Justiz

  • 29.12.1994

    Damnare heißt jemanden mit einem damnum belegen, ihm etwas von seinem Vermögen nehmen (Benveniste, S. 64). Damnare = verurteilen verweist auf das Eigentumsproblem und seine Konnotationen. Ist das Urteil nicht die Enteignung, die Ausbeutung, die Einbeziehung in den kollektiven Schuldzusammenhang?
    Ist nicht die Vater-Imago der Spiegel und der Katalysator des göttlichen Zorns (Vater und Kelch)? Als Gott den Menschen männlich und weiblich schuf, schuf er ihn im Bilde seiner Attribute (Gericht und Barmherzigkeit)?
    Was ist der Unterschied zwischen Haupt und Angesicht? Haben behaupten und enthaupten etwas mit einander zu tun? Ist nicht das Haupt das Angesicht von allen Seiten, das verdinglichte Angesicht? Zu den Häuptern gehören Kronen, zum Angesicht der Blick und das Wort. Welchen Kranz trugen die Caesaren (sh. die Dornenkrone Jesu)?
    Bereschit, im Anfang: Das be- bezeichnet das In, das reschit den Anfang? Hat das reschit ähnliche Konnotationen wie das griechische arche (Anfang, Ursprung, Ursache, Schuld)?
    Zur Rekonstruktion des Strafrechts: Diskriminiert der Staat nicht in den Strafrechtstatbeständen seine eigenen Taten an den Opfern? Ist nicht das Strafrecht ein Stück projektiver Verarbeitung der eigenen Wurzeln?
    Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand: wäre sie’s, würde sie dazu zwingen, das Strafrecht auf sich selber anzuwenden, nämlich als eine projektive Verfolgung der eigenen Verbrechen an anderen (Schuldverschubsystem). Das hat Carl Schmitt gesehen, und daraus die faschistische Konsequenz gezogen.
    Als Jesus die Sünde der Welt auf sich nahm, hat er dem Staat die Grundlage entzogen. Das war die causa prima seiner Verurteilung.
    Jesus ist in Bethlehem (im Haus des Brotes) geboren, er war ein Nazoräer (und hat in Nazareth gelebt), und in Kana (bei der Hochzeit von Kana, bei der man vom Brautpaar fast nichts hört, wohl von den Dienern und vom Kellermeister) hat er Wasser in Wein verwandelt.
    Zweck der Universitäten war seit ihrem Ursprung die Selbstlegitimation des Bestehenden. Das gilt auch für die Geschichte der Theologie seit dem Ursprung der Scholastik. Seit Kant, der an die Stelle der „Schulphilosophie“ die „Weltphilosophie“ gesetzt hat („kopernikanische Wende“), leistet die Welt (der Weltbegriff) diese Selbstlegitimation.
    Zum Begriff der Vergangenheit vgl. Benjamins Engel der Geschichte, zu dessen Füßen die Trümmer der Vergangenheit sich häufen, und Horkheimers Frage, ob sich auf einem solchen Leichenberg überhaupt noch die richtige Gesellschaft errichten lasse. Reinhold Schneider wollte als toter Hund am Fuße des Kreuzes begraben sein.

  • 12.12.1994

    Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand: Im Recht gibt es Unrechts-Tatbestände, die mit dem Mitteln des Rechts nicht zu beheben sind, vergleichbare Probleme gibt es in der Ökonomie (im Bereich des Geldes) und in der Wissenschaft (im Bereich des Wissens).
    Daß das Rechtsstaatsprinzip die Anwendung politischer Prinzipien nicht ausschließt, läßt sich an der unterschiedlichen Behandlung der Nazi-Richter gegenüber den SED-Richtern erkennen. Das, was die Nazi-Richter getan haben, war sicher im Effekt schlimmer als das, was man das Unrecht des SED-Staates nennen muß. Nur: Die Nazi-Justiz war (dank eines eingebauten Rechtfertigungssystems) schlau genug, sich an die formalen Grundsätze des Rechts zu halten, die ihre Taten rechtlich „unbeweisbar“ gemacht haben.
    Zum Begriff des Tieres: Sein logischer Kern ist das Prinzip der Selbsterhaltung (dem das „Leben“ aller gesellschaftlichen Institutionen, auch der kirchlichen, sich verdankt); das gegenständliche Korrelat der Selbsterhaltung bezeichnet der Natur- und der Weltbegriff (Tiere haben eine Welt).
    Beitrag zur Grammatik: Der Tod Jesu war kein Mord, und das Todesurteil gegen ihn war nicht das Produkt einer Rechtsbeugung. Dafür hat der Tod Jesu Politik und Recht, und mit ihnen den Staat insgesamt, in den Akkusativ versetzt. Und das (mitsamt seinen durchsichtigen weltgeschichtlichen Folgen) war der Kelch, von dem Jesus wünschte, er möge an ihm vorübergehen. Hier liegt die Wurzel der Selbstbegründung der subjektiven Formen der Anschauung (des Inertialsystems).
    Dieser Akkusativ ist hat den Kreuzestod Tod Jesu selbst verhext: Mit der Vergegenständlichung des Staates (die ein sprach- und vernunftgeschichtlicher Vorgang war) ist der Grund für die Objektivation des Kreuzestodes gelegt worden (für die Opfertheologie, die Vergöttlichung Jesu und die Trinitätslehre, für das Dogma und die Bekenntnislogik, letztendlich für die Konstruktion der Kirche). Hat dieser Akkusativ etwas mit dem Namen des Petrus zu tun, mit dem Felsen, auf den ER seine Kirche bauen wollte?
    Das Dogma, die hierarchische Struktur der Kirche und die Konstruktion der sakramentalen „Heils“-Vermittlung waren Instrumente zur Rettung des Grundes und der grammatischen Konstruktion der flektierenden Sprache (zwangshafte Spiegelung und Wiederholung des Turmbaus zu Babel).
    Ist die Person nicht wirklich Eigentum des Staates und der Personbegriff in sich selber politisch (herrschaftsgeschichtlich) vermittelt? Der Instinkt der Rechten heute steht unter dem Gesetz dieser Zwangslogik: Ausländer sind Unpersonen, haben kein Existenzrecht.
    Ist nicht jede Berufung auf die „Tatsachen“ hoffnungslos (und ist das nicht ein gelegentlich erwünschter Effekt: den andern die Hoffnungen auszutreiben)? Genauer: sie ist kleingäubig, hoffnungslos und unbarmherzig.
    Der Satz über Rind und Esel bei Jesaias ist ein Hinweis auf den Mechanismus, dem es sich verdankt, daß der Komfort-Zug, in dem wir sitzen, den Abgrund, auf den er zurast, selbst erzeugt.
    Der Marxsche Satz, es käme darauf an, die Hegelssche Philosophie vom Kopf auf die Füße zu stellen, hat etwas mit dem Begriff der Umkehr zu tun.
    Unvorstellbar, heute noch Mitglied einer politischen Partei zu werden. Wenn überhaupt, dürfte es in keinem Falle um die „Identifikation“ mit einer Partei (mit ihren Zielen) gehen, sondern um die Frage, ob die Mitgliedschaft die Möglichkeit eines ändernden Eingriffs bietet. Diese Möglichkeit wäre in einer rechten Partei grundsätzlich ausgeschlossen, in der SPD (aber auch in einer anderen „linken“ Partei) aufgrund ihrer Organisationsstruktur und ihres Selbstverständnisses fast unmöglich, in der FDP durch ihren – wie es scheint – irreversiblen Trend zum Neoliberalismus real unmöglich. Die Grünen sind durch ihren ökologischen Konkretismus zu harmlos, im Kern unpolitisch. Bleibt etwa nur die irrsinnige Möglichkeit in einer CDU, die durch ihre eigene Umkehr zum Ferment einer Änderung der Gesellschaft werden könnte? Ist es nicht vielleicht die logische Konsequenz aus der vertrackten Situation, in der die SPD von innen, die CDU hingegen von außen nicht mehr zu erreichen ist?
    Lassen sich beiden theologischen Konstrukte, daß
    – Gott die Welt erschaffen und
    – Jesus durch sein Leiden und seinen Tod die Welt entsühnt hat,
    noch durch eine andere Logik als als die der Selbstbegründung und Selbstrechtfertigung der Bekenntnislogik (als Stützen eines Verdrängungssystems) zusammendenken? Die theologische Rezeption des Weltbegriffs hat außer dem des Opfers der Vernunft und der Selbstverfluchung keinen Ausweg mehr gelassen.

  • 16.11.1994

    Als Alexander den gordischen Knoten durchschlug, begründete er die Weltherrschaft: als Herrschaft der Welt über die Welt. Genau hier, in dieser Konstellation, entspringt der Weltbegriff.
    War nicht der Faschismus – ähnlich wie in der politischen Ökonomie – auch im Bereich der Wissenschaften ein Modernisierungsschub?
    Wenn man von den Kirchen absieht, ist die Aufarbeitung der Vergangenheit in zwei Bereichen bis heute nicht gelungen: in der Justiz und an den Universitäten, wobei das Problem in beiden Fällen nicht in den Personen, sondern in den objektiven Strukturen liegt, und in den Personen nur insoweit, als sie über die Rechtfertigungszwänge, unter denen sie stehen, diese Strukturen wesentlich bestimmt haben und noch bestimmen. Notwendig wäre die Reflexion des Ursprungs und der Wirkungsweise dieser Rechtfertigungszwänge. Diese Reflexion aber führt mitten in die Theologie hinein.
    Die Idee des Absoluten: Das ist der brennende Dornbusch, der vom mosaischen nur dadurch sich unterscheidet, daß in ihm Gott zum Verstummen gebracht wird. In ihm ist das Feuer aufgespalten in Trunkenheit und Unzucht.
    Ist nicht der Weinstock der Baum des Noach? Wessen Baum ist dann der Feigenbaum? Vor dem Feigenbaum und dem Weinstock wird in der Jotam-Fabel dem Ölbaum die Königswürde angetragen, danach dem Dornbusch (Reihenfolge: Ölbaum, Feigenbaum, Weinstock, Dornbusch).
    Wenn die Attribute Gottes nicht im Indikativ, sondern im Imperativ stehen, bedeutet das nicht, daß die Gotteserkenntnis über die Erkenntnis der Imperative (des Einen, das nottut) läuft: nicht über die Ontologie, sondern über die Ethik als prima philosophia? Das aber heißt, daß wir lernen, auf die Stimmen zu hören, die „zum Himmel schreien“. (Gott ist kein Schlafmittel, sondern ein Erwecker.)
    Die Umkehr (Rosenzweigs Bild von dem Koffer): Ist das nicht die Beziehung von Indikativ und Imperativ?
    Ableitung des Charismas: Ohnmacht exkulpiert; der Ohnmächtige kann nicht eingreifen, deshalb ist er entschuldigt. Das aber geht nur, wenn er alle Last auf den vergöttlichten Heros abwälzt (der die „Sünde der Welt hinwegnimmt“), in seiner Folge auf den König, und schließlich auf jeglichen Führer. Besteht sein Charisma nicht darin, daß er das Funktionieren des Exkulpationsmechanismus garantieren, daß er allen Ohnmächtigen die Last abnehmen soll? Die Sündenböcke werden in den Knästen, den Anstalten des Strafvollzugs, geopfert. Das gesellschaftliche Strafbedürfnis ist ein Maß für das Nichtfunktionieren der Exkulpationsmechanismen.
    Zum Begriff der Sinnlichkeit: Hat die Identität von träger und schwerer Masse etwas mit der von Masse und Energie zu tun (sind Äquivalenz und Identität identisch)? Und wie hängt der physikalische Materiebegriff mit dem ökonomischen, das Trägheitsgesetz mit dem Tauschprinzip, zusammen (und wie mit dem sonstigen Gebrauch des Materiebegriffs, mit dem Begriff des „Materialismus“: Ist die Materie ein Produkt der Urteilslust)? Steckt im Ursprung des Materiebegriffs (des Stoffs, aus dem die Dinge gemacht sind) nicht auch das Geld, und seit dem Ursprung der Lohnarbeit das Kapital? Ist nicht im Materiebegriff teleologisch der Begriff des Kapitals angelegt und vorgebildet?

  • 11.10.1994

    Nicht „Nach uns die Sintflut“, sondern „Nach uns der Urknall“ (der in der derzeitigen Entwicklung der Moral sich ausbildet und heranreift) bezeichnet den gegenwärtigen Weltzustand.
    Zu dem Satz „Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand“ gehört der andere: Juristische Personen können nicht festgenommen und nicht in Haft genommen werden.
    Was haben juristische mit ästhetischen Personen gemeinsam (ein Beitrag zum Problem des Ursprungs des Objektbegriffs und zum Begriff der Ästhetik)? Juristische Personen sind Objekte im Geldraum; diesen aber gibt es, seit es Schulden gibt. Was war eher da: Schulden oder Privateigentum?
    Oder: Institutionen sind Vorläufer und Entsprechungen des Inertialsystems.
    Im Begriff des Scheins zitiert Hegel das Inertialsystem (gegen das er die List der Vernunft setzt), und mit diesem Begriff dringt die Ästhetik in Hegels Logik ein (Folge der Transposition der Antinomien der reinen Vernunft aus der transzendentalen Ästhetik in die transzendentale Logik).
    Der Begriff einer unsterblichen Seele ist ein Produkt der Logik der Schrift und zugleich der reinste Ausdruck des Schreckens: Ursprung der Höllenvorstellung. Ist die Hölle nicht der Erbe der verdrängten und zugleich christlich verdinglichten „Unheilsprophetie“, und hat nicht der Antijudaismus im Bild des Juden seit je die arme Seele als Teufel angesehen?
    Käme es nicht heute darauf an, den Begriff des Glaubens aufzulösen und den der Treue wiederzugewinnen: die Wahrheit aus der Theorie in die Praxis zurückzuholen?
    Der Hinweis Emmanuel Levinas‘, daß die Attribute Gottes nicht im Indikativ, sondern im Imperativ stehen, wäre zu erweitern: Auch der Indikativ gewinnt durch seine Anwendung auf Gott imperativische Bedeutung und Funktion, und genau darin liegt das Verführungspotential einer Theologie hinter dem Rücken Gottes.
    Ist nicht die Idee des Absoluten eine Vergegenständlichung des imperativen Charakters der Attribute Gottes (die so ihres Inhalts beraubt, formalisiert und für weltliche Herrschaftszwecke verfügbar gemacht werden); oder ist nicht die Idee des Absoluten die Vollendung dessen, was Paulus das Gesetz nennt?
    Greuel am heiligen Ort: Der Grad der Vergesellschaftung von Herrschaft ist ein Maß für die Nähe des Gottesreichs.
    Wie wäre es mit dem schönen Titel: Die Rückseite Gottes? Weder Angesicht, noch Name: Die Rückseite Gottes ist das Feuer.
    Müßte nicht die raf die Sünde des Paulus zurücknehmen (verweist vielleicht der „Stachel im Fleisch“, von dem Paulus in 2 Kor 127 spricht, auf diese „Sünde“: seinen niemals öffentlich bekannten Anteil an dem Tod des Stephanus)? Und gründet nicht beides in der opfertheologischen Verarbeitung des Kreuzestodes (Grund jeglicher Apologetik)? Ist nicht das paulinische Bekenntnis, er habe vor seiner Bekehrung „die Kirche verfolgt“, zu abstrakt im Hinblick auf seine Rolle beim Tod des Stephanus; und ist dieses „Bekenntnis“ nicht das Modell der kirchlichen Apologetik im Anblick ihrer eigenen Vergangenheit?
    Haben die sieben Köpfe des Drachen und des Tieres aus dem Meer etwas mit den sieben unreinen Geistern und den sieben Siegeln zu tun?
    Was heißt „Roß und Reiter nennen“? Der Ausdruck ist gleichbedeutend mit dem Wort „die Dinge beim Namen nennen“. Hat das etwas mit dem „feurigen Wagen mit feurigen Rossen“ (2 Kön 211) und mit dem Schrei des Elisa „Wagen Israels und sein Reiter“ (ebd. 212) zu tun?

  • 3.10.1994

    Theologie beginnt, wenn endlich einmal nicht mehr die Substantive großgeschrieben werden, sondern allein der Gottesname: wenn Erkenntnis aus dem Bann der Verdinglichung heraustritt.
    Das Substantiv ist eine Steigerung des Nominativ und setzt die Trennung des Nominativ vom Akkusativ voraus (wie sie im Deutschen nur dem Maskulinum, nicht jedoch dem Femininum, eignet, während die griechische und lateinische Sprache die Grenze zwischen Person und Sache legt (nur das Neutrum kennt die Identität von Akkusativ und Nominativ), in den anderen modernen Sprachen erstreckt sich die Neutralisierung des Nominativ, seine Angleichung an den Akkusativ, auf die gesamte Deklination.
    Müßte man nicht in Anlehnung an die „Haupt- und Staatsaktionen“ (im barocken Trauerspiel) die Substantive (die ebenfalls dem Barock sich verdanken) Haupt- und Staatswörter nennen? Die Substantive sind Ausdruck einer Staatsmetaphysik, zu der auch der Titel des Staatsanwalts (dessen sprachlogischer Grund eine eigene Untersuchung verdiente) gehört.
    Die „Schamlosigkeit der Glaubensbekenntnisse“ (Levinas: Schwierige Freiheit, S. 70) ist eine Konsequenz aus der Logik der Schrift – wie auch die Verinnerlichung der Scham, die zum Kontext des Ursprungs der modernen Naturwissenschaften gehört und den Konfessionalismus begründete: Sie ist Teil einer Phase der Geschichte der Logik der Schrift und gehört (wie der Kreuzestod und wie die Ärgernisse, die kommen müssen) zur „Erfüllung der Schrift“. Das letzte Produkt der Verinnerlichung der Scham (und der darin gründenden Schamlosigkeit) ist der Skinhead. Hier hat die verinnerlichte Scham das Subjekt ausgebrannt; dafür rächt es sich an den andern. Das Angeblicktwerden erinnert an die verdrängte Scham und ist deshalb unerträglich und Auslöser der Aggression.
    „Herr der Himmelsheere“: Ist das nicht der Herr und Adressat der Engelschöre? Sind die Engelschöre die Himmelsheere?
    Rührt der Name des Himmels nicht an das gleiche Problem, das im Deutschen im Verhältnis des Femininum zum Plural steckt: Die Deklination des bestimmten Artikels im Femininum singular ist identisch mit der allgemeinen Plural-Deklination. Ist hier nicht die Grenze, an der das Verhältnis von Einzelnem und Allgemeinem aus dem starren Subsumtionsverhältnis des Begriffs sich löst und in ein Umkehrverhältnis transformiert wird? Der Begriff der Materie verdankt sich der Abstraktion von diesem Umkehrverhältnis, dessen gegenständliches Korrelat die Feste des Himmels ist (deren Ausdruck ist das Gravitationsgesetz): Die Materie ist das gleichnamig gemachte Ungleichnamige.
    Grenzen der Beweislogik, Zeuge und Zeugnis: Selbst die Gestalt des Märtyrers ist vor Mißbrauch nicht geschützt: Die „Heldenfriedhöfe“ machen von diesem Konstrukt Gebrauch, wenn sie den „Heldentod“ zum Zeugnis für die Wahrheit des Bekenntnisses zur Nation instrumentalisieren. Das war der Hintergrund und die Basis der faschistischen Parole „Blut und Boden“. Mit Hilfe dieses Konstruktus schirmt der Nationalismus gegen jede Kritik sich ab, wenn er auf den Tod und das Blut der Helden sich beruft. Das Blut der Helden heiligt den Boden, auf dem es vergossen wurde.
    Vgl. hierzu
    – den biblischen Satz von der Erde, die „der Schemel Seiner Füße“ ist,
    – die Zerstörung dieses Satzes durch das Institut des Privateigentums, die den Boden zur Ware vergegenständlicht (Staat, Eroberung und Handel),
    – die logische Sanktionierung dieses Vorgangs durch die naturwissenschaftliche Vergegenständlichung der Welt, durchs Inertialsystem.
    Die Kopernikanische Wende hat durch Identifikation von Last und Joch im Begriff der Materie Gottes Thron und den Schemel Seiner Füße zerstört.
    Grundsätzlich obliegt im Rechtsstreit die Beweispflicht der Anklage und nicht der Verteidigung; der Verteidigung obliegt sie nur aufgrund der gleichen Lücke in der Beweislogik, der auch das Faktum, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist, sich verdankt. Auf dieser Grundlage wäre (gegen Carl Schmitt) nachzuweisen, daß wirkliche Souveränität im Gnadenrecht, nicht im Exekutionsrecht sich manifestiert.
    „Ich werde euch den Beistand senden“: nicht zur Selbstverteidung, sondern zur Verteidigung der Barmherzigkeit, zur Verteidigung des Glücks, das der Erfüllung des tiefsten Wunschs der Menschen sich verdankt, endlich uneingeschränkt gut sein zu dürfen.
    Wenn die Theologie hinter dem Rücken Gottes Gott autistisch macht, und wenn es stimmt, daß die Attribute Gottes nicht im Indikativ, sondern im Imperativ stehen, dann liegt die eigentliche Wirkung dieser Theologie darin, daß sie nicht Gott, sondern die Gläubigen zum Autismus verführt. Bezieht sich der Satz vom Binden und Lösen auf diesen Sachverhalt?
    Die Philosophie wird zur monologischen Theorie dadurch, daß sie nur das Denken des Andern ins eigene Denken mit aufnimmt (durch die noesis noeseos, die sich bei Kant zur Erkenntniskritik entfaltet), nicht aber die Barmherzigkeit, das Votum für die Armen und die Fremden, die „Witwen und Waisen“. Das Denken des Denkens konstituiert sich im Verhältnis zur Natur, es verkörpert, vergegenständlicht, materialisiert sich im Weltbegriff (der die Barmherzigkeit a limine aus dem Begriff der Erkenntnis ausschließt). Es schlägt seine Wurzeln im Subjekt in den subjektiven Formen der Anschauung. Diese Wurzeln sind die Wurzeln des Baumes der Erkenntnis und das Instrument der Vergesellschaftung zugleich.
    Emmanuel Levinas hat die These Hermann Cohens, wonach die Attribute Gottes keine Attribute des Seins, sondern des Handelns sind, verschärft: Ihm zufolge stehen die Attribute Gottes nicht im Indikativ, sondern im Imperativ (Schwierige Freiheit).

  • 2.10.1994

    Der Esel war kein Opfertier; zur Auslösung der Erstgeburt des Esels wurde ein Lamm geopfert (Ex 1313).
    Dt 2210: Die Trennung von Joch und Last sprengt das Inertialsystem und seine Begründung, die Gravitationstheorie. Sie enthält neben der Kritik der Raumvorstellung auch die Elemente einer Kritik der unvermittelten politischen Anwendung der Marxschen Theorie: Hängt nicht die mangelnde Unterscheidung des Tauschprinzips vom gesellschaftlichen Schuldzusammenhang (des Tauschprinzips und der Schuldknechtschaft) mit der Vorstellung zusammen, daß Recht und Gerechtigkeit kompatibel seien, wobei übersehen wird, daß Gemeinheit (aus beweislogischen Gründen) kein strafrechtlicher Tatbestand ist?
    Die Unterscheidung von Joch und Last schließt die von Rechts und Links mit ein (die Unterscheidung von Rechts und Links ist ein Reflex der Unterscheidung der Vorn-Hinten-Beziehung von der Oben-Unten-Beziehung).
    Der physische Schmerz ist die Widerlegung des Idealismus, der Beweis der objektiven Realität der Materie.
    Die Feste, die die oberen von den unteren Wassern trennt, ist das einzige Werk der Schöpfung, das auch dem Blick Gottes entzogen ist: es liegt hinter seinem Rücken. Daß die Feste die Rückseite Gottes ist, drückt sich u.a. in dem Satz aus: Der Himmel ist Sein Thron. Schließt sich hier nicht die Beziehung zur Merkaba-Vision des Ezechiel an?
    Bezieht sich nicht der Satz vom Binden und Lösen auf das Werk des zweiten Schöpfungstags; unsere Aufgabe liegt dort, wo Gottes Blick nicht hinreicht: Nur über Ihn können wir uns von unserer Blindheit und Lähmung befreien. Der Himmel ist die Rückseite Gottes (die sinnliche Manifestation des Absoluten). Hier liegt der Grund, weshalb in der Schrift das „von Angesicht zu Angesicht“ mit der Todesdrohung verbunden ist.
    Bezeichnen nicht die Kreiszahl Pi und der natürliche Exponent e den Schnittpunkt oder die Berührungspunkte, an denen Geometrie und Algebra sich aufeinander beziehen?
    Ist es nicht merkwürdig, daß die drei Totalitätsbegriffe der kantischen Philosophie, Wissen, Natur und Welt, auf Wendepunkte der Zivilisationsgeschichte zurückweisen:
    – Der Begriff des Wissens entspringt im Kontext der Ursprungsgeschichte des Sanskrit (in den Veden),
    – während die Begriffe Natur und Welt auf den griechischen Anteil an der Zivilisationsgeschichte verweisen: Die Philosophie entspringt mit der Trennung der Begriffe Natur und Welt, die in dieser Trennung überhaupt erst sich bilden.
    Während die griechische Philosophie den Ursprung der Urteilsform in den Begriffen Natur und Welt hat einfangen und disziplinieren können, hat der Begriff des Wissens in der indischen Tradition zur überbordenden Entfaltung der Phantasie geführt, die dann nur durchs buddhistische Nirwana domestiziert werden konnte. Mit dem Naturbegriff hat der Selbsterhaltungstrieb (und die Institution des Privateigentums) in der Objektivität sich verankert.
    Mit der creatio mundi ex nihilo ist der objektive Selbstwiderspruch in die Theologie mit hereingenommen worden; mit der Opfertheologie wurde dieser Widerspruch zum Schweigen gebracht und sanktioniert.
    Ist nicht die moderne Linguistik eine sehr englische Disziplin, deren Übersetzung ins Deutsche bis heute nicht gelungen ist? Und ist die französische Postmoderne das sprachlogische Pendant der angelsächsichen Linguistik?
    Wenn die Geschichte der Aufklärung als ein ungeheurer Verdrängungsprozeß sich begreifen läßt, wird man davon ausgehen müssen, daß, wenn die „kritische Masse“ des Selbstwiderspruchs erreicht ist, der Verdrängungsapparat dem Druck nicht mehr standhält: Wird dann die Aufklärung sich vollenden? – Vgl. Hegels Phänomenologie des Geistes, die ihren Gegenstand erreicht, wenn die Idee des Absoluten nicht mehr zu halten ist.
    Daß unsere Justiz auf dem rechten Auge blind ist, hat seinen Grund nicht in der Gesinnung einiger Juristen, sondern in einem Konstruktionsfehler des Rechts. Das läßt sich demonstrieren am Mißlingen der juristischen Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit, der Justiz des Dritten Reiches. Wenn Carl Schmitt das Rechtsproblem der Souveränität dezisionistisch löst: durch die Begründung des Instituts der Diktatur, so übersieht er den einfachen Sachverhalt, daß die Idee der Souveränität nur das Gnadenrecht, nicht aber ein Exekutionsrecht zu begründen vermag. Aber das Gnadenrecht ist nur das Recht des Souveräns, die Selbstanwendung in der Praxis der Justiz, nach dem Motto „Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus“, von der Diktaturen seit je gerne Gebrauch machen, verändert das Recht im Kern; sie müßte sich eigentlich von selbst verbieten.
    Während das Gnadenrecht theologisch aus dem Satz „Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist“ sich herleiten läßt, fällt das Exekutionsrecht eindeutig unter das Verdikt der Hybris, ebenso übrigens wie die Verachtung des Volkes in Wahlkämpfen: in der gnadenlosen Instrumentalisierung des Satzes, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist.
    Der Satz, daß Gemeinheit kein strafrechtlicher Tatbestand ist, läßt sich vor allem anhand der Praxis des Strafvollzugs in diesem Land verifizieren.
    Die Wahrheit unterscheidet sich vom Richtigen durch das Barmherzigkeitsgebot.

  • 15.9.1994

    Carl Schmitt, der Weltbegriff, die Bekenntnislogik und der Begriff der politischen Theologie.
    Die politische Theologie ist das Objekt der vorletzten Bitte des Herrengebets: et ne nos inducas in tentationem.
    Der Caesarismus ist die logische Konsequenz der Philosophie (des Weltbegriffs). Er gründet im Problem der Souveränität: er ist ein Versuch, das Problem des politischen Handelns unter den Bedingungen der Ontologie zu lösen; dieser Versuch mündet zwangsläufig im Dezisionismus.
    Ist nicht das, was wir heute den Rechtsstaat nennen, die Verlagerung des Problems der Souveränität in die Verwaltung, in die Person des Richters (vgl. die Entwicklung zur Politisierung des Bundesverfassungsgerichts) und in die Institutionen staatlicher Gewalt (Milität und Polizei)? Insgesamt scheint es nur noch um die Destruktion der Verantwortung zu gehen. So läßt sich der heutige Stand des Problems der Souveränität am Anwachsen der Verwaltung, an der wachsenden Stummheit der Politik und an der generellen Tendenzen zu Militärdiktatur und Polizeistaat ablesen. Vgl. hierzu Carl Schmitt, Politische Theologie, S. 37: „Daß es die zuständige Stelle war, die eine Entscheidung fällt, macht die Entscheidung relativ, unter Umständen auch absolut, unabhängig von der Richtigkeit ihres Inhalts und schneidet die weitere Diskussion darüber, ob noch Zweifel bestehen können, ab.“
    Carl Schmitt zieht die politischen Konsequenzen daraus, daß die Kirche spätestens seit der Privatisierung der Sexualmoral die Erbsünde unter das Schuldverschubsystem subsumiert hat.
    Joh 1915: „Wir haben keinen König außer dem Kaiser.“ Dieser Satz der Hohepriester vor Pilatus ist ein Schlüsselsatz zum Verständnis des Johannes-Evangeliums; außer dem „Antijudaismus“ des Johannes-Evangeliums begründet er, weshalb die Sadduzäer nicht an die Auferstehung glaubten. Im unmittelbaren Anschluß an diesen Satz heißt es: „Darauf lieferte er (Pilatus) ihn an sie aus, damit er gekreuzigt würde.“

  • 10.9.1994

    Jüngstes Gericht: Wenn Recht „im Namen des Volkes“ gesprochen wird: Werden wir dann nicht in Solidarhaftung genommen und zu Komplizen aller Urteile gemacht, die heute gesprochen werden? Und gehört es nicht zu den Grundüberzeugungen der chrisstlichen Lehre, daß wir dafür einmal zur Rechenschaft gezogen werden?
    „Vielmehr, wenn dein Feind hungert, so speise ihn, wenn er dürstet, so tränke ihn; denn wenn du dies tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.“ (Röm 1220) Löst diese Logik (der Instrumentalisierung der Barmherzigkeit zur Waffe) sich nicht auf, wenn ich begreife, daß, was ich meinem Feinde tue, ich mir selber antue? So bezieht sich auch die Sündenvergebung in erster Linie auf den, der vergibt; ob dem, dem die Vergebung gilt, die Sünden wirklich vergeben sind, liegt nicht in der Macht des Vergebenden.
    Zu Duchrows „ein Zeichen geben“: Wer ist der Adressat dieses Demonstrativums? Der Grund dieser Frage liegt tiefer: Im Deutschen unterscheidet sich der bestimmte Artikel vom unbestimmten durch das demonstrive Element (ähnlich wie im Griechischen, nur daß hier der Nominativ mask. und fem. ausgenommen sind). Auch hier ist zu fragen: Wer ist der Adressat dieses Demonstrativums? Ist es nicht die Welt. Auch wenn ich ein Zeichen gebe: Gebe ich es dann nicht der Welt. Ist hier nicht der Ursprung der Bekenntnislogik (die das Bekenntnis anstatt auf Gott, auf die Welt bezieht)? Mit dem deutschen Substantiv (oder dem Objektbegriff, der ihm entspricht) dringt die Logik des Weltbegriffs in den Kern der Sprache und macht sie verstummen. Mit dem grammatischen Begriff des Substantivs (der in der deiktischen Struktur des bestimmten Artikels im Deutschen gründet) wird die Sprache ins Herz getroffen: sie hat’s nicht überlebt. Liegt nicht der Unterschied zwischen dem hebräischen ha, das in dem griechischen ho/ha (Nom. mask./fem.) nachklingt, und den deiktischen Bildungen des Neutrum und der Kasus im Griechischen, und dann den bestimmten Artikeln im Deutschen generell, genau in diesem demonstrativen (objektivierenden) Element, während die hebräische Gestalt des Artikels (die an der Deklination des Nomens nicht teilhat) die benennende und vergegenwärtigende Kraft des Namens unangetastet läßt. Das ha lebt vom Hauch der Sprache, es unterscheidet sich vom deiktisch bestimmten Artikel im Griechischen und insbesondere im Deutschen wie der reflektive Name der Hebräer vom projektiven (diskriminierenden) Begriff der Barbaren, die beide nur durch Inversion (durch Umkehr) auf einander sich beziehen.
    Läßt sich nicht am Griechischen nachweisen, daß das deiktische Element über die Kasusbildungen (über den Akkusativ) und dann übers Neutrum in den bestimmten Artikel hereingekommen ist? Erst im Deutschen (das aus dem Akkusativ sich entwickelt hat) durchdringt und überwuchert dieses deiktische Element – und mit ihm die logische Gewalt des Neutrum – die ganze Sprache (vgl. Heideggers Begriff des „Daseins“, den er als „Sein des Da“ definiert, das dann bei ihm an die leere Stelle des vergangenen philosophischen Subjekts tritt): Der Akkusativ wird zur Grundfigur des Nomens in der Sprache. Ist es in diesem grammatisch-logischen Kontext begründet, wenn im Deutschen die bestimmten Artikel des Femininum mit denen des Plural identisch sind?
    Im Griechischen und im Lateinischen gibt es nach dem sprachlichen Geschlecht getrennte Pluralformen; nur im Deutschen fällt die Deklination des bestimmten Artikels femininum singular mit dem allgemeinen Artikel des Plural zusammen.
    Zur Genesis der deiktischen Struktur des bestimmten Artikels im Neutrum. Die Sprachlogik, der der Ursprung des Neutrum sich verdankt, entfaltet sich zusammen mit der Trennung von Bewußtem und Unbewußtem. Konstitutiv für die Genesis des Unbewußten ist die Schuldgrenze, die das Unbewußte gegen das Bewußtsein abschirmt (und das Bewußtsein zu einer Funktion der Selbsterhaltung macht). Ist nicht das Demonstrativum und in seiner Folge das Neutrum das Vehikel des Schuldverschubsystems (des projektiven Erkenntnisbegriffs), in dem diese Schuldgrenze gründet? Und gründet nicht das Demonstrativum im Akkusativ?
    Ebenso wie die hebräische Sprache im Kern eine „hebräische“ (die Sprache der Fremden im Lande) ist, ist die deutsche eine deutsche, eine „völkische“ Sprache; eine Sprache, die die zivilisationsbegründende Distanz zu den Barbaren reflexiv gegen sich selber kehrt: Ausdruck und Organ des Hasses der Welt.
    Wenn der bestimmte Artikel im Lateinischen wieder verschwindet, so hängt das mit der (auf Alexander zurückweisenden) caesarischen Logik der lateinischen Sprache zusammen: Nicht mehr das Denken, der Philosoph, sondern die Gewalt, der Staat, ist zum Subjekt der Sprache geworden (die lateinische Philosophie verliert mit der Objektbezogenheit ihr Subjekt, sie wird Rhetorik). Das transzendentale Subjekt der Philosophie verlagert sich in den Herrn der Welt: in den Herrscher des Römischen Reiches. Das Demonstrativum wird dem Subjekt (und damit der Sprache) enteignet, vom Staat übernommen (es wird zur Urteilsgeste in der Arena). Erst in diesem Kontext werden die Subjekte zu Personen (zu Objekten des Rechts). Ist nicht das Lateinische die Vollendung der Sprache der Objektivität, deren realsymbolischer Kern der Staat ist. Erst die modernen Sprachen rebellieren gegen diese Objektivität, gegen die sie das Recht der Subjektivität behaupten, zu dessen Ausdruck sie geworden sind.
    Die griechische Sprache ist eine Ding-Sprache, die lateinische eine Sprache der Sache; erst im Deutschen wurden beide vereinigt durch die Trennung von Ding und Sache. Ist eine ähnliche Ableitung des Griechischen aus zwei vorausgehenden Sprachen, die als Natur- und Welt-Sprache zu bestimmen wären, möglich?
    Hat die Kirche nicht ihre ratio essendi verloren, als sie auf das Latein verzichtete?
    Die Wahrheit ist kein Gegenstand der Philosophie, sonder der Motor ihrer Kritik (und hat die Kritik der Philosophie etwas mit der Entfesselung der vier Winde vom Euphrat zu tun?).
    Wenn die Schlange das Symbol des Neutrum ist, ist dann das Auf-dem-Bauche-Kriechen die Entsprechung des Demonstrativum (der intentio recta, der Fixierung aufs Objekt)? Der Objektbegriff (in der Grammatik das Substantiv) ist das sich auf sich selbst sich beziehende deiktische Element (steckt in dem dreifachen „sich“ ein Hinweis auf die Dreidimensionalität des Raumes?).
    Ist nicht das deiktische Element des bestimmten Artikels im Deutschen ein anderer Ausdruck für das „von allen Seiten hinter dem Rücken“?
    Ist der lateinische Vokativ der Nachfolger des personalen Nominativ im Griechischen, sein spätes Echo dann das expressionistische „Oh Mensch“? Gibt es eine Genealogie, die vom hebräischen ha über das griechische ha/ho zum lateinischen und dann deutschen oh führt? Kann es sein, daß diese Genealogie ein Licht auf die Urgeschichte des bestimmten Artikels wirft: Ist das hebräische ha ein Echo des Lachens, das als identitätsstiftendes Element ins Wort mit eingeht; und klingt nicht dieses Lachen im Griechischen im femininen Artikel noch nach, während es im maskulinen Artikel ins staunende ho/oh übergeht? Aristoteles hat das Staunen als Ursprungs-Affekt der Philosophie erkannt; aber dieses Staunen entringt sich mit der gleichen Kraft dem Schrecken der Erfahrung, im Namen Objekt des Lachens zu sein (und instrumentalisiert diese Erfahrung, z.B. im projektiven Namen der Barbaren), wie die Philosophie durch die Verinnerlichung der Gewalt des mythischen Schicksals (durch Instrumentalisierung dieser Gewalt zum Begriff) dem Mythos sich entringt. Erst die römische Person ist fähig, mit stoischer Apatheia (die bei den Vornehmen im magischen Schutz des Geschlechternamens sich verkörpert, im späteren Bürgertum im Familiennamen) ihren Namen zu tragen.
    Im Staunen wird der Schrecken gebannt, Objekt des Schicksals zu sein; aus dem Staunen haben die Mathematik, die Begriffe und die subjektiven Formen der Anschauung sich entwickelt, die diesen Schrecken auf die Dinge ableiten (vgl. das Lachens Abrahams und Saras und den Schrecken Isaaks).
    In Ps 3521ff, 4016, 704, Ez 253, 262, 362 wird das Lachen durch Verdoppelung des ha ausgedrückt. Hier lachen die, „die mir grundlos feind sind, …, die mich ohne Ursache hassen“ (Ps 3521), „die sich meines Unglücks freuen“ (Ps 4016 u. 704), die Ammoniter (Ez 253), Moab (262) und „der Feind“ (362).
    Im Griechischen ist es der Mann, der lacht. Objekte des Lachens sind die Frauen und die Fremden. Das jüdische Votum für die Fremden kehrt den Bann gegen das Lachen.
    Löst sich das Rätsel der Apokalypse nicht erst dann, wenn wir die apokalyptischen Symbole: den Drachen, die Hure Babylon und die Tiere, nicht mehr nach dem Modell des projektiven Erkenntnisbegriffs der Philosophie nach draußen projizieren, sondern uns selbst in ihnen wiedererkennen (war nicht Luther, als er in Rom die Hure Babylon erkannte, nahe daran)?
    Hat nicht der Begriff der Zeugung die Trinitätslehre zum Becher der Unzucht gemacht? Wie hängen erzeugen, bezeugen und überzeugen zusammen? Welche genaue Bedeutung hat das mit Zeugen übersetzte Wort in dem Psalm-Vers 27: „filius meus es tu, hodie genui te“? Ist dieses „genui te“ so geschlechtseindeutig, wie es dann in der Trinitätslehre erscheint? Wie verhält sich dieses (männliche) Zeugen zur Barmherzigkeit, die in der Gebärmutter sich verkörpert (Seid barmherzig, wie euer Vater im Himel barmherzig ist, Lk 638, aber vgl. Mt 548)?
    Gründet nicht das Präfix be- (und mit ihm das englische „to be“) im deiktischen Element der Sprache? (Deshalb fällt der bestimmte Artikel im Englischen nicht unters Gesetz der Deklination.)
    Wie unterscheidet sich die Erlösung von der Befreiung?
    Ist nicht der Raum die deiktische Totalität, und zwar als objektlos gewordene Totalität (der Raum ist an sich leer)?
    Salomo hat dem Namen Gottes ein Haus gebaut; Jesus wollte, als er zum Vater ging, uns im Himmel eine Wohnung bereiten. Ist diese Wohnung im Himmel nicht ein anderer Ausdruck für das Buch des Lebens, in dem alle unsere Taten verzeichnet sind, und das am Ende aufgeschlagen wird: Und wird nicht dieses Buch aufgeschlagen, wenn am Ende der Himmel sich aufrollt wie ein Buch (wird nicht der Baum des Lebens vom Anfang am Ende zum Buch des Lebens, das sich öffnet, wenn die Logik der Schrift gesprengt wird)?
    Das gesamte Problem der Theologie liegt in der Beziehung der Person zum Angesicht. Der paulinische Hinweis, daß wir jetzt „wie im Spiegel“ erkennen, findet seine Verkörperung in der Trinitätslehre, die nur als Konstrukt der Spekulation sich begreifen läßt. Und ist nicht das homousia der Versuch, der Spekulation den Schein der unmittelbaren Realität zu geben? An diesem Punkt ist die Idee der Umkehr (und mit ihr die Gottesfurcht) aus der Gotteserkenntnis herausgenommen worden. Und ist es nicht die homousia, die die „Zeugung“ zur Blasphemie gemacht hat (indem sie das praktische Moment, die Beziehung auf die Armen und die Fremden, aus der Gotteserkenntnis herausgenommen, die Bindung der Theologie an die Ontologie begründet, sie zu einer Sache der Kontemplation, des reinen Zuschauens gemacht hat)?
    Liegt der Gründungsakt des Fernsehens in der Trinitätslehre?
    Die Reflexion des Weltbegriffs gründet in der Fähigkeit zur Schuldreflexion; nur durch diese Fähigkeit unterscheidet sich der Mensch vom Tier (das in seine Welt gebannt bleibt). Die Verdrängung der Schuldreflexion (zu der das opfertheologische Konstrukt von der Entsühnung der Welt Geburtshilfe geleistet hat) bezeichnet den Ursprungspunkt des apokalyptischen Tieres (dessen Ursprung und Geschichte von Ursprung und Geschichte des Weltbegriffs nicht zu trennen ist). Hierauf bezieht sich die apokalyptische Ergänzung des Taumelbechers und Kelchs des göttlichen Zornes zum Becher der Unzucht.
    Läßt nicht die dreifache Gestalt des Tieres (als Drache, als Tier aus dem Meere und als Tier vom Lande) aus dieser Konstellation sich herleiten? Erst wenn man das Tier vom Lande begreift, wird man auch die Zahl des Tieres (die die Zahl des Tieres aus dem Meere ist) begreifen.
    Vom Fortschritt wird man heute nur noch reden dürfen, wenn man das Wachsen des katastrophischen Potentials mit einbezieht.

  • 25.5.1994

    Unsichtbar gewordener (gemachter) Terror (Objektivität und Gemeinheit): Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand, und das aus beweisrechtlichen Gründen. Grund ist das Problem der Nachweisbarkeit, das Beweisproblem; Gefahr besteht u.a. (außer aus Gründen, die in der Beweislogik selber liegen) aufgrund der Manipulierbarkeit des Beweisrechts durch – Einschränkung der Verteidigerrechte, – Einflußnahme auf die Zeugen (Kronzeugenregelung), – Einschränkung der Zugriffsmöglichkeit der Gerichte auf Beweismittel (Recht der Verwaltung, Dokumente als geheime Verschlußsache einzustufen, sie so als Beweismittel unverwendbar zu machen), – Einbindung der Ermittlungsorgane in die hierarchisch organisierte staatliche Verwaltung (Weisungsbefugnis der vorgesetzten Behörden), – Einflußnahme schon im Vorfeld: durch Übertragung polizeilicher Befugnisse (Ermittlungsaufgaben) auf Geheimdienste, Verfassungschutzorgane (Modell Gestapo, Stasi). Lassen sich hieraus Kriterien entwickeln zur Ermittlung der potentiellen „Brutstätten der Gemeinheit“ in staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen (Knäste, „geschlossene Anstalten“, hierarchisch organisierte Körperschaften wie Kirchen, Schulen, Verwaltung, Polizei und Militär, die obersten Ermittlungsbehörden)? Der Menschensohn auf den Wolken des Himmels: Sind diese Wolken Gewitterwolken (wie im Buch Hiob), und die Blitze Vorankündigungen des göttlichen Lichts, das das der Sonne ablösen wird? Das Inertialsystem, als dessen philosophische Reflexion die kantische Philosophie sich erweist, ist selber der Kern des Abstraktionsgesetzes der Philosophie insgesamt. Erst vor diesem Hintergrund wird die ungeheure Bedeutung der einsteinschen Entdeckung: des Prinzips der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit erkennbar. Das aristotelische tode ti kommt im Inertialsystem zum Begriff seiner selbst. Hegels Analyse des Hier und Jetzt in der Phänomenologie des Geistes kann man lesen als das philosophische Gegenstück zum Relativitätsprinzip. Aber genau hierauf bezieht sich auch das apokalyptische Symbol der sieben unreinen Geister und die Geschichte mit Maria Magdalena, aber dann auch das Wort von dem Lamm, das die Sünde der Welt auf sich nimmt und würdig ist, die sieben Siegel zu lösen. An dieses Lösen erinnert das Wort vom Binden und Lösen (und sein kosmischer Reflex im prophetischen Wort vom Orion und den Plejaden), wie überhaupt die Apokalypse erst durchsichtig und verständlich wird vor diesem Hintergrund: als Lösung des Problems der Geschichte der Säkularisation und des Profanen.

  • 24.5.1994

    Gemeinheit ist kein strafrechtlicher Tatbestand: Lassen aus diesem Satz die Rechtsinstitute sich bestimmen, die vor allem in der Gefahr stehen, zu Brutstätten der Gemeinheit zu werden (Kriterium: Problem der Nachweisbarkeit und gesellschaftliche Vorurteilsstrukturen; Institutionen im Schatten der gesellschaftlichen Exkulpations-, Rache- und Verdrängungsbedürfnisse; GBA, die Staatsschutzsenate und Knäste)?
    Roman Herzog und das Stichwort „Entkrampfung“: Sie wäre wünschenswert, wenn sie auf die Verstrickung ins Schuldverschubsystem sich beziehen würde, auf die Fähigkeit, der Vergangenheit ohne Rechtfertigungszwänge und dem unerledigten raf-Problem ohne paranoide Ängste (die der Wirksamkeit des gleichen Schuldverschubsystems sich verdanken, das sie zugleich verstärken) sich zu stellen. Hinzu käme, daß wir angesichts der Scheußlichkeiten der aufbrechenden Ausländerfeindschaft und der alten Vorurteile endlich aufhören, auf die Wirkung dieser Vorgänge im Ausland zu verweisen, und das eigene Gewissen entdecken würden; das würde jedoch bedeuten, daß wir nicht nur den Rechtsextremismus verurteilen, sondern (auch in der Politik) unsere Solidarität mit den Opfern: den hier lebenden Ausländern und den anderen bedrohten Gruppen (eigentlich allen Minderheiten: Juden, Obdachlose und Behinderte, aber auch jene, die das gemeinsame Vorurteilsobjekt der staatlichen Gewalt und der Rechten zu werden dohen: die Linke), öffentlich und wirksam manifestieren.
    Es gibt eine Last, von der man sich nur befreit, wenn man sie auf sich nimmt, während jeder Versuch, sie abzuwerfen, sie vermehrt. In der Unkenntnis dieser Logik liegt der Grundfehler jeglicher Apologetik.
    Zu Hyam Maccoby: Hermann Cohen hat die Attribute Gottes als Attribute des Handelns, nicht des Seins, definiert. Wer die paulinischen Selbstzuordnungen (Hebräer, Israelit, Benjaminit) als Seinskategorien auffaßt, muß sie als „Fälschungen“, als „Selbsttäuschungen“ begreifen; aber könnte es nicht sein, daß sie (nach dem Bild der in den Weinstock eingepfopften wilden Weinreben) als Glaubens-, Ziel- (und Handelns-) Kategorien aufzufassen wären, was dann das paulinische Gesetzes-, Glaubens- und Rechtfertigungsverständnis in ein neues Licht rücken würde? Ist die Frage, ob Paulus ein Benjaminit war, eine Frage der Stammeszugehörigkeit (eine „Rassenfrage“), oder bezieht sie sich auf eine paulinische Wahl: auf eine Tradition, der er aus theologischen Gründen glaubt, sich zuordnen zu können (und zu müssen)? Hat Paulus die Theologie insgesamt zur Verkörperung eines wahrhaft ungeheuerlichen Wunschdenkens (das zu seiner Absicherung dann der Vergöttlichung Jesu bedurfte) gemacht? Sind wir hier nicht im Kern des Problems der Fälschungen in der Geschichte (die nicht zufällig ihre Brennpunkte in der Geschichte der Mystik und der Apokalypsen haben), ihres nicht immer aus betrügerischer Absicht zu erklärenden, immer aber legitimationsbegründenden Gebrauchs (in der Schrift reflektiert im Symbol des Kelchs).
    Der Glaube schließt die Treue ein und ist das Bindeglied zwischen Hören und Tun („Bewährung“ der Wahrheit): Er „versetzt Berge“. Das Christentum ist auch der Versuch einer Verkörperung des unerhörten Anspruchs, über den eigenen Schatten springen zu können, die Grenzen der Gattung und des Todes (durch Übernahme der Sünde der Welt) zu durchdringen und zu überschreiten.
    Is 2222: Die in Mt 1618 und 1818 zitierte Stelle wurzelt in 2 Kön 18.
    Was bedeutet es, wenn Paulus in Athen erstmals von „Gott, der die Welt geschaffen hat“ spricht, und ihn zugleich den „Herrn“ und nicht den Schöpfer „des Himmels und der Erde“ (Apg 1724) nennt?
    Hängt Kirche mit kyrios, kyriakä (dem Herrn gehörig) zusammen; wäre dann nicht ekklesia mit Gemeinde zu übersetzen?
    Die Pyromanie des Christentums: Wer den Anblick der Qualen der Verdammten in den Feuern der Hölle als Ingredientien der Seligkeit im Himmel begreift, hat der Pyromanie (die dann an den Juden, Ketzern und Hexen sich austobte) die Tür geöffnet, gehört zu denen, die diese Feuer entfacht und in Gang gehalten haben. Aber dies waren nicht die Feuer, von denen Jesus wünschte, sie brennten schon.
    Zur Theorie des Feuers: Die Logik der Fälschung ist positivistisch nicht aufzulösen.
    Sind nicht Staatsschutzverfahren in der Regel kurze Prozesse, die nur endlos hinausgezogen werden?

  • 23.5.1994

    Die rabbinische Interpretation von Dt 2123 (vgl. Hyam Maccoby, Mythmaker, S. 67f) ist ein eindeutiges Verdikt über das katholische Kruzifix. „Ein Fluch ist der Gehängte“: Das kann nicht für den Gehängten gelten (die paulinische Interpretation ist magisch), wohl aber für die, die ihn gehängt haben oder ihn (über Nacht oder über den Sabbath hinweg) hängen lassen. Die Christen haben diesen Fluch auf sich gezogen, indem sie ihn zum antisemitischen Symbol gemacht und in ihre Kirchen und in ihre Wohnzimmern hereingenommen haben. Kann es sein, daß das apokalyptische Bild vom „Tier von der Erde“ (Offb 3117) auf Paulus sich bezieht (es hat zwei Hörner „wie ein Lamm“ und „redet wie ein Drache“, die Zahl dieses Tieres ist die „Zahl eines Menschen“; hat diese „Menschenzahl“ etwas mit dem messianischen Namen des „Menschensohns“ zu tun: durch Umkehr – wie verhält sich die „Zahl“ zum „Sohn“)? Repräsentiert Paulus (und seine Theologie) den Kelch, von dem Jesus wünschte, er möge an ihm vorübergehen? Klärt nicht die These, daß Paulus ein Heide war (in jedem Fall kein Pharisäer, kein rabbinischer Schriftgelehrter), eine Reihe von Problemen in seiner Theologie, vom Gesetzesverständnis über den Glaubensbegriff bis zur Rechtfertigungslehre? Insbesondere die paulinische Interpretation des Gesetzes ist fast ein Beweis für die Maccobyschen Thesen, die dann auch das Problem seines Namens (Saulus/Paulus) in ein neues Licht gerückt haben – sh. hierzu S. 95f. Durch Paulus ist das Christentum zur Weltreligion geworden, hat es die Fähigkeit gewonnen, die Welt zu durchdringen (ist damit jedoch selbst von der Welt durchdrungen worden). Was hat es mit dem „dritten Himmel“ auf sich (2 Kor 122, mit dem Problem der Selbstanonymisierung: hier schreibt Paulus von sich selbst in der dritten Person)? Ergeben sich die Affinitäten der Paulinischen Theologie zur Gnosis und zu den Mysterienreligionen der Spätantike nicht von selbst aus der Logik des Maccobyschen Konzepts (liegt die Lösung im Problem des „dritten Himmels“: er hatte die Herrscher der Planetenwelt, die „Archonten“, über, nicht unter sich)? Vorausgesetzt (und mit eingeschlossen) ist in der Stufe des dritten Himmels – das Licht (und der Ursprung des Angesichts), – die Erschaffung der Feste, die die oberen von den unteren Wassern trennt, und – daß auf der Erde das Trockene hervortritt und die Wasser an einer Stelle sich sammeln. Ist es nicht fast unerheblich, ob die Prämissen der Maccobyschen Konklusionen zutreffen; das Ergebnis stimmt: die paulinische Theologie ist so konstruiert, als wäre Paulus ein Heide, kein Jude und erst recht kein „Pharisäer“, gewesen. Ob er nun Jude oder Heide war, ist auch eigentlich uninteressant. Ist nicht die paulinische Theologie eine Theologie für Proselyten, geprägt von der Angst vor der Beschneidung (war Paulus beschnitten, und welche Bedeutung hat die Geschichte mit dem Nasiräer-Gelübde – Apg 2123ff)? Hängt die Archonten-Lehre mit der Angst vor der Beschneidung (und die Beschneidung mit dem „kreisenden Flammenschwert“ des Cherubs vorm Eingang des Paradieses) zusammen: mit der Verdrängung der Astrologie und der Beziehung der „Theologie hinter dem Rücken“ zur kopernikanischen Wende (mit der Verheißung, daß die Pforten der Hölle die Kirche nicht überwältigen werden, und dem bis heute unerledigten „was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst sein“)? Aber hat nicht das Lösen ein Echo in der paulinischen Theologie, in dem Satz, daß die ganze Schöpfung seufzt und in Wehen liegt, und auf die Freiheit der Kinder Gottes wartet? Eine verrückte Frage: Hat Tarsus etwas mit Tarschisch zu tun (und ist Paulus der Jona redivivus)? Gibt es nicht gewisse Parallelen zwischen dem Schiffbruch vor Malta und dem Versuch des Jona, mit dem Schiff nach Tarschisch zu fliehen, und seiner Geschichte mit diesem Schiff? Im Kern der paulinischen „invention of Christianity“ stand die Erfindung des Glaubens: die Ablösung des „Glaubens“ von seiner Beziehung zur realen Erfahrung, die ihm den Schein der rechtfertigenden Kraft verleiht, seine Einbindung in die Bekenntnislogik durch Verletzung des Bilderverbots im Kern der neuen Gestalt der Subjektivität (durch Verinnerlichung des Opfers). „Ohne Ansehen der Person“: Wie verhält sich die Person zum Angesicht? Ist nicht das Ansehen der Person das vergesellschaftete (und so blasphemisierte) Angesicht, das in rechtlichen Zusammenhängen (in denen der Personbegriff sich konstituiert) als Maske (als Charaktermaske und als Pokerface) gegen das Gesehenwerden sich verschließt? Durch seinen Ursprung in der Maske verweist der Personbegriff auf magische (patriarchalische und sexistische) Ursprünge. In der Person wird nicht das Angesicht, sondern die gesellschaftliche Rolle (die „Persönlichkeit“) und die Unerkennbarkeit der Absichten angesehen: deshalb setzt Gerechtigkeit das Absehen vom Ansehen der Person voraus.

  • 9.4.1994

    Haben die zwölf Stämme Israels (und die zwölf Apostel) etwas mit dem Tierkreis zu tun (und die sieben Schöpfungstage sowie die sieben Diakone etwas mit dem Planetensystem)? Hängt das Wort an Abraham, seine Nachkommenschaft werde zahlreich wie die Sterne sein, damit zusammen (und die hierarchische Organisation des kirchlichen Christentums mit dem Diakonat)? Sind die Zwölf und die Sieben nicht beide Totalitätssymbole, die den Totalitätsbegriffen Welt und Natur korrespondieren: die Zwölf bezeichnet den räumlich-weltlichen (Tierkreis, die Stämme Israels, die Apostel), die Sieben den zeitlich-naturhaften Aspekt (Planeten, das Schöpfungswerk, die sieben Diakone, die sieben Siegel). Gibt es eigentlich eine Beziehung der sieben kanaanäischen Völker zu den Planeten (oder zu den sieben Siegeln)? Kanaan als Grund oder das Allgemeine dieser Völker bezeichnet auch die Händler: Ist der Merkur der Grundplanet? Die Differenz zwischen Theologie und Herrschaftsmystik liegt in der Idee der Auferstehung. Die Mystik, zu deren historischen Voraussetzungen in der Tat die Philosophie gehört, fällt in die Geschichte der drei Leugnungen: Insbesondere die zweite Leugnung, in der die Magd mit den Umstehenden über Petrus redet, bezeichnet eine Stufe, in der jeder für sich die Welt ist, die dann alle bewußtlos, unreflektiert unter sich begreift. In der dritten Leugnung, in der die Umstehenden von der Magd sich emanzipiert haben und auf Petrus eindringen, wird das Objekt in das Subjekt mit hereingenommen; das Medium der Mystik kontrahiert sich zum Absoluten (zum Inertialsystem): das Modell dieser dritten Leugnung, die Subjektivierung des Objekts und die Vergesellschaftung der Erkenntnis und des Wissens (in der der Begriff der Welt sich in sich selbst konstituiert), ist die transzendentale Logik, die kantische Philosophie ihre erste Reflexionsgestalt. Nur die Kirche kennt kanonisierte Heilige (und das Institut der Heiligsprechung): sie sind die Nachfahren der Helden, und die Legenden Rückbildungen des Epos in den Mythos. Durch die Welt (durch die Absperrung von der benennenden Kraft der Sprache) wird der Mensch zum Tier: Nicht durchs Denken, sondern durch die davon noch unterschiedene Sprache unterscheidet sich der Mensch vom Tier (während er durch die subjektiven Formen der Anschauung wieder in den Bann der Animalität: der Selbsterhaltung hereingezogen wird). Im Indizienbeweis (sowie generell im juristischen wie im wissenschaftlichen Beweisverfahren) wird versucht, eine Lücke zu schließen, deren Offenhaltung das Grundinteresse der Theologie ist (hierauf bezieht sich das Wort, daß „die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen werden“). Diese Lücke wird im einsteinschen Prinzip der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit offengehalten, während die Kopenhagener Schule in ihrer Interpretation der Mikrophysik (Unbestimmtheitsrelation, Komplementarität, Korpuskel-Welle-Dualismus) sie zu wieder zu schließen versucht (und die Spur dieses Versuchs, die sich nicht verwischen läßt, der falschen Theorie als Prestige gutschreibt): Die Physik hat sich durch ihre selbstgesetzten Prämissen (durchs Inertialsystem) gegen die sinnlich-übersinnliche Welt verschlossen. Und die Fundamentalontologie ist die Selbstreflexion dieses Status. Ist nicht die Rehabilitierung der unio mystica (Grözinger gegen Scholem, sowie in der Sache auch gegen Rosenzweig, Benjamin, Bloch, Horkheimer und Adorno) der Versuch einer Abschirmung der Mystik gegen ihre gesellschaftliche Selbstreflexion, deren Ansätze in der Kabbala, aber auch bei Jakob Böhme, Baader und Molitor doch eigentlich unübersehbar sind? Ziel dieser Mystik war nicht die unio mystica, sondern die Heiligung des Namens. Sie war determiniert durch das Bewußtsein, daß die unio mystica das Keuschheitsgebot (das in der christlichen Tradition, unter dem Zwang der Logik des Weltbegriffs jedoch auch in den anderen „Weltreligionen“, anstatt im genaueren Sinne theologisch immer nur sexualmoralisch verdinglicht angewandt worden ist) verletzt.

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