Hegel

  • 17.04.91

    Das Modell des Kreislaufs ist der Jahreskreislauf: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. An diesen Kreislauf ist das Leben der Pflanzen gebunden, es verselbständigt sich nicht dagegen. Anders das Leben der Tiere, daß sozusagen den Grund dieses Kreislaufs in sich aufgenommen, verinnerlicht hat. Läßt sich so (auf der Grundlage der Korrespondenzen zwischen dem Inneren und der Außenwelt) die Astrologie begründen? Aber auch die dem Menschen verliehene Macht: Adam benennt die Tiere. Gleichzeit werden Sonne und Mond als Herrscher des Tages und der Nacht bestimmt.
    Die Pflanzen überleben (überwintern) durch den Samen (und die Wurzeln?). Die Bäume überleben die Jahre durch Verholzung, Verstockung (Hypertrophie der Wurzeln). Hängt das mit dem gemeinsamen Ursprung der Bäume und der Prähominiden zusammen? Die Säugetiere, deren Leben auch an die Perioden der Jahreszeiten noch gebunden ist (Zeugung, Geburt, z.T. auch Winterschlaf), haben einen gemeinsamen Ursprung mit den blütentragenden Pflanzen (Beziehung der Fortpflanzung zum Licht, Insekten). Ist hier der Punkt, an dem der Ursprung von Behemoth und Leviatan interessant wird?
    Hat es etwas zu bedeuten, daß der Begriff Stamm sowohl die vorstaatlichen (geschlechterbezogene) Sozialeinheit bezeichnet als auch den Stamm der Bäume? Ist – bezogen auf die zwölf Stämme Israels – die Verstockung gleichsam ein Naturqualität?
    Hoffnung gibt es nur, wenn es Hoffnung auch für die Toten gibt.
    Die naturphilosophische Enträtselung des Gesetzes: Der Islam wäre daraufhin zu befragen: Wenn Gott die Welt täglich neu schafft, er gleichsam diese Herkulesarbeit leistet, die Welt täglich vor dem Untergang zu retten, woher kommt dann ihr täglicher Untergang? Wo liegen die Wurzeln des Verhängnisses; sie haben einen politischen Teil, aber sie liegen nicht in der Politik.
    Die Vorstellung einer unendlichen Vergangenheit (und eines unendlichen Raumes) ist der Preis für die Konstitution des transzendentalen Subjekts.
    Aggression ist ein Symptom für nicht geleistete Trauer- und Erinnerungsarbeit.
    Heute trampeln unsere Theologen beim Unkrautausreißen in allen Weizenfeldern herum. Und zwar sowohl die christlichen, als auch die marxistischen Theologen. Alle behaupten, das richtige Unkrautvertilgungsmittel zu haben, aber keiner macht sich Gedanken über die Nebenwirkungen.
    Die Stoßprozesse sind der Keimpunkt, an den sich das ganze System der Physik ankristallisiert. Sie sind sozusagen der zentrale Referenzpunkt für alle naturwissenschaftlichen Begriffe, Objektvorstellungen und Gesetze.
    Die Gemeinheitsautomatik ist eine Funktion des Empörungsmechanismus.
    Zur Bekenntnislogik gehört
    – der Feind: das sind die Juden;
    – der Verräter (die Sympathisanten des Feindes): das sind die Ketzer, die Häretiker;
    und die Bekenntnislogik ist selbst männlich: sie schließt die Frauen aus, die dann nur durch Keuschheit, Erhaltung der Jungfräulichkeit, sich aus ihrer ursprünglichen Verderbtheit (ihrer Unfähigkeit zu bekennen) retten können. Der Rechtfertigungszwang ist männlich.
    Der Bekenntnisbegriff versetzt den (männlichen) Gläubigen in die Lage, gleichsam hinter dem Rücken Gottes (durch Vermännlichung Gottes) Theologie zu treiben (Anbetung der zeugenden Kraft, an der nur die Männer teilhaben: „Ich bin ein eifersüchtiger Gott“). Die damit verbundenen Schuldgefühle, mit denen man nicht leben, die man nur verdrängen kann, werden dann zwangshaft projiziert; und hier stehen die drei Projektionsflächen offen, die aufzuarbeiten sind:
    – der Antijudaismus,
    – die Ketzerverfolgung
    – und die Frauenfeindschaft.
    Hier gibt es eine Systematik, die auf die drei Verleugnungen des Petrus verweist: Die letzte Leugnung geht einher mit der Selbstverfluchung, dann krähte der Hahn, und er ging hinaus und weinte bitterlich. Hier, wenn die Kirche die Angst verliert, sie könne ihr Gesicht verlieren (vor der Welt schuldig erscheinen), in dieser Lösung der Spannung, löst sich die Schuld.
    Das Zwangsbekenntnis ist der Kern, das logische Zentrum einer Struktur, die gegen ihren Inhalt gleichgültig ist; das Entscheidende ist genau diese Gleichgültigkeit gegen den Inhalt. Sie vermittelt die Möglichkeit, den Inhalt zu behaupten, ohne davon berührt zu werden, ihn objektiv zu halten.
    In dem Augenblick, in dem Schuld keine Rechtfertigungszwänge mehr auslöst, d.h. in dem Augenblick, in dem der Bekenntniszwang durchbrochen wird, wird auch der Wiederholungszwang außer Kraft gesetzt, der den Zusammenhang zwischen dem Bekenntniszwang und den scheußlichen Untaten, die im Namen des Christentums im Laufe seiner Geschichte begangen worden sind, einmal herstellte.
    Nicht das Proletariat, sondern die Toten bezeichnen diesen absoluten Objektstatus, auf den als reine Negativität die Erlösung sich bezieht.
    Das Bekenntnis ist die Verstockung, die die Christen dann den Juden zum Vorwurf gemacht haben.
    Die Bekenntnislogik im Christentum hat sehr viel mit der Beziehung des Christentums zur Philosophie zu tun, die dann an einem anderen Objekt, gleichsam durch Verschiebung, Kant auf ihren Begriff gebracht hat. Die Hegelsche Philosophie ist die präparierte Leiche der dogmatischen Theologie. Aber erst Einsteins spezielle Relativitätstheorie, das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit, hat (mit der Berichtigung des Inertialsystems)
    . dem Bekenntnissyndrom endgültig den Boden entzogen und
    . das Modell für die Berichtigung des Bekenntnisses geliefert (vgl. auch Freud, dessen Psychologie das durchs Bekenntnissyndrom, das dem Ödipuskomplex entspricht und wie dieser die bürgerliche Geschlechterrolle prägt, bestimmte Subjekt zur Grundlage hat: der „Penisneid“ und die Bekenntnis-Unfähigkeit gehören zusammen).
    Ist nicht die spezielle Relativitätstheorie Einsteins eigentlich die allgemeine, und die allgemeine die spezielle?
    Die Lichtgeschwindigkeit ist nur durch „Umkehr“ auf ihren realen Begriff zu bringen. (Das Bekenntnis ohne Umkehr wird zum Zwangsbekenntnis.)
    Die moderne naturwissenschaftliche Aufklärung und der Kapitalismus beruhen beide auf dem gleichen Prinzip: dem der Verinnerlichung des Opfers. Der prophetische Satz: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ ist ein erkenntnis- und herrschaftskritischer Satz.
    Die Mystik, genauer die christliche Mystik, ist der vergebliche Versuch, der Schuld des Objektivationsprozesses durch die Wendung nach innen zu entkommen.

  • 14.04.91

    Der Witz spielt sich in der Sprache, die Komik im Objekt ab; beide reflektieren den Bruch zwischen Sprache und Objekt, sei es in der Sprache oder im Objekt (sind Nebeneffekte der transzendentalen Logik). Die Bestimmungen des Witzes (bei Freud) erinnern an die Funktion der hegelschen Reflexionsbegriffe (die gleichsam den „Witz“ – oder auch die List – der hegelschen Philosophie ausmachen). Die drastischste Gestalt der Komik (der Klamauk) ist die des bloßen Unglücks, des Mißlingens, daß durchs Lachen (für den Zuschauer) seinen Schrecken verlieren soll.
    Zum Amt und Begriff des Diakons vgl. Elisabeth Schüßler Fiorenza und Luise Schottrof (Umkehr der Herrschaftsverhältnisse).
    Die Geschichte der kirchlichen Ämter ist keineswegs harmonisch verlaufen, sondern mit massiven Domestikationsprozessen verbunden. Wenn es zutrifft, daß das diakonein eigentlich die Umkehr: die Umwälzung der Herrschaftsverhältnisse bezeichnet, wird vielleicht noch deutlicher, welche Entwicklung dann das Bischofsamt eingeleitet hat (episkopus: der Aufseher). Dieses Amt ist es ja gewesen, das die Kirche dann in die Kollaboration mit der Politik hineingetrieben hat. Auch die Ambrosianische Kaiserkritik war keine Herrschaftskritik, sondern Teil eines Konkurrenzkampfes, sie war kein Teil der „Umkehr“.

  • 17.03.91

    Liegt der Unterschied zwischen Judentum und Islam an der gleichen Stelle, an der auch der Unterschied zwischen Namen- und Begriffslehre begründet und zu suchen ist, und ist die „Islamisierung“ des Christentums nicht schon vor der Entstehung des Islam eingetreten, vom Islam dann nur auf „reinere“ Weise rezipiert und danach ans Christentum wieder zurückgegeben worden? Drückt sich diese Beziehung auch im Gottesbegriff aus: Allah wird immer nur in der dritten Person bestimmt, bleibt immer gegenständlich; er spricht nicht selbst, sondern spricht durch den Heiligen Geist, der ein Engel ist. Bezeichnend auch die adjektivische Struktur der Namen Gottes, die hier zu Eigenschaften werden und aus diesem Grunde im Islam immer mit dem Zusatz All- gebildet sind: der Allbarmherzige, der Allverzeihende, der Allmächtige, der Allwissende etc (insgesamt 99 Gottesnamen).
    Islam ist die Ergebenheit in den Willen Gottes, und der Wille Gottes ist das, was geschieht. Ein letztes Echo davon ist Hegels „die Vernunft ist wirklich, das Wirkliche ist das Vernünftige“ (Rechtsphilosophie).
    Die Opfertheologie als Ursprung des Idealismus: Vgl. hierzu die Bemerkung in der DdA.
    Das islamische Opfer ist eigentlich nur die Erinnerung an das Opfer Abrahams, die Abgeltung des Menschenopfers. Damit hängt es möglicherweise zusammen, daß nach dem Koran Jesus nicht selbst am Kreuz gestorben ist.
    Das Bilderverbot ist das Verbot, Gott und die Welt hinter ihrem Rücken zu begreifen.
    Für mich war die massive, konzentrierte und brutale Wut auf die Taten der raf schlimmer als die raf und ihre Taten. Und hierin ist etwas, was ich nicht vergessen kann.
    Der Zwang, die Probleme nur noch auszusitzen, der in den noch unabsehbaren Folgen der deutschen Einigung möglicherweise noch einmal verhängnisvoll sich auswirken wird, rührt her von dem unaufgearbeiteten „deutschen Herbst“.
    Peter de Rosas „Gottes erste Diener“ bleibt selbst in den Folgekategorien dessen, was er kritisiert, befangen. Die Darstellung der Dinge im 7. bis 9. Jahrhundert urteilt nach den gleichen moralischen Kriterien, an denen die Kirche selber leidet, aus denen auch der Zustand der Dinge in jener Zeit sich ableiten läßt. Auch hier gilt: der Ankläger hat immer Unrecht.
    Der real existierende Sozialismus ist daran gescheitert, daß er den „dialektischen und historischen Materialismus“ gleichsam glaubte als naturwissenschaftlich-technische Lehre nutzen zu können, daraus politisch anwendbare Gesetze ableiten zu können. Aufgrund dieser Voraussetzung war er gezwungen, seine eigene Basis nochmals zu verraten. Sein Fehler war zu glauben, es gebe einen Standpunkt außerhalb, und dieser Standpunkt außerhalb (hinter dem Rücken der Gesellschaft) sei durch die „Ideologie“, die er dann auch noch so nannte, definiert. So hat er sich dann durch sein Macht- und Politikverständnis unter Rechtfertigungszwänge gesetzt, die zwangsläufig dazu führten, daß er die eigene Basis verraten hat und verraten mußte.
    Die Naturwissenschaften produzieren heute so viele dem Weltzustand angemessene, ihn aufschlüsselnde Bilder, daß es eher der Erklärung bedarf, wieso niemand darauf anspricht, als wenn heute jemand sie wahrnimmt. Zu diesen Bildern gehört
    – das „schwarze Loch“, dessen Gravitationskräfte so groß sind, daß es alles in sich aufsaugt, aber nichts mehr, auch keine Strahlung, nach außen herausläßt, und
    – die sogenannten Teilchenbeschleuniger: dieses Bild des unablässig gegen eine Wand Anrennens und darin soviel Energie, Intelligenz und materielle Ressourcen hineinzustecken, ohne daß dabei die Lösung der Fragen, mit denen Aufwand begründet wird, im Ernst weitergebracht wird (Heideggers Begriff der Frage gewinnt hier gegenständliche Realität).
    Das Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit (und seine Bedeutung für die Mikrophysik und für die Erkenntnisbasis der Naturwissenschaften insgesamt, das Inertialsystem) läßt sich erst lösen, wenn es gelingt, die Struktur des Raumes in seiner Beziehung zur naturwissenschaftlichen Begriffsbildung aufzuschlüsseln.
    Diese unendliche Last der Faschismus-Erfahrung, dieses unendliche Gravitationsfeld, das alles in sich aufsaugt und nicht mehr nach außen strahlt.
    Parakletisches Denken und das Antlitz der Erde: Emitte spiritum tuum et renovabis faciem terrae.
    Vgl. Gen 11: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ und Gen. 24b: „Zur Zeit, als Gott, der Herr, Erde und Himmel machte, …“ Was bedeutet die unterschiedliche Reihenfolge (Himmel und Erde bzw. Erde und Himmel) im Kontext von „schuf“ und „machte“ sowie von Jahwe und Elohim?

  • 28.02.91

    Als „persönliche“ Beichte, als Beichte „persönlicher“ Schuld (Folge ihrer Ritualisierung), ist die Beichte Herrenbeichte: eine reine Entlastungsveranstaltung (Einübung des autoritären Charakters). Das Schuldbekenntnis vor dem Priester macht diesen zum Repräsentanten aller, gegen die man schuldig geworden ist: es rückt zugleich die real Verletzten, die Armen und die Fremden, aus dem Blickfeld (das Identifikationsangebot der Kirche enthebt die Gläubigen von der Last der Identifikation mit den Armen und den Fremden: von der Gottesfurcht). Jede Personalisierung der Schuld ist Teil des Schuldstreits, der nur durch Unterwerfung (im Ernstfall durch Krieg: durch Vernichtung des „Feindes“) und gleichzeitige Leugnung und Verdrängung befriedet werden kann: Grund der Aggressivität (explosive Mischung von Unterwerfung, Exkulpierung, Notwendigkeit eines Feindbildes, Aggressivität: Wut; unschuldig ist und macht nur die Gewalt -Bölls Sakrament des Büffels).
    Zusammenhang von Erkennen (=Schulderkenntnisse, Anklagefunktion der Erkenntnisse) und Bekennen bei polizeilichen, strafrechtlichen Ermittlungen; Erkennen und Beischlaf (biblischer Gebrauch des Erkenntnisbegriffs; obszöner Grundzug des staatsanwaltlichen und des wissenschaftlichen Erkenntnisbegriffs?); Bekenntnis Grund der Privatisierung, Entpolitisierung der christlichen Sexualmoral?
    „Du sollst kein falsches Zeugnis reden wider Deinen Nächsten“: Das ist nicht das Verbot zu lügen, sondern das Verbot, hinter dem Rücken des Nächsten anders über ihn zu reden als in seiner Gegenwart. (zu KuJ, S. 105)
    Daß die ersten Menschen das Tierfell anstelle der Efeublätter von Gott erhalten, hat möglicherweise mit dem Nahrungsgebot (mit der Frage Vegetarianismus oder Schlachten der Tiere) zu tun, ebenso das Tieropfer des Abel?
    Rosenzweigs Bemerkung zur „Weltgeschichte im Wörterbuch“, die sich auf die Differenz zwischen dem hebräischen und dem griechischen Wort für Buße, Umkehr bezieht, läßt sich ebenso anwenden auf die Wort- (oder Begriffs-?) Geschichte von Symbolum, Confessio, Bekenntnis (gibt es dazu ein hebräisches Äquivalent?). Darin steckt der theologische Kern der philosophiehistorischen Auseinandersetzung zwischen Realismus und Nominalismus (die Geschichte des Ursprungs der Naturwissenschaften, der kantischen Vernunftkritik und der hegelschen Dialektik) und der Beziehung der Dogmengeschichte zur Herrschaftsgeschichte, insbesondere zur Geschichte der Naturbeherrschung, im Christentum. Der Bekenntnisbegriff ist ein Reflex des Weltbegriffs und begründet, konstituiert die Ursprungsbedingungen des Naturbegriffs; er ist (gemeinsam mit der Form der räumlichen Anschauung) der Angelpunkt zwischen Welt- und Naturbegriff.
    Hegels Reflexionsbegriffe beschreiben aufs genaueste die Kraft der Begriffe, das Ungleichnamige gleichnamig zu machen.

  • 24.02.91

    Die mythische Vorstellung der Schöpfung von Himmel und Erde durch Spaltung des Chaos-Drachen Tiamat (J.Ebach LuB, S. 45, Anm. 11) wird in Gen. 1 umgekehrt (vom Kopf auf die Füße gestellt): Der Chaos-Drache ist das Produkt der Schöpfung von Himmel und Erde (Trennung von Zukunft und Vergangenheit: der Drache als Imago der Herrschaft der Vergangenheit über die Zukunft: Das Tier … war und ist nicht und wird wieder heraufkommen – Geh. Offb. 178).
    Nach Genesis 121 werden die „großen Meerestiere“ (die Tanninim) nicht „nach ihrer Art“ erschaffen: als dann auch nicht von Adam benannt? Ihre Benennung erfolgt erst am Ende („hier bedarf es Weisheit und Verstand; ihre Zahl ist 666“ – Vgl. hierzu auch Hi. 382 und 423: „wer ist es, der den Ratschluß verdunkelt, mit Gerede ohne Einsicht?“ – Zusammenhang mit dem „Bekenntnis“: „nur wer das Zeichen des Tieres trägt“)? – Vgl. auch Hegels Begründung für seinen Satz, daß die Natur den Begriff nicht halten kann.
    Das kantische Objekt, der an sich bestimmungslose Gegenstand: Substrat der transzendentalen Logik, ist der Grund des Nichtwissens: Produkt und Endpunkt der Geschichte des Begriffs (die Hegel dann beschreibt) und Ausgangspunkt des Rosenzweigschen „Stern der Erlösung“. Rosenzweigs Kritik des „Alls“ ist die Kritik des Alls der Objekte: des historischen Objektvationsprozesses.
    Ist Jes. 11 wirklich „ein Vorschein der neutestamentlichen Feindesliebe“ (J. Ebach LuB, S. 46, Anm. 11)? Setzt das Gebot der Feindesliebe (das ohne das Nachfolgegebot: das Gebot, die Schuld der Welt auf sich zu nehmen, nicht zu verstehen ist) nicht voraus, daß das Fleischfressen der Löwen (die Horkheimersche „Katastrophe der Urzeit“, DdA) Folge einer Schuld ist, an deren Grund die Lehre vom „Sündenfall“ rührt, und die in die christliche Verantwortung (als Grund und Ausdruck der Gottesfurcht und als Grund der Notwendigkeit von Theologie als Erinnerungsarbeit – „exakte Phantasie“) mit hereinzunehmen ist? Letzter nachweisbarer Widerschein der Trinitätslehre: die Konstellation des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs.
    Das Vater in der Trinitätslehre ist (u.a.?) der Hinweis auf die Notwendigkeit der Erinnerungsarbeit (Zusammenhang mit den Genealogien, den toledot). Bedeutung des Patriarchats? – Aber Gegenstand der Erinnerungsarbeit ist nicht einfach das Vergangene, der Ursprungsmythos, sondern im Ursprung die darin verborgene Zukunft.
    Behemoth und Leviathan: Das Krokodil ist Überlebender der Saurierzeit; aus welcher Zeit, aus welcher Phase im naturgeschichtlichen Evolutionsprozeß stammt das Nilpferd?
    Zoo und Museum: Indiz für den Stand der Naturgeschichte der Herrschaft (und der Gewalt): Auch Nilpferde und Krokodile werden – zusammen mit den Tieren aus Hi. 38f und Ps. 104 – als Anschauungsobjekte im Zoo gehalten (oder auch vor der endgültigen Ausrottung bewahrt? – wie in der Arche vor der Sintflut? -Waren auch Behemoth und Leviathan in der Arche; gab es dafür -sie waren als Meerestiere von der Sintflut nicht bedroht – eine Notwendigkeit, abgesehen davon, daß Noach nur Tiere „jedes nach seiner Art“ aufnehmen sollte, diese Meerestiere aber gerade keiner „Art“ angehören? Unterschied zwischen Zoo und Arche).
    Natur und Welt sind keine divergierenden Objektbereiche, auch nicht nur perspektivische Aspekte eines (desselben) Objektbereichs; das Verhältnis von Natur und Welt ist nicht mengentheoretisch bestimmbar; sie sind vielmehr logische, objekterzeugende Strukturen, die eigentlich bestimmte Strukturen und Verhaltensweisen des Subjekts (das Herrendenken) absichern und stützen: beide beziehen sich auf Objekte als Erscheinungen im Kontext der Naturbeherrschung und reflektieren ggf. im gleichen Objekt den Bruch der Subjekt-Objekt-Beziehung als Herrschaftsbeziehung. Natur und Welt verhalten sich wie Objekt und Subjekt, definieren die Rahmenbedingungen dieser Trennung und ontologisieren sie.
    Die Steigerung der Situationen, auf die die dreimalige Leugnung des Petrus sich beziehen, bilden den Fortschritt ab, der zur Entqualifizierung des Objekts (zur Zerstörung der benennenden Kraft des Begriffs, zur Löschung des Namens) führt: die Magd zu Petrus, die Magd zu den Umstehenden über Petrus, die Umstehenden zu Petrus; der letzte Fall hat die Selbstverfluchung Petri zur Folge.
    Die „persönliche Schuld“ (Gegenstand der Beichte) ist ein Folgeeffekt der Personalisierung der Schuld (Grundlage des Rechts, nicht der Moral, oder Symptom der Angleichung der Moral ans mythische Recht; Grund der Tatsache, daß Gemeinheit strafrechtlich nicht zu fassen ist; Probleme des Akkusativs, der dritten Person: grammatisch und theologisch), ihrer reflexiven Anwendung aufs Subjekt (Rückwirkung des Sündenbocksyndroms aufs projizierende Subjekt: Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet); die wirkliche Schuld ist nicht beichtfähig und nicht „persönlich“: die Last der Vergangenheit, die mit jeder Generation sich mehrt (zugleich sich in Richtung Erkennbarkeit verändert) und die jede Generation als wachsende Hypothek neu von der Vergangenheit zu übernehmen hat (zum Begriff der Nachfolge).

  • 20.02.91

    Schneisen schlagen:
    – Theologie im Angesicht/hinter dem Rücken Gottes (vgl. Jürgen Ebach, UuZ, S. 51ff: Der Gottesgarten liegt im Antlitz Gottes; bedeutet „hinter dem Rücken Gottes“: im Angesicht des Feindes? – Im Angesicht = in den Augen von, im Urteil von),
    – Subsumtion der Zukunft (der Versöhnung) unter die Vergangenheit (Theologie hinter dem Rücken Gottes) als Basis des Herrendenkens,
    – „sanctificetur nomen tuum“: was geschieht dem Kind, dessen Mutter in seiner Gegenwart über das Kind redet: sie macht das Kind sich selbst und der Mutter zum Feind (und verdeckt diese Feindschaft durch symbiotische Bindung); genau das machen unsere Theologen mit Gott; – haben unsere Theologen einmal nachgefragt, was die Juden unter der „Heiligung des Gottesnamens“ verstehen?
    – zum Begriff des Ewigen (Umkehr: Heute, wenn ihr meine Stimme hört),
    – Bekenntnis: Herrendenken und Instrumentalisierung,
    – Kritik des Personbegriffs (Produkt der Verinnerlichung der falschen Versöhnung),
    – Kritik des Inertialsystems (Entfremdung, Grund der Instrumentalisierung, Löschung der benennenden Kraft der Sprache: Produkt der falschen Versöhnung),
    – Kritik des Herrendenkens (Begriff und hierarchische Struktur der Logik; Herrschafts-, Schuld-, Verblendungszusammenhang),
    – Dornen und Disteln (Ursprung der Gewalt, Herschaft von Menschen über Menschen),
    – Ursprung und Kritik der Gewalt (Verhältnis zur Logik; Logos: Begriff oder Name?),
    – Ansteckung durch Gewalt: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“
    – „Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben“,
    – Petrus: Schlüsselgewalt und dreifache Verleugnung: die dritte – die Sünde wider den Heiligen Geist – endet in der Selbstverfluchung,
    – imitatio Christi, die Gottesfurcht (dazu gehört auch die Lektüre des Angehörigen-Info),
    – Natur und Welt als Totalitätsbegriffe zur Absicherung des Herrendenkens, Neutralisierung der Gottesfurcht (Zusammenhang mit der Grenze/Ausdehnung von Natur und Welt – Rom, Kopernikus),
    – Welt und Schöpfung: Ursprung und Geschichte der Häresien (Orthodoxie und Weltbegriff: Instrumentalisierung der Theologie; Äquivalenz von Bekenntnis und Trägheitsgesetz),
    – Welt und Geschichte: geschichtliche und kosmische Religion; Genealogie, Chronik, Prophetie vs. Mythos; Christentum und Verweltlichung; Ursprung und Geschichte von Antijudaismus, Ketzer- und Hexenverfolgung,
    – Verweigerung/Notwendigkeit der Erinnerungsarbeit (Idee der Versöhnung: offene Zukunft und abgeschlossene Vergangenheit; die Öffnung des Raumes schließt die Vergangenheit ab),
    – nicht Ökumene, sondern Entkonfessionalisierung der Kirchen,
    – die raf und der Golfkrieg: die Welt gleicht sich immer mehr dem Verfolgungswahn an, durch den sie zugleich falsch abgebildet wird (seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben),
    – es kommt nicht aufs Rechtbehalten an (Bekenntnissyndrom; Rechtbehaltenwollen als Teil der „Versuchung“: et ne nos inducas in tentationem),
    – wer unbedingte Gewißheit: die Zukunft dingfest machen will, zahlt zwangsläufig den Preis der Entfremdung, weil er es nicht erträgt, in der Furcht Gottes zu bleiben; er ist zur Verdummung verurteilt,
    – wo kein Kläger, da kein Richter (Hauptsache: nicht erwischt werden): sich der Anklage stellen, anstatt die Schuldgefühle, die sie auslöst, zu verdrängen.
    Bekenntnis und Komplizenschaft: Die Komplizenschaft ist in den Weltbegriff bereits eingebaut. Als Bürger des Staates (sowie als Käufer in einer durch Geldwirtschaft bestimmten Gesellschaft) bin ich als Komplize der Herren (durch Identifikation mit dem Aggressor) selbst Herr über die Unterworfenen (und die Produzierenden, die Arbeit und das Produkt der Arbeit anderer). Entlastung von den Schuldgefühlen bringt die Absicherung der Selbstexkulpierung durch das „homologe“ Bekenntnis aller: Wo kein Kläger, da kein Richter. Erst durchs Bekenntnis (durchs Bekenntnis zu den geltenden Werten: zum moralischen Urteil, bzw. durch Identifikation mit dem Aggressor und Verzicht auf die Anklage gegen ihn) werde ich real zum Komplizen. Dieses „Bekenntnis“ (und das gilt heute auch für das kirchliche, konfessionelle Bekenntnis) ist ableitbar als Umkehrung des Schuldbekenntnisses (als falsche Versöhnung: Leugnung der offenen Schuld in der Gegenwart und Dekretierung der Versöhnung als einer in der Vergangenheit bereits geleisteten; Subsumtion der Zukunft unter die Vergangenheit; das sich Verstecken des Adam („unter den Bäumen des Gartens“), Flucht aus dem Angesicht Gottes, dreifache Leugnung des Petrus: die dritte – die Sünde wider den Heiligen Geist – endet in der Selbstverfluchung; Instrumentalisierung der Scham).
    Ist das homologein (Bekennen) nur ein anderer Ausdruck für das akolouthein (die Nachfolge)? „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“
    Beherrscht der Mond die Natur und die Sonne die Welt? Die Sonne erleuchtet (herrscht über) den Tag, der Mond die Nacht.
    Die Vorstellung des (nicht vorstellbaren) unendlichen Raumes hat Natur und Welt als Totalitätsbegriffe konstituiert: vorher waren beide begrenzt, gab es noch ein Außerhalb.
    Der philosophische Begriff des Kontingenten konnte nur deshalb mit dem Schöpfungsbegriff verwechselt werden, weil die Schöpfung selber mit der Welt verwechselt wurde. Beides war erkauft mit einem Tabu über die Erinnerungsarbeit (Kontingenz bezeichnet die Beziehung des Objekts zum Begriff, Schöpfung die zum Namen).
    Der Begriff der List der Vernunft ist der Spalt, durch den die benennende Kraft der Sprache entweicht und die Gewalt in die Hegelsche Philosophie Einlaß gefunden hat (vgl. Adornos Hegel-Aufsatz). Heute ist von der List der Vernunft nur die List noch übriggeblieben, der reine Dezisionismus. Nicht zufällig taucht der gleiche Begriff der List auch im Rahmen der Hegelschen Theorie der Naturbeherrschung auf: als Prinzip der Technik; die gesellschaftliche Anwendung des Listbegriffs liegt auf der Hand (vgl. die List des Swinegels und Jürgen Ebachs Bemerkungen dazu, UuZ, S. 154).
    Die Sprachverwirrung beim Turmbau von Babel („und machen wir uns damit einem Namen“) wird beschrieben als die Folge eines Eingreifens Gottes, der herabstieg, „um sich Stadt und Turm anzusehen“ (Gen. 111ff).
    Erst in der transzendentalen Logik, durch die Einbindung des Objektbegriffs, wird die benennende Kraft des Begriffs, die im traditionellen Begriff des Begriffs noch drinsteckt, gelöscht. Die Geschichte der Philosophie läßt sich hiernach auch begreifen als eine sprachgeschichtliche Auseinandersetzung zwischen Begriff und Namen, mit dem Ziel, den Namen zu neutralisieren (Kampf gegen die Magie, Ursprung des Personbegriffs). Die Verwirrung kommt herein durch die zentrale Funktion des Urteils (und dessen Bindung an den instrumentellen Sprachgebrauch). Die Umformung der Subjekt-Prädikat- in die Objekt-Begriff-Beziehung in der transzendentalen Logik Kants markiert den Punkt, an dem sich die Sprache endgültig von ihrer benennenden Kraft emanzipiert. Hier vollendet sich die Sprachverwirrung (der Turmbau von Babel). Oder: die Postmoderne beginnt mit Kant und Hegel. Hier gibt es einen zwangsläufigen Zusammenhang mit der Interpretation der Geschichte vom Sündenfall (die in der Tradition der Aufklärung und des deutschen Idealismus als die Geschichte der Menschwerdung begriffen wird) und mit der Neigung zum Antisemitismus.
    „Ach wie gut, daß niemand weiß, daß ich Rumpelstilzchen heiß“: Gegen die Sprachverwirrung die Dinge zum Sprechen bringen (oder sie beim Namen nennen).
    War es vielleicht die beängstigend nahegerückte Gefahr des Wiederauflebens der Magie (nicht nur in Astrologie und Alchimie, sondern näher noch in der neuen Gestalt des Bekenntnisses: des Konfessionalismus), die dann ihr Sündenbock-Opfer in der Hexenverfolgung fand? – Namenszauber und Ursprung der Naturwissenschaften und des Nominalismus, des Objekts der kantischen Kritik? Ritualisierung des Lebens (pompöse Verkleidung: Perücke und Robe) zur Abwehr der andrängenden feindlichen Mächte (der Gewissensmächte: zweite Geburt der Person – Christentum als Gewissenskomfort – Höllensturz). Unausweichlichkeit der Melancholie und der barocken Hybris?
    Gewissen und Über-Ich: das Gewissen lebt von der Erinnerungsarbeit, von der Fähigkeit, die Vergangenheit zur benennen (Name, Scham und Schuld), das Über-Ich ist die verinnerlichte, instrumentalisierte Gestalt der falschen Versöhnung, gehört zur Geschichte des Begriffs.
    Ich glaube, man muß heute die tiefe Ambivalenz in der Geschichte der Aufforderung an Petrus: „Schlachte und iß!“ (in der Apostelgeschichte) begreifen, um die ganze Tragweite der Entscheidung zur Heidenmission (die mit dem Namen des Petrus, der Kirche, untrennbar verbunden ist; die Auseinandersetzung mit Paulus, in der Petrus die andere Seite vertritt, macht das Gewicht der Entscheidung noch deutlicher) zu begreifen.
    Unsere Theologie hat die Gottesfurcht durch die Furcht des Herrn ersetzt (Ursprung und Geschichte der Herrenbegriffs, des Kyrios-Begriffs).
    Der Staat oder die installierte Sünde wider den Heiligen Geist.
    Einer der Nebeneffekte des Bekenntnissysndroms ist die Gesinnungsethik, bei der in der Regel übersehen wird, daß die „Ge-sinnung“ gerade nicht das Innerste des Menschen bezeichnet, sondern nur das, was der Gesinnte gerne als sein Innerstes nach außen demonstrieren möchte: Der demonstrative (durch den Exkulpationswunsch bestimmte) Grundzug, den die Gesinnung mit dem Bekenntnis gemeinsam hat, ist unverkennbar; er verweist zugleich darauf, daß ohne Ausnahme jede Gesinnung von außen induziert ist (oder auch transplantiert, bei herabgesetzten Immunkräften): Ausdruck dessen, was David Riesman den „außengeleiteten Charakter“ genannt hat; man ist national „gesinnt“, aber einem Menschen, den man liebt, wohl „gesonnen“ (zu diesem Adjektiv gibt es bezeichnenderweise kein verdinglichendes, personalisierendes Substantiv; hierauf kann man niemanden festnageln). Von der Gesinnung (wie auch vom Zwangs-Bekenntnis) ist das Passive, das Unspontane und Unlebendige, das Selbst-Opfer und die dahinter lauernde Wut auf den, der nicht einstimmt, nicht abzuwaschen (es gibt keinen Nationalismus ohne Feinddenken). Jede Gesinnungsethik trägt ausgesprochen exkulpatorische Züge, sie ist ein Akt der Selbstfreisprechung, des reuelosen Sich Unschuldigfühlens, der direkt in den Wiederholungszwang hineinführt. (Begriff der Gesinnung bei Kant?)

  • 19.02.91

    „Doch die Frauen haben einen Vorzug: Sie haben kein Gesicht zu verlieren.“ (Erica Fischer in der taz vom 19.02.91)
    Der Satz hängt mit den anderen zusammen: „Frauen sind nicht bekenntnisfähig (Forderung biologischer Unschuld: Jungfrau).“ „Männer dürfen nicht weinen (müssen sich zu ihrer Tat bekennen: Confessor).“ Das Gesicht, daß die Männer glauben, nicht verlieren zu dürfen, ist ein öffentliches Gesicht: die Maske der Person, die sie auf der Weltbühne der Politik, des Geschäfts, der Durchsetzung des Rechts als Existenzgrundlage benötigen (als Grund der Fähigkeit, mit der Schuld zu leben). Hintergrund ist das unterschiedliche Verhältnis zur Schuld (Biologisierung und Vergeistigung: Ursprung des Idealismus und des Rassismus) und die Unfähigkeit, diesen Konflikt aufzuarbeiten. Männer machen die „Drecksarbeit“, kämpfen insbesondere gegen den „inneren Schweinehund“ (im eigenen Innern und draußen), während die Frauen den Schein der „heilen Welt“ des Privaten, die die Männer durch ihre Arbeit draußen begründen und nach außen absichern, nach innen durchsetzen und nach draußen repräsentieren (Zusammenhang mit dem Eigentumsbegriff, mit der Geschichte des Tauschprinzips.)
    Das Bekenntnis steht in der Geschichte des Falls und transportiert ihn weiter, ist die Grundlage für die falsche Säkularisierung der Theologie (die Geschichte der Gottesleugnung).
    Wer sich zu etwas bekennt, gibt sich als etwas zu erkennen (Mord, Mörder).
    Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben: ein Gebot wider die Personalisierung der Schuld, gegen das Geschwätz (Gerede), gegen das Herrendenken.
    Gibt es einen sprachlichen Zusammenhang zwischen Welt, Gewalt, Verwaltung? Begründen Gewalt und Verwaltung die Welt (Funktion der Engelhierarchien)? Säkularisation kommt dagegen von saeculum: von Zeitalter, Weltalter, Epoche (per saecula saeculorum: durch die Zeitalter der Zeitalter, nicht „von Ewigkeit zu Ewigkeit“: Verewigung des Zeitalters?). Klingt im saeculum auch der astrologische Weltbegriff (Planeten als Herrscher der Zeitalter) an, oder nur der politische Begriff (assyrische. chaldäische, römische Aera, apokalyptischer Epochenbegriff)? – „per J.Chr., filium tuum, qui tecum regnat et imperat per s.s.“
    An der Hegelschen Philosophie läßt sich demonstrieren, daß der Antisemitismus mit der Leugnung des Vaters zusamenhängt.
    Das „messianische Licht“ in dem Stück „Zum Ende“ ist der genaue Ausdruck dessen, was man bei Adorno Gottesfurcht wird nennen dürfen.
    Der Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus legt den Schluß nahe, daß der Übergang von der Theorie zur Praxis nur unter theologischen Prämissen sich bestimmen läßt. Erst in theologischem Kontext wird die Theorie praktisch.
    In einem Punkt hat die christliche Sexualmoral recht: Es gibt eine Schamgrenze, die nicht überschritten werden darf. Ihr Fehler liegt jedoch darin, daß sie sich Scham nur als sexuelle Scham vorstellen kann: Im Übrigen ist die Theologie in der Tat unverschämt und schamlos. Sie hat bis heute nicht begriffen, daß die Schamgrenze (auch die sexuelle) durch die Idee der Gottesfurcht definiert und bestimmt wird.
    Das „et ne nos inducas in tentationem“ gilt auch im Hinblick auf die Empörung. Mehr noch: Es gibt keine Versuchung, die diesen Namen mehr verdient (Gemeinheit wird belohnt durch die Moralität dessen, der sich aus der Schuldzone durchs moralische Urteil herauszustehlen sucht; vor allem: er bemerkt es nicht.) Empörung ersetzt die Kraft des Arguments durch die personalisierende Projektion, durch Wut, die zugleich dem Wütenden den Schein der moralischen Überlegenheit verleiht. Empörung verhindert eben damit das, was aus dem Teufelskreis herausführen könnte: die Kraft der Besinnung, der Differenzierung, der Identifikation und der Unterscheidung. Man muß den alten theologischen Sinn von Empörung, nämlich Hybris, in diesem Begriff mithören: Mit dem Herrendenken wurde auch diese Hybris sozialisiert.
    Der Säkularisationsprozeß hat nicht erst zu Beginn der Neuzeit, sondern – mitten in der Theologie – schon in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung, in der Phase der Kirchenbildung, der Ausbildung des Dogmas: der Anpassung an die Welt, begonnen. Die ersten Gestalten der säkularisierten Religion waren der Confessor und die Virgo.
    Gesinnung als moralisches Alibi: Die reine Gesinnung will sich nicht selbst mit der Schuld beflecken, von der sie doch zugleich selbst lebt.
    Die Idee des Ewigen schließt die Vergangenheit von sich aus; aber ist nicht die Idee des Ewigen selbst eine vergangene Idee?
    Muß man zum Verständnis der Figur der Magd darauf achten, daß es sich um die Magd des Hohepriesters (nach Joh. um die Pförtnerin) handelt, daß die Leugnung im Hof des Hohepriesters sich ereignet? Und was hat es mit dem Vorhof und dem Tor auf sich? Ist die Kirche (Petrus) immer im Hof oder im Vorhof des Judentums geblieben (bis zum Hahnenschrei)? (Zusammenhang mit dem frühkirchlichen Antijudaismus?)
    Bei Johannes ist der „Jünger, den Jesus lieb hatte“, der Petrus den Zugang zum Hof des Hohepriesters verschaffte.
    Die johanneische Pförtnerin: Ist sie nicht eine Verwandte des Kafkaschen Türhüters (Vor dem Gesetz).
    Theologie im Angesicht Gottes: Als Jesus sich umsah und ihn anblickte, da ging er hin und weinte bitterlich.
    Bei der dritten Leugnung verflucht Petrus sich selbst.
    Die dreifache Leugnung:
    1. die Rezeption der griechischen Philosophie,
    2. die Rezeption der islamisch weiterverarbeiteten Philosophie,
    3. die europäischen Aufklärung. Hier helfen die Mittel, die den Kirchenvätern und den scholastischen Kirchenlehrern noch zur Verfügung standen, nicht mehr.
    (Die Angst davor, als Sympathisant erkennt zu werden, gab es damals schon: sie ist die Urangst des Christentums.)
    Die drei Leugnungen beschreiben exakt den Prozeß der Selbstentfremdung (der auch über die zuschauenden Anderen abläuft und in der Selbstverfluchung endet).
    Hat die Pförtnerin etwas mit der Schlüsselgewalt Petri zu tun? Zur Pförtnerin gehört auch, daß
    – Petrus Einlaß durch Johannes bekommen hat,
    – die ganze Geschichte sich im Hof, im Vorhof und am Tor abspielt. (Wer sind eigentlich die Galiläer? – Jakob Böhme würden jetzt vielleicht die Gallier, die Galizier, die Fürstin Gallitzin und vielleicht auch noch die Galle einfallen.)
    Die Geschichte der Kirche ist eine Geschichte der Bekehrungen. Aber diese Geschichte der Bekehrungen findet ihre Grenze an den modernen europäischen Aufklärung: Hier trifft sie auf ihr eigenes Produkt, auf eine Projektion ihres eigenen unbekehrten Inneren. Die Kirche hat Bekehrung immer als Überwindung des alten Heidentums, das damit abgetan und erledigt schien, verstanden, während die wirkliche Bekehrung nur durch Umkehr möglich ist: durch Aufarbeitung der Vergangenheit, durch Erinnerungsarbeit. Die Geschichte der Bekehrungen hätte eine Geschichte des Lernens sein können und müssen; sie war eine Geschichte der fortschreitenden Verdummung.
    Bezeichnend, daß Hegel den Islam nicht kennt (ihn nur kursorisch unter dem Titel Mohammedanismus abhandelt).
    Erinnerungsarbeit und das, was Horkheimer und Adorno exakte Phantasie nannten, gehören zusammen.
    Das Inertialsystem ist das vergegenständlichte Abfallprodukt des Denkens des Denkens.
    Aus der katholischen Tradition heraus ist der Hegelsche Begriff der „List der Vernunft“ (gibt es diesen Begriff auch in der Hegelschen Logik?) nicht akzeptabel, eigentlich unverständlich. Da ist offensichtlich eine spezifisch katholische Blockade. Das Gleiche gilt für den Begriff des Scheins bei Hegel. Diese Blockade hat bei Heidegger dazu geführt, daß er den Reflexionsbegriff nicht einmal wahrnehmen, wirklich zur Kenntnis nehmen konnte und dadurch in die Schlinge hineingeraten ist, die er dann in seiner Fundamentalontologie zugezogen hat.
    Der Fundamentalismus (in allen Buchreligionen) ist das Produkt der unaufgearbeiteten Gegenwart. Judentum und Islam scheinen ihm schutzlos preisgegeben zu sein. Das Christentum hat den Säkularisierungsprozeß nicht nur eröffnet und weitergetrieben, es ist die einzige Religion, die auch das Mittel dagegen hätte (wenn es nur endlich davon Gebrauch machen würde).
    Die Allegorie ist die Umformung des Mythos in Philophie, in Begriffe. Die Typologie ist die Umformung des Mythos in Prophetie, in die benennende Kraft der Theologie.
    Grund und Prinzip der Sprachverwirrung: das Ungleichnamige gleichnamig machen. Dieses Prinzip ist in Hegels Begriff des Begriffs (und in dem Konstrukt einer List der Vernunft) als Teil der philosophischen Vernunft begriffen worden.
    Die apriorische Objektbeziehung, die durch die subjektiven Formen der Anschauung in die transzendentale Logik hereingekommen ist, ist dauerhafte und irreversible Verletzung des Bilderverbots, Ursprung des Taumelkelchs des Begriffs (an dem kein Glied nicht trunken ist).
    Die Äquivalenzbeziehungen, die anhand der Analyse der Stoßprozesse herausgearbeitet worden sind, sind die Grundlage und der begriffliche Kern der gesamten Physik.
    Gilt das Gewaltmonopol des Staates auch fürs Inertialsystem (das von außen Angreifen als der Erkenntnisgrund der gesamten Physik)? Lassen sich die Hegelsche Logik und die Hegelsche Geschichtsphilosophie als als die begriffliche und historische Selbstentfaltung der Gewalt begreifen?
    Die physikalischen Erhaltungssätze sind eigentlich keine physikalischen Sätze, sondern erkenntnistheoretische Randbedingungen der physikalischen Erkenntnis. Sie definieren und stabilisieren die metrische Struktur des Referenzsystems, auf das sich alle physikalischen Begriffe beziehen; sie sind ein systematischer Teil des Inertialsystems.
    Die Physik ist das Skelett der Natur, und die Chemie beschreibt den Verwesungsprozeß des abgestorbenen Fleisches.
    Hat der Plural in Gen. 126,27 „Lasset uns dem Menschen machen nach unserem Bilde …“ etwas mit dem Plural haschamajim zu tun (vgl. auch das „qui es in caelis“)? Und ist der „Hofstaat“, auf den Jürgen Ebach den Plural bezieht, ein Vorläufer und früher Verwandter der „Mächte“ beim Paulus?
    Die Theologie ist zu Tode erkrankt an der Unfähigkeit, zwischen rettender und zerstörender Gewalt zu unterscheiden; oder auch an der Unfähigkeit, zwischen transzendent und transzendental zu unterscheiden. Bei Kant bezeichnet das An sich die Transzendenz, die transzendentale Ästhetik und Logik hingegen den Inbegriff der Subjektivität, den Ursprung des Idealismus. Die transzendentale Logik macht den Idealismus als Inbegriff dessen, was einmal Empörung hieß, als Hybris, erkennbar.
    Die kantische Erkenntniskritik gilt sowohl für die vom Tauschprinzip beherrschte Gesellschaft als auch für die vom Trägheitsgesetz beherrschte Natur.

  • 16.02.91

    Welche Bedeutung hat die Differenz zwischen V. 26 und 27 (Gen. 1; vgl. hierzu J.E.: Ursprung …, S. 26ff) für die spätere christliche Trinitätslehre und die Lehre von den Heiligen: Laßt uns Menschen machen als unser Bild; er schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn, als Mann und Weib schuf er sie; älohim als Hofstaat Gottes (jahwä’s)?
    Haben „die Götter“ den Menschen erschaffen, „damit der Mensch die kulturelle und zivilisatorische Arbeit verrichte, die die Götter zuvor selbst tun mußten“? (S. 79) D.h. gibt es eine Beziehung von V. 26 zu Gen. 2-11, zur „Geschichte des Falls“, zu den Dornen und Disteln (zum brennenden Dornbusch): zur Geschichte von Arbeit, Gewalt und Herrschaft, zur Herrschaft der Vergangenheit über die Zukunft, zum historischen Herrschafts-, Schuld-und Verblendungszusammenhang (und sind die Götter selbst Teil dieses Schuldzusammenhangs)? Bezeichnen Vers 26 und 27 zwei verschiedene „Äonen“, „saeculi“: verschiedene Zeitgestalten im Verhältnis zur Idee des Ewigen (nicht „der Ewigkeit“)?
    Sind das Bilderverbot und die Kritik des Götzendienstes (christlich: des Heidentums) nicht darin begründet, daß Gott den Menschen „als sein Bild“ und „nach seinem Bilde“ erschaffen hat? Du sollst dir kein Bildnis machen: Ich habe bereits eines gemacht: den Menschen; ein anderes gibt es nicht.
    Christus als erlegte Jagdbeute: Vgl. S. 33, Anm. 100. (Allerdings sollte das Abendmahl vielleicht auch als Ersatz des Blutopfers durch die vegetarische Eucharistie – der Kreuzestod als letztes Opfer – angesehen werden können.) – „Es ist die Aufgabe des Königs sowohl in Ägypten als auch im Zweistromland, in der rituellen Jagd auf Tiere, die das Chaos repräsentieren, die Weltordnung immer wieder zu begründen.“ (S. 34) – Ist nicht der König als „Ebenbild Gottes“ und „Herr der Tiere“ eigentlich der Herr über die Götter der anderen Völker (die das Chaos repräsentieren)? – Konsequenz das Römische Pantheon, in das die Götter der besiegten Völker mit aufgenommen wurden? In diesem Rom wird das Christentum erstmals zur Staatsreligion: die Falle des Sieges.
    Gibt es einen Zusammenhang zwischen den „Dornen und Disteln“ und dem Blutvergießen (Begründung der hierarchischen Gestalt der Herrschaft)?
    Welchen Hintergrund hatte die alte philosophisch-metaphysische Identifizierung von Kontingenz und Geschöpflichkeit, welcher Welt- und Schöpfungsbegriff steckte dahinter? War hier nicht der nominalistische Willkürgott vorprogrammiert? Grundlage: Macht-und Staatsmetaphysik? Hegel hat daraus die sachlich falschen, aber logisch richtigen Konsequenzen gezogen.

  • 13.02.91

    Hinweis zu einer Theorie des Lachens (Lachen und Bekenntnis):
    „Versinnbildlichte das Verhältnis des Staats zur bürgerlich gewerblichen Freiheit und Selbständigkeit der Untertanen sich dem Philosophen als die Tragödie im Sittlichen, so das Verhältnis des Staats zu dem in seiner persönlichen Eigentümlichkeit ruhenden, im höchsten, innerlichen Sinn über den Staat hinaus gehobenen Menschen als – Komödie.
    Die Komödie des Sittlichen unterscheidet sich von der Tragödie dadurch, daß sie schicksallos ist, daß ihre Personen nur Schattenbilder sind, vom Dichter und Zuschauer nicht ernst genommen werden. Antike und moderne Komödie, Aristophanes etwa und Moliere, Phantasie- und Charakterkomödie unterscheiden sich wie antikes und modernes Leben des Einzelnen im Staat; modern dabei wieder in dem umfassenden Sinn: vom römischen Imperium bis zur Gegenwart, von der Entstehung des privatrechtlich bestimmten Lebens bis zum Untergange des Staates, der sein Staatsrecht selbst diesen Mächten des Privatrechts aufopferte, – von Julius Cäsar bis Kaiser Franz.“
    (F.R. Hegel und der Staat, I, S. 171f)
    Merkwürdig das gleichsam dogmengeschichtliche („geistesgeschichtliche“) Verständnis der Entwicklung der Hegelschen Staatsidee bei Franz Rosenzweig: Ableitung aus Quellen, vergegenständlichtes, verdinglichtes Verständnis, Tendenz zum Staatsbekenntnis, insgesamt ein gleichsam (staats-)kirchlicher Philosophiebegriff, den im übrigen Hegels Philosophie auch durchaus nahelegt: Ist nicht die gesamte „Geistesgeschichte“ Deckbild einer Staats-Kirchengeschichte, eines gleichsam kirchlichen Staatsbegriffs (Zusammenhang mit der Inkarnationslehre, Opfertheologie, Trinitätslehre)? Proton pseudos jeglichen Hegelianismus, auch des marxistischen (Naturgeschichte und Schicksalsbegriff)? Hintergrund des „Stern der Erlösung“?
    Turmbau zu Babel: Lachen und Sprache; babylonische Sprachverwirrung der Kirche? Bekenntnis und falsche Aufhebung des Lachens durch Verinnerlichung (das nach innen gewendete Lachen kehrt sich als Wut nach außen, als Leugnung und Mordtrieb: „dreimal wirst Du mich verleugnen“); Kirche als babylonischer Turm: Die Bauleute haben den Eckstein verworfen (die Nachfolge, die Übernahme der Schuld der Welt).
    „Ihr alle werdet in dieser Nacht an mir Anstoß nehmen und zu Fall kommen; denn in der Schrift steht: Ich werde den Hirten erschlagen, dann werden sich die Schafe der Herde zerstreuen. … In dieser Nacht, noch ehe der Hahn kräht, wirst Du mich dreimal verleugnen.“ (Mt. 2631ff)
    „Petrus aber saß draußen im Hof. Da trat eine Magd (paidiske -Sklavin, Magd) zu ihm … Und als er zum Tor hinausgehen wollte, sah ihn eine andere Magd und sagte zu denen, die dort standen … Kurz darauf kamen die Leute, die dort standen …“ (2669ff)
    Ist diese „Magd“ die mittelalterliche ancilla theologiae, die Philosphie? Wer sind dann „die, die dort standen“?
    – „Auch du warst mit diesem Jesus aus Galiläa zusammen. Doch er leugnete es vor allen Leuten und sagte: Ich weiß nicht wovon du redest.“
    – „Der war mit Jesus von Nazaret zusammen. Wieder leugnete er und schwor: Ich kenne diesen Menschen nicht.“
    – „Wirklich, auch du gehörst zu ihnen, deine Mundart verrät dich. Da fing er an, sich zu verfluchen und schwor: Ich kenne den Menschen nicht.“
    – „Gleich darauf krähte ein Hahn.“
    (Mt. 2669ff, ebenso Mk.; abweichend Lukas – im Hof ein Feuer; Joh. – Petrus und „ein anderer Jünger“, Pförtnerin, Diener und Knechte am Kohlenfeuer, ein Verwandter dessen, dem Petrus ein Ohr abgehauen hatte)
    Zum „Zeichen des Jona“ (Mt. 1238ff, 161ff, Lk. 1129ff, Jona 2 u. 3): Wäre es nicht primär auf Kap. 3 anstatt 2 zu beziehen: daß, wenn Ninive, die große Stadt, sich bekehrt, das Strafgericht zurückgenommen wird (auch wenn Jona das mißfällt). Vor diesem Hintergrund: wäre es da nicht denkbar, daß die „drei Tage“ im Bauch des „großen Fisches“ (Kap. 2) nicht nur auf Tod und Auferstehung Jesu, sondern auch auf das an Petrus (die Kirche) gerichtete „dreimal wirst Du mich verleugnen“ zu beziehen wäre?
    Auschwitz, Schlüsselgewalt, Rechtfertigungslehre: Die Unfähigkeit, nach Auschwitz (auf traditionelle Weise) noch Theologie treiben zu können, hängt mit der Rechtfertigungslehre zusammen: Hier ist eine Tat, die nicht ungeschehen zu machen ist, mit dem „Mantel der Liebe“ nicht zugedeckt werden kann. Die bisherigen kirchlichen Rechtfertigungs- und Gnadenlehren gingen davon aus, daß die Schlüsselgewalt der Kirche die Ermächtigung enthielt, gleichsam die Geschichte umschreiben, das, was geschehen ist, als nicht geschehen ansehen zu dürfen. So jedenfalls wurde die Sündenvergebung verstanden und gehandhabt. Dem widersetzt sich Auschwitz auf eine Weise, die die kirchliche Rechtfertigungslehre endgültig obsolet gemacht hat. Vor allem: Auschwitz ist nicht vergangen (keine historische Untat ist vergangen), es ist in die Fundamente der Welt, in der wir leben und für die wir schon aus Gründen der Selbstachtung Verantwortung übernehmen und uns zur Rechenschaft ziehen lassen müssen, mit eingegangen, ebenso wie die erbarmungslose Geschichte des kirchlich-christlichen Umgangs mit den Ungläubigen, Ketzern und Frauen. Die kirchliche Rechtfertigungslehre hat das Eingedenken, die Kraft der Identifizierung durchs Selbsterhaltungsgebot ersetzt; indem sie das Nachfolgegebot (und die Gottesfurcht) leugnete, hat sie die notwendige Erinnerungs- und Trauerarbeit verhindert und den Leichenberg mit produziert, dessen unmögliche Rechtfertigung die paranoiden Systemzwänge erzeugt, die dem Selbsterhaltungsgebot in einer Welt entsprechen, in der es nur noch aufs Überleben ankommt. Eines der Produkte des Selbsterhaltungsprinzips, dessen blinde Gewalt heute absehbar in die Katastrophe führt (darauf bezieht sich die Bitte im Herrengebet: und führe uns nicht in Versuchung), ist die naturwissenschaftliche Aufklärung.
    Nicht nur, daß es nur diese eine Welt (und keine andere) gibt, es gibt auch nur diese eine Vergangenheit, die durch keine andere ersetzt werden kann. Diese Vergangenheit ist kein Steinbruch, aus der wir beliebig kulturelle, religiöse o.a. Traditionsbestände uns für den Eigenbedarf herausbrechen können, und die Welt ist kein Warenhaus für Fertigprodukte, für die wir Rohstoffe aus der Vergangenheit beliebig uns aneignen und verwerten können. Im Gegenstandsbegriff und in dem des vergegenständlichenden Bewußtsein steckt die ganze Geschichte mit drin; nur durch Erinnerungsarbeit ist die Gewalt der Vergangenheit, unter deren Bann wir stehen, indem wir uns über sie zu erheben meinen, ist der Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhang, den diese Gewalt begründet, noch aufzulösen. Und nur so ist die befreiende Kraft der Empathie, der Identifikation, schließlich der Liebe wiederzugewinnen. Wir stehen in der Schuld der Toten, die einen Anspruch auf unser Eingedenken haben: und die Erkenntnis, auf die es ankommt, hat ihr Modell eher in der Hoffnung auf die Auferstehung der Toten (die wir für andere hegen) als in der auf Unsterblichkeit (die fast unrettbar unterm Bann des Selbsterhaltungsprinzips steht). Wenn dennoch die Unsterblichkeitslehre nicht ganz grundlos erscheint, dann vielleicht nur noch deshalb, weil sie die Notwendigkeit der Erinnerungsarbeit zu begründen vermag: nur wer so dem Punkt entgegengearbeitet hat, an dem er mit sich selbst ins Reine kommt („ohne Schrecken seiner selbst inne wird“), braucht das Totengericht nicht zu fürchten.
    Die große Bedeutung des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit liegt darin, daß es im Kernbereich der vergegenständlichenden Gewalt deren eigenes Gesetz dadurch entschärft, daß es seine unmittelbare Anwendbarkeit in Frage stellt, es als (nicht nur subjektiv, sondern auch objektiv) vermittelt erweist, der Reflexion (konkret: der Erinnerungsarbeit) zugänglich macht.

    Hegels Imperialismus, oder die Phänomenologie des Geistes als Generalmobilmachung: vgl. F.R. Hegel und der Staat, I, S. 209

  • 09.02.91

    Mit der Internalisierung des Schicksals wird das Subjekt zum Schicksal für die Dinge: Konstituierung des Weltbegriffs, Begründung des Herrschafts-, Schuld- und Verblendungszusammenhangs. Zentrale Funktion des Bekenntnisses: als subjektives Moment der Versöhnung wird es im Prozeß der Konstituierung der Welt und der Anpassung an die Welt (mit den entsprechenden innertheologischen Konsequenzen) zugleich verraten, begründet es die „Person“, den Agenten des Ödipussyndroms, durch das das Subjekt zum Subjekt-Objekt (d.h. auch zum Objekt) des vergesellschafteten Schicksals wird. Wiederkehr des Verdrängten: Verinnerlichung des nicht aufgearbeiteten, sondern durch Negierung bloß verdrängten Heidentums (durch die politischen Formen der Bekehrung wurde das Christentum zur herrschenden Religion, das „überwundene“ Heidentum zur verdrängten Vergangenheit; seitdem begreift sich jeder Fortschritt als „Überwindung“, wird jede überwundene zur tabuisierten Vergangenheit, an die niemand mehr rühren darf: aufgrund seines Verhältnisses zur Bekenntnislogik läßt sich am Ende auch das Gesetz der Mode, die das Jüngstvergangene jeweils zur entferntesten Gestalt der Vergangenheit macht, als eine säkularisierte Gestalt der christlichen Praxis und des christlichen Begriffs der Bekehrung begreifen). Erinnerungsarbeit, Aufarbeitung des verinnerlichten Schicksals, der brennende Dornbusch (Dornen und Disteln). – Zusammenhang von Schicksal, Schuld- und Verblendungszusammenhang, Konstituierung der Welt (Volk als Schicksalsgemeinschaft), Herrendenken, Instrumentalisierung, Bekenntnis und Bekehrung (Überwindung, Verinnerlichung und Verdrängung).
    Der Islam fällt gleichsam hinter die griechische Philosophie dadurch zurück, daß er als Religion (als Islam: Ergebung) sich der Verinnerlichung des Schicksals widersetzt, das Schicksal als den Willen Allahs oder Allah als die personifizierte Schicksalsmacht begreift und akzeptiert: Damit hängt es zusammen, daß der Islam keine Opfer (und keine vergesellschaftete Form der Naturbeherrschung) kennt, zugleich auf einer gleichsam vorzivilisatorischen Stufe der Moral (mit entsprechenden Folgen im Hinblick auf die Struktur des Subjekts und das Selbstbewußtsein) steckenbleibt, weil es sich in den Schuldzusammenhang, in den jedes unbekehrte Christentum zwangsläufig sich verstrickt, um keinen Preis hineinziehen lassen will.
    Der Hegelsche Begriff der „Aufhebung“ hängt mit dem der Überwindung zusammen; er leistet nicht ganz, was er verspricht: Gegen die Überwindung hilft nur die benennende Kraft der Erinnerung, das ist das Gegenteil der Aufhebung, die das Überwundene beerben möchte: so aber gezwungen ist, die Opfer zu vergessen (aufgehoben ist im Kapital die vergangene Arbeit – vgl. hierzu auch Jürgen Ebachs Interpretation der biblischen Geschichte von Lots Weib).
    Wenn wir das Jüngstvergangene begreifen, begreifen wir die Schöpfung: nämlich durch die Erinnerungs-(Sisyphus-)arbeit, die notwendig ist, um das Jüngstvergangene überhaupt angemessen ins Bewußtsein zu heben. In der Distanz zum Objekt steckt heute die ganze Geschichte der Menschheit. Das gilt auch fürs Verständnis des (vergegenständlichten, verdinglichten) Dogmas.

  • 02.02.91

    Bekenntnis, Welt, Komplizenschaft, Existenz (auch Schicksalsgemeinschaft, Volk): Das Bekenntnis der anderen fordert nur, wer sich seiner eigenen Haltung nicht sicher ist: wer ein schlechtes Gewissen hat, das er mit Hilfe der Zustimmung der anderen verdrängen, aber um keinen Preis aufarbeiten möchte (da er glaubt, die Konsequenzen, die sich daraus ergeben könnten, nicht ertragen zu können). Mit anderen Worten: er sucht Mittäter und Komplizen; und wer das Bekenntnis ablegt, erklärt sich dazu bereit. Gründe für eine Erpressbarkeit gibt es viele: bei den Oberen der zu erwartende Gewinn eines Geschäfts, unten die Verantwortung für Frau und Kinder (Beruf, Familie), in jedem Falle sind es Gründe, die man „existentielle Gründe“ wird nennen dürfen, oder auch Gründe der Welterhaltung (im privaten und im politischen Sinne: das Existentielle ist der Existenzfaktor der Welt, dessen Subjekt der Einzelne, ein Staat oder eine andere Gemeinschaftsbindung ist; Ursprung des Begriffs der „Eigentlichkeit“). Der philosophische Existenzbegriff hängt mit dem der transzendentalen Logik zusammen: Glaubensbekenntnis und Schöpfungsbegriff (Konsequenz des Bekenntnissyndroms: von des Erschaffung des Himmels und der Erde zur Erschaffung der Welt; Ursprung der Geschichte der Häresien und des Dogmas).
    Wenn nicht mehr Gerechtigkeit die Welt trägt, dann wird das Bekenntnis zu ihrem Einheitsprinzip und zum Grund ihres Bestehens: Der Zerfall des Bekenntnisses löst Erdbeben und Überflutungsängste aus (vgl. Mt 2751).
    Wenn Frauen (als Repräsentanten nicht der Welt, sondern der Natur) nicht bekenntnisfähig sind (und nur als Jungfrauen, kraft ihrer Unschuld, heilig werden konnten), so hängt das damit zusammen, daß sie aufgrund ihrer Stellung im System nicht erpressbar sind (was dann merkwürdigerweise von den Männern als Mangel angesehen wurde – vgl. Hegels Wort von der Schuld als der Ehre des großen Charakters!). – An der Formulierung des Dogmas waren keine Frauen mehr beteiligt; aber welche Funktion hatte die Frauen (Mütter?) im Umfeld der Kirchenväter? (Helena, Monika u.a.)
    Sind die Frauen das seit Bloch vergeblich gesuchte „Subjekt der Natur“ (und die Männer das der Welt)?
    War die Existenzphilosophie die letzte männliche (Bekenntnis-oder Welt-) Philosophie? – Reduziert auf den heroischen männlichen Charakter, die Stummheit und die Komplizenschaft: die Haltung.
    Die Konfessionen sind die Endstationen des säkularisierten Christentums: deshalb war hier die Kraft der Häresienbildung verbraucht, erschöpft (Entkonfessionalisierung statt Ökumene).

  • 01.02.91

    Das Existentielle ist die wütende Spitze der Betroffenheit, Verdrängung der Reflexion, zivilisiertes Schamanentum.
    Erst wenn die Theologie selbst sich aus ihren double-bind-Fallen befreit, wird ihre Neubegründung möglich sein.
    Philosophie als Internalisierung des Schicksals und Instrumentalisierung des Absoluten: das hat der Islam versucht, in Religion zurückzuübersetzen. Der Gott des Islam ist der Schicksalsgott: Versuch, den verinnerlichten Schicksalsbegriff wieder ins Objektive zu wenden, aber das in einer Phase, in der es eigentlich nicht mehr möglich war. Der Islam ist eine kosmologische Religion; er hat die naturwissenschaftliche Aufklärung, die die alte Kosmologie (und deren gesellschaftliches Äquivalent) auf den Kopf stellt, nicht mitvollzogen. Das Christentum hat dann – nach der Rezeption der islamischen Aufklärung – am islamischen Theologie- und Gesellschaftsbegriff festgehalten; es hat die naturwissenschaftliche Aufklärung und die gleichzeitigen gesellschaftlichen Veränderungen nur hilflos und ohnmächtig aus sich entlassen müssen, ohne sie durch Reflexion aufarbeiten zu können: diese Entwicklung lag im blinden Fleck des nachkonstantinischen und nachislamischen Christentums.
    In der griechischen Philosophie macht sich das Subjekt selbst zum imaginären Herrn des Schicksals; es verfällt aber eben damit der Gewalt der Reflexionsbegriffe.
    Gottvertrauen kann allein das Vertrauen in die göttlichen Verheißungen sein, aber ist das heute noch möglich?
    Der Satz, daß Gott niemanden über seine Kraft vesucht, wird heute, da die Geschichte der Versuchung in einen Engpaß treibt und erstmals die ganze Menschheit umgreift, auf die Probe gestellt.
    Die Verarbeitung des Kreuzestodes in der Opfertheologie und deren Realisierung in der Volksfrömmigkeit hat (durch die subjektiv gewendete Leidensmystik, durch den Kult des Selbstmitleids) mehr zur Verdrängung des Ereignisses als zu seiner wirklichen Erinnerung beigetragen. Sie hat uns auf die Täterseite transportiert.
    Allein in dem Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“ wurde der Mechanismus durchbrochen, der uns hinsichtlich des Kreuzestodes Jesu auf die Täterseite stellt.
    Ist Hephaistos das Objekt des homerischen Gelächters?
    Die spezielle Relativitätstheorie hat das Inertialsystem erstmals der Reflexion zugänglich gemacht, es als Grundlage der Reflexionsbegriffe und ihrer Wirksamkeit, insbesondere der Macht der Derealisierung, erwiesen (vgl. den Zusammenhang mit dem Objektbegriff); in diesem Zusammenhang ist die Quantenmechanik, die das kritische Moment des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit neutralisiert, es erneut instrumentalisiert, tatsächlich ein ferner Verwandter, ein später Nachkömmling der Hegelschen Dialektik.
    Die Zensur bei der Berichterstattung über den Golfkrieg ist aus militärischer Sicht schon deshalb notwendig, weil dieser Krieg nicht mehr zu führen wäre, wenn wahrheitsgemäß mit der heute möglichen Aktualität über ihn berichtet würde.
    Die ganze Adornosche Philosophie ist eine Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums.
    Der Islam ist die Anpassung der jüdischen Religion an die Bedingungen des Heidentums, unter Fortfall der Opfertheologie. Allah ist der Gott des Erbarmens, er verzichtet jedoch auf die Forderung der Umkehr, an dessen Stelle der Islam, die Unterwerfung tritt.

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