Heideggers Hypostasierung der Frage („… hat das Wesen der Frage nicht begriffen“) ist eine notwendige Folge (und Bedingung) der Fundamentalontologie: Durch die Frage ist die Struktur der Antwort vorgezeichnet; beantwortet wird eine Frage durch eine Aussage, und deren Form ist das Urteil. Die Verweigerung der Antwort durch Verneinung ihrer Form staut gleichsam die Frage auf sich selbst zurück, hypostasiert sie. Genau das ist aber das Wesen der sogenannten Seinsfrage (und war einmal – vor dem Eintritt des „Einig Vaterland“ – das Wesen der deutschen Frage); hieraus zieht der Seinsdenker sein Prestige. Psychologisch bedeutet die Hypostasierung der Frage eine Regression: Fixierung auf die Trotzphase (Zusammenhang mit Rosenzweigs Begriff des Mythos, des mythischen Helden, den die Fundamentalontologie gleichsam in reiner, paradigmatischer Form darstellt). Der Fundamentalontologe ist im R.schen Sinne „stumm“: Unansprechbar und unwiderlegbar Produkt der Verinnerlichung der babylonischen Sprachverwirrung).
Heidegger
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27.04.89
„Die Welt ist alles, was der Fall ist“: Heideggers Geworfenheit unterstellt dem Wittgensteinschen „Fall“ ein „werfendes“ Subjekt. Was ist „der Fall“, welche Funktion, welche Bedeutung hat dieser Begriff? (Repräsentant des Weltgerichts? Ursprung des richtenden Urteils – das ebenfalls „gefällt“ wird? Ist das geworfene Dasein eigentlich das verworfene?)
Verteidigen kann man eine gute Handlung nur bei anderen, niemals die eigenen. Jede eigene Verteidigung ist Rechtfertigung und damit Ideologie. Es genügt das Bewußtsein, daß Schuld (die potentiell schon durch den Zustand der Welt gegeben ist) sich aktualisiert durchs „Beschuldigen“ (durch Projektion), während Entlastung allein aus dem Vergeben folgt.
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22.04.89
Unsterblichkeit, Philosophie (Ontologie) und Nationalismus: In der Heldenverehrung „verehrt“ (d.h. verachtet) das Volk sich selbst (das Objekt, für das der Held auf dem Felde der Ehre sein Leben hingegeben hat). Vermittelt wird dieser Begründungszusammenhang durch die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele, letztlich durch den parmenideischen Satz: Das Denken und das Sein sind dasselbe. (Vgl. Lyotard, S. 44ff)
Hegels Weltgericht ist nicht das Jüngste Gericht, sondern das Gericht der Welt über die Geschichte, reflektierter Ausdruck der heute allgemeinen Überzeugung, daß am Ende die „Welt“, die menschenleere Natur sich durchsetzt; das ist die Grundlage für Heideggers Welt-Begriff, für den Begriff des In-der-Welt-Seins. Nur in diesem Zusammenhang ist das Heideggersche „Dasein“ zu begreifen. Die Welt (als gerichtete) ist das richtende Urteil über die Menschen, die selber die Urteilenden sind, ein Urteil, das jeden Anklang an Barmherzigkeit, jede Vorstellung einer Errettung ausschließt; daher die zentrale Bedeutung der (objektlosen) Angst; hier wird auch der Zusammenhang der Analyse des Man und des Geredes (Objekt/Subjekt des Weltgerichts) verständlich. Die Eigentlichkeit ist nur ein dezisionistischer (intentionaler) Akt, sachlich von der Uneigentlichkeit nicht zu unterscheiden; beide Begriffe bezeichnen nur zwei Seiten eines identischen Sachverhalts. Heideggers Philosophie ist das präziseste Selbstverständnis von Geschwätz.
Kritik des „intentionalen Aktes“: die Gegenständlichkeit, die er voraussetzt, ist die durch Herrschaft vermittelte. Aber auf diesen „Akt“ ist Herrschaft für den, der keinen realen Anteil mehr an ihr hat, reduziert.
Philosophie ist nur ein (vergebliches?) Ankämpfen gegen das Grauen (das mich seit Ende des Krieges nicht mehr verlassen hat; – daher die Last des nicht mehr aufzuhebenden Schweigens, die Angst, daß andere das, was ich sagen müßte, nicht ertragen könnten).
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08.04.89
Die Kriege dieses Jahrhunderts stellen sich in Europa in den Erfahrungen der anderen Nationen (Franzosen, Belgier, Polen, eigentlich aller anderen Völker) anders dar als in der der Deutschen. Trotz der Umkehrung am Ende haben die späteren Sieger den Krieg als Opfer (und ihren militärischen und anderen Widerstand als notwendig, sinnvoll und begründet) erfahren, während die Deutschen – als am Ende bestrafte Täter – entweder uneinsichtig verstockt oder reuig abschwörend ein durchaus verworfenes Kriegsbild in sich tragen, das eine Relativierung nicht mehr zuläßt. Dieses Kriegsbild aber wird zugleich „verharmlost“ (durch Verdrängung seiner Ursachen), weil anders der Schrecken unerträglich wäre. Daß die Existenzgrundlagen der Menschen in Europa, die Anhäufung des Reichtums hier, zu ihrer Erhaltung des Gewaltpotentials, das heute die Welt verdüstert, bedarf, daß andererseits eine Änderung, die die Notwendigkeit der Gewaltdrohung aufhebt, nicht mehr erkennbar ist, diese widersinnige Konstellation macht ihre Erkenntnis fast unmöglich (da sie mit einer unerträglichen und absolut lähmenden Ohnmachtserfahrung verbunden ist). Es aber ebenso unmöglich, diesen Zustand unbegriffen und verdrängt zu halten, da anders die Gefahr unabwendbar erscheint, daß in den Menschen, in der Gesellschaft ein explosives Potential (aus Verdrängung und Projektion) heranwächst, dessen Folgen Auschwitz und Vietnam zu Generalproben herabsetzen werden.
„Gott offenbart sich nicht in der Welt“ (Wittgenstein „Tractatus“, zit. nach Jean-Francois Lyotard „Grabmal des Intellektuellen“, S. 71). Heideggers Philosophie ist atheistisch durch den Begriff des „In-der-Welt-Seins“ und seinen Stellenwert in der Fundamentalontologie: Der Begriff der Welt, obgleich er ein Unendliches bezeichnet, ist endlich gegen das, was „außerhalb“ ist, wobei dieses „außerhalb“ durch die logische Struktur des Kontinuums, das der Weltbegriff bezeichnet, vorgegeben ist (durch die bestimmte Form der Beziehung von Allgemeinem und Besonderem, insbesondere durch die Vorherrschaft des Allgemeinen = Vorherrschaft des Vergangenen); in jedem Falle ist aber Gott „außerhalb“ (da in keinem Sinne „vergangen“). Die Idee vom „Tod Gottes“ ist ein paradoxer Versuch der Rettung der Gottesidee.
Empörung, Verwaltung, Herrendenken, Verblendung und Paranoia.
Kirche und Entkonfessionalisierung der Religion. Konfession (als „Bekenntnis“ wie als Gemeinschaftsbegriff) ist das Gegenteil, die Negation von Kirche. Entkonfessionalisierung stellt den Objekt- und Wahrheitsbezug der Theologie, der Religion wieder her.
Das Wissen konstituiert sich im Verhältnis zur Gesellschaft; Erkenntnisse haben immer auch politische/gesellschaftliche Bedeutung. Die Gründung der Universitäten im Mittelalter hatte nicht nur praktische sondern vor allem Legitimationsgründe. Und der Zerfall der Universitäten heute ist eine Folge des gesellschaftlich-politischen Paradigmenwechsels, der Verlagerung der Zentren der Macht.
Die deutsche Reichstradition hat das Christentum in Deutschland entscheidend geprägt. Während in den übrigen europäischen Ländern (vgl. vor allem England oder Ungarn) das Christentum mit der Institution des Königtums (Erhaltung und Stabilisierung der bürgerlichen Institutionen und Verteidigung der Armen) verknüpft war, hat es diese Tradition in Deutschland nicht gegeben. Die Kaiser- und Reichsideologie hat den Imperialismus ins Christentum eingeführt (Unterschied der David- und Caesar-Tradition).
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02.04.89
Heideggers „Vorlaufen in den Tod“ hängt mit der Objektlosigkeit der Angst zusammen. Es ist präzise die Identifikation mit dem letzten Aggressor, deren Grundlage und Resultat die ontologisierte Angst ist. Umgekehrt ist diese Objektlosigkeit notwendiges Moment der „aufgeklärten“ (= entfremdeten) Welt. Die physikalische Welt ist philosophisch objektlos (nur instrumental, nur System von Mitteln, kein An sich) und insoweit Quelle von Angst (und Paranoia).
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01.04.89
Zur Angst gehört der Schein der Objektlosigkeit; dieser Schein begründet überhaupt erst die Angst und verstärkt sie. Eine Angst, die ihr Objekt kennt, ist keine mehr. Das heißt aber nicht, daß Angst nicht erklärbar, durchschaubar zu machen wäre, nur daß diese Erklärbarkeit an die Verarbeitung der Verdrängungen gebunden ist, d.h. die Überwindung von selber wiederum Angst auslösenden Widerständen zur Voraussetzung hat. Das Angst- und Zweifelverbot, die ebenso katholische wie aufklärerische Gewißheitsforderung (Zusammenhang des cartesischen Zweifels mit dem katholischen Glaubensbegriff) begründen jenen Angstbegriff, der im Zentrum der Heideggerschen Fundamentalontologie steht. Die Objektlosigkeit der Angst begründet zugleich die Objektlosigkeit der Heideggerschen Philosophie.
Angst ist die affektive (theologische) Form des Nichtwissens, das affektive Pendant des Atheismus und zugleich die Quelle paranoider Ersatzobjekte. Eine Theologie, die Angst macht, ist atheistisch. Angst ist der Ausgangspunkt, nicht ein Ziel der Theologie (R’s Nichts repräsentiert diese Angst als Ausgangspunkt.)
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31.03.89
Auschwitz: Nicht wir urteilen über die Vergangenheit (Museum, Historismus, Wertphilosophie), sondern die Vergangenheit ist das Urteil über uns („Umwertung der Werte“). Das aber ist die bis heute unbegriffene Wahrheit des Christus, der sich diesem Urteil unterwirft (abgestiegen zur Hölle, hat alle Schuld auf sich genommen, „richtet nicht …“). – Modell der „Umkehr“.
Heidegger war – gerade als Atheist – katholisch: sein Nachkriegserfolg insbesondere im deutschen Katholizismus war darin begründet, daß er das Modell für ein Überleben der Kirche als Institution geschaffen hat, allerdings um den Preis des Selbstmords der katholischen Theologie, die es seitdem nicht mehr gibt.
Bewußtsein ist – wie das Wissen – abhängig von seinem Gegenstand: etwas strukturell Vergangenem; als Vergangenes ist es etwas sich selbst Entfremdetes, Produkt eines Zerfalls-, Dissoziationsprozesses. Bewußtsein ist selbst der blinde Fleck.
Glauben im Sinne von „etwas für wahr halten“ zerstört seinen Gegenstand, indem er ihn in einen Bereich hereinzieht, in dem dieser Gegenstand sich zwangsläufig auflöst: durch Assimilation an die Gesetze des Wissens, durch Subsumtion unters Vergangene (Theophysik statt Theologie).
Gegen Heidegger: Angst ist nicht objektlos, sondern selber Medium von Erkenntnis, allerdings einer Erkenntnis, die nicht den Gesetzen des Wissens, der Subjektivität sich unterwirft (der im übrigen zynische Satz „Not lehrt beten“ rührt an diesen Sachverhalt und ist insoweit fast wahr). Keine sicherere Abwehr der Erkenntnis, kein besseres Mittel der Selbstverblendung, der Verdrängung als die Tabuisierung der Angst. Diese Funktion der Angst rührt her von ihrer Beziehung zur Schuld. – Die These von einer objektlosen Angst ist das Tabu über Erkenntnis.
Die objektlose Angst und die Reduzierung der Philosophie aufs „Seinsdenken“ gehören zusammen; die Angst, deren Reflexion Heidegger wie der Teufel das Weihwasser meidet, ist es, die die Bewegung des Gedankens, sein Zusammenschrumpfen auf das bloße Sein, vorschreibt und zugleich von jeglichem Schuldbewußtsein befreit (damit allerdings den paranoiden Zwang, genauer: den paranoiden Sog der „Eigentlichkeit“, weiter verstärkt). Übrig bleibt – nach der Abspaltung vom Objekt – nur das Objekt als Korrelat des Denkens, eigentlich nur das leere Denken selber. Und dessen Name ist Sein.
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21.03.89
Intersubjektivität ist nicht Objektivität, sondern nur das Gemeinsame der subjektiven, instrumentalen Vernunft. Diese hat sich – über die Naturwissenschaften, die die Natur diesem Instrumentalisierungs-(Herrschafts-)prozeß unterworfen hat – so tief in der Objektivität selber verankert, daß die Differenz fast unbestimmbar geworden ist. Es gibt keinen anderen Begriff der Vernunft mehr, seit es keinen anderen Begriff der Natur mehr gibt. Der entscheidende Schritt war die kopernikanische Wende.
Der Katholizismus war einmal eine mehr oder weniger glückliche – jedenfalls funktionierende – Symbiose von Herrschaft und Religion. Diese Symbiose ist heute nicht mehr haltbar; sie ist – infolge des historischen Prozesses (in Wissenschaft und Gesellschaft) – Spannungen ausgesetzt, die das System zu sprengen drohen. Helfen kann allein eine historische Selbstverständigung, die durch Erinnerung die selbstzerstörerischen Kräfte, die heute freigesetzt werden, benennt und auflöst: Notwendig ist Erinnerung als therapeutischer Prozeß, der sicherlich schmerzhaft ist, aber allein noch aus der Krise herausführt. Gegenstand der therapeutischen Aufarbeitung sind Dogma, Ritus und Frömmigkeit als Einheit von kollektivem und individuellem Traum, Ziel ist das Aufwachen.
Der Auferstehung geht nach alter katholischer Tradition (die auf die Petrusbriefe zurückgeht) der Abstieg zur Hölle voraus: die heute notwendige Erinnerungsarbeit, Trauerarbeit, die die ganze Geschichte des Antisemitismus, der Ketzer- und Hexenverfolgung mit einschließt, die Christianisierung der Welt, die keine Bekehrung – eher das Gegenteil – war, diese Erinnerungsarbeit hat ihren theologischen Vorbegriff im apostolischen Glaubensbekenntnis: abgestiegen zur Hölle. Nur daß diese Hölle keine vorgegebene, sondern eine von der Christenheit selbst angerichtete war (und weiterhin sein wird, wenn der anders unabweisbare Wiederholungszwang nicht durch Erinnerung aufgelöst wird).
Diese Erinnerungsarbeit ist sowohl eine zwingende Konsequenz aus der Theologie (die Verweigerung ist Atheismus) als auch selber nur in theologischem Kontext möglich. Habermas‘ Abgrenzung von den theologischen, überschießenden naturphilosophisch-messianischen Motiven bei Benjamin wie bei den Frankfurtern ist seine Abgrenzung von der Realität.
Sofern es noch eine Revolution gibt, wird sie in jedem Falle diese Erinnerungsarbeit in sich enthalten müssen. Das Subjekt der Revolution ist nicht mehr so dingfest zu machen, wie Marx es anhand seiner Kapitalismuskritik logisch stringent getan hat, nämlich am Proletariat; die Revolution, wenn sie ihre vergangenen Fehler vermeiden will, wird die Erinnerung an die Unterdrückten, Geschändeten, Ausgebeuteten und Ermordeten der Vergangenheit, die Erinnerung an die Toten mit einschließen müssen; nur so ist es vielleicht möglich, Herrschaft an ihren Wurzeln (an ihrem Naturgrund) zu entschärfen.
Heideggers Vergewaltigung der Sprache (sein Antichristentum) ist auch eine Strategie des Vergessens, der Entlastung von den Beschwernissen der Vergangenheit. Der Begriff „Seinsvergessenheit“, den er allen entgegenschleudert, die nicht vergessen wollen oder können, drückt das genau aus.
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20.03.89
„Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet.“ – Heideggers Denunziationen (der alltäglichen Verfallenheit an das „Man“, des „Geredes“, der „Uneigentlichkeit“) sind eigentlich Projektionen, sie treffen ihn selber. Sachlich und logisch sind alle einschlägigen Heideggerschen Kategorien Reflexionsbestimmungen, d.h. austauschbar: Ausdruck ihres eigenen Gegenteils. Und es ist nur dem Heiggerschen taktischen Geschick zu danken, wenn es ihm gelingt, das zu verbergen, unkenntlich zu machen. Der Preis allerdings ist hoch: das Versinken der Philosophie im Mythos, im Schicksals- und Schuldzusammenhang, den H. dann selbst sich noch als besonderes Privileg zurechnen kann.
Grund ist der unmögliche Versuch, den Gegenstand der Metaphysik zum Gegenstand des Urteils (des Wissens) zu machen, der nicht zufällig in der Hypostasierung der (antwortlosen und deshalb „wesentlichen“) Frage endet: Mit diesem Hammer erschlägt er alle. In der letzten Konsequenz des mythischen Schuldzusammenhangs kann nur einer der Herr sein: der, dem es gelingt, im Schuldverschubsystem „oben“ zu bleiben; das ist der Trick, den H. in vollständiger Selbstverblendung dann auch auf den beginnenden Faschismus anzuwenden versucht hat. Darauf bezog sich der Satz: Nur wer groß denkt, kann groß irren.
Es ist das Verdienst Heideggers, daß er error in principio der Philosophie endgültig kenntlich gemacht hat.
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07.02.89
Sorge ist Ausdruck der Anbetung des Seins, der „Entsprechung“, der „Hörigkeit“, schließlich der „Gelassenheit“ (gegenüber dem Sein, nicht gegenüber der Freiheit). Die Sorge sorgt sich um das Sein (Hirte des Seins – nicht zufällig der Anklang an das katholische Hirtenamt, das Heidegger für sich wohl im Hinblick auf den deutschen Faschismus angestrebt hatte), nicht um die Opfer des „Seins“; sie ist die ins System eingebaute Verhinderung jeglicher Empathie, in letzter Instanz die Selbstzerstörung des moralischen Subjekts, des Gewissens (sie ist der systemimmanente Repräsentant des Antisemitismus).
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23.10.88
Es scheint eine von Heidegger-Adepten immer wieder gemachte Erfahrung zu sein, daß man beim Lesen glaubt etwas zu begreifen, das sich dann wieder verflüchtigt, eine Erfahrung, die zweifellos süchtig machen kann. Und Heidegger-Adepten erwecken nicht selten den Eindruck von Süchtigen.
Das scheint zusammenzuhängen mit (offensichtlich von Heidegger selber) undurchschauten Tricks, zu denen H. gezwungen ist, und in die er seinen ganzen analytischen Scharfsinn legt, die nichts anderes bezwecken, als den Schein aufrechtzuerhalten, Reflexionsbegriffe seien fähig, ein An sich auszudrücken. Ein lernfähiger und lernbereiter Blick in Hegels Logik hätte genügt, diesen Schein aufzulösen.
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22.10.88
Heideggers Philosophie ist ein Modellfall für die Mechanismen von Projektion und Verleugnung: Das Fascinosum, vom Begriff des Seins über Kategorien wie Eigentlichkeit, Entschlossenheit u.ä., ist der Duftstoff, der genau in die Bereiche herein(ver-)führt, die er dann diskriminiert. Die Bindung, die ihre Anhänger fesselt, besteht aus einer ebenso trüben wie wirksamen Mischung aus Selbsterhöhung und Selbstverachtung (verdrängter Schuld); es ist die gleiche Bindung, die den Zusammenhang des Mythos herstellt und definiert. Charakteristisch das Verhältnis zur Schuld: Es gibt keine Unschuld; soweit es Schuld gibt, ist sie infolge des projektiven Denkens nicht zurechenbar. Hier sind die gleichen Mechanismen wirksam, die nach dem Krieg geholfen haben, den Faschismus zu verdrängen.
Die gleichen Konstellationen durchziehen die gesamte Geschichte der Philosophie: Heidegger macht gleichsam den Geburtsfehler der Philosophie zu ihrem einzigen Inhalt. Es ist der gleiche Zusammenhang, aus dessen Kritik F.R. seine Philosophie gewinnt. Hier liegt die einzige Gemeinsamkeit beider.
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