Islam

  • 21.06.90

    Verhältnis von Bekenntnis (Konfession), Lehre, Verkündigung? Ist eine entkonfessionalisierte Kirche noch fähig, den sogenannten „Verkündigungsauftrag“ wahrzunehmen, ist der „Missionsauftrag“ überhaupt noch sinnvoll und begründbar („Judenmission“; Probleme der Islammission; Probleme der Missionserfolge bei den vorzivilisatorischen Völkern, bei den Stammesgesellschaften; Mission und Kolonialisierung; Mission und Geschichte der Sozialisation, M. und Ethnologie; Probleme nach Herstellung der „Einen Welt“, Genesis der zweiten/dritten Welt; Missionsland Europa). Rückwirkung auf das Selbstverständnis der Theologie; was heißt „in alle Welt“? Wäre ein entkonfessionalisierter „Missionsauftrag“ nicht der Auftrag zur Welt-Kritik, zur Ausbreitung des parakletischen Denkens?

    D.’s Verinnerlichung, Entrealisierung und Enthistorisierung der Schuld, sein Konzept einer ubiquitären „j Urgeschichte“ hat u.a. auch den Nebeneffekt der Relativierung von Auschwitz. Wenn Auschwitz mit dem (historischen, nicht nur innerlichen, psychologischen, archetypischen) Sündenfall zu tun hat, dann darf dabei die Geschichte, die Veränderung, die z.B. allein schon in der veränderten technischen Dimension, in der veränderten Gestalt der Naturbeherrschung (Grund und Reflex der gesellschaftlichen Strukturverschiebungen) sich ausdrückt, nicht unterschlagen werden: die reale Geschichte.

  • 13.04.90

    Am Ende kommt es heraus: Das Christentum war seit Beginn seiner Instrumentalisierung auch eine blasphemische Bild-Religion (der Bildersturm – und in anderer Beziehung auch der Islam – ein ohnmächtiges, weil den Ursprung und den Kontext nicht begreifendes Aufbegehren dagegen). Bild und Dogma sind zwei Seiten der gleichen Sache: ihr Zusammenhang rührt her von der Verdrängung der gleichen Schuld, deren Reflexion die eigentliche Quelle theologischer Inspiration wäre (das Dogma verstößt gegen das Bilderverbot).
    Aus dem gleichen Grunde ist die christliche Sexualmoral erwachsen: Ihr Ursprung ist zu begreifen aus dem Zusammenhang von Entfremdung, Lust und Macht. Die Verteufelung der Sexuallust meint bewußt-unbewußt (mit bewußter Ambivalenz jedenfalls) eigentlich die politische Macht, die Lustverführung der Macht, deren letzter Abkömmling das pathologisch gute Gewissen ehemaliger Nazis ist. Das technologisch (durch die neueren Verhütungstechniken, nicht im Kontext realer Befreiung) begründete Tabu auf der Lustkritik verstärkt den politischen Schuldzusammenhang durch Stabilisierung des Konsumzwangs als Phantasmagorie der Befreiung. Insbesondere: Die Reduzierung der Moral auf ein Anklage- und Urteils-System (unter Verletzung des Gebots: „Richtet nicht …“), verstellt mit dem Verlust der Bereitschaft und der Fähigkeit zur Empathie (dem Grund des parakletischen Denkens) den spekulativen Kern und die theologische Wahrheit der patristischen Sexualtheorie. Die Sexualmoral ist verinnerlichte und deshalb verhexte politische Philosophie.
    Vor diesem Hintergrund wäre das Verhältnis von Psychoanalyse, Religion und Politik zu überprüfen. Die falschen Harmonisierungen von Jung bis Drewermann unterschlagen und neutralisieren, was Freud in „Totem und Tabu“, „Die Zukunft einer Illusion“ und „Der Mann Moses“ hierzu mit großem Ernst erarbeitet hat; sie verfallen der (politisch und moralisch reaktionären) Lust am Urteil (im übrigen nach dem gleichen Schema, dem die Sexualmoral sich verdankt). Der entscheidende Punkt dürfte in der Einsicht liegen, daß Verdrängung nicht allein ein innerlicher, psychologischer Vorgang ist, sondern primär ein objektiver, gesellschaftlicher. Die Objektivität der Verdrängung ist der gesellschaftliche Schuldzusammenhang, im Kern der Sexismus: Hier hängen politische und Sexualmoral zusammen, mehr noch: sind sie eins.
    Hinzu kommt, daß die Verinnerlichung und Psychologisierung selber begründet sind in der Objektivierung der Subjektivität: in der Geschichte der Naturwissenschaft (die die Entstehung des Schuldzusammenhangs in der Gesellschaft ebensosehr voraussetzt und begleitet wie begründet).
    Die Theologie droht heute zu verschwinden, weil die Einsicht in diese Zusammenhänge zu nahe gerückt ist. Kann es sein, daß dieses Verschwinden der Theologie die einzige Möglichkeit ihrer Rettung wäre?

  • 17.03.90

    Wenn Heidegger den Geburtsfehler der Philosophie (die Ontologie) zu ihrem einzigen Inhalt gemacht hat, dann Luther den Geburtsfehler der Theologie (die „Rechtfertigung“) zur deren einziger Grundlage. – Genesis der Fundamentalontologie und des Fundamentalismus (Fundamentalismus und Antichrist: das Mittelalter, die Heiden und die Juden; Geschichte der Beziehung von Islam und Christentum).

    Rechtfertigung und Bekenntnis.

    Die Frage „was ist Wahrheit“ ist obsolet geworden als Frage des Pilatus, der dann übrigens die Hände in Unschuld gewaschen hat (wie in den katholischen Kirchen die Priester während der Messe: „lavabo inter innocentes“ – Ursprung des pathologisch guten Gewissens und des kirchlichen Antisemitismus: Verschiebung der Schuld von Pilatus auf die Juden; Grundlage des Ursprungs der Orthodoxie, der Vorstellung von einer exkulpierenden Kraft der rechten Lehre; Ursprung des Bekenntnisbegriffs).

    Im Gegensatz zum Begriff der Unschuld (einer Kategorie des Seins oder des Mythos), ist der der Gerechtigkeit (einer Kategorie des Handelns) ein theologischer Begriff. Nicht zufällig erinnert der Begriff der Unschuld an den Bereich der Sexualmoral, während seine Anwendung im Bereich der politischen Moral (im Gegensatz zur Anwendung des Begriffs der Gerechtigkeit) unmöglich ist (es sei denn als Anwendung auf einen marginalen Objektbereich der Politik wie den der Armen, der Außenseiter, derer, die nur noch herausfallen wie z.B. die Asozialen, die Penner). Unschuldig ist nur der, dem das Handeln unmöglich geworden ist, während der Handelnde der Gefahr, schuldig zu werden, nicht entgehen kann, und die Gerechtigkeit nicht auf Unschuld (einen Bereich vor der Schuld), sondern auf Befreiung (einen Bereich jenseits der Schuld: auf die Auflösung des Schuldzusammenhangs) abzielt. Auf diesen Zusammenhang bezieht sich die Lehre von der Sünde wider den Heiligen Geist: parakletisches (verteidigendes) Denken.

  • 28.01.90

    Die Projektion in die Vergangenheit (Bedingung des Wissens) wirkt sich unterschiedlich auf Mensch Welt Gott aus: die Welt wird begründet, konstituiert sich, der Mensch wird böse, Gott verschwindet.

    Der Katholizismus (und seine konfessionellen Derivate, zu denen – nach der Gegenreformation (nach dem Barock) – auch der Katholizismus selbst gehört) krankt daran, daß die moderne Aufklärung, der gesellschaftlich und wissenschaftliche Objektivationsprozeß, der Theologie den Boden entzogen hat; die Anpassung an den szientifischen Wahrheitsbegriff hat die Probleme nicht gelöst, sondern vergrößert. Die verschiedenen Kirchen halten nur verschiedene Lösungsversuche in diesem fortschreitenden Auflösungsprozeß fest (Wiederbelebungsversuche nach Eintritt der Verwesung?).

    Hat die mittelalterliche Kirche in der Auseinandersetzung mit dem Islam (Kreuzzüge, Summa contra gentiles) im Islam das Zerrbild ihrer eigenen Vergangenheit bekämpft, verdrängt und zugleich in sich aufgenommen (Identifikation mit dem Aggressor – genauer)? Ist hier jener Konfessionalismus entstanden, der dann die Kirchen von innen zerstört hat (Begriff der Offenbarung, des Islam, des Kismet)?

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