Kunstsprachen?
    Läßt nicht an der Schlottschen Theorie vom Ursprung der Schrift sich das metaphorische Element der Sprache und der Ursprung seiner Notwendigkeit und seiner Depotenzierung (seines Verfalls) zugleich nachweisen? Das metaphorische Element läuft übers Prädikat und mündet ein im Begriff.
    Die Hegelsche Geschichtsphilosophie führt das kontrafaktische Urteil ad absurdum: in der Idee des Absoluten. Vergleiche hierzu den ungeheuerlichen und blasphemischen Satz, dieses von Hegel umgeformte Schillerzitat, am Ende der Phänomenologie des Geistes:
    aus dem Kelche dieses Geisterreiches
    schäumt ihm seine Unendlichkeit.

  • 07.05.93

    In der Einheitsübersetzung wird, was im Buch Bahir als Tohu bezeichnet (und an anderer Stelle als Materie verstanden) wird, als Götzen übersetzt (Bahir, 113, S. 120 zu 1 Sam 1221). Ist der Materiebegriff der Erbe des Götzendienstes?
    Zivilisiert sind die, die sich gegenseitig als Eigentümer anerkennen (aber erst nachdem sie das Eigentum durch Raub erworben und die Erinnerung daran verdrängt haben). Die Nichtzivilisierten (die Barbaren, die Sklaven, dann die Wilden, jetzt die Ausländer) werden als Nichteigentümer angesehen (die der „Schicksalsgemeinschaft“ des Volkes nicht angehören). Ist nicht der Kampf um die Anerkennung in der Phänomenologie des Geistes der Kampf um die Anerkennung als Eigentümer?
    Ist die dogmatische Begründung auch nur eines der sieben Sakramente wirklich überzeugend? Steckt nicht in der gesamten Argumentation ein Stück Willkür, das nur mit Hilfe der imgrunde autoritären Bekenntnislogik unkenntlich gemacht werden kann?
    Zum Ursprung der Bekenntnislogik: War nicht die sogenannte religiöse Erneuerung im Mittelalter, der Ursprung der religiösen Bewegungen des Mittelalters (paradigmatisch der devotio moderna), auch ein Stück projektiver Schuldverarbeitung, die seitdem ununterbrochen die Geschichte des Geistes beherrscht? Und ist nicht die Geschichte der „Fälschungen“ im Mittelalter eine der Voraussetzungen der europäischen Geschichte der Aufklärung (wie die Geschichte des Vorurteils ihr Schatten)? Gehört sie nicht zu den Ursprüngen dessen, was man heute das Projekt Moderne nennt, in dem auch die Vergangenheit so zurechtgelogen wird, daß sie als Einspruch gegen die verstockte Subjektivität nicht mehr verwandt werden kann. Gehören nicht die Fälschungen des Mittelalters zu den Gründen der unlösbar gewordenen Probleme der Chronologie und der Astronomie?
    Die Barbaren waren eine Erfindung der Griechen; sind nicht die Wilden eine Erfindung der Moderne, ohne die die projektive Gestalt der Erkenntnis nicht zu halten gewesen wäre?
    Zum Begriff der Wilden im Kontext der projektiven Verarbeitung der Vergangenheit vgl. den merkwürdigen Zusammenhang des Untergangs der Tasmanier mit dem Ursprung der Darwinschen Evolutionstheorie.
    Wenn Habermas die „Dialektik der Aufklärung“ für „überholt“ hält, verwechselt er dann nicht die Geschichte des Geistes mit einer sportlichen Wettkampf, vielleicht einem Marathonlauf?
    Liegt nicht das Modell des Kohlschen Argumentationstricks in der Polemik der Kopenhagener Schule gegen die sogenannte „klassische Physik“? In beiden Fällen werden Spuren verwischt, wird das, was man selbst tut, an anderen diskriminiert. Vorbereitet wurde dieses Argumentationsschema in der kirchlichen Apologetik, die das Fortwirken der Vergangenheit dadurch aus dem Blickfeld rückt, daß sie mit den eigenen vergangenen Untaten die Vergangenheit insgesamt für überholt erklärt.
    Der Antisemitismus war seit je ein Werkzeug der Verdrängung. Mit der Diskriminierung und Verfolgung der Juden war die Erinnerung an die fortwirkende eigene Vergangenheit gemeint, die auf diese Weise projektiv verdrängt werden sollte.
    Die Lehre von der creatio mundi ex nihilo ist ein Alexander-Erbe in dem Sinne, daß sie den Knoten, den es zu lösen gilt, nur durchschlagen hat.
    Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer: In welcher Beziehung stehen die sieben Werke der Barmherzigkeit zu den sieben Sakramenten?
    Sind nicht die subjektiven Formen der Anschauung und die durch sie generierten Totalitätsbegriffe Natur und Welt Produkte einer Empörungs-Dynamik, deren Objekt die unaufgearbeitete Vergangenheit ist?
    In welcher Beziehung stehen die Umläufe des Mondes und der Planeten zum Gesamtumlauf des Tierkreises?
    Gibt es einen genetischen Zusammenhang zwischen den Anschauungen der sogenannten Lebensschützer und der Empörungslust derer, die sich die Illustrierten kaufen, um sich über die Bilder darin zu empören?

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