Empörung schneidet jedes weitere Argument ab, gibt zu verstehen, daß der Empörte von diesem Punkt an sich selbst (seine Person) in die Waagschale wirft und nicht mehr mit sich reden läßt (vgl. Sartres Portrait eines Antisemiten). Empörung ist vergeistigtes „Martyrium“, zeigt die verzerrten Züge des „Bekenners“: Diese Empörung steht der Frau nicht zu (wird hier als Hysterie diffamiert); ihr bleibt nur der Ausweg der biologischen Unschuld: die Jungfrauenschaft. Empörung ist das säkularisierte Bekenntnis (und zugleich das aktive Bekenntnis zur Welt). So ist der Antisemit der letzte Nachfahre des Bekenners (und Vorbote des Antichrist: sein Bekenntnis drückt sich aus im apokalyptischen Zeichen des Tieres). Die confessio und die virginitas sind komplementäre Formen der christlichen Selbst- und Weltverleugnung, der mißlungenen Umkehr (in der das Selbst und die Welt aufgehoben, erhalten bleiben). Mißlungen deshalb, weil die Selbst- und Weltverleugnung selber bereits Folgen der Anpassung an die Welt (der Identifikation mit der Welt als selbstlosem Aggressor: Vorlaufen in den Tod) sind.
Empörung instrumentalisiert die Moral und begründet so den modernen Naturbegriff.
Bekenntnis und Messianismus: Gegenstand des Bekenntnisses ist der Name des Messias (der dann nur noch als quasi Familienname des Jesus Christus verstanden wurde). Der autoritäre Charakter erträgt es nicht, wenn dieser Name nicht sein Name (in notwendiger Verbindung mit einer der weltlichen Derivate des Messianischen: der Nation oder des Markennamens) ist. (Die Befreiung von dieser Säkularisation des Messianischen oder von der Neid-Beziehung auf das Messianische wäre die Entkonfessionalisierung.) Die tiefe Ambivalenz der Rezeption der Lehre vom mystischen Leib Christi, die ohne den Begriff der Nachfolge direkt in die Barbarei regrediert, in der Ära des Faschismus hängt hiermit zusammen.
Bekenntnis = confessio, homologia.
Adornos Bemerkungen „zum Ende“ auf die Heideggersche Philosophie anwenden.
„Auf dem Gebiet der Malerei und Skulptur lautet heute das Credo der Leute von Welt: […] „Ich glaube an die Natur und glaube einzig an die Natur (und das hat seine guten Gründe). Ich glaube, daß die Kunst nichts anderes ist und sein kann, als die genaue Wiedergabe der Natur (eine furchtsame und abtrünnige Sekte will die Dinge widerwärtiger Natur, so einen Nachttopf oder ein Skelett nicht zugelassen wissen). Und so wäre denn die Industrie, die uns ein mit der Natur identisches Resultat geben würde, die absolute Kunst.“Ein rächerischer Gott hat die Stimmen dieser Menge erhört. Daguerre ward sein Messias. Und nunmehr sagt sie sich: „Da uns also die Photographie alle wünschenswerten Garantien für Genauigkeit gibt (das glauben sie, die Unsinnigen!), ist die Photographie die Kunst.“ (Charles Baudelaire, zit. nach Christina von Braun: Nicht ich, Frankfurt 1993, S. 441)
„Was die Photographie ermöglichte, war die Verwandlung der alten, dem Untergang geweihten Natur in ein Kunstwerk. Sie diente nicht so sehr der Wahrung des Untergehenden; auf ihre Weise trieb sie diesen Untergang auch voran.“ (Christina von Braun, ebd.)
Das Fernsehen befreit den Faschismus durch Verinnerlichung und Vergesellschaftlichung vom Bilde des Führers. Auschwitz bleibt in verwandelter Form erhalten und allgegenwärtig.
Zum Begriff des Charakters: „Der kommende deutsche Mensch wird nicht ein Mensch des Buches, sondern ein Mensch des Charakters sein. Und deshalb tut ihr gut daran, zu dieser mitternächtlichen Stunde den Ungeist der Vergangenheit den Flammen anzuvertrauen. Das ist eine große, starke und symbolische Handlung …“ (Goebbels anläßlich der Bücherverbrennung am 10.05.1933 auf dem Berliner Opernplatz, zit. nach Christina von Braun, a.a.O. S. 445). Heute ersetzt das Fernsehen die Bücherverbrennung (und bildet den Charakter; Charakter das caput mortuum des Geistes -seine nature mort, sein Stilleben).
Geschichte des Scheiterhaufens: Ketzer, Hexen, Bücher, die Vergangenheit – Vergeblichkeit des Opfers und Wiederholungszwang (Fernsehen: das materialisierte Totenreich oder das Absterben, die Vergängnis des Sehens) – Hegels Philosophie lt. Baader das Autodafe der bisherigen Philosophie – Vergegenständlichung des universalen Verdrängungsprozesses (Abstraktion und Verdrängung).
Bekenntnis und Symbol (Credo und symbolum): Absterben, Verwesung und Vergiftung des Symbols durchs Zwangsbekenntnis (säkularisiertes Bekenntnis) – Verwandlung des Symbols ins Bild (Bedeutung des Bilderverbots!) – Reklame und Propaganda – das Zeichen des Tieres.
Name und Begriff: Während der Begriff Ausdruck der Herrschaft über das Objekt (Befreiung von Angst durch deren Verdrängung durch Depotenzierung, Entmächtigung des Objekts), ist der Name Ausdruck der Anerkennung des Leidens (der passio, des Selbstgefühls): Befreiung von Angst durch deren empathische, parakletische Aufarbeitung. Voraussetzung ist, daß das Tabu über die Angst (die Gottesfurcht) aufgehoben, ihre Verdrängung nicht mehr notwendig ist.
Das letzte Bekenntnis wird ein Schuldbekenntnis sein.
Heidegger
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22.12.90
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10.10.90
In seiner Predigt vor der Herbstvollversammlung der deutschen Bischofskonferenz in Fulda vermißte Karl Lehmann die „dankbare Freude“, statt dessen werde „Trübsinn, Vergangenheitsbeschwörung und gottferne Skepsis gepflegt“ (FR vom 26.09.90). Karl Lehmann auf J. Ebachs Interpretation der Geschichte von Lots Weib hinweisen? Der Begriff „Vergangenheitsbeschwörung“ zusammen mit dem Hinweis auf „Trübsinn“ und „gottesferne Skepsis“ macht die Verwirrung, die den deutschen Katholizismus heute beherrscht, (den Verdrängungsprozeß und die Verblendung, unter denen die Kirche heute leidet) mit einem Schlage sichtbar.
Die Verwendung des Begriffs „Vergangenheitsbeschwörung“ läßt sich nur durch einen vollständigen Mangel an Gottesfurcht erklären.
Die Todesstrafe wurde abgeschafft, als die Menschen nicht mehr an die Hölle glaubten. Dafür wurde dann die lebenslängliche Haftstrafe eingeführt und entsprechend ausgestaltet. Die Abschaffung der Todesstrafe war außerdem überdeterminiert, da nach Auschwitz zu viele das Risiko zu fürchten hatten.
Das Gefängnis ist heute der Ort, an dem Menschen zu qualitätsloser Materie fertiggemacht werden. Es mußte einfach in der Industriegesellschaft einen Ort geben, der noch schlimmer war als die Fabrik. Das wirft ein Licht auf die Argumente der allgemeinen Niedertracht: „Denen geht’s ja viel zu gut“.
Zu dem Prinzip „man darf alles tun, sich nur nicht erwischen lassen“: Das Prinzip ist erweiterungsfähig: Jede Gemeinheit ist zulässig, solange sie nicht ausdrücklich rechtlich untersagt ist; und Gemeinheit ist nicht justiziabel. Nach diesem Prinzip verfährt heute ein nicht unerheblicher Teil sowohl der Medien (von BILD bis FAZ) als auch unserer Justiz (von den Ermittlungsbehörden über unsere Gerichte bis zu den Aufsichtsorganen in den Strafanstalten).
Das Gewaltmonopol des Staates drückt sich mittlerweile in den Folgen der Komplizenschaft einer Gemeinheit aus, die bewirkt, daß fast alles erlaubt ist, weil nichts mehr nachweisbar ist. Darin überlebt auf eine perfektionierte und gewitzte Weise Auschwitz.
Im übrigen wurde Auschwitz vorbereitet in den kirchlichen Höllenpredigten (der Schule der Gemeinheit).
Zum Problem des Selbstmitleids: Nach Walter Benjamin ist der Kleinbürger Teufel und arme Seele zugleich, arme Seele für sich und Teufel für die andern. Heute gibt es hierzu keine Ausnahme mehr, heute sind alle Kleinbürger. Genau darin liegt die ungeheure Gefahr und die Gewalt des Selbstmitleids. Vgl. hierzu Edgar Morins Antwort auf die Frage, warum die Menschen im Kino weinen.
Im Übrigen ließe sich die Hölle sehr gut als Kino vorstellen, nur daß in der Hölle die Verdrängung entfällt, das reale Bewußtsein der Situation hinzukommt. Diese Situation ist heute durch das Fernsehen individualisiert und privatisiert worden.
Naturkonstanten wie z.B. Masse und Ladung des Elektrons verweisen allesamt auf strukturelle Gegebenheiten, nicht auf Dingeigenschaften. Wer das verwechselt, ist potentieller Antisemit.
Mir scheint, in der Auseinandersetzung mit der Postmoderne in Frankreich wird die mißlungene Auseinandersetzung mit dem Positivismus wie unter einem Wiederholungszwang nochmals mißlingend wiederholt. Die Leute wollen sich einfach die „Dinge“ nicht aus dem Kopf und aus der Hand schlagen lassen, weil sie fürchten, dabei sich selbst zu verlieren.
Wären Menschen, die vor zweieinhalb Tausend Jahren Propheten wurden, heute vielleicht schizophren? Und säße Ezechiel heute in der Anstalt eines Landeswohlfahrtsverbandes?
Zum Problem „Insektenforscher“: Der Begriff erweckt den Eindruck, als sollten Probleme der Kirche und der Hierarchie ohne Emotionen untersucht werden. Das ist nicht ganz korrekt: Affekte sind sehr wohl angemessen und notwendig; ich würde sagen: wenn es sein muß mit Zorn, aber ohne Empörung (beide unterscheiden sich durch ihre Richtung: der Zorn geht zur Sache, die Empörung gegen Personen).
Zum Bruch zwischen der Vätertheologie und der Scholastik: Vätertheologie und Dogmenentwicklung als Anpassung der Theologie an die Welt, als der Versuch, sich als Kirche in der Welt einzurichten; war möglich, weil ihm ein philosophischer Weltbegriff (Begriff des Kosmos) entgegenkam. Dieser Weltbegriff, den Spengler mit dem Begriff der arabischen Kultur zu fassen versucht hat, mußte untergehen, ehe die dann weitergehenden Konsequenzen daraus gezogen werden konnten. Theologie mußte mit einem neuen Weltbegriff verbunden werden, der aus der Theologie zu entwickeln war: Das ist die Leistung der wissenschaftlichen Diskussion seit den Anfängen der Scholastik (Entwicklung des instrumentalisierten Begriffs).
Theologie als Geschichte der Auseinandersetzung mit der Philosophie (mit dem Herrendenken, dem die Theologie mit der Rezeption der Philosophie dann selbst verfallen ist).
Karl Thieme hat einmal die Geschichte des Schiffsbruchs vor Malta eschatologisch interpretiert: als Typos der Rettung der Völkerwelt (mit Ausnahme des einen Volkes, dessen Rettung nicht Sache der Kirche ist) bei gleichzeitigem Untergang des Schiffes (der Kirche). Er hat einen Punkt dabei übersehen: das Schiff ist infolge eines Sturms untergegangen (durch den Geist). – Vgl. auch die Geschichte mit der Natter (Paulus wird von der Natter gebissen, stirbt aber nicht, sondern überlebt, nachdem er sie ins Feuer geworfen hat: verniedlichter Höllensturz des Drachen).
Heidegger war der Sache ganz nahe: Sein „Gestell“ ist in Wirklichkeit das Gericht.
Die „Summa contra gentiles“ war der Weg, über den der Islam in das Christentum eingedrungen ist. Nach der Hellenisierung und Islamisierung wäre heute die Judaisierung des Christentums an der Reihe.
Drückt in der kirchlichen Kampagne gegen die Abtreibung vielleicht doch ein Stück Projektion sich aus. Wird hier nicht etwas angegriffen, dessen man sich selbst schuldig fühlt: der Abtreibung der Wahrheit (durch deren Instrumentalisierung im Interesse des Herrendenkens).
Eine Philosophie des Namens müßte die ganze Spannbreite des Sprachgebrauchs abdecken: vom „das ist in unserem Namen geschehen“ bis zum „die Dinge beim Namen nennen“.
– Im Bereich des Namens gibt es keine Subsumtionsbeziehungen.
– Im Namen ist die Trennung von Begriff und Objekt aufgehoben.
– Das Sein ist der Annihilationspunkt des Namens, der Punkt, an dem der Name in den Begriff umschlägt, die Subsumtionslogik, das Herrendenken beginnt (Quellpunkt des Begriffs).
– Rührt das emphatische, das gleichsam theologische Verständnis der Ontologie her vom ontologischen Gottesbeweis?
– Nicht das Eine oder die Einheit, sondern der Eine ist ein Gottesname.
Adams Namengebung der Tiere verweist auf den Zusammenhang von Benennung, gegenständlicher Erkenntnis, die „katastrophische“ Genesis der Tiere (DdA) und den Zusammenhang mit den apokalyptischen Tieren (den singulären Chaosmächten: den falschen Umschlag des „Begriffs“ als absoluter Begriff in den Namen). – Hiob nochmal lesen: Behemoth und Leviathan; welche Bedeutung der Hinweis auf diese Tiere an dieser Stelle hat: Begründung der Gottesfurcht? – Zusammenhang mit der Erschaffung Evas (Namengebung der Tiere vorher), der Geschlechtertrennung und dem Auftrag zur Naturbeherrschung, sowie mit dem Baum der Erkenntnis (Erkenntnis des Guten und Bösen).
Merkwürdige grammatische Beziehung: Die Erhebung in die Allgemeinheit verwandelt ein Maskulinum in ein Femininum. Jede -heit und -keit ist feminin, jeder -ismus ist maskulin. Oder auch: der Logos, aber die Ontologie, Theologie, Geologie etc. – Gattung und Art sind feminin (im Deutschen, aber genus und species?), das Individuum ist neutrum.
Die Raumkontraktion und die Zeitdilatation beschreiben genau den Punkt, an dem die die sinnliche Welt in die physikalische umkippt: die Grenze zum Objekt. Man muß den prozessualen Vorgang nur rückwärts lesen.
Das Ätherproblem ist mit dem Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit gelöst worden: Es ist das Problem der inneren Grenze des Inertialsystems.
Die Tatsachenwelt ist in der Tat eine: Die Welt ist ein Produkt des Tuns; in der Konstruktion der Welt steckt das Tun der Menschen, der Gesellschaft: der Staat. Durch dieses Tun sind die Menschen, ist die Gesellschaft mit in den Schuldzusammenhang verflochten. Und auf dieses Tun müßte sich heute die Gewissenserforschung richten, deren Resultat eine neu begründete Theologie wäre. Der Inbegriff dieses Gewissens ist die jüdisch-christliche Tradition, die der Antisemitismus (im Auftrag der Welt) aus der Welt schaffen wollte. Wenn die Beichte heute den wirklichen Problemen in Deutschland (nach Auschwitz) überhaupt nicht mehr angemessen ist, dann hängt das damit zusammen. Der eigentliche Gegenstand der Beichte wäre das Erbe der Philosophie.
Ist der (kultische) Opferbegriff dem Kreuzestod Jesu angemessen? Wo und von wem wurde zum erstenmal der Opferbegriff hierauf angewandt? Und wie war hier der Opferbegriff gemeint, real oder symbolisch (als Teil der Aufhebung des Opfers)?
Was bedeutet die „Erhöhung des Herrn“, und zusammen damit das „Sitzen zur Rechten Gottes“: Die Rechte ist die Seite der Gnade, des Erbarmens (aber von hinten ist sie die Linke, die Seite der Strenge, des Gerichts – Bedeutung der Umkehr!). Wie verhält es sich mit dem Wort: „…, der ißt und trinkt sich das Gericht“? Hat nicht die Mysterientheologie durch den Zusammenhang, in den sie die sakramentale, mystische Teilhabe der Gläubigen an der Erhöhung des Herrn rückt, diese Erhöhung zur Hypostase des Gerichts gemacht?
„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Dieses Wort Jesu verweist darauf, daß die Wahrheit nicht nur gegenständlich ist, sondern auch subjekthaft (wer das Subjekt in der Wahrheit durchstreicht, streicht die Wahrheit durch.)
Vielleicht stimmt es, daß die Beziehung der Juden zu Gott unmittelbar ist (F. Rosenzweig), die der Christen ist es nicht. Hier bedarf es – auch im Sinne der Mysterientheologie – des Durchgangs durch den Tod. Heideggers „Vorlaufen in den Tod“ hält davon die letzte und allerabstrakteste Erinnerung fest, oder auch die letzte Erinnerung des islamischen Verständnisses des Martyriums als Tod im Heiligen Krieg. Auch bei Heidegger ist ja das „Vorlaufen in den Tod“ Teil des heroischen Gestus seiner Philosophie. (Anzumerken ist: Der Islam hat den Heiligen Krieg gepredigt, das Abendland hat ihn – zuletzt im sogenannten „Weltanschauungskrieg“, der ein Vernichtungskrieg war – aufs fürchterlichste praktiziert.)
Der Zusanmmenhang von Objektivation und Instrumentalisierung (Vorhandenheit und Zuhandenheit bei Heidegger) verweist auf einen absoluten Vorrang des dreidimensionalen Raumes.
Hegels Offenbarungsbegriff bezieht sich auf die Konstantinische Wende (das Ergebnis des Dogmatisierungsprozesses: das Christentum als Staatsreligion), nicht auf das Leben und die Taten und Leiden Jesu. Nicht zuletzt deshalb erscheinen auch bei Hegel die antijüdischen Vorurteile, die zu den Voraussetzungen und Folgen der Konstantinischen Wende gehören.
Die Wirkung des Bekenntnissyndroms auf den Bekenntnisinhalt kann man daran erkennen, daß das Symbolum das Leben und die Lehre Jesu nicht erwähnt. Jesus ist nur geboren, gestorben und auferstanden; was dazwischen liegt, wird verschwiegen und ist auch im Rahmen des Bekenntnisses wohl nicht faßbar. Die Hegelsche Philosophie hingegen bezieht ihre ganze Stringenz aus diesem Bekenntnissystem; das Bekenntnis ist sozusagen die nicht mehr reflektierte Grundlage der Hegelschen Philosophie. Und die Bekenntnis-Theologie ist zum Inbegriff eines verworfenen, hoffnungslosen Glaubens geworden.
Zu Dezisionismus und Bekenntnis: Die Ontologie ist nicht nur dezisionistisch, sondern auch Bekenntnis-Ontologie. Durch das Bekenntnis ist mit der Philosophie das dezisionistische Moment in die Theologie hereingekommen, und das war die Grundlage der Trinitätslehre und der Lehre von der Göttlichkeit Jesu im Sinne einer (nicht ewigen, sondern) überzeitlichen Göttlichkeit. Dieser Dezisionismus oder das Bekenntnis haben die Verwechslung des Ewigen mit dem Überzeitlichen ermöglicht. (Zum Begriff des Ewigen vgl. auch Rosenzweigs Aufsatz.) Überzeitlich ist der Staat (der Begriff), ewig ist der Gegenstand der Theologie (der Name).
Wer sich mit dem Staat befaßt, wird den Staatsanwalt nicht vermeiden können.
Jede Architektur ist ontologische und Bekenntnisarchitektur.
Die Terroristen sind der Nachfolge Christi näher als die elitären Mysterientheologen.
Zum Eckstein, den die Bauleute verworfen haben: Heute geht es nicht mehr nur um den Eckstein; sondern die Materialien, aus denen die Theologie zu erbauen wäre, bestehen nur noch aus den verworfenen Materialien, aus Ruinen. Zuerst ist die Betondecke zu zertrümmern, die die Ruinen der Geschichte zudeckt.
Zu den Ursprungsbedingungen des pathologisch guten Gewissens gehören auch die historischen Verdrängungsprozesse, insbesondere jene die mit der Ursprungsgeschichte der modernen Aufklärung, vor allem der modernen Naturwissenschaften zusammenhängen. Erst wenn es gelingt, die Tathandlung, die die Naturwissenschaften ins Leben gerufen hat, und deren Folgen in der Welt selbst zu begreifen, erst dann gelingt es auch, jene Verdrängungsblockade aufzuheben.
Modell für die Neutralisierung durch Erkenntnis ist das „pecunia non olet“. Deshalb wird man nicht umhin können, in der Vergangenheit „herumzuschnüffeln“.
Es gibt zwei Formen der Entstehung von Vergangenheit. Die eine ist die historische: Mit jedem Tag vermehrt sich die Vergangenheit (die dann hinter uns liegt). Die zweite ist die natürliche (die auf uns lastet): sie ist gegenläufig zur historischen.
Gefühl des Schwindels, wenn der Boden des Herrendenkens unter den Füßen weggezogen wird (Adorno): Die Kritik des Dings trifft auch das Subjekt zentral (in seinem blinden Fleck).
Die Wahrheit ist antisystematisch, systemkritisch. Wenn sie trotzdem selbst systematische Züge trägt, rührt das her aus der Kritik des Herrschaftssystems, dessen Strukturen sich verkehrt in der Wahrheit abbilden. Darin liegt die unermeßliche Bedeutung der Hegelschen Philosophie.
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31.08.90
Das transzendentale (idealistische) Subjekt ist
– die Einheit von Herr und Knecht (die gerichtete richtende Instanz, „Teufel und arme Seele zugleich“),
– Produkt und Substrat der Empörung (im theologischen Sinne),
– Grund der Dialektik in Philosophie und Geschichte,
– der blinde Fleck der Theologie (der etablierte Atheismus),
– die Sünde wider den Heiligen Geist, die weder in dieser noch in der zukünftigen Welt vergeben wird,
– Schlüssel des Totenreichs („Vorlaufen in den Tod“ als Entschlossenheit und Grund der Eigentlichkeit – Heideggers Fundamentalontologie als Versuch, die ausweglose Erfahrung der verdinglichten Welt von innen zu beschreiben),
– Subjekt der „Sorge“ (Sorge als vom Herrendenken nicht abzulösende Quelle des Selbstmitleids; ursprüngliche Akkumulation des Herrendenkens und des Objektivationsprozesses gründet im Selbstmitleid: no pity for the poor).
Die Physik macht aus einem Akzidenz eine Substanz: Sie unterwirft die Dinge der Herrschaft der Zeit (der Vergangenheit).
Alle denunziatorischen Begriffe in „Sein und Zeit“ sind projektiver Natur: sie treffen die eigene Intention und den Inhalt des Werkes.
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29.07.90
Zu Heidegger: Das Vorhandene ist das Zuhandene (beides durch Herrschaft, durch die Distanz zum Objekt, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt, vermittelt) und das Eigentliche das Uneigentliche. Im Bann des In-der-Welt-Seins wird alles zum „Zeug“ (unter Einschluß des „Daseins“, des Selbst: dagegen hilft auch nicht die dezisionistische „Eigentlichkeit“, die „Entschlossenheit“); und die volle Verachtung Heideggers, die im Begriff des Zeugs sich ausdrückt, trifft eigentlich ihn selber.
Das gilt auch für die Theologie: Der vorhandene Gott (der Gegenstand des Zwangsbekenntnisses und eines Glaubens, der vom Unglauben nicht mehr zu unterscheiden ist) ist der zuhandene (instrumentalisierte) Gott, das Bekenntnis und das vergegenständlichte Dogma ein Herrschaftsmittel.
Die Heideggersche Selbstverachtung bringt die der Theologie bewußtlos auf den Begriff: sie ist zugleich der Grund des Selbstmitleids (in der Theologie: der mit der Opfertheologie verknüpften Leidensmystik), der heute jedes Bewußtsein verhext. (Dagegen Adorno: Heute fühlen sich alle ungeliebt, weil keiner mehr zu lieben fähig ist.)
Die neue Sakramentenlehre (Produkt der Enteschatologisierung des Christentums) begründet den magischen Instrumentalismus der Kirche, der dann abgesichert werden muß durchs Dogma (durch Vergegenständlichung der Wahrheit, durch das Objekt des Bekenntnisses; Schlußpunkt ist offensichtlich das konstantinisch-nicänische „homousios“, die endgültige Vergöttlichung Jesu – das christliche Erbe des römischen Kaiserkults?). – Vgl. EdChD, S. 72ff, 78. (Frage hierzu: Wie hängt der dogmengeschichtliche Gnosisbegriff mit dem von Elaine Pagels „Versuchung durch Erkenntnis“ zusammen?)
Gibt es einen Zusammenhang der Vergöttlichung der „Zeugung“ (in der Trinitätslehre und im trinitarischen Vaterbegriff: Vorrang vor dem Schöpfungsbegriff!? – Dazu: Zeugen ist männlich, das Empfangen demnach keine göttliche Tätigkeit; Verzicht auf einen weiblichen Anteil im trinitaritischen Prozeß: Zusammenhang mit dem Inzest-Tabu?) mit der urchristlichen Askeseauffassung und der daraus abgeleiteten Sexualmoral, sowie mit der nachfolgenden Eremiten- und Mönchsbewegung (vgl. auch die Konsequenz des Origenes aus der Aufforderung: Wenn dein Auge Anlaß zum Ärgernis gibt, reiße es aus). Neuorganisation und Neuverständnis von Dogma, Kirche und Moral im Mittelalter (Neubestimmung der Eschatologie, der Kirche, der Sakramente, des gesellschaftlichen Selbstverständnisses).
Worauf bezieht sich eigentlich der Auftrag (in der Genesis) zur Herrschaft „über die Fische des Meeres und die Vögel des Himmels und über alle Lebewesen, die auf der Erde wimmeln“? – Naturbeherrschung hat andere Objekte.
Stammt die Transsubstantiationslehre der Eucharistie aus der Inkarnationslehre (beide gemeinsam begründen den totemistischen Kannibalismus)? – Vgl. EdChD S. 115ff.
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31.05.90
Zu Heidegger: Das Vorhandene ist das Zuhandene; beide sind nicht unmittelbar gegeben, sondern gesellschaftlich (oder transzendentallogisch, durch Herrschaft) vermittelt (das kantische Ich, das alle meine Vorstellungen muß begleiten können, ist das Subjekt-Objekt von Herrschaft und der Repräsentant der Welt, des Realitätsprinzips; das Ich bin nicht ich). Beide stehen im Kontext (im Schuldzusammenhang) von Naturbeherrschung.
Die (mehr den Leser als die Sache) erschöpfende Geschwätzigkeit Drewermanns, die unkonzentrierte Art zu schreiben, das punktuelle Reagieren auf Reize: das alles sind Symptome der Verdrängung oder Verleugnung. Zentral scheint hierbei die Verdrängung der realen Schuld zu sein (soweit sie rechtlich nicht dingfest zu machen ist): der „Schuldgefühle“, die therapeutisch aufzulösen seien. Ist das sein Befreiungsbegriff? Vgl. die Wendung „Erlösung (was immer das bedeuten mag)“ (Kleriker, ca. S. 90-100?). Bezeichnend, daß der Faschismus (ebenso die Vorgeschichte in Ketzerverfolgung, Inquisition, Antisemitismus, Hexenverfolgung) nur als Folie für den Schuldvorwurf gegen die Kirche, den Klerus, erscheint (vgl. u.a. S. 162f), nicht aber als Gegenstand der Reflexion, der „Gewissenserforschung“ (die D. vielleicht auch für veraltet hält). Insgesamt würde das einer Strategie der Befreiung durch Projektion (die Gefahr jeglicher Therapie) entsprechen, der technischen Handhabung eines Schuldverschubsystems, das die eigene Entlastung mit der Belastung der Außenwelt erkauft, gleichsam die Nachfolge Christi auf den Kopf stellt und glaubt, die Umkehr sich ersparen zu können. Diese Strategie wird mit Angst erkauft, für die er als Palliativ dann den lieben Gott braucht (Verwechslung von Schöpfung mit „Erzeugung“ der Materie). Das Resultat dieser Strategie wäre das pathologisch gute Gewissen (der Quellpunkt psychotischer Normalität; Drewermann weiß offensichtlich nicht, wovon er redet, wenn er dem Klerus eine „ontologische Verunsicherung“ nachsagt; er hätte vielleicht doch auch Sartres Beschreibung eines Antisemiten einmal lesen sollen). Auch Drewermann möchte (wie alle Kleriker heute) „normal“ sein (vgl. S. 170: „Die Künstlichkeit und Exemtheit gegenüber der Normalität …“).
Das Unsystematische läßt sich mit Händen greifen in D.’s Kritik der Opfertheologie: Mit der Opfertheologie verwirft er auch die zentrale Lehre von der Übernahme der Schuld (des Abstiegs zur Hölle), den zentralen Punkt des Nachfolgegebots (auch hier würde er – Gesetz und Gebot verwechselnd, wie die gesamte Theologie, die den Offenbarungsbegriff verdrängt hat – vielleicht nur noch den „moralischen Zwang“ wahrnehmen, nicht aber mehr den theologischen Grund, den Kontext und Zusammenhang des Begriffs der Nachfolge).
Der missionarische Eifer und die Ketzerverfolgung sind Symptome der Ich-Schwäche (die mit dem Herrendenken wie der Schatten mit dem Licht verbunden ist): Man glaubt seiner eigenen Überzeugung erst, wenn sie kollektiv abgesichert ist (der passive Glaube bedarf der Bestätigung durch den identischen Glauben der anderen, während der aktive Glaube seine eigene Rationalität entfaltet und der kollektiven Absicherung nicht bedarf). Vermittelt wird diese Absicherung durch die instrumentalisierte Orthodoxie des Dogmas, des durch Autorität definierten Bekenntnisses (und durch die Wut, die gegen alle sich richtet, die die Demuts- und Unterwerfungsgeste der Einstimmung ins kollektive Zwangsbekenntnis nicht mitvollziehen).
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24.05.90
Haben „Sinnfragen“ nicht mit Aufhebung von Schuld, mit Versöhnung, Glück, und nur in diesem Kontext mit Erkenntnis (Bedeutung) zu tun? Der Heideggersche Versuch, die Sinnfrage auf das Sein zu beziehen, ist der hochexplosive Grund des Scheiterns der Fundamentalontologie.
Liegt der „Fehler“ der Hegelschen Logik etwa in der Funktion, dem Stellenwert des Begriffs des „Scheins“ (im „Übergang“ von den Reflexionsbegriffen zum Wesen)?
K. Boeckl, Die sieben Gaben des Heiligen Geistes in ihrer Bedeutung für die Mystik nach der Theologie des 13. und 14. Jahrunderts (Freiburg i.Br. 1931) – sh. Saturn und Melancholie, S. 253 (Anm. 125).
Zu den Beziehungen zwischen den „sieben Gaben des Heiligen Geistes“ (Jesaja) und den „sieben Seligpreisungen“ (Bergpredigt) vgl. Saturn und Melancholie S. 256ff.
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08.04.90
Ist das Heideggersche „Dasein“, sind die „Eigentlichkeit“, „Entschlossenheit“, das heroische „Vorlaufen in den Tod“ nicht männliche Kategorien; kommen Frauen in Heideggers Philosophie (wie in den Texten zu Theweleits „Männerphantasien“) überhaupt vor (außer als andächtige Hörer)? Ist die Fundamentalontologie ein Prototyp oder gar das genaue Strukturgesetz der Männerphantasien und derart insgesamt sexistisch (und das Selbstmitleid und die genetische Struktur für das „pathologisch gute Gewissen“ ein notwendiges Pendant dazu)?
Heidegger hat das Modewort der 60er Jahre „Identität“, gegen das auch Adornos Einsichten nicht geholfen haben, im Begriff der „Eigentlichkeit“ vorweggenommen, zugleich aber das Dezisionistische daran (das heute Adorno-Schüler wiederum gegen die Postmoderne glauben verteidigen zu müssen) protokolliert. Dieser Dezisionismus (Reflex des unreflektierten Schuldmoments am Subjekt) ist es, der sich über Projektionen, Vorurteile den Schein der logischen Notwendigkeit geben muß.
Unter dem Oberbegriff der Identität (dem Rest oder dem Widerschein der Einheit des Dings, des Objekts: der Schuld) ist die Idee der Wahrheit nicht zu retten; daraus zieht der Sexismus (als Grundvorurteil) seine zerstörerische Gewalt (vgl. auch die lange akademische Tradition dieses „Grundvorurteils“; Belege bei Christine de Pizan; Wahrheitsmoment der Sexualmoral).
Die Idee der Wahrheit ist ohne die (identitäts- und schuldauflösende) Idee des Gottsuchens nicht zu halten. Der materialistische Kern der Wahrheitsidee (ihr brennender Dornbusch) ist die Theologie.
Transzendentale Logik/ Unerkennbarkeit der Dinge an sich/ Bedeutung der Kantischen Formen der Anschauung/ Inertialsystem und Relativitätsprinzip: Zusammenhang mit dem Ursprung der Reflexionsbegriffe. Der Ursprung des Inertialsystems repräsentiert die falsche (männliche) Einheit von Subjekt und Objekt (Maßstab und Gemessenem), Herrschaft und Beherrschten, die Unwahrheit des richtenden Prinzips, das Formgesetz und den Ursprung des Schuldzusammenhangs.
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24.03.90
Nochmals „Wir Deutschen“: vgl. die Kontroverse zwischen Peter Schneider und Peter Iden in der FR (21. und 24.3.90).
– Hinweis darauf, daß die Deutschen sich nur von außen (im Blick der Andern) sehen (die Abhängigkeit von der Anerkennung durch andere ist ein Surrogat für den verdrängten realen Ursprung des Subjekts, das sich nur zusammen mit der Sprache entfaltet);
– Zusammenhang mit der tiefen Neigung zur Ausländerfeindschaft (Projektion, präventive Aggression, Sprachfeindschaft);
– Sich-selbst-Durchstreichen als Subjekt, Hinweis: Wir sind für das, was in deutschem Namen begangen wurde, nicht verantwortlich (hier sind wir – als Deutsche – beim Namen gerufen, verweigern die Antwort);
– ist diese Konstruktion nicht in der deutschesten Philosophie, nämlich in der Heideggers: in seiner Hypostasierung des Seins (und der taktischen Nutzung der „verandernden Kraft des Seins“), vorgebildet und fast unaustilgbar in den Grund der deutschen Muttersprache eingesenkt (ein Bastard aus der bis heute illegitimen Verbindung von Vaterland und Muttersprache; die Gewalt, die sich in Heideggers Sprache ausdrückt, ist keine Sprachgewalt, sondern die inzestuöse der paranoiden Selbstbehauptung gegen die Muttersprache; kein Zufall, daß – nach einer Bemerkung von Karl Kraus – Deutschgesinnte kein Deutsch können: die deutsche Sprache taugt nicht zur Deutschtümelei; der genaueste Ausdruck dessen war der Spruch, der sowohl den frühen Selbstverrat des Sozialismus in der DDR wie auch dann das Umkippen der Revolution gegen den Sozialismus markierte: „Deutschland, einig Vaterland“)? Das „Wir Deutschen“ macht sich mit der verfolgenden Unschuld gemein, mehr noch: es ist ihr Prototyp.
– Kann es sein, daß diese wie auch die andere Vergangenheit erst aufgearbeitet sein wird, wenn wir gelernt haben, „Wir Deutsche“ zu sagen, d.h. auch sprachlich die Verantwortung für unsere Taten zu übernehmen, anstatt sie erneut durch Projektion und Schuldverschiebung zu verdrängen (oder die entlastende Zuflucht des neudeutschen Atheismus, dessen Grund auch die Kirchen nicht mehr wahrzunehmen sich trauen, weil er in ihrer eigenen Bekenntnis-Tradition und – Verfassung liegt, endlich zu meiden: jede „Konfession“, jedes Formelbekenntnis, ist ein Ersatz des wirklichen, ist somit strukturell atheistisch)?
– Das wirkliche Bekenntnis, die einzige heute noch erlaubte Konfession, ist das Schuldbekenntnis, ist die Fähigkeit, Schulderinnerung an sich heranzulassen, sie nicht zu verdrängen („abgestiegen zur Hölle“): der einzige noch erlaubte Zugang zur Theologie.
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23.03.90
Die Ontologie steht unter der Herrschaft des Plusquamperfekt: Sie unterwirft die Zukunft der Vergangenheit. Daher ihre Nähe zum Mythos, zur Lehre von der ewigen Wiederkehr des Gleichen. Die von Heidegger gesuchte Zukunft ist die quietistische der Erwartung der Ankunft des Seins, der vollendeten Vergangenheit; daher das „Vorlaufen in den Tod“ als Kriterium der Eigentlichkeit in „Sein und Zeit“. (Vgl., auch Nicolas Tertulian: „Seinsgeschichte als Legitimation der Politik“ in Lettre International Heft 8 I. Vj. /90, S. 86ff, insbesondere das Heidegger-Zitat über die Unbesiegbarkeit der Deutschen)
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17.03.90
Wenn Heidegger den Geburtsfehler der Philosophie (die Ontologie) zu ihrem einzigen Inhalt gemacht hat, dann Luther den Geburtsfehler der Theologie (die „Rechtfertigung“) zur deren einziger Grundlage. – Genesis der Fundamentalontologie und des Fundamentalismus (Fundamentalismus und Antichrist: das Mittelalter, die Heiden und die Juden; Geschichte der Beziehung von Islam und Christentum).
Rechtfertigung und Bekenntnis.
Die Frage „was ist Wahrheit“ ist obsolet geworden als Frage des Pilatus, der dann übrigens die Hände in Unschuld gewaschen hat (wie in den katholischen Kirchen die Priester während der Messe: „lavabo inter innocentes“ – Ursprung des pathologisch guten Gewissens und des kirchlichen Antisemitismus: Verschiebung der Schuld von Pilatus auf die Juden; Grundlage des Ursprungs der Orthodoxie, der Vorstellung von einer exkulpierenden Kraft der rechten Lehre; Ursprung des Bekenntnisbegriffs).
Im Gegensatz zum Begriff der Unschuld (einer Kategorie des Seins oder des Mythos), ist der der Gerechtigkeit (einer Kategorie des Handelns) ein theologischer Begriff. Nicht zufällig erinnert der Begriff der Unschuld an den Bereich der Sexualmoral, während seine Anwendung im Bereich der politischen Moral (im Gegensatz zur Anwendung des Begriffs der Gerechtigkeit) unmöglich ist (es sei denn als Anwendung auf einen marginalen Objektbereich der Politik wie den der Armen, der Außenseiter, derer, die nur noch herausfallen wie z.B. die Asozialen, die Penner). Unschuldig ist nur der, dem das Handeln unmöglich geworden ist, während der Handelnde der Gefahr, schuldig zu werden, nicht entgehen kann, und die Gerechtigkeit nicht auf Unschuld (einen Bereich vor der Schuld), sondern auf Befreiung (einen Bereich jenseits der Schuld: auf die Auflösung des Schuldzusammenhangs) abzielt. Auf diesen Zusammenhang bezieht sich die Lehre von der Sünde wider den Heiligen Geist: parakletisches (verteidigendes) Denken.
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09.01.90
Das Problem der kontrafaktischen Urteile stellt sich in der Geschichte ebenso wie in der individuellen Biographie: Kontrafaktische Urteile drücken im Verhältnis zur eigenen Vergangenheit zwar eine Kritik der Gegenwart aus, lenken aber zugleich ab vom Prinzip Verantwortung, von der an sich notwendigen Erforschung der Änderungsmöglichkeiten hic et nunc; sie bleiben in die Haltung des Zuschauers gebannt, dessen Unschuld sie erhalten sollen durch Verschiebung der Schuld in die Vergangenheit, die jedoch eben dadurch unaufhebbar wird; sie sind Funktionen der eingebildeten Ohnmacht, des Selbstmitleids (Heideggers „Seinsvergessenheit“ ist ein kontrafaktisches Urteil, dem er sich nur zum Schein selbst unterwirft; die „Seinsfrage“ ist das endgültige Verdammungsurteil). Kontrafaktische Urteile werden bösartig und gemein, wenn sie (im allgemeinen im Interesse der Selbstrechtfertigung, der Entlastung von Schuldgefühlen: im Kontext des pathologisch guten Gewissens) auf andere bezogen, auf die Vergangenheit anderer angewandt werden.
Der Begriff des dreidimensionalen Raums ist eine Funktion der Verräumlichung der Zeit (der Subsumtion der Zeit unter die Vergangenheitsform). Rätsel der Lichtgeschwindigkeit. Ist der Blick zum „Sternenhimmel“ ein Blick in die Vergangenheit? Ist alles Gesehene ein Vergangenes, nicht mehr Erreichbares? Ist die Physik insgesamt ein kontrafaktisches Urteil (Zusammenhang mit Projektion und Paranoia?), und dessen kritische Auflösung die heute notwendige Gestalt einer parakletischen Naturphilosophie?
Was bedeutet es, wenn (auch christliche) Politiker Ereignisse und Taten dem „Urteil der Geschichte“ anstatt dem göttlichen Urteil unterstellen? – Der faschistische Schicksalsglaube ist noch lebendig.
Spenglers Begriff der Sorge (Madonna als Muttersorge; der Staat die Sorge des Mannes, UdA, S. 178): Hat Heidegger Spengler gekannt?
Weltanschauung als Droge.
Wie begründet Heidegger seine Behauptung über die besondere Affinität der deutschen (wie früher der griechischen) Sprache zur Philosophie, und welche Schlüsse lassen sich aus dieser Begründung ziehen (Vgl. Ulrich Sonnemanns Hinweis hierzu)?
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26.12.89
Zum Begriff des Richtens: Ein Gericht wird angerichtet (nach Peter von Matt richtet Hitler bei Heinrich Mann sein Gesicht an); Kinder (und Untäter) richten etwas an (was dann die Automatik des Urteils auslöst). Was hast Du denn da angerichtet?
Der kunstvoll gefügte Bau des Systems kehrt (bei Rosenzweig, „Stern“ Nr. 457) am Ende als Antlitz des Menschen (Gottes?) wieder (und dieses strahlt in die Konstruktion des Systems zurück; ein System von Entsprechungen?). Rechtfertigt das Ergebnis die Verletzung des Bilderverbots? Wenn ja, hängt es dann mit der Anerkennung des Christentums im „Stern“ zusammen?
Hegels Logik als in sich bewegte Geschichte des Absoluten ist in Wahrheit – im wörtlichsten Sinne – Weltgeschichte, Geschichte der Welt (Einheit von genitivus subjectivus und objectivus: diese fast unauflösbare Zweideutigkeit); in sich bewegt ist die Welt, nicht das Absolute, oder vielmehr die Welt als das Absolute; das Jüngste Gericht wird zum Weltgericht (Gericht der Welt; genitivus subjectivus), in dem Gott, Mensch und Dinge angeklagt und verurteilt zugleich sind (allerdings mit unterschiedlichem Resultat des Urteils: Gott fällt nicht unters Urteil, wird unfaßbar; umgekehrt: richtet nicht das über Gott gefällte Urteil den Urteilenden? – hat das „Vorlaufen in den Tod“ im Kontext des Heideggerschen Atheismus vielleicht doch noch eine weit entsetzlichere Bedeutung, als bisher bewußt war?).
Adorno Aktueller Bezug Antijudaismus Antisemitismus Astrologie Auschwitz Banken Bekenntnislogik Benjamin Blut Buber Christentum Drewermann Einstein Empörung Faschismus Feindbildlogik Fernsehen Freud Geld Gemeinheit Gesellschaft Habermas Hegel Heidegger Heinsohn Hitler Hogefeld Horkheimer Inquisition Islam Justiz Kabbala Kant Kapitalismus Kohl Kopernikus Lachen Levinas Marx Mathematik Naturwissenschaft Newton Paranoia Patriarchat Philosophie Planck Rassismus Rosenzweig Selbstmitleid Sexismus Sexualmoral Sprache Theologie Tiere Verwaltung Wasser Wittgenstein Ästhetik Ökonomie