Hegel

  • 04.01.92

    Wenn die Deutschen gemein sind, sind sie es mit gutem Gewissen.
    In Deutschland steht im Strafprozeß der Anwalt des Rechts dem Anwalt des Staates gegenüber; die Folgen für das Recht sind daraus ableitbar.
    Zweideutigkeit des Begriffs „raten“: im intransitiven Gebrauch bezeichnet er das Lösen eines „Rätsels“, im transitiven Gebrauch die Beratung von jemandem (der Regierung, des Königs). Im deutschen Verwaltungswesen gibt es den Regierungsrat, gibt es die Beratungsgremien, zu denen auch die Kontrollgremien: die Rechnungshöfe, gehören. Welche Funktion hatte ei#gentlich der „Geheime Rat“ zu Kaisers Zeiten? War es die Funktion, die heute zum „Ehrenamt“ demokratisiert wurde? Was drückt sich in dieser Amts- und Titelverschiebung aus?
    Ist Paul Klee konsonantisch und Chagall vokalisch?
    Das Inertialsystem ist Kristallisationszentrum dessen exzentrischen Charakter Einstein nachgewiesen hat (an die Stelle der kopernikanischen ist die Einsteinsche Wende getreten: das Gravitationsgesetz hat einmal die kosmische Geltung des Inertialsystems begründet, das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit hat sie entgründet).
    Im systematischen Kontext der Hegelschen Philosophie (d.h. der Philosophie überhaupt) ist das Problem der richtigen Organisation der Gesellschaft nur dezisionistisch zu lösen. Hier haben die Hegelsche Ableitung der Monarchie und die Heideggersche Entschlossenheit ihren systematischen Ort.
    Ist die Wechselbeziehung zwischen Barbaren und Hebräern und zwischen dem Taumelkelch und der Philosophie (die inverse Beziehung zwischen beiden) nicht doch tiefer begründet als nur logisch-etymologisch?
    Das Unreine ist ein Sinnesimplikat jeglicher Vereinigungsmystik, die theologisch nicht besser sich beschreiben läßt als durch den prophetischen Begriff der Hurerei.

  • 31.12.91

    „Alle Menschen streben nach dem Wissen“, weil sie die Ungewißheit des Nichtwißbaren (und der potentiellen Schuld), der Zukunft, nicht ertragen können. Das deutsche Versicherungswesen ist gerade keine „Solidarhaftung“, sondern einerseits ein Netz, durch das zu viele hindurchfallen, und anderseits ein Abwälzen der Last auf die Nachfahren, die Zukunft, die gleichsam apriori in Schuldhaft genommen wird: ein Exkulpationssystem.
    Wer Wahrheit an die Kommunikation bindet, bindet sie an die Beweislogik, mit all den Folgen, die sich daraus ergeben (Freispruch der Gemeinheit).
    Im Zusammenhang der Hegelschen Beziehung von Volksgeist und Weltgeist müssen die Volksgeister (die Nationen) sterblich sein: deshalb ist der Idealismus antisemitisch.
    Das „die Erde bringe hervor“ bedeutet, daß die Pflanzen und die Tiere nicht unmittelbar von Gott geschaffen wurden (ausgenommen die großen Seetiere).
    Ist der Ort der erschaffenen „großen Seetiere“ das Wasser über oder das unter dem Firmament?
    Das Schicksal ist das gesichtslose Anlitz der Natur.
    Grundlage des liberum arbitrium (der Wahlfreiheit) sind das Geld und der Raum (und ihre „Freiheitsgrade“), wobei das Geld die Beschränkung auf drei Dimensionen aufhebt (das Geld korrespondiert dem „Wert“, dem Gewicht der Einzeldinge; Zusammenhang des Wertgesetzes mit dem Gravitationsgesetz: was ist hier die Sonne?).
    Die Entstehung der Schrift (Säkularisation des Bildes), der Ursprung des Geldes (des Wertgesetzes) und die Entstehung des Weltbegriffs (der Raumvorstellung) sind Teile eines Prozesses.
    Derrida: Grammatologie, S. 173: Rousseau, der Christologe des modernen Naturbegriffs. Oder: Rousseau, die Krise der Schrift und der Rückfall in die Barbarei. (In Derrida explodiert die Rousseausche Revolte der Natur – vgl. hierzu Horkheimer.)
    Die Stimme bewegt nicht die Natur, wohl aber die Ökonomie.
    Seit dem Ende des letzten Krieges herrscht in Deutschland ein geradezu wütender Rechtfertigungszwang.
    Zum Begriff der Offenbarung: Der brennende Dornbusch ist der Inbegriff (das Außenbild) der Apokalypse. Im Prozeß der Weltbildung wird die Offenbarung apokalyptisch.
    Liegt die Schuldknechtschaft (der Ursprung der hpr) vor dem Ursprung der Kriege (dem Ursprung des Handels und der Schrift)? Wann und wo ist erstmals von Kriegen die Rede? (Alle Kriege zielen auf Eroberungen: gibt es auch Erunterungen?)
    Ist die nordafrikanische Vätertheologie (der Ursprung der lateinischen Theologie in Nordafrika) punisch, hängt sie mit der Geschichte der Phönizier, mit der Erfindung der alphabetischen Schrift zusammen?

  • 28.12.91

    Hauke Brunkhorst (FR von heute):
    – „alle gesellschaftlichen Probleme sind Kommunikationsprobleme“;
    – die „kryptotheologischen“ Spekulationen Benjamins (bucklicht Männlein; Theologie heute bekanntlich klein und häßlich);
    – Adorno und Max Weber nicht auf einer Ebene (Minima Moralia);
    – theologische Halbbildung (Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand; Antinomien der reinen Vernunft; Hegels Reflexionsbegriffe und die List der Vernunft; der Sündenfall des Jürgen Habermas: Verzicht auf Kritik der naturwissenschaftlichen Aufklärung).
    Grammatologie: Differenz zwischen hebräischer und griechischer (lateinischer) Schrift. Judentum und Kirche: hebräische Schrift auf anderer Ebene als griechische und lateinische (Welt-) Schrift. Schrift und Sprache: objektive Erinnerung (Lesen/ Studium als Trauer- und Erinnerungsarbeit). Phonetische (alphabetische) Schrift = Körper (Kleid) der Sprache. Schrift und Mathematik (M. als Verdrängungsapparat: erinnerungslos und gegenstandserzeugend: falsche Gegenwart; Problem des Raumes)

  • 20.12.91

    Die kirchliche Sexualmoral, die Verlagerung der Erbschuld in die sexuelle Lust, ist Produkt und Ursache der Zurückweisung des Nachfolgegebots: Wer nicht bereit ist, die Schuld der Welt auf sich zu nehmen, muß die Schuld (das wölfische Gesetz: die Gewalt und die Herrschaft von Menschen über Menschen) in der Welt belassen und kann sich nur an deren Reflex im Subjekt: an die Sexualität halten. Zusammenhang mit Trinitätslehre und Opfertheologie. Heute zur Selbstverfluchung zugespitzt: Da man den theologiebegründenden kritischen Weltbegriff selbst nicht mehr begründen kann, verfällt die Sexualmoral endgültig dem Gesetz der Heuchelei, der Doppelmoral, der Moral für andere: Man darf alles, sich nur nicht erwischen lassen. Metaphysik ist heute (nach Faschismus und Heidegger) nur noch als Zynismus möglich. Darin ist auch die säkularisierte Welt noch mit christlichem Erbe belastet.
    Wer sich heute weigert, im Begriff der Objektivität die Herrschaftsstrukturen zu reflektieren, nimmt Gemeinheit in Kauf.
    Die Selbstverfluchung (bei der dritten Leugnung) beginnt dort, wo die Kirche Unkraut und Weizen (rechts und links) zu unterscheiden verlernt hat (hängt der Ursprung der Gen-Forschung mit den vielfältigen Versuchen, das Unkraut zum Weizen zu machen, zusammen?).
    Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit relativiert Raum und Zeit als subjektive Formen der Anschauung. Es relativiert damit die Herrschaft von Subjektivität.
    Nicht über die sexuelle Lust, sondern über die unreflektierte Herrschaft des transzendentalen Apparats pflanzt sich die Erbschuld fort.
    Mathematik, das Kontinuum (die Ausdehnung) und das Diskrete (die Zahl): wie hängen beide mit einander zusammen? Auch die Kontinuen sind als Dimensionen gegeneinander diskret (vermittelt über die Orthogonalität). Die Spiegelung des dreidimensionalen Raumes schließt die Umkehr einer Richtung im Raum mit ein, d.h. verändert die Beziehung einer Richtung im Raum zu den beiden anderen. Ist dies der Gordische Knoten, den Alexander durchschlagen, aber nicht gelöst hat? Und hat die dreifache Leugnung etwas mit der Dreidimensionalität, mit der dreifachen Verkehrung zu tun?
    Die Materie ist der gegenständliche Inbegriff des Schreckens um und um, der Raum der Inbegriff des allseitigen Lachens.
    Es ist der Unterschied ums Ganze, ob ich selbst den Tod auf mich nehme oder einen anderen in den Tod schicke, das Menschenopfer vollziehe.
    Das ist die letzte Versuchung, der die Kirche zu erliegen droht: die Selbstexkulpation durch das moralische Überlegenheitsbewußtsein, das sie glaubt, durch die Abtreibungskampagne noch für sich selbst retten zu können.
    Hat Hegel von der falschen Zärtlichkeit für die Dinge, oder von der falschen Zärtlichkeit für die Welt gesprochen?
    Ist der Inhalt der Verleugnungen nicht präzise zu bezeichnen, wenn die Kirche sich in der Opfertheologie (dem Grund der Dogmatik) auf die Seite der Täter stellt?
    Die kantische Unterscheidung zwischen dem mathematischen und dem dynamischen Ganzen (zwischen dem Welt- und Naturbegriff): betrifft sie nicht den Unterschied zwischen dem Resultat der mathematischen Erkenntnis und ihrer Genese?
    Ist die Kirche nicht längst zu einem U-Boot geworden, mit einer fatalen Nähe zu den Seeungeheuern? Was bedeutet es, wenn Kirchen heute die Außenseite ihrer Wände nach innen kehren, die Innenwelt zur Außenwelt der Außenwelt machen?
    Mitscherlich hat das Denken als Probehandeln bezeichnet; Franz Rosenzweig hat die erkenntnistheoretische Bedeutung der Umkehr, ihren Zusammenhang mit dem Wahrheitsbegriff entdeckt: Ich glaube, in dieser Richtung wird man die Bedeutung und die Realität des Gebetes suchen müssen. Die Unfähigkeit zur Reflexion, der die kirchliche Sexualmoral und das Dogma sich verdanken, und die die Menschen für autoritäre Strukturen verfügbar macht, zerstört die Fähigkeit zu beten an der Wurzel.

  • 17.12.91

    Rosenzweigs Konstruktion, wonach durch den Tod, durch das „Ich mit Vor- und Zunamen“ die Einheit des All gesprengt wird, gelingt nur, weil der Weltzustand, auf den er sich bezieht, fast ausweglos mythisch geworden ist. Deshalb die Rekonstruktion der Theologie über die Konstruktion des Mythos, durch dessen Umkehr hindurch.
    Ein ins Agentenmilieu transportierter jüdischer Witz (J.Ebach) verändert mit seiner Umgebung seinen Sinn: er nimmt paranoische Züge an.
    Wenn Christen die Juden Hebräer nennen, dann erinnert mich das an den Prüfer der Vorprüfungsstelle des Ministeriums, der das freiwillige Bekenntnis eines Betroffenen in seinem Prüfbericht unter dem Anschein eines selbstermittelten Tatbestands in eine Anklage umformte (und damit seiner Karriere diente). Hier ist das Stück Gemeinheit, das in dem objektivierten Gebrauch der Bezeichnung Hebräer steckt, mit Händen zu greifen (Genese der Gemeinheit, Funktion und Sinn der Reflexionsbegriffe). Den gleichen Gebrauch haben die Christen seit je von der Prophetie gemacht. Hier ist einer der Belege für die Wahrheit des Satzes „Ärgernisse müssen sein …“
    Ist nicht der paulinische Begriff „Stückwerk“ als Erläuterung der Bezeichnung Symbolum zu verstehen; und ist das Symbolum nicht selber in diesem Sinne Stückwerk (vgl. auch das Wort „Jetzt sehen wir wie im Spiegel, dereinst aber von Angesicht zu Angesicht“).
    Hegels Philosophie, gipfelnd in der trinitarischen Struktur des Absoluten, ist als Entfaltung der Struktur des Begriffs die Selbstreflexion der Geschichte des Schicksals. Wenn es zutrifft, daß der Islam unter den gleichen Prämissen wie die Philosophie und das Christentum angetreten ist, nur gleichsam die andere Seite im Schicksalszusammenhang repräsentiert: dessen Objekt (so wie im Begriff des Islam, der Ergebung, das Schicksal als der Wille Gottes vorgestellt wird), so gewinnt der zentrale Begriff des Islam: der der Allbarmherzigkeit, eine auf ganz andere Weise exkulpierende Bedeutung. Die Allbarmherzigkeit ist die zwangsläufige Folge davon, daß Allah als Personifizierung des Fatum die Schuld der Welt auf sich nimmt und den ihm ergebenen, dem Handeln entsagenden Muslim entlastet. Auch hier bezieht sich die Allbarmherzigkeit auf das Sündenbewußtsein, das dadurch gelöscht wird, daß die Schuld auf Allah abgewälzt wird. Hier nimmt Allah die Schuld der Welt auf sich (er nimmt sie hinweg). Unterscheidet sich Gott im Islam nicht doch nur dadurch vom Teufel, daß er zugleich der Allbarmherzige ist.
    Der Schwindel, den Adornos Philosophie beim ersten Lesen zu erzeugen scheint, ist in Wahrheit die Aufhebung des Schwindels.

  • 13.12.91

    Man muß den Satz Wittgensteins „Die Welt ist alles, was der Fall ist“, wenn man ihn verstehen will, umkehren: Alles, was der Fall ist, ist die Welt. Das „alles, was der Fall ist“ ist Subjekt und „die Welt“ Prädikat.
    Beim Turmbau zu Babel wurde der Name durchs Prädikat ersetzt. Begriffliches Denken ist prädikatives Denken; in der Mathematik wird nicht nur der Name, sondern auch das Urteilssubjekt durchs Prädikat ersetzt: Grundlage der Mathematik ist die Substitution der Einheit von Subjekt und Prädikat, die orthogonale Beziehung der Dimensionen im Raum, die dann auch die Materie und die Zeit in eine gleichsam orthogonale Beziehung zum Raum rückt. Diese Einheit von Subjekt und Prädikat, genauer ihr Schein, ist vermittelt durch die Substantivierung des Prädikats (des „Seins“), die selber der vollständigen Ausbildung der Konjugationen, insbesondere den Futurbildungen sich verdankt. Zusammenhang mit der Konstituierung der Welt, dem Objektivations- und Säkularisationsprozeß (geschichtsphilosophische Konnotationen einer historischen Grammatik)?
    (Ist es denkbar, daß es eine reale Beziehung der Toten zur toten Natur gibt: daß das Opfer zu den Konstituentien des Inertialsystems gehört – einschließlich der realen Opfer der Hexenverfolgung?)
    Hegels Geschichtsphilosophie ist eine Philosophie der Weltgeschichte, d.h. Hegel macht das Prädikat zur Totalität und als Totalität zum Subjekt der Geschichte. Aber was Hegel hier zum Subjekt der Geschichte macht, ist das entfremdete Prinzip der Subjektivität („der Geist, der draußen ist“ – Sohar, S. 179). Die Welt wird zum Subjekt der Geschichte als Inbegriff des anklagenden und richtenden Prinzips, der scheidenden und verdrängenden (verschiebenden und projektiven) Kraft.
    Was bedeutet der Satz (Mt 63): „Wenn du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte Hand tut“: Es soll nicht in der Öffentlichkeit geschehen („laß es also nicht vor dir herposaunen“), sondern im Verborgenen („dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten“): Die linke Hand repräsentiert die Öffentlichkeit („alle Welt“)!
    „Alle Welt“: das sind die nicht widerlegbaren Urteile aller (Bekenntnis- und Beweislogik).
    Gibt es Berührungspunkte zwischen dem haggadischen Teil der Kabbala und dem Märchen (Zusammenhang der Motive: König, Prinz, Prinzessin, Hexe, Zauberer)?
    Zur Kritik der Fundamentalontologie: „Nur nicht mehr an das denken,/ was meine Seele so betrübt,/ doch auf den Sinn des Seins/ Gedanken und Gefühle lenken,/ auf das, was einst ich so geliebt.“ SS-Sturmbannführer Viktor Arajs, 1979 wegen gemeinschaftlichen Mordes an 13 000 Menschen zu lebenslänglicher Haft verurteilt, in einem im „Rundbrief für den Freundeskreis“ (Nr. 2/1986) veröffentlichten Gedicht (zitiert nach Ernst Klee: Persilschein und falsche Pässe, Frankfurt 1991, S. 117).
    Ist die kopernikanische Theorie ein Pendant des Hexenhammers?
    Den Himmel aufspannen: erinnert das nicht an den Spannungsbogen in der Musik (an Glenn Goulds Einspielung des Wohltemperierten Klaviers oder an Bredels Schubert) und an die Spannung im Roman?
    Das Gewaltmonopol des Staates zerstört die argumentative Kraft der Sprache.
    Gibt es einen sprachlichen Zusammenhang zwischen Mizrajim (Ägypten) und den Mizwot (den Geboten)?
    Sind in der Geschichte der raf Ulrike Meinhof und Holger Meins nicht doch von Gudrun Ensslin und Andreas Baader zu unterscheiden?
    Der Begriff des Nichts ist durch das Geld (das den Dingen von außen, durch ihre Beziehung zum Tausch, Realität verleiht) und durch die Vorstellung des Raumes vermittelt (durch die Vorstellung des „leeren Raumes“, in den die Dinge von außen, aus dem „Nichts“ hereinkommen). Aber dieses Nichts ist Statthalter der verdrängten Wahrheit.
    Der Sündenfall ist ein Vorgang in der Sprache („Die Welt ist alles, was der Fall ist“) und erst danach ein Vorgang in der Geschichte. Darin gründet die Bedeutung des Gebets.
    Der Atheismus ist eine notwendige Folge aus dem Schein der Unkritisierbarkeit der Bekenntnislogik. Atheismus unausweichliches Produkt des Herrendenkens; einzige Absicherung gegens Herrendenken ist die Theologie.
    Magie und Verzweiflung (Sprache und Sexualität): Verknüpfung von Magie und Religion nur unter dem Vorzeichen der Sexualmoral, nicht des Sprachdenkens (Katharer und Ursprung der Kabbala); Personalismus als Konkretismus im sexualmoralisch definierten Kontinuum. Golem Deckbild der Erlösung. Grenze der Magie: der Golem kann nicht sprechen (in der Schöpfungsgeschichte bara dreimal: Himmel und Erde, die großen Seeungeheuer, der Mensch). Golem und Alchemie (Goldmachen).
    Differenz zwischen Held und Messias (Jesus ein Held?).
    Sintflut und Grenze zwischen Vorwelt und Welt. „…, daß es das Ich ist, welches die Flut bringt“ (Sohar, S. 119). Zusammenhang mit der Änderung des Nahrungsgebots (Erlaubnis Fleisch zu essen), dem Noachidischen Bund, dem Regenbogen (Farben in der Schrift?).
    Die Barbarei beginnt, wenn die Bekenntnisse zu Zeichen der Komplizenschaft, wenn sie indifferent gegen die Welt und zugleich austauschbar werden (Hexenhammer und Bekenntnis: Hexe wird man durch den Teufel; zuerst Abschwören des Bekenntnisses, dann die Teufelsbuhlschaft; schwarze Messen; Zusammenhang mit der Vorgeschichte der Katharer? Affinität des Protestantismus? Sprachmagie und Teufelsbuhlschaft: hieros gamos und Sternendienst; Zusammenhang zwischen Hexen und dem Herrn der Tiere, dem wilden Heer).
    Wir leben in einer gemeinsamen Welt, aber wir sehen sie gemeinsam nur durch die Sprache.
    Hängt der exzessive Gebrauch von Prä- und Suffixen mit der Akkusativierung der Sprache, mit ihrer Instrumentalisierung und Verwandlung in eine Herrensprache zusammen?
    Die Umkehr ist nicht das Ziel, sondern der Anfang.
    Der Eid als Selbstverfluchung.
    Zu Elias als Bote des Messias sh. Maleachi.
    Nicht die Unterscheidung von Innen und Außen (Hellenen und Barbaren, Guten und Bösen; Basis der kontemplativen Beziehung zur Objektivität), sondern die von „Im Angesicht“ und „Hinter dem Rücken“ (Israeliten und Hebräer; Grundlage der praktisch-moralischen, der messianischen Beziehung zur Objektivität): die Hereinnahme der Beziehung aufs Andere ins Denken ist das Tor zur Theologie (der Satz gilt auch gegen die Verinnerlichung der gesellschaftlichen Kritik: Intersubjektivität, der Beweis durch Unwiderlegbarkeit, ist gegen Gemeinheit nicht gefeit).
    Die Mechanik ist deshalb die Kerndisziplin der gesamten Physik, weil sie die Beziehungen der Dinge auf die rein äußerliche Beziehung des Stoßes reduziert. Die hier gewonnenen Begriffe und Strukturen sind Ursprung und Maß der gesamten naturwissenschaftlichen Erkenntnis (Raum: von allen Seiten von außen). Hier ist auch die Vorstellung begründet, daß nur Nahwirkungen, Wirkungen durch Berührung, als Erklärung zugelassen, Fernwirkungen hingegen vom Grundsatz her ausgeschlossen sind. Daher hatte die Physik ihre Probleme sowohl mit der Gravitationstheorie (Descartes‘ Versuch, den Fall aus den Trägheitskräften der Zentrifugalbewegung herzuleiten) als auch mit der Optik und der Elektrodynamik (Ätherhypothese).
    Materie keine extensive, sondern intensive Größe, über die Begriffe der Dynamik mit dem Inertialsystem und seiner Metrik verbunden.
    Die toledot sind der Zentralbegriff einer Einheit von Geschichts- und Naturphilosophie (und was heißt „von Geschlecht zu Geschlecht“?).
    Wer der Gottesfurcht zu entkommen versucht, verletzt die Thora. Die Gottesfurcht ist der genaueste Begriff für die Beziehung zur hebräischen Schrift. Und die Gottesfurcht ist das Ende der Herrenfurcht: der Furcht vor der Welt, vor dem Urteil der Welt.
    Ist nicht die griechische Metaphysik nur eine vergeistigte Form des Sternendienstes, und die aristotelische noesis noeseos, das Denken des Denkens, ein Abbild des sinnlosen Kreisens der Planeten? Nicht zufällig hat die Aristoteles-Tradition den intellectus agens in der Mondsphäre lokalisiert. Und die Kugel als Modell der Vollkommenheit ist einsichtig nur im Rahmen des Innen-Außen-Gegensatzes.
    Gott hat auch die Welt erschaffen, aber erst am fünften Tag, als er die „großen Seeungeheuer“ schuf (erschaffen sind Himmel und Erde, die großen Seeungeheuer und die Menschen). Mir scheint, es ist kein Zufall, wenn die Geschichte der Philosophie mit Thales, mit dem Satz „Alles ist Wasser“, beginnt und mit einer Gestalt des Absoluten endet, in dem kein Glied nicht trunken ist.
    Im Licht der Sprache sehen lernen!
    „Ein anderer aber, einer seiner Jünger, sagte zu ihm: Herr, laß mich zuerst heimgehen und meinen Vater begraben. Jesus erwiderte: Laß die Toten ihre Toten begraben.“ (Mt 821f)

  • 08.12.91

    Die islamisch-christliche Differenz im Schöpfungsbegriff: in jedem Augenblick neu und Erhaltung der Welt, reflektiert die Differenz der Beziehung des Islams und des Christentums zur Philosophie, zur Verinnerlichung des Schicksals.
    Im zweiten Schöpfungsbericht werden die Tiere von Gott aus dem Acker gebildet (und dem Menschen zur Benennung vorgeführt), nur im ersten bringt sie die Erde hervor.
    Was ist der Unterschied zwischen der Erde (E. und Himmel), dem Acker (Acker und Adam) und dem Garten Eden (dem Garten der Bäume, die Gott „aus dem Acker … schießen“ ließ)? Und welche Bedeutung haben die vier Flüsse im Garten Eden (Beziehung zu den Wassern oberhalb und unterhalb der Feste)?
    Das Christentum ist eine apokalyptische Religion, sein Grundwort ist das „Maranatha“, das dann freilich im Prozeß der Dogmatisierung (Parusieverzögerung) verdrängt wurde.
    Nicht das Denken, sondern die Mathematik (in der das Denken sich nur auf sich selbst bezieht) ist das Narkotikum.
    Jesus hat das Feuer auf die Erde gebracht, und er wollte, es brennte schon. Nur ist dieses Feuer dann nach innen geschlagen und zum Schwelbrand geworden: so ist das Christentum ausgebrannt.
    Ist nicht heute die Kirche der Lazarus, der tot ist und schon riecht?
    Wer in der Sprache sehen gelernt hat, für den gibt es keine Theorie mehr, sondern nur noch die Wahrheit.
    Zum Genitiv: Hängt der Begriff des Genitivs nicht mit dem genus, mit der Zeugung, mit den toledot zusammen? Aber so, daß dieses Verhältnis (wie in der Trinitätslehre) in die casus mit hereingezogen: in ein Eigentums- und Herrschaftsverhältnis umgewandelt worden ist. Gilt nicht auch hier das vierte Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren?
    Im Genitiv sind die Zeugungen idealistisch geworden (werden Begriffe zeugungsfähig und gezeugt): das ist der blasphemische Sinn des Zeugungsbegriffs, Erbe des hieros gamos und dessen, was die Propheten Hurerei nannten. Die Hegelsche Logik: die Totalität der Anti-toledot, und die Onanie der synthetischen Urteile a priori (die das namenlose Objekt erzeugen). Zusammenhang von Er- und Bezeugen (im Kontext des Beweises)?
    Die Idee des Ewigen hat zwei Konnotationen, die zusammenzubringen sind: Die eine ist, daß sich das Ewige in keinerlei Hinsicht als vergangen denken läßt; die andere aber ist, daß das unabgegoltene Vergangene, die Toten, in die Idee des Ewigen mit hereingehören. Das aber heißt, daß die Idee des Ewigen ohne Erinnerungsarbeit, ohne das Eingedenken: ohne den Gedanken, daß die Toten, die wir nur noch ausbeuten, unsere Richter sein werden (ohne Umkehr des Historismus), nicht zu denken ist.
    Mit jedem Menschen stirbt eine Welt, aber nicht das Zeugen, sondern Gerechtigkeit begründet eine Welt.

  • 25.11.91

    An der Mundpartie erkennt der in die Geheimnisse der Zivilisation Eingeweihte, ob der andere bereit ist mitzulachen (ob er Person ist: vgl. das Augurenlächeln und den Eicherschen Begriff der „Augurenreligion“ – Michael Weinrich in Einwürfe 4, S. 140). Wer hat angefangen, sich zu rasieren, und seit wann? Die Philister und die Ägypter waren bartlos. Für die Griechen sind die Barbaren sowohl die Bärtigen als auch die Stammelnden.
    Hat das Rasieren etwas mit der Herstellung des poker-face zu tun? Und ist das poker-face nicht das Gesicht dessen, der selbst den Witz erzählt und nicht darüber lachen darf?
    Das diabolein beginnt mit der Erkenntnis des Guten und Bösen und endet mit der Unfähigkeit, rechts und links zu unterscheiden.
    Diabolos (oder die entsetzliche theologische Verwirrung im Katholizismus; vgl. die Versuchungen Jesu – Mt 41-11, Mk 112-13, Lk 41-13): Wer andere „durcheinanderwirbelt“, verwirrt den Orientierungssinn. Der Verwirrte kann rechts und links (sowie vorn und hinten) nicht mehr unterscheiden. Er kennt nur noch oben und unten, aber in einer Weise, die es ihm verwehrt, sich oben zu halten. Unsere Theologie müßte auf den Stand gebracht werden, auf dem die Dichtung seit Goethes „Faust“ (vgl. auch Thomas Manns „Doktor Faustus“) und die Philosophie seit Hegels „Phänomenologie des Geistes“ bereits ist. Mit der Etablierung des Raumes (i.e. des Inertialsystems) gegen die Natur und mit der Zurichtung der Ökonomie zum System (durch die Subsumtion der Arbeit unters Tauschprinzip und durch dessen unversale Ausbreitung: die Zerstörung aller „naturwüchsigen“ Verhältnisse) wurde die Orientierungskraft der Offenbarung (ihre erhabene Anthropozentrik) zerstört.
    Das Wort Satan hat nach Gershom Scholem im Hebräischen die Bedeutung „Ankläger“, die Bezeichnung Diabolos ist griechisch und bedeutet „Verwirrer“. Die hebräische Bezeichnung stammt aus dem Rechtsbereich, die griechische aus dem räumlich-logischen.
    Der Ankläger ist der Verführer: er verführt zur Empörung oder zur Rechtfertigung. Maßgebend ist ist der projektive Umgang mit der Schuld.
    Was uns das Festeste zu sein scheint, der Raum, das Geld, das dogmatisierte Bekenntnis (die Orthogonalität, die Stabilität und die Orthodoxie) ist gerade die Quelle und der Ursprung der Verwirrung.
    Unterm Zwang des Systems ist die Moral (vgl. die Konstruktion der Wertethik: Moral als anklagende, urteilende, richtende Instanz; Zusammenhang mit dem akkusatorischen Objektivationsprozeß; die Wertethik kennt kein Pardon) zu einem Instrument im Schuldverschubsystem geworden: mit der Nutzung des Scheins der exkulpatorischen Kraft des moralischen Besserwissens (des moralischen Urteils und des vergesellschafteten Bekenntnisses, deren innere Triebkraft die Empörung ist) ist sie zu einem Instrument des hemmungslosen Projektierens geworden, das sowohl dem Gebot der Feindesliebe als auch dem Nachfolgegebot widerspricht (dem Gebot, die Schuld der Welt auf sich zu nehmen, anstatt sie -sich selbst exkulpierend – in den anderen dingfest zu machen).
    Omne ens inquantum est ens est bonum: dieser Satz enthält einen utopischen Begriff des „Seienden“.

  • 19.11.91

    Gott hat nicht die Welt sondern Himmel und Erde erschaffen, d.h. außer der Erde (mit dem Himmel) auch die Umkehr.
    Seit dem Ursprung des Weltbegriffs bedarf es der Idolatrie nicht mehr; der Weltbegriff leistet seitdem dasselbe, was vorher der Götzendienst leistete. Und die jesuanische Übernahme (nicht Hinwegnahme) der Schuld der Welt steht in der Tradition der Kritik der Idolatrie und des Bilderverbots. Das Bewußtsein davon klingt nach in dem mittelalterlichen Bild der Frau Welt, die in der Tradition des prophetischen Begriffs der Hurerei und des Bildes der Hure Babylon steht.
    Der kirchliche Antijudaismus war das Mittel, die prophetische Idolatrie-Kritik zu adaptieren, ohne sie auf sich selbst (die Kirche) beziehen zu müssen. Ohne den Antijudaismus wäre die Dogmenentwicklung (als Anpassung des die Welt) und ihre Voraussetzung, die Hypostasierung des Weltbegriffs (die Quelle der Häresien) nicht möglich gewesen
    Die vollständige Säkularisation der Religion ist der Faschismus.
    Der Fundamentalismus ergibt sich aus dem Festhalten des Prinzips der wörtlichen Wahrheit der Schrift unter den Prämissen des Weltbegriffs und des Herrendenkens.
    Der Fundamentalismus (miß-)versteht die Bibel als Lehrbuch der Geschichte oder der Physik; er verfällt eben damit dem Bilderverbot.
    Die Vergöttlichung des Opfers ist die christologische Verführung.
    Ist das Firmament ein System aus Spiegelungen und Brechungen, dessen Entschlüsselung erst gelingt, wenn ein diachronischer Geschichtsbegriff möglich ist?
    Die Apokalyptik steht in der prophetischen Tradition, sie ist deren Weiterbildung unter der Voraussetzung des etablierten Weltbegriffs. Und die apokalyptische Vorstellung des Weltuntergangs bezieht sich auf diese Hypostase, ist Produkt und Ausdruck der Auseinandersetzung mit der (nachprophetischen) „Welt“. Die Frage, ob die Apokalyptik in der Form, wie der Fundamentalismus sie dingfest zu machen versucht, auf die physikalische (oder astronomische) Realität sich bezieht, kann offen bleiben (genauer: diese Frage stellt sich jetzt nicht mehr; in den Minima Moralia gibt es ein Stück, das heißt „Nach Weltuntergang“).
    Das Buch Jona ist eine postapokalyptische Schrift:
    – Die Prophetie richtet sich nicht nach innen, sondern nach außen (gegen Ninive, die „große Stadt“).
    – Am Ende stellt sich heraus, daß Gott barmherzig ist (Gericht der Barmherzigkeit über das gnadenlose Weltgericht).
    – Gott begründet die Barmherzigkeit mit dem Hinweis auf die 120.000 Menschen, die rechts und links (Gnade und Gericht) nicht unterscheiden können, und auf „so viel Vieh“.
    Ist Jona nicht die genaue Gegenfigur zum Bileam (ein jüdischer Prophet gegen Ninive, ein moabitischer/midianitischer Prophet über Israel? Das NT spricht vom „Zeichen des Jona“ und von der „Sünde Bileams“.
    Erst wenn uns die Möglichkeit der Auferstehung der Toten nicht mehr erschreckt – und das ist nach Auschwitz unmöglich -, wird der Messias kommen.
    Zum Satz Kafkas „Es gibt unendlich viel Hoffnung, nur nicht für uns“: Es gibt keine Garantie, die steht bei Gott.
    Es gibt keine Heiligen mehr in dieser Welt, es sei denn, sie heißen Franz K., Schönfließ und Wiesengrund.
    Die nach dem zweiten Weltkrieg modisch gewordene Wendung „Ich würde sagen …“ drückt eine geschichtsphilosophischen Sachverhalt aus: Es ist nicht mehr möglich ungebrochen theologisch zu reden (apodiktisch zu urteilen).
    Die Realität heute ist ein kurzer Prozeß über die Kinder, die überall von Real-Verboten umstellt sind, deren Übertretung unmittelbar geahndet wird.
    Zum Begriff der Strafe (läßt sich das Strafrecht überhaupt noch begründen: Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand): Zusammenhang von Strafe, Recht und Bekenntnislogik (Ursprung und Geltung des Weltbegriffs). Der Kreuzestod („Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“) und das Problem der Strafe.
    Strafe verhindert a limine (als Institut) die Gottesfurcht, und zwar auf beiden Seiten: durch Fixierung des Strafbedürfnisses (im Interesse der Erhaltung der „Welt“) und durch das, was sie dem, den sie der Strafe unterwirft, antut.
    Läßt sich das Nationalprinzip unreflektiert auf die Alte Welt, insbesondere auf Israel, anwenden? Was bedeutet hier Volk, Nation, Sprache? Was heißt Assur, Babel, Moab, Amalek; Kanaanäer sind Händler; Israeliten sind für Ägypten, die Philister, bei Jona für die Schiffsleute (bei Judith für Holofernes) Hebräer (Sklaven, Söldner, Kleinviehnomaden). Wie lautet die hebräische Bezeichnung für die Ägypter, und was bedeutet sie?
    Thomas Ziehe (FR vom 19.11.91) leitet das Individuationsprinzip aus dem Konkurrenzverhältnis ab; das Konkurrenzverhältnis bezeichnet aber gesellschaftlich durchaus verschiedene Sachverhalte:
    – Im Handel und in der Produktion bezieht es sich auf den Markt,
    – in der Verwaltung (wie in der Kirche und beim Militär) auf die Karriere (die Teilhabe am Sakrament der Macht), während
    – die Anwendung aufs Proletariat nur auf den „Aufstieg“ aus dem Proletariat sich bezieht.
    Sind die Atome das Proletariat der Mechanik, und ist die Astronomie die Verwaltung?
    Der Begriff des Daseins ist aus der Hegelschen Diskussion des hic et nunc abzuleiten: Das Da ist das Hier für andere.
    Ich habe Elias Canettis „Masse und Macht“ immer als Gegenpol und als Ergänzung zur „Dialektik der Aufklärung“ verstanden: Hier geht es beidemale um die gleiche Sache, das einemal um ihren naturalen Aspekt, das anderemal um ihren historisch-gesellschaftlichen und um ihre erkenntnistheoretischen Aspekt.

  • 08.11.91

    Ja sagen zu etwas heißt sich zu etwas bekennen. Das reflexive Sich im „sich (zu etwas) bekennen“ kann Ausdruck der Befreiung sein (es endlich aussprechen können, die Last der Verdrängung loszuwerden), ist aber heute immer mehr Ausdruck der Unterwerfung unters Kollektiv, der Identifikation mit dem Aggressor (das Sich geborgen Fühlen in der Gemeinschaft mit der Lust, ohne Skrupel hassen, sich der Wut überlassen zu dürfen: Genesis der „Mordlust“). Modell dessen ist der Raum, die „subjektive Form der Anschauung“ Kants: die Ablenkung der Wut auf die außermenschliche Natur.
    Die Logik der Welt ist herzzerreißend und entsensibilierend: mörderisch. So hat sie vielleicht tatsächlich mit dem Kreuz zu tun.
    Nicht der Begriff des Gestells, sondern der des sich selbst verurteilenden Gerichts bezeichnet die Signatur des technischen Zeitalters.
    Der Raum ist der letzte Niederschlag der Erkenntnis des Guten und Bösen (er entzieht der Unterscheidung zwischen links und rechts, zwischen Barmherzigkeit und Gericht, den Boden). Das kopernikanische Weltbild ist in der Tat ein Bild: eine mathematische Vereinfachung, aber um den Preis der Zerstörung der Sprache und der Theologie (Verletzung des Bilderverbots). Mußte die Sprache durch diesen Tod hindurch?
    Verhältnis von Begründung und „Aufspannen“ (Erde und Himmel) zum Raum: entspricht dem Verhältnis von Orthogonalität und „unendlicher Ausdehnung“ des Raumes (Trennung von Raum, Zeit und Materie und Konstituierung der spannungslosen trägen Masse, die dann ohne Vermittlung identisch ist mit der schweren Masse, dem Bezugspunkt des Gravitationsgesetzes), wird so zugleich neutralisiert, nach innen verlagert und erinnerungslos erhalten. Im neutralisierten Raum (und in der formalisierten Logik) entfällt mit der Logik der Begründung die Kraft, der Atomisierung der „Empfindungen“ (und der Erkenntnis) zu widerstehen. Begründung wird durch Gesetz und Kausalität, Entsprechungen werden durch Wechselwirkungen ersetzt. – Bedeutung der Orientierungsmetaphern: vorn und hinten (im Angesicht und hinter dem Rücken), rechts und links (Gnade und Strenge), oben und unten (Großmut und Niedertracht, Erlösung und Verdammnis, Segen und Fluch).
    Spr 316: „Langes Leben birgt sie (die Weisheit) in ihrer Rechten, in ihrer Linken Reichtum und Ehre.“
    Den Tod kennen wir nur als den Tod der anderen (und vermeiden heute den Schluß, daß auch wir sterblich sind; wir ziehen uns zurück auf den Punkt, schon dem Totenreich anzugehören, und das ist unsterblich). Ebenso kennen wir die gesamte Physik nur als ein Weltsystem, in das als Subjekt der andere mit eingeht (Intersubjektivität, konstituiert durch den Tod des Individuums, das ja ohnehin nur der andere ist, dessen dann nicht mehr gedacht zu werden braucht: so konstituiert sich die „reine Objektivität“ der Physik). In der gleichen Konstellation entspringt der Begriff des Bekenntnisses, und wenn nach der logischen Struktur dieses Konstrukts Frauen nicht bekenntnisfähig sind, so ist das nicht nur als Mangel anzusehen (vgl. Gen 315 i.V.m. Gen 314u.19).
    Wenn Kant die Welt gegen die Schule vertritt, so übersieht er, daß der Weltbegriff auch ein Schulbegriff ist (vgl. die Schöpfungslehre bei Augustinus und Thomas).
    Die sieben Gemeinden, die sieben Siegel, die sieben Engel mit den Posaunen und die sieben Engel mit den Schalen (sieben Plagen).
    Es ist entsetzlich, wie der Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus zur Exkulpierung des Westens mißbraucht wird. Hier setzt sich das hegelsche Weltgericht in einer Weise durch, die nachträglich die „List der Vernunft“ als dezisionistisch enthüllt. Gleichgültig, ob man als letzte Instanz die Geschichte, das Ausland oder die Welt bemüht, in jedem Falle wird das Gewissen namen- und gegenstandslos gemacht. Auf dieser Grundlage blüht
    – in der Verwaltung ein Ressortdenken, bei dem es nicht mehr darauf ankommt, das Richtige zu tun, sondern, was man auch tut, es so zu tun, daß man später nicht haftbar gemacht werden kann,
    – während auf der Ebene der Justiz, wie im Kontext der rechtlichen Aufarbeitung der Vergangenheit und im gesamten Verfahren der rechtlichen Bearbeitung des sogenannten Terrorismus leicht zu erkennen ist, die Idee der Gerechtigkeit selber angegriffen wird, in Zynismus sich auflöst.
    Die Kantische subjektive Form der Anschauung ist Produkt der Identifikation mit dem Aggressor. In ihr setzt sich die Welt gegen das Subjekt durch. Schiffsbruch mit Zuschauer: steht das nicht in der Tradition dieser subjektiven Form der Anschauung, die diese kontemplative Distanz erst ermöglicht. Das transzendentale Subjekt ist das Subjekt als Zuschauer der Welt. Und was der Zuschauer in dieser Welt sieht, steht unter dem (heute von der Kulturindistrie manipulierten und ausgebeuteten) Gesetz des Apriori, ist Produkt der Synthesis.
    Das Schema Jisrael klärt das Verhältnis der hebräischen Sprache zu den Israeliten.
    Nur Abraham, Isaak und Ijob starben „alt und lebenssatt“:
    – Abraham: „starb in hohem Alter, betagt und lebenssatt, und wurde mit seinen Vorfahren vereint“ (Gen 258);
    „… starb in gutem Greisentum, alt und satt, und wurde zu seinen Volksleuten eingeholt“ (Buber)
    – Isaak: „starb und wurde mit seinen Vorfahren vereint, betagt und satt an Jahren“ (Gen 3529);
    „Er starb und wurde zu seinen Volksleuten eingeholt, alt, an Tagen satt“ (Buber)
    – Jakob: „Dann verschied er und wurde mit seinen Vorfahren vereint“ (Gen 4933);
    „… verschied un wurde zu seinen Volksleuten eingeholt“ (Buber)
    – Ijob: „Dann starb Ijob, hochbetagt und satt an Lebenstagen“ (Ij 4217).
    „Ijob starb, alt, an Tagen satt“ (Buber)

  • 06.11.91

    Was bedeutet Diachronie: Kann es nicht sein, daß eine Kritik der homogenen Zeit auch die Möglichkeit mit erwägen muß, daß es (in der Folge des griechisch-neutestamentlichen Äonenbegriffs) zeitliche Real-Konstellationen gibt, die zerstört, unkenntlich gemacht werden, wenn man ihre Momente an realhistorische Abläufe bindet (historische Bibel-Kritik); oder daß es einen „Fundamentalismus“ gibt, der der faschistischen Konsequenz dadurch entgeht, daß er von einer chronologischen Anbindung der biblischen Texte (aus rational belegbaren Gründen) Abstand nimmt (Frage: Wer war Abraham? – „Ehe Abraham ward, bin ich“: Zusammenhang mit der „Übernahme der Schuld der Welt“ und der logostheologischen Präexistenz „vor Erschaffung der Welt“ – nicht vor der Erschaffung von Himmel und Erde. – Wirft das nicht auch ein neues Licht auf das Lachen Abrahams und Saras und auf den Schrecken Isaaks? – Zusammenhang der toledot: Schöpfungsgeschichte und Genealogien – und Trinitätslehre: toledot zum Mythos, zur „ewigen Wiederkehr des Gleichen“ umgebogen?).
    Horkheimers Wort vom Christentum als der menschenfreundlichsten Religion, „aber sind keine schlimmeren Untaten als im Namen dieser Religion geschehen“, findet hier seine Begründung, ebenso die These, daß es ein der Welt angepaßtes Christentum ohne Antisemitismus nicht geben kann.
    Der Kampf der Kirche gegen die Abtreibung, der ohne Rücksicht auf die Probleme, die die Frauen selbst damit haben, geführt wird, wird deshalb so wütend geführt, weil er an das andere Abtreibungs-Trauma des Bekenntnisses rührt: an die Abtreibung der Wahrheit aus Furcht vor den messianischen Wehen in der Phase der frühkirchlichen Anpassung an die Welt und des Dogmatisierungsprozesses (das Dogma als Wechselbag: Remythisierung durchs Trinitätsdogma und durch Christologie und Opfertheologie; das Bekenntnis als Narbe). Der Kampf wird an der Grenze der Selbstverfluchung und nicht zufällig (in der Tradition des Antijudaismus) mit dem emotional hochbesetzten Mordvorwurf geführt.
    Sind die apokalyptischen Siegel, mit deren Lösung die Wehen beginnen, die Sakramente? Und sind die Sakramente (zunächst das Symbolum, das Bekenntnis) Zeichen der „Bindungen“, mit denen die Kirche auf Erden wie im Himmel bindet?
    Oder haben die sieben unreinen Geister, von denen Maria Magdalena befreit wurde, etwas mit den sieben Siegeln der Apokalypse zu tun?
    Fragen:
    – Gibt es eine Untersuchung über die Geschichte des Bekenntnisbegriffs?
    – In welchem Zusammenhang taucht der Weltbegriff im NT auf? – In der Geheimen Offenbarung ist Jesus Herr der Welt, Gott Herr der Schöpfung.
    – Weshalb ist das NT in Griechisch geschrieben, und warum gibt es in ihm dann einen Brief an die Hebräer?
    – Wer sind die Hebräer, und weshalb heißt die hebräische Sprache die hebräische? Gibt es sprachlichen und/oder realen Zusammenhang zwischen den Hebräern und den Barbaren?
    – Ist die Bezeichnung für Welt in Joh 129 kosmos?
    Das Subjekt des jesuanischen „Ich bins“ ist der genaue Gegensatz, der Gegenpol zum transzendentalen Subjekt Kants.
    Indem Kant Raum und Zeit zu subjektiven Formen der Anschauung macht, trennt er die äußere von der inneren Anschauung, zerstört er den objektiven Anteil der Erinnerung und damit den Grund der Sprache (macht er das Objekt namenlos).
    Verräterisch der in der marxistischen Tradition übliche Begriff des „Allseitigen“: Er bewirkt, daß die Dinge von allen Seiten, d.h. immer nur von außen, hinter ihrem Rücken betrachtet werden; Anpassung an den Erkenntnis-Status der Physik. Naturwissenschaftliche, d.h. objektivierende und instrumentalisierende Erkenntnis ist „allseitige“ Erkenntnis. Eliminiert wird der eigene Blick der Dinge, das, was sie ausdrücken, ihre Sprache.
    Es ist Gottestrug und es zieht zwangsläufig den Gottesbeweis und die Theodizee nach sich, wenn die Theologie sich den innertrinitarischen Prozeß als das selige Leben Gottes in sich selber vorstellt. In Wirklichkeit ist es das selbstentfremdete Leben eines Organismus, in dem kein Glied nicht trunken ist. Es ist der Zornesbecher.
    Die Genealogie Kains kommt in der Genealogie des Set noch einmal, aber in veränderter Konstellation vor: was bedeutet diese Veränderung?
    Man muß einmal die Hegelsche Kriegslehre mit der kantischen vergleichen, um den Abgrund zu erkennen, der beide Philosophien trennt.
    Der Marxsche Satz, wonach die Hegelsche Philosophie vom Kopf auf die Füße zu stellen ist, bezeichnet das richtige Problem, ist aber nicht dessen Lösung. Es ist das Problem der Umkehr, das Marx dann mit dem Revolutionsbegriff auch wieder verfehlt.

  • 05.11.91

    Gemeinschaft und Gemeinheit (sowie Meinung, das Allgemeine und sonstige mit „mein“ gebildete Wörter) gehören nicht nur sprachlich zusammen, sondern auch logisch: über den Begriff des Bekenntnisses.
    Die Tiefe der Wunde, die das Verschwinden des sprachlichen „Angesichts“ hinterlassen hat, ist zu ermessen an der Rolle, die die Musik im Leben der Jugendlichen heute spielt. Die Kulturindustrie beutet durch Substitution ein Bedürfnis aus, das eigentlich nur noch eschatologisch zu befriedigen wäre. Vgl. Jürgen Ebach: Kassandra und Jona, S. 43.
    Kulturindustrie ist Sternendienst, und der ist seit je ein Substitut, ein „Ersatz“ des Angesichts.
    Die Hegelsche Diskussion des Hier und Jetzt ist einem sehr sprachlichen Sinne diabolisch; hierbei handelt es sich um einen alten, seit Aristoteles thematisierten, philosophischen Topos. Vor diesem Hintergrund kann man feststellen, daß die Hegelsche Philosophie zwar klug ist wie die Schlangen, aber nicht arglos wie die Tauben.
    Das Eingedenken, die Erinnerung, ist der Verzicht darauf, die Zeit zu instrumentalisieren, der Verzicht auf die Vergegenständlichung der Zeit, wie sie dann selber institutionalisiert wurde im Inertialsystem.
    Das Hebräische kennt kein Futur II und kein Präsens, sondern nur Imperfekt und Perfekt: das Perfekt ist der Kreuzestod, das Imperfekt die Übernahme der Schuld der Welt. Die Opfertheologie hat das Imperfekt in ein Perfekt umgelogen (zusammen mit der Konstituierung des Futur II).
    Ursprung des Futur II in der Tempelwirtschaft, der Geldwirtschaft, dem Opfer- und Sternendienst und der Idolatrie; Ursprung der Ontologie im Futur II (Heideggers „Vorlaufen in den Tod“: Anpassung des Daseins an die Ontologie der Mechanik; bei Heidegger kommt die List der Vernunft an ihr selbstgesetztes Ziel).
    Zum Turmbau von Babel: Er verwirrte ihre Sprache und zerstreute sie über die ganze Erde. Ist die Verwirrung der Sprache und die Zerstreuung der Völker ein Reflex des Begriffs der „ganzen Erde“, des hier entspringenden Weltbegriffs, des ersten Totalitätsbegriffs, auf den die Übernahme der Schuld der Welt dann konkret sich bezieht?
    Ist das Zungenreden (das späte Echo auf die babylonische Sprachverwirrung) nicht das im Griechischen denunzierte Stammeln der „Barbaren“? Und hat nicht die Bezeichnung Barbaren etwas mit den Hebräern/Hapiru zu tun (Umkehrung des Sinnes: der Hellene steht auf der anderen Seite; Ironisierung durch Verdoppelung des ‚br: Hinweis auf den Zusammenhang von Lachen, Objektivierung und Begriffsbildung; Realbedeutung des Objektbegriffs)?
    Verständnis für den Umgang der Apokalyptiker mit der Tradition, für das experimentelle Verfahren der Kollage.
    Zum Buch der Richter (vielleicht auch zum Buch Jona): Die Dinge mit einer ironischen Distanz wahrnehmen, ist in bestimmten Situationen die einzige Möglichkeit, sie überhaupt noch wahrzunehmen. Und zwar dort, wo man wie Abraham, der Hebräer, der als Fremder im Lande lebte, von dem Schrecken ergriffen wird, als den Isaak ihn dann erfahren hat, bei dessen Ankündigung Abraham und Sara lachten. – Bezieht sich nicht hierauf das Jesus-Wort „Ehe Abraham ward, bin ich“? Hat Jesus das in Abraham, in den „Hebräern“ Verfestigte, Verstockte durch seine neue Beziehung zur Welt (Übernahme der Schuld der Welt) wieder verflüssigt, um den Preis des Kreuzestodes?
    Ein blödsinniger Wandspruch: Völkerfreundschaft ja, Vielvölkerstaat nein!
    Katastrophen im Fernsehen (bei denen nicht zufällig immer erwähnt wird, ob und wieviele Deutsche betroffen waren) vermitteln jedesmal auch das empörend „wohlige“ Gefühl, selber noch davongekommen zu sein (in Israel wurde während des Golfkrieges jede Nacht die Skyline von Tel Aviv gezeigt, die den Bewohnern die Möglichkeit bot, Augenzeuge ihrer eigenen Vernichtung zu werden).

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